Das Geständnis meines Mannes - Charity Norman - E-Book

Das Geständnis meines Mannes E-Book

Charity Norman

4,7
8,99 €

Beschreibung

Luke Livingstone hat im Leben alles erreicht: Er ist Vater, Großvater und erfolgreicher Anwalt. Er hat eine liebevolle Frau und ein schönes Haus. Aber Luke kämpft mit einem Geheimnis, das ihn innerlich zu zerreißen droht. Sein ganzes Leben lang hat er die Wahrheit über sich selbst verschwiegen. Eine Wahrheit, die seine Familie erschüttern und sein Leben auf den Kopf stellen wird. Trotzdem sieht Luke keinen anderen Ausweg mehr. Er muss endlich die Person werden, die er insgeheim schon immer war ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 580




Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Zitat

Prolog

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINUNDDREISSIG

ZWEIUNDDREISSIG

DREIUNDDREISSIG

VIERUNDDREISSIG

FÜNFUNDDREISSIG

SECHSUNDDREISSIG

SIEBENUNDDREISSIG

ACHTUNDDREISSIG

NEUNUNDDREISSIG

VIERZIG

EINUNDVIERZIG

ZWEIUNDVIERZIG

DREIUNDVIERZIG

VIERUNDVIERZIG

FÜNFUNDVIERZIG

SECHSUNDVIERZIG

SIEBENUNDVIERZIG

ACHTUNDVIERZIG

NEUNUNDVIERZIG

FÜNFZIG

EINUNDFÜNFZIG

Über die Autorin

Charity Norman wurde in Uganda geboren und ist in England aufgewachsen. Nach mehrjährigen Reisen wurde sie Anwältin mit den Spezialgebieten Straf- und Familienrecht. 2002 zog sie sich aus dem Berufsleben zurück, um mehr Zeit für ihre drei Kinder zu haben. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie in Neuseeland und schreibt mit großem Erfolg Romane.

CHARITY NORMAN

DasGESTÄNDNIS meinesMANNES

Roman

Aus dem Englischen von Sylvia Strasser

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:Copyright © 2015 by Charity NormanTitel der britischen Originalausgabe: »The New Woman«Titel der australischen Originalausgabe: »The Secret Life of Luke Livingstone«Originalverlag: Allen & Unwin

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze, BonnTitelillustration: © Trevillion Images/Jacinta BernardUmschlaggestaltung: Kirstin OsenauE-Book-Produktion: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-2983-4

www.bastei-entertainment.dewww.lesejury.de

Für Petra King, in Dankbarkeit und Bewunderung

Woraus sind kleine Jungs gemacht?Aus Schnecken und Welpenschwänzchen.Daraus sind kleine Jungs gemacht.

Woraus sind kleine Mädchen gemacht?Aus Zucker, Gewürz und hübschen Dingen.Daraus sind kleine Mädchen gemacht.

Traditionelles Kinderlied

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Bitte lassen Sie mich ausreden, denn es wird mir nicht leichtfallen, darüber zu sprechen. Aber auch für Sie wird es nicht leicht sein, mich zu verstehen. Mit dem, was geschehen ist, hätte ich niemals, nicht im Traum, gerechnet. Ich war völlig ahnungslos, bis die Bombe platzte. Ich möchte, dass Sie verstehen, warum ich so und nicht anders gehandelt habe. Ich möchte, dass Sie sich in meine Lage versetzen.

Es war einmal ein Mädchen namens Eilish French. Sie war ein lebhaftes, lautes Kind mit einem Dutt und Söckchen, die um ihre Knöchel schlotterten. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie noch ganz klein war. Sie hassten sich regelrecht, als ihr blutiger, teurer Privatkrieg endlich vorüber war, aber ihr einziges Kind liebten sie geradezu abgöttisch. Ich fürchte, Eilish war ziemlich verwöhnt. Damals wollte sie Stewardess werden. Dann Pilotin, Hirnchirurgin, Filmstar oder vielleicht Nonne. Ein Traum löste den nächsten ab, und jeder wurde wieder fallen gelassen. Am Ende landete sie in einem Marketingjob, etwa zur gleichen Zeit, als Margaret Thatcher in die Downing Street einzog.

Eilish trieb ihre Karriere mit einer Rücksichtslosigkeit voran, für die sie sich rückblickend schämte. Eine Fachzeitschrift nannte sie einen »aufgehenden Stern« am Wirtschaftshimmel. Ihr fester Freund, ein Börsenmakler, erklärte, der aufgehende Stern hätte nie Zeit für ihn, und suchte sich jemand, der Zeit hatte. Ihre Mutter schimpfte, weil sie diesen begehrten Junggesellen leichtsinnigerweise hatte ziehen lassen, aber Eilish trauerte ihm nicht nach. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie sich in einem Schwebezustand befand, auf irgendetwas wartete.

Dann begegnete sie einem jungen Anwalt namens Luke Livingstone und wusste, dass das Warten ein Ende hatte. Bei der Hochzeit waren sich alle einig, sie wären ein Traumpaar und würden sicherlich bis ans Ende ihrer Tage glücklich miteinander leben. Und so schien es auch zu sein. Die Jahrzehnte vergingen, die beiden wurden Eltern und sogar Großeltern. Das Leben war kein reines Zuckerschlecken, aber es gab genügend Liebe und Lachen, um damit zurechtzukommen. In welcher Ehe herrscht schon immer eitel Sonnenschein? Luke machte erfolgreich Karriere, und Eilish fand eine neue Aufgabe, die zwar bei Weitem nicht so gut bezahlt war wie ihr früherer Job, sie aber rundherum ausfüllte. Sie wohnten in einem Haus wie aus dem Bilderbuch. Der Gartenteich war ein Paradies für Wildenten, verletzte Tiere wurden in der Küche gesund gepflegt. An den Wochenenden hallte das Haus wider von den Gesprächen und dem Gelächter der Freunde, die zu Besuch kamen.

Mädchen trifft Junge. Sie verlieben sich und heiraten. Damit hätte die Geschichte zu Ende sein sollen.

Dreißig Jahre lang gingen sie gemeinsam durchs Leben.

Dreißig Jahre.

Dreißig.

Ich dachte, ich würde diesen Mann kennen. Ich dachte, dass ich in jeden Winkel seiner Seele geschaut hätte, dass er alle Gedanken, Ängste und Sehnsüchte mit mir geteilt hätte. Ich dachte, er hätte keine Geheimnisse vor mir.

Aber dann musste ich feststellen, dass ich ihn überhaupt nicht kannte.

Das hier ist seine Geschichte. Und meine.

EINS

Luke

Sie nahm beim fünften Klingeln ab. Sie war außer Atem, weil sie den Rasen gemäht hatte und ins Haus gerannt war. Ich sah sie vor mir in ihren verwaschenen Jeans, die ihr nach so vielen Jahren immer noch passten, und einem meiner alten Hemden. Ihre kastanienroten Haare hatte sie sich für die Gartenarbeit mit einem Seidenschal hochgebunden. Meine wunderschöne Frau.

»Ich sitz jetzt im Zug. Bin fertig in Norwich«, sagte ich.

»Wunderbar!« Sie klang so glücklich, dass es mir fast das Herz brach. »Dann bist du zum Abendessen zu Hause?«

Ich hatte mir eine Ausrede zurechtgelegt. »Ach, weißt du, ich hab eine Menge dringende Mails bekommen. Ich denke, ich übernachte besser in der Wohnung, gehe morgen direkt ins Büro und mache mich daran, den Berg auf meinem Schreibtisch abzuarbeiten.«

»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie.

»Alles bestens.«

»Müde?«

»Es geht.« Ich riss mich zusammen. »Das Schuljahr ist ja nun rum. Wie war dein …«

Ein gewaltiges Dröhnen ließ den Waggon vibrieren: Der Zug donnerte in einen Tunnel. Die Telefonverbindung wurde unterbrochen. Ich würde sie später noch einmal anrufen und irgendeinen Weg finden, um Abschied zu nehmen.

Der Zug war halb leer. Mir schräg gegenüber saß eine ältere Frau, vor sich, auf dem Tischchen zwischen uns, ein Heft mit Kreuzworträtseln. Und natürlich war auch der Mann im Fenster da. Er schwebte am Rand meines Gesichtsfelds unmittelbar hinter der dunklen Scheibe. Ich wusste, dass er mich beobachtete, einen Mann mittleren Alters, in jeder Hinsicht durchschnittlich, in gestreiftem Hemd und Schlips, mit dunklen, leicht ergrauten Haaren, die sich über seinen Ohren wellten. Ansprechende Züge. Ein gut aussehender Mann, wenn man Eilish und Kate glauben durfte, obwohl ich anderer Meinung war. Mir war sein Gesicht immer fratzenartig vorgekommen. Als ich den Kopf drehte, blickte ich in die tief liegenden Augen in dem schwarzen Spiegel. Wir starrten uns mit auf Gegenseitigkeit beruhender Abneigung an. Nicht mehr lange, dachte ich triumphierend, dann bin ich dich für immer los. Der Zug fuhr aus dem Tunnel, und der graue Geist verschmolz mit dem grauen Himmel.

Ein paar Dinge musste ich noch erledigen. Endgültige Dinge. Ich kramte in meiner Aktenmappe nach Schreibpapier und Füller. Mein Blick und mein Verstand wollten abschweifen, aber ich zwang mich, mich zu konzentrieren. Das war ich meiner Familie schuldig. Ich musste noch einen letzten Brief schreiben. Er war an meine Kate gerichtet: zweiundzwanzig Jahre alt, Nase und Bauchnabel gepierct, die kostbarste junge Frau im Universum.

Ich hoffe, Du wirst in Deinem Leben so viel Liebe und Glück finden wie ich bei Deiner Mutter. Du bist meine ganze Freude gewesen. Bleib, wie Du bist, mein geliebtes Kind. Unterschätze Deine Fähigkeiten nicht. Du hast die Macht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Ich hatte zwei Fassungen durchgestrichen und mit einer dritten begonnen, als der Zug seine Geschwindigkeit drosselte und schließlich stehen blieb. Stille. Das Kratzen meines Füllers auf dem Papier hörte sich plötzlich viel zu laut an, und so legte ich ihn aus der Hand. Auf der anderen Seite des Ganges saß ein junger Mann in einem Anzug und raschelte unentwegt mit seiner Chipstüte. Dieses Geräusch macht Kate wahnsinnig. Wäre sie an meiner Stelle gewesen, hätte sie sich vielleicht hinübergebeugt und ihm die Tüte aus der Hand gerissen. Die Frau mir gegenüber schien genauso zu empfinden: Bei jedem Knistern oder Krachen schnalzte sie missbilligend mit der Zunge.

Die Minuten vergingen. Die Temperatur stieg. Die Chipstüte raschelte. Endlich dröhnte die Stimme des Zugbegleiters aus der Lautsprecheranlage: eine Stellwerkstörung offenbar. Er bat im Namen von Anglian Trains um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten.

»Das klingt aber nicht sehr entschuldigend«, bemerkte meine Reisegefährtin. Sie hatte schneeweißes Haar. Ihre Jacke und die Baskenmütze – beides aus purpurrotem Samt – lagen neben ihr auf der Sitzbank. Wir schüttelten beide den Kopf, und ich murmelte: »Komm zurück, gute alte British Rail, alles vergeben und vergessen!« Überall im Wagen waren ähnliche Kommentare zu hören. Der Unmut machte wildfremde Menschen zu Verbündeten. Ich lockerte meinen Schlips und sagte, ich würde mir einen Drink holen, ob ich ihr etwas mitbringen solle?

Sie bedankte sich. Sie sprach sehr laut, wie jemand, der schwerhörig ist, und griff in ihre Handtasche. »Das ist eine wunderbare Idee! Einen Gin Tonic, bitte.«

Als ich zurückkam, hatte der Chipstütenraschler Kopfhörer auf und die Augen geschlossen.

»Werden Sie am Bahnhof abgeholt?«, fragte ich meine Tischgenossin, als wir unsere Gläser füllten. »Sie können gern mein Handy benutzen, wenn Sie jemandem Bescheid sagen möchten.«

»Nein, nein, ich nehme mir ein Taxi.« Sie klappte ein kleines Etui auf und nahm zwei Hörgeräte heraus, die einen hohen Pfeifton von sich gaben, als sie sie einstellte. »Sieht man heute kaum noch«, sagte sie und nickte zu meinem goldenen Federhalter hin. »Richtige Füllfederhalter. Mit richtiger Tinte.«

Ich betrachtete ihn lächelnd. »Den haben mir meine Kinder geschenkt. Zum Geburtstag. Er ist mein ständiger Begleiter. Sie haben sogar meinen Namen eingravieren lassen – da, sehen Sie?«

Ich sah Kate und Simon vor mir. Damals waren sie vielleicht zwölf und achtzehn gewesen. Sie hatten den Füller in Geschenkpapier gewickelt und eine blaue Schleife darum gebunden. Das Band lag immer noch in einer Schublade meines Schreibtischs.

Ich wünschte, es gäbe eine andere Möglichkeit. Ich wünschte, ich müsste sie nicht im Stich lassen.

Meine Mitreisende hatte ihr Strickzeug aus ihrer Tasche geholt. Sie wickelte sich den Wollfaden um den Finger und begann, in atemberaubender Geschwindigkeit mit den Stricknadeln zu klappern. Während sie strickte, redete sie und lachte leise und liebevoll, als sie mir ihren Urenkel Henry und – weit weniger liebevoll – dessen Eltern beschrieb, die, so sagte sie, nur an materiellen Dinge interessiert waren. Sie selbst war neunundachtzig und von Beruf Lehrerin gewesen.

»Meine Frau ist auch Lehrerin«, sagte ich. »Sonderpädagogin. An einer Hauptschule.«

»Tatsächlich? Das ist ein überaus wichtiger Beruf. Aha!« Ein Ruck ging durch den Wagen, und dann fuhr er im Schneckentempo an. »Vielleicht kommen wir heute ja doch noch in London an.«

Vielleicht gelingt es mir heute ja doch noch, meinem Leben ein Ende zu setzen.

»Was wird das?«, fragte ich und deutete mit dem Kinn auf ihre Handarbeit.

»Das da? Ein Pullover für Henry. Wahrscheinlich würde er lieber ein Sweatshirt tragen, mit einer Kapuze dran, damit er randalieren kann und auf den Überwachungskameras nicht zu erkennen ist.«

Ich musste lachen, was sie zu freuen schien. »Wie viele Kinder haben Sie?«, fragte sie.

»Zwei.« Drei, denke ich jedes Mal. Aber ich sage es nicht mehr. Wenn die Leute fragen, was die Kinder heute machen, muss ich das mit Charlotte erklären, und dann kann ich ihnen ansehen, was sie denken. Sie hat doch nur ein paar Minuten gelebt! Wieso zählen Sie sie da überhaupt mit?

»Noch in der Schule?«

»Gott bewahre, nein! Unser zweites Enkelkind ist unterwegs.«

Sie zog die Brauen hoch. »Sie sehen aber jung aus für einen Großvater.«

»Eilish und ich feiern im Oktober unseren dreißigsten Hochzeitstag.«

»Ah, die Perlenhochzeit!«

Meine Düsternis vertiefte sich. »Sie will ein großes Fest geben. Partyzelt, Musikband, Feuerwerk. Die halbe Welt steht auf der Gästeliste. Die Einladungen gehen demnächst raus.«

»Sie Glücklicher.« Ihre trüben blauen Augen waren auf mich geheftet, während ihre Hände sich flink und mechanisch bewegten. Masche aufnehmen, klick, Masche aufnehmen, klick …

»Ja. Ich Glücklicher.«

»Das hört sich aber nicht sehr begeistert an.«

Ich versuchte, die Kraft aufzubringen, ihr zu widersprechen, zu versichern, dass ich mich schrecklich auf das große Ereignis freue, aber es gelang mir nicht. Ich kam mir wie durchsichtig vor. Vielleicht ahnte sie, was ich war.

Eine Fremde im Zug. Wem hätte ich mich besser anvertrauen können als dieser alten Frau, die ich noch nie gesehen hatte und nie wieder sehen würde?

»Ich werde nicht da sein«, sagte ich. »Wenn alles nach Plan läuft, bin ich morgen früh nicht mehr am Leben.«

Ihre Finger hielten mitten in der Bewegung inne. »Darf ich fragen, warum?«

»Weil es Zeit ist. Weil ich am Ende eines sehr langen Weges angekommen bin.«

»Aber Sie haben die Wahl. Es gibt keinen Grund, zu solch drastischen Maßnahmen zu greifen.«

Ich leerte mein Glas in einem Zug. Mein Hals fühlte sich ganz rau an. »Ich bin ein glücklicher Mann, da haben Sie völlig recht«, sagte ich und hustete. »Ein richtiger Glückspilz. Das weiß jeder. Das haben mir die Leute schon bei unserer Hochzeit gesagt und dabei ein richtig erschrockenes Gesicht gemacht, als ob ich sie irgendwie hereingelegt hätte. Und so ist es ja auch: Ich habe sie tatsächlich hereingelegt. Eilish French hätte jeden haben können, aber sie hat sich für mich entschieden. Hier, warten Sie …« Ich tastete in der Innentasche meines Jacketts nach dem Schwarz-Weiß-Foto.

Ich hatte es an einem Winterabend aufgenommen, als ich von der Arbeit nach Hause gekommen und in der Tür zu Eilishs Arbeitszimmer stehen geblieben war. Sie hatte sich über eine mit einer Kinderhandschrift bedeckte Seite gebeugt, ich konnte die Sommersprossen auf ihrer Wange sehen, ihre starken, sicheren Hände. Eine kupferrote Haarsträhne war unter dem Samtband hervorgerutscht und streifte ihren Mund. Es war nur einer von zahllosen Augenblicken unseres gemeinsamen Lebens, wo ihr bloßer Anblick mich regelrecht überwältigte. Die Stereoanlage lief, die Musik füllte das ganze Zimmer aus. Ich konnte die Melodie immer noch hören, sie überlagerte das Rattern des Zugs. Ich summte sie leise vor mich hin. Debussy. Die Musik floss in mich hinein und rührte mich zu Tränen.

Die alte Dame setzte ihre Brille auf, um das Foto zu betrachten. »Ah, ja. Wunderschön.« Sie gab es mir zurück. »Ich nehme an, Sie haben eine Affäre. Wie geschmacklos.«

»Schlimmer. Viel schlimmer. Ich habe ihr seit unserer ersten Begegnung etwas vorgemacht. Ich bin nicht der, für den sie mich hält.«

»Und wer sind Sie dann?«

»Ich …« Ich konnte es ihr nicht sagen. Dazu schämte ich mich viel zu sehr. »Sie können mir glauben. Wenn Eilish die Wahrheit erführe, würde sie das umbringen.«

»Und Sie meinen, wenn Sie sich umbringen, wird das ein Glückstag für sie sein?«

»Sie denken, ich bin ein Egoist. Und ein Feigling.«

»Hm«, machte sie nachdenklich und legte den Kopf zur Seite. Dann fing sie an, die Reihen ihrer Strickarbeit zu zählen, und ich starrte wieder aus dem Fenster.

Meine Gedanken schweiften in die Vergangenheit. Es war an meinem fünften Geburtstag. Ich war auf den hohen Baum im Garten vor dem Haus geklettert, bis in den Wipfel hinauf. Der Stamm schwankte im Wind leicht hin und her, aber ich hatte keine Angst. Ich hatte mir beim Hochklettern das Knie aufgeschürft, und jetzt lief ein blutiges Rinnsal an meinem Bein hinunter in meine Socke. Von hier oben konnte ich über den Garten und die Scheunen bis ans andere Ende der Farm schauen. Im Haus fand mir zu Ehren eine Party statt. Meine Mutter hatte alle Jungs aus meiner Klasse eingeladen. Ich war weggerannt. Ich wollte keine Party. Ich wollte die Jungs nicht dahaben. Ich wollte nicht ich sein.

Schließlich entdeckte sie mich in meinem Versteck. Ich konnte das helle Oval ihres Gesichts sehen, konnte ihre vor Panik schrille Stimme hören. Luke! O mein Gott, o mein Gott! Halt dich gut fest, hörst du?

Du brauchst dich nicht festzuhalten, wisperte mir eine andere Stimme ins Ohr. Du könntest auch einfach loslassen. In meiner Fantasie sprach eine verkleidete Gestalt mit einem roten Mund wie ein Schmetterling zu mir. Es war meine erste Begegnung mit DEM GEDANKEN, und er hatte mich von da an nie mehr verlassen. Während andere Kinder unsichtbare Freunde hatten, die sie zum Naschen verleiteten, drängte meiner mich, ich solle mich vor einen Lastwagen werfen oder eine von Dads Schusswaffen gegen mich richten. Mach Schluss, flüsterte er jeden Morgen, wenn das einsame Kind – der bedrückte Jugendliche, der verzweifelte Erwachsene – die Augen aufschlug und eine Welt erblickte, in der er fehl am Platz war. Nie wieder Luke sein! Nie wieder überhaupt sein.

In diesem Moment sprach mein unsichtbarer Freund wieder zu mir, ich konnte ihn hören.

»Geben Sie nicht auf«, sagte die alte Dame mir gegenüber und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich hatte sie völlig vergessen.

»Ich weiß, Sie meinen es gut, das ist sehr nett von Ihnen. Aber Sie wissen rein gar nichts über mich.«

»Vielleicht weiß ich, wie Ihre Frau sich fühlen wird.«

»Das ist das Beste, was ich für sie tun kann.«

»Das bezweifle ich.«

Ich beugte mich näher zu ihr, weil ich ihren Segen wollte. »Jetzt ist der richtige Zeitpunkt«, sagte ich. »Mein Vater ist gestorben. Er brauchte mich, also bin ich geblieben. Aber jetzt ist er nicht mehr da. Unsere Kinder sind erwachsen. Eilish ist eine starke Frau, und finanziell ist alles geregelt. Sie wird ein sehr angenehmes Leben führen können.«

Die alte Dame sah mich streng an, die Stirn in tiefe Falten gezogen. »Dann denken Sie wenigstens an den armen Menschen, der Sie von den Bahngleisen kratzen oder aus der Themse ziehen muss.«

»Nein, nein, das wird nicht passieren. Ich habe alles, was ich brauche, in unserer Londoner Wohnung. Es wird eine saubere Sache sein. Ich werde es so einrichten, dass ich von jemandem gefunden werde, dem das nichts ausmachen wird. Er hat früher einer Eliteeinheit angehört.«

»Ich vermute, auch ein ehemaliger Elitesoldat hat Gefühle.«

»Dieser nicht. Und in meinem Fall schon gleich gar nicht, weil er mich nicht besonders gut leiden kann.«

Sie strickte schweigend ein paar Reihen, bevor sie einen weiteren Versuch unternahm. »Aber Sie sind sich nicht sicher, nicht wahr? So, wie Sie von Ihrer Familie, Ihrer Frau gesprochen haben … Die Ambivalenz ist unüberhörbar.«

Sie hatte recht. Meine Familie. Eilish. Ich spürte, wie es mir die Kehle zuschnürte.

»Mein Mann hat einmal einen Fehler gemacht«, sagte die alte Dame und ließ ihr Strickzeug sinken. »Er arbeitete für eine Stiftung. Er hat die Bücher frisiert und Geld für die Schulgebühren unserer Kinder unterschlagen, obwohl er mir nie gesagt hatte, dass wir knapsen mussten. Sie hätten doch auch auf eine öffentliche Schule im Ort gehen können, davon wäre die Welt bestimmt nicht untergegangen! Er wollte alles zurückzahlen, er glaubte fest daran, dass seine Pechsträhne bald zu Ende sein würde, aber das war nicht so. Er dachte an die Schande, die er über uns alle bringen würde, wenn er ins Gefängnis käme. Er malte sich aus, was die Zeitungen schreiben würden. Er konnte an nichts anderes mehr denken. Also ist er mit dem Auto zu einem abgelegenen Platz gefahren, hat den Motor laufen lassen und die Abgase ins Wageninnere geleitet.« Sie griff in ihre Handtasche, zog ein geblümtes Taschentuch heraus und drückte es an die Nase.

»Das tut mir sehr leid«, sagte ich betroffen.

»Ja, mir hat es auch leidgetan. Und unseren Kindern. Und seinen armen Eltern. Er war achtunddreißig Jahre alt. Glauben Sie, dass wir ihm dankbar waren? Glauben Sie, dass wir auch nur eine Sekunde an Geld dachten, als wir ihn beerdigt haben? Glauben Sie, dass ich heute, mit fast neunzig, einen Gedanken daran verschwenden würde?«

»Nein.«

»Ganz recht. Nicht den Geringsten.« Selbst nach so vielen Jahren konnte ich die Wut in ihrer Stimme heraushören. »Ich will nicht bestreiten, dass es hart gewesen wäre – vielleicht hätte ich mich sogar scheiden lassen, obwohl ich das bezweifle, – aber er wäre wenigstens am Leben geblieben und hätte seine Tochter zum Traualtar führen können. Möchten Sie Ihre Tochter nicht auch eines Tages zum Altar führen?«

Bei dem Gedanken an Kate mit einem weißen Brautschleier musste ich unwillkürlich lächeln. »Sie gehört nicht zu den Mädchen, die von einer Hochzeit ganz in Weiß träumen.«

»Meine Tochter schon, aber ihr Vater hat es nicht mehr erlebt. Er hat keinen Ausweg mehr gesehen. Das stand in seinem Abschiedsbrief. Kein Ausweg. Keine andere Lösung.« Tadelnd schüttelte sie den erhobenen Zeigefinger gegen ihren längst verstorbenen Mann. »Hätte er mich gefragt, hätte ich ihm gesagt, dass es immer eine Lösung gibt!«

»Nein, für mich nicht.«

»Oh doch, auch für Sie!«, erwiderte sie heftig. Es klang fast wie ein Aufschrei. »Fünfzig Jahre sind vergangen, seit Jonathan mich verlassen hat. Meine Kinder, meine Enkel, wir alle leiden unter dieser schrecklichen Tat. Seine Eltern haben sich nie von dem Schock erholt. Der Kummer hat sie umgebracht. Ich sage Ihnen, wenn ich ihn eines Tages im Himmel wiedersehe, verpasse ich ihm einen ordentlichen Tritt in den Allerwertesten!«

»Das tut mir leid für Sie. Es tut mir aufrichtig leid.«

Sie schloss langsam die Augen, als hätte ich sie gelangweilt. Dann sagte sie: »Haben Sie jemand ermordet?«

»Nein.«

»Haben Sie jemand vergewaltigt oder verstümmelt oder gefoltert?«

»Nein.«

»Nun denn. Was für ein ›Verbrechen‹ Sie auch immer begangen haben, Ihre Frau hat das Recht, es zu erfahren.«

Die seit Jahrzehnten zurückgehaltenen Tränen brannten mir in den Augen. Eilish war meine engste Vertraute. Sie kannte mich besser als irgendjemand sonst auf der Welt. Mein größter Wunsch war, mich ihr anzuvertrauen.

»Sie würde mich für ein Ungeheuer halten.«

»Sind Sie denn eins?«

Die Tür am Ende des Wagens glitt auf, und der Schaffner kam herein. »Die Fahrkarten, bitte! Bitte die Fahrkarten bereithalten!«, rief er und weckte damit den Chipstütenraschler. Die alte Dame packte ihren Unmut weg, schürzte die Lippen und griff wieder zu ihrem Strickzeug. Ich beendete meinen Brief an Kate und steckte ihn in einen Umschlag, auf den ich ihren Namen schrieb.

Als der Zug in die Liverpool Street einbog, stand ich auf und nahm unser Gepäck aus dem Gepäcknetz. Ihre Tasche war klein und wog praktisch nichts. Die alte Dame bedankte sich kühl, während sie in ihre Jacke schlüpfte.

»Kommen Sie, ich trage Ihnen die Tasche zum Taxistand«, sagte ich.

»Lassen Sie Ihre wunderschöne Frau nicht allein. Lassen Sie sie nicht mit unbeantworteten Fragen zurück. Und voller Zorn und Schuldgefühle. Sie hat etwas Besseres verdient. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede.«

*

Es war ein Freitag, und im Bahnhof herrschte ein entsprechendes Gedränge. Wir kamen nur langsam auf dem Bahnsteig voran. Die alte Dame war trotz ihres Stocks erschreckend unsicher auf den Beinen. Ich hatte Angst, sie könnte jeden Moment vornüberkippen. Ich begleitete sie zum Taxistand und wartete unter dem Vordach mit ihr, bis wir an der Reihe waren.

Als ich ihr beim Einsteigen half, umklammerte sie meinen Arm. »Sie werden weiterleben, nicht wahr? Versprechen Sie mir, dass Sie weiterleben werden!«

Keine Antwort von mir. Kein Versprechen.

»Da ist ein Gully«, fuhr sie fort, als sie vorsichtig Platz nahm. »Da, direkt neben Ihnen. Werfen Sie Ihre Wohnungsschlüssel da rein. Geben Sie sich noch ein bisschen mehr Zeit.«

Ich dankte ihr noch einmal für ihre Freundlichkeit, und wir verabschiedeten uns. Ich blieb unschlüssig stehen, während ihr Taxi sich langsam entfernte. In der Schlange hinter mir standen drei gestylte Frauen: glitzernde Ohrringe, High Heels, schwingende Röcke. Vielleicht hatten sie sich fürs Theater so fein gemacht. Eine mit Abgasen, dem Geruch von heißem Asphalt und hochsommerlicher Trockenheit vermischte Parfümwolke stieg mir in die Nase. Die drei hatten vertraulich die Köpfe zusammengesteckt – Frauen können das auf eine Art und Weise, wie Männer das nie fertigbringen – und redeten sehr schnell, ohne ihre Sätze jemals zu beenden; anscheinend war das nicht nötig. Plötzlich lachten alle drei lauthals los, und ich spürte den vertrauten Schmerz des Neides.

Der Strick wartete auf mich. Die Schlinge hatte ich bereits geknüpft, ich hatte die Knoten genauso gebunden, wie man es machen musste. Wirklich erstaunlich, was man im Internet alles finden kann, zum Beispiel eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für alle nur denkbaren Arten, sich das Leben zu nehmen. Ich hatte schon eine E-Mail an Bruce geschrieben, den ehemaligen Elitesoldaten und heutigen Immobilienverwalter, der vielleicht Gefühle hatte oder auch nicht. Ich brauchte sie nur noch abzuschicken. Bis er mich gefunden hätte, wäre es längst zu spät.

Als Nächstes war ich an der Reihe. Es war nur eine kurze Fahrt bis zu meiner Wohnung. In spätestens einer Stunde würde ich frei sein.

Meine Zeit war gekommen. Jetzt. Heute Abend.

Ich griff in meine Jackentasche und schaltete mein Handy aus. Ich konnte es nicht ertragen, jetzt Eilishs Stimme zu hören. Zwei schwarze Taxis rollten an den Bordstein, und das erste hielt vor mir an. Als ich meine Hand auf den Türgriff legte, konnte ich das Vibrieren des Motors unter meinen Fingern spüren.

Rings um mich her brodelte das Leben. Die drei Frauen winkten das zweite Taxi heran. Als sie die Tür aufrissen und in den Fond kletterten, erhaschte ich einen Blick auf hochhackige Absätze und schwingende Röcke. Mein Fahrer beugte sich aus dem Fenster und sagte etwas.

»Wie bitte?«, fragte ich.

Ich konnte sehen, dass er redete, aber ich hörte ihn nicht. Die Wolken über mir wogten und bauschten sich. Ich sah Eilish im Garten bei den Rosen. Sie hatte sich einen Seidenschal um die Haare gebunden, und sie war allein. Sie war allein.

Es fing an zu regnen.

ZWEI

Eilish

Ich spürte die ersten Regentropfen auf meinen Armen. Es war ein sanftes, beglückendes Gefühl; wie eine Liebkosung.

Als mir das Benzin für den Rasenmäher ausging, machte ich mir einen Becher Tee und setzte mich dann auf die Holzbank auf der Terrasse. Hinter mir rankte sich das Geißblatt in duftenden Trauben an der alten Mauer der Scheune hoch. Ein Blütenblatt fiel in meinen Teebecher, aber das störte mich nicht. Die Luft war erfüllt von den Gerüchen des Sommers, die durch den Regen noch verstärkt wurden. Das Leben war schön. Das Schuljahr war endlich zu Ende. Ich hatte es überstanden und den Nachmittag glücklich und zufrieden im Garten damit verbracht, die Wiese zu mähen.

Luke hatte die Bank vor ungefähr zwanzig Jahren, als die Kinder noch klein waren, gezimmert. Wenn wir dort saßen, den Rücken an die Mauer gelehnt, konnten wir sie im Auge behalten, ohne sie in ihrem Spaß zu stören. Sie und die anderen, die zu ihrer Bande gehörten, legten Höhlen in den Sträuchern am Teich an. Wir konnten ihr Gekicher hören, wenn sie ungezogene Lieder sangen, und ihr Gejohle, wenn sie auf dem Kriegspfad waren. Im weinroten Laub des Ahorns hinter der Terrasse hüpften Vögel herum. Das war Charlottes Baum. Eines Tages würde er ein großer, prachtvoller Baum sein, sagten wir zueinander, als wir ihn in sein Bett im Erdreich pflanzten. Charlottes Großneffen und -nichten würden ihre Schaukeln an seinen Ästen aufhängen.

Luke hatte vom Zug aus angerufen und gesagt, dass seine Konferenz zu Ende sei. Die Verbindung war mitten im Satz abgebrochen – wahrscheinlich war der Zug in einen Tunnel gefahren. Luke hatte sich nicht wieder gemeldet, aber ich hatte auch nicht damit gerechnet. Er hasst es, in der Öffentlichkeit zu telefonieren und die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Trotzdem war ich irgendwie beunruhigt. Er hatte so ernst geklungen, so sorgenvoll. Ich würde unsere Ehe als sehr glücklich bezeichnen, aber Luke war nicht immer ein glücklicher Mensch.

Unsinn. Ich schüttelte mich, und der Tee schwappte aus meinem Becher. Worüber sollte er sich im Moment Sorgen machen? Das Leben hätte nicht besser sein können! Die Hypothek war abbezahlt, die Kinder standen sicher auf eigenen Füßen. Bald würden wir unseren dreißigsten Hochzeitstag feiern, und wir planten ein großes Fest. Und das Beste: Im kommenden Frühjahr hatten wir für uns beide eine Auszeit von drei Monaten organisiert, die wir in einer Villa in der Toskana verbringen würden. All diese Dinge sagte ich mir und ignorierte hartnäckig die Kälte, die sich in meinem Bauch breitmachte.

Urplötzlich öffnete der Himmel seine Schleusen. Regentropfen platschten in meinen Becher. Ich ließ den Rasenmäher stehen, wo er war, und flüchtete ins Haus. Ich schlüpfte aus meinen grasverklebten Schuhen und trat durch die Flügeltüren in die Küche. In der Hoffnung, dass er inzwischen in der Wohnung war, rief ich Luke an, erreichte aber nur seine Mailbox. Wahrscheinlich saß er noch in der U-Bahn.

Trotz des Regens war es warm draußen. Wäre Luke zu Hause gewesen, hätten wir uns, jeder mit einem Regenschirm, auf die Holzbank gesetzt und zusammen eine Flasche Wein getrunken. Er sagte immer, wir sähen aus wie zwei alte Bauersleute vor ihrer Holzhütte. Egal, ich hatte noch nie Angst vor der Einsamkeit, und morgen war ja auch noch ein Tag.

Der Himmel wurde dunkel. Es regnete in Strömen.

Kate

Sie traute ihren Augen nicht.

»Du Dreckskerl!«, schrie sie, den Blick fassungslos auf das Display gerichtet. »Du hinterlistiges, diebisches Arschloch!«

Der Geldautomat war nicht beleidigt. Er wollte wissen, ob sie eine weitere Transaktion durchzuführen wünsche. Nein, gab sie ihm zu verstehen, sie wolle keine weitere verdammte Transaktion, sie wolle ihr Geld. Der Automat spuckte ihre Karte wieder aus.

In der Schlange hinter ihr wartete ein Mann. Sie konnte ihn leise lachen hören, und sein Gesicht spiegelte sich im Display des Bankautomaten. Der Mann hatte einen lächerlichen Schnurrbart. Warum hatten Versager eine solche Vorliebe für Oberlippenbärte?

»Überzogen, was?«, bemerkte er, als ob sie gute Freunde wären.

Achtung, Idiotenalarm!

»Sieht aus, als hättste im Urlaub zu viel ausgegeben«, fuhr er fort. »Zu viele Piña Coladas in Nachtclubs.«

»Ach, leck mich doch.«

Ein beleidigtes Schweigen folgte, dann grummelte er: »Kein Grund, mich so anzublaffen.«

»Kein Grund, dass du dich als Klugscheißer aufführst«, gab sie zurück und stapfte zum Gepäckförderband, wo ihr Rucksack gerade zwischen den Gummistreifen herausglitt.

Schnurrbart hatte offenbar seine beiden Hirnzellen angestrengt, um sich eine Beleidigung auszudenken, weil er ihr hinterherkam, als sie zum Zoll hinüberging.

»Pass auf, dass du nicht die Metalldetektoren auslöst«, sagte er spöttisch, »mit dem Eisenwarenladen in deinem Gesicht.«

Dem Eisenwarenladen? Sie hatte sich den Nasenflügel mit einem kleinen Granatstecker gepierct. Einem einzigen! Das war alles. Und das war bei Weitem nicht so abstoßend wie diese Igelborsten unter seiner Nase. Sie zeigte ihm ihren Mittelfinger und schrieb mit der anderen Hand eine SMS.

Was ist denn mit dem Konto los, verdammt???

Sie ging gerade an den verspiegelten Wänden des Zolls vorbei, als sie auf »Senden« drückte. Sie stellte sich uniformierte Beamte mit Gummihandschuhen und wachsamem Blick vor. Aber vielleicht waren sie ja gar nicht so wachsam, vielleicht tranken sie Kaffee und spielten Karten, während Tausende vorbeiströmten, die Koffer voller Heroin und exotischer Vögel hinter sich herzogen.

Bei Owens Antwort klappte ihr der Unterkiefer herunter.

Hab mir deinen Anteil an der Miete genommen.

Sie blieb abrupt stehen und feuerte zurück.

Schwachsinn! Ich war ja wochenlang nicht da.

Du hast mir nicht gekündigt, schrieb er zurück, deshalb hab ich Anspruch darauf. Ich hab deine Sachen in Müllsäcke gepackt. Hol sie bitte so bald wie möglich ab, sie sind mir im Weg. Außerdem hab ich ein ruiniertes Hemd. Tierarztrechnungen. Willkommen zu Hause übrigens.

So weit war es also gekommen mit ihrer großen Liebe. Es war noch nicht so lange her, da hatten sie und Owen praktisch keine Nacht getrennt verbringen können, ohne miteinander zu telefonieren. Sie waren wie ein altes Ehepaar gewesen – jetzt, wo sie darüber nachdachte, im Grunde wie Mum und Dad –, bis auf einmal alles schiefging. Sie hatte gehofft, sie könne den Bruch kitten, wenn sie aus Israel zurück war. Aber jetzt, allmächtiger Gott, jetzt hätte sie Owen am liebsten umgebracht. O ja, sie hätte ihn mit dem größten Vergnügen erwürgen können. Ihre Daumen flogen über die Tasten.

TIERARZTRECHNUNGEN???

Er unterhielt sich offensichtlich prächtig.

Baffy hat Hühnerknochen aus Mülleimer gefischt, Splitter in Darm, Infektion, fast gestorben, Not-OP kostet ein Vermögen. Auch dein Hund, schon vergessen?

Na ja, da hatte er recht, irgendwie.

Sie betrat die Ankunftshalle des Flughafens Heathrow. Kein Mensch da, der einen abholt, dachte sie bitter. Man kommt sich vor wie ein überzähliger Arsch auf einer Hochzeit. Alle anderen hatten offenbar Fans, die sie hinter den Absperrungen kreischend begrüßten. Erst wurde sie fast über den Haufen gerannt von Verwandten, die sich unter Tränen in die Arme fielen, dann musste sie einem knutschenden Pärchen ausweichen. Macht das gefälligst zu Hause! Sie kam sich vor wie eine Komparsin in der Anfangsszene von Tatsächlich … Liebe.

Sie war einen Tag früher zurückgeflogen als die anderen Mitglieder des Ausgrabungsteams, damit sie rechtzeitig zu der Party von Mathis und John wieder da war. Aber als sie jetzt zum Zug ging, bereute sie ihren Entschluss. Sie hatte Mathis und John sehr gern, und sie liebte Partys, aber sie hatte sechs Wochen in einem Zelt geschlafen und keine sauberen Klamotten mehr. Es war ein langer Flug gewesen, der mit einem leer geräumten Bankkonto geendet hatte. Die ganze Nacht durchzumachen, sich volllaufen zu lassen und dann auf einem Sofa zwischen leeren Flaschen einzuschlafen, war das Letzte, wonach ihr im Moment der Sinn stand.

Ohne ihren Rucksack abzunehmen, hockte sie sich wie eine Schildkröte auf eine Bank auf dem Bahnsteig und scrollte zur Handynummer ihres Vaters. Er war genau der Richtige, wenn sie ihrem Ärger über Owen Luft machen wollte. Kate und er waren alte Verbündete. Auf Dad war Verlass. Er würde sofort auf die Parteilinie einschwenken und bestätigen, dass Owen ein gestörtes Sozialverhalten hatte. Ihre Mutter hatte die unangenehme Angewohnheit, nachzuhaken und – Gott bewahre! – eventuell sogar anzudeuten, dass Kate im Unrecht sein könnte.

»Hier ist der Anschluss von Luke Livingstone. Drücken Sie die Vier, wenn Sie in mein Büro bei Bannermans durchgestellt werden möchten, oder hinterlassen Sie bitte eine Nachricht.«

Kate lächelte. Typisch Dad, immer höflich und freundlich. Einige ihrer Freunde hielten ihn für schrecklich reserviert, aber das war er nicht. Das Gegenteil war der Fall – wenn man seine Tochter war.

Sie rief zu Hause an und hoffte, er würde drangehen.

»Eilish am Apparat.«

Mist! »Hi, Mum. Bin ein bisschen in Eile, ich wollte nur …«

»Kate, Schatz! Wo bist du?«

»Noch in Heathrow.«

»Wie war die Ausgrabung?«

»Faszinierend. Heiß. Ich hab ein paar hundert Fotos gemacht. Ich werde euch damit langweilen, wenn wir uns sehen. Äh … ist Dad auch da?«

Kate konnte hören, dass ihre Mutter mal wieder mehrere Dinge gleichzeitig tat: Sie ließ Wasser in den Teekessel laufen, und wahrscheinlich hatte sie sich das Telefon zwischen Kinn und Schulter geklemmt.

»Er übernachtet heute in der Wohnung«, sagte sie. »Und du fährst bestimmt gleich zu Owen. Oder hat er dich am Flughafen abgeholt?«

Kate dachte an Owens Wohnung und die Müllsäcke, in die ihre Sachen gestopft waren. Er würde lauern wie eine Moräne in ihrer Felsspalte und darauf warten, dass sie kam, damit er seine Psychospielchen mit ihr spielen konnte. Plötzlich sehnte sie sich danach, wieder bei ihren Eltern zu wohnen, Kuschelsocken zu tragen, mit ihrer Mutter Tee in der Küche zu trinken und mit ihrem Vater über Blackadder zu lachen.

»Äh, vielleicht komm ich morgen nach Hause. Wenn wir am Sonntag Grandpas Baum pflanzen, muss ich doch sowieso da sein. Ich komm einfach einen Tag früher.«

»Das ist ja wunderbar! Toll! Owen auch?«

»Nein.«

»Wir würden uns aber freuen.«

»Er hat zu viel zu tun.«

Kate konnte förmlich hören, wie die Antennen ihrer Mutter zu rotieren begannen. Diese Frau verfügte über eine geradezu unheimliche telepathische Begabung. Als Kate mit dreizehn ihre erste Zigarette geraucht hatte, hatte ihre Mutter es sofort gemerkt. Wie, war Kate absolut schleierhaft, weil sie mindestens zehn Minuten mit Mentholmundwasser gegurgelt hatte. Ihre Mutter war regelrecht ausgerastet und hatte ihr das Taschengeld für einen Monat gestrichen. Ihr eigener Vater war an Lungenkrebs gestorben, deshalb war ihre Reaktion verständlich. Sie war auch dahintergekommen, dass Kate in der Schule gemobbt wurde, und zur Klassenlehrerin gestürmt. Das hatte alles zwar nur noch schlimmer gemacht, aber Kate war ihr dankbar gewesen, weil sich ihre Mutter für sie eingesetzt hatte.

»Alles in Ordnung zwischen dir und Owen?«, fragte Eilish jetzt.

»Was sagst du? Der Zug kommt. Ich versteh kein Wort!«

»KANNST … DU … MICH … JETZT … VERSTEHEN?«, brüllte Eilish aus vollem Hals.

»Hat keinen Zweck, Mum. Ich ruf morgen wieder an. Mach’s gut, Mum.«

Das ist mal wieder typisch, grollte Kate im Stillen, während sie durch den Waggon schlingerte und den Leuten dabei ihren Rucksack ins Gesicht klatschte. In ihren Augen ist Owen ein Heiliger, ausgeschlossen, dass er irgendwas falsch macht, dieser blöde Sack.

Das war ihr letzter zusammenhängender Gedanke, bevor sie, den Kopf auf der Schulter des japanischen Touristen neben ihr, einschlief.

DREI

Luke

Der Boden bebte. Eine U-Bahn donnerte unter meinen Füßen hindurch. Die Hausschlüssel schnitten mir in die Hand. In der Dunkelheit und dem Regen gaben sie mir Sicherheit. In der Wohnung war alles vorbereitet, deshalb klammerte ich mich an die Schlüssel. Ich hatte keine Angst vor dem Sterben. Ich hatte Angst vor dem Leben.

Anstatt in das schwarze Taxi einzusteigen, war ich in den Regen hinausgetreten und zu Fuß gegangen. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich jetzt unterwegs war, und es war mir auch egal. Was spielte Zeit schon für eine Rolle? Ich existierte nicht im geschäftigen Gewimmel der Menschen. Ich fühlte mich so sehr wie ein Geist, dass ich versehentlich mit einer Gruppe Anzugträger zusammenstieß, die sich rauchend unter der tropfenden Markise einer Bar in der Nähe des Barbican Centre drängten. Zum Glück waren sie in bester Wochenendlaune. Sie dachten anscheinend, ich hätte einen über den Durst getrunken, und boten mir sogar eine Zigarette an.

Ich war hin- und hergerissen. Wenn ich den Tod wählte, wäre Eilish am Boden zerstört, und wenn ich ihr die Wahrheit sagte, würde sie daran zerbrechen. Egal, wie ich mich entschied, ich würde sie verlieren. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Sie finden das vielleicht nicht nachvollziehbar, aber, glauben Sie mir, es gab keinen anderen Weg. Ich hatte in Gedanken alles immer wieder durchgespielt und hin und her gedreht, aber das war letztlich der Schluss, zu dem ich gelangt war.

Die Kneipen leerten sich, der Verkehr floss spärlicher. Verstopfte Gullys verwandelten die Straßenrinnen in schlammige Bäche, durch die ich watete. Die Leute musterten mich, als ich an ihnen vorbeiging, und wunderten sich über meine durchnässte Kleidung und meine Ziellosigkeit. Die Reisetasche, deren Riemen ich mir über die Schulter geschoben hatte, und die Aktenmappe in der anderen Hand schienen immer schwerer zu werden. Ich überlegte, ob ich die Reisetasche in einen Müllcontainer werfen sollte, doch es waren Dinge darin, die nicht gefunden werden sollten. Ich würde sie sorgfältiger beseitigen müssen, bevor ich meinem Leben ein Ende setzte.

Es war weit nach Mitternacht. Ich hatte eine Blase an der rechten Ferse, aber ich hinkte weiter. Busse, deren Scheibenwischer eifrig hin und her schwenkten, brachten Freitagabendpartygänger nach Hause, als ich in die Thurso Lane einbog.

Gut gemacht!, schnurrte DER GEDANKE liebevoll, als gelte es, ein müdes kleines Kind auf einer langen Reise aufzumuntern. Wir sind fast da. Bald kannst du die ganze Last, die du getragen hast, ablegen. Du kannst den Baum loslassen, endlich.

Es schüttete wie aus Kübeln, als ich die Stufen zu der Souterrainwohnung hinunterstieg. Ich ließ meine Taschen neben der Mülltonne fallen. Die Außenbeleuchtung erwachte flackernd zum Leben, und die Regentropfen glitzerten im Licht. Mir lief das Wasser übers Gesicht.

Ich öffnete zuerst das Riegelschloss, dann das Sicherheitsschloss darüber.

»Da wären wir also«, sagte ich laut.

Ich hatte mich entschieden. Ich würde nicht miterleben, was weiter aus Kate wurde oder aus Simon. Ich würde meine Enkelkinder nicht aufwachsen sehen. Ich würde nicht mit Eilish alt werden. Vielleicht würde sie den Rest ihres Lebens zornig sein, so wie die Frau im Zug. Aber war das nicht die bessere Alternative? Wahrscheinlich schon.

Das Sicherheitsschloss drehte sich mit einem leisen Klicken. Die Tür gab dem Druck meiner Hand nach. Die Außenbeleuchtung erlosch.

VIER

Eilish

Nachdem Kate aufgelegt hatte, vollführte ich einen kleinen Freudentanz. Endlich ein Hoffnungsschimmer am Horizont! Luke und ich konnten Owen nicht leiden, wir gaben uns zwar allergrößte Mühe, uns nichts anmerken zu lassen, aber unsere Abneigung gegen ihn war mit jeder Begegnung gewachsen. Er hatte so etwas Nichtssagendes, Unscheinbares an sich, das mich rasend machte. Kate war ein Freigeist, und dieser Mensch nahm ihr die Luft zum Atmen, so sehr klammerte er und versuchte, sie mit seiner Ich-Armer-ich-hatte-ja-so-eine-schwere-Kindheit-Masche zu manipulieren. Er hatte sogar einen wilden kleinen Hund aus dem Tierheim geholt, damit sie Familie spielen konnten. Kate war prompt darauf hereingefallen (»Er war noch nie in seinem Leben glücklich, Mum«), aber Luke und ich hatten ihn sofort durchschaut. Wir lebten in ständiger Angst, dass als Nächstes ein richtiges Baby unterwegs sein würde.

Es war wirklich nicht zu fassen. Schon als Teenager war Kate eine Feministin vom alten Schlag gewesen. Wäre Owen ein Rugby spielender Banker mit kantigem Kinn und einem Range Rover gewesen, hätte sie ihn nicht einmal mit der Kneifzange angefasst. Was für eine Ironie, dass jetzt ein bedauernswerter, dominanter junger Mann über ihr Leben bestimmte, als wäre er ein mächtiger Gangsterboss.

Ich summte ein paar Takte von Goodbye Yellow Brick Road vor mich hin, während ich den Salat aus einer Tüte schüttelte und die Lasagne vom Vortag aufwärmte. Mm-hm! Nicht mehr lange, und Owen würde Geschichte sein. Ich konnte es kaum erwarten, Luke die gute Nachricht zu erzählen, wenn er anrief.

Aber er rief nicht an. Ich versuchte es alle halbe Stunde, erreichte aber jedes Mal nur seine Mailbox. Vielleicht war der Akku leer. Das Ladegerät lag hier in der Küche.

Nach dem Abendessen setzte ich mich an meinen Sekretär und machte mich daran, die Einladungen für unser Fest zu entwerfen. Um Mitternacht hatte ich noch immer nichts von Luke gehört. Ich ging ins Bett und las noch eine Weile. Ich trug den honigfarbenen Unterrock, den er mir zu unserem letzten Hochzeitstag geschenkt hatte. Er war tatsächlich höchstpersönlich in die Damenwäscheabteilung des House of Fraser gegangen und hatte ihn eigenhändig ausgesucht und gekauft. Wenn das nicht mutig war! Ein einzelner Mann, ein Außerirdischer zwischen all diesen zupackenden Verkäuferinnen mit ihren Push-up-BHs, üppigen Dekolletés und falschen Wimpern. Luke war so stolz gewesen.

Ich knipste das Licht aus, langte auf die andere Seite des Betts hinüber, zog sein Kissen zu mir heran und stopfte es mir unter den Kopf. Ich schnappte es mir immer, wenn Luke nicht da war. Es roch nach ihm: nach Deodorant, Seife und eben nach Luke. Wenn ich mich schon nicht an den Mann kuscheln konnte, wollte ich wenigstens sein Kissen drücken.

Tausend kleine Bäche liefen unregelmäßig über das Dachfenster. Luke hatte darauf bestanden, es genau über unserem Bett einsetzen zu lassen. »Ich werde daliegen und zu den Sternen raufschauen«, hatte er gesagt. »Es wird ein Privileg sein, nicht schlafen zu können.«

Kurz bevor ich einschlief, hörte ich die Schlafzimmertür knarren.

»Untersteh dich, Casino«, murmelte ich. »Herrchen ist nicht da.«

Ein Gewicht landete auf meinen Beinen, gefolgt von leichten Tritten und einem behaglichen Schnurren. Dieser verdammte Kater! Na gut, es war schön, Gesellschaft zu haben. Ich tastete nach meiner Lesebrille auf dem Nachttischchen und warf einen Blick auf mein Telefon. Keine Nachricht. Kein entgangener Anruf. Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Luke war inzwischen sicher in unserer Stadtwohnung und schlief schon. In meinem Magen wurde es noch ein wenig kälter.

Ich lag lange wach und starrte durch die Wasserschlieren auf dem Dachfenster zu der verschwommenen, leuchtenden Scheibe des Mondes hinauf. Unser kleines, ungünstig geschnittenes Schlafzimmer war unter die Dachschräge der Scheune gequetscht. Charlotte war in diesem Zimmer zur Welt gekommen. In diesem Bett. Wo sie auch wenige Minuten später gestorben war. Auch ein Teil von Luke und mir war damals eine Weile wie tot gewesen. Ich kann verstehen, warum Beziehungen an persönlichen Tragödien zerbrechen: Trauer und Schmerz überschatten die Liebe für lange, lange Zeit. Aber Luke und ich blieben zusammen. Die Verzweiflung, die wir gemeinsam durchlebt hatten, schmiedete uns am Ende noch fester zusammen.

Ein Schwall Regentropfen prasselte auf das Dachfenster. Ich konnte die dunklen Umrisse von Lukes Pullover mit dem Zopfmuster und seiner Jeans auf dem Stuhl neben dem Bett erkennen. Die Sachen hatte er am Tag vor seiner Abreise getragen, als wir ganz nah nebeneinander, sodass unsere Hände sich manchmal berührten, durch die vertraute Landschaft von Gareth’s Farm geschlendert waren. Große Heurollen lagen in unregelmäßigen Abständen auf den Feldern. Als wir auf der Fußgängerbrücke stehen blieben, uns auf das Geländer stützten und in den trägen Fluss hinunterschauten, tat Luke etwas völlig Unerwartetes.

»Ich liebe dich«, sagte er und rieb seine Stirn an meiner. »Ich danke dir.«

Wir sprachen nicht oft von Liebe. Wozu auch? Luke und ich waren ein Paar – wir ergänzten uns perfekt. Ich glaube, keiner von uns fühlte sich ohne den anderen vollständig. Warum also große Worte machen? Nur Teenager und Filmstars müssen ständig über Liebe reden.

»Gern geschehen«, antwortete ich und strich ihm übers Haar. Ich liebte die Art, wie es sich blauschwarz und mit Spuren von Silber über seine Ohren schmiegte, wie der Flügel eines Vogels. »Ich habe zwar keine Ahnung, wofür du dich bedankst, aber ich habe es definitiv verdient.«

Etwas hatte sich verändert. Die Welt war düster geworden. Der Regen prasselte plötzlich tosend herunter, lauter als Maschinengewehrfeuer, und der Fluss hatte sich in einen schlammigen, reißenden Strom verwandelt. Luke stand im Wasser, die Strömung riss an ihm. Ich schnappte einen alten Autoreifen, der im Morast lag, und schleuderte ihn in den Fluss, aber Luke machte keine Anstalten, danach zu greifen. Schwimm, schwimm doch, schrie ich, doch er reagierte nicht. Wasser lief ihm übers Gesicht, als er mit seinen dunklen Augen an mir vorbei auf irgendetwas hinter mir starrte. Dann hatte die Strömung auch mich erfasst. Ich wurde unter Wasser gezogen. Ich schrie Lukes Namen, aber er war fort.

Panisch fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Meine Decke lag mir auf dem Gesicht. Ich riss sie herunter, schreiend, weil Luke im Fluss ertrunken war. Casino sprang auf und sträubte das Fell.

»O Gott, was für ein schrecklicher Traum«, keuchte ich und streckte die Hand nach dem warmen Katzenkörper aus. »Was für ein furchtbarer Traum!«

Mein Herz raste so sehr, dass ich kaum Luft bekam. Dann fing Casino an, sich zu putzen, und nach einer Weile legte er sich wieder hin. Seine Ruhe übertrug sich auf mich. Das rechteckige Stück Himmel über mir hatte sich hellgrau gefärbt. Luke war sicher schon aufgestanden, vielleicht bereits auf dem Weg ins Büro, wo fünfhundert Mails auf ihn warteten.

»Lauf in die Küche und mach mir eine schöne Kanne Tee, Casino, sei so lieb.« Der kleine Kater fuhr sich mit der Pfote übers Gesicht. Ich strich ihm über den Kopf. »Noch zu früh für dich? Tja, du hast recht, es ist verdammt früh. Es ist – hörst du das? Ist das ein Auto?«

Casino und ich lauschten. Autoreifen knirschten auf dem Kies. Ich schwang meine Beine aus dem Bett und warf mir meinen Morgenmantel über, während ich in die regendurchtränkte Dämmerung hinausspähte. Wer konnte das denn sein zu dieser unchristlichen Zeit? Ich rechnete damit, einen Streifenwagen in der Einfahrt stehen zu sehen, und stellte mir vor, wie ernst dreinblickende Polizeibeamte mir schlechte Nachrichten überbrachten.

Einen Augenblick später hetzte ich die Treppe hinunter und riss die Haustür mit einem freudigen »Hallo!« auf. Luke, seinen Trenchcoat über dem Arm, kam durch den Regen auf mich zu.

»Du bist ja klatschnass«, sagte ich vorwurfsvoll.

Er schaute an sich herunter. Er trug eine Anzughose und sein schwarzes Cordjackett. Die Haare klebten ihm am Kopf, Wasser lief ihm in den Hemdkragen. Er wirkte zerstreut, aber das war nichts Ungewöhnliches. Es gehörte zu den Dingen, die mir schon an dem Abend, als wir uns kennenlernten, an ihm aufgefallen waren. Darüber hinaus hatte ich das starke Gefühl gehabt, dass ich ihn schon mein ganzes Leben kannte.

Ich legte ihm die Arme um den Hals und küsste ihn auf den Mund. »Ob nass oder trocken, ich freu mich jedenfalls sehr, dass du da bist! Also hast du’s dir anders überlegt und bist doch nicht ins Büro gegangen? Was für eine wunderbare Überraschung! Komm rein, du solltest lieber heiß duschen, sonst erkältest du dich noch.« Ich schob ihn durch die Tür und zog sie hinter uns zu. »Kaffee oder Tee?«

Casino hatte die ganze Unruhe mitbekommen. Er tapste die Wendeltreppe hinunter, lief schnurstracks auf Luke zu und strich ihm mit gewölbtem Rücken um die Beine. Eigentlich hatten wir den Kater wegen der Kinder angeschafft, aber seine große Liebe war Luke.

»Er ist definitiv ein Ein-Mann-Kater«, sagte ich und nahm zwei Kaffeebecher von der Anrichte. Sie waren handgetöpfert, rot und gelb bemalt, und es gab passende Untertassen. Die Erleichterung machte mich geschwätzig. Der kalte Knoten in meinem Bauch, der Albtraum vom Ertrinken hatten also nichts zu bedeuten gehabt. Ich plapperte weiter – über das Wetter und den Garten und Kate und Owen. Luke stand da und beobachtete mich. Rings um ihn hatten sich schon Pfützen gebildet.

»Ab ins Bad mit dir«, schimpfte ich und schob ihn Richtung Treppe. »Du wirst dir noch den Tod holen! Wieso bist du so früh schon da?«

»Ich hab die Wohnungsschlüssel verloren.«

Ich schnappte erschrocken nach Luft. »Wie bitte? Hast du denn keine Ersatzschlüssel?«

»Doch, aber die sind hier. Also habe ich in Paddington auf den ersten Zug gewartet.«

Das ergab keinen Sinn. »Aber … du hast doch bestimmt nicht die ganze Nacht im Bahnhof gesessen?«

»Nein, ich hab nicht gesessen, ich bin durch die Gegend gelaufen.«

»Die ganze Nacht, bei dem Wetter? Wieso bist du nicht zu Simon und Carmela gegangen? Du hättest doch bei ihnen übernachten können. Oder du hättest mich anrufen können, um Himmels willen! Ich hätte dich abgeholt, das weißt du doch.«

»Ja, das weiß ich.« Es war, als zöge er sich in seine Augenhöhlen zurück. Ich sah ihn an, und wieder schloss sich diese eisige Faust um meinen Magen. Ich kannte diesen Ausdruck. Als ob er innerlich, unsichtbar für andere, gefoltert würde.

»Worüber hast du nachgedacht, als du die ganze Nacht rumgelaufen bist?«, fragte ich.

Er antwortete nicht.

»Mein geliebter Mann.« Ich ging um die Kochinsel herum, nahm sein Gesicht in meine Hände und zwang ihn sanft, mich anzusehen. »Ist es wieder so weit? Du weißt doch, dass diese schlimmen Phasen wieder vorbeigehen. Warum in aller Welt hast du mich denn nicht angerufen?«

»Ich musste eine Entscheidung treffen«, erwiderte er. »Ich habe sie getroffen. Und jetzt muss ich dir etwas sagen.«

Der Raum verblasste. Nur Luke war noch da, Luke in seinen durchnässten Sachen und mit dem gespenstisch bleichen Gesicht. Ich musste an den Tag denken, als mein Vater hergekommen war – und fast an der gleichen Stelle stand wie Luke jetzt – und mir mitteilte, auf seiner Lunge sei ein Schatten festgestellt worden. Er hatte so verzweifelt optimistisch geklungen, dass ich fast losgeheult hätte: Heutzutage bedeutet Krebs nicht das Ende. Die Chemo kann Erstaunliches vollbringen. Ein halbes Jahr später war er tot. Meine Mutter war nicht mal zu seiner Beerdigung gekommen. Obwohl der Tod große Macht hat, gelang es ihm nicht, ihre Verbitterung zu besiegen – auch wenn ich nie begriffen habe, warum sie verbittert war, da sie ja diejenige war, die ihn wegen eines anderen Mannes verlassen hatte. Sie überlebte Dad um zehn Jahre, bevor der Krebs auch sie holte.

»Bist du krank?«, fragte ich Luke und hielt unwillkürlich den Atem an.

»Nein.« Er gab ein Schnauben von sich, das wie ein Lachen klang. Na ja, nicht direkt wie ein Lachen. »Obwohl die Leute das anders sehen werden. Die werden mich bestimmt für krank halten.«

Ich traute mich wieder zu atmen. Also kein Krebs. Oder eine andere tödliche Krankheit. Mit allem anderen konnten wir fertigwerden. »Hast du eine Affäre?«

»Nein. Nein! Ich würde nie … Du bist immer die einzige Frau in meinem Leben gewesen.«

Ich hatte keine Ahnung, was kommen würde. Ich dachte wirklich, es wäre irgendetwas Banales. Hatte er Geld bei einer riskanten Investition verloren? Und wenn schon. Geld ist nicht alles im Leben.

»Setz dich erst mal hin«, sagte ich und trug die Kaffeebecher zum Tisch hinüber. »Und dann erzählst du mir alles. Geteiltes Leid …«

Unser Küchentisch hat schon einiges erlebt. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren spielt sich unser Leben rings um seine blau gestrichenen Beine und die geschrubbte Eichenplatte ab. Er hat Taufen und Geburtstagspartys gesehen. Er war Zeuge hitziger familiärer Auseinandersetzungen und ausgelassener Teenagerfeten und endloser Partien Monopoly. Er ist von ehrenwerten Narben gezeichnet, die heiße Pfannen, Kates Henna und Simons erste Lötversuche auf seinem Gesicht hinterlassen haben. Er kennt jeden von uns in- und auswendig.

Luke blieb stehen. »Du wirst schockiert sein.«

»Lass es drauf ankommen. Du bist weder krank, noch hast du eine Affäre, so schlimm kann es also nicht sein. Geht es um Geld? Hast du unsere Rente verjubelt? Oder das Haus?«

»Nein.«

»Hat Bannermans Konkurs angemeldet?«

»Nein, nein.« Er streckte seine Hände aus, die Handflächen nach unten, als wollte er meine Rateversuche unterbinden. »Es geht um mich, um den, der ich bin. Ich muss dir sagen, wer ich bin.«

»Für mich siehst du wie Luke Livingstone aus.«

»Ja, ich sehe aus wie er. Aber ich bin nicht er.«

»Ach, ich denke, du wirst schon noch merken, dass du es bist.« Ich zwang mich zu einem Lächeln.

»Ich bin mein ganzes Leben lang davor weggelaufen. Ich kann nicht mehr, Eilish.«

Und dann begann er zu erzählen. Ich hatte das Gefühl, dass er in einer Fremdsprache redete, weil seine Worte für mich keinen Sinn ergaben. Er sagte immer wieder, er sei nicht der, für den ich ihn hielt, das sei er nie gewesen, er sei nicht ein Einzelner, es gebe noch andere.

»Das muss dir doch aufgefallen sein«, wiederholte er in einem fort. »Du musst doch etwas geahnt haben.«

Was soll ich geahnt haben?, dachte ich panisch. Was soll mir aufgefallen sein? Luke war ein Verstandesmensch, er war einfühlsam, gelegentlich depressiv, aber vor allem vernünftig. Vielleicht hat er einen Hieb auf den Kopf bekommen. Oder – o Gott – hatte er vielleicht einen Schlaganfall? Einen Hirntumor? Wir müssen zum Arzt, und zwar sofort.

»Stopp«, fuhr ich ihn an. »Ich will nichts mehr hören! Du redest seit zehn Minuten, und ich habe immer noch keinen blassen Schimmer, was du mir eigentlich sagen willst. Du wirkst völlig desorientiert. Ich bring dich am besten ins Krankenhaus.« Ich hatte meine Handtasche geschnappt und die Autoschlüssel vom Haken neben dem Kühlschrank genommen.

»Ich glaube, ich war dazu bestimmt, eine Frau zu werden«, sagte er.

»Vielleicht behalten sie dich gleich da für weitere Untersuchungen. Ich werde dir ein paar frische Sachen zusammenpacken und …«

»Eilish, hör mir zu. Bitte hör mir zu.« Etwas in seiner Stimme ließ mich innehalten. Ich drehte mich um. Er hatte sich eine Hand fest über die Augen gelegt. »Ich sehe aus wie ein Mann namens Luke. Ich bin gefangen im Körper eines Mannes namens Luke. Aber ich bin nicht er.«

Ich wollte ihn nicht verstehen. Ich hatte Angst davor. »Okay, ganz ruhig. Hast du Schmerzen?«

»Eilish.«

»Vielleicht sollte ich lieber einen Krankenwagen rufen. Der ist schneller.«

»Ich bin nicht krank.« Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, so schwer, als würden ihm seine Beine den Dienst versagen. »Es gibt einen Namen dafür.«

»Sprich nicht weiter«, flehte ich ihn an. »Lass uns einfach …«

Aber er redete weiter, so laut, dass ich es nicht überhören konnte: »Man nennt es Störung der Geschlechtsidentität.«

Störung der Geschlechtsidentität. Ich kannte den Begriff. Vor ein paar Jahren hatte ich auf einer Konferenz für Lehrkräfte an einem Seminar zu diesem Thema teilgenommen. Wir hatten einen ganzen Tag lang Vorträge über Jungen gehört, die sich wie Mädchen anziehen, wie Mädchen spielen und wie Mädchen behandelt werden wollen, und über Mädchen, die lieber Jungs sein wollen. Einige suchen ärztliche Hilfe oder nehmen sogar Hormone ein, was mich schockierte. Es wurde heftig und widerstreitend darüber diskutiert, welche Toiletten sie benutzen sollten. Ein Kursteilnehmer befand sich in einem Rechtsstreit mit den Eltern eines Schülers, weil die Schule diesem nicht gestatten wollte, in Mädchenkleidern im Unterricht zu erscheinen und sich Tanya zu nennen. Ich halte mich für tolerant und aufgeschlossen, aber ich verstand die Problematik nicht wirklich. Die armen verwirrten Dinger, dachte ich und gab insgeheim sogar den Eltern eine Mitschuld.

Und was erwachsene Transsexuelle angeht, na ja, wir haben doch alle schon diese schrillen Gestalten gesehen, Männer mit Perücken und Handtaschen und High Heels. Die falsche Figur, die falsche Stimme und immer allein. Ich hatte Mitleid mit ihnen – als ich jung und grausam war, lachte ich sie sogar aus –, aber sie hatten nichts mit mir zu tun. Sie gehörten allesamt zu einer völlig anderen Welt.

»Hör endlich auf damit«, sagte ich. »Das ist nicht witzig. Du bist kein … kein … Das hat doch nichts mit dir zu tun!«

»Und ob es etwas mit mir zu tun hat.«

»Nein, mein Schatz, ganz sicher nicht.« Ich setzte mich zu ihm. Ich wollte ihn zur Vernunft bringen, als wäre er einer meiner Schüler. »So empfinden Kinder, die noch auf der Suche nach ihrem Weg, ihrer Sexualität sind und vielleicht ihre Eltern, die sich immer einen Jungen oder ein Mädchen gewünscht haben, nicht enttäuschen wollen. Das sind sehr verwirrte junge Menschen. Bei denen kommt so was vor, aber nicht bei Anwälten mittleren Alters, die Frau und Kinder haben.«

»Ich bin weiblich. Mein Körper ist der eines Mannes, aber ich bin kein Mann. Das ist nichts Neues, Eilish. Ich fühle mich schon mein ganzes Leben lang so. Ich bin mit dem falschen Körper geboren.«

Genauso gut hätte er mir mitteilen können, er sei ein Außerirdischer aus einer fernen Galaxie in menschlicher Gestalt. Ich hatte keine Ahnung, was er mit dieser Farce bezweckte, ich wusste nur, dass es einfach nicht stimmte.

»Ich kenne dich doch«, beharrte ich und lachte verzweifelt auf. »Ich weiß ganz genau, wer du bist! Du bist ein Mann. Mein Mann. Das ist völlig verrückt!« Bestimmt wache ich gleich aus diesem Albtraum auf, dachte ich. Ich versuchte, mich dazu zu zwingen, aber es ging nicht. »Du erwartest von mir, zu glauben, dass du dich gefühlt hast … es geheim gehalten hast … dieses … etwas, seit dem Tag, an dem wir uns kennengelernt haben? Das würdest du mir nicht antun. Niemals. Ich kenne dich. Du bist Luke.«

Er schlug sich die Hände vors Gesicht. Casino sprang auf seinen Schoß und begann zu treteln.

»Ich muss dir das erklären«, sagte Luke. »Lass es mich bitte versuchen.«

Ich war so perplex, dass ich ihn nicht ein einziges Mal unterbrach, als er mir schilderte, wie er sich schon als kleiner Junge weiblich gefühlt habe. Er sagte immer wieder, wie leid es ihm tue, und dass er es verstehen würde, wenn ich mich scheiden ließe, aber er könne nicht länger so tun, als wäre er ein ganz normaler Mann. Er sagte, er wolle nicht mehr lügen. Er sagte, dass er mich liebe.

Ich saß da und hörte zu und verstand überhaupt nichts. Ich dachte daran, wie er die ganze Nacht in Sturm und Regen umhergeirrt war. An meinem Stuhl arbeitete sich ein Nagel aus dem Holz. Ich drückte mein Schulterblatt absichtlich gegen die scharfe Spitze. Der Schmerz war wenigstens real in diesem albtraumhaften Nebel. Die Welt war im Begriff zu kippen, und ich würde gleich herunterfallen. Wasser platschte gegen die Fenster. Die Regenrinnen sind schon wieder verstopft, dachte ich, als ob die verdammten Regenrinnen wichtig gewesen wären.

»Bist du vielleicht schwul?«, fragte ich unvermittelt. »Ist es das, was du mir sagen willst – dass du Sex mit Männern haben willst? Dass du mich nie wirklich begehrt hast?«

»Nein. Ich bin nicht schwul. Leider. Dann wäre alles viel einfacher.«

Ich lachte laut heraus, so absurd war das. »Einfacher?«

»Weniger kompliziert.«

»Und was bedeutet das jetzt? Ich verstehe nicht, was das bedeutet. Willst du mich verlassen?«

Die Frage hing noch im Raum, als das Telefon klingelte. Es schien mir unwichtig. Wie aus weiter Ferne hörte ich Simon auf den Anrufbeantworter sprechen. Armer Simon. Er klang so fröhlich. Er dachte, seine Welt sei noch heil.

»Hi, Dad. Hi, Mum. Äh, wahrscheinlich schlaft ihr noch, tut mir leid, wenn ich euch geweckt habe. Dad, hast du zufällig das Interview auf Radio Four gerade eben gehört? Über interkulturelle Verständigung? War interessant, dachte, das würde dich vielleicht … egal. Du kannst es dir ja im Internet anhören. Das ist echt zum Lachen, was die über nonverbale Kommunikation mit Norwegern sagen. Ach, und schöne Grüße von Carmela. Es geht ihr gut – sie ist natürlich müde, aber sonst ist alles bestens. Wir sehen euch beide morgen zum Lunch, oder? Ich dachte, ich frag vorsichtshalber noch mal nach, aber wenn ich nichts von euch höre, kommen wir wie verabredet. Augenblick noch, Nico will euch Hallo sagen.«

Pause. Flüstern. Hörbares Atmen. Dann die sorgfältig artikulierten Wörter eines Vierjährigen, dem das Erwachsenenprivileg zuteilwird, telefonieren zu dürfen.