Das geteilte Herz - Birgit Schönthal - E-Book

Das geteilte Herz E-Book

Birgit Schönthal

0,0
8,99 €

oder
Beschreibung

Zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls: Eine große Liebe vor dem Hintergrund des emotionalsten Moment der deutschen Geschichte Es ist Liebe auf den ersten Blick, als Barbara und Ulrich sich auf einer Silvesterfeier am letzten Tag des Jahres 1988 in Ostberlin kennenlernen. Eine innige Liebesnacht in Ulrichs kleiner Datsche am Müggelsee besiegelt ihre Verbindung. Doch ihr Glück ist nicht ungetrübt: Barbara wird von der Stasi überwacht und auch Ulrich wird beobachtet. Dann bekommt Ulrich die einmalige Gelegenheit, zu einem Kongress in den Westen zu reisen – und kommt nicht zurück. Barbara kann es nicht fassen, sie ist sich ihrer Liebe so sicher. Aber schnell spricht alles dafür, dass Ulrich geflohen ist und nie mehr in die DDR zurückkommt … Hat sich Barbara in ihrer Liebe getäuscht? Ein berührender Liebesroman zum 9. November 1989 – der Tag, der alles veränderte

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB



Leseprobe zu:

Birgit Schönthal

Das geteilte Herz

Roman

FISCHER E-Books

Erfahren Sie mehr unter: www.fischerverlage.de

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Inhalt

WidmungTeil 1DDR, Kleinmachnow, Samstag, 31. Dezember 1988DDR, Kleinmachnow, Sonntag, 1.1.1989DDR, Kleinmachnow/Ostberlin, Montag, 2.1.1989DDR, Kleinmachnow, Dienstag, 3.1.–Freitag, 13.1.1989DDR, Kleinmachnow, Montag, 16.1.1989DDR, Berlin-Weißensee, Freitag, 20.1.1989DDR, Müggelsee, Samstag, 28.1.1989DDR, Kleinmachnow, 29.1.–10.2.1989DDR, Müggelsee, Samstag, 11.2.–Sonntag, 12.2.1989DDR, Kleinmachnow/Berlin, Montag, 13.2.1989DDR, Müggelsee, Dienstag, 14.2.–Sonntag, 19.2.1989DDR, Kleinmachnow, Sonntagabend, 19.2.1989DDR, Kleinmachnow/Weißensee/Müggelsee, Dienstag, 21.2.–Sonntag, 26.2.1989DDR, Kleinmachnow, Montag, 27.2.–Samstag, 4.3.1989DDR, Ostsee, Ostern, 24.3.–26.3.1989DDR, Kleinmachnow, Mittwoch, 29.3.1989Teil 2DDR, Ostberlin, Sonntag, 2. April 1989DDR, Kleinmachnow, Montag, 3. April 1989DDR, Ostberlin, Freitag, 14. April 1989DDR, Kleinmachnow, Samstag, 15. April 1989DDR, Kleinmachnow, Montag, 17. April 1989DDR, Berlin-Weißensee, Dienstag, 18. April 1989DDR, Ostberlin, Donnerstag, 20. April 1989DDR, Kleinmachnow, Freitag, 21. April 1989DDR, Müggelsee/Kleinmachnow, Samstag, 22. April 1989DDR, Kleinmachnow, Samstag, 29. April 1989DDR, Ostberlin/Kleinmachnow, Dienstag, 2. Mai 1989DDR, Kleinmachnow/Halle, Samstag, 6. Mai 1989DDR, Ostsee, Sonntag, 14. Mai–Samstag, 21. Mai 1989DDR, Kleinmachnow, Montag, 22.Mai–Samstag, 17. Juni 1989DDR, Kleinmachnow, Sonntag, 18. Juni 1989DDR, Kleinmachnow, Montag, 19. Juni 1989DDR, Kleinmachnow, Samstag, 1. Juli–Samstag, 29. Juli 1989Teil 3BRD, Frankfurt am Main, Samstag, 29. Juli 1989DDR, Kleinmachnow, Samstag, 26. August 1989BRD, Frankfurt am Main, Sonntag, 27. August 1989DDR, Kleinmachnow, Sonntag, 27. August 1989BRD, Frankfurt am Main, Mittwoch, 6. September 1989DDR, Kleinmachnow, Dienstag, 19. September 1989BRD, Frankfurt am Main, Donnerstag, 21. September 1989DDR, Kleinmachnow/Müggelsee, Dienstag, 26. September 1989–14. Oktober 1989 (1. Ferientag)BRD, Frankfurt am Main/Stuttgart, Freitag, 3. November 1989DDR, Kleinmachnow, Samstag, 4. November 1989BRD, Frankfurt am Main, Samstag, 4. November–Mittwoch, 8. November 1989DDR, Kleinmachnow, Mittwoch, 8. November 1989BRD, Westberlin, Donnerstag, 9. November 1989DDR, Kleinmachnow/Ostberlin – Grenzübergang Bornholmer Strasse, Donnerstag, 9. November 1989BRD, Westberlin – Grenzübergang Bornholmer Strasse, 9. November 1989

Teil 1

DDR, Kleinmachnow, Samstag, 31. Dezember 1988

Barbara Nowack saß im Bett und trank ihren Morgenkaffee. Schlaftrunken sah sie den winzigen Staubkörnchen zu, die auf den Lichtstreifen, die die Wintersonne von einem eisblauen Himmel in ihr Schlafzimmer schickte, schwerelos auf und ab schwebten. Wie zur Aussöhnung mit den vielen verhangenen Tagen im Dezember versprach der letzte Tag des Monats schön zu werden. Silvester!

Schon lange freute sie sich auf diesen Abend. Nur sie und Manfred. Er hatte Neujahr dienstfrei, und sie würden endlich wieder Zeit füreinander haben. Eine gute Gelegenheit, ein paar Dinge mit ihm zu klären, die ihr auf der Seele lagen. Zwar hatte Manfred länger nicht mehr über seinen absurden Plan gesprochen, aber sie wollte nicht ins neue Jahr gehen, ohne ihm noch einmal ihre Einstellung dazu deutlich zu machen.

»Barbara! Telefon!«, unterbrach da die Stimme ihrer Mutter ihre Gedanken. »Manfred will dich sprechen.«

»Ich komme.« Barbara sprang aus dem Bett und lief in den schmalen Gang, der ihre Wohnung, eine ausgebaute, ehemalige Garage, mit der ihrer Eltern verband.

»Erich Honecker am Apparat«, drang täuschend echt die Stimme des Staatsratsvorsitzenden sächselnd an ihr Ohr. »Frau Nowack, ich habe gerade gehört, dass Sie um diese Uhrzeit noch im Bett liegen. So geht das aber nicht.«

Barbara musste lachen. Manni … Auch nach einem Vierundzwanzig-Stunden-Dienst in der Klinik war er immer noch zu Späßen aufgelegt. Das mochte sie so an ihm.

»Und ich höre gerade, dass sich Genosse Mattner über unseren Generalsekretär lustig macht«, konterte sie nun hellwach.

»Aber nur bei Ihnen, Genossin Nowack.«

»Warum rufst du an? Was gibt’s?«

Schweigen. Sie hörte ihren Freund seufzen und dann antworten: »Über den Grund meines Anrufes wirst du wahrscheinlich nicht mehr lachen.«

Eine dunkle Ahnung kroch in ihr hoch. »Nee, oder …?« Sie hielt den Atem an.

Wieder ein Seufzen am anderen Ende der Leitung in Teltow. »Ich weiß, aber ich konnte nicht anders. Ich habe meinem Kollegen versprochen, den Silvesterdienst für ihn zu übernehmen. Er bekommt kurzfristig Besuch aus Westberlin.«

Barbara schluckte. »Wir wollten doch Silvester zusammen feiern«, sagte sie stockend und versuchte ruhig zu bleiben. »Nur wir beide. Ich habe schon im Deli für uns eingekauft. Ich habe mich so auf diesen Abend gefreut.« Sie hörte ihr Blut plötzlich in ihren Ohren rauschen. Und dann brach es aus ihr heraus, etwas, das schon seit längerem in ihr brodelte: »Ständig gehen die Poliklinik, die Partei oder irgendwelche Bekannten vor. Ich hab das Gefühl, mit einem Mann zusammen zu sein, der nicht mal einen Abend mit mir allein verbringen kann oder will.«

»Jetzt werde doch nicht ungerecht«, erwiderte Manfred und hörte sich fast wie ein kleiner Junge an. Sie konnte den treuherzigen Blick aus seinen himmelblauen Augen vor sich sehen. »Wir haben doch erst vorgestern Abend was zu zweit gemacht. Und was den Dienst angeht … Du weißt doch selbst, wie gut es sich bei der Partei macht, wenn man sich kollegial zeigt.«

Zum Gefühl der Enttäuschung gesellte sich jetzt auch ein Anflug von Wut. »Bei der Partei … So ein Blödsinn.«

»Ich habe mir gedacht, dass du einfach heute Abend in die Klinik kommst«, sagte Manfred in aufmunterndem Ton. »Dann feiern wir dort gemeinsam mit all den anderen Kollegen und Krankenschwestern, die auch Dienst haben. Die Sachen aus dem Deli kannst du doch mitbringen.«

Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Tränen stiegen ihr in die Augen. War sie ihm denn wirklich so wenig wichtig? »Vielen Dank für die Einladung, aber das werde ich nicht tun«, erwiderte sie mühsam beherrscht. »Feiere du in deiner Klinik. Dann gehe ich zu Elke und Wolf. Ich wünsche dir einen schönen Jahreswechsel.« Ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie den Hörer auf die Gabel.

Schwer atmend blieb sie vor dem Telefon stehen. Sie fror, nicht nur, weil es im Winter hier im Durchgang immer eisig kalt war. Wie unterschiedlich sie doch waren! Dr. Manfred Mattner, der allseits beliebte Zahnarzt und eifrige Parteigenosse, brauchte stets Abwechslung, den Applaus und die Anerkennung der anderen. Ruhige Stunden der Zweisamkeit schienen ihm nicht viel zu bedeuten.

Barbara schlang die Arme um ihren Körper und ging zurück in ihre Wohnung. Während sie ihren Kaffee austrank, fragte sie sich nicht zum ersten Mal in letzter Zeit, ob ihre Beziehung das kommende Jahr überleben würde.

Barbara seufzte. Sie spürte, wie sich ihre Enttäuschung und ihre Wut allmählich legten und dass sie sich jetzt sogar irgendwie auf die Silvesterparty bei ihrer Freundin und deren Mann freute. Plötzlich war ihr danach, sich so richtig schick zu machen. Dafür war das Kleid, das ihre Mutter ihr nach einem der Schnittmuster aus der Sibylle genäht hatte, genau das Richtige.

 

»Das ist ja eine Überraschung!«, rief Elke, als sie die Tür öffnete, und fiel Barbara um den Hals. Dann löste sie sich aus der Umarmung und fragte ernst: »Was ist passiert?«

»Manfred ist für einen Kollegen eingesprungen«, erklärte Barbara. »Es ging nicht anders.«

»Das ist doch Kokolores. Der wollte wohl nicht mit dir allein feiern«, sagte Elke in ihrer direkten Art, die manchmal etwas schroff wirkte.

Barbara wollte jetzt nicht darüber sprechen und erst recht nicht darüber nachdenken. Sie wusste, dass Elke nicht besonders von Manfred angetan war und fand, dass er nicht zu ihr passte. »Hier!« Sie hielt die Cellophantüte hoch. »Ich habe was mitgebracht. Aus dem Delikat.«

»Danke!« Elkes Blick wurde weich und ihre Stimme sanft. »Das tut mir leid für dich. Aber umso schöner, dass du jetzt hier bist.« Elke nahm ihr die Tüte ab und hakte sie unter. »So, jetzt komm erst mal rein.«

Barbara hängte ihren Mantel an die Garderobe.

»Du siehst toll aus.« Elkes große, dunkle Augen glitten an ihrem eng anliegenden, kurzen Kleid herunter. »Schwarz steht dir hervorragend. Das ist aber keine VEB-Fertigung, oder?«

Barbara lachte. »Meine Mutter hat es geschneidert.«

Die beiden betraten das Wohnzimmer, wo die Silvesterfeier schon in vollem Gange war. Die Leute standen in kleinen Gruppen beisammen, saßen auf den Sofas oder hockten im Schneidersitz auf Kissen und Teppichen. Es wurde geredet, gelacht, geraucht, getrunken und gegessen. Einige tanzten zu den Klängen von Carlos Santana, die aus dem Kassettenrekorder kamen. Eine Kollegin von Elke bei der Berliner Zeitung, die Bier verteilte, drückte Barbara eine Flasche in die Hand. Viele der Gäste kannte Barbara schon von anderen Feiern. Wolf arbeitete als Diakon in der Evangelischen Gemeinde in Kleinmachnow. Er und Elke hatten einen großen Freundeskreis, in dem die meisten bei Umwelt- oder Friedensinitiativen engagiert waren. Obwohl es ihr so vorkam, als sei sie die Einzige, die ohne Partner da war, fühlte sich Barbara nicht unwohl.

»Kennt ihr den schon?«, fragte ein schlaksiger Mann mit John-Lennon-Brille. »Ein DDR-Bürger macht rüber in den Westen. Er geht in ein Geschäft und verlangt eine Schachtel Cabinet. Der Verkäufer: ›Die haben wir nicht.‹ Er: ›Geht das schon wieder los …‹«

Alle lachten.

Gisela, eine Kostümbildnerin am Berliner Theater, warf einen verstohlenen Blick hinüber zu einer Gruppe an einem der Stehtische.

»Keine Sorge«, versicherte ihr Wolf, der das bemerkte, mit beruhigendem Lächeln.

»Horch&Guck ist überall«, entgegnete sie.

»Wie sieht es denn bei euch mit den Getränken aus?«, fragte Elke fröhlich in die Runde.

Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als der schrille Ton der Haustürklingel die Stimme von David Bowie übertönte. Einmal, zweimal. Kurz und fordernd. Die Paare, die getanzt hatten, blieben wie auf Kommando stehen. Elke schaltete den Rekorder ab.

»Die Stasi«, sagte jemand in die plötzlich eingetretene Stille hinein.

»Was soll die denn hier wollen?«

»Vielleicht die westliche Musik?«

»Die hört doch heute jeder.«

Elke wechselte einen Blick mit ihrem Mann, der daraufhin mit festen Schritten in den langen Flur verschwand. Ein paar Sekunden später ließ Wolfs befreit klingendes Lachen alle aufatmen. Fröhliche Stimmen waren zu hören. Dann kam der Diakon zurück ins Wohnzimmer. Ihm folgten zwei Männer und eine Frau. »Leute, seht mal her! Für alle, die die drei noch nicht kennen, das sind Joachim, mein kleiner Bruder, und seine Frau Marlies. Und das ist Ulrich, Joachims Kollege vom Pharmazeutischen Institut.«

Die späten Gäste wurden mit lautem Hallo begrüßt.

Barbara hätte ein Besuch der Staatssicherheit weit weniger in Aufregung versetzt als der Anblick dieses Mannes. Ulrich. Sie sah, nein, sie starrte ihn geradezu an. So kam es ihr zumindest vor. Der neue Gast in dem graumelierten Rollkragenpullover und dem schwarzen Mantel wäre ihr selbst in der größten Menschenmenge aufgefallen. Nicht nur wegen seines Äußeren – mindestens ein Meter neunzig groß, männlich, attraktiv –, sondern vor allem wegen seiner Ausstrahlung, die sie sofort in den Bann zog. Er strahlte Ruhe, Kraft und Selbstbewusstsein aus, ohne überheblich zu wirken. Er sah sich um. Sein Blick blieb irgendwann an ihr hängen. Drei, vier Augenblicke lang sahen sie sich in die Augen. Dann schaute sie rasch zur Seite, stellte ihr Bier ab und griff in die Schale mit den Erdnussflips. Ihr war plötzlich ganz heiß. Um sich abzulenken, verwickelte sie Elkes Kollegin, die gerade neben ihr stand, in ein Gespräch über die politisch brisante Komödie Übergangsgesellschaft, die sie erst kürzlich im Maxim-Gorki-Theater gesehen hatte. Aber sie war nicht bei der Sache, denn dabei beobachtete sie aus den Augenwinkeln, wie sich die neuen Gäste unter die Leute mischten. Irgendwann drangen Gitarrenklänge an ihr Ohr, die nicht aus dem Rekorder kamen. Sie blickte in Richtung des Erkers und entdeckte Ulrich – mit Wolfs Gitarre auf den Knien. Er spielte ein paar melodische Akkorde. Ruhig und in sich gekehrt, so als wäre er allein.

»Was spielst du denn für uns?«, erkundigte sich Elkes Redaktionskollegin laut und mit unübersehbar flirtendem Blick.

Ulrich hob den Kopf und schenkte ihr ein Lächeln, das, obwohl es nicht für sie bestimmt war, Barbaras Herz schneller schlagen ließ. Dieser Mann konnte lächeln! Unglaublich!

»Was möchtet ihr denn hören?«, fragte er mit tiefer Stimme, in der Wärme und Sinnlichkeit mitschwangen.

»Leonard Cohen!«, kam es Barbara da ganz spontan über die Lippen.

Ulrich sah sie an, und sein Blick tauchte in ihren. Für Barbara ein Augenblick so lang wie eine Ewigkeit.

»Und was von ihm?«, fragte Ulrich. Dieses Mal galt sein Lächeln ihr allein.

»Dance me to the end of love.«

Er nickte, senkte den Kopf und schlug sanft die Saiten an. Die Gäste bildeten einen weiten Halbkreis, es war, als würde der kleine Erker zur Bühne. In dem Moment, in dem Ulrich seine rauchige Stimme erhob, schienen alle die Luft anzuhalten. Völlig hingerissen hörte Barbara dem Gesang zu und begleitete ihn mit sanften Bewegungen. Elke hatte sich rechts bei ihr untergehakt, Wolf links. Einige summten mit, andere tanzten eng umschlungen. Als das Lied zu Ende war und Ulrich, ohne eine Pause zu machen, die ersten Akkorde von Cohens Halleluja anstimmte, sangen alle ausnahmslos mit. Barbara stimmte leise ein und wünschte sich nichts sehnlicher, als diesen Mann näher kennenzulernen.

 

Nachdem Ulrich die Gitarre an die Wand gelehnt hatte, schaltete Wolf den Kassettenrekorder wieder ein. Barbara mischte sich unter die Tanzenden, die sich ausgelassen zur Rockmusik bewegten. Als dann Jennifer Rushs The power of love erklang, fanden die Paare wieder zusammen. Barbara wandte sich ab und wollte in die Küche gehen, als sie jemand am Arm fasste. Sie drehte sich um und blickte in zwei graugrüne Augen, gesäumt von dichten, schwarzen Wimpern.

»Wollen wir tanzen?«

Sie konnte nur nicken. Wie selbstverständlich zog Ulrich sie an seinen Körper. Es fühlte sich vertraut an, so als würden sie sich schon lange kennen. Vom ersten Schritt an bewegten sie sich in völligem Einklang. Sie tanzten, als wären sie eins. Mit geschlossenen Augen atmete sie seinen Duft ein. Nicht den von Florena, den Manfred sich so gern großzügig auftrug, sondern eine Mischung aus Sandelholz, Zitrone und einem leichten Anklang von Muskat. Vielleicht auch Zimt? Ein ungeheuer männlicher Duft, der so anziehend auf sie wirkte, dass ihr fast schwindelig wurde. Ulrichs Atem streifte ihre Stirn. Seine Finger verschränkten sich mit ihren. Ein Staunen über den Rausch, den Ulrichs körperliche Nähe bei ihr auslöste, erfasste sie. So hatte sie das noch nie erlebt. Würde dieser Tanz doch niemals enden! Doch dann verstummte Jennifer Rush, und die Puhdys erklangen.

Ulrich blieb stehen. »Möchtest du etwas trinken?«

Sie lächelte zu ihm auf. »Ein Glas Rotwein vielleicht.«

Er löste sich von ihr. »Bin gleich zurück.«

Sie lehnte sich an die Wand, mit pochendem Puls, und fächelte sich mit der Hand Luft zu. Himmel, was war denn das? Dieser Mann brachte sie ja völlig aus dem Gleichgewicht. Sie fing Elkes Blick auf, in dem sie Verwunderung und Wohlwollen zugleich las. Elke nickte ihr aufmunternd zu und hielt einen Daumen hoch. Barbara musste leise lachen.

»Wie heißt du eigentlich?«, unterbrach Ulrichs dunkle Stimme ihre Gedanken. Wie aus dem Nichts war er neben ihr aufgetaucht und reichte ihr ein Glas.

»Barbara.«

Er stieß zart mit ihr an. »Auf dein Wohl, Barbara.«

Sie tranken. Ulrich lehnte sich neben sie an die Wand. »Joachim hat mir erzählt, dass du eine gute Freundin seiner Schwägerin bist.«

Sie nickte. »Und du bist ein Kollege von Joachim.« Diese Bemerkung stellte zwar nicht gerade eine intellektuelle Höchstleistung dar, aber etwas Besseres fiel ihr im Moment nicht ein. Eigentlich war sie nicht auf den Mund gefallen. Aber Ulrichs Nähe machte sie befangen. Sein direkter Blick, dieses Lächeln, dieser Duft …

»Mir gefällt dein Rasierwasser«, hörte sie sich sagen. O nein! Wie konnte sie nur? Das war ja viel zu persönlich und klang nach plumper Anmache. Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg.

Er lachte. Es war ein warmes, tiefes Lachen. »Ein Kollege aus dem Institut arbeitet dem Mangelangebot unseres Staates erfolgreich entgegen. Er stellt selbst Parfüm her und versorgt inzwischen fast alle Kollegen damit. Besonders die Frauen reißen ihm seine Fläschchen förmlich aus den Händen.«

»Lass mich raten. Sandelholz und Muskat?«

»Ja.« Wieder dieses Lächeln. O Mann!

»Zitrone?«

»Auch. Und Zimt. Gefällt’s dir?«

Himmel! Dieser Blick! Sie konnte nur nicken. Dann trank sie hastig einen Schluck, um sich zu beruhigen und Zeit zu gewinnen.

»Bist du auch Chemielaborant wie Joachim?«, wechselte sie jetzt zu einem unverfänglicheren Thema.

»Dozent.«

»Und was dozierst du?« Langsam gewann sie ihre Selbstsicherheit zurück.

»Zurzeit arbeite ich zusammen mit meinem Professor an einem Projekt, bei dem wir den Einfluss des Sonnenlichts auf die Biotransformation von Arzneistoffen in der Haut untersuchen.«

»Das hört sich interessant an. Wenn man Medikamente einnimmt, macht man sich über so was ja gar keine Gedanken.«

»Das stimmt. Und was machst du?«

»Ich unterrichte hier in Kleinmachnow an der EOS Georg Thiele.«

»Das hört sich aber auch interessant an. Und im Gegensatz zu dem, was ich mache, wirklich sinnvoll.«

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie gedehnt. Konnte sie Ulrich gegenüber offen sprechen? Als sie in seine warmen Augen blickte, glaubte sie, die Antwort zu kennen. »Sinnvoll? Da bin ich mir nicht so sicher«, sprach sie deshalb weiter. »Ich wollte immer Lehrerin werden, aber nach einem halben Jahr Berufserfahrung weiß ich jetzt, dass man tatsächlich nur Übermittler des sozialistisch-kommunistischen Gedankenguts sein darf. Alle Lerninhalte werden von der Partei vorgegeben. Und man darf auch keinen Millimeter davon abweichen. Damit die Schüler auch wirklich der festen Überzeugung sind, dass Freiheit, Brüderlichkeit und Wohlstand nur im Sozialismus möglich sind.« Sie lachte kurz auf. »So viel dazu, dass bei uns die Menschen zu schöpferischem Denken und selbständigem Handeln erzogen werden – so wie es die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften behauptet.«

Ulrich sah sie aufmerksam an. »Du traust dich was.«

»Weil ich so offen rede?«

Er nickte.

»Ich will mich nicht mehr ständig zurückhalten. Ich will sagen, was ich denke. Ich will aber auch nicht, wie so viele andere, in den Westen gehen. Ich will bei uns etwas verändern. Und dafür muss man die Dinge erst mal aussprechen.«

Ulrich sah ihr unverwandt in die Augen. »Du bist also nicht in der Partei, oder?«

Sie hielt seinem Blick stand und musste dann lachen. »Gut erkannt. Nein, natürlich nicht.« Sie seufzte. »Ist aber gar nicht so einfach. Weil die Schulleitung natürlich gerne hätte, dass ich eintrete, und mich ganz schön unter Druck setzt. Und du?«

»Ich bin auch noch nicht eingetreten, obwohl die Institutsleitung mich auch sehr bedrängt. Vor allem seitdem ich die Dozentenstelle habe. Und die habe ich auch nur der Fürsprache meines Professors zu verdanken, der in der SED ist. Tja, ohne Parteizugehörigkeit kannst du am Institut eben nichts werden.« Er lächelte sie offen an und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

»Alle mal herhören!«, rief da Wolf in den Raum. »Nur noch eine knappe halbe Stunde, dann ist es so weit. Wir machen gleich das Radio an. Für die genaue Zeit.«

Nun kam Unruhe auf.

»Bis gleich …«, sagte Ulrich, der Joachim und Wolf in den Garten folgte, wo sie sich ums Feuerwerk kümmerten.

Barbara ging in die Küche, um dort zu helfen. Es dauerte nicht lange, dann kamen alle wieder im Wohnzimmer zusammen. Die gefüllten Sektflöten wurden verteilt. Alle Paare hatten sich gefunden. Zum ersten Mal an diesem Abend kam sich Barbara einsam vor. Sie dachte an Manfred, der jetzt bestimmt auch, von Kollegen und Krankenschwestern umgeben, im Personalraum der Klinik die letzten Sekunden des alten Jahres abwartete, um das neue mit zackigem Parteigruß willkommen zu heißen. Ohne sie. »Zwanzig, neunzehn, achtzehn …«, hörte sie den Radiosprecher zählen. Wo war denn Ulrich? Verstohlen sah sie sich um, ohne ihn zu entdecken. Schade. Wie schön wäre es gewesen, wenn er jetzt neben ihr gestanden hätte.

Von Elke unbemerkt zog sie sich zurück und trat auf die Veranda. Allein mit ihrem Glas. Die kalte Nachtluft ließ sie frösteln. In der Ferne stiegen bereits die ersten Raketen in den Himmel, abgeschossen von denen, die zwölf Uhr nicht hatten abwarten können. Und dann wurden im Haus die Rufe laut: »Prost Neujahr!«

»Willkommen, neues Jahr«, flüsterte sie, während sie hoch zu den Sternen blickte. Traurigkeit breitete sich in ihr aus. Doch bevor dieses Gefühl gänzlich von ihr Besitz ergreifen konnte, trat jemand hinter sie. Rein instinktiv wusste sie, wer es war. Ganz langsam, aus Angst, sich doch zu irren, drehte sie sich um und blickte in die graugrünen Augen.

»Ein gutes und wunderschönes Jahr 1989 wünsche ich dir.« Ulrich stieß mit ihr an. Sie tranken beide, ohne ihre Blicke voneinander zu lassen. Dann senkte sich sein Gesicht ihrem zu, und sie schloss ganz automatisch die Augen. Sie spürte, wie seine Lippen die ihren suchten. Es war ein sehr sanfter, inniger Kuss. Bevor sie ihn erwidern konnte, hatte Ulrich sich auch schon wieder von ihr gelöst und war einen Schritt zurückgetreten.

Im nächsten Augenblick wurden unterhalb der Veranda die Raketen gezündet. Knallend und zischend stiegen sie zu den Sternen empor und ließen bunte Fontänen auf Kleinmachnow regnen. Barbara sah dem Spektakel zu, neben sich den Mann, der mit nur einem einzigen zarten Kuss auch in ihrem Herzen ein Feuerwerk entfacht hatte. In ihr tobte es. Ulrich hatte die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben und war scheinbar in Gedanken versunken. An was oder wen mochte er gerade denken? Noch während sie sein klassisch geschnittenes Profil betrachtete, stellte er den Mantelkragen auf. Dann sah er sie an, mit einem undefinierbaren Ausdruck in den Augen. »Ich geh jetzt. Mach’s gut.«

»Du auch«, kam es ihr ganz automatisch über die Lippen. Und bevor sie richtig begriff, dass er sich tatsächlich gerade von ihr verabschiedet hatte und sie sich vielleicht nie mehr wiedersehen würden, war er auch schon verschwunden.

DDR, Kleinmachnow, Sonntag, 1.1.1989

Das neue Jahr begann mit einem wolkenlosen Himmel und trockener Kälte. Die Sonne ließ den Raureif auf Gräsern, Ästen und Straßen glitzern. Nach den vielen grauen Tagen im Dezember sah die Welt heute wie frisch geputzt aus. Barbara saß bei ihren Eltern zu einem ausgiebigen Frühstück und blickte versonnen aus dem Fenster. Es kribbelte ihr in den Fingern, Elkes Nummer zu wählen. Nicht nur, um sich noch einmal für die Party zu bedanken. Wenn sie ehrlich war, wollte sie über Ulrich reden, wollte mehr über ihn erfahren – trotz ihres schlechten Gewissens Manfred gegenüber. Am frühen Nachmittag schließlich rief sie ihre Freundin an.

»Ich hätte dich auch gleich angerufen«, sprudelte Elke los. »Jetzt sag mal, was war das denn?«

Barbara musste lachen. »Was?«, fragte sie betont unschuldig.

»Na, das zwischen dir und Ulrich. Wie ihr getanzt habt! Eure Blicke – die haben Bände gesprochen!«

»Kennst du ihn näher? Du hast ihn noch nie erwähnt.«

»Joachim hat ein paarmal von ihm gesprochen. Aber ich habe ihn gestern auch zum ersten Mal gesehen.«

Barbara zögerte kurz, biss sich auf die Lippe und sagte dann entschlossen: »Er war allein da. Hat er keine …«

»Er ist geschieden. Habe ich heute schon alles für dich rausgefunden. Ich habe eben mit Joachim telefoniert. Keine Kinder, stammt ursprünglich aus der Gegend um Halle, wohnt am Müggelsee in einer Datsche und ist Dozent am Pharmazeutischen Institut in Berlin-Weißensee. Er soll ein ziemlicher Einzelgänger und Bücherwurm sein. Wie die meisten Wissenschaftler. Und er liebt die Natur. Genau wie du.«

»Einzelgänger? Bei seinem Aussehen müssten die Frauen ihm doch scharenweise nachlaufen.«

»Mag schon sein. Laut Joachim lässt er sich auf nichts Ernsthaftes ein. Nur kurze Affären.«

»Vielleicht hängt er noch an seiner geschiedenen Frau.«

»Oder ist der Richtigen noch nicht begegnet.« Elke sog hörbar die Luft ein und fügte dann hinzu: »Bis gestern Abend.«

Barbara konnte ihr schelmisches Lächeln förmlich durch den Telefonhörer sehen. »Quatsch«, erwiderte sie schnell, obwohl sich gerade wieder eine fiebrige Unruhe in ihr regte.

»Mit Sicherheit hast du ihm gefallen. Du weißt doch selbst, wie toll du gestern Abend in dem Kleid ausgesehen hast und wie du auf Männer wirkst.«

»Na ja, ist ja auch egal«, tat Barbara nun hastig das Thema ab. »Schließlich bin ich in einer festen Beziehung.«

»Aber in was für einer«, gab Elke trocken zurück. »Ihr seht euch kaum, habt überhaupt keine gemeinsamen Interessen und dann noch Mannis Theater, das er um seine Partei macht. Das kann man auf Dauer ja nicht ertragen. Dass der bei seinen Genossen noch nicht zur Lachnummer geworden ist!«

Wenn du wüsstest, musste Barbara da denken. Aber darüber durfte sie selbst mit ihrer besten Freundin nicht reden.

DDR, Kleinmachnow/Ostberlin, Montag, 2.1.1989

Auch am zweiten Tag nach Silvester musste Barbara noch ständig an Ulrich denken. Wie durch ein unsichtbares Band fühlte sie sich mit ihm verbunden. Verrückt, völlig verrückt, sagte sie sich. Immer noch spürte sie seine Lippen auf ihren. Warum nur war er nach diesem Kuss sofort gegangen? Ob sie sich wiedersehen würden? Wann? Wo? Und wie würde es dann zwischen ihnen weitergehen?

Um sich von diesen verwirrenden und nagenden Fragen abzulenken, beschloss sie, nach Berlin zu fahren. Michael würde sie bestimmt auf andere Gedanken bringen können.

Barbara wollte gerade in den Trabi ihrer Eltern steigen, als Manfred in seinem alten knatternden Wartburg vorfuhr. Mit fliegenden, weißen Kittelstößen sprang er aus dem Auto, kam auf sie zugelaufen und umarmte sie stürmisch.

»Alles Gute zum neuen Jahr!«, sagte er atemlos in ihr Haar. »Ich hatte bis gerade Dienst«, fuhr er fort, nachdem er sie losgelassen hatte. »Hast du einen starken Kaffee für mich? Ich wollte dich so schnell wie möglich sehen. Aber nachher muss ich unbedingt erst mal schlafen.«

Sie ging zurück in ihre Wohnung und setzte Wasser auf. Dabei erzählte ihr Manfred von seiner Silvesternacht, in der er und seine Kollegen, wie er betonte, keinerlei Zeit zum Feiern gehabt hatten. Alkoholleichen, Verbrennungen, Verkehrsopfer, kollabierte Kreisläufe hatten die Notaufnahme der Poliklinik in Teltow in Atem gehalten.

»Gut, dass du nicht gekommen bist«, meinte Manni und sah sie mit seinem treuherzigen, himmelblauen Blick an. »Ich hätte keine Zeit für dich gehabt. Aber dafür habe ich jetzt was für dich. Was ich dir eigentlich um zwölf Uhr geben wollte.« Er trat auf sie zu, griff in die Seitentasche seiner weißen Hose und brachte ein kleines quadratisches Päckchen zum Vorschein. Es sah wie die Schatulle eines Ringes aus – und es ließ ihr den Atem stocken. Wenn sie sich auch zu Beginn ihrer Beziehung über einen Ring als Zeichen der Verbundenheit gefreut hätte, brachte der Anblick des schlichten, rotgoldenen Reifs sie jetzt in höchste Verlegenheit. Die Silvesternacht hatte alles verändert.

Manfred, der kaum größer war als sie, sah ihr in die Augen. »Ich möchte, dass du ihn trägst. Weil wir zusammengehören. Auch wenn wir uns nicht so oft sehen, wie du es dir wünschst. Aber du weißt ja …« Mit vielsagendem Blick verstummte er.

Ja, sie wusste es und erschrak. Über genau das hatte sie an Silvester mit ihm reden wollen.

»Mal sehen, ob er passt«, sagte Manfred mit einem erwartungsvollen Blick, der sie rührte.

Sie ließ ihn sich von ihm über den Ringfinger streifen.

»Doch zu groß«, stellte er mit enttäuschter Miene fest, die sich jedoch in der nächsten Sekunde schon wieder aufhellte. »Nicht schlimm. Wir lassen ihn kleiner machen.«

Manfred hielt sich nie lange mit Enttäuschungen auf.

Sie lächelte ihn an. »Danke schön. Das ist wirklich sehr lieb von dir.«

Er hob die blonden Brauen. »Wie? Kriege ich keinen Kuss? Ich bin schon auf Entzug.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, zog er sie in seine Arme und küsste sie – gierig und ungeduldig, wie es seine Art war.

»Warum bist du denn so kühl?« Er trat einen Schritt zurück und sah sie prüfend an. »Bist du etwa noch sauer wegen Silvester?«

Sie spannte den Rücken und sah ihm fest in die Augen. »Ja, das bin ich. Aber es geht nicht nur um Silvester. Ich finde, wir müssen mal grundsätzlich über unsere Beziehung reden.«

Manfred gähnte und wendete den Blick ab. »Aber nicht jetzt, Schatz. Ich bin völlig kaputt. Überleg dir mal, wie lange ich schon auf den Beinen bin. Ich muss jetzt erst mal nach Hause fahren und schlafen. Übrigens, ich bin gerade dabei, den deutsch-sowjetischen Freundschaftsabend zu organisieren. Der findet übernächsten Samstag statt.« Er fuhr sich mit den Fingern der rechten Hand durch seine rotblonden Locken, während seine Augen jetzt wieder ihre suchten. »Ich hoffe doch, dass du mich begleitest. Auch wenn du noch sauer auf mich bist.« Er lächelte sie verschmitzt an. »Du weißt, wie gut sich das bei den Genossen macht. Übrigens auch bei deiner Schulleitung, die bestimmt daran teilnehmen wird.«

Barbara trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Manfred kam hinterher und fasste sie an den Oberarmen. »Bitte. Lass mich nicht hängen. Nicht gerade jetzt, so kurz davor.«

»Schon gut, ich werde dich begleiten.« Unwirsch befreite sie sich aus seinem Griff.

Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Grüß deine Eltern. In den kommenden Tagen schau ich auf jeden Fall bei ihnen rein. Ich ruf dich an. Oder melde du dich. Bis später.« Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ die Küche.

Nachdem die Haustür hinter ihm zugefallen war, hatte Barbara das Gefühl, ein Orkan wäre über sie hinweggefegt. Manfred brachte eine Unruhe in ihr Leben, die sie als zunehmend belastend empfand. Nachdenklich betrachtete sie den Ring an ihrem Finger. Ja, er saß viel zu locker. War das ein Zeichen dafür, dass es auch in ihrer Beziehung nicht richtig passte? Es fiel ihr schwer, das Gefühl zu benennen, mit dem sie den Ring wieder behutsam in das kleine Kästchen legte. War sie traurig, dass dieses Geschenk zu spät gekommen war?

 

Barbara nahm ihre Tasche, setzte sich ins Auto und fuhr nach Berlin. Michael wohnte in Prenzlauer Berg, etwa vierzig Autominuten von Kleinmachnow entfernt. Wie meistens hing trotz des klaren Wetters eine Dunstglocke aus Abgasen und Qualm über der Stadt. Als sie an einem HO-Laden vorbeikam, vor dem die Leute Schlange standen, musste sie wieder an Ulrichs Duft denken. Was hatte Ulrich gesagt? Ein Kollege würde dem Mangelangebot erfolgreich entgegenarbeiten. Auch sein Humor hatte ihr gefallen.

Von der Wichertstraße bog sie in eine holprige Seitenstraße ab, in der es zwei Kneipen, eine Broiler-Bude, einen Friseur und einen Kohlenhandel gab. Hier lebte Michael. Seine Buchhandlung befand sich in seiner Wohnung, die zum Hof hin noch über ein großes Zimmer und eine Kochnische verfügte. Das Klo war auf halber Treppe zum ersten Stock. Wer es benutzte, musste den abgestandenen Geruch von Fäkalien, Zwiebeln und Kohl in Kauf nehmen. Dass Michael, der in einer Jugendstilvilla in Berlin-Weißensee aufgewachsen war, bereits mit neunzehn Jahren hierhin gezogen war, verriet, wie unglücklich er sich in seinem Elternhaus gefühlt hatte.

Barbara parkte mit zwei Reifen auf dem Bürgersteig und sprang aus dem Auto. Michaels bernsteinfarbene Augen leuchteten auf, als sie den Laden betrat. Groß, breit und schwerfällig wie ein Bär kam er mit ausgebreiteten Armen hinter der Verkaufstheke hervor. »Ein frohes neues Jahr, meine Kleine«, sagte er mit einer Stimme, die viel zu hoch war für seine imposante Gestalt.

Sie umarmte ihn und küsste ihn auf die Stelle seiner Wange, die sein rotbrauner, krauser Vollbart frei gelassen hatte. »Das wünsche ich dir auch, mein Großer«, erwiderte sie, und in ihrer Stimme schwang all die geschwisterliche Liebe mit, die sie für ihn empfand. Er war für sie wie ein großer Bruder. Da ihre Eltern sich schon ewig kannten, waren sie in ihrer Kindheit fast wie Geschwister aufgewachsen. Für Peter Pietsch, Michaels Vater, war Barbara auch heute noch die Traumschwiegertochter, die er jedoch nie bekommen würde.

»Kaffee und Persiko?« Michael sah sie aufmunternd an.

»Ausnahmsweise auch Persiko, um auf das neue Jahr anzustoßen«, stimmte sie zu und ließ sich in einen der vier zerschlissenen Sessel fallen, die in der Ecke um einen kleinen Tisch standen.

Während Michael im hinteren Teil der Wohnung verschwand, sah sie sich um. Sie liebte Bücher. Einen ledernen Buchdeckel zu berühren oder mit den Fingerkuppen behutsam über den Buchschnitt zu fahren war für sie ein sinnliches Vergnügen. Michaels Buchhandlung liebte sie besonders. Sie hatte etwas Nostalgisches, etwas Geheimnisvolles an sich: dunkle Holzregale vom Boden bis hinauf zur angegrauten Stuckdecke, unter der der Geruch von vergilbtem Papier, gegerbtem Leder und Druckerschwärze hing. Und einen Raum, einen separaten Kellerraum, der nur über eine Treppe im hinteren Teil der Wohnung zu erreichen war. Hier stand die »verbotene« Literatur, sprich die westliche: Sartre, Camus, Freud. Diesen Raum kannten nur wenige. Es brauchte lange, bis Michael ein solches Vertrauen zu jemandem fasste, dass er ihn die Treppe hinunterführte.

»Auf das Jahr 1989«, sagte er und hob sein Glas.

Barbara tat es ihm gleich. »Erzähl mir, wie hast du den Jahreswechsel gefeiert?«, erkundigte sie sich.

»Allein«, lautete seine Antwort, wobei er jedoch alles andere als unglücklich aussah. Sein gutmütiges Gesicht schien vielmehr aufzuleuchten.

»Allein?«, fragte sie irritiert.

»Na ja, ab elf Uhr abends war ich allein. Bis dahin hatte ich Besuch. Von einem Kunden. Er ist mittags ins Geschäft gekommen, als ich gerade schließen wollte. Wir sind ins Gespräch gekommen.«

Sie lächelte wissend. »Das muss ja ein sehr interessantes Gespräch gewesen sein.«

»War es auch«, erwiderte Michael ernst. »Er ist freier Journalist und Autor und wohnt zurzeit bei seiner Schwester in Westberlin. Er musste vor Mitternacht wieder rüber.« Michael hielt kurz inne und lächelte jetzt sanft und versonnen. »Sonst wäre er über den Jahreswechsel hiergeblieben. Aber dass er gehen musste, war gar nicht so schlimm. Für den Rest der Nacht hatte ich noch viel zum Nachdenken und Nachfühlen.«

Barbara freute sich für Michael. Wenn sie es einem Menschen gönnte, glücklich zu sein, dann ihm – obwohl sie sich sehr bewusst war, dass ihm ein solches Glück zugleich auch große Probleme bescheren würde, sollte er es je öffentlich leben wollen. »Wie alt ist er?«

»Achtunddreißig, genau zehn Jahre älter. Das passt.«

»Seht ihr euch wieder?«

Michael lachte. »Das hoffe ich doch. Er hat es mir versprochen.«

Spontan sprang sie auf und umarmte ihn. »Ich freu mich so sehr für dich. Aber du musst vorsichtig sein. Ich bin mir nicht sicher, ob dein Vater dann immer noch die Hand schützend über dich halten kann.«

»Die Frage ist, ob er es will. Du weißt ja, wie er zu meiner Neigung steht.«

Sie setzte sich wieder und nahm einen Schluck Kaffee. Sie mochte Michaels Eltern, Peter und Charlotte. Peter saß im Zentralkomitee der Partei und lebte in ständiger Angst, seine Kollegen könnten die Wahrheit über seinen Sohn, sein einziges Kind, erfahren. Michael seinerseits tat unter diesem Druck alles dafür, dass sein Anderssein niemandem auffiel. So hatte er alle Stationen durchlaufen, die aus einem Jugendlichen einen linientreuen Staatsbürger machten. Natürlich war er Mitglied der SED, der Partei, die er tief im Herzen aufs schärfste ablehnte.

»Erzähl mir, was du dir fürs neue Jahr vorgenommen hast«, forderte Barbara ihren Freund auf.

»Erzähl du mir erst einmal, wie du Silvester gefeiert hast!«

»Ich war bei Elke und Wolf. Die beiden haben eine große Party gemacht.«

»Mit Manfred?«, fragte Michael erstaunt. Er wusste, wie wenig sich ihr Freund und Elke leiden konnten.

»Ohne ihn.«

»Hoppla!«

»Das war völlig in Ordnung.« Sie lächelte ihn an und erzählte ihm dann, was ihr in der Silvesternacht widerfahren war.

Michael zog nachdenklich die Brauen zusammen. »Dozent am Pharmazeutischen Institut, heißt Ulrich, ist gutaussehend? Wie heißt er denn mit Nachnamen?«

»Dreyer. Ulrich Dreyer.«

Michael lachte. »Du, den kenne ich! Der kauft bei mir.«

»Wirklich?« Sie rutschte auf die Sesselkante, konnte es kaum glauben. »Und wie findest du ihn?«

»Du kannst ihm vertrauen. Er kauft bei mir wissenschaftliche Bücher fürs Institut, aber auch Bücher aus dem Keller. Und bis jetzt hat die Stasi mich in Ruhe gelassen.«

»Ja.« Sie sah ihn ernst an. »Ich vertraue ihm.«

»Und? Machst du jetzt mit Manni Schluss?«

Sie nickte langsam. »Das hat aber nichts mit Ulrich zu tun.« Über kurz oder lang wird es sich von selbst erledigen, fügte sie in Gedanken hinzu. Darüber jedoch durfte sie nicht einmal mit Michael reden.

»Wie heißt er eigentlich?«, wechselte sie rasch das Thema.

Michael wusste sofort, wen sie meinte. »Roman.«

»Roman«, wiederholte sie lächelnd.

»Klingt schön, nicht wahr?«

»Ja.«

»Er ist auch schön. Viel zu schön für mich.«

Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Du spinnst. Für dich ist keiner zu schön.«

DDR, Kleinmachnow, Dienstag, 3.1.–Freitag, 13.1.1989

Am Tag nach ihrem Besuch bei Michael begann wieder die Schule, die Barbara nur wenig Zeit ließ, über ihr Privatleben nachzudenken. Erst abends, wenn sie mit einem Glas Wein vor dem knisternden Ofen saß, kehrten ihre Gedanken zurück zu der Begegnung mit Ulrich. Dieser Mann hatte einen Gefühlsaufruhr in ihr erzeugt, den sie nicht kontrollieren konnte. Sie musste nur die Augen schließen, um erneut seinen Kuss auf ihren Lippen zu spüren. Je mehr Ulrich ihre Gedanken beherrschte, desto mehr rückte sie innerlich von Manfred ab. Am ersten Wochenende nach Schulbeginn, an dem sie nur den Samstag miteinander verbrachten, weigerte Barbara sich zum ersten Mal, mit Manfred zu schlafen. Die Vorstellung, mit ihm ins Bett zu gehen, empfand sie wie einen Verrat an Ulrich.

»Also, das finde ich etwas übertrieben«, meinte Elke. »Du weißt, wie ich zu Manni stehe, aber ihr seid ja noch zusammen, und ein bisschen Sex tut doch immer gut.«

»Aber nicht, wenn man dabei meistens leer ausgeht«, entgegnete Barbara heftig.

»Wirklich?« Elke riss die Augen auf. »Das hast du mir nie erzählt.«

»Na ja, wir Frauen hoffen ja immer gerne, so was würde sich noch geben. Außerdem ist guter Sex auch nicht alles. Aber Manfred hat generell wenig Sinn für die Liebe, was ich am Anfang noch nicht so gemerkt habe. Er kennt nur die Liebe zur Arbeit und die Liebe zum sozialistischen Vaterland.« Dass letztere nur vorgetäuscht war, behielt sie für sich.

»Und ich dachte immer, der Sex wäre das Einzige, was dich bei Manni hält. Denn sind wir mal ehrlich, alles andere …« Ihre Freundin verdrehte die Augen.

»Eigentlich ist er ein netter Kerl«, fühlte Barbara sich nun verpflichtet, ihren Noch-Freund zu verteidigen. »Am Anfang haben mich seine unerschöpfliche Energie und seine lebensfrohe Art fasziniert. Wenn man sich dann näher kennenlernt, erkennt man irgendwann, dass es nicht passt.«

»Das ist bei mir und Wolf nicht so«, erwiderte Elke nachdenklich.

Vielleicht bei Ulrich und mir auch nicht, dachte Barbara.

»Wollen wir beide mal in den nächsten Tagen am Müggelsee wandern gehen?«, schlug ihre Freundin mit schelmischem Lächeln vor.

Barbara musste lachen. »Nee, ganz bestimmt nicht. Das sähe ja so aus, als würde ich ihm nachlaufen.«

»Das ist doch Blödsinn. Wir können doch wandern, wo wir wollen.«

Energisch schüttelte Barbara den Kopf. »Kommt nicht in Frage. Erst mal will ich die Sache mit Manni regeln. Ich fände es ihm gegenüber unfair, mit Ulrich was anzufangen, wenn wir offiziell noch zusammen sind.«

 

Freitagnachmittag, am Ende der zweiten Schulwoche und einen Tag vor dem deutsch-sowjetischen Freundschaftsabend, rief Manfred an. »Ich mache heute früher Schluss und hole dich ab«, teilte er Barbara knapp mit. »In einer halben Stunde. Wir müssen reden.«

Reden? Das ist ja ganz was Neues, dachte Barbara.

Als der Wartburg mit quietschenden Bremsen vor dem Haus zum Stehen kam, schlüpfte sie in ihren Mantel und trat hinaus. Sie gab Manfred einen Kuss auf die Wange. »Wo fahren wir hin?«

»Zum Gütefelder See, ein bisschen spazieren gehen.«

»Du willst spazieren gehen?« Erstaunt sah sie ihn von der Seite an.

»Ist doch schönes Wetter«, meinte er mit undurchsichtiger Miene.

Angespannt setzte sie sich auf den durchgesessenen Beifahrersitz. Geduld war nicht gerade ihre Stärke. »Sag, was ist los?«

Manfred legte den Zeigefinger an die Lippen. »Nicht hier«, meinte er nur mit gepresster Stimme.

Glaubte er etwa allen Ernstes, im Auto abgehört zu werden? Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch schwieg sie und fühlte sich erleichtert, als sie endlich aussteigen konnte.

Es war ein eisblauer Tag, klirrend kalt, mit einer blassen Sonne, die sich bereits zum Horizont neigte. Barbara schlang sich den langen Strickschal mehrmals um den Hals und passte sich Manfreds Schritt an. Sie waren die einzigen Spaziergänger an diesem Uferabschnitt. Der See war stellenweise zugefroren. Auf den Eisschollen saßen ein paar Enten, die, wie es schien, verwundert zu ihnen hinüberschauten. Es war windstill, vollkommen ruhig – wie die Ruhe vor dem Sturm. Als Manfred weiterhin nicht redete, blieb Barbara schließlich stehen. »Kannst du mir jetzt bitte sagen, worum es geht? Oder befürchtest du, selbst hier abgehört zu werden?«

Manfred blieb abrupt stehen und sah sie an, so ernst und bedeutungsvoll wie selten zuvor. »Bitte, Barbara, unterschätz die Situation nicht. Wir müssen jetzt besonders vorsichtig sein. Der Schleuser hat mich heute kontaktiert. Er braucht Fotos für unsere Pässe. Im Februar ist es so weit.« Mit beiden Händen fuhr er sich durch die rotblonden Locken.

Ihr fiel plötzlich auf, wie angespannt er wirkte.

»Wir können endlich abhauen. Weißt du, was das heißt?« Er sah ihr fest in die Augen.

Sie schluckte. Ihr wurde ganz heiß unter ihrem Mantel. Damit hatte sie nicht gerechnet. Nicht so schnell. Und sie wollte doch gar nicht weg. Ihre Stimme zitterte, als sie antwortete: »Ja, ich weiß, was das heißt. Es heißt für mich, meine Eltern und meine Freunde zurückzulassen. Und meine Heimat, die ich liebe, auch wenn ich mit vielem hier nicht einverstanden bin. Und es heißt, niemals mehr zurückkommen zu können, ohne im Gefängnis zu landen. Es bedeutet für die Zukunft, wurzellos zu sein.« Während sie sprach, hatte sie Manfred ins Gesicht gesehen und bemerkt, wie er unter seiner ohnehin blassen Haut noch weißer geworden war.

Ungläubig sah er sie an. »Heißt das etwa, du gehst nicht mit?«

»Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich nicht wegwill. Aber das hast du nicht hören wollen, weil es nicht in deine Pläne passt. Du bist einfach davon ausgegangen, dass ich dich begleite, wenn es dann so weit ist. Einfach, weil eine Frau ihrem Partner folgt. Stimmt’s? Das hast du doch gedacht, oder?«

»Das glaube ich jetzt nicht.« Manfred schien förmlich in sich zusammenzusacken. »Du hast mich die ganze Zeit über in dem Glauben gelassen …«

»Das habe ich nicht«, unterbrach sie ihn heftig. »Ich habe nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich mithelfen möchte, unser Land zum Besseren zu verändern. Du dagegen spielst nach außen hin den linientreuen Genossen und bist im Herzen Kapitalist.«

»Das ist es ja gerade! Bei mir kommt doch niemand drauf, dass ich wegwill. Ich will nämlich nicht zu den Blöden gehören, die statt im Westen hier im Gefängnis landen. Und was heißt überhaupt Kapitalist oder Sozialist?« Röte stieg ihm in die Wangen. »Es geht um mein Leben. Mein einziges Leben! Wenn ich als Stomatologe im Westen mit eigener Praxis und eigenem Labor das große Geld machen kann, schiebe ich hier doch nicht für einen Hungerlohn in der Klinik Nachtdienste. Es macht mich rasend, dass mein Vetter Markus zwei Porsche, eine riesige Villa in Hamburg und eine Eigentumswohnung auf Sylt hat. Mein einziger Vorteil in unserem gleichmachenden Staat war doch bisher nur, dass ich, weil mein Vater ein kleiner Bauer ist, sofort einen Studienplatz in Medizin bekommen habe. Aber jetzt will ich auch was aus mir machen. Ich gehe, egal, ob du mich begleitest oder nicht.« Energisch stapfte er weiter.

Barbara folgte ihm. »Manni«, begann sie in besänftigendem Ton. »Versteh mich doch.« Sie wollte sich bei ihm einhaken, doch er schüttelte ihren Arm mit verbissener Miene ab. »Schau mal«, sprach sie trotzdem weiter, »abgesehen von unseren unterschiedlichen politischen Standpunkten trennt uns doch noch viel mehr. Meinst du nicht auch? Das ist zumindest mir in den vergangenen Monaten immer klarer geworden. Wir hatten zu Anfang eine schöne Zeit, aber unsere Erwartungen an eine Beziehung und ans Leben sind grundverschieden. Das wäre im Westen doch genauso.«

Manfred blieb abrupt stehen. »Barbara …« Er trat auf sie zu und fasste sie an den Schultern. Täuschte sie sich oder lag auf seinen blauen Augen jetzt tatsächlich ein feuchter Schimmer? Aber vielleicht war es auch nur von der schneidenden Kälte. »Ich liebe dich doch. Ich möchte mir mit dir eine Zukunft aufbauen. Ich möchte dir ein schönes Leben bieten. Stomatologe und Lehrerin … Das passt so gut zusammen. Markus ist auch mit einer Lehrerin verheiratet. Es geht doch nicht darum, dass man alles zusammen macht. Es geht vielmehr darum, eine stabile Zweiergemeinschaft zu bilden. Sozusagen eine kleine Firma, der es finanziell gutgeht.«

Sie sah auf den See hinaus und sog die kalte Luft tief ein. Das Gespräch strengte sie an. Es zeigte noch einmal die unüberwindliche Schlucht, die sich zwischen ihnen auftat. »Ich will mit meinem Mann keine kleine, gut florierende Firma gründen. Ich will Liebe. Auch wenn die romantische Liebe zwischen Mann und Frau nach der sozialistisch-kommunistischen Idee gerne als etwas Bürgerlich-Chaotisches abgetan wird«, sie suchte seine Augen. »In diesem Punkt halte ich es doch eher mit unseren Klassenfeinden«, fügte sie voller Ironie hinzu.

Manfreds Blick bohrte sich in ihre Augen. »Du wirst mich also nicht begleiten?«

»Nein.«

»Scheiße.« Um seiner Enttäuschung Luft zu machen, trat er wie ein wütender Junge gegen einen Stein, der am Boden festgefroren war. Dabei verzog er schmerzhaft das Gesicht. »Oder hast du etwa einen anderen?«

»Nein.« Sie fühlte sich erschöpft. »Fährst du mich nach Hause?«

»Gehst du denn wenigstens morgen noch mit mir zu dem deutsch-sowjetischen Freundschaftsabend?«

Sie musste lächeln. »Wegen deiner Tarnung?«

»Mach dich ruhig darüber lustig. Aber die ist für mich jetzt wichtiger denn je. Also lass uns bitte so tun, als wäre zwischen uns alles noch beim Alten – solange ich noch hier bin.«

»Ja, ich gehe mit.«

Er sah sie streng an. »Kann ich mich darauf verlassen, dass du mich nicht verpfeifst? Außer dir, Markus und dem Schleuser weiß niemand Bescheid.«

Sie hielt seinem Blick stand. »Das kannst du, Manfred. Ich gebe dir mein Wort darauf.«

 

Als Barbara an diesem Abend im Bett lag und das Gespräch noch einmal in Gedanken nachvollzog, verspürte sie einen bitteren Nachgeschmack auf der Zunge. Sie hatte die Beziehung beendet, obwohl sie es zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgehabt hatte. Sie war von den Entwicklungen überrollt worden. Dass es so schnell gehen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Genauso wenig damit, dass Manfred ihre Entscheidung kampflos hinnehmen würde. Im Westen das große Geld zu verdienen, war für ihn offenbar wichtiger als mit ihr zusammen zu sein. Bedeutete sie ihm wirklich so wenig? Sie war enttäuscht. Andererseits: Sie hatten eine gute Zeit gehabt, und nun ging eben jeder seiner Wege. Und dennoch spürte sie jetzt das schlechte Gewissen in sich aufkeimen. Sie hatte zwar nicht wirklich einen anderen, aber sie war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass die Begegnung mit Ulrich Dreyer der letzte Impuls für ihre Entscheidung gegen Manfred gewesen war. Auch ohne seine Fluchtpläne hätte sie sich gegen ihn entschieden. Nicht heute, aber in baldiger Zukunft.

DDR, Kleinmachnow, Montag, 16.1.1989

Barbara hatte an diesem Morgen das Schulgebäude kaum betreten, als auch schon der Direktor mit langen Schritten auf sie zukam. »Guten Morgen, Kollegin Nowack, da sind Sie ja! Kann ich Sie kurz sprechen?«

Die ungewöhnlich freundliche Miene des Mittfünfzigers überraschte sie.

»Ich habe mich sehr gefreut, dass Sie am Samstag mit uns gefeiert haben«, fuhr Herr Breitner aufgeräumt fort. »Dass Sie und Genosse Mattner seit einem Jahr ein Paar sind, wusste ich gar nicht. Und zwar ein sehr schönes Paar. Gratulation.« Sein Lächeln wirkte aufgesetzt, fast wölfisch: »Das Bild wäre jedoch noch stimmiger, wenn auch Sie in der Partei wären. Gerade weil Genosse Mattner einer unserer besten Männer ist.«

Wenn du wüsstest, dachte sie, während es in ihr zu brodeln begann.

»Ich habe noch ein Anliegen, liebe Frau Kollegin«, schien der Direktor jetzt das Thema zu wechseln und lenkte sie an die Seite vor die lange Fensterfront. »Ich habe heute für Ihre Stufe eine Ranzenkontrolle vorgesehen. Bitte tragen Sie alle staatsfeindlichen Funde mit Namen des jeweiligen Schülers ins Klassenbuch ein und liefern Sie es mir am Ende des Unterrichts ab.«

Barbara nickte stumm und zwang sich zu einem Lächeln, das ihre Wangenmuskeln schmerzen ließ. Ranzenkontrolle bedeutete für sie, ihre Schüler zu denunzieren. Es gab immer wieder einige, die tatsächlich irgendwelche Kassetten mit westlicher Musik, Asterix-Hefte oder die Bravo mit in die Schule brachten, um sie mit anderen zu tauschen. War es ihnen zu verdenken? Sie wussten doch alle aus dem Westfernsehen, wie es beim Klassenfeind drüben aussah. Und zudem reizte pubertierende Jugendliche doch gerade das Verbotene. Das war sicher überall auf der Welt gleich.

Als Barbara ein paar Minuten später vor ihre Klasse trat und die allmorgendliche Losung der FDJler – Freundschaft – in den Raum rief, zitterte ihre Stimme. Ihre Schüler antworteten laut wie immer: »Freundschaft!«

 

»Natürlich hatten drei Schüler wieder westliche Zeitschriften dabei«, erzählte Barbara ihren Eltern mittags beim Essen. »Ich hätte gerne so getan, als hätte ich sie nicht gesehen, aber da die Taschenkontrolle vor der ganzen Klasse stattfindet, fanden sich sofort ein paar FDJler, die mich darauf aufmerksam gemacht haben. Da kam ich an einem Klassenbucheintrag nicht vorbei.« Mit wütender Miene sah sie ihre Eltern an. »Wie habt ihr euch eigentlich dabei gefühlt, als ihr das früher bei euren Schülern gemacht habt?«

»Genauso mies wie du jetzt«, antwortete ihr Vater, der viele Jahre als Lehrer gearbeitet hatte, so wie ihre Mutter auch.

»Das war nun schon das dritte Mal in sechs Monaten, dass mich der Breitner dazu verdonnert hat«, fuhr sie empört fort. »Normalerweise werden solche Kontrollen nur zweimal im Jahr durchgeführt.«

»Vielleicht solltest du doch in die Partei eintreten«, meinte ihre Mutter zaghaft. »Wahrscheinlich hat dich dein Direktor auf dem Kieker, weil du dich bis heute geweigert hast. Du weißt doch, wie das ist. Jetzt fordert er von dir auf diese Weise Linientreue ein.«

»Die sind hinter jedem neuen Parteimitglied her«, sagte ihr Vater. »Dem Staat gehen inzwischen doch immer mehr Leute verloren. Viele flüchten oder stellen Ausreiseanträge. Gestern war ich in Berlin. Wie viele weiße Bänder ich da an den Autoantennen gesehen habe! Alles Ausreisewillige, die einen Antrag gestellt haben und das auch öffentlich zeigen.«

Barbara sah ihre Mutter an, eine schlanke, attraktive Mittsechzigerin mit flottem Kurzhaarschnitt. »Wann seid ihr eigentlich in die Partei eingetreten?«

Während die Frage im Raum stand, kam es ihr so vor, als würde sich die Luft in der Küche plötzlich verdichten. Ihre Mutter ließ die Gabel auf den Teller fallen. Das klirrende Geräusch schien überlaut. Ihre Eltern sahen sich an. Wortlos. Ihr Schweigen war fast schmerzhaft. Draußen fuhr jetzt ein Kohlenwagen vorbei. Das Rattern seiner Räder auf dem Kopfsteinpflaster durchbrach die Stille in der Küche. Verwirrt sah Barbara von einem zum anderen. »Ist die Frage ein Problem für euch?«

Da lachte ihre Mutter auf. »Wieso sollte es? Ich bin nur erstaunt. Das hast du uns noch nie gefragt.«

»Das kam mir gerade im Zusammenhang mit unserem Thema in den Sinn. Außerdem seid ihr ja auch nicht gerade die leidenschaftlichsten Verfechter unseres Staates. Ich meine, warum seid ihr überhaupt in der SED?«

Ihr Vater drückte den Rücken durch. »Wir sind kurz vor deiner Geburt eingetreten«, sagte er dann und schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln. »Das war, nach Adam Riese …?«

Barbara musste lachen. »Vor achtundzwanzig Jahren, Herr Lehrer. Vielen Dank.«

Ihre Mutter lachte ebenfalls. Sie klang irgendwie erleichtert. »Das war, als unser Schuldirektor deinem Vater ziemliche Schwierigkeiten gemacht hat. Da hat uns Michaels Vater geraten, lieber Parteizugehörigkeit zu zeigen.«

»Genau, so war es.« Ralf Noack nickte bekräftigend. »Deshalb, vielleicht solltest du auch … Oder soll ich mal mit Peter reden?«

Barbara schüttelte den Kopf. »Nein, erst mal nicht. Danke.«

 

An diesem Abend ging Barbara ins Gemeindehaus der Evangelischen Gemeinde Kleinmachnow am Jägerstieg. Seit zwei Monaten lud Wolf, dem Beispiel größerer Kirchengemeinden im Land folgend, alle zwei Wochen zu einem Jugendabend ein. Zu diesen Abenden kamen Lehrlinge, junge Facharbeiter, Studenten und Schüler, die sonst nicht viel mit der Kirche zu tun hatten. Sie machten Musik, redeten aber auch über ihre Probleme. Viele von ihnen erwarteten und bekamen auch Unterstützung in konkreten, materiellen Notsituationen. Diese Abende wurden von der Partei landesweit kritisch beäugt. Barbara war sich darüber im Klaren, dass Breitner von ihrem Besuch dort erfahren würde. Aber genau das wollte sie auch. Durch ihre Anwesenheit wollte sie bekunden, dass sie für das Bedürfnis der Jugendlichen, im und über den Staat frei und kritisch zu reden, Verständnis hatte.

Das kleine Gemeindehaus war so hell erleuchtet, als wollte es auch wirklich alle auf sich aufmerksam machen. Als Barbara eintrat, schlugen ihr Musik, Zigarettenrauch und der Geruch von Erbseneintopf entgegen.

Mit erstaunter Miene kam Wolf auf sie zu. »Du?« Er umarmte sie. »Das finde ich toll. Nimm dir ein Bier. Es gibt auch was zu essen.« Er zeigte hinter sich. »Ein paar von deinen Schülern sind auch hier. Und sogar etliche aus den umliegenden Gemeinden«, verkündete er stolz.

Barbara sah sich um. In dem Raum herrschte eine ausgelassene Stimmung. Jugendliche in Jeans und Parkas saßen auf alten Sofas oder auf den ausgetretenen Holzdielen in Gruppen zusammen und unterhielten sich. Einige trugen schwarzweiße Arafat-Tücher, das Symbol des Kampfes der Palästinenser für Unabhängigkeit. Viele hatten lange Haare. Einige waren tätowiert. Sie entdeckte Jens mit seinem grünen Irokesenhaarschnitt. Er war ihr bester Schüler im Staatsbürgerkundeunterricht. Nicht ein Blauhemd der FDJ war zu sehen. Die Leute hier gehörten offenbar fast alle der Blueserszene an. Ein Mädchen mit Nickelbrille und krauser Mähne spielte am Klavier ein Lied von Bettina Wegener. Im nächsten Moment kam Elke mit einem Tablett voller belegter Brote aus der kleinen Küche. Als sie Barbara entdeckte, ging ein Strahlen über ihr Gesicht. »Wie schön! Du hast mir ja gar nicht gesagt, dass du kommst.«

»Es war eine spontane Idee. Ich finde es einfach wichtig, den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken frei zu äußern und über ihre Probleme zu sprechen.«

Elke sah sie groß an. »Mann, das hört sich aber rebellisch an!« Sie drohte ihr schelmisch mit dem Finger. »Lass das bloß nicht deinen Direx hören.«

Barbara zuckte mit den Schultern. »Soll er ruhig.«

Die Tür ging auf, und ein Mann in schwarzer Motorradkleidung betrat den Raum. In der Hand hielt er eine Gitarre. Das dunkle Haar, das ihm über den Kragen der Lederjacke fiel, war zerzaust. Barbara hielt die Luft an. Ulrich.

»Das gibt’s doch nicht«, sagte Elke verblüfft. »Hast du ihm gesagt …?« Fragend sah sie Barbara an.

»Ich habe ihn seit Silvester doch gar nicht mehr gesprochen.«

Beide beobachteten, wie Wolf ihn begrüßte. Die beiden Männer sprachen miteinander, lachten, dann zog Wolf den Neuankömmling zu Elke und Barbara hinüber.

»Guten Abend.« Ulrich sah zuerst Elke an, dann Barbara.

Und wieder glaubte Barbara in seinem Blick ertrinken zu müssen. Da war sie wieder – diese ungeheure Anziehung zwischen ihnen, dieses Knistern, als wäre die Luft elektrisch aufgeladen.

Ulrich lächelte sie an, mit diesem Lächeln, das sie seit Silvester so oft vor ihrem inneren Auge gesehen hatte. »Joachim hat mir gesagt, hier würde heute Abend Musik gemacht, und jeder sei willkommen. Da ich nichts anderes vorhatte …«

»Ja, bei uns ist jeder willkommen«, sagte Elke warmherzig. »Je mehr wir sind, desto besser. Die Jacke kannst du dort hinten auf den Stapel werfen. Wir haben Bier, Eintopf und die leckeren Schnittchen hier.« Sie zwinkerte ihrer Freundin verschwörerisch zu. »Ich gehe dann mal rum. Bis später.«

Barbara schluckte. Das Herz klopfte ihr bis in den Hals. Heute, in Motorradkleidung, gefiel ihr Ulrich noch besser als an Silvester – wenn überhaupt noch eine Steigerung möglich war: sein intensiver Blick, den sie jetzt wieder auf ihrem Gesicht spürte, der Duft von Sandelholz, der zu ihr herüberwehte, als er seine Jacke öffnete …

»Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu treffen«, sagte er mit seiner tiefen Stimme. »Freue mich umso mehr.«

»Ich freue mich auch«, erwiderte sie, ohne zu zögern. »Ich habe noch öfter an unsere Begegnung denken müssen.« Dieses Mal war ihr ihre spontane Offenheit nicht peinlich.

Ulrich jedoch schien diese zu überraschen. Er hob die Brauen, ging jedoch nicht darauf ein. »Ich bringe mal meine Jacke weg. Rühr dich nicht vom Fleck, ich bin gleich wieder da.« Mit langen, ruhigen Schritten bahnte er sich den Weg durch den Raum, war für einige Momente aus ihrem Blickfeld verschwunden, kam dann mit zwei Bierflaschen wieder auf sie zu und reichte ihr eine. Was für ein Mann!

»Du siehst gut aus.« Mit diesen Worten blieb er vor ihr stehen. »Aber bestimmt weißt du selbst, dass du eine sehr schöne Frau bist.«

Donnerwetter! Solch ein Kompliment hatte sie noch nie bekommen. Es klang so ernst, so reif, erwachsen. Komplimente wie Du bist hübsch oder urst oder auch geil – wie man im Westen sagte – kannte sie, aber als eine sehr schöne Frau hatte sie noch kein Mann bezeichnet. Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Du siehst auch nicht übel aus, wollte sie gerade aus Verlegenheit flapsig entgegnen, konnte sich aber noch eben so bremsen. Stattdessen sagte sie nur »Danke«, was ihr wiederum ziemlich spröde vorkam. Schnell zeigte sie auf seine schwarze Lederhose. »Du fährst Motorrad?«

Er nickte und öffnete seine Bierflasche. Es zischte. Danach nahm er ihr wortlos ihre Flasche aus der Hand, öffnete sie ebenfalls und gab sie ihr zurück. »Zum Wohl!«

Gerührt von dieser fürsorglichen Geste trank sie einen Schluck.

»Bist du an Silvester noch lange geblieben?«, fragte er.

»Ich bin etwa eine Stunde nach dir auch gegangen«, antwortete sie. »Ich hatte es ja nicht so weit wie du. Nur einmal um die Ecke. Elke sagte, du wohnst am Müggelsee.«

»Seit kurzem erst. Ich hatte das Glück, dort eine Datsche kaufen zu können. Vorher habe ich mir mit einem Studienfreund eine Zweizimmerwohnung in Weißensee in der Nähe des Institutes geteilt. Du weißt ja, wie das bei uns mit der Wohnungssituation ist.«

Sie tranken und ließen ihre Blicke schweigend über die Jugendlichen schweifen.

»Gute Sache, die Wolf und Elke hier machen«, nahm Ulrich das Gespräch schließlich wieder auf. »Als ich noch in der Ausbildung zum Chemielaboranten war, habe ich auch eine Zeitlang Jugendarbeit in der Kirche gemacht – damals allerdings noch ohne politischen Hintergrund.«

»Bist du konfirmiert?«, erkundigte sie sich.

Er nickte. »Auch. Ohne Jugendweihe kannst du ja kaum Abitur machen. Und du?«

»Nur Jugendweihe. Warum meine Eltern das so entschieden haben, weiß ich auch nicht. Eigentlich sind sie gar nicht so linientreu, obwohl sie in der Partei sind.« Sie hob die Schultern, hielt inne. Ihr fiel plötzlich wieder die merkwürdige Reaktion ihrer Eltern auf ihre Frage nach deren Parteieintritt ein. Sie nahm sich vor, sie noch einmal darauf anzusprechen. »Wolf hat Mut, all die Leute hier zu versammeln«, sagte sie.

»Ja, um bei uns in der Kirche zu arbeiten, braucht man Mut«, erwiderte Ulrich mit grimmiger Miene. »Für die Partei ist die Kirche die letzte Bastion eines bürgerlichen Gesellschaftssystems, das es zu bekämpfen gilt.«

»Ich finde es richtig gut, dass die Kirche immer mehr zum Zentrum des Widerstandes gegen unsere Politik wird.«

»Du sprichst mir aus der Seele.«

Sie lächelte ihn an, und ihre Augen strahlten. Wieder fühlte sie sich diesem Mann, den sie doch kaum kannte, innerlich so nah.

Ulrich stellte sein Bier ins Bücherregal. »Ich gehe mal rüber zu den Jungs mit der Klampfe. Vielleicht können sie noch einen dritten Mann gebrauchen. Du wirst doch bestimmt noch bleiben, oder?«

»Klar.« Mit leisem Bedauern sah sie ihm nach. Sie hätte sich noch ewig mit ihm unterhalten und in seinem warmen Blick baden können.

Als hätte er schon darauf gewartet, sie allein zu sprechen, strebte jetzt ihr Schüler Jens geradewegs auf sie zu und verstrickte sie in ein Gespräch. Bald gesellten sich noch zwei Freunde von ihm aus Teltow zu ihnen, die bereits in der Lehre waren. In der nächsten halben Stunde wusste Barbara wieder, warum sie Lehrerin hatte werden wollen. Es machte ihr Spaß, mit Jugendlichen zusammen zu sein, sich mit ihren Meinungen auseinanderzusetzen, ihnen Ratschläge zu geben oder auch einfach nur mit ihnen herumzualbern.

»Sie sind eine echt geile Lehrerin«, sagte Jens schließlich mit einem Leuchten in den Augen. Zu ihrem Leidwesen hatte er auch in der Schule keine Angst, diese westlichen Modewörter zu gebrauchen, was ihm schon einige Strafen eingebracht hatte.

»Das war ein gelungener Abend«, sagte Ulrich, als sich gegen neun Uhr die meisten verabschiedet hatten. »Die hatten musikalisch was drauf. Von denen kann ich noch was lernen.« Er sah sich um. »Ich helfe Wolf noch beim Aufräumen, dann fahre ich. Was hältst du davon, wenn wir uns mal treffen?«

Barbaras Herz machte einen Freudensprung. »Ja, gern.«

»Kommenden Freitag?«

»Das passt.«

»Gehst du gerne ins Kino?«

»Ich liebe Filme.«

»Dann am Freitag um sieben Uhr vorm Kino Toni in Weißensee?«

DDR, Berlin-Weißensee, Freitag, 20.1.1989