Das gespendete Kind - Ulf Häusler - E-Book

Das gespendete Kind E-Book

Ulf Häusler

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Beschreibung

Noras sehnlichster Wunsch ist ein Kind und ihre Helene, Produkt einer Samenspende, soll Jahrzehnte später ihrem 'Erzeuger', der nie etwas von ihr wissen wollte, eine Niere spenden, damit er überleben kann.

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EPUB

Seitenzahl: 676

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Bibliographische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbiblothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

2022 Ulf Häusler

Das gespendete Kind

ISBN Softcover: 978-3-347-54749-0

ISBN E-Book: 978-3-347-54754-4

Cover-Gestaltung: Regina Häusler

www.art-regina-haeusler.de

Technisches Layout: Jochen Zeller

1. Auflage

© 2022 Ulf Häusler

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Für meine Frau

und unsere beiden Töchter

Sandel und Linde

Ulf Häusler

Das gespendete Kind

Roman

Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende,

Oscar Wilde

Inhalt

Teil I

1. – 8. Kapitel

Teil II

9. – 15. Kapitel

Teil III

16. – 25. Kapitel

Teil IV

26. – 39. Kapitel

Teil V

40. – 45. Kapitel

Über den Autor

Teil I

1. Kapitel

1986

„Schämst Du Dich wenigstens ein bisschen?“

Nora Weltin schaute ihre Freundin ziemlich ernst an. Eigentlich war ihr sogar zum Heulen zumute.

„Mich einfach so zurückzulassen. Und Du willst meine beste Freundin sein. Achi, nun sag Du doch auch mal was.“

„Also schämen Nora – nicht wirklich.“ erwiderte Helena Ioannou anstelle ihres Achi. „Und tu nicht so, als wenn Du’s Achi und mir nicht gönnst. In Wirklichkeit bist Du doch heilsfroh, uns loszuwerden. Außerdem wandern wir ja nicht nach Neuseeland aus, sondern gehen nur nach Zypern.“ Helena Iannou lächelte die Freundin liebevoll an.

„Und wie ich Euch zwei kenne, hängt Ihr wenigstens jeden zweiten Tag am Computer und skypt. Fehlt also nur die innige Umarmung. Und wenn ich es richtig mitbekommen habe, ist da jetzt ein gewisser Dr. med. Helmut Kutscher zuständig, der so verliebt in Dich ist, dass Helena und ich schon Angst haben, er könnte Dich auffressen.“

Achilleas Iannou lächelte Nora aufmunternd an.

„Trotzdem. Du, Achi, hier als Geschäftsführer auf einem Weingut und Du, Helena als Studienrätin an einem hiesigen Gymnasium wären mir lieber gewesen. Aber ich gönne’s Euch trotzdem, dass Ihr jetzt verschwindet. Und wenn ich mal wieder einen richtigen Kummer habe, komme ich zu Euch. Und heule mich vor Ort aus.“

„Red nicht so dummes Zeug daher. Kummer gibt’s nicht mehr, weil Du Dir jetzt diesen Schönling Helmut geangelt hast, obwohl – wenn ich alles richtig verstanden habe, war’s wohl eher umgekehrt. Also ist er jetzt nicht nur für innige Umarmungen und andere schöne Dinge zuständig, sondern auch für eventuellen Kummer. Und wenn er je der Grund für Kummer und Tränen sein sollte, kriegt er’s ziemlich heftig mit uns zu tun. Und im Übrigen – Du kannst jederzeit zu uns kommen – für Tage, Wochen, Monate. Am besten für immer. Achi – Du darfst jetzt auch was sagen.“

„Jawohl, Frau Lehrerin“ grinste Achi die beiden Frauen an, „Helena hat es völlig richtig gesagt. Und am liebsten wäre mir für immer. Fände ich ganz toll, wenn ich mit zwei schönen Frauen um die Häuser ziehen könnte.“

„Wird da grade einer frech, Helena?“ lächelte Nora die beiden an. „Hat der Kerl die schönste Frau auf Erden bekommen und will noch mehr?“

„Klar, die zweitschönste will ich auch noch.“

„Schluss jetzt mit dem Rumalbern, Ihr Kindsköpfe, wir müssen jetzt los. Wer weiß, wie lange wir bei den Sicherheitsleuten brauchen.“

„Ja Mama.“ grinste Nora die beiden Freunde an. „Nun macht schon.“

Eine letzte Umarmung, noch ein kurzes Winken und die beiden waren hinter der Sperre zu den Gates des Frankfurter Flughafens verschwunden. Nora ging zum Parkplatz, um wieder in die Klinik zu fahren.

Nora Weltin und Helena Heilmann, seit kurzem verehelichte Iannou, kannten sich ewig, genauer gesagt schon aus der Kindergartenzeit. Ursprünglich hatte noch ein drittes Mädchen dazu gehört, nämlich Saskia Löns. Die drei waren von Anfang an eng befreundet, galten als Kleeblatt. Allerdings war Jahre später die Bindung zu Saskia immer lockerer geworden, denn Saskia war Immobilienkauffrau geworden, hatte an einer Fachhochschule studiert und da einen jungen Dänen kennengelernt, dem sie recht schnell nach Kopenhagen gefolgt war. Ole Björnsensen hatte Saskia bald geheiratet, er war ein sehr erfolgreicher Makler geworden, sie hatte sich auf die Vermittlung von dänischen Ferienhäusern spezialisiert. Die Entfernung hatte die jungen Frauen etwas entfremdet und die Kontakte waren bis auf gelegentliche Telefonate mehr oder weniger eingeschlafen.

Nora und Helena dagegen waren immer zusammengeblieben. Sie teilten Freud und Leid miteinander, erzählten sich alles, vor allem auch ihre Kümmernisse, angefangen vom ersten Liebeskummer in der Schulzeit, bis hin zu Fragen über ihr künftiges Leben nach dem Abitur.

Dass sie nach der Schulzeit unterschiedliche Wege gingen, vermochte sie nicht zu trennen. Helena wollte unbedingt etwas mit Kindern machen – sie wollte Lehrerein werden und da sie ein sehr gutes Abiturzeugnis vorzuweisen hatte, studierte sie Englisch, Deutsch und Kunst mit der Zielrichtung, mal Studienrätin zu werden. Und da sie von jeher ein Faible dafür gehabt hatte, belegte sie nebenbei noch griechische Sprachkurse.

Nora hatte sich auf der Schule immer ein wenig schwerer getan als die ‚große‘ Freundin. Zwar schaffte sie ebenfalls das Abi ohne jedes Problem, aber studieren wollte sie auf gar keinen Fall. Erst hatte sie überlegt, Erzieherin zu werden, aber den ganzen Tag eine schreiende Horde kleiner Kinder um sich zu haben, schien ihr dann doch nicht so erstrebenswert. Sie entschied sich dann für den Beruf der Krankenschwester und hoffte, später einmal Kinderschwester werden zu können.

Nachdem Helena Heilmann ihr Referendariat beendet und sogar noch promoviert hatte, war Nora längst als Krankenschwester voll etabliert. Die ersten Jahre hatte sie als OP-Schwester an der Uni-Klinik in Frankfurt gearbeitet, sich dann aber doch ihren Traum erfüllt und war nun in der Kinderklinik der Uniklinik Frankfurt und hatte es inzwischen da schon zur stellvertretenden Stationsschwester gebracht.

Beide Frauen waren bildhübsch geraten.

Helena hätte ohne weiteres auch modeln können – in einem Café in der Frankfurter Innenstadt war sie sogar mal darauf angesprochen worden. Den Mann, der sie da hatte ködern wollen, hatte sie aber nur ausgelacht: “Dafür bin ich zu intelligent.“ hatte sie ihn beschieden. Aber insgeheim hatte ihr das Angebot schon imponiert. Klar wusste sie, dass man bei ihrem Anblick nicht gerade wegschauen musste, aber dass sie sogar für ‚so etwas‘ infrage gekommen wäre, hatte ihr durchaus gefallen. Und um nicht ernsthaft in Versuchung zu geraten, hatte sie den Wunsch des jungen Mannes, sich doch mal wieder zu treffen, schlicht ignoriert. Mit den Worten „Träum weiter.“ hatte sie sich verabschiedet.

Mit ihren 1,76 Länge, ihrer schlanken und wohlproportionierten Figur, den tief dunkelbraunen Haaren, die sie meist als Pferdeschwanz trug, ihrem dunklen Teint, der frechen Nase, die von hochstehenden Wangenknochen eingerahmt wurde, den dunkelbraunen Augen und dem hübsch gezeichneten Mund, der meist etwas spöttisch lächelte, war sie ein echter ‚Hingucker‘. Und dass ihr die Männer ständig nachschauten, daran hatte sie sich längst gewöhnt und nahm es kaum noch wahr.

Nora war ohne jeden Zweifel vielleicht sogar die noch ‚Schönere“ von den beiden und doch wieder ganz anders geraten als die ‚große‘ Freundin. Sie maß ‚nur‘ gut 1,70 m, dafür hatte sie die schöneren Beine, die bei Helena laut eigener Aussage etwas zu ‚staksig‘ ausgefallen waren, Noras Haare waren hellblond und ebenfalls meist als Pferdeschwanz drapiert, sie war eine Idee fülliger als Helena, dafür mit tiefblauen Augen und einer Stupsnase gesegnet und vor allem immer strahlend. „Du strahlst auch noch, wenn Du heulst.“ hatte Helena mal gemeint, feststellen zu müssen.

Sie hatte zwar kein Angebot zum Modeln erhalten, aber die Anzahl ihrer Verehrer war ziemlich gleich.

Beide meinten immer, dass deren Anmache süß und anregend sei, aber die ‚Bengels‘, so nannte sie Nora, immer nur das eine wollten. Auf das die zwei meinten gut und gerne verzichten zu können, bis mal der ‚Richtige‘ käme.

Klar, hatten sie schon mal was mit einem Jungen gehabt. Aber die jeweils innigen Begegnungen hatten sie vor allem als ‚feucht und etwas klebrig‘ klassifiziert – so O-Ton Helena – und auch Nora hatte gemeint, dass mit den Kerlen hinterher nichts rechtes anzufangen sei, weil ihre Verehrer postwendend nach der ihnen abverlangten Anstrengung eingeschlafen waren.

Helena war vor einem dreiviertel Jahr mit ihren Eltern zu einem Weingut gefahren. Nichts Besonderes eigentlich und doch war es dieses Mal ganz anders gewesen. Da lief nämlich ein junger Mann herum, der sie eine ganze Weile mit offenem Mund angestarrt hatte. Anstarren kannte sie ja, aber nicht mit offenem Mund. Und da sie ja auch ganz schön frech sein konnte, war sie auf den jungen Mann zugegangen.

„Mensch mach den Mund zu, es zieht. Oder fängst Du Fliegen?“

Der arme Kerl hatte prompt pariert und war puterrot geworden. Er sah blendend aus, geschätzte 1,85 m, lang, ob die Haare oder die Augen schwärzer waren, vermochte sie nicht zu sagen. Bei der zweiten Begegnung stellten sich die Augen als dunkelbraun heraus - topgepflegter 3-Tage-Bart, athletische Figur.

Er ließ es sich nicht nehmen, die vom Vater gekauften Weinvorräte zum Auto zu schleppen. Das musste sie sonst meist tun. Inzwischen hatte er sich längst gefangen und Helena fast durchgehend angestrahlt. Und wieder so süß rot werdend, hatte er sie dann mit so einem komischen Akzent in seinem sonst fehlerfreien Deutsch gefragt:

„Können wir uns mal wiedersehen?“

Wie immer in solchen Fällen hatte sie eigentlich sagen wollen: ‚Träum weiter.‘ und hörte sich dann zu ihrer eigenen Überraschung stattdessen sagen:

„Ja gerne.“

Nun wurde sie puterrot, weil sie sich schämte. Und sich überhaupt nicht erklären konnte, wieso sie ohne weiteres die von ihm überreichte Visitenkarte entgegennahm.

„Rufst Du mich an? Bitte.“ hatte er dazu gesagt.

Sie hatte ihn daraufhin angestrahlt, war einen Schritt auf ihn zugegangen, hatte den Kugelschreiber, den sie erspäht hatte, aus seiner Hemdtasche gezogen und ihre Handy-Nummer auf die Rückseite seiner Visitenkarte notiert.

„Umgekehrt wird ein Schuh draus. Du rufst mich an.“

Er war nun auch wieder ganz rot geworden und dann hatte der Kerl noch die Frechheit besessen, sie einfach in den Arm zu nehmen und sie an sich zu drücken.

Zum Glück hatten ihre Eltern davon nichts mitbekommen, weil sie schon im Wagen saßen.

‚Mensch, riecht der gut.‘ hatte sie gedacht und musste sich, als er sie losließ, direkt einen Moment an ihm festhalten, was ihn zu einem Küsschen rechts und links auf ihre glühenden Wangen bewogen hatte.

„Helena, wo bleibst Du denn?“ hatte die Mutter schon ungeduldig nach ihrer Tochter gerufen und bevor sie in den Wagen geklettert war, war sie noch mal einen Schritt zurück gegangen, hatte ihre Hand um seinen Hals gelegt, ihn zu sich heruntergezogen und die beiden Wangenküsse erwidert.

Nach ihrem ‚Ausrutscher‘, wie sie es nannte, war sie mit einem immer noch hochroten Köpfchen hinten in den väterlichen Wagen gekrabbelt und war froh gewesen, endlich sitzen zu können, weil sich ihre Beine wie Pudding angefühlt hatten.

„Der ist nichts für Dich.“ hatte die Mutter lächelnd und sich zur Tochter umdrehend angemerkt.

„Ich will ja auch gar nichts von ihm.“ hatte sie erwidert. Die mütterliche Replik lautete „Dann ist’s ja gut.“

Und nach einer kurzen Pause hinzugefügt:

„Du fragst ja gar nicht ‚warum‘.“

„Warum?“

„Weil er ein Praktikant aus Zypern ist. Wenn ich unsern Winzer, also Herrn Stein richtig verstanden habe, stammt er von einem Weingut auf Zypern ab und studiert in Stuttgart-Hohenheim Landwirtschaft.“

„Und warum erzählst Du mir das?“

„Weil Du so komisch bist. Und so rot geworden bist wie damals, als Du eine ganze Tafel Schokolade stibitzt hattest. Da warst Du 5 oder 6 Jahre alt und ich hatte Dich erwischt.“

„Ja und – was soll das jetzt Mama?“

„Damals warst Du ehrlich.“

„Mama Du nervst.“

„Nun lass doch das Kind mal in Ruhe.“ hatte daraufhin Helenas Papa geknurrt.

„Ebbie, Du bist jetzt besser still. Oder willst Du, dass unsere Tochter auswandert?“

„Ellilein – übertreibst Du nicht gerade ein bisschen?“

„Dein ‚Ellilein‘ kannst Du Dir sonst wohin stecken. Helena sieht nämlich so aus, als ob sie sich über beide Ohren verliebt hätte.“

„So wie Du damals?“

„Ebbie es ist mir ernst.“

„Mir auch Elli. Ist doch schön, wenn sie mal für ein paar Wochen einen festen Freund hat und nicht immer nur mit ihrer Freundin Nora zusammen hockt. Wenn der wieder auf Zypern ist, geht das sowieso an Unterernährung zugrunde.“

„Wisst Ihr was? Wenn Ihr jetzt nicht sofort aufhört mit dem Thema, setzt Ihr mich am nächsten Bahnhof ab und ich fahre mit dem Zug nach Hause. Ihr spinnt nämlich beide gerade total.“

Helena war richtig zornig geworden. Die Eltern hatten daraufhin nichts mehr gesagt und der Rest der Heimfahrt war weitgehend schweigend verlaufen.

Helena und Achi wurden sehr schnell ein Paar. Seine Eltern ahnten davon nichts und ihre Eltern auch nicht. Zypern war schließlich recht weit weg und Helena empfand es als ausgesprochen wohltuend, in Frankfurt ein kleines Appartement zu haben und ihre Eltern wohnten zum Glück weit weg im Odenwald.

Nora fand es ganz toll, dass Helena nun auch eine feste Bindung eingegangen war und nicht nur sie ihren Helmut hatte, sondern die Freundin endlich auch einen Achi. Ein paar Wochen lang zogen sie zu viert – Noras Helmut war mit von der Partie - abends öfters in Sachsenhausen um die Häuser‘, aber Achi wollte unbedingt mehr, als nur eine feste Freundin haben. Helmut war da weniger feinfühlig.

„Ich will, dass wir heiraten.“ sagte er eines Abends zu Helena.

„War das ein Antrag?“ hatte sie zurückgefragt und als er daraufhin noch einmal aus dem Bett kletterte und aus seiner über einen Stuhl drapierten Hose einen sehr hübschen Brillantring hervorgeholt und sich pudelnackt vor ihrem Bett hingekniet hatte mit den Worten „Willst Du meine Frau werden?“, hatte sie ihn wieder zu sich gezogen und „Ja, will ich und sogar sehr gerne.“ geantwortet.

„Was sagen denn Deine Eltern dazu?“ hatte sie etwa eine halbe Stunde später gefragt.

„Nichts. Die haben nämlich schon eine für mich ausgesucht. Die will ich aber nicht, ich will Dich. Lass uns doch einfach standesamtlich heiraten. Und das mit der Kirche, das holen wir einfach nach. Und dann mit unseren Eltern. Ich hoffe, dass Deine Eltern nichts gegen mich haben.“

„Die haben garantiert was gegen Dich. Also nicht wirklich gegen Dich, sondern weil Du Zypriot bist. Mama lebt nämlich in zitternder Sorge, ich könnte mit Dir nach Zypern auswandern.“

„Und würdest Du das tun?“

„Wo Du hingehst, da will auch ich hingehen. Steht in der Bibel Buch Rut, Kapitel 1, Vers 14. Kann aber auch Vers 16 sein.“

„Wow – die Frau Doktor ist sogar bibelfest. Bist Du richtig fromm?“

„Nö. Aber so ein bis zwei Sprüche habe ich behalten.“

„Und der zweite?“

„Oh Herr er will mich fressen. Tobias 6, Vers 3.“

„Hm…?“

„Ist die Geschichte mit Jonas und dem Walfisch. Zitiere ich immer, wenn jemand gähnt und nicht die Hand vor den Mund hält.“

„So, so Du bibelfeste schöne Frau. Und was machst Du jetzt mit Deinem Ehemann i. L.?“

„Was heißt das denn nun.“

„i. L. heißt ‚in Lauerstellung‘. Habe ich in der Uni aufgeschnappt.“

„Dann müssen wir die zwei Buchstaben schleunigst entfernen. Und ich wüsste auch schon wie wir das machen.“

„Ich höre?“

„Wir sagen unseren Eltern gar nichts, sondern stellen sie vor vollendete Tatsachen. Wir heiraten einfach standesamtlich, ohne etwas zu sagen. Dann wird es zwar ein ziemliches Geschrei geben, aber wir können sie ja mit der Kirche trösten. Oder haben Deine Eltern damit ein Problem, wenn Du Dich hier evangelisch trauen lässt?“

„Du, ich bin schon erwachsen. Klar werden sie knurren. Na und? Wir könnten uns übrigens auch auf Zypern nach Euerm Ritus kirchlich trauen lassen. In Nicosia oder Limassol oder Paphos. Sogar in Agia Napa gibt’s eine evangelische Kirche. Und evangelisch – na ja, griechisch-orthodox wäre meinen alten Herrschaften sicher lieber. Aber die sind nicht so fromm. Außer zu Ostern gehen sie nie in die Kirche.“

„Und nun“

„Marschieren wir morgen zum Standesamt. Aber Nora und Helmut geben wir Bescheid. Die brauchen wir als Trauzeugen.“

Helmut Kutscher hatte das Vorhaben von Helena und Achi so imponiert, dass er seiner Nora noch am gleichen Abend auch einen Heiratsantrag machte und so standen nacheinander genau 4 Wochen und 2 Tage später zwei Paare vor dem Standesbeamten im Frankfurter Römer und gaben sich das ‚Ja‘-Wort.

Helenas Eltern hatten nicht wirklich etwas gegen ihre ‚überstürzte‘ Heirat, wie die Mutter es nannte und sie hoffte sehr, dass Achi als promovierter Landwirt in einer Winzergenossenschaft als Kellermeister oder besser noch als Geschäftsführer anheuern würde. Zumal Helena eine Assessoren-Stelle an der Carl Schurz-Schule, einem Gymnasium in Frankfurt Sachsenhausen ergattert hatte.

Seine Eltern ahnten noch gar nichts – da sich alles in den Sommerferien abgespielt hatte, flogen beide kurzerhand nach Zypern.

Während des Fluges hatte sich Helena eng an ihren Achi gekuschelt, was ihm sehr gut gefiel. Aber als sie kurz vor der Landung tief seufzte, fiel ihm doch auf, dass das Kuscheln wohl nicht nur aus liebevoller Zuneigung herrührte, sondern da noch etwas anderes war. Und er ahnte wohl etwas, denn er hatte sie ein paar Zentimeter von sich weggeschoben und sehr, sehr frech gegrinst, wie sie es empfand.

„Wenn Du Schiss hast, siehst du besonders süß aus.“ hatte er festgestellt.

„Blödmann. Bin auf Dein Gesicht gespannt, wenn die mich total ablehnen.“

„Ist doch nicht schlimm. Lassen wir uns wieder scheiden.“

war seine Erwiderung gewesen. Und er hatte zum Glück noch im gleichen Moment gemerkt, dass sein Kommentar ziemlich ‚daneben‘ war.

„War nur ein Scherz.“

Ihr war jetzt zum Heulen zumute, was ihm zum Glück aber sofort auffiel.

„War eben doof von mir. Mich wirst Du nämlich nie mehr los. Das zum ersten. Und zum zweiten, werden sie Dich mögen. Meine Mom wird Dich noch heute in die Arme schließen, mein Dad wird ein wenig knurren, Mom wird ihn daraufhin streng anschauen und spätestens morgen beim Frühstück wird er Dich abküssen und Dich anstrahlen.“

„Dein Wort in Gottes Ohr.“ hatte sie nur erwidert.

Achi hatte weitgehend recht behalten. Zwar hatte die Mutter gemeint, ihr Sohn hätte ja vorher mal was sagen können, aber nun sei es ja passiert und Helena sei als Schwiegertochter herzlich willkommen. Sie wollte dann umgehend von Helena mit ‚Ma‘ angesprochen werden und anschließend wurde sie von Artemesia Iannou nach Landessitte drei Mal geküsst, wobei sie Helena zuflüsterte: „Bin ja so froh, dass Du Lehrerin bist – der Bengel muss nämlich noch erzogen werden. Viel Spaß dabei.“

Alexandros Iannou reagierte fast genau so, wie vorhergesagt. Allerdings bekam er noch am gleichen Abend die Kurve – Arte – wie er seine Frau nannte – hatte ihn nämlich nicht nur streng angeschaut, als er schimpfen wollte, sondern noch ein recht energisches „untersteh Dich“ in seine Richtung von sich gegeben, das ihm bedeutete, seine Kommentare zu ohnehin Unabänderlichen lieber für sich zu behalten. So sehr schwer fiel es ihm im Übrigen nicht, weil ihm dieses ‚junge Ding‘, das der Filius da heimlich, still und leise geehelicht hatte, ausnehmend gut gefiel.

Etwas irritierend war nur Achis Bemerkung gewesen, als die Eltern seine Helena in ein Gästezimmer mit Einzelbett hatte ‚verfrachten‘ wollen:

„Mom, wir schlafen in dem großen Gästezimmer.“

„Aber Ihr seid doch noch gar nicht richtig verheiratet, so ohne kirchlichen Segen…“

„Mom…?

„Was ist?“

„Soll ich jetzt meine Geburtsurkunde und Eure Heiratsurkunde rauskramen? Ich meine nämlich zu wissen, dass Ihr auch nicht den Segen des Popen abgewartet habt.“

Mutter Arte wurde jetzt ein wenig rot.“

„Schäm Dich, Bengel, was soll denn Helena von uns denken.“ Und ohne die Antwort des Sohnes abzuwarten fuhr sie an Helena gewandt fort:

„Bist Du etwa schon schwanger?“

„Ich glaube nicht. Wir üben noch, liebe Ma.“

Die kirchliche Trauung fand dann tatsächlich in der evangelischen Kirche in Paphos statt. Natürlich waren Helenas Eltern dazu gekommen, von ihrer Seite hatte sie nur Nora und Helmut hinzugebeten, dafür stellten Achi und seine Eltern einen Freundes- und Bekanntenkreis von über 50 Leuten zusammen – für zypriotische Verhältnisse eine Mini-Hochzeit.

Zum Glück verstanden sich die beiden Elternpaare auf Anhieb sehr gut, man war noch am Abend des ersten Kennenlernens zum ‚Du‘ übergegangen und Helenas Mutter Elli hatte es als sehr wohltuend empfunden, als Arte ihr versicherte, sie könne zusammen mit Ebbie jederzeit zu ihnen kommen – beide seien immer willkommen, gleich ob für ein paar Tage oder auch Monate, zumal ihr Haus ja wirklich groß genug sei. Und um zu betonen, dass sie es ehrlich meine, hatte sie noch hinzugefügt:

“Elli, das ist nicht nur so daher gesagt, sondern ehrlich gemeint. Ihr habt jetzt einen Sohn hinzugewonnen und wir eine Tochter.“

2. Kapitel

1981/1983

Helmut Kutscher, seines Zeichens stolzer cand. med. und kurz vor dem Examen, war sauer. Auf seine Eltern, vor allem auf seinen Vater. Hatte der es doch tatsächlich glatt abgelehnt, seinen Monatswechsel zu erhöhen. Die 1.500 DM langten ihm vorne und hinten nicht, um ein einigermaßen standesgemäßes Dasein zu führen. Bisher war er man eben so grade über die Runden gekommen, aber jetzt, wo er seine Freundin, eine ‚Karbolmaus‘, wie er und seine Kommilitonen die angehenden MTAs immer nannten, endlich abserviert hatte, stiegen seine ‚Werbungskosten‘ zwangsläufig, denn er wollte ja nicht ab sofort einsam durch die Lande ziehen, sondern unbedingt, die hübsche Krankenschwester aus der Kinderklinik erobern.

Er hatte nur 500 mehr haben wollen, war aber auf Granit gestoßen. Eigentlich für seinen Alten, den Prof. Dr. med. ein lächerlicher Betrag, denn die blätterte er immer locker hin, wenn sie zu dritt mal essen gingen. Musste ja stets ein Sterne-Koch sein – drunter tat er’s nicht. In drei von den Dingern war er fast ein Stammgast, im ‚Seven Swans‘, dem ‚Relais & Château‘ und bisweilen begnügte er sich auch mit dem ‚Haferkasten‘. In letzterem kam er meist mit 400 hin. Und natürlich musste es immer Champagner als Apéro sein, und unter einem Chablis Grand Cru und einem Bordeaux Grand Cru Classe tat er’s auch nicht. Für sich und seine Fresserei, wie Helmut es nannte, galt der Leitspruch „Man gönnt sich ja sonst nichts“, aber dem eigenen Sohn, obendrein noch Einzelkind, sollte man ja nicht verwöhnen.

Seine Mutter hatte auch nicht helfen können und wollen. Sein Alter hatte sie mit 15 geschwängert, immerhin hatte er sie geheiratet und die Ehe hatte sogar gehalten. Sie kuschte vor ihrem Mann, weil sie im Grunde froh und dankbar war, dass er sie damals nicht hatte sitzen lassen, was er wohl aber vor allem deshalb nicht getan hatte, weil ihm sein Leibbursch – er war Mitglied in einer christlichen Studentenverbindung gewesen – gehörig eingeheizt hatte. Die Mutter hatte Jahre später erst davon erfahren und war letztlich mehr als froh, dass sie nun die Ehefrau eines ausgesprochen wohlhabenden und gesellschaftlich allgemein anerkannten Professors war. Schließlich kam sie aus ganz kleinen Verhältnissen: Der Vater ungelernter Arbeiter, der es bis zum Gabelstaplerfahrer gebracht hatte, die Mutter war Putzfrau gewesen. Helga war 15, bildhübsch und hatte ein herrlich freches Mundwerk, als der Vater durch einen Arbeitsunfall ums Leben kam, die Mutter war da schon krebskrank gewesen und ein halbes Jahr später gestorben. Helga Kutscher arbeitete damals noch als Schülerin nebenbei in einem Edel-Café namens ‚Bistro 66‘ in Sachsenhausen, wo sie diesen Armin Helmut Kutscher kennengelernt hatte – beide waren unendlich verliebt gewesen. Die Konsequenz war Helmut Junior geworden, der sich bemerkenswerter Weise seiner Mutter immer etwas schämte, obwohl sie bildungsmäßig gewaltig aufgeholt hatte. Erst hatte sie den Realschulabschluss gemacht und ein halbes Jahr später hatte sie noch mit dem Abendgymnasium begonnen und tatsächlich das Abitur nachgeholt. Immerhin hatte Armin sie sehr unterstützt, denn kaum, dass Klein-Helmut aus dem Gröbsten rausgewesen war, hatte er nicht nur eine Haushälterin angeheuert, sondern auch noch ein Au-Pair-Mädchen besorgt, das sich um Helmut gekümmert hatte. Nur so war ihr der notwendige Freiraum zum Lernen geblieben.

Dass Helmut vor allem auch dank der mütterlichen Unterstützung die Schule anstandslos glatt durchlief und ein Abi hinlegte, das ihm das Medizinstudium ermöglicht hatte, wurde von ihm erfolgreich verdrängt – er schämte sich wegen der mütterlichen Herkunft.

Schließlich kam Helmut die rettende Idee, wie er das kärglich vom Vater gewährte Salär ohne Arbeit aufbessern könnte. Schließlich hat jeder Mensch etwas, dass er nicht unbedingt braucht, das er nachproduzieren kann und das Geld in die Kasse spült: Blut. Nur war es leider so, dass eine Blutspende verdammt wenig einbrachte. Das war also mehr etwas für Frauen. Aber als Mann hätte man ja noch mehr zu bieten – nämlich sein Sperma. Was man auf zweierlei Art würde versilbern können. Die lukrativste Art wäre, wenn er sich bei einer Agentur als Begleiter für einsame Damen andienen würde. Aber eigentlich wäre das nichts weiter als Prostitution.

Helmut dachte nur kurz daran und verwarf dann diese überaus reizvolle und vor allem lukrative Idee. Er hatte einfach Angst, es könne herauskommen. Und ganz sicher wäre so etwas nicht gerade karrierefördernd. Und wenn diese hübsche Krankenschwester dahinterkäme – bloß nicht daran denken. Dann brauchte er es gar nicht erst bei der zu versuchen. Und wenn er sie schon erobert hätte und sie würde dann davon hören, wäre er sie gleich wieder los. Denn irgendwie wirkte die ‚Young Lady‘ auf ihn nicht nur bildhübsch, sondern vor allem auch ziemlich intelligent. Und hatte eine entsprechende Ausstrahlung.

Helmut beschloss einen anderen Weg – er würde sein Sperma an eine sog. Samenbank verkaufen. Das schien ihm genauso wenig ehrenrührig wie Blutspenden.

Er erkundigte sich. Im besten Falle gab es pro Spende 80 DM. Im Vergleich zu mehreren hundert Mark als Callboy verdammt wenig. Aber er dachte bei sich und grinste dabei: ‚Du bist ja gut in Schuss, und gut beim Schuss schon allemal. Bisher habe ich drei Mal am Tag immer ganz manierlich hinbekommen. Müsste doch auch für Geld gehen?‘

Die Rechnung schien einfach: 3 x 80 DM und das 4 x im Monat macht nach Adam Riese im Monat fast 1.000 DM.

‚Alter, Du kannst mich mal.‘ war das Ergebnis seiner Überlegungen. Die weiteren Recherchen ergaben, dass sein Sperma von bester Qualität war, seine Herkunft auch kein Hindernis darstellte und man in Kopenhagen das meiste Geld für seine Gabe erhielt. War zwar anstrengender wegen der langen Autofahrt, aber er konnte sicher sein, dort niemanden zu kennen und die derzeit erst ‚Angebetete‘ brauchte ja davon nichts zu wissen.

Helmut gewöhnte sich an, zweimal im Monat nach Kopenhagen zu fahren. Zu seinem Bedauern, lehnte man es dort ab, drei Becher pro Tag abzuliefern, weil beim zweiten und dritten Mal die Samenfäden immer spärlicher flossen, aber er durfte je Tag einmal seinen Becher abliefern. Und damit alles etwas einfacher zu bewerkstelligen war, hatte er sich ein paar Pornoheftchen besorgt – die regten die Fantasie etwas an, wenn auch nach einem halben Jahr der anregende Effekt weitgehend verpufft war. Netto brachte ihm seine Opfergabe zusätzlich 400 Mark im Monat. Und als die Mutter dem Vater beiläufig erzählte, dass der Junge jetzt 100 DM mehr Miete im Monat zahlen müsse, vermerkte Helmut hochzufrieden, dass sein Alter ihm nun sogar 1.700 im Monat zusteckte.

Inzwischen war aus dem cand. med. ein Dr. med. geworden – Helmut arbeitete nun als Assistenzarzt und verdiente sein erstes eigenes Geld, sodass er auf die väterlichen Dotationen nicht mehr angewiesen war. Zwar blieben ihm nach Abzügen nur rund 2.500 Mark im Monat, aber er brauchte jetzt nicht mehr nach Kopenhagen zu düsen. Das Geld brauchte er jetzt nicht mehr und obendrein war es schließlich sehr viel vergnüglicher, mit Nora Weltin, der hübschen Krankenschwester, zusammen zu sein.

Noch als Student hatte er sie erstmals erblickt gehabt, jetzt in der Grundausbildung war er auch für ein paar Tage auf der Kinderstation gewesen, wo er sie etwas länger und aus der Nähe anhimmeln konnte. Und – was ihm noch nie passiert war – als sie zu ihm schaute und dann auch noch anlächelte, war er rot geworden, wie ein kleiner Schulbub. Erst hatte er sauer reagieren wollen, weil sie obendrein noch hellauf gelacht hatte. Aber als er dann sah, dass sie ebenfalls einen Hauch rot ‚aufgelegt‘ hatte, fasste er all seinen Mut zusammen.

„Was machen Sie da Schwester Nora?“

Im Nachhinein musste er zugeben, dass es wohl die dämlichste Anmache war, die einem Menschen einfallen konnte. Weshalb er auch prompt ein zweites Mal errötete.

Wieder musste Nora laut lachen.

„Was eine Kinderschwester auf einer Kinderstation halt so macht. Die kleinen Patienten versorgen und so die Zeit es zulässt, auch umsorgen.“

‚Sieht der Kerl süß aus. Und richtig sexy auch noch.‘ dachte sie.

Helmut hatte sich inzwischen gefangen.

„Wann machen Sie Pause? Würde Sie gern begleiten, wenn ich darf, es Ihnen also nichts ausmacht.“

„Begleiten ist nicht, junger Mann, oder muss ich Herr Doktor sagen? Tu ich aber nicht, denn dass ich Sie begleiten soll, war ja privat und nicht dienstlich. Oder Herr Kutscher?“

„Das war jetzt aber keine Antwort auf meine Frage.“

„Also gut. Pause habe ich um halbzwölf und die verbringe ich immer im Schwesternzimmer.“

„Und können Sie sich vorstellen, die mit mir in der Cafeteria zu verbringen?“

„Weiß nicht so recht. Wegen meiner Kolleginnen. Die wundern sich nämlich, wenn ich da runter gehe und dann mit Ihnen gesehen werde.“

„Sehe ich so schrecklich aus? Dass man sich mit mir schämen muss?“

„Geht so. Eben gerade noch.“ Nora lachte ihn wieder an.

„Und wann haben Sie heut Feierabend?“

„Um halb sechs. Wieso interessiert Sie das?“

„Vielleicht würden Sie ja dann eine Tasse Kaffee mit mir trinken.“

„Warum sollte ich das tun wollen?“

„Weil Sie mich in Wirklichkeit nicht so unsympathisch finden, wie Sie mich gerade glauben machen wollen?“

„Ganz schön eingebildet, der Herr.“

„Nicht wirklich. Aber Sie sind irgendwie anders als Ihre Kolleginnen. Und nun bin ich halt neugierig.“

Nora hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht, weil Sie schon wieder rot wurde. ‚Warum gefällt der Kerl mir bloß so gut. Und richtig süß ist das, wie er versucht, mich zu einem Date zu überreden.“

„Und wenn ich nun gar nicht neugierig auf Sie bin?“

„Sind Sie vielleicht nicht. Aber ein klitzekleines bisschen vielleicht doch?“

„Wieso das denn?

„Weil Sie mich sonst längst schon zum Teufel gejagt hätten und nicht versuchen würden mit mir Pingpong zu spielen. So was wie verbales Florett.“

‚Was mach ich bloß mit dem Bengel?‘ fragte sie sich gerade, als ihr schon der nächste Satz rausrutschte. Einfach so.

„Um 18 Uhr im Café Hauptwache.“

„Danke Schwester Nora – ich freu mich.“

„Was hattest Du denn so lange zu quatschen mit diesem Jungsporn?“ Eine ihrer Kolleginnen war neugierig.

„Der wollte alles ganz genau wissen. Hat anscheinend während der klinischen Semester in Pädiatrie ein bissi geschlafen. Musste ihm alles erklären.“

„Ach so. Schaust Du bitte mal bei den Säuglingen rein? Nicht das unsere kleine Lehrschwester da was versiebt.“

„Bin schon unterwegs.“

Als Nora wenige Minuten vor sechs das Café betrat, saß Dr. Kutscher schon da und strahlte wie ein kleiner Junge, als er sie erblickte.

Erst erzählte er ein wenig von sich und seinen Eltern, anschließend war Nora dran mit ihrem Werdegang.

„Und warum haben Sie nicht studiert? Mit Abi ist Krankenschwester ja nicht unbedingt das Nächstliegende.“

Helmut Kutscher wollte es ganz genau wissen.

„Ich wollte nicht studieren. Ich wollte gleich was Praktisches machen. Und studieren war bei den Weltins ohnehin nicht üblich.

Die Zeit ging wahnsinnig schnell herum. Es war schon halb acht geworden.

„Tut mir leid, aber jetzt muss ich los. Morgen habe ich Frühschicht und die beginnt schon um halb sieben.“

„Darf ich Sie nach Hause bringen? Meine Karre steht im Parkhaus. Oder wartet Ihr Freund schon auf sie?“

„Gerne.“ Auf das Thema ‚Freund‘ ging sie nicht ein.

Er hatte Glück – in der Schwanentaler Straße fuhr gerade ein große BMW aus einer Parklücke, in die er mit seinem Austin gut einparken konnte. Etwa 50 Meter von ihrem Haus entfernt.

„Danke fürs bringen.“

Sie öffnete die Wagentür. Er blieb sitzen und lächelte sie fast hilflos an.

„Ist was?“

„Können wir uns morgen wiedersehen?“

„Geht leider nicht, da bin ich fest mit meiner Freundin verabredet.“ Und wieder machte sich ihr vorlautes Mundwerk selbstständig:

„Aber übermorgen.“

Helmut strahlte wieder. ‚Meine Güte kann der wieder so süß lächeln.‘ und schon purzelte der nächste Satz aus ihr heraus, ohne dass sie es wollte:

„Ich brauch noch einen Café. Ist besser wegen des Weins, den wir eben getrunken haben? Möchten Sie auch noch einen?“

„Oh ja gerne.“

„Dann komm. Äh – Entschuldigung. ‚Sie‘ muss es natürlich heißen.“

„Also mir gefiele das ‚Du‘ eigentlich viel besser. Sehr viel besser eigentlich.“

Nora sagte jetzt nichts, sie fühlte sich wie ‚völlig durch den Wind‘. Er marschierte hinter ihr her und war hin und weg von den schönen Beinen, die da vor ihm die Treppe hochliefen, er empfand es allerdings mehr wie eine hochschreiten.

Vor der Wohnungstür hielt sie an und drehte sich zu ihm herum.

„Café gibt’s nur wenn Du mir vorher was versprichst.“

„Und das wäre?“

„Dass Du brav bleibst, und nichts versuchst.“

„Keine Ahnung, was Du meinst. Aber ich verspreche es. Hoch und heilig. Ich nehm Dich weder in den Arm noch werde ich versuchen Dich zu küssen. Und noch mehr – ich weiß gar nicht wie das geht.“

„Du, Helmut Kutscher und kleiner großer Macho-Doktor: Ich meine es ernst.“

„Ich auch. Und verspreche es wirklich. Bis auf das Letzte.“

„Hm…?“

„Na ja, ich weiß schon, wie es geht.“

„Das glaube ich Dir sogar.“

Auch nach dem Café war er wirklich ganz brav geblieben. Was ihr eigentlich, wie sie merkte, gar nicht so recht war, denn mal in den Arm genommen zu werden, hätte ihr schon gefallen. Aber es zuzugeben, geschweige denn, selbst die Initiative zu ergreifen - also das ging schon mal gar nicht.

„Und wo treffen wir uns übermorgen?“ hatte er in der Tür stehend gefragt.

„Bei mir. Also hier. Ich koche uns was.“

„Danke, da freu ich mich richtig. Bekomme ich wenigstens ein Abschiedsküsschen?“

Im Nachhinein war sie sehr froh und dankbar, dass es keine Knutscherei geworden war, sondern wirklich nur ein Küsschen – gut, schon auf den Mund, aber ganz brav und sittsam. Sie empfand ihn als sehr angenehm, fand, dass er wunderbar duftete, und dachte im Stillen, es war so etwas wie ein Ausgleich für den ja ziemlich holprigen Start in das ‚Du‘.

Der Abend mit Helmut Kutscher war insofern ein voller Erfolg, weil ihr das Essen bestens gelungen war. Er kam mit einer Einkaufstüte, in der es verdächtig klapperte – ihr Inhalt entpuppte sich in Form von 3 Flaschen – Champagner, Weißwein und Rotwein hatte er angeschleppt.

„Nicht dass Du glaubst, ich wollte uns abfüllen – aber ich wusste ja nicht, was es Feines gibt. Deshalb – na ja, aller guten Dinge sind halt drei.“

„Den Veuve Clicquot kannst Du gleich wieder mitnehmen. Ich mag das Zeugs nämlich nicht. Weißt Du, wie das Gesöff hergestellt wird?“

„Nö.“

„Da werden verschiedene Weinsorten zusammengekippt – das nennt man ganz vornehm Cuvée. Kein Mensch käme auf die Idee, z. B. verschiedene Weißweine in ein Glas zu schütten und dann zu trinken. Da muss man ja einen dicken Kopp bekommen.“

„Weißt Du was? Ich mach mir auch nichts draus. Aber wahrscheinlich, weil meine Eltern das Gesöff für das non plus ultra halten. Hab noch den Kassenzettel. Tausch ich morgen in ein paar andere Fläschchen um.“

„Dann sind wir uns ja einig. Und mehr als ein Glas mag ich ohnehin nicht. Und das zum Essen.“

„Und was gibt es Feines? Wegen ‚weiß‘ oder ‚rot‘.“

„Nichts Besonderes. Kartoffeln mit Möhrengemüse in Butter geschwenkt und Rindfleischklopse mit Rosmarin. Vorneweg gibt’s Salat und als Nachtisch kannst Du Dir aussuchen: Rote Grütze mit Vanillesauce oder Käse. Da habe ich aber nur zwei Sorten. Übrigens - alles Bio.“

„Darf man auch rote Grütze und Käse zum Nachtisch?“

„Ich werde Dich schon satt kriegen. Aber klar darfst Du beides. Aber hintereinander, wenn’s geht.“

„Klingt traumhaft. Dann mach ich mal den Rotwein auf, passt am besten zum Rind.“

„Ich glaub Dir ja, dass Du weißt, welchen Wein man zu welchem Gericht reicht. Aber müssen wir das so streng handhaben? Ich trink nämlich lieber Weißwein. Und neuerdings – habe ich kürzlich gelesen – gilt es eh als überholt, die Weine passend zu rotem oder weißem Fleisch zu reichen. Ist ‚from the past‘.“

„Mir wäre Weißwein offen gestanden auch lieber.“

Mühelos futterte Helmut die ihm zugedachten 3 Klopse, er zierte sich zwar anfangs ein wenig, ließ sich aber nur zu leicht überreden, auch den dritten zu vertilgen.

Als er sich das 3. Glas Wein einschenken wollte, nahm sie ihm aber ziemlich resolut die Flasche weg.

„Oder willst Du nachher ein Taxi nehmen?“

Er sagte daraufhin erst einmal gar nichts, wurde aber wieder so süß rot.

„Ich glaube, ich kann Gedanken lesen.“ kommentierte sie seinen Farbwechsel.

„Kannst Du nicht.“

„Ich fürchte doch. Du machst soeben ein so süßes schafsdummes Gesicht. Das Deinen Gedanken verrät.“

„Der da wäre?“ Ihr schien es, als ob das ein ganz klein wenig trotzig klänge.

„Du möchtest heut Nacht gern hierbleiben.“

„Denke ich nicht.“

„Denkst Du doch.“

Beide mussten jetzt lachen.

„Darf ich heute Nacht bei Dir bleiben? Ich… ich glaube, ich hab mich ganz fürchterlich verliebt.“ Nun leuchtete er fast schon tomatenfarben.

„Du Helmut – ja, ich mag Dich auch. Sogar sehr. Bist zwar ein bisschen Macho und sehr von Dir überzeugt, aber da kannst Du ja noch ein bisschen an Dir arbeiten.“

„Und was hat das damit zu tun, dass ich heut Nacht mit Dir zusammen sein möchte?“

„Gar nichts. Nur geht mir das alles zu schnell. Wir kennen uns doch noch nicht mal eine Woche.“

„Und wenn ich ganz brav bleibe? Und hoch und heilig verspreche, nichts anzustellen, was Du nicht auch willst? Neulich habe ich mein Versprechen auch gehalten.“

„Jetzt mach ich uns erst mal einen Espresso.“

„Und nun?“ Helmut wollte noch nicht gehen. Er wollte bei Nora bleiben. Noch nie war er sich so sicher gewesen, dass sie die Richtige für ihn wäre.

„Und nun fährst Du nach Hause.“

„Ich mag aber nicht.“

Nora ging es eigentlich nicht anders als ihm. ‚Wenn ich ihn jetzt wegschicke, hält er mich sicher für total verklemmt. Was ich doch aber eigentlich gar nicht bin. Und mal ein bisschen mit ihm zu kuscheln, wäre doch nicht schlimm – oder? Helena würde mir ganz sicher auch zuraten.‘ Und dann machte sich Ihr Mund mal wieder selbständig:

„Ich eigentlich auch nicht.“ Es war mehr geflüstert.

Sie küssten sich zum ersten Mal und das ganz richtig. Sie fand es so schön, dass ihre Beine ganz schwach wurden. Und er roch so gut, richtig nach Mann, ohne Aftershave – einfach nur gut und was in ihrem Bauch vor sich ging, hatte sie vorher auch noch nie erlebt – es kribbelte so wunderbar und überhaupt – sie wollte ihn nie, nie mehr loslassen.

Und dass es ihm wohl so ähnlich ging, konnte sie deutlich spüren.

Plötzlich ließ er sie los.

„Was ist?“ fragte sie.

„Ich räum jetzt mal die Küche auf.“ Sie konnte noch nicht aufstehen – Nora fürchtete, dass ihre Beine sie noch nicht wieder tragen würden. Und der Blick auf seine Hose verriet, dass auch bei ihm keineswegs bereits wieder der Normalzustand eingetreten war.

„Soll ich Dir helfen?“

„Nö, lass mal. Du hast uns schon das herrliche Essen gemacht – da kann ich ja wenigstens die ‚Nachsorge‘ vornehmen.“

„Bin gleich wieder da.“

Nora verschwand im Bad. Sie war vor Aufregung völlig verschwitzt. ‚Hoffentlich rieche ich jetzt nicht.‘ Sicherheitshalber griff sie noch einmal zu ihrem Deo, bevor sie wieder zu ihm ging.

Helmut durfte tatsächlich bei Nora übernachten. Sogar in ihrem Bett – dass er auch auf dem Sofa - wenn auch ein wenig ‚eingerollt‘ - hätte schlafen können, hatten weder sie noch er in Erwägung gezogen.

„Willst Du duschen?“ hatte sie ihn noch gefragt. Als er in ein Handtuch gewickelt aus der Dusche kam, stand sie bereits im Nachthemd im Wohnzimmer, um ihn dort abzulösen. Kaum hörte er das Wasser rauschen, hatte er an die Badezimmertür geklopft.

„Was ist? hatte sie gerufen.

„Hast Du noch eine Zahnbürste?“

Und anstatt ‚Bekommst Du, wenn ich fertig bin.‘ zu rufen, hatte sie geantwortet:

„Im Spiegelschränkchen.“

Wie es eigentlich passiert war, konnte hinterher keiner von ihnen mehr sagen – aber plötzlich hatte er sein Handtuch genommen, um sie abzutrocknen, aber eigentlich fanden es beide schöner, sich zu streicheln und zu küssen, beide waren dann in paradiesischem Zustand im Bett gelandet und - womit sie nicht gerechnet hatte und es eigentlich auch gar nicht gewollt hatte - Helmut blieb tatsächlich brav. Nicht so ganz brav, denn sich gegenseitig zu streicheln, war wohl unvermeidlich, aber ganz richtig kamen sie nicht zusammen.

Aber vier Wochen später wurden sie wirklich ein Paar. Auch vor Helenas Augen hatte Helmut Kutscher Gnade gefunden, wenn auch nicht vorbehaltlos.

„Der hat’s faustdick hinter den Ohren,“ hatte sie gemeint. „Aber sonst scheint er ok zu sein. Ist genehmigt.“

Und in der 6. Woche nach ihrem Kennenlernen wollte er sie seinen Eltern vorstellen.

3. Kapitel

Die Verwaltung hatte Nora darauf hingewiesen, dass sie endlich mal ihre Überstunden abfeiern müsse. So war sie unverhofft zu einer Woche Urlaub gekommen, leider aber ohne Helmut, weil der zu einem Kongress nach Rio de Janeiro geflogen war.

Eigentlich war sie gar nicht so unfroh darüber, denn so ein ganz klein wenig ‚knirschte‘ es zwischen ihnen. Und zwar wegen seiner Eltern. Was eigentlich kein Grund war, denn alles in allem hielt er eisern zu ihr.

Ja, sie hatten Nora ‚nett bemüht‘, wie sie es später nannte, aufgenommen, aber irgendwie hatte sie den Eindruck gewonnen, dass die Eltern sich wohl für ihren Sohn eine Freundin gewünscht hätten, die etwas mehr hermachte als eine simple Krankenschwester. Klar – gesagt hatten sie nichts, aber es war unschwer zu merken, dass ihre Herzlichkeit nur aufgesetzt war. Nora wusste ja von der Herkunft von Helmuts Mutter – vielleicht meinte sie, da irgendetwas aus der eigenen Vergangenheit kompensieren zu müssen. Der Vater war weniger kompliziert – dass ihm allerdings weniger Noras Charakter, sondern vor allem die strahlend schöne junge Frau beeindruckte, dachte sie sich zwar, aber natürlich konnte man da nicht etwas ‚beweisen‘.

Helmut hatte ihre Eindrücke alle als Blödsinn abgetan. „Mir ist es sch…egal, was meine Eltern von Dir halten. Wir leben ja nicht mit denen zusammen.“

Ein weiterer Punkt, der bei Nora für etwas Unruhe sorgte, war das Thema Kinder.

„Und wenn wir mal ein Kind haben sollten, da wird sicher sogar Deine Mutter die Kurve bekommen und die Mutter ihres Enkels akzeptieren.“

„Werden wir nicht.“ hatte er nur geantwortet.

„Ist wohl auch besser, da wir schließlich nicht verheiratet sind.“ hatte sie erwidert. Mit den Worten: „Dann ist’s ja gut.“ hatte er das Thema dann beendet. Richtig aufbauend, empfand sie seine Bemerkungen allerdings beim besten Willen nicht.

Da gerade Semesterferien waren, hatte Nora ihre Freundin angerufen.

„Was hältst Du von einer ‚Girls Week‘?“

Helena war sofort einverstanden gewesen und da sie ja beide nicht so sehr viel Geld hatten – vor allem Helena, weil sie noch studierte und auf das elterliche Salär angewiesen war - kampierten sie nun zu zweit im Haus von deren Eltern im Odenwald. Bei den Heilmanns wusste sie sich willkommen, Helenas Eltern meinten immer, sie ein wenig adoptiert zu haben.

Es war für beide eine wunderbar erholsame Woche, denn die Zeit im September war ideal für ausgedehnte Spaziergänge. Immer mit einem Ziel – meist war es ‚Die Freiheit‘ – etwa eineinhalb Stunden vom Friedhof aus, zurück etwas schneller, weil es nur bergab ging. Helenas Mutter hatte stets etwas feines zum Essen parat – die zwei ‚Mädels‘, wie Papa Heilmann die zwei jungen Frauen immer nannte, wurden nach Strich und Faden verwöhnt.

Helena war von ihren Eltern allerdings meist ein wenig genervt, weil Nora ihr als Vorbild vorgehalten wurde. In puncto Männer.

„Du könntest Dir ruhig ein Beispiel an der Nora nehmen – die hat jetzt einen festen Freund und Du vergraulst alle Verehrer.“

Natürlich war Noras Helmut und nicht zuletzt auch dessen Eltern ein Thema. Und Nora war eigentlich froh und dankbar, dass sie nicht nur der Freundin, sondern auch Elli und Ebbie Heilmann mal ihr Herz ausschütten konnte.

„Mädel, Du heiratest mal diesen Helmut und nicht seine Eltern. Und da er ja offenbar kein Mama-Kind ist, werdet ihr schon gut miteinander zurechtkommen.“

Helmut hatte genau betrachtet auf dem Chirurgenkongress noch gar nichts zu suchen. Aber er wollte unbedingt hin. Und als er seinen Vater danach fragte, war der erst einmal skeptisch. Das waren erfahrene Chirurgen und der Junge hatte gerade mal sein Abschlussexamen.

Doch Helmut schilderte ihm in bewegten Worten, dass er da unbedingt hinmüsse, dass der Vater sich schließlich breitschlagen ließ: Er meldete Helmut Kutsche an. Dass er den Professoren- und Doktortitel wegließ, wurde als Bescheidenheit interpretiert und dass der zweite Vorname des Vaters auch weggelassen wurde, fiel niemandem auf und so war Helmut frohgemut nach Rio aufgebrochen. Er hätte Nora gern dabei, aber dafür reichte das Geld nicht. Und im Grunde genommen, war er darüber recht froh, weil er nämlich noch etwas vorhatte, dass Nora auf gar keinen Fall erfahren sollte.

Sie zu heiraten, konnte er sich gut, ja sogar sehr gut vorstellen. Schon, um seinen Eltern eins auszuwischen. Die Mutter hatte sich nämlich, schon bevor er Nora vorgestellt hatte, mal verplappert: Die Eltern wollten am liebsten, dass er mal die Tochter eines Kollegen heiraten würde, Sonja Morten. Auch Ärztin. Der Grund war recht einfach: Beide Väter hatten eine Privatklinik, beide Kinder sollten dereinst mal deren Leitung übernehmen und man würde beide Kliniken wunderbar zusammenlegen können, was ganz sicher ordentlich Geld in die Kasse spülen und vor allem das berufliche und gesellschaftliche Ansehen beider Familien deutlich erhöhen würde.

Helmut hatte bei einem der elterlichen Events die drei Jahre ältere Yong Lady mal kennengelernt und ihn schauderte es immer noch, wenn er an sie dachte: Hübsch, hochintelligent, durchgestylt bis in die Zehenspitzen - sie hatte Sandaletten angehabt, natürlich High Heels, so dass er ihre blutrot lackierten Fußnägel bewundern durfte, ein so enges Kleid, dass ihre Kurven schon zu deutlich wurden, parfümiert, dass einem der Atem weggeblieben war – und eine Ausstrahlung, dass selbst ein Eisberg als warm bezeichnet werden könnte.

Er war sich ziemlich sicher: Der Mann, der die mal kriegen würde, dürfte einmal Sex mit ihr haben und der würde wahrscheinlich mit der Frage an den Mann enden ‚Do you feel better now?‘

Gut – einen Vorteil hätte so eine Frau: Sie würde niemals Kinder haben wollen und wenn wider alles Erwarten eine Schwangerschaft eintreten würde, würde sie garantiert abtreiben. Aber wahrscheinlich würde sie sicherheitshalber nach jedem Sex, wenn es denn dazu kommen sollte, eine ‚Pille danach‘ einwerfen.

Ja, er wollte auch kein Kind. Er stellte es sich ganz fürchterlich vor, so ein kleines plärrendes Etwas vorzufinden, wenn er abends nach Hause käme, obendrein dann noch mit vollen Windeln, nein danke, darauf wollte er lieber verzichten. Und wenn er an seine hinreißend schöne Nora dachte – wer weiß, ob ihre tolle Figur durch so eine Schwangerschaft nicht ruiniert würde, der hübsche flache Bauch womöglich ein Kullerbauch würde und dann seitlich noch mit Schwangerschaftsstreifen versehen - das wäre für sie aber auch für ihn wahrlich eine Zumutung. Und kosten würde so ein Plag auch und das nicht zu knapp. Und wenn es womöglich noch eine ‚Sie‘ würde – nachher wird sie mit 16 schwanger wie seine Mutter, der Erzeuger macht sich vielleicht obendrein noch dünne und dann hätten sie noch so eine Göre am Hals – nicht auszudenken.

Helmut hatte lange, ja sehr lange darüber nachgedacht und war endgültig zu der Überzeugung gekommen, dass er nie und niemals je Vater werden wolle. Und ein schlechtes Gewissen hatte er auch nicht dabei. Schließlich hatte er gesellschaftspolitisch gesehen durch seine vielen Samenspenden hinreichend für Nachwuchs gesorgt.

Rio de Janeiro war ihm daher sehr, sehr gelegen gekommen. Kein Mensch würde ihn da kennen. Und so hatte er sich gründlich vorbereitet. Eigentlich brauchte er nur wenige Worte und Sätze auf Portugiesisch zu kennen: Urologista für den Urologen, im Hotel wollte er fragen ‚onde posso encontrar um urologista‘ also, wo finde ich einen Urologen und dann musste er dem Taxifahrer noch sagen können ‚Fahren Sie mich zu dieser Adresse: conduzame para este endereço. Nun ja, die Worte ‘bitte’ und ‘danke’ sollte man vielleicht auch noch kennen: par favore und obrigado.

Im örtlichen Telefonbuch hatte er nach Urologen geschaut. Es gab verflixt viele in Rio de Janeiro – wie sollte er da nur einen wirklich guten finden?

Als er an der Rezeption seines Hotels nach einem ‘Urologista’ fragte, grinste ihn die sehr hübsche Rezeptionisstin ziemlich dreckig an, wie er fand, aber sie antwortete ihm auf englisch, dass sie ihm da auch nicht helfen könnte. Aber der Chef komme in einer halben Stunde, der wisse sicher Rat. Was sich dann auch bewahrheitete. Er war ein aus Helmuts Sicht schon uralter Mann. Die Rezeptionistin hatte den alten Herren zu ihm geschickt.

“Mr. Kutscher?” fragte er ihn freundlich anlächelnd. Allerdings hatte er den Namen ‘Katscher’ ausgesprochen. Was Helmut zu einem Lächeln veranlasste.

“Meine Tochter sagte mir, dass Sie einen Urologen brauchen? Hoffentlich nichts enstes?” fragte er Helmut, nachdem ser sich als Senhor Silva vorgestellt und sich neben ihn gesetzt hatte. Helmut verneinte – er habe ein wenig Schmerzen – es sei wohl seine Blase. Das habe er zu Hause auch öfter. Er war froh, dass der Mann sehr gut englisch sprach.

“Ich kann Ihnen eine große urologische Praxis empfehlen , d.h. ob die Ärzte dort wirklich gut sind, weiß ich nicht. Ich kann Ihnen aber auch meinen Urologen emphehlen – er hat eine sehr kleine Praxis, aber ich gehe sehr gerne zu ihm Ich habe es mit der Prostata und bei mir hat der Mann schon wahre Wunder vollbracht. Ist in meinem Alter.”

“Dann würde ich Ihrer Empfehlung gerne folgen. Wie heißt der Mann, Mr. Silva?”

“Es ist der Médico Santos. Er ist wirklich gut und sehr erfahren.”

“Und wie finde ich ihn?”

Mr. Silva lächelte. Statt einer Antwort rief er laut zu seiner Tochter, dieses mal auf portugiesisch:

“Stella, bringst Du uns bitte Café?”

Stella musste es geahnt haben. Sie brachte aber nur einen Café und stellte ihn vor Helmut ab.

“Und wo ist mein Café?” fragte Mr. Silva – dieses Mal auf englisch.

“Papa, Du weißt doch – Dein Urologista hat Dir den Café verboten.”

“Bitte Stella, bitte.”

“Gut, ich hol Dir auch einen, aber nur, wenn Du mir etwas versprichst.”

“Was denn?”

“Du gehst heute noch zum Médico,”

“Das ist Erpressung.”

“Nein, Papa, aber fürsorgliche Vernunft.”

“Gut, ich fahre heute noch. Der junge Mann hier will da auch hin., dann fahren wir gleich zusammen. Und ich werde mit Santos reden – ich bringe ihm heute einen neuen Patienten, dafür muss er mir wieder Café erlauben.”

Eine halbe Stunde später saßen sie in Mr. Silvas Wagen – einem uralten Mercedes, der aber offenbar noch brav seinen Dienst versah.

“Was wollen Sie wirklich bei dem Arzt?”

“Ich sagte Ihnen doch schon…”

“Ich weiß, ich weiß. Aber ich glaube Ihnen kein Wort. Wenn Sie ein Problem mit Ihrer Blase hätten, würde Sie den Café abgelehnt haben. Aber gut, geht mich nichts an. Santos wird es mir ohnehin erzählen.”

“Gibt’s hier denn keine ärztliche Schweigepflicht?”

“Nicht unter Freunden.”

“Also gut – dann müssen Sie nicht fragen. Ich bin nicht geschlechtskrank, sondern will mich sterilisieren lassen.”

Mr. Silva schaute Helmut irritiert und leicht skeptisch an.

“Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.”

“Doch.”

“Und darf man fragen, was Sie zu einem solchen Entschluß geführt hat?”

“Muss ich da antworten?”

“Natürlich nicht. Aber lassen Sie mich raten. Es gibt eigentlich nur drei Gründe, so etwas machen zu lassen. Erstens – Sie wollen keine Kinder. Zweitens - sie haben schon zehn Kinder und drittens – Sie sind ernsthaft krank. Was ich aber ausschließe, denn dann wären Sie nicht hier.”

Helmut wurde zunehmend unwohler. Der alte Herr da neben ihm schien ganz schön gewitzt. Er überlegte einen Augenblick und beschloss dann, den Ball aufzugreifen und damit zu lügen.

Ich habe zwar nicht zehn Kinder sondern nur sieben, aber das ist auch genug. Und meine Frau darf keine mehr bekommen – hat der Arzt ihr verboten.”

“Hm. Würde ich trotzdem nicht machen. Kondome schützen doch auch. Oder Ihre Frau verhütet.”

Konnte der Kerl denn nicht mal aufhören?

“Meine Frau verträgt die Pille nicht, Pessar darf sie nicht und ich habe eine Latex-Allergie.”

Schweigen. Helmut merkte aber irgendwie, dass der Mann ihm kein Wort glaubte. Was ja auch nicht verwunderlich war – schließlich wäre es ja sehr viel naheliegender gewesen, so einen Eingriff zu Hause vornehmen zu lassen.

In der Praxis angekommen, umarmten sich Tiago Silvaund sein Urologenfreund Nuno Santos, sprudelten erst eine Menge auf portugiesisch, besannen sich dann aber und setzten ihre Unterhaltung auf englisch fort.

“Das ist Mr. Kutscher” – wieder wie ‘Katscher’ ausgesprochen – “er will sich von Dir kastrieren lassen. Weil er einen Stall voller Kinder hat. Und dafür, dass ich Dir jemanden gebracht habe, an dem Du was abschnippeln kannst, rufst Du jetzt Stella an und sagst ihr, dass ich wieder Café trinken darf.”

Der Médico Nuno Sandos lachte lau auf.

“Pass mal auf mein lieber Freund. Mit Deinen Sprüchen vergraulst Du Dir nur den jungen Herrn, der sich ganz sicher nicht kastrieren lassen will sondern eine Vasektomie gemacht haben möchte. Dazu kommen wir gleich Mr. Kutscher. Erst müssen wir diesen alten Mann hier ruhig stellen. Hör zu – ich rufe jetzt Stella an und dann hältst Du einfach mal Deinen Mund. Alles klar?”

“Jawohl Herr Doktor.”

Er griff zun Telefon.

“Stella, schönste aller jungen Frauen – ich habe hier gerade einen völlig uneinsichtigen Patienten vor mir sitzen. Er hat mich übel erpresst – ich muss ihm daher eine Tasse Café pro Tag gestatten, Was ich hiermit tue.”

Was Stella antwortete, konnten sie natürlich nicht hören. Aber es wurde wenigstens annähernd klar:

“Eine Tasse pro Tag, aber nur wenn er vorher ein großes Glas Wasser trinkt und hinterher noch ein zweites Glas. Mindestens 0,2 Liter. Und wenn er das zweite Glas hinterher nicht trinken mag, ist die Tasse Café am Folgetag gestrichen. Alles klar, meine Liebe? Grüße Deinen Mann von mir und auch Deine süßen vier Kinder.”

Tiago Silva schaute jetzt etwas grimmig.

“Nützt Dich gar nichts. Café und das Wasser oder keinen Café oder Du suchst Dir einen anderen Arzt.”

“Und Du willst mein Freund sein.”

“Bin ich, mein lieber, bin ich. So - und nun zu Ihnen junger Mann. Warum soll ich das machen, warum lassen Sie’s nicht in Deutschland machen?”

Helmut kam jetzt ein wenig ins Stottern. Er fing sich aber sehr schnell wieder. Und begründete sein Hiersein mit einem todlangweiligen Kongress und enormen Zeitmangel zu Hause.

Erst ging der Médico mit seinem Freund ins Behandlungszimmer, nach 15 Minuten kam er wieder raus. Dann war Helmut an der Reihe. Mr. Silva sagte ihm noch, er ginge unten in der Bar im Hause etwas trinken und würde dort auf ihn warten.

Helmut hatte sich ausgezogen und auf die Behandlungsliege gelegt, Mr. Santos erklärte ihm bei der Vorbereitung, er werde den Hodensack beidseitig etwas aufschneiden, den Samenleiter präparieren, jeweils herausziehen, durchtrennen und die Enden je umklappen und abbinden, damit sie nicht wieder zusammenwachsen könnten. Es würe etwa 20 bis 25 Minuten brauchen.

Nachdem der Arzt auch die Hautschnitte wieder vernäht hatte, musste Helmut noch einen Moment liegen bleiben. Santos gab ihm noch ein Suspensorium, um den Hodensack möglichst zu schonen.

“Es wäre gut, wenn Sie morgen noch einmal vorbeischauen würden.”

“Und was schulde ich Ihnen?”

“Brauchen Sie eine Quittung?”

“Nein.”

“Dann bekomme ich 350. Also US$.”

“Und mit Quittung?”

“600.”

Zum Glück hatte Helmut etwa 700 Dollar bei sich – er blätterte 350 auf den Tisch.

“Ich hoffe, Sie werden es nie bereuen Mr. Kutsche – Sie wissen ja, der Eingriff ist de facto irrversibel.”

“Danke Herr Santos. Ich denke nicht. Bis morgen.”

“Adeus, Mr. Kutscher.”

Die Rückfahrt mit Mr. Silvia verlief ziemlich schweigsam, zumal es Helmut da unten rum ganz schön schmerzte – nicht innen, aber da wo es außen genäht worden war. Und er war heilsfroh, als er wieder in seinem Hotelbett lag.

Irgendwann war er eingeschlafen und hatte nach dem Aufwachen ziemlichen Hunger. Das Aufstehen war etwas beschwerlich und das Anziehen der Hose umständlich und schmerzhaft. Als er endlich angezogen war, zog er es vor, etwas breitbeinig zu laufen.

Diese Stella saß noch – oder schon wieder an der Rezeption und lächelte ihn an.

“Mein Vater hat mir alles erzählt…” Helmut lief jetzt rot an, ob aus Scham oder aus Wut auf den Alten vernochte er nicht auf die Schnelle zu klären, als Die junge Frau schon fortfuhr: “…so eine Blasenentzündung tut ganz schön weh – hatte ich auch schon mal. Soll ich Ihnen etwas zu Essen bringen lassen?”

“Oh ja, gerne.”

Sie setzte sich zu ihm und gleich darauf brachte ein Kellner eine kalte Platte.

Sie wollte alles ganz genau wissen von seiner Frau und den vielen Kindern und erzählte dann von ihren Kindern, dass die alle sehr lieb seien, sie, ihr Mann und die Kinder alle zusammen wohnten, ihr Mann Banker sei und die Kinder von beiden Omas und Opas betreut würden.

Mr. Silvia chauffierte Helmut am nächsten Tag ein weiteres Mal.

“Danke Mr. Silvia.”

“Wofür?”

“Für Ihre Freundlichkeit, mich zu chauffieren und dass Sie Ihrer Tochter nichts erzählt haben.”

“Frauen müssen nicht alles wissen. Wir wissen ja meist von denen auch wenig bis nichts.”

Médico Santos war mit Helmut und seinem Werk sehr zufrieden.

Es wird noch ein paar Tage ein wenig ziehen, aber das vergeht dann. Und heute in einer Woche können Sie die Fäden ziehen. Einfach mit einer Pinzette den Knoten etwas anlupfen und dann mit einer Hautschere den Faden durchschneiden. Das war’s dann schon. Alles Gute, Mr. Kutscher.”

“Danke. Ihnen auch alles Gute.”

Auf den Kongress zu gehen, hatte Helmut absolut keine Lust. Er beschloss, seine Mutter anzurufen.

“Das ist aber eine Überraschung, mein Junge. Und wie findest Du’s unter so viel prominenten Kollegen Deines Vaters?”

“Gar nicht Mutter – ich war noch nicht einmal da – ich liege mit fast 40° Fieber im Bett – der hiesige Arzt meinte, ich hätte mir eine Grippe zugezogen.”

“Und wer kümmert sich da um Dich? Ich werde gleich mit Deinem Vater reden und dann zu Dir runterfliegen.”

“Tu das bitte nicht Mutter – das Fieber wird schon langsam wieder besser, der Arzt war eben noch einmal hier und meinte, nach menschlichem Ermessen sei es morgen bereits abgeklungen.”

“Na schön, wenn Du meinst – aber wenn nicht, ruf bitte wieder an – ich komme gerne.”

Helmut wusste ganz genau, dass seine Mutter keineswegs gerne kommen würde – wieviele gesellschaftlich kleine und größere Ereignisse sie da aufgeben müsste – er würde das bis an ihr Lebensende zu hören bekommen.

Er meinte mit dem Anruf zweierlei erreicht zu haben: Es brauchte keine Begründung, dass er nicht auf den Kongress gegangen war und er hoffte zwei oder drei Tage anhängen zu können. Wegen Nora, damit sie von seinem heimlich durchgeführten Vorhaben nichts mitbekam. Notfalls würde er sich Zuhause den Magen verdorben haben – so etwas kuriert man am besten im Hotel Mama aus. ‘Mundus vult decipi.’ dachte er im Stillen. ‘War doch gut, auf der Penne gelegentlich im Lateinunterricht mal aufgepasst zu haben.’

4. Kapitel

1988

Helena Iannou lebte und arbeitete nun schon ein paar Jahre auf Zypern. Sie wohnte zusammen mit ihrem Achi in dem neu erbauten Haus gleich neben seinen Eltern. Und – allen Schwiegermütter-Witzen zum Trotz – fühlten sie sich dort rundum wohl und geborgen. Helena hatte beruflich eine Pause eingelegt, weil sie ihr erstes Baby bekommen hatte, ein süßes kleines Mädchen namens Danae, Artemesia, Elleonore – die Namen der Mütter hatten unbedingt auch ihren Niederschlag finden sollen. Die kleine war nun schon stolze 2 Jahre alt.

Bereits nach drei Monaten hatte Helena ihre Tätigkeit als Lehrerein wieder aufgenommen, was sich als völlig problemlos erwiesen hatte, weil Achis Mutter selig war, sich um ihre kleine Enkeltochter kümmern zu können. Der Kleinen ging so nichts an liebevoller Fürsorge ab. Helena hatte bis zum Abstillen immer ihre Milch abgepumpt, sodass ihr Mädchen auch in puncto Ernährung bestens versorgt war.

Artemisia hatte sich zudem als eine überaus feinfühlige Mutter, Schwiegermama und Oma erwiesen, weil sie sich nie bei den ‘Kindern’ aufdrängte und bei denen nur aufkreuzte, wenn Achi oder Helena sie oder auch den Opa darum baten. Was aber nur sehr selten geschah, denn die geübte Zurückhaltung der beiden ‘Alten’ bewirkte, dass die jungen Eltern nur zu gerne zu ihnen herüberkamen. Es hatte nur ein Mal einer nachdrücklichen Bitte der Eltern bedurft – es war um die kleine Danae gegangen. Helena war nämlich aufgefallen, dass die Großeltern vor lauter Freude über die kleine Enkeltochter angefangen hatten, mit der in ihrer Babysprache zu kommunizieren.