Das Glück liegt hinter der Hecke - Sara Pennypacker - E-Book

Das Glück liegt hinter der Hecke E-Book

Sara Pennypacker

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Beschreibung

Kekse, Umarmungen und ganz viel Liebe … Leeva wächst allein bei ihren starrsinnigen Eltern auf, für die nur Geld und Ruhm etwas bedeuten. Dabei wünscht sie sich ganz etwas anderes. Eines Tages bricht sie aus ihrem viel zu engen Zuhause aus und lernt das Leben hinter der Gartenhecke kennen. Was auf sie wartet? Freunde, eine echte Familie und der Duft von Ingwerkeksen. Ein wunderbares Buch über Wärme, Freundschaft und Vertrauen von ›Mein Freund Pax‹-Bestsellerautorin Sara Pennypacker »Eine unglaublich witzige, zärtliche Hommage an die Kraft von Beharrlichkeit, Gemeinschaft und Freundlichkeit.« Booklist »Die vielseitige Sara Pennypacker hat ein Buch geschrieben, das abwechselnd unverschämt und weise, lustig und rührend, fantastisch und wahr ist.« The Horn Book - Mit einzigartig liebenswerten Charakteren in einer ungewöhnlichen Kleinstadt  - Leeva verzückt alle: Sie ist mutig und sensibel, sie liebt Bücher, aber auch Zahlen, und sie sehnt sich nach dem echten Leben, das sie auch findet

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Kekse, Umarmungen und ganz viel Liebe …

 

Leeva wächst allein bei ihren starrsinnigen Eltern auf, für die nur Geld und Ruhm etwas bedeuten. Dabei wünscht sie sich etwas völlig anderes. Eines Tages bricht sie aus ihrem viel zu engen Zuhause aus und lernt das Leben hinter der Gartenhecke kennen. Was auf sie wartet? Freunde, eine echte Familie und der Duft von Ingwerkeksen.

 

Ein wunderbares Buch über Wärme, Freundschaft und Vertrauen von Bestsellerautorin Sara Pennypacker.

Sara Pennypacker

Das Glück liegt hinter der Hecke

Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn

Mit Bildern von Jens Rassmus

 

 

 

 

Das hier ist für meine Dichtermäuse, mit großem Dank.

S. P.

1Zuerst

Sobald sie das Wochenblatt Nutsmore Weekly dumpf gegen die Haustür schlagen hörte, jagte Leeva Thornblossom hinaus. Es war der einzige Moment, den sie mit Erlaubnis ihrer Eltern im Vorgarten verbringen durfte.

Ohne die Zeitung zu beachten, sprang sie die Stufe hinab und watete durch das Unkraut bis zu der übermannshohen Hecke, die ihren Garten umgab. Dort kniete sie sich nieder und schob vorsichtig mit den Händen die Zweige und spitzen Dornen zur Seite, um hinaussehen zu können. Wer immer die Zeitung brachte, war natürlich wie jedes Mal längst fort, trotzdem schweifte ihr Blick den Gehweg entlang und – ja! Heute hatte sie Glück: Eine Frau näherte sich von rechts mit einem kleinen Jungen an der Hand.

Leeva wagte es kaum zu blinzeln, als die beiden näher kamen. Als Erstes würde sie fröhlich Hallo rufen. Und dann, wenn die Frau sie hinter der Hecke entdeckte, würde sie sagen … hm, das genau war der Punkt. Leeva hatte sich wieder und wieder gewünscht, einmal jemanden anzusprechen und zu sagen: Ich bin hier! Und du bist auch hier! Aber irgendwie schienen die Worte zu wichtig, um sie durch eine Hecke zu rufen. Und außerdem – was sollte sie danach weiter sagen?

Gerade als die Frau die Ecke von Leevas Garten erreichte, nahm sie den kleinen Jungen auf den Arm und überquerte die Straße.

Schon wieder! Warum taten die Leute das? Gerade so, als würden sie einem unsichtbaren Stacheldrahtzaun aus dem Weg gehen? Enttäuscht schaute Leeva der Frau hinterher, wie sie – den Jungen auf dem Arm, der ihr hopsend mit seinen Füßen gegen die Hüfte schlug – auf der anderen Straßenseite davoneilte, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Vielleicht ja beim nächsten Mal, sagte sich Leeva, während sie zurückschlurfte, um die Zeitung aufzuheben. Noch an der Treppe blätterte sie sie durch auf der Suche nach dem gewohnten Lückenfüller »Vergrößern Sie Ihren Wortschatz« – echte Nachrichten gab es ja nicht in dem Blatt, aber wenigstens immer ein neues Wort, mit genauer Bedeutungserklärung, immerhin das. Doch bevor sie die Rubrik fand, sprang ihr eine andere Überschrift ins Auge.

Und, liebe Leserin, lieber Leser: Zum allerersten Mal entdeckte Leeva eine echte Nachricht: »Nutsmore kündigt Tag der Schuleröffnung für alle Kinder ab sechs an.«

Vor Schock stolperte sie fast in die Brombeerranken an der Haustür. Ihre Stadt hatte eine Schule gebaut! Und nachdem Leeva irgendwas zwischen acht und neun sein musste – da sie nicht wusste, wann ihr Geburtstag war, hatte sie auch nie ihr genaues Alter ausrechnen können –, würde sie in diese Schule gehen! Endlich raus in die Welt, in – Leeva schaute noch einmal nach – fünf Wochen und drei Tagen.

Sie würde es ihren Eltern nach dem Abendessen verkünden, wenn die beiden normalerweise nicht ganz so mies drauf waren wie den Rest des Tages.

»Stopp, das ist Quatsch«, schimpfte sie laut vor sich hin, während sie sich unter den Brombeerranken hindurchduckte und wieder ins Haus ging. Ihre Mutter war Bürgermeisterin von Nutsmore und ihr Vater Schatzmeister der Stadt. Bestimmt wussten sie längst von der neuen Schule.

Aber wieso hatten sie ihr dann nichts erzählt?

War es denkbar, dass sie sie überraschen wollten? In der TV-Soap Wechselvolle Zeiten, die Leeva täglich schaute, machte Familie Cleverton immer ein Riesenbrimborium daraus, ihren Zwillingstöchtern irgendwelche freudigen Neuigkeiten mitzuteilen: Für euch, Schätzchen! Ta-daa! Zugegeben, so ein elterliches Verhalten wäre völlig untypisch für Leevas Mutter und Vater, aber es gab ja immer ein erstes Mal.

Es fiel ihr schwer zu warten, bis die beiden endlich von der Arbeit nach Hause kamen.

Leeva löste in der Zwischenzeit das Problem mit der Buchhaltung, das der Vater ihr überlassen hatte, und zeichnete die Papiere mit einem Schnörkel ab. Sie schliff die scharfen Schuhspitzen ihrer Mutter nach und hetzte sich mit all ihren sonstigen täglichen Pflichten ab. Dann widmete sie sich mit besonderem Schwung und Elan der Fitnesssendung Schwung und Elan in jedem Alter und schaltete danach mit einem neuen, wohligen Gefühl von Zugehörigkeit auf Wechselvolle Zeiten um – die Cleverton-Zwillinge gingen zur Schule, genau wie nun bald auch sie.

Doch unglücklicherweise begann die heutige Folge mit einer Szene, die Leeva immer fürchtete. Die Szene war so schlimm, dass sie normalerweise die Augen schloss, wenn der Moment kam. Aber heute hielt sie sie offen.

»Schlafenszeit!«, riefen die Cleverton-Eltern. Und bevor die Zwillinge brav nach oben liefen, tätschelten ihnen die Erwachsenen den Kopf und drückten die zwei so fest an sich, dass man Angst haben musste, die Mädchen wollten ins Weltall fliegen und nicht in ihre nebeneinanderstehenden Betten steigen, jedes mit eigener Zudecke.

Die Soap-Eltern drückten ihre Töchter derart fest, als wenn sie nicht ertragen könnten, auch nur eine Nacht lang von ihnen getrennt zu sein.

Sie umarmten sie, als wären sie besonders kostbar.

Als Leeva diesmal die Szene anschaute, drang ihr versehentlich ein seltsamer Schrei aus der Kehle – irgendwas zwischen Keuchen und Winseln. Sie schaltete den Fernseher ab. Dann trug sie die Nutsmore Weekly an ihren Nachdenkplatz – eine Stelle zwischen zwei Küchenschränken, wo früher der Geschirrspüler gestanden hatte. Der war von ihren Eltern verkauft worden, als sie sahen, dass Leeva inzwischen groß genug war, um an die Spüle zu kommen.

Leeva hatte vom ersten Tag an, seit es den leeren Platz gab, hier ihre besten Gedanken gehabt. Damals war sie dort schockiert zu Boden gesunken. Wenn sie die nächsten zehn Jahre Tag für Tag, sagen wir, eine halbe Stunde mit Abwaschen zubrächte, würde sie insgesamt 109560 Minuten am Spülbecken stehen, rechnete sie blitzschnell aus, obwohl sie noch so jung war. Dann traf sie ein zweiter, noch viel schlimmerer Gedanke: Ihre Eltern hatten diese 109560 Minuten, die Leeva gehörten – Minuten, die sie womöglich in ihrer Gegenwart hätten genießen können –, für mickrige 50 Dollar verscherbelt. Meine Eltern finden mich offenbar nicht sehr wertvoll, lautete die bedrückende Schlussfolgerung, die Leeva aus diesem Ergebnis zog.

Heute hatte sie freudigere Gedanken im Kopf – Schule! Endlich hinaus in die Welt! –, als sie mit der Zeitung in den Schneidersitz sank. Bevor sie von Neuem die seltsame Ankündigung anstarrte, fuhr ihr Blick nach unten zu dem Wort aus der Rubrik »Vergrößern Sie Ihren Wortschatz«: Deluxe – besonders luxuriös oder kostbar, von besonders hochwertiger Art. Das Wort reichte, um in ihr ein Kribbeln auszulösen, was wirklich nur die allerbesten Wörter schafften.

Als um 18:20 Uhr der Wagen ihrer Eltern in die Auffahrt knirschte, erhob sich Leeva. Sie warf einen Blick in den Kühlschrank und stieß einen Seufzer aus. Verlangte ein Abend wie dieser nicht nach einem Festmahl, vielleicht sogar nach einem Essen allein für sie? Aber nein, das Einzige, was sie entdeckte, war das gleiche trostlose Zeug wie jeden Tag, seit ihre Eltern entschieden hatten, dass sie alt genug sei, ihnen das Essen zu machen. »Sie hat uns nicht reicher gemacht und auch nicht berühmter. Dann kann sie uns wenigstens unser Essen servieren!«, hatten sie wortwörtlich erklärt.

Liebe Leserin, lieber Leser, lasst uns hier kurz verweilen und einen Blick in den Kühlschrank werfen, um zu verstehen, was Leevas tiefen Seufzer auslöste.

Essen unterteilte sich bei den Thornblossoms in zwei Kategorien, die man beide beim besten Willen nicht als deluxe bezeichnen konnte.

Leevas Vater kaufte immer nur beim Cheapo-Discountmarkt und auch bloß das, was längst über die Zeit war und im Sonderpreis-Regal vor sich hin gammelte. Das waren vor allem Cheezaroni.

Cheezaroni besaßen eine flüchtige Ähnlichkeit mit Makkaroni und Käse, nur dass die Makkaroni und der Käse nicht voneinander zu unterscheiden waren und auch nicht von der Verpackung. Das heißt, auch wenn du der Kochanleitung haargenau folgtest, kam ein geschmackloser, pappiger Brei heraus, der extrem nach Schweißfüßen roch.

Einmal im Monat ließ Mr Thornblossom Leeva Dutzende dieser Essens-Briketts aufbacken, womit er die Stromkosten für den Herd minimierte; danach musste sie die fertigen Portionen auf seiner Seite des Kühlschranks stapeln. Er aß dieses grässliche Zeug Tag und Nacht.

Bei ihrer Mutter lagen die Dinge vollkommen anders. Die Zeitschrift Promi-Woche war stets voller Stars, die die angesagtesten Gerichte aßen, und Mrs Thornblossom kaufte alles entsprechend ein. Letzte Woche hatte das Blatt einen Schauspieler in einem Restaurant erwischt, wie er genüsslich eine Aal-Creme mit Wildschweinhaxen-Gelee aß. Und genau das ließ Leeva ihren Seufzer ausstoßen.

Sie hatte es zwar geschafft, von den Überresten der Mahlzeiten ihrer Eltern gerade so halbwegs zu überleben, doch sie hatte ständig Hunger. So auch jetzt und genauso hungrig würde sie später ins Bett fallen.

Leeva bereitete die Teller für ihre Eltern vor und trug sie um Punkt 18.40 Uhr ins Wohnzimmer.

Zwei Fernseher plärrten kreuz und quer durcheinander. Leevas Vater schaute die Finanzsendung Geld, Geld, Geld! und tippte eilig die Zahlen, die über den Bildschirm liefen, in seinen Taschenrechner. Ihre Mutter verfolgte mit offenem Mund die aktuelle Folge von Die Promi-Show!.

Leeva stellte die Teller auf die Tabletts, die vor ihnen standen, und kroch auf Händen und Knien herum, um die Sicht nicht zu behindern. Dann setzte sie sich auf ihren Hocker in der Ecke und wartete.

Liebe Leserin, lieber Leser, auch wir unterbrechen an dieser Stelle. Bedauerlicherweise müssen wir nun Leevas Eltern näher kennenlernen.

2Geld und Ruhm

Leevas Eltern interessierte nur eins, und das war sicher nicht Leeva.

Also, ich meine: Jeden von beiden interessierte nur eins.

Leevas Mutter interessierte nur RUHM. Als Bürgermeisterin der Stadt Nutsmore sorgte sie dafür, dass alle im Ort sie kannten. »Ruhm ist die mächtigste Macht, die es gibt«, sagte sie gern. Wenn die Bürger dem, was sie vorhatte, widersprachen, warf sie ihnen Blicke zu, die so glühend heiß waren, dass man darunter Speckstreifen hätte braten können. »Wisst ihr nicht, wer ich bin?«, rief sie dann böse. »Wer mir widerspricht, den feuer ich. Noch Widersprüche?«

Nein lautete die einzig akzeptierte Antwort.

Ab und zu beging ein unseliger Bürger den Fehler, zu fragen: »Mich feuern? Aus welchem Job denn?«

»Aus dem Job, von mir gebürgermeistert zu werden«, war ihre Antwort. »Außerdem erhebe ich zur Strafe eine Widerspruchssteuer. Halt den Mund und verschwinde.«

Das Beste an Leevas Mutter waren ihre Schuhe. Sie besaß Hunderte. Zusammen mit den Haaren, die sie zu einem gewagten Turm aufsteckte, verliehen ihr die zwölf Zentimeter hohen Absätze einen gewaltigen Größenvorteil und einen charakteristischen Look. Die Schuhspitzen, die Leeva täglich nachschleifen musste, konnten dir das Schienbein zertrümmern. Die maßgefertigten Stiletto-Absätze, die unten mit Kristallperlen besetzt waren, machten Klick-klick-klick, wenn Leevas Mutter herumstöckelte, und Krtsch-krtsch-krtsch, wenn sie sie wütend in den Boden bohrte. Diese spröden Geräusche machten die Schuhe zum Besten an ihr – wenigstens wussten die Leute so immer Bescheid, wann sie Malicia Thornblossom besser aus dem Weg gingen.

Leevas Vater, dem Schatzmeister von Nutsmore, ging es dagegen nur um GELD. Er sammelte es bündelweise, säckeweise, bergeweise von den Nutsmore-Bürgern ein. Er stopfte die Scheine in Schuhkartons (die er umsonst kriegte, ihr wisst schon, von wem) und lagerte sie in einem verriegelten Zimmer im Obergeschoss.

Das Beste an Dolton Thornblossom war …

Ehrlich gesagt gab es nichts Gutes an ihm.

Liebe Leserin, lieber Leser, inzwischen fragt ihr euch vielleicht, wieso diese zwei widerlich egoistischen Menschen überhaupt ein Kind hatten.

Nun, Mrs Thornblossom war, wie wir gesehen haben, besessen von Ruhm. Eines Abends sah sie eine Folge von Die Promi-Show!, in der es darum ging, wie viele Promi-Schauspieler gerade Kinder bekamen. Hier seht ihr Hollywoods Traumpaar mit seinem neuen Knuddelschatz, säuselte die Moderatorin.

»Ein Baby ist ein Mode-Artikel, der gut zu meiner charakteristischen Erscheinung passt«, überlegte Mrs Thornblossom, betrachtete sich im Spiegel, den sie neben ihrem Sessel aufgestellt hatte, und berührte prüfend ihre Frisur. »So wie eine Handtasche. Wir brauchen ein Baby, unbedingt.«

Mr Thornblossoms Finger verharrten für einen Moment über seinem Taschenrechner. »Bringt uns ein Baby Geld?«

Liebe Leserin, lieber Leser, das war der entscheidende Moment. Leeva würde es nicht geben und infolgedessen auch nicht dieses Buch, wenn die Antwort auf seine Frage Nein gelautet hätte.

Aber Leevas Mutter, die die Frage ihres Mannes kurz überdachte, wandte sich ratsuchend wieder der Sendung zu. Und genau in dem Moment verkündete die Moderatorin, dass Hollywoods Traumpaar an dem Tag, als es mit seinem neugeborenen Knuddelschatz aus dem Krankenhaus heimkam, einen Filmvertrag unterzeichnete, der ihnen beiden mehr Geld bot, als je ein anderer Schauspieler oder eine andere Schauspielerin verdient hatte.

Ruhm und Geld, beides nur durch ein Baby!

»Hm …«, sagte Mr Thornblossom und war plötzlich ganz fasziniert. »Okay.«

Und so kam neun Monate später Leeva zur Welt.

Machte ein Kind die beiden wirklich reicher, wirklich berühmter? Natürlich nicht. Nur ein Schwachkopf hätte das geglaubt.

Okay, genug der Zwischeninfo. Wenden wir uns wieder der Geschichte zu.

3Lügende Lügner lügen

Sobald ihre Eltern zu Ende gegessen hatten, baute sich Leeva so vor ihnen auf, dass sie beide gleichzeitig ansprechen konnte. Dann räusperte sie sich. »Mutter? Vater? Habt ihr nicht eine Neuigkeit für mich?« Sie breitete die Arme aus, so sehr freute sie sich auf die Überraschung.

Leevas Mutter, die von ihrem thronartigen Sessel aus in ihren Fernseher starrte, kommentierte gerade wie gewohnt ihre Promi-Sendung und stellte fest, wie bemerkenswert Taffy Glamoos neue Frisur sei. Leevas Vater in seinem Fernsehsessel hämmerte mit entschlossenem Eifer auf die Tasten seines Taschenrechners ein.

Leeva spürte, wie ihre Arme ein kleines bisschen nach unten sanken. »Ich bin bereit für eure Neuigkeit«, versuchte sie es noch einmal.

Ihr Vater beugte sich tiefer über seinen Taschenrechner und murmelte vor sich hin. Ihre Mutter stellte mit der Fernbedienung den Ton ihres Fernsehers lauter.

Leevas Arme gaben auf. Sie schaute auf ihre Hände. Die Nägel waren so kurz gebissen, wie es nur ging. Und die braunen Zöpfe, die sie sorgfältig mit ihren Fingern gekämmt hatte, fielen ordentlich über ihr verblichenes gelbes Kleid. Nach jahrelangem Vergleich mit den Kinderstars in den Zeitschriften ihrer Mutter und den Zwillingen aus der Serie Wechselvolle Zeiten wusste sie genau, was für eine Enttäuschung sie war. Aber es gab sie nun mal. Wie konnten ihre Eltern also so tun, als ob sie sie weder sahen noch hörten? Diese Frage stellte sie sich jedes Mal, wenn sie versuchte, mit den beiden zu reden. Heute – mit dieser aufregenden Neuigkeit, die in der Luft lag – war es besonders verwirrend.

Leeva probierte es noch ein letztes Mal. »Kriegt Nutsmore nicht etwas ganz Tolles?«

Endlich sah ihre Mutter auf. Sie warf ihrem Spiegelbild eine Kusshand zu und nickte dann. »Ach so, das. Ich weiß zwar nicht, wie du es rausgefunden hast, aber ja.«

»Oh, danke, vielen Dank! Ich bin ja total aufgeregt«, rief Leeva so laut und freudestrahlend, wie die Cleverton-Zwillinge jede Überraschung begrüßten.

»Das solltest du auch sein«, stimmte Bürgermeisterin Thornblossom ihrer Tochter zu. »Alle werden es sein.«

Mr Thornblossom warf seiner Frau einen argwöhnischen Blick zu.

»Ich habe eine Statue von mir in Auftrag gegeben«, erklärte sie ihm. Als er sie erschrocken ansah, winkte sie beruhigend ab und ergänzte: »Wird natürlich alles von den Bürgern bezahlt.«

»Was?«, fragte Leeva. »Aber das ist doch überhaupt nicht –«

»Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass Statuen berühmten Menschen gewidmet sind. Und dass berühmte Menschen Statuen haben.«

»Jaja, aber ich wollte über –«

»Zwanzig Meter hoch. Für die Schuhe habe ich einen eigenen Bildhauer angeheuert. Vergoldet, einen Meter fünfzig beträgt allein die Höhe vom Absatz.«

Leeva schauderte. Die Schuhe ihrer Mutter waren schon in Originalgröße angsteinflößend genug. »Aber ich meinte das hier«, sagte sie und zeigte ihr die Zeitung. »Nutsmore hat jetzt eine Schule! Und ich geh da hin!«

»Gehst du nicht«, antwortete Bürgermeisterin Thornblossom mit einschüchternder Endgültigkeit. Sie besaß große Übung darin, zu verfügen, dass Leute etwas nicht durften, und das zeigte sich jetzt.

»Aber hier steht, dass in fünf Wochen und drei Tagen alle Kinder ab sechs Jahren in der Schule zum Unterricht in den Klassen eins bis zwölf erwartet werden.«

Mr Thornblossom legte seinen Taschenrechner beiseite und strich sich über den Schnurrbart. »Sechs. Eins. Zwölf. Fünf. Drei. Das sind die Zahlen! Zahlen sind maßgeblich für das Zählen von Geld.«

»Das stimmt, Dolt«, antwortete Leevas Mutter und fing an mit einem ihrer Stiletto-Absätze zu klicken. Klick-klick-klick. »Aber Leeva geht trotzdem nicht«, wiederholte sie noch bestimmter. »Sie kennt bereits alle Zahlen – sie arbeitet mit ihnen … für dich.«

Das stimmte. Eines Abends – das war drei Jahre her – hatte ihr Vater mit rauchendem Schädel lauthals versucht, einen dreiprozentigen Dividendenertrag zu errechnen, bis Leeva die Geduld verlor und ihm die Lösung nannte. Seitdem addierte und subtrahierte Mr Thornblossom zwar noch selbst – dazu nahm er den Taschenrechner –, doch alles, was schwieriger war, reichte er Leeva weiter und jeden Morgen gab er ihr auch noch ein Buchhaltungsproblem zum Lösen.

»Aber ich will da hin«, versuchte es Leeva noch einmal.

Ihr Vater griff nach dem Taschenrechner. Ihre Mutter konzentrierte sich auf »Blitzschnell berühmt«, den letzten Beitrag in jeder Folge von Die Promi-Show!, wo irgendein Niemand einen Zehnjahresvertrag erhielt, um als Reality-Star in Hollywood zu leben. Bürgermeisterin Thornblossom liebte diesen Teil der Sendung und hasste ihn zugleich. »Da sollte ich stehen«, murmelte sie so wie jedes Mal. »Ich sollte blitzschnell berühmt werden.«

»Moment mal.« Leeva sah von einem Elternteil zum andern. »Ihr wart gar nicht überrascht, dass es eine Schule gibt. Ihr wusstet es also! Wieso habt ihr mir nichts gesagt?«

Ihre Eltern zuckten gleichzeitig mit den Schultern. Wieso sollten wir?, schien das Zucken zu sagen.

»Wie lange?« Leevas Stimme bebte jetzt. »Wie lange gibt es in Nutsmore schon eine Schule?«

Weiteres Schulterzucken. Schon immer, na und, wen interessiert’s?

»Ihr habt doch immer gesagt, dass es Schulen bloß bei den Daily Soaps im Fernsehen gibt. Aber nicht in echten Städten.« Leeva taumelte rückwärts, als sie die Wahrheit wie eine Bowlingkugel traf. Ihre Eltern hatten sie angelogen.

Nun, liebe Leserin, lieber Leser, Leeva hatte natürlich gewusst, dass ihre Eltern Lügner waren. Nach den Geschichten zu urteilen, die sie einander abends erzählten, war Lügen so ziemlich die Hauptbeschäftigung in ihren Jobs.

Ehrlich gesagt hatten sie die Jobs überhaupt nur auf diese Weise bekommen: Gebt uns eure Stimme! Wir versprechen dies, wir versprechen das! Aber es war Leeva nie in den Sinn gekommen, dass die beiden auch sie anlogen, ihre eigene Tochter.

Zu begreifen, dass du selbst denen nicht trauen kannst, denen du immer vertraut hast, ist wahrlich niederschmetternd – so als wenn du plötzlich merkst, dass das, was du als festen Grund unter deinen Füßen angesehen hast, in Wirklichkeit nichts als ein Satz alter Spinnenknochen ist. Leeva war zutiefst erschüttert.

Doch gleichzeitig spürte sie wie ein Kaninchen, das einen Wolf wittert, dass sich auf einmal all ihre Sinne regten. Ihre Augen und Ohren knisterten förmlich, so geschärft war alles. Ihre Haut zuckte wie elektrisch geladen.

Und sie begriff: Von jetzt an musste sie in Gegenwart dieser zwei Lügner extrem vorsichtig sein. Sie würde all ihre Sinne schärfen und jederzeit darauf gefasst sein müssen, mutig und blitzschnell zu handeln.

4Die Frage

Leeva trat einen Schritt von ihren Eltern zurück. »Wieso?«, fragte sie nüchtern. »Wenn ihr gewusst habt, dass es eine Schule gibt, wieso habt ihr mich dann nie hingeschickt?«

Ihre Mutter zog ein finsteres Gesicht. »In der Schule lernt man nur Albernheiten … lächerliche Geisterwissenschaften … Musik, trara, Schitteratur, Schmonzopronzo-Poesie, Schrunz-Kunst. All diesen Schwachsinn.«

»Schwachsinn«, wiederholte ihr Vater papageienhaft das letzte Wort. »Du musst nur Zahlen lernen. Damit bringst du uns Geld ein.«

»Die Zahlen kennt sie, Dolt«, erinnerte ihre Mutter ihn erneut. »Aber ja, Geld ist wichtig. Geld macht berühmt.« Sie schenkte ihrem Mann ein leises Zwinkern. »Und Ruhm bringt Geld, Geld, Geld.«

Leeva dachte an das verriegelte Zimmer direkt über ihnen. Die Schuhkartons wanderten hinein, doch nie mehr hinaus. »Aber wozu dient euch Geld? Was wollt ihr damit machen?«

»Machen?« Mr Thornblossoms Stirn runzelte sich. »Wenn ich mit dem Geld etwas mache, hab ich’s ja nicht.«

»Aber wenn du nichts damit machst, ist es nur grünliches Papier in einem Karton. Ich versteh nicht, wieso du es haben willst.«

»Das liegt daran, dass du kein Genie bist wie ich«, antwortete er und tippte sich dabei an die Stirn.

Genau in dem Moment endeten beide Fernsehprogramme. Leeva hatte nur noch für wenige Momente die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, bevor die nächsten Sendungen anfingen. Leeva reckte sich jetzt zu voller Größe. »Es ist mir egal, ob sie nur diese Geisterwissenschaften unterrichten. Ich will zur Schule und mit anderen Menschen zusammen sein.«

»Menschen?«, kreischten ihre Eltern gleichzeitig.

»Du findest, Menschen sind wichtiger als Geld und Ruhm?!?«, fragte ihre Mutter entsetzt.

»Du hast die Frage gestellt, wozu Geld da ist!«, schrie ihr Vater. »Aber wozu sind Menschen da?! Hä! Sag’s mir!« Seine Augen strahlten triumphierend, als wenn es eine ganz schöne Leistung gewesen wäre, Leevas eigene Frage gegen sie selbst zu richten.

»Menschen sind dazu da, um berühmt sein zu können«, erklärte Mrs Thornblossom. »Das ist doch klar. Ohne Menschen kannst du überhaupt nicht berühmt sein.«

Mr Thornblossom ergänzte einen seiner seltenen Gedanken: »Und nicht an ihr Geld kommen.«

Leeva war sich sicher, dass Menschen für Wichtigeres existierten als dafür, an ihr Geld ranzukommen und bei ihnen berühmt zu sein. Warum sonst waren die Personen in Wechselvolle Zeiten so sehr daran interessiert, andere Personen zu erreichen? Folge für Folge platzten sie in Räume, sausten durch Städte und flogen über Kontinente auf der Suche nach anderen Menschen.

Aber wieso taten sie das alles? Wozu waren Menschen da? Die Frage fühlte sich wichtig an, sie fühlte sich an wie die wichtigste Frage, die jemals gestellt wurde. Wie –

»Du kannst nicht auf die Schule«, blaffte ihre Mutter und riss Leeva aus ihren Gedanken. »Schau in deinem Bediensteten-Handbuch nach.« Sie warf ihrem Mann einen bösen Blick zu. Für eine ganze Weile schien Mr Thornblossom verwirrt. Doch dann zog er Leevas Bediensteten-Handbuch und einen Stift aus der Seitentasche seines Fernsehsessels. Er kritzelte etwas in das Handbuch hinein, dann hielt er es Leeva hin. »Kein Schulbesuch. Hier steht es, unter ›Arbeitsplatzbeschränkungen‹: Jedes Verlassen des Arbeitsplatzes ist streng untersagt.«

Leevas frisch geschärfte Sinne erinnerten sie an etwas. »Mit einer Ausnahme, nämlich um Geld zu verdienen oder berühmt zu werden.«

Ihre Mutter schüttelte so heftig den Kopf, dass der gewagte Haarturm dramatisch hin und her schwankte. »Ja, aber Kinder werden nicht deshalb berühmt oder reich, weil sie zur Schule gehen.« Sie deutete auf das Handbuch. »Hier, lies es. Kein Schulbesuch.«

Leeva nahm das Handbuch nicht – sie wusste nur zu gut, was ihr Vater getan hatte, und sie wusste genau, es war unfair. Wann immer sie auf Ungerechtigkeiten stieß, hatte sie das Gefühl, als ob irgendetwas in ihrer Brust aufsprang und versuchte, sich nach draußen zu kämpfen. Dieses Etwas erhob sich auch jetzt, aber Leeva befahl ihm, sich wieder hinzusetzen. Sie brauchte eine Idee. Sie zog sich an ihren Nachdenkplatz zwischen den Küchenschränken zurück.

Leeva hatte das Grundstück bisher genau zwei Mal verlassen, zu den beiden erlaubten Ausnahmen. Vielleicht gab es ja etwas an einer dieser beiden Gelegenheiten, das ihr jetzt weiterhelfen konnte.

Das letzte Mal war vor drei oder vier Jahren gewesen, als ihr Vater sie zu dem Discountmarkt fuhr. Leeva hatte die Gänge wie ein Wunderland aus Farben, Symbolen und Gerüchen empfunden, doch ihr Vater hatte sie in ein Büro gedrängt. Dort knallte er dem Geschäftsführer die Nutsmore Weekly auf den Schreibtisch, so gefaltet, dass die Anzeige »Aushilfen gesucht« obenauf lag. »Regalnachfüller, Nachtschicht«, las er laut vor. »Meine Tochter nimmt den Job.«

»Es gehört auch Wischen dazu, Mr Thornblossom«, hatte ihn der Geschäftsführer gewarnt. »Die Gänge werden hier ziemlich schmutzig.«

»Ja, in Ordnung. Meine Tochter ist kräftig.«

»Und die Schicht geht von acht Uhr abends bis vier Uhr morgens, und zwar von Montag bis Sonntag, sieben Nächte die Woche.«

»Die hat ja sonst nichts zu tun.«

»Gut, dann sagen Sie ihr, sie soll vorbeikommen und sich bewerben.«

»Sie ist doch hier«, hatte Mr Thornblossom geantwortet. Der Geschäftsführer, der an seinem großen Schreibtisch saß, schaute nach links und rechts und danach direkt über Leevas Kopf hinweg. »Wo?«

Mr Thornblossom versuchte, Leeva so hochzuheben, dass der Geschäftsführer sie sehen konnte. Weil er das aber noch nie getan hatte, suchte er verzweifelt nach einem Griff. Schließlich kletterte Leeva selbst auf den Schreibtisch. Nachts woanders zu sein klang vielversprechend.

Dem Geschäftsführer sprangen förmlich die Augenbrauen aus dem Gesicht. »Das ist ein Kind! Es gibt Gesetze!« Doch dann betrachtete er Leeva genauer, mit dem Finger am Kinn. »Sie wirkt in der Tat kräftig. Kommen Sie wieder, wenn sie sechzehn ist.«

Leeva hatte keinen Zweifel, dass ihr Vater das tun würde, aber bis sechzehn konnte sie unmöglich warten.

Sie dachte an das zweite Mal zurück, als sie hinausdurfte. Es war noch länger her, doch sie erinnerte sich genau. Ihre Mutter hatte sie aus dem Kinderbett gezerrt, ihr Make-up ins Gesicht geklatscht, die Haare mit Unmengen Spray zu einer Fontäne gekleistert und sie danach in einen paillettenbesetzten Fummel gewickelt. Leeva hatte ihr ganzes Elend vergessen, als sie die Festbühne für die Wahl des kleinen Mr Nutsmore und der kleinen Miss Nutsmore entdeckte. Wie traumhaft! All diese Lichter, Spruchbänder und – was das Schönste war – Dutzende anderer kleiner Mädchen und Jungen!

»Was kann sie?«, fragte der Moderator, während er die Kandidaten und Kandidatinnen auf seinem Klemmbrett notierte.

Und wie aus dem Nichts brach der schöne Traum über Leeva zusammen. Anders als die übrigen Kandidaten hatte sie nie einen Tanzschritt gelernt, nie eine einzige Note oder eine einzige Gedichtzeile.

Als ihre Mutter sie von der Bühne und von all diesen anderen Kindern wegzerrte, hatten Leevas Tränen tiefe Furchen in ihr Make-up gezogen und ihre künstlichen Wimpern fortgespült.

Die Erinnerung schmerzte noch immer, doch tief verborgen lag, wie sie plötzlich begriff, auch ein Hoffnungsschimmer darin.

Leeva stand auf und ging zurück ins Wohnzimmer.

»Diese Geisterwissenschaften«, schlug sie ihrer Mutter in der Pause zwischen zwei Sendungen vor. »Wenn ich zur Schule ginge, könnte ich sie lernen und noch mal bei der Wahl der kleinen Miss Nutsmore mitmachen. Dann würde ich ganz sicher gewinnen.«

»Den Wettbewerb hab ich gestrichen«, blaffte ihre Mutter sie an und schob ihr einen Stapel Promi-Woche-Ausgaben hin. »Die da werden dir zeigen, was Ruhm ist.«

Ihr Vater schob ihr einen Stapel von Geld, Geld, Geld!-Heften hin. »Die da werden dir zeigen, was Reichtum ist. Und jetzt halt den Mund und verschwinde.«

Leeva rührte die Zeitschriften nicht an – sie hatte schon jede Menge davon gesehen; auf diese Weise hatte sie sich das Lesen und Rechnen beigebracht. Und sie wusste, wann sie verloren hatte, deshalb schwieg sie und ging.

Viel später, nachdem sie sich bettfertig gemacht und in ihre Decke gemummelt hatte, lag sie hellwach da und dachte über den Abend nach. Was sie immer wieder beschäftigte, war die Frage, die ihr Vater gestellt hatte:

Wozu sind Menschen da?

Die Frage rüttelte ihre schon knisternde Neugier noch weiter wach. Die Antwort, das spürte sie plötzlich überdeutlich, lag dort draußen.

Das Problem war: Leeva war hier drin.

Das genau würde sie morgen ändern müssen.

5Jenseits der Hecke

Das Gebäude neben Leevas Haus hatte drei Etagen und war aus rosaroten Steinen gebaut. Von dem Fenster in ihrem Zimmer aus konnte sie, wenn Licht brannte, häufig Menschen im Innern sehen.

Dort würde sie anfangen.

Sobald ihre Eltern am nächsten Morgen aufbrachen (dass es ein Samstag war, spielte keine Rolle, ihre Eltern arbeiteten sieben Tage die Woche), floh sie durch die Küchentür. Natürlich war Leeva schon im Garten hinter dem Haus gewesen. Es gehörte ja zu ihren Aufgaben, die wild wuchernde Wiese zu mähen – siehe Seite sechs im Handbuch: »Arbeitsplatzpflichten«. Aber heute marschierte sie geradewegs auf die hohe, dornige Hecke zu, die Grenze, vor der ihr Handbuch warnte, sie niemals zu übertreten. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, streckte sie den Rücken gerade, hob die Fäuste und warf sich hinein.

Als Erstes registrierte sie den frischen, kiefernartigen Duft. Wie hatte sie nur irgendwas zwischen acht und neun lange Jahre leben können, ohne zu wissen, wie aufregend es roch, sich durch die Grenzhecke zu schlagen? Dieser Duft war die tausend Kratzer und Schrammen locker wert. Sie atmete tief ein und schob sich weiter.

Heraus kam sie neben einem großen Metallcontainer, auf dem das Wort Bücherrückgabe stand. Vor ihr lag eine gepflasterte Auffahrt.

Die Auffahrt führte seitlich an dem rosaroten Gebäude entlang und war mit gelben Richtungspfeilen markiert.

Sie trat hinaus und folgte den Pfeilen zur Rückseite des Gebäudes, wo sie an einer Treppe vorbeikam. Doch sie folgte den Pfeilen weiter bis um die nächste Ecke des Hauses. Als sie sah, dass die Auffahrt bloß in einen Parkplatz mündete und dann wieder hinaus auf die Straße führte, blieb sie stehen. An der Hintertreppe hatte sie doch eine Tür gesehen, die in das rosarote Gebäude hineinführte. Sie ging die Stufen hoch, lief an Töpfen mit Kräutern, einem Stuhl und einem Tisch vorbei und öffnete die besagte Tür.

Plötzlich stand sie in einem winzigen Flur, der mit Kisten, Schirmen, Skateboards, Handschuhen und Helmen vollstand. Aber hinter dem ganzen Geraffel lag ein einzelner weitläufiger heller Raum, der einladender wirkte als alle, die sie kannte, einschließlich denen aus Wechselvolle Zeiten. Leeva versteckte sich hinter einem riesigen Bilderrahmen, der mit Leinen verhängt war, und sog einen Moment lang einfach nur alles in sich auf.

Die Sonne strömte durch Fenster herein, deren Bänke mit dicken Kissen und wunderschönen scharlachroten Geranien bestückt waren. Überall gab es wuchtige Sessel und bunte Teppiche. Direkt gegenüber stand eine schwere Flügeltür Richtung Straße weit offen, als wollte sie einen willkommen heißen. Und das Beste von allem war: Überall gab es Bücher, Bücher, Bücher an sämtlichen Wänden sowie in der Mitte des Raums in meterhohen Regalen.

Leeva interessierte sich schon lange für Bücher. Die Leute in Wechselvolle Zeiten hatten jede Menge davon und schienen sehr stolz darauf, auch wenn sie nie etwas mit ihnen anfingen, bis auf die Kinder, die sie abends im Bett lasen. Leeva hatte auch in den Sendungen ihrer Mutter gesehen, wie hinter den Stars Bücher als Deko standen. Aber noch nie war sie solch einer Menge begegnet. Wenn sie sich jemals würde fotografieren lassen müssen, dann wäre das hier ganz sicher der richtige Ort. Aber heute war das nicht, was sie brauchte.

Leeva kam hinter dem Bilderrahmen vor und trat auf den einzigen anderen Menschen zu, den sie in dem Bücherraum sah, einen traurig dreinschauenden jüngeren Mann, der an einem Schreibtisch saß. Er las eines der Bücher, also taten das offenbar auch Erwachsene.

»Ich habe eine Frage«, sagte sie.

Der jüngere Mann mit dem traurigen Gesicht reckte sich und zog den Knoten von seiner Krawatte fest. »Nun, eine Bibliothek ist sicher ein guter Ort, um Antworten zu finden.«

»Bibliothek?«, fragte Leeva, die nie die Vorderseite des Gebäudes mit dem großen Schild gesehen hatte, auf dem stand: Öffentliche Bibliothek von Nutsmore.

»Bist du das erste Mal hier?« Der jüngere Mann mit dem traurigen Gesicht – oder vielleicht war er auch ein älterer Junge, was schwer zu entscheiden ist, wenn jemand eine Krawatte trägt – schloss sein Buch und sah Leeva wirklich an.

Wirklich angesehen zu werden war eine völlig neue Erfahrung für Leeva, die ihr das Gefühl gab, realer zu sein. »Ja, das erste Mal«, bestätigte sie.

»Bibliothek.« Er breitete die Arme aus. »Ein Ort voller Bücher, die du hier lesen oder auch eine Zeit lang mit nach Hause nehmen kannst.«