Das Glück kommt per Express - Karen Witemeyer - E-Book

Das Glück kommt per Express E-Book

Karen Witemeyer

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8,99 €

Beschreibung

Harpers Station, Texas, 1895: Claire Nevin hat nach etlichen Enttäuschungen in Harpers Station ein neues Zuhause gefunden. Und eine neue Berufung: Liebevoll kümmert sie sich um die Kranken des Ortes. Doch ein mysteriöser Brief ihrer Schwester reißt sie aus ihrem beschaulichen Alltag. Sie soll an einem bestimmten Tag um eine bestimmte Uhrzeit am Bahnhof eine kostbare Sendung ihrer Schwester in Empfang nehmen. Was um alles in der Welt will ihre Schwester ihr schicken? Erst als Claire wie bestellt am Bahnhof steht, wird ihr klar, dass die richtige Frage nicht Was lauten muss, sondern Wen! Was hatte ihre Schwester sich nur dabei gedacht?

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Seitenzahl: 133

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Karen Witemeyer

Das Glück kommt per Express

Über das Buch:Harpers Station, Texas, 1895: Claire Nevin hat nach etlichen Enttäuschungen in Harpers Station ein neues Zuhause gefunden. Und eine neue Berufung: Liebevoll kümmert sie sich um die Kranken des Ortes. Doch ein mysteriöser Brief ihrer Schwester reißt sie aus ihrem beschaulichen Alltag. Sie soll an einem bestimmten Tag um eine bestimmte Uhrzeit am Bahnhof eine kostbare Sendung ihrer Schwester in Empfang nehmen. Was um alles in der Welt will ihre Schwester ihr schicken? Erst als Claire wie bestellt am Bahnhof steht, wird ihr klar, dass die richtige Frage nicht Was lauten muss, sondern Wen! Was hatte ihre Schwester sich nur dabei gedacht?

Über die Autorin:Karen Witemeyer liebt historische Romane mit Happy-End-Garantie und einem überzeugenden Bezug zum christlichen Glauben. Nach dem Studium der Psychologie begann sie mit dem Schreiben. Zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in Texas.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96362-898-6 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2018 by Karen M. Witemeyer Originally published in English under the title:The Love Knotby Bethany House Publishers, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, USA German edition © 2021 by Francke-Buch GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Rebekka Jilg Cover design by Dan Thornberg, Design Source Creative Services Umschlaggestaltung: Francke-Buch GmbH Satz und Datenkonvertierung E-Book: Francke-Buch GmbH

www.francke-buch.de

Kapitel 1

Mai 1895,

Harpers Station, Texas

Claire Nevin runzelte die Stirn angesichts der fröhlichen weißen Wolken, die tanzend über den blauen Himmel trieben, und versuchte ihre Ohren vor dem Gezwitscher der Vögel zu verschließen, mit dem diese den trügerisch schönen Morgen begrüßten. Ignorante Kreaturen! Spürten sie denn nicht, dass es an diesem Tag keinen Anlass zur Freude gab? Für Beklemmungen, ja. Der Brief, der in der kleinen Tasche steckte, die sie um ihr Handgelenk geschlungen hatte, fühlte sich an wie ein Stein. Er forderte wieder einmal ein Opfer von ihr, ohne mehr als ein paar vage Andeutungen zu liefern. Doch Familie war Familie. Claire würde ihre Pflicht tun. Sie würde ihre Angehörigen nicht im Stich lassen, wenn sie ihre Hilfe brauchten.

Auch wenn sie ihrer flatterhaften Schwester im Stillen grollte. Wieder einmal hatte diese sich in Schwierigkeiten gebracht, ohne sich um die Konsequenzen zu scheren, und erwartete jetzt, dass ihre ältere Schwester, die einen halben Kontinent entfernt lebte, ihre Probleme löste. Wie es ihr damit ging, interessierte natürlich niemanden.

Claire runzelte die Stirn, drückte auf der harten Bank vor dem Gemischtwarenladen von Harpers Station den Rücken durch und strich den Stoff ihres grünen Kleides über ihren Knien glatt. Sie würde sich wegen ihrer wenig schmeichelhaften Gedanken nicht schuldig fühlen. Polly war inzwischen sechzehn. Sie trug schon längst keine kurzen Röcke und Pferdeschwänze mehr. Es wurde höchste Zeit, dass sie ein wenig Verantwortungsbewusstsein lernte. Claire selbst hatte in diesem Alter schon zwei Jahre in Miss Festers Näherei gearbeitet. Mit 14 hatte sie die Schule verlassen – aber natürlich nicht ihre Bücher –, um in dem kleinen, dunklen Hinterzimmer des Geschäftes zu arbeiten. Regelmäßig hatte sie sich die Finger blutig gestochen, wenn sie Taschentücher und Rocksäume mit zarten Blumenmustern und französischen Knoten bestickt hatte. Für einen Hungerlohn. Doch auch wenn ihr Einkommen lächerlich gewesen sein mochte, hatte sie es immerhin geschafft, Essen auf den Tisch zu bringen, wenn ihr Vater mal wieder sein gesamtes Gehalt im Pub versoffen hatte.

Bis heute schickte sie jeden Monat Geld nach Hause. Mit sieben Töchtern, die noch immer ihre kleine New Yorker Wohnung bevölkerten, und einem Ehemann, der seinen Durst einfach nicht kontrollieren konnte, brauchte ihre Mutter jede nur erdenkliche Unterstützung. Claire war froh, dass sie helfen konnte. Froh, alles zu tun, was in ihrer Macht stand – es sei denn, dies beinhaltete, nach Seymour reisen zu müssen. In diesem Fall war froh das genaue Gegenteil von dem, was sie empfand.

Wo blieb nur Benjamin Porter? Claire tippte ungeduldig mit dem Fuß auf die Holzdielen, dann warf sie einen Blick über die Schulter zum Eingang des Ladens. Der Frachtfahrer war doch sonst immer pünktlich gewesen. Zumindest bis zu seiner Hochzeit. Seither schien er seine Zeit lieber beim Frühstück mit seiner Frau zu verbringen, als seiner Arbeit nachzugehen.

Claire ließ die Schultern sinken. Wann war sie zu einer solchen Giftnudel geworden? Ben und Tori waren noch nicht einmal vierzehn Tage verheiratet und sie saß hier und stieß stille Verleumdungen gegen die beiden aus. Seine Zeit mit seiner Frischangetrauten zu verbringen, war genau das, was Mr Porter jetzt tun sollte. Er sollte Tori küssen und dem kleinen Lewis die Haare zerzausen. Schließlich war er nun Familienvater und das sollte an erster Stelle stehen. Immer. Tatsache war, dass sie selbst die Reise nach Seymour so sehr fürchtete, dass sie sich dazu zwingen wollte, weit vor der angesetzten Zeit dort zu sein, um der Versuchung zu widerstehen, gar nicht erst dort aufzutauchen. Wahrscheinlich wusste Mr Porter gar nicht, dass sie schon hier draußen auf ihn wartete.

Das Klicken der Vordertür ließ Claire ein Lächeln aufsetzen. Sie wollte dem Mann, der sie mit nach Seymour nehmen würde, eine angenehme Reisebegleitung sein. Nur, dass es nicht Mr Porter war, der nach draußen trat, sondern Tori.

»Claire? Warum hast du denn nicht geklopft? Du hättest doch mit uns zusammen frühstücken können.« Tori hielt Claire eine Porzellantasse hin. »Seit Ben bei uns wohnt, mache ich genug Frühstück, um eine ganze Armee zu versorgen. Ich schwöre dir, mein Mann isst mehr, als seine riesigen Pferde verdrücken. Und Lewis versucht natürlich, es seinem neuen Dad gleichzutun, obwohl ich glaube, dass er heimlich die Hälfte an Hercules abgibt.«

Claires Lächeln wurde weich, als sie sich vorstellte, wie der flachsblonde Junge das Essen unter dem Tisch an seinen Hund weiterreichte. Ihre zweitjüngste Schwester, Brigid, war ungefähr im gleichen Alter. Auch sie hatte früher ihr mageres Abendessen mit einer kleinen Straßenkatze geteilt, die sich hinter dem Haus herumgetrieben hatte. Ob sie das immer noch tat? Unerwartet durchzuckte ein schmerzlicher Stich Claires Brust. Ihre Mutter und die Mädchen im letzten Sommer zu verlassen, war das Schwerste gewesen, was sie jemals getan hatte. Doch gleichzeitig war es auch das Beste gewesen, was ihr hätte passieren können.

»Ich wollte euch nicht stören«, sagte sie mit belegter Stimme. Die Gedanken an zu Hause wollten sie einfach nicht loslassen. Sie nahm den Tee entgegen, den Tori ihr anbot, und rutschte beiseite, um ihrer Freundin Platz auf der Bank zu machen. »Ich habe einen Bissen mit Maybelle gegessen, bevor ich die Klinik verlassen habe.«

Tori nippte an ihrem Tee und ließ den Blick über den blauen Himmel schweifen. »Ben und Lewis sind hinten und beladen den Wagen fertig. Gleich kann es losgehen.«

»Es ist sehr freundlich von deinem Mann, dass er mich mit in die Stadt nimmt.«

»Ist doch gar kein Problem. Obwohl ich schon etwas überrascht war, als er mir gestern von deinem Anliegen erzählt hat.« Tori behielt den Blick auf die Landschaft gerichtet und ließ ihr damit ihre Privatsphäre, doch Claire verspürte einen beinahe schmerzhaften Drang in ihrer ohnehin schon empfindlichen Seele. »Ich kann mich nicht erinnern, dass du Harpers Station in den letzten Monaten verlassen hast.« Tori hob die Teetasse an ihre Lippen. »Nur ab und an zu einer der Farmen, wenn jemand krank war.«

Unausgesprochene Fragen hingen zwischen ihnen in der Luft. Tori würde nicht weiter nachbohren, doch Claire fühlte sich inzwischen wie ein übervoller Wasserkessel, der zu bersten drohte, so stark war der Drang, sich ihrer Freundin mitzuteilen.

Sie stellte ihre Tasse beiseite und griff in die Tasche, um den Brief hervorzuholen. Ihre Finger zitterten, als sie das Schriftstück ihrer Freundin hinhielt. »Wenn es nach mir ginge, würde ich auch jetzt nicht nach Seymour fahren, aber meine Schwester steckt in Schwierigkeiten.«

Tori sah Claire an, die Augenbrauen in einer Mischung aus Neugier und Sorge hochgezogen. »Was für Schwierigkeiten?«

Claire zuckte die Schultern. »Das weiß ich nicht. Sie hat es nicht geschrieben, sondern mich nur darum gebeten, heute am Frühzug in Seymour zu sein. Du kannst den Brief gerne lesen. Vielleicht ergibt es ja für dich irgendeinen Sinn.«

Tori stellte ihre Teetasse ebenfalls beiseite und griff nach dem Brief. Claire wiederum nahm das heiße Getränk wieder in die Hand und gönnte sich einen langen, tiefen Schluck. Vielleicht konnte die Flüssigkeit sie ja beruhigen. Während der Tee durch ihre Kehle strömte, schloss sie die Augen und lehnte sich zurück. Augenblicklich sah sie Pollys schlingernde Schrift wieder vor sich. Sie hatte die Zeilen in den letzten vier Tagen so oft gelesen, dass sie sie mittlerweile auswendig kannte.

Liebste Claire,

du bist die Einzige, der ich vertrauen kann. Mutter hat getan, was sie konnte, aber du weißt, wie stur unser Vater ist, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Und diesmal hat er sich in den Kopf gesetzt, mich zu verstoßen. Ich habe kein Zuhause mehr.

Ich weiß, dass du jetzt wahrscheinlich den Kopf schüttelst und mit der Zunge schnalzt, weil ich mich schon wieder in Schwierigkeiten gebracht habe, und du hast vollkommen recht damit. Wie immer habe ich nicht über die Konsequenzen nachgedacht. Aber ich bete darum, dass du mir, trotz allen Kopfschüttelns, hilfst, wie du es schon so oft getan hast. Du warst immer mein Anker, Claire, und jetzt brauche ich dich mehr als jemals zuvor.

Ich bitte dich nicht um Geld. Irgendwie finde ich schon einen Weg, um über die Runden zu kommen. Ich hoffe, dass ich Miss Fester davon überzeugen kann, mich anzustellen. Zwar kann ich längst nicht so hervorragend sticken wie du, aber vielleicht reicht es, um bei ihr Handtaschen zu nähen. Hoffentlich verdiene ich irgendwann genug, um mir ein eigenes Leben aufzubauen. Aber ohne finanzielle Mittel kann ich mir momentan keine anständige Unterkunft leisten, in der ich meinen größten Schatz bewahren könnte. Mutter kann sich nicht länger um ihn kümmern. Deshalb schicke ich ihn dir.

Du hast dein Leben in die eigene Hand genommen. Ich wusste immer, dass du es schaffen würdest. Du heilst andere Menschen! Hättest du dir das vor einem Jahr vorstellen können? Mutter ist so unglaublich stolz auf dich. Und die Frauen, bei denen du lebst, sind stark und fortschrittlich, sie sind Vordenkerinnen. Sie unterstützen dich. Deshalb weiß ich, dass ich das einzig Richtige tue.

Ich weiß, dass ich dir viel abverlange nach allem, was du durchgemacht hast, aber trotzdem bitte ich dich darum, am zweiten Dienstag im Mai um zehn Uhr persönlich am Bahnhof in Seymour zu sein. Ich habe meinen Schatz einem Freund der Familie anvertraut, den du erkennen wirst. Nimm ihn mit dir nach Hause. Mach ihn zu deinem eigenen.

Danke, Claire. Ich liebe dich. Du weißt gar nicht, wie sehr.

Polly

Das Papier knisterte, als Tori den Brief vorsichtig wieder zusammenfaltete und Claire zurückgab. »Ich verstehe, warum du in die Stadt fahren musst. Was mir aber nicht ganz klar ist, ist, warum deine Schwester so umständlich vorgeht, um ihr Hab und Gut zu schützen. Würde dein Vater wirklich verbieten, dass ihr Besitz bei ihm im Haus bleibt?«

Claire dachte an ihren Vater und seine unberechenbaren Wutausbrüche. »Ja. Bestimmt hat meine Mutter versucht, die Sachen so lange wie möglich vor ihm geheim zu halten. Aber wenn Polly irgendetwas getan hat, das so schlimm ist, dass mein Vater sie verstößt, würde er nicht dulden, dass irgendetwas in seinem Leben zurückbleibt, das ihn an sie erinnert.«

Der alte Reisekoffer kam ihr in den Sinn, in dem Polly und sie ihre wenigen Besitztümer gesammelt hatten. Die Schnalle, die nicht mehr schloss. Der Riss im Deckel. Verrostete Scharniere. Trotzdem hatten sie darin alles aufbewahrt, was ihnen wertvoll erschienen war und sie für die Zukunft hatten aufbewahren wollen. Kissenbezüge, die Claire bestickt hatte, um sie als Aussteuer für ein Leben mit ihrem zukünftigen Ehemann zu haben. Quilts, die Polly aus alten, abgetragenen Kleidern genäht hatte. Sie waren wunderschön gewesen. Ihre Schwester mochte flatterhaft sein und keinerlei Verantwortungsgefühl haben, aber im Quilten war sie eine Meisterin. Ihre Stiche waren präzise, die Applikationen makellos. Miss Fester könnte sich glücklich schätzen, sie als Angestellte zu haben.

»Wir beide hatten romantische Träume.« Ein gedankenverlorenes Lächeln umspielte Claires Lippen. »Vollkommen albern, aber sie haben uns durch die harten Zeiten gebracht.«

Zumindest bis zu dem Tag, an dem Claire erkannt hatte, dass sie diesen Träumen nicht trauen konnte. Sachlichkeit und Pragmatismus waren die einzigen Möglichkeiten, sich eine Zukunft zu sichern.

Als sie auf Stanley Fischers Anzeige hin, mit der er nach einer Braut gesucht hatte, zu ihm gereist war, hatte sie fast all ihre Habseligkeiten zurückgelassen. Sie hatte nicht gewollt, dass Sentimentalitäten sie davon abhielten, diese Vernunftehe einzugehen. Doch dann hatte sie Mr Fischer kennengelernt und hatte – Vernunft hin oder her – die Flucht ergriffen.

»Ich kann verstehen, dass Polly mir ihre Sachen schickt, damit ich mich darum kümmere. Was ich aber nicht begreife, ist, warum ich sie unbedingt persönlich am Bahnhof abholen soll. Hätte es nicht ausgereicht, wenn dein Mann mir die Kiste mitbringt? Nein, da steckt noch irgendetwas anderes dahinter. Etwas, das meine Schwester nicht aufschreiben wollte, weil es ihr zu unangenehm war. Wer auch immer ihre Habseligkeiten hierher bringt, muss eine Erklärung dabeihaben. Sonst ergibt das alles doch überhaupt keinen Sinn.«

Tori legte ihre Hand auf Claires und drückte sie sanft. »Ich weiß noch sehr genau, wie es war, jung und dumm zu sein … aber es gibt keine Schwierigkeiten, die man nicht meistern kann. Sie wird es durchstehen, Claire.«

»Aber sie muss schreckliche Angst haben.« Claire umklammerte die Finger ihrer Freundin und sprach aus, was ihr seit Tagen Sorgen bereitete. »Kein Zuhause. Keine Familie. Sie hat Freunde, aber die sind ebenso flatterhaft wie sie. Sie werden ihr keine Hilfe sein.« Sie machte sich los und sprang auf, dann ging sie vor der Bank auf und ab. Ihre Absätze klickten laut im Stakkato ihrer Schritte. »An dem Tag, an dem ich ihren Brief erhalten habe, habe ich ihr sofort zurückgeschrieben. Ich wollte, dass sie nach Harpers Station kommt. Ich habe ihr sogar Geld für die Zugfahrkarte geschickt. In welchen Schwierigkeiten sie auch immer stecken mag, hier wäre sie in Sicherheit. Ganz bestimmt.« Sie verlangsamte ihre Schritte, hob den Blick in Richtung Osten, blinzelte in die grelle Morgensonne und blieb schließlich ganz stehen. »Sie wird nicht kommen. Ich weiß es. Es gibt da einen Jungen, für den sie schwärmt. Er ist ein Halunke, da bin ich mir sicher, aber sie liebt ihn mit der dramatischen Hingabe einer Sechzehnjährigen.« Claire schüttelte den Kopf und wünschte sich, es wäre anders. »Nein. Sie wird ihn nicht verlassen.«

Tori trat neben sie und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Dann solltest du nach Seymour fahren und dich mit diesem Freund der Familie unterhalten. Vielleicht hat sie ihm irgendetwas anvertraut, das dir weiterhilft. Vielleicht findest du dadurch heraus, wie du ihr am besten helfen kannst.«

Claire nickte. »Das ist das Einzige, was ich im Augenblick tun kann.«

* * *

Eine Stunde später kamen die Außenbezirke von Seymour in Sicht und Claires Hand, mit der sie sich an der Sitzbank des Frachtwagens festhielt, verkrampfte sich.

»Wir sind fast da.« Ben Porter lächelte sie freundlich an, doch Claire brachte nur ein angespanntes Heben der Mundwinkel zustande.

Warum konnte der Weg nicht länger sein? Nein, selbst der doppelte Weg wäre nicht ausreichend gewesen. Jetzt in einem Sumpf zu versinken, wäre besser. Oder von maskierten Banditen angegriffen zu werden. Dann wäre es nicht ihre Schuld, wenn sie den Zug verpasste. Sie hätte ihr Bestes gegeben, wäre aber leider an den Umständen gescheitert. Trotzdem hätte sie ihre Pflicht erfüllt. Doch der Herr hatte sie mit Sonnenschein, guten Straßen und einer friedlichen Reise gestraft. Skeptisch beäugte sie die eine Wolke, die am Himmel hing.

Es ist noch nicht zu spät für einen Blitz, der die Pferde scheuen und zurück nach Harpers Station stürmen lässt. Bitte, Herr. Es würde mir nichts ausmachen. Nicht, dass ich mir wünschen würde, dass Mr Porter etwas geschieht. Nein. Gott, bitte lass die Pferde einfach kehrtmachen und mich zurück nach Hause bringen.

Die gleißenden Sonnenstrahlen spotteten ihrem Wunsch.