Das Glück kennt kein Erbarmen - Harald Schmidt - E-Book

Das Glück kennt kein Erbarmen E-Book

Harald Schmidt

4,8

Beschreibung

Als Nicole den Verlockungen des Manfred Kirchner verfällt, glaubt sie noch, den Richtigen für ein bleibendes Glück gefunden zu haben. Als das Monster die Maske fallen lässt, ist es für Nicole schon zu spät. Sie muss für ihren Hang zu diesem Männertyp einen sehr hohen Preis bezahlen. Sexueller Missbrauch, brutalste Misshandlungen und die kriminellen Machenschaften dieses Mannes treiben Nicole fast bis zum Freitod. Ihr Weg kreuzt den eines älteren Mannes. Nun erfährt sie, dass es auch Männer gibt, die Hilfsbereitschaft und Freundschaft notfalls über ihre eigene Sehnsucht nach Liebe stellen. Das Schicksal treibt ein makabres Spiel und zwingt diese zwei Menschen an die Grenze des Zumutbaren. Misshandlungen an Frauen, die Sehnsucht nach wahrer Liebe, selbstlose Aufopferung und Trennungsschmerz sind verwoben in einer tragischen Romanze, die das Herz tief berühren. Wird Nicole sich von der Bestie befreien können. Erkennt sie das wahre Glück und greift danach? Nicht nur die empfindliche Seele hat schwere Schäden erlitten. Den Leser lässt der Autor auch in diesem Buch tief eintauchen und liefert ihm Stoff für Diskussionen. Ein Roman, der zu Tränen rührt. Eine Geschichte für moderne Frauen, denn Männer werden dieses Buch und den Autor hassen.

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Seitenzahl: 227

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Inhaltsverzeichnis

Der Strand

Aufwärmen

Vertrauensbeweis

Manni

Heimkehr

Ein neuer Tag

Die Suche beginnt

Verräterische Spuren

Erinnerungen

Höllisches Wiedersehen

Hausbesuch

Eine Welt bricht zusammen

Schlechte Nachrichten

Das Geschenk

Freundinnen

Erstversorgung

Die Festnahme

Alltag

Die Reise

Das Paradies

Ein tiefes Verlangen wird Realität

Beharrlichkeit

Die Höhlen

Abschied nehmen

Unerwarteter Besuch

Im Treppchen

Zerbrochen

Die ganze Wahrheit

Zukunftspläne

Zurück ans Meer

Warnzeichen

Der Abschied

Die Entscheidung

Der Strand

Du wirst sie nicht finden. Gib auf!

Das Meer schrie mir diese Worte entgegen. Doch ich stakste weiter durch den weichen Untergrund, dorthin, wo ich die Frau vermutete, und tauchte ab in die Schwärze. Nichts. Absolut nichts war zu ertasten. Die Luft wurde knapp und zwang mich zum Auftauchen. Nach Atem ringend, suchte ich die Wasseroberfläche nach einer Bewegung ab. Es mussten doch Luftblasen auftauchen! Die gierigen Arme der See gaben ihr Opfer nicht mehr frei.

Ein weiteres Mal holte ich tief Luft, tauchte und streckte meine Finger aus. Seetang schlang sich um meine Arme und Beine. Finsternis umfing mich, ich wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Ich folgte beim Auftauchen meinen eigenen Luftblasen. In dem Augenblick, als ich aus dem Wasser stoßen wollte, berührten meine Füße etwas Festes. Zugreifen! Meine Lungen gierten nach Sauerstoff. Todesangst sprang mich an.

Licht ... endlich! Wie von Sinnen sog ich die Leben spendende Luft ein und merkte erst später, dass ich da noch etwas umklammert hielt. Die langen Haare waren wie Seetang um meine Hand gewickelt. Mit einem Ruck zog ich ihren Kopf an die Wasseroberfläche und schlang meine Arme um den Oberkörper der Frau. So schnell es mein Körper noch zuließ, zerrte ich sie Richtung Ufer. Der Strand war in Abenddämmerung getaucht. Die Kräfte ließen allmählich nach. Der Sog der Brandung versuchte uns wieder ins tiefe Wasser zu ziehen. Panik beherrschte mich plötzlich und ich fragte mich, ob ich sie besser loslassen sollte. Nein, keine Macht der Welt würde mich dazu bringen. Irgendwoher mobilisierten sich letzte Reserven. Ich spürte das volle Gewicht der Leblosen, als ich endlich das niedrige Uferwasser erreichte. Die Flut hatte eingesetzt, die unruhige See drohte mir, zeigte ihre Wut, indem sie mich mit schäumender Gischt überschüttete. Ich hatte ihr ein sicher geglaubtes Opfer entrissen.

Am Strand ließ ich den Körper kraftlos in den Sand gleiten und warf mich daneben. Mein Atem rasselte. Mit zitternder Hand tastete ich zum Hals der Frau. War da ein Puls, eine Atmung? Nichts. Nur kaltes Fleisch, leblose Haut.

Das kann, das darf nicht umsonst gewesen sein!, schoss es mir durch den Kopf.

Wiederbelebung. Ich musste mit Wiederbelebungsversuchen beginnen. So schnell es mein Zustand zuließ, kniete ich mich neben sie und legte beide Hände zwischen die Brustansätze. Rhythmisches Pumpen, ohne die richtigen Abstände wirklich zu kennen. Nach einer Weile setzte ich ab. Musste man nicht zwischendurch auch eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchführen? Die Lungen brauchten Sauerstoff.

Seltsam ... Es war mir peinlich, meine Lippen auf ihre zu legen. Es schien mir, als nutzte ich die Hilflosigkeit dieser Frau aus, als würde ich mich an ihr vergehen. Trotz schmerzender Lungen blies ich Atemluft in ihren Mund. Die Nase verschloss ich mit den Fingern, als ich bemerkte, dass die Luft durch sie wieder entwich.

Das Herz. Ja, jetzt musste ich wieder das Herz massieren. Es schien Stunden zu dauern. Jegliches Zeitgefühl war mir abhanden gekommen. Und auch die Hoffnung schwand.

Du darfst nicht aufgeben. Du musst diese Frau retten. Sie ist doch noch so jung. Atme, bitte atme doch!

Diese Gedanken gaben mir Kraft, immer wieder den leblosen Körper zu bearbeiten. Meine Arme spürte ich schon lange nicht mehr. Der Atem verließ nur noch pfeifend meinen Mund und meine Lungen schmerzten. Alles geschah mechanisch.

Das Flattern der Augenlider bemerkte ich zunächst gar nicht. Als ob der Verstand sich weigerte, das Gesehene zu realisieren. Erst ein leichtes Husten signalisierte mir, dass die Mühen nicht umsonst waren.

Sie lebt ... Gott sei Dank ... Sie lebt. Sie ist wieder zurückgekommen.

Fassungslos sah ich auf sie herunter und die Freude über den Erfolg nahm mir für Sekunden den Atem. Es war für mich noch nicht real, dass ich einen Menschen vor dem sicheren Tod gerettet und aus den Klauen des Meeres gerissen hatte. Die Erleichterung übermannte mich und ich dankte dem Himmel. Das Adrenalin sorgte dafür, dass mein ganzer Körper bebte. Erschöpft ließ ich mich auf den Rücken fallen und versuchte, wieder normal zu atmen. Mit einem Blick zur Seite sah ich, dass sich ihr Brustkorb regelmäßig hob und senkte. Allerdings fühlte sie sich völlig unterkühlt an.

Nachdem ich sie entkleidet hatte, warf ich ihre nassen Sachen in den Sand, bis sie nur noch im Slip vor mir lag. Mein nasses Oberhemd und die Jeans folgten ihren Kleidern und ich schmiegte mich eng an sie. Meine Arme umschlangen ihren Körper, sodass sich meine Wärme allmählich auf sie übertrug. Ihr leiser Atem mischte sich mit dem Zischen der zornigen Brandung. Mein Zittern ließ nach und ich schloss die Augen. Es war seltsam, dass ich ihre Körpernähe ohne Bedenken suchte, obwohl ich bei der Beatmung noch diese völlig überflüssigen Skrupel gehabt hatte. Schließlich ging es um pures Überleben.

»Das hättest du nicht tun dürfen ... Ich wollte sterben ... Du hast alles kaputt gemacht.« Diese Worte ließen mich erstarren.

Vor meinen Augen lief noch einmal der Film ab. Was war geschehen?

Ihr Schatten zeichnete sich klar gegen den Sonnenuntergang ab. Die Nordsee lag ruhig da und verlor sich am Horizont in gefühlter Unendlichkeit. Die Sonne war als glutroter Ball bereits zur Hälfte eingetaucht und warf blutgleiche Strahlen durch die dünne Wolkendecke. Nur das Kreischen der Möwen unterbrach die Stille, die von dem Plätschern der Brandung begleitet wurde.

Diese Frau suchte vermutlich Trost oder Ruhe. Ein Mensch, der die kraftspendende Stille genoss. Ja, hier war es möglich, seinen Träumen nachzuhängen. Die wuselige, egoistische Welt zurückzulassen. Angenehme Temperaturen. Der Wind strich durchs Haar und trieb einem kleine Sandkörner in die Augen. Der noch warme Sand der Düne war angenehm unter den nackten Füßen. Auch ich fühlte mich hier wohl und hing meinen Gedanken nach.

Die Frau, die jetzt klar zu erkennen war, blieb einen Steinwurf entfernt stehen und blickte über das dunkle Wasser zum Horizont. Die Brandung umspülte ihre Füße. Es schien sie nicht zu stören, dass sie ihr bis zur Erde fallendes Kleid durchnässte. Die Hände und das Gesicht hatte sie zum Himmel erhoben. Sie versuchte, die Wolken, das Universum zu berühren. Ein Bild, das ein Foto wert gewesen wäre. Anmutig wie eine Ballerina, immer noch die Hände erhoben, schritt sie in Richtung des Horizontes. Das Kleid verteilte sich wie ein Kranz auf dem Wasser. Ich stand auf, um die Szene besser verfolgen zu können. Unruhe erfüllte mich plötzlich, sie hatte keinen festen Stand mehr und die Wellen zerrten an ihr. Die Gefahr war sehr groß, dass sie fortgerissen wurde. Sie versuchte erst gar nicht, zu schwimmen, über Wasser zu bleiben.

»Hallo, Sie da!«, rief ich ihr zu. Zögernd verließ ich die Düne und ging auf die Frau zu. Keine Reaktion. Sie setzte ihren Weg unbeirrt fort. Als nur noch die Schultern aus dem Wasser ragten, war mir klar, was sie vorhatte. Ich lief los. Meine Gürteltasche mit Portemonnaie und Schlüssel zerrte ich mir von der Taille, warf sie auf den Boden. Immer wieder rutschte ich in dem losen Sand aus und verlor die Frau aus den Augen. Das Meer hatte sie gierig in sich aufgesogen. Die Stelle, an der ich sie noch vor wenigen Augenblicken hatte stehen sehen, war nur noch Dunkelheit. Die Wasseroberfläche grinste mich an.

Warum suchst du nach ihr? Sie gehört jetzt uns. Sie wollte es so.

Aufwärmen

Die Szene hatte etwas von Westernidylle: Zwei Menschen saßen in einer Dünensenke um ein offenes Feuer, rieben sich die Kälte aus den Händen. Die Kleidung trocknete über dem Schilfgras. Eine Hintergrundmusik von Ennio Morricone hätte zusätzlich Atmosphäre geschaffen.

Wir hatten es beide bisher vermieden, über das Geschehene zu reden. Stumm hatte sie trockenes Treibholz gesammelt, während ich Zündhölzer aus dem Fahrzeug geholt hatte und eine wärmende Decke, die ich ihr umlegte. Ich achtete darauf, dass ich sie auf dem Weg zum in Sichtweite stehenden Auto nicht aus den Augen verlor. Ihr Outfit, bestehend aus Wollpullover und Unterhose, hatte schon etwas Belustigendes. Gemeinsam hatten wir zuvor ihre Handtasche gesucht, die sie vor dem Gang ins Wasser zwischen das Dünengras geworfen hatte.

»Nicole − ich heiße Nicole Kirchner«, vernahm ich ganz leise über das Prasseln des Feuers hinweg. »Es tut mir alles so leid.« Während sie sprach, verfolgte sie das Spiel der Flammen. Das Weiß ihrer Augen verfärbte sich ins Orangene, wenn die Funken des Feuers explodierten. Schon zuvor hatte mich die fast schwarz wirkende Iris unter den langen Wimpern beeindruckt. Mein Leben, mein Beruf als Berater im Außendienst hatten mich auf viele unerwartete Situationen vorbereitet. Aber das hier war etwas anderes. Mir fiel keine Floskel ein, mit der ich antworten konnte.

»Mein Name ist Thomas Banett, mit einem N und zwei T«, entfuhr es mir und ich hätte mir wegen des albernen Spruchs sofort aufs Maul hauen können. Sie konnte die aufsteigende Röte in meinem Gesicht sicher wegen des Feuers nicht erkennen.

»Ein schöner Name − Thomas«, sagte Nicole, während sie mit einem Stock in der Glut stocherte. Ihr Blick war jetzt auf mich gerichtet und ich hatte Gelegenheit, ihre Züge zu betrachten. Ein schlankes Gesicht mit leicht hervorstehenden Wangenknochen, eingerahmt von langem, gelocktem Haar, das ihr über die Schultern fiel. Erst jetzt, als alles getrocknet war, entfaltete diese dunkle Löwenmähne ihre gesamte Pracht. Was jedoch besonders hervorstach, waren die vollen Lippen, über die hin und wieder ein leichtes Zucken lief.

Ich schätzte sie auf Mitte vierzig. Später stellte sich heraus, dass sie tatsächlich schon einundfünfzig Jahre hinter sich gebracht hatte. Immerhin vierzehn Jahre jünger als ich. Sie hatte samtene, glatte Haut und eine Figur, die sicherlich so manch jüngerer Frau neidische Blicke abrang.

»Ich möchte mich entschuldigen«, versuchte Nicole erneut, ein Gespräch in Gang zu bringen. »Ich meine für das, was ich vorhin zu dir sagte. Du hast schließlich für mich dein Leben riskiert.« Ihr Blick war wieder auf das Feuer gerichtet, die Stimme jetzt etwas fester. Fröstelnd zog sie die Decke zusammen, der Wind hatte aufgefrischt. Die Brandung wurde lauter und verstärkte mein Gefühl, dass das Meer noch immer seinen Zorn herausschrie.

»Wir sollten uns die Sachen anziehen«, lenkte ich ab. »Die hatten jetzt Zeit genug zum Trocknen. Außerdem erkälten wir uns noch.« Ich pflückte die Kleidungsstücke aus dem Schilf und reichte sie ihr herüber. Stumm nickte Nicole und schlüpfte in das Kleid.

Es fehlte mir jegliche Vorstellung, wie ich mit einem Menschen umgehen sollte, der noch vor zwei Stunden seinem Leben hatte ein Ende setzen wollen. Wie wirkte sich die Rettung in letzter Minute auf sie aus? Sie hatte sich in die Hände Gottes begeben wollen und ich hatte sie daran gehindert − wie sah sie mich nun? Schließlich hatte ich sie in das Elend zurückgeholt.

»Wohnst du hier in der Gegend?« Ich wusste nicht genau, wie es jetzt weitergehen sollte. Konnte ich sie allein lassen?

»Ich bin mit dem Zug aus Essen gekommen und wollte hier in Norddeich ...« Nicole stockte und wandte ihr Gesicht ab.

War das Schicksal?

»Das kann doch nicht wahr sein! Ich bin in Essen geboren, wohne allerdings nicht mehr dort und mache hier einige Tage Urlaub. Habe mir ein Ferienhaus in Hage gemietet. Wenn du nichts dagegen hast, kannst du gerne ...«

»Falle ich dir nicht zur Last? Ich meine, du wolltest dich doch hier erholen und jetzt hast du mich am Hals«, unterbrach sie mich. Sie hatte die Arme um ihren Oberkörper gelegt. Das Zittern war nicht zu übersehen, sodass ich ihr die Decke, die ich über dem Arm trug, schnell umlegte. Wir liefen los, wie nach einer Absprache, Richtung Auto, das ich bei den Dünen abgestellt hatte.

»Das macht doch keine Umstände. Ich habe gerne Menschen um mich und würde mich sehr darüber freuen, wenn du mir beim Abendbrot Gesellschaft leistest. Das Haus hat zwei Schlafzimmer. Kannst dir eines davon herrichten. Einen Schlafanzug kann ich dir auch geben. Siehst du, überhaupt keine Probleme. Und – ich freue mich darüber, dass ich mal wieder Gesellschaft habe.« Nicole blickte kurz auf und ich sah ihre Lippen zucken, zum ersten Mal ein kleines Lächeln. Sie kauerte sich auf dem Beifahrersitz zusammen und versank in Gedanken, während ich die Heizung hochstellte und die wenigen Kilometer zurück nach Hage fuhr.

Vertrauensbeweis

Nicole bezog schnell das zweite Bett, während ich mich um das Abendessen bemühte. Eigentlich waren ja nur Tomatenschnitte mit Mozzarella und Basilikum geplant gewesen. Angesichts der Umstände erfand ich ein neues Menü. Eine Packung Lachs und ein Glas Oliven bereicherten das Angebot. Eier waren schnell gekocht, die den Lachs verzieren sollten. Na ja, etwas Wurst dazu und der Abendtisch sorgte dafür, dass Nicole anerkennend die Brauen hob.

»Bist du immer auf Besuch eingerichtet?«, wollte sie wissen und sah mich mit einem gewissen Lächeln an.

»Nein, nein, ich habe immer genug zum Essen im Haus. War auch heute noch im SB-Markt am Parkeingang einkaufen.«

Als sie meine Verlegenheitsröte bemerkte, sagte sie: »Das war nicht so gemeint, wie es sich anhörte. Ich wollte dir nicht unterstellen, dass du permanent auf Partnersuche bist. Bitte entschuldige.«

»Das habe ich auch nicht so aufgefasst«, erwiderte ich, obwohl mich mein dunkles Gesicht Lügen strafte. Beide mussten wir lachen. »Möchtest du Tee, Rotwein oder etwas anderes?«

»Ich trinke das Gleiche wie du. Bitte keine Umstände.«

Die Gläser füllte ich zur Hälfte mit dem Rotwein, den ich für meine Abende gekauft hatte. Er half mir des Öfteren über kleine Tiefs hinweg. Still nahmen wir unser Abendbrot auf der Terrasse ein. Jeder hing seinen Gedanken nach.

»Ich habe ihn schon gesehen.«

Nicoles Worte holten mich aus meinen Grübeleien. »Du hast wen gesehen?«

»Ich glaube, ich war Gott schon sehr nah.«

»Wieso glaubst du, dass es Gott war? Es kann doch alles Mögliche sein, was dem Auge in einem solchen Augenblick vorgegaukelt wird.« Eine solche Diskussion hatte ich schon seit vielen Jahren nicht mehr geführt. Wir hatten in meiner letzten Ehe viel über sogenannte Nahtod-Erlebnisse gesprochen, da Heidi und ich beide an ein Leben nach dem Tod glaubten. Selbst die Wissenschaftler waren sich nicht einig, woher sie rührten. Ich selbst hatte solche Erscheinungen im Traum erlebt, jedoch nur mitleidiges Lächeln geerntet, wenn ich im Bekanntenkreis davon erzählte.

»Gesehen habe ich ihn nicht. Ich glaube nicht daran, dass man Gott wirklich sehen kann. Gott wird sich nicht als menschliches Wesen zeigen, er ist einfach überall und körperlos. Ich habe das Licht gesehen, den Frieden gespürt − das kann nur Gott, sein Reich der Ewigkeit, gewesen sein. Es war schön und ... Ich war glücklich, endlich glücklich.« Nicole sprach diese Worte mit einer Inbrunst, die mich beeindruckte. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Beide hielten wir inne. Ihre Augen waren weit in die Ferne gerichtet. Sie lächelte. Nicole befand sich in diesem Augenblick wieder in ihrer Zwischenwelt.

»Kannst du mir beschreiben, was du gesehen hast?« Ich wollte wissen, ob sich ihre Bilder mit meinen deckten.

»Der ganze Horizont hinter den grünen Wiesen war hell, gleißend hell. Ich konnte fliegen. Du kannst dir das nicht vorstellen, ich konnte wirklich fliegen! Es war wunderschön, über diese Wiese zu gleiten. Nie habe ich einen solchen Frieden gespürt wie heute. Und das Licht wurde immer heller, überstrahlte alles. Ich spürte endlich keine Angst mehr.« Mit dem letzten Satz veränderte sich ihr Gesichtsausdruck auf eine eigentümliche Weise − als sie das »Endlich« besonders betonte. Musste ich jetzt ein schlechtes Gefühl haben, weil ich ihr das wieder entrissen hatte?

»Es war also ein schönes Erlebnis, obwohl du dich dem ewigen Tod genähert hast?«, fragte ich. »Du verabschiedest dich aus diesem Leben, das dir nur einmal für kurze Zeit geschenkt wird, und das macht dich trotzdem so glücklich? Du gibst dieses Gottesgeschenk zurück, obwohl du noch so viel Zeit übrig hast? Hat es mit deiner Angst zu tun? Möchtest du darüber reden?«

Nicole sah mich an, während ich ihr diese Fragen stellte, und ich spürte, wie es in ihr arbeitete. Sie kannte mich doch erst wenige Stunden. Warum sollte sie ausgerechnet mir, dem fremdem Mann, ihr Innerstes offenlegen? Welches Interesse konnte ich an ihr haben?

Ich gab ihr Zeit, darüber nachzudenken, und holte eine neue Flasche Rotwein aus dem Haus. Als ich wieder auf die Terrasse trat, hatte Nicole die Füße auf einen anderen Stuhl gelegt. Ihr Hinterkopf ruhte auf der Stuhllehne und sie sah in den sternenklaren Himmel. Noch immer schwieg sie und ich wartete ab.

»Mein Leben ist die Hölle!« Der kurze Satz bohrte sich in meinen Kopf. Sie legte eine Pause ein und ihr Gesicht zeigte eine ungewohnte Härte. Die Lippen waren fest aufeinander gepresst und zuckten wieder. »Da gibt es nichts mehr, was mir an dieser Welt gefallen könnte. Da drüben auf der anderen Seite kann es nicht schlimmer werden.« Sie stellte die Füße auf den Boden und richtete sich auf. Ihr Blick fraß sich in meine Seele.

»Hast du schon die Hölle erlebt, Thomas? Du wirst dir nicht vorstellen können, wie es ist, als Frau ständig misshandelt zu werden. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, nur Angst davor zu haben, wieder und wieder geschlagen zu werden. Es ist kein Vergnügen, die Polizei im Haus zu haben, Verhöre durchzustehen, sich davor zu fürchten, dass dein Mann aus dem Gefängnis freikommt. Du bist niemals von einem solchen Tier vergewaltigt worden. Das, glaube mir, das ist die wahre Hölle.«

Noch nie zuvor hatte ich solchen Hass, solche Verzweiflung in den Augen eines Menschen gesehen. Welche Qualen musste Nicole erlitten haben, wenn sie einen Menschen, den sie ja einmal geliebt haben musste, so verabscheute! Was musste hier geschehen sein, dass sie lieber sterben wollte, als weiter in dieser Hölle zu leben!

Meine Stimme war rau. »Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube dir, Nicole. Aber es fehlt mir wirklich an Vorstellungskraft. Wie ist das?«

Ich hätte es verstanden, wenn sie sich einem Mann gegenüber nicht hätte öffnen wollen. Schließlich war ihr Leid durch einen Mann entstanden und es handelte sich um etwas sehr Intimes. Außerdem war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich die Beschreibung ihrer Qualen wirklich hören wollte. Hatte ich mich mit meiner Bitte zu weit aus dem Fenster gelehnt? Plötzlich verspürte ich Angst vor der Wahrheit. Doch da musste ich jetzt durch. Ich hielt ihrem prüfenden Blick stand, bis sich ihre Augen wieder auf den Sternenhimmel richteten. Ihr Gesicht entspannte sich, plötzlich drehte sie sich mir zu und sagte: »Ja, ich vertraue dir, Thomas. Ich kann es nicht erklären, aber ich vertraue dir wirklich.«

Es war ein unglaublich gutes Gefühl, das mich in diesem Augenblick durchströmte. Da saß eine gequälte Kreatur vor mir, die ein Mann durch die Abgründe des Lebens gezerrt hatte. Diese wunderschöne Frau war der Meinung, mir, einem Fremden, dennoch vertrauen zu können. Sie verließ sich auf die unerklärliche Intuition, die in uns ruht und Dinge tun lässt, die der Verstand nicht lenken kann.

Meine Freude war mir offenbar ins Gesicht geschrieben, denn Nicole legte kurz ihre Hand auf meine und lächelte. »Frage mich nicht, warum ich das tue. Es ist ein Gefühl. Das Leben hat sich etwas dabei gedacht, als es gerade dich auf die Düne setzte. Eine höhere Macht hat beschlossen, dass du mich zurück ins Leben holst. Also vertraue ich dir, Thomas. So einfach kann das sein.« Ihre Hand löste sich von meiner und erfasste das halbvolle Weinglas. In einem Zug leerte sie es und kauerte sich wieder auf ihrem Stuhl zusammen. Das Kinn legte sie auf ein Knie und begann mit ruhiger Stimme, das Unfassbare zu beschreiben.

Manni

»Schon mein Vater fuhr Motorrad. Schwarze Lederklamotten, ein geiler Helm, der Dreitagebart − Papa war mein Held. Mit sechzehn nahm er mich mit auf Bikertreffen. Das waren wirkliche Kerle, die mich sofort in ihrem Kreis aufnahmen und mich als eine der Ihren ansahen. Tolle Kumpel. Alles war super. Erst recht, als dieser stille Typ auftauchte. Er musste viele Beweise seines Mutes erbringen, bevor er in der Gruppe anerkannt wurde. Manfred hat das alles auf sich genommen. Mit Bravour schaffte er alle Prüfungen. Du musst dir vorstellen, dass er einmal in das Vereinsheim einer anderen Motorradgang einbrechen musste. Fast hätten die ihn erwischt. Manni hat sie aber auf der Flucht abgehängt. Ein anderes Mal musste er an einer Haltestelle mit seinem Motorrad und einem Seil einen Fahrkartenautomat aus dem Boden reißen. Total idiotisch, aber damals hat mir das imponiert. Ich denke, dass Papa auch so was Ähnliches machen musste. Er wollte aber nie mit mir darüber sprechen.«

Nicole füllte sich das Glas zur Hälfte und nippte daran. Ich warf mir einen Pulli um die Schultern und bot ihr ebenfalls einen an, was sie lächelnd akzeptierte.

»Papa fand das überhaupt nicht cool, wenn Manni, der ja schon neunzehn war, mich ab und zu auf dem Sozius mitnahm. Wir machten Spritztouren zum Baden oder wir hingen einfach nur ab. Papa war strikt dagegen und er hat das Manni auch deutlich zu verstehen gegeben. Wir trafen uns dann heimlich. Manni war klasse. Ihm konnte ich alles erzählen. Er hat mir immer wieder Mut gemacht, wenn es mal nicht so toll lief. Gut, wenn es in der Schule mal schlechte Noten gab, war bei ihm nichts zu holen. Manni hielt Bildung für total überflüssig und seine Noten waren entsprechend gewesen. Er war zwar stark, aber mit der Schule hatte er es nicht so. Na ja, außer einmal.

Eines Tages hatten mir drei Jungs aus der anderen Klasse auf dem Weg nach Hause aufgelauert und mir meinen Walkman geklaut. Als ich Manni abends davon erzählte, war er wütend. Zwei Tage später gab er mir meinen Walkman wieder und von anderen Schülern hörte ich, dass es in der Nachbarklasse drei Jungs erwischt haben sollte. Die lägen mit Verletzungen in Krankenhäusern, wollten aber keine Angaben bei der Polizei machen. Seitdem habe ich nie mehr Probleme mit Rowdies gehabt. Ganz im Gegenteil. Keiner wollte mit mir Kontakt haben und ich wurde sogar von meinen Freundinnen gemieden. Um die Diebe tat es mir nicht so richtig leid, aber ich fand dieses Ausgrenzen nicht so toll.«

»Hat dir denn Manni nie erzählt, was geschehen ist?«

»Das hättest du niemals aus ihm herausbekommen. Über solche Dinge sprach er nie. ›Da wird jemand wohl ziemlich sauer auf die drei gewesen sein‹, war sein Kommentar. Aus. Mehr kam da nicht rüber.«

»Der stoische Held − wow. Hab das einmal im Film gesehen mit Marlon Brando. Seine Art hat dir sicherlich imponiert?«

»Mach dich bitte nicht lustig darüber. Es hat mir damals wirklich imponiert. Wer macht denn so was heute noch für sein Mädchen? Die Jungs heute kaufen ihren Freundinnen höchstens ein neues Gerät und gut is. Da würde sich doch keiner mehr mit drei Gegnern auf einmal anlegen! Na ja, wenn ich mir das überlege, muss die Prügelei ja auch nicht unbedingt sein. Aber damals war das eben so.«

Ich antwortete mit einem Schulterzucken: »Da gebe ich dir recht. Auch ich bevorzuge die gewaltfreie Methode. So ein Kampf gegen drei kann schon einmal ins Auge gehen, das sehe ich schon etwas pragmatisch. Übrigens wollte ich mich nicht lustig machen.«

»Siehst du, du bist ein erbärmlicher Feigling!« Lachend warf sie mir einen Kräcker an den Kopf. »Nein, bitte entschuldige«, schob sie sofort hinterher, »du bist kein Feigling. Was du heute für mich getan hast, würden die meisten Menschen nicht tun. Ich habe nur Spaß gemacht.«

»Das habe ich auch nicht so aufgefasst. Was ist denn aus Manni geworden? Du hast dich doch bestimmt unsterblich in ihn verliebt, oder?«

Nicole verlor ihr Lächeln und blickte wieder auf ihre Fußspitzen. Tränen stahlen sich in ihre Augen.

»Du hast ihn ... geheiratet?«, gab ich mir selbst die Antwort.

Stumm nickte sie und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. In mir kamen Zweifel auf, ob ich weiter in dieser Wunde bohren sollte. Doch ich wusste aus eigener Erfahrung, dass es hilft, wenn man über schlimme Erlebnisse spricht. Ich stützte meine Ellenbogen auf den Tisch und legte mein Kinn in die Handflächen. »Das war bestimmt damals ein schönes Erlebnis, oder? Ihr habt euch doch geliebt. Selbst wenn du es jetzt bereust, war es zu diesem Zeitpunkt die richtige Entscheidung.«

»Er hat mich verwöhnt und wir hatten viel Spaß, wenn wir mit seinem Bike unterwegs waren. So haben wir eine lange Zeit verbracht, in der sich Manni oft fürchterlich mit Papa gestritten hat. Schließlich war ich das Gezeter meiner Eltern leid und bin mit Manni nach Mülheim gezogen. Hab dann kaum noch Kontakt mit denen gehabt. Als ich einundzwanzig wurde, haben wir geheiratet und sind wieder zurück nach Essen. Das Schlimme waren dann seine neuen Freunde. Von der alten Gruppe, wo Papa drin war, hatte er sich schon vor Jahren getrennt. Er hat schließlich immer mehr Zeit mit diesen Ganoven verbracht und als er seinen Job in einer Werkstatt verlor, habe ich ihn kaum noch zu Gesicht bekommen. Manni glaubte, dass er das wieder in den Griff bekommen würde und wir in wenigen Jahren aus dem Schneider wären. Sie hätten ein sicheres Geschäft am Laufen und Geld käme bald in Hülle und Fülle. Ich habe ihm geglaubt, bis ... ja, bis dann zwei Beamte bei uns vor der Tür standen und ihn mit zur Wache nahmen.«

Umständlich kramte Nicole ein Papiertaschentuch aus einem Päckchen und schniefte hinein. Es fiel ihr sichtlich schwer, darüber zu sprechen. Ich wartete und stellte keine Fragen. Nachdem sie einen kleinen Schluck Wein getrunken hatte, straffte sie sich und setzte ihre Erzählung fort.

»Papa hatte mich immer vor Manni gewarnt. Er wusste, dass es mit ihm so weit kommen würde. Aber wer hört auf seinen Vater, wenn der Himmel voller rosa Wölkchen hängt? Sie hatten ihn festgenommen wegen gewerbsmäßigem Waffenhandel. Ich wusste davon rein gar nichts. Also konnte ich bei den Vernehmungen auch keine Aussagen machen. Er kam mit einer Bewährungsstrafe von achtzehn Monaten davon. Ich dachte damals, dass er ja noch einmal Glück gehabt hatte. Das Glück hielt aber nur fünf Monate an. Dann erwischten sie ihn wieder mit einem Kofferraum voll automatischer Waffen. Vier Jahre haben sie ihn weggesperrt. Die Zeit, in der er im Gefängnis den letzten Schliff bekam. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es mir fiel, ihn dort zu besuchen. Wenn ich in dieser Zeit nicht den Job im SB gehabt hätte, wäre ich wohl verhungert. Ich wage mir nicht vorzustellen, woher das Geld stammte, von dem wir vorher gelebt haben.«

Obwohl ich Ähnliches erwartet hatte, war ich dennoch schockiert. Wie belastend musste das für eine junge Frau gewesen sein, die doch einfach nur glücklich sein wollte mit ihrem Traummann? Ihre heile Welt war zerbrochen.

»Als ich ihn im Gefängnis besuchte, verlangte er, dass ich einem Kumpel drei Pumpguns, die er versteckt hielt, anliefern sollte. Pumpguns sind ...«

»Ich weiß, was eine Pumpgun ist«, unterbrach ich.