Das gestohlene Kind - Tamer Bakiner - E-Book

Das gestohlene Kind E-Book

Tamer Bakiner

0,0
12,99 €

oder
Beschreibung

Kindes-Rückführung aus Thailand:
ein dramatischer, actionreicher True-Crime-Thriller von Privat-Ermittler Tamer Bakiner, der auf einem wahren Fall basiert.

In der Ehe von Alexander Bergmann und seiner thailändischen Frau Suna stehen die Zeichen auf Sturm. Immer öfter zieht es Suna in ihre Heimat; immer weniger interessiert sie sich für Alexander und sein Leben. Eines Tages ist Suna spurlos verschwunden – und mit ihr die kleine Elara, ihre gemeinsame Tochter.
In größter Verzweiflung bittet Alexander eine Freundin, die Psychologin Florentine Fuchs, um Hilfe. Als er unangemeldet in ihre Praxis stürmt, sitzt dort ihr neuester Klient, ein Mann, dem sie gerade mühsam klarzumachen versucht, dass jeder einmal eine Ruhepause braucht. Es ist Privatermittler Malik Martens - seines Zeichens Spezialist auf dem Gebiet der Kindes-Rückführung.
Malik zögert nicht lange. Er nimmt sich des Falles an und ahnt noch nicht, dass er all sein Können, all seine Erfahrung und schließlich auch Florentines spezielle Fähigkeiten brauchen wird, um die kleine Elara aufzuspüren. Doch das ist erst der Beginn …

Tamer Bakiner, der "Wahrheitsjäger", ist einer der erfolgreichsten Wirtschafts- und Privatermittler in Deutschland. Seinem ersten True-Crime-Thriller liegt ein Fall von Kindes-Rückführung zugrunde, den er vor einigen Jahren erfolgreich gelöst hat.
Mit Malik Martens - Tamer Bakiners Alter Ego - und Psychologin Florentine Fuchs betritt ein ungewöhnliches Team die True-Crime-Bühne, das hochspannende Einblicke in die Arbeit moderner Privatermittler gibt.





Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Leseprobe zu:

Tamer Bakiner / Matilda Walzer

Das gestohlene Kind

True-Crime-Thriller

Knaur e-books

Über dieses Buch

Alexander Bergmann ist fassungslos, als er feststellen muss, dass seine Frau Suna ihn verlassen will und die gemeinsame Tochter unter einem Vorwand in ihre Heimat Thailand gebracht hat. Er bittet eine Freundin, die Psychologin Florentine Fuchs, um Hilfe – doch kurz darauf ist Suna verschwunden, und für Bergmann stehen die Chancen schlecht, seine Tochter je wiederzusehen. In größter Verzweiflung stürmt er Florentines Praxis, um dort auf ihren neuesten Klienten zu treffen: Star-Detektiv Malik Martens, ein Spezialist auf dem Gebiet der Kindes-Rückführung. Malik nimmt sich des Falles an und wird all sein Können, seine Erfahrung und am Ende auch Florentine Fuchs brauchen, um die kleine Elara in Thailand zu retten… denn Flucht scheint aussichtslos.

Inhaltsübersicht

PrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49Kapitel 50Kapitel 51Kapitel 52Nachwort und DanksagungDanksagung
[home]

Prolog

Das kleine Mädchen rannte los. Ihr ta: hatte ihr fünfzig Baht zugesteckt, damit sie sich in dem kleinen Laden vorn an der Hauptstraße ein Eis kaufte.

»Aber verrat’s der ya:y nicht«, flüsterte er dem Mädchen heiser zu.

»Nein«, raunte sie verschwörerisch zurück. »Niemals!«

Sie liebte ihren Großvater, weil er immer mit ihr spielte und Geschichten erzählte, von den vielen verwunschenen Gärten, die er angelegt hatte. Wie in einem Märchenschloss. Bei ihrer Großmutter musste sie zum Frühstück immer Suppe essen, und das mochte das kleine Mädchen überhaupt nicht. Sie aß lieber Pfannkuchen.

Heute hatte sie mit ihrem Ta: schon den Rasen gemäht. Denn ihrer Mami hatte sie beim Abschied versprochen, ihm bei der Gartenarbeit zu helfen, weil er sehr krank war. Erschöpft hatte er sich vorhin in den hölzernen Liegestuhl auf dem Balkon gelegt. Sie hatte sich neben ihn gesetzt und mit ihren Buntstiften auf einem Zeichenblock gemalt. Plötzlich hörte sie seltsame Geräusche aus seinem Mund kommen. Er stöhnte, fasste sich an den Rücken und legte seine Stirn in tiefe Falten. Langsam und kraftlos hatte er das Geld aus seiner Tasche gezogen und sie fortgeschickt.

Da bekam es das Mädchen mit der Angst zu tun. Sie schnappte ihr Stofftier, verschob das Eis auf später und lief los, um ihre Großmutter zu holen. Fast wäre sie über die Treppen gestolpert, so eilig hatte sie es.

»Ya:y, Ya:y, komm schnell!«, rief sie aufgeregt. »Ta: hat irgendwas, er …«

Ruckartig erhob sich ihre Großmutter vom Sofa. »Ist er noch oben auf dem Balkon?«

Sie nickte und wollte mitgehen und nach ihrem Großvater sehen, als sie einen riesigen Mann erspähte, der an einem dicken Palmenstamm lehnte und telefonierte. Sie konnte sich kaum mehr bewegen, so war ihr der Schreck in die Glieder gefahren.

Ihre Ya:y ging schnell die Treppen nach oben, und sofort folgte ihr der große, Furcht einflößende Mann.

Das Mädchen drückte ihr Stofftier an die Brust, und in ihrem Bauch kribbelte es, als hätte sich ein ganzer Ameisenhaufen darin gebildet. »Wer ist das?«, fragte sie ganz leise ihren Plüschaffen, nachdem der Mann an ihr vorbeigehuscht war. Mit seinem orangefarbenen Kleid konnte er gar nicht richtig laufen.

Angsterfüllt blickte sie ihm nach. »Komm, Pinky, wir verstecken uns!« Sie sauste zur Vorderseite des Hauses, wo sie sich hinter einen Hibiskus-Busch kauerte. Hier hatte sie das Eingangstor im Blick und konnte sehen, wann der Mann endlich wieder verschwinden würde.

Nach einiger Zeit hörte sie ein Auto heranfahren, das Gartentor wurde aufgestoßen, zwei Männer stürmten herein und trugen ihren Großvater auf einer Bahre wieder hinaus.

»Ya:y!«, rief sie, lief los und prallte mit voller Wucht gegen den Mann in dem orangefarbenen Gewand. Er drängte sie zur Seite und lief den beiden Männern hinterher.

Plötzlich stand ihre Großmutter hinter ihr. »Wir gehen fort von hier«, sagte sie in strengem Ton.

»Nein«, schrie das kleine Mädchen, »nein, ich will hier nicht weg! Ich bleibe hier, bis mich meine Mami und mein Papi abholen!« 

In einem unbeobachteten Moment rannte sie hinunter zu dem kleinen Fluss, wo das grüne Boot ankerte. Dort konnte sie sich verstecken. Sie musste sich nur ganz flach auf den Rücken legen und mucksmäuschenstill sein. Sie hielt ihr Stofftier fest an sich gedrückt und schaute ängstlich in den Himmel hinauf. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie zitterte am ganzen Körper. »Die haben uns angelogen, Pinky!« Ihre bebenden Lippen berührten das Fell des Stofftieres. »Die haben gesagt, die Mami kommt bald wieder. Und der Papi hätte angerufen. Aber das stimmt gar nicht.« Jeden Tag wartete sie darauf, dass die beiden sie abholen würden. Tränen strömten ihre Wangen herab. Und jetzt war dieser große Mann gekommen. Wollte der sie vielleicht mitnehmen? Und wohin brachten sie ihren Ta:?  

Ihr Knie tat weh. Sie berührte es mit der Hand und spürte, dass es blutete. Das musste passiert sein, als sie vorhin an einem Ast hängen geblieben war.

»Wir dürfen keine Zeit verlieren.« Sie hörte eine tiefe Stimme, die immer näher kam. Und plötzlich war er über ihr. Wie ein fliegender Dinosaurier, der auf seine Beute starrte.

»Ich habe sie entdeckt«, rief der Mann, bückte sich herunter und zog sie nach oben.  

»Hilfe! Hilfe! Mami, hilf mir! Papi! Papi!«

Der Riese umschlang sie mit seinen wuchtigen Armen und hüllte sie mit seinem orangefarbenen Gewand ein. Ihr blieb fast die Luft weg. »Komm schon!«, sagte er ungeduldig. 

Sie strampelte, wehrte sich. Ihre Mami hatte ihr gesagt, dass sie schreien und weglaufen sollte, wenn ein fremder Mann sie mitnehmen wollte.

Das kleine Mädchen schrie um sein Leben.

»Gib endlich Ruhe!« Der Mann hielt ihr den Mund zu und schleppte sie nach oben. Dort stand ihre Großmutter mit einer braunen Tasche. »Wir müssen von hier fortgehen«, sagte sie noch einmal mit ernstem Blick. »Hör sofort auf zu heulen!«

[home]

Kapitel 1

Shanghai, Donnerstag, 18. Oktober 2018

Malik Martens nahm seine Baseballkappe ab, fuhr sich durch sein kurzes schwarzes Haar und kontrollierte irritiert sein Handy. Er war an der verabredeten Stelle auf der Mitte der Century Avenue angekommen, doch von Jinjin fehlte jede Spur. Seltsam, der Mann kam nie zu spät. Er blickte sich um. Auch zu dieser späten Stunde drängten sich auf der Touristenmeile Pudongs im Finanzviertel von Shanghai noch Tausende von Menschen. Malik lehnte sich an das Brückengeländer und betrachtete das Lichtermeer der Reklametafeln, die an den Wolkenkratzern um den Oriental Pearl Tower hingen.

Zehn Minuten über der Zeit. Hatte sich die Situation ohne sein Wissen verschärft? Malik lockerte unauffällig seine Schultermuskulatur. Wenn Jinjin nicht bald auftauchte und mit den Informationen herausrückte, hätte Malik mit seinem deutschen Auftraggeber ein Problem. Zu Recht. Er hoffte für seinen Informanten, dass er gute Gründe für seine Verspätung hatte, sonst müsste Malik ihre sogenannte Geschäftsverbindung sofort beenden, auch wenn das zum jetzigen Zeitpunkt für ihn einen herben Rückschlag bedeuten würde. Aber Unzuverlässigkeit war in seinem Job nicht akzeptabel.

Ein elegantes Pärchen mit der großen Papiertüte eines Luxuslabels stieß ihn im Gedränge an. Mit schüchternen Gesten entschuldigte sich der Mann bei ihm, während die Frau Malik scheu anlächelte. Er nickte nur, anstatt den Anblick dieser Schönheit zu genießen. Warum musste Jinjin für ihre Treffen auch immer Hotspots wählen, Century Avenue auf Pudong, Wahnsinn, dachte Malik und checkte erneut sein Handy. Keine Nachricht.

Die Warterei fing an, ihn zu stressen. Kein gutes Zeichen! Er stand kurz vor der Lösung dieses riesigen Falls. Er hatte so viel Zeit und Geld investiert, um als laowai, als Ausländer, Zugang zu diesem äußerst lukrativen und streng geheimen Business zu bekommen. Markenpiraterie. Keiner fälschte so gut und so leidenschaftlich wie die Chinesen.

Sein Handy vibrierte, und er erkannte die deutsche Nummer: sein Auftraggeber. Verdammt! Malik räusperte sich und nahm den Anruf entgegen: »Hallo, Herr Doktor Bühler, darf ich Sie später zurückrufen, ich bin gerade …« Ehe er weitersprechen konnte und sich dabei suchend in alle Richtungen drehte, unterbrach ihn sein Klient.

»Wenn das Ihr Tempo ist, Herr Martens, bin ich mir nicht sicher, ob Sie der richtige Mann für diesen Job sind«, erboste sich sein Gesprächspartner.

»Keine Sorge, Herr Doktor Bühler«, beruhigte er den Justiziar, als er in der Menge plötzlich Jinjin entdeckte.

»Ich will in der nächsten Stunde einen Hinweis von Ihnen, Herr Martens«, tönte Bühlers Stimme an seinem Ohr. »Haben wir uns verstanden?!«

»Sie kriegen die gewünschte Information schnellstmöglich. Tut mir leid, ich muss jetzt auflegen.«

Mit steifen Schritten, fast feierlich, kam Jinjin auf ihn zu, sein schwarzer Bürstenhaarschnitt und seine randlose Brille ließen ihn zwischen den jungen, modebewussten Partygängern altmodisch wirken.

Er winkte seinem Informanten zu. »Was ist passiert?«

Doch anstatt Malik zu begrüßen, gab Jinjin mit regloser Miene zwei Männern in Uniform ein Zeichen, die wie aus dem Nichts plötzlich neben Malik standen. Gongan – Volkspolizei.

Verdammt! Er schloss für einen Augenblick die Augen. Flucht war keine Option, nicht hier, nicht in diesem Land. Malik starrte Jinjin an, dann musterte er die Beamten. Atmete tief ein und aus. So ruhig wie nur irgend möglich suchte er Blickkontakt mit einem der beiden Polizisten und sprach ihn auf Englisch an: »Was soll das? Was werfen Sie mir vor? Ich kann mich ausweisen. Ich bin Privatermittler.«

Doch der Beamte ignorierte seine Fragen. Wortlos legte er ihm die Kabelbinder-Handschellen an, während sein Kollege die Menge an Schaulustigen mit kurzen, harten Befehlen auseinandertrieb.

Jinjin ließ sich keine Sekunde dieses Spektakels entgehen. Obwohl seine Gesichtszüge wie eingefroren wirkten, verrieten seine betont aufrechte Körperhaltung, sein stolz gereckter Kopf, dass er die Situation zu genießen schien.

Maliks Handgelenke schmerzten, der Kabelbinder quetschte seine Handballen zusammen. Schweißtropfen liefen ihm über die Wangen, während er unter neugierigen Blicken und Getuschel hinter vorgehaltenen Händen durch die Menschenmenge abgeführt wurde.

 

In der Zelle war es dunkel. Malik lag auf einer Pritsche, deren Plastikbezug unangenehm nach Desinfektionsmittel roch. Gedämpfte Stimmen und das Surren eines Ventilators drangen vom Gang aus zu ihm. Es fiel ihm schwer, sich an die Details zu erinnern, zu tief saß der Schock.

Sie hatten ihn schweigend abgeführt, und auf dem Weg zum Polizeiwagen war Jinjin einfach verschwunden. Während der gesamten Fahrt zum Revier hatten die beiden Beamten auf seine Fragen mit keiner Silbe reagiert.

Wie hatte er sich in seinem Informanten nur so täuschen können? Oder zog im Hintergrund vielleicht jemand viel Gefährlicheres die Strippen? Markenpiraterie war kein Kavaliersdelikt, wen hatte er aufgescheucht? Oder war er nur Opfer eines wichtigtuerischen staatstreuen Günstlings geworden? Er hoffte inständig Letzteres, sonst würde er vielleicht nie wieder aus China ausreisen.

Erst auf dem Revier, nachdem sie ihm alle persönlichen Gegenstände abgenommen hatten, ließ sich derjenige, der ihm auch die Handschellen angelegt hatte, dazu herab, ihm in erstaunlich gutem Englisch mitzuteilen, dass Malik der Industriespionage beschuldigt wurde. Dann hatten die beiden ihn in die Obhut der Revierbeamten übergeben und sich entfernt.

Vergeblich hatte Malik eingefordert, seinen Anwalt anzurufen. »Tomorrow, tomorrow!«, war die Antwort gewesen, und ohne weitere Befragung oder Aufklärung war er in diese Zelle abgeführt worden.

Müdigkeit überfiel ihn, obwohl die Pritsche bei jeder seiner Bewegungen quietschende Geräusche von sich gab. Die Dunkelheit umhüllte ihn wie ein schwarzes Loch, das ihn immer tiefer in ein fernes Zentrum zog. Nur für einen kurzen Moment würde er die Augen schließen, entspannen und dann weiter nach einer Lösung suchen. Dann übermannte ihn der Schlaf.

 

Die Zellentür wurde geöffnet, gleißendes Licht strömte in den kleinen fensterlosen Raum, dessen Wände von den unzähligen Gefangenen sprachen, die hier schon die Nacht verbracht hatten: Kritzeleien, tiefe Kratzer, große undefinierbare Flecken bildeten ein ganz eigenes Muster, ein Wandbild der Verzweifelten, das er gestern Abend nicht mehr wahrgenommen hatte.

Ein Polizist sprach ihn ungehalten auf Chinesisch an. Erst als eine eindeutige Gestik seinem Wortschwall folgte, wusste Malik, was von ihm verlangt wurde, und schwang sich von der Pritsche. Er rieb sich seinen schmerzenden Nacken und folgte dem Beamten durch ein Labyrinth von Gängen. Die zahllosen Türen, die sie passierten, waren alle geschlossen. Malik schüttelte den Kopf, fuhr sich mit den Händen über seinen Dreitagebart. Er roch nach kaltem Schweiß. Seine Kehle war trocken, ein pochender Kopfschmerz breitete sich hinter seiner Stirn aus.

Sie betraten ein kleines Büro, in dem sich zwei graue Schreibtische gegenüberstanden, identisch ausgestattet mit Computer und Telefonanlage. Kein persönlicher Gegenstand lag herum, keine Akte, nichts. Nur vor dem Doppelfenster, das Ausblick auf einen gigantischen Häuserblock gab, stand eine halb leer getrunkene Tasse grüner Tee.

Der gedrungene Beamte, dessen Spitzbauch seine Uniformjacke nach oben rutschen ließ, stellte sich betont breitbeinig vor die verschlossene Tür und deutete immer wieder auf eine der beiden Telefonanlagen. Wies ihn an, den Anruf zu tätigen, um den er gestern Abend so eindringlich gebeten hatte.

Malik nahm zögerlich den Hörer in die Hand, ohne den Mann aus den Augen zu lassen, dem er körperlich weit überlegen war. Doch was nützte ihm das jetzt? Er konzentrierte sich und wählte aus dem Gedächtnis heraus die Nummer des einzigen Menschen, der ihn hier herausholen und diesen Albtraum beenden konnte.

[home]

Kapitel 2

Frankfurt, Sonntag, 21. Oktober 2018

Der Airbus A380 durchbrach die dichte Wolkendecke. Malik blickte aus dem Fenster und war froh, nach einem unruhigen Flug endlich auf dem Frankfurter Flughafen zu landen.

Er verstaute das iPad in seiner Umhängetasche und warf sich seine schwarze Lederjacke über die Schulter. »Ciao Yvette, wir sehen uns dieses Jahr bestimmt noch mal«, verabschiedete er sich beim Hinausgehen von der Purserin, »freu mich immer, dich zu sehen.« Ein bisschen in die Jahre gekommen, dachte er, aber sie ist immer noch äußerst attraktiv.

Malik war einer der Ersten, der die Maschine verließ und mit großen Schritten die Gangway hinaufeilte. Jetzt bloß nicht ewig in einer Schlange herumstehen müssen und Zeit verplempern. Aber es war noch früh am Morgen, und er hatte Glück. Innerhalb weniger Minuten ließ er die Passkontrolle hinter sich und steuerte auf das Gepäckband zu, allerdings nicht ohne vorher einen Blick in das kleine Büro hinter der Absperrung zu werfen. Mal sehen, wer heute Dienst hatte.

»Ohne Wenn und Aber, Faber«, begrüßte er grinsend den Zollbeamten, der gerade seinen PC hochfuhr. Thomas Faber hatte sich Malik bei ihrem ersten Treffen genau so vorgestellt. Seitdem schmetterte er ihm, wann immer er ihn sah, diesen Spruch entgegen, weil er so gut zu ihm passte.

Thomas Faber schaute ihn rasch über die Schulter hinweg an. »Malik! Bist du auch mal wieder im Land?« Und schon bediente er wieder die Tastatur an seinem PC. »Ich bin leider in Eile, hab Frühschicht und muss jetzt gleich los.« Er lachte. »Du kennst mich ja: Ohne Wenn und Aber …«

Malik hatte Thomas Faber vor einigen Jahren bei Ermittlungen in Zusammenhang mit Plagiatsfällen kennengelernt, und er hatte stets ein hervorragendes Gespür bewiesen, Reisende beim Schmuggel gefälschter Ware zu überführen.

»Ich will dich gar nicht länger aufhalten. Lass uns demnächst mal wieder einen trinken gehen. Ich melde mich«, verabschiedete sich Malik und ging zum Gepäckband.

Er holte sich eine Flasche Wasser aus dem Automaten und wollte gerade seine Nachrichten und Emails checken, als sich das Band in Bewegung setzte und binnen Sekunden sein Koffer erschien.

 

Nebelfetzen hingen über der Stadt, und für einen kühlen Sonntagmorgen im Herbst waren erstaunlich viele Menschen auf den Beinen. Malik erreichte das Parkdeck und lud seinen Koffer in den Kofferraum des Mercedes. Als er einstieg, klingelte sein Handy. Malik las den Namen auf dem Display, und seine Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln. Er nahm den Anruf entgegen.

»Hey Alter, lebst du noch? Wo erwische ich dich gerade?«, drang Philips Stimme an sein Ohr. Malik überlegte kurz, wann sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Die Hochzeit musste jetzt ein Jahr her sein, und er war Philips Trauzeuge gewesen.

»Was treibt dich denn am Wochenende so früh aus den Federn?«

»Senile Bettflucht«, sagte Philip lachend. »Und dich? Sag bloß, du bist in Frankfurt?«

»Gerade gelandet. Ich bin ein paar Tage da.«

»Na, wenn das keine Vorsehung ist! Wie wär’s, wenn du gleich heute Abend vorbeikommst? Halb acht? Ich schwinge den Kochlöffel.«

Diese Spontaneität war etwas, das Phil und ihn noch immer verband. Sie waren beide in ihren frühen Vierzigern und kannten sich seit Kindertagen, waren Nachbarjungen gewesen und zusammen zur Schule gegangen. Eine Zeit lang hatten sie sich aus den Augen verloren und sich zufällig wiedergetroffen, als sie beide ihre Eltern besuchten. Erst hatten sie sich mit einer Flasche Bier in der Hand über den alten Holzzaun hinweg unterhalten, um sich dann spontan für den nächsten Tag zu einer Motorradtour zu verabreden. Seit diesem Wiedersehen standen sie in losem, aber regelmäßigem Kontakt.

Malik hatte sich im Hilton City einquartiert, das sich in der Nähe von Philips und Claudias Wohnung befand. Außerdem hatte er am Mittwoch einen Termin bei Gericht und musste in den Tagen davor unbedingt ein paar Dinge im Büro erledigen. Gerichtstermine waren etwas, worauf er sich normalerweise freute, weil es ihm einen gewissen Kick verlieh, in die überraschten oder auch verwirrten Gesichter der Angeklagten zu blicken, denen langsam dämmerte, wer hier verantwortlich dafür war, dass ihnen der Prozess gemacht wurde. Aber seit einiger Zeit fühlte er sich ausgelaugt.

 

Seit das Hotel renoviert worden war, strahlte die Lobby mit den modernen Aufzügen aus Glas und den Stahlkonstruktionen etwas Futuristisches aus. Der alte Park, der dem Eingang gegenüberlag, stand dazu in eindrucksvollem Gegensatz. Im Vergleich zum Airport-Hotel der Kette hatte das Stadt-Hotel etwas Gediegenes, fast Heimeliges. Das gefiel Malik. Für ihn kam keine andere Hotelkette infrage – er gehörte zu dem kleinen exklusiven Kreis der Honors-Diamond-Card-Members. Er ging nach rechts zum Counter.

»Willkommen in unserem Haus, Herr Martens! Hatten Sie eine gute Reise?«, empfing ihn der Concierge.

»Alles bestens, Herr Sörensen, schön, Sie zu sehen! Sie haben Ihre Hüftoperation gut überstanden, vermute ich?«

»Ja, danke der Nachfrage, Herr Martens. Da habe ich wirklich Glück gehabt.«

Malik legte seine Hände auf den polierten Steintresen und blickte gewohnheitsmäßig nach links und rechts. »Darf ich Sie gleich um einen Gefallen bitten, Herr Sörensen?«

»Immer zu Diensten, Herr Martens!«

»Besorgen Sie mir doch bitte eine Flasche exzellenten Rotwein. Am besten einen Barolo aus dem Piemont.«

»Der König der Weine«, sagte Sörensen lächelnd.

»Und einen Blumenstrauß.«

»Darf es etwas Bestimmtes sein?«

»Sie machen das schon, Sörensen. Was Herbstliches, würde ich sagen. Und wenn ich alles am späteren Nachmittag habe, reicht mir das.«

Neben ihm tauchte ein Gast auf. Malik scannte sein Gesicht. So wie er grundsätzlich alles und jeden in seiner nächsten Umgebung prüfte, eine lebenswichtige Begleiterscheinung seines Berufes.

»Geht in Ordnung, Herr Martens. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Danke! Wenn Sie mir jetzt noch die Suite 1213 reserviert haben, bin ich vollauf zufrieden«, antwortete Malik und steckte ihm diskret einen Fünfzig-Euro-Schein zu.

[home]

Kapitel 3

Frankfurt, Sonntag, 21. Oktober 2018, abends

Nachdem er im hoteleigenen Schwimmbad seine Bahnen gezogen und im Fitnessraum einige Gewichte gestemmt hatte, verließ Malik um halb sieben das Hotel zu Fuß. Nebel war heraufgezogen, und die Luft war ziemlich feucht. Der Tag schien aufzuhören, wie er angefangen hatte.

Philip besaß eine Wirtschaftsprüferkanzlei in Frankfurts Bankenviertel und hatte im selben Haus damals auch gleich eine Penthouse-Wohnung gekauft. Eine weise Entscheidung bei der derzeitigen Immobilienlage.

Als Malik im Aufzug, mit Weinflasche und Blumenstrauß bewaffnet, nach oben ins fünfundzwanzigste Stockwerk glitt, brach ihm plötzlich der Schweiß aus, und in seinen Ohren fing es an zu rauschen. Reflexartig drückte er die Weinflasche gegen seine Wange, um sich ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Er schloss die Augen. Da ebbte das Rauschen genauso schnell wieder ab, wie es gekommen war. Erleichtert öffnete Malik in dem Moment die Augen, als die Aufzugtür den Blick in Philips Wohnung freigab und der Hausherr direkt vor ihm stand.

»Mensch! Du! Hier! Welch Glanz in unserer Hütte!«

Malik trat in den hellen großen Wohnraum, der mit einer gelungenen Kombination aus alten und modernen Möbeln sehr geschmackvoll eingerichtet war – Claudias Handschrift.

»Danke für die Einladung!« Malik setzte ein breites Lachen auf und überreichte seinem Freund die Flasche Wein und Claudia, die ihm entgegenkam, den Blumenstrauß.

»Wie schön!« Sie nahm die Blumen entgegen und roch daran. »Und wie schön, dich zu sehen«, sagte sie und umarmte ihn.

»Wie geht’s, alter Freund?« Philip klopfte ihm auf die Schulter. »Du siehst ein bisschen angestrengt aus.«

»Alles gut. Na ja, vielleicht leide ich ein bisschen unter Jetlag. Ich komme gerade aus Shanghai«, redete sich Malik heraus. »Aber ich freue mich sehr, euch zu sehen.« Er sah die beiden abwechselnd an. »Hm, hier riecht es schon so gut«, wechselte er schnell das Thema.

»Dann lasst uns keine Zeit verlieren«, meinte Philip. »Ich verschwinde noch mal kurz in die Küche.«

Claudia hakte sich bei Malik unter und führte ihn zu dem langen Esstisch aus geöltem Massivholz.

»Eure Wohnung ist wirklich ein Schmuckstück.«

»Während mein Mann die Küche in Beschlag genommen hat, habe ich mich zur Deko-Queen entwickelt. Die perfekte Aufteilung«, erklärte Claudia lachend.

Philip war ein begnadeter Hobbykoch, etwas, das Malik an ihm bewunderte. »Was hat sich unser Chef denn heute Leckeres ausgedacht?«, fragte er neugierig in Richtung Küche.

Und wie auf Kommando erschien Philip mit zwei dampfenden Schüsseln und platzierte sie auf dem hübsch dekorierten Eichentisch.

»Sobald ich in meinem Kopf eine Zutatenliste erstellt habe, höre ich auf zu denken, und mein Bauch beginnt mit mir zu sprechen«, philosophierte er. Was auch immer das Ergebnis dieser Zwiesprache gewesen sein mochte, er servierte Malik an diesem Abend das beste Entrecote seines Lebens.

»Der Barolo muss ja noch ein bisschen liegen. Was hältst du von einem kräftigen Franzosen aus dem Languedoc?«

Philip entkorkte eine Flasche. Ein feines Aroma erfüllte den Raum.

»Malik«, fing Claudia an und prostete ihm dabei zu, »was hattest du Spannendes in Shanghai zu tun?«

Als ob er darüber Auskunft geben würde. Er sprach nie über seine Fälle. Und wenn er an die Verhaftung in Shanghai dachte, wurde ihm ganz anders. Er erzählte höchstens ab und an von den Ländern, in die er wegen seiner Fälle reiste. Es gab keinen Kontinent, auf dem er nicht schon gewesen war, wenig Länder, die er nicht gesehen hatte.

»Ich war das erste Mal auf dem Shanghai-Tower. In beeindruckenden sechshundertzweiunddreißig Metern Höhe. Nach dem Shanghai World Financial Center, das wegen seiner Form von allen nur ›Flaschenöffner‹ genannt wird, ist er momentan das zweithöchste Gebäude der Welt. Mit dem schnellsten Aufzug der Welt. Da muss eurer da draußen noch ein bisschen Gas geben.« Malik grinste.

»Ach, Malik, komm mir doch jetzt nicht damit! Ich will wissen, welchen brisanten Fall du gerade bearbeitest.«

Claudia und Philip gehörten zu den wenigen, die wussten, was er wirklich tat. Den meisten Menschen erzählte er, er sei Unternehmensberater von Beruf.

Malik wollte nicht unhöflich sein und die gute Stimmung nicht verderben. »Ich finde für dich heraus, ob du das echte Designerkleid gekauft hast oder ob man dich gelinkt hat und du für teures Geld ein Plagiat im Schrank hängen hast.«

Claudia war eine bildhübsche Frau, blonde kurze Haare, meergrüne Augen, schön geformter Mund, passte aber nicht in sein Beuteschema. Und das war auch gut so. Als Phil beschlossen hatte, Claudia einen Heiratsantrag zu machen, wollte er wissen, ob auch sie an diesem Punkt war. Malik sollte sie auf die Probe stellen. Aber das war eine andere Geschichte.

»Ich als Fashion Victim muss jetzt sofort wissen, welches Label das ist«, insistierte Claudia.

»Das kann ich natürlich nicht sagen, aber es handelt sich um ein weltbekanntes Designerlabel, und ich wurde beauftragt, in Sachen Markenpiraterie zu ermitteln.«

»Welche Summen sind da im Spiel?«, schaltete sich Philip ein.

»Markenpiraterie ist in der Textilbranche wirklich gang und gäbe, deshalb ist der Schaden, der durch Plagiate verursacht wird, entsprechend groß. Mein Auftraggeber spricht von einem zweistelligen Millionenbetrag im oberen Bereich.«

»Malik, bitte, kannst du nicht mal eine Ausnahme machen und mit dem Namen herausrücken?«, versuchte es Claudia noch einmal.

»Kann er nicht!« Philip gab seiner Frau einen Kuss auf die Nase und schenkte seinem Freund noch Rotwein nach. »Mir kam neulich zu Ohren, dass allein schon in der EU gefälschte Waren im Wert von rund hundertzwanzigtausend Milliarden Euro gehandelt werden, das entspricht fast sieben Prozent des Imports.«

Malik nickte zustimmend und wollte gerade antworten, als ihm der Schweiß aus allen Poren brach. Mit einem Mal fühlte sich sein Brustkorb an, als ob hundert Herzen gleichzeitig darin schlagen würden und ihn jeden Augenblick zerbersten ließen.

»Malik, was ist los?«, fragte Claudia entsetzt. »Ist dir schlecht?«

Sein weißes Hemd spannte über seinem muskulösen Oberkörper, und er knöpfte fahrig die oberen Knöpfe auf.

»Soll ich den Notarzt rufen?« Philip sprang auf. »Du bist ja aschfahl im Gesicht.«

»Nein, lass gut sein«, keuchte Malik und zitterte am ganzen Körper. »Lass mich kurz frische Luft schnappen.«

Philip ging auf die andere Seite des Tisches, nahm ihn am Arm und führte ihn auf die Dachterrasse. »Setz dich auf die Bank. Soll ich dir eine Decke bringen?«

»Passt schon. Danke.« Als Malik die kühle Nachtluft einatmete, löste sich langsam der Knoten in seiner Brust. Er schaute Philip mit müden Augen an. »Wahrscheinlich stecke ich die Fliegerei doch nicht mehr so einfach weg. Bin eben keine zwanzig mehr.« Er tat das Ganze vor seinem Freund als kleine Kreislaufschwäche ab.

Claudia brachte ihm ein Glas Wasser und stellte sich vor ihn hin. »So geht das nicht, Malik. Du musst zum Arzt. Vielleicht hast du dir irgendein Virus in Asien eingefangen.«

Malik starrte ein paar Minuten ins Leere, bemüht, wieder die Kontrolle über seinen Körper zu gewinnen. Er fröstelte.

»Nehmt es mir nicht übel, aber ich gehe jetzt ins Hotel zurück und schlafe mich richtig aus.« Er wollte seine Ruhe haben. Wollte keine gut gemeinten Ratschläge hören, sich nicht erklären, mit niemandem mehr reden müssen. Ihm war alles zu viel. Er hatte tatsächlich das Gefühl, sein Körper wäre mit einem Virus infiziert, seit er die Nacht in der chinesischen Zelle verbracht hatte.

»Könntet ihr mir bitte ein Taxi rufen?«

Philip wusste, dass er seinen Freund gewähren lassen musste. »Lass dich von deinem Arzt untersuchen. Versprich mir das!«, meinte er auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer. »Und spann mal ein paar Tage aus.«

Malik lächelte erschöpft und war erleichtert, als es klingelte und das Taxi da war. »Vielen Dank für das köstliche Essen. Ich melde mich«, verabschiedete er sich von seinen Freunden, und die Aufzugtür schloss sich hinter ihm.

[home]

Kapitel 4

Frankfurt, Montag, 22. Oktober 2018

Malik war in einen tiefen traumlosen Schlaf gefallen, aus dem er am nächsten Morgen mit heftigen Kopfschmerzen erwachte. Daran war wohl der Alkohol schuld. Normalerweise trank er nur Kamillentee und stilles Wasser und machte ganz selten eine Ausnahme. Wie gestern Abend zum Beispiel. In einem vertrauten Kreis genehmigte er sich schon mal ein Glas Wein.

Zehn Uhr zeigte das Display seines Handys. Unfassbar. Unmengen neuer Nachrichten waren aufgelaufen. Er hatte vergessen, dass er den Klingelton bereits gestern vor dem Essen auf lautlos gestellt hatte.

Malik quälte sich aus dem Bett, ging ins Badezimmer und nahm als Erstes zwei Aspirin, die er mit Leitungswasser hinunterspülte. Er schlurfte zum Fenster und zog die schweren dunkelgrauen Vorhänge zurück. Sonnenstrahlen stachen in seine Augen. Als er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, blickte er auf die herbstliche Parkanlage des Hotels, deren Rasenfläche mit Laub bedeckt war. Dabei massierte er seine Schläfen, und glücklicherweise ebbte das Pochen langsam ab. Die Schmerztabletten zeigten Wirkung. Was war nur los mit ihm? Erst die ständige Erschöpfung, gegen die er seit Wochen ankämpfen musste, nun der Zusammenbruch gestern. Panisch hatte er gedacht, er hätte einen Herzinfarkt. Einen Durchhänger konnte er sich absolut nicht leisten, ganz zu schweigen davon, dass er sich eine Auszeit nehmen könnte. Nett gemeint von Phil. Selbst wenn ihm tatsächlich danach zumute war.

Er nahm sein Handy, und beim ersten Durchsehen hatten alle Nachrichten einen ähnlichen Inhalt: »Bitte melden Sie sich schnellstmöglich«, »Erwarte dringend Ihren Rückruf«, »Bitte um Terminbestätigung«.

Die Gerichtsverhandlung in Stendal am Mittwoch warf ihre Schatten voraus. Doch der Adrenalinschub, der ihn regelmäßig vor Gerichtsverhandlungen auf Hochtouren laufen ließ, blieb aus.

Achtlos warf Malik sein Telefon aufs Bett. Er erkannte sich nicht wieder – fühlte sich antriebslos, niedergeschlagen, unkonzentriert. Und das Allerschlimmste: Es passierte, dass er falsche Entscheidungen traf, Informanten falsch einschätzte, und sein wichtigstes Werkzeug, sein Netzwerk dadurch gefährdete. Jinjin war ein unverzeihlicher Fehler! Ob er jemals die genauen Hintergründe erfahren würde? Er konnte nur Vermutungen anstellen: Jinjin war einerseits regierungstreu, patriotisch, das war Malik von Anfang an klar gewesen. Er hatte sich auf dünnem Eis bewegt. Aber sein Informant war auch all die Jahre käuflich gewesen, das hatte er mehr als einmal unter Beweis gestellt. War die Summe in diesem Fall nicht hoch genug gewesen? Verdammt noch mal, er war doch lang genug im Geschäft, um zu wissen, wie sensibel das Thema Bestechungsgelder war! Malik donnerte mit der Faust auf das Sideboard.

Mit seinem Auftraggeber hatte er gleich am nächsten Tag, als er freigekommen war, telefoniert, ihn mit Informationen versorgt, die ihn zumindest besänftigt und verhindert hatten, dass die Situation völlig eskalierte. Noch hatte er den Auftrag nicht verloren. Aber der Fall hatte ihn eine Menge Kraft gekostet. Und eine ordentliche Stange Geld. Nicht zu sprechen von dem Schock, der ihm noch jetzt in den Gliedern saß.

Sein tägliches Sportprogramm würde Malik heute auf den Abend verlegen. Er zwang sich auf die Schnelle noch zu ein paar Sit-ups und ging dann unter die Dusche. Der warme Wasserstrahl entspannte seine Muskeln, und seine Lebensgeister kehrten zurück. Er musste seine Situation in den Griff bekommen und wieder der Alte werden.

Gerade als er seine Lederjacke vom Bügel nahm, vibrierte sein Handy.

Hans-Peter Langendorf, sein Bürovorsteher, wie er ihn spaßeshalber nannte, rief schon zum zweiten Mal an.

»Ich bin auf dem Weg«, sagte er kurz angebunden.

[...]

[home]

Über Tamer Bakiner / Matilda Walzer

Tamer Bakiner ist einer der erfolgreichsten Wirtschafts- und Privatermittler in Deutschland. Seinem ersten True-Crime-Thriller liegt ein Fall von Kindes-Rückführung zugrunde, den er vor einigen Jahren erfolgreich gelöst hat. Tamer Bakiner ist außerdem Autor des SPIEGEL-Bestsellers »Der Wahrheitsjäger«, in dem er über seine spannendsten Fälle berichtet und den Leser in die Schattenwelt der Wirtschaftskriminalität entführt.

Matilda Walzer ist Autorin, Lektorin und Coach. Die Recherche zu diesem Roman führte sie sechs Wochen lang durch Asien. Sie lebt und arbeitet in München.

[home]

Impressum

© 2019 der eBook-Ausgabe Knaur eBook

© 2019 Knaur Verlag

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit

Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung: © Spejsek / shutterstock.com

ISBN 978-3-426-45709-2

Wie hat Ihnen das Buch 'Das gestohlene Kind' gefallen?

Schreiben Sie hier Ihre Meinung zum Buch

Stöbern Sie in Beiträgen von anderen Lesern

© aboutbooks GmbH Die im Social Reading Stream dargestellten Inhalte stammen von Nutzern der Social Reading Funktion (User Generated Content). Für die Nutzung des Social Reading Streams ist ein onlinefähiges Lesegerät mit Webbrowser und eine bestehende Internetverbindung notwendig.

Hinweise des Verlags

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Noch mehr eBook-Programmhighlights & Aktionen finden Sie auf www.droemer-knaur.de/ebooks.

Sie wollen über spannende Neuerscheinungen aus Ihrem Lieblingsgenre auf dem Laufenden gehalten werden? Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.

Sie wollen selbst Autor werden? Publizieren Sie Ihre eBooks auf unserer Akquise-Plattform www.neobooks.com und werden Sie von Droemer Knaur oder Rowohlt als Verlagsautor entdeckt. Auf eBook-Leser warten viele neue Autorentalente.

Wir freuen uns auf Sie!