Beschreibung

Eine epische Reise durch das römische Weltreich: Der historische Roman »Das Gold des Nordens« von Stefan Jäger jetzt als eBook bei dotbooks. 112 vor Christus: Seit fast zehn Jahren kämpfen die wandernden Völker der Kimbern, Teutonen und Ambronen gegen das römische Imperium. Zwischen die Fronten geraten der Händler Timaios und die schöne Tochter eines kimbrischen Fürsten: Als Svanhild dem skrupellosen römischen Senator Crassus in die Hände fällt, beginnt ein grausamer Wettlauf gegen die Zeit. Timaios muss ein verlorenes legendäres Artefakt der Barbarenstämme wiederfinden und Crassus überbringen, sonst stirbt Svanhild. Sein Weg führt den wortgewandten Händler in die höchsten Kreise jener Metropole, die als »caput mundi«, Hauptstadt der Welt, bekannt ist und tief hinab in die dunkelsten Abgründe des römischen Weltreiches … Jetzt als eBook kaufen und genießen, das epische Finale der Saga um den Silberkessel: »Das Gold des Nordens« von Stefan Jäger. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 607

Sammlungen



VORGESCHICHTE

PERSONENVERZEICHNIS

PROLOG

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

AUSBLICK

NACHWORT

Lesetipps

Über dieses Buch:

112 vor Christus: Seit fast zehn Jahren kämpfen die wandernden Völker der Kimbern, Teutonen und Ambronen gegen das römische Imperium. Zwischen die Fronten geraten der Händler Timaios und die schöne Tochter eines kimbrischen Fürsten: Als Svanhild dem skrupellosen römischen Senator Crassus in die Hände fällt, beginnt ein grausamer Wettlauf gegen die Zeit. Timaios muss ein verlorenes legendäres Artefakt der Barbarenstämme wiederfinden und Crassus überbringen, sonst stirbt Svanhild. Sein Weg führt den wortgewandten Händler in die höchsten Kreise jener Metropole, die als »caput mundi«, Hauptstadt der Welt, bekannt ist und tief hinab in die dunkelsten Abgründe des römischen Weltreiches …

Über den Autor:

Stefan Jäger, Jahrgang 1970, studierte Alte und Mittlere Geschichte sowie Germanistik. Er ist seit über zwanzig Jahren als Autor erfolgreich. Seine besondere Leidenschaft gilt historischen Romanen, Kurzgeschichten und Erzählungen.

Bei dotbooks erschien die zweibändige Reihe historischer Romane »Die Silberkessel-Saga« mit den Einzelbänden »Die Söhne des Nordens« und »Das Gold des Nordens«.

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eBook-Neuausgabe Januar 2020

Copyright © der Originalausgabe 2007 Piper Verlag GmbH, München

Copyright © der Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von Shutterstock/Formatoriginal, Przernek Zalewski, David M. Schrader, Mats o Andersson

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)

ISBN 978-3-96148-803-2

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Stefan Jäger

Das Gold des Nordens

Historischer Roman

dotbooks.

VORGESCHICHTE

Auf Betreiben der Kimbern Hludico und Segestes verlassen die Stämme der Kimbern und Haruden um 120 v. Chr. ihre karge Heimat im Norden der Alten Welt, um neues Land im Süden zu gewinnen. Auf der jahrelangen Wanderung schließen sich ihnen keltische Boier unter ihrem Fürsten Magalos und seinem Vertrauten Boiorix an. In den östlichen Alpen, nahe der Keltenfestung Noreia, treffen die Stämme auf römische Legionen unter ihrem Konsul Gnäus Papirius Carbo. Der Aufforderung, das Land der römischen Bundesgenossen zu verlassen, kommen die Kimbern nach, aber die mitgegebenen Führer locken die Stämme – Kelten für die Römer – in einen Hinterhalt. Die Verratenen siegen indes über die Verräter. Nach der Schlacht wandern die Stämme nach Westen und überwintern bei den Helvetiern. Im Land dieser Kelten schließen sich ihnen auch die Teutonen und Ambronen an, die ebenfalls ihre unwirtliche Heimat im Norden verlassen haben. Dort wird außerdem der Heilige Hain der Kimbern von fremden Kelten überfallen, die im Auftrag des römischen Tribuns Terentius Pius handeln. Die Kelten rauben unter anderem den silbernen Opferkessel der Stämme, den sie, wie sie behaupten, einst im Meer gefunden haben.

Timaios aus Massalia, der mit Waren und Sklaven handelt, gerät im Gefolge der Kämpfe in das bunte Gemenge der Barbarenstämme und lernt Svanhild kennen, die Tochter von Segestes. Timaios und Svanhild entwickeln Gefühle füreinander, aber den Massalioten zieht es zurück in seine Heimat. Er verlässt die Stämme und eine unglückliche Svanhild einen Tag nachdem der Heilige Hain überfallen wurde. Unmittelbar nach seinem Abschied hält Boiorix um die Hand der viel umworbenen Svanhild an, erfährt aber eine Ablehnung. Schon kurz darauf wird die junge Frau von dem Boierfürsten Magalos verschleppt.

In Rom hat unterdessen Hannibal, der karthagische Gehilfe des Timaios, eine Auseinandersetzung mit römischen Veteranen, während er auf das angekündigte Erscheinen seines Herrn wartet, der mit dem Händler Spurius Caepio Geschäfte machen will.

PERSONENVERZEICHNIS

TimaiosHändler aus Massalia

SvanhildKimbrin, Tochter des Segestes

Spurius Caepiorömischer Handelspartner von Timaios, Klient des Crassus

Publius Licinius Crassusrömischer Senator, optimatischer Gesinnung 1

Gnäus Papirius Carboehemaliger römischer Konsul, zu den »Popularen« 2 zählend

Briseiseine griechische Hure in Rom

KapaneusZuhälter von Briseis, messapischer Abstammung

Marcus Antoniusrömischer Senator, zur »Partei« der »Optimaten« zählend

Curator suburumstadtrömischer Gauner

CethegusKumpan des Curator

HannibalGehilfe des Timaios; ein Karthager, von den Römern »Punier« ‹ genannt

Theognissizilischer Geflügelzüchter

TacfarinasSklave auf Sizilien

SegestesEdeling der Kimbern, Vater von Svanhild

Gaisarikder ältere Sohn des Segestes

Bragirder jüngere Sohn des Segestes

ThoraSchwägerin des Segestes; ihr Sohn heißt Thorgis

Hludicoein Herzog der Kimbern

WisigardaEheweib Hludicos

VibilioBruder Hludicos, Träger des berühmten Schwertes Mjölnir

Cimberioein Herzog der Kimbern, Widersacher Hludicos

Ucromerusein Herzog der Kimbern, zur Gruppe um Cimberio gehörig

ThuridTochter des Ucromerus und Freundin Svanhilds

AistulfEdeling der Haruden, auf der Seite Cimberios stehend

TheuderichEdeling der Haruden, Parteigänger Hludicos

ClondicoEdeling der Kimbern, Parteigänger Hludicos

RadigerFreund Gaisariks und Werber um die Hand Svanhilds, Ziehsohn Cimberios

AlbrunaPriesterin der Kimbern

Teutomatusgreiser Kimber in der nördlichen Urheimat

Magalosein Fürst der Boier

Boiorixboischer Vertrauter des Magalos

Teutobodein Fürst der Teutonen

DivicoFürst der Tiguriner, die wie die Tougener zu den Kelten Helvetiens zählen

Flavus Habitus und Mamercus Cotta Römer, Gläubiger von Timaios

Terentius Piusrömischer Heerestribun, Vertrauter des Carbo und des Crassus

KembrionesZiehvater des Timaios, Massaliote

MeietosSohn des Kembriones

HieronymosRatsherr Massalias

Crinasehemaliger massaliotischer Silberschmied

Calgacosmassaliotischer Schmied

»In derselben Ausbuchtung, unmittelbar am Meer, wohnen die Kimbern, jetzt eine kleine Völkerschaft, doch gewaltig an Ruhm. Von der einstigen Geltung sind weithin Spuren erhalten, ausgedehnte Lagerplätze jenseits und diesseits des Rheines, an deren Umfang man noch jetzt die ungeheure Arbeitskraft dieses Stammes und die Glaubwürdigkeit des großen Wanderzuges ermessen kann.«

AUS DER GERMANIA DES RÖMISCHEN HISTORIKERS TACITUS (1. JHD. N. CHR.)

PROLOG

642stes Jahr seit Gründung der Stadt Rom im Konsulat von Marcus Livius Drusus und Lucius Calpurnius Piso Caesonius (112 v. Chr.)

ROM IM MOND JANUARIUS

»Femina venire«, sagte der Mann.

Die junge Frau erhob sich rasch von ihrem Lager und folgte dem Dunkelhäutigen. Die Worte hatte sie nur sinngemäß verstanden. Aber des Mannes Geste und die offene Tür waren kaum misszuverstehen gewesen, und dass mit Femina immer – und manchmal auch mit Flava – sie gemeint war, wusste sie längst.

Wie sie wirklich hieß, danach hatte kein Mensch sie gefragt, und schon seit Monden war sie von niemandem mehr bei dem Namen gerufen worden, den auch ihre Mutter einmal getragen hatte.

In dem taghellen, großen Vorraum stand der Dunkle und wartete. Ihr Blick wurde wie stets von seiner Gestalt angezogen, so wie die Riesen von den Mauern Asgards. Mit ihren Blicken verschlang sie geradezu seine Hautfarbe, die breiten Lippen die kurzen, krausen Haare und die waagerechten Narben unter beiden Augen. Längst wurde ihr nicht mehr bang, wenn sie ihren Wärter sah, und die Knie zitterten nicht mehr, aber das Unbehagen blieb. Manchmal fürchtete sie schon, nie wieder angenehme Träume zu haben. Ihre Freundin Thurid hätte den Dunklen vielleicht sogar für einen Schwarzalben gehalten, wenn er auch kaum kleiner war als sie selbst. Doch die junge Frau wusste inzwischen, dass die Welt der kleinen Männer größer war als jene, in der die Götter ihres Stammes und deren Kinder lebten. Das war weder eine schöne noch eine einfache Erkenntnis, doch ihr mühsames Ringen um Verständnis war nach vielen Tagen und Nächten einer vorsichtigen Neugierde gewichen. Timaios war es gewesen, der sie bereits auf diese Welt vorbereitet hatte, auch wenn das kaum seine Absicht gewesen sein mochte: Weit im Süden schien die Sonne so heiß, dass sie die Haut der Menschen verbrannte.

Dann zog das Becken mit dem klaren Wasser abermals ihren Blick an. Darin zu baden, müsste herrlich sein, selbst zu dieser Zeit, da auch in diesem Land Winter herrschte, ein angenehmer, milder Winter, ohne Schnee und Eis, ohne Hunger und Tod, der allen Entbehrungen Hohn sprach, die sie jemals in Kimberland und auf der Großen Wanderung erlitten hatte. Auf der anderen Seite des Beckens, zwischen prachtvollen fremden Pflanzen, die sie mehr ängstigten als ermutigten, stand ein schwarzhaariger Junge von vier oder fünf Jahren mit einer Wachstafel in der einen und einem Griffel in der anderen Hand und beobachtete sie. Im Hintergrund, vor den wunderbaren, feinen Wandmalereien, wartete ein junger Mann offensichtlich auf den Knaben. Obwohl die schwarzen Haare des Kindes nicht kraus waren wie jene des Dunklen, sondern glatt und glänzend, wirkten sie auf die junge Frau fremd und bedrohlich. Der Mann im Hintergrund erinnerte sie in seinem Aussehen und dem kleidähnlichen Gewand an Timaios. Eine Frau, etwa so alt wie sie selbst, fegte den wundervoll glatten Steinboden, auf dem sonderbare Abbildungen von Menschen und Tieren zu sehen waren. Zu der Fremden fühlte sich die Gefangene hingezogen, aber die schaute nur einmal kurz auf, bevor sie umso schneller weiterfegte.

Der aus Thurids ersponnenen Ängsten geborene Schwarzalb fasste sie grob am Arm und zog sie vorwärts, zur Haupttür des großen Hauses. Die Tür führte auf eine gepflasterte Straße voller Unrat, die zwischen zwei hohen Bordsteinen entlangführte. Auf der anderen Seite erhob sich eine lange, mehr als zwei Männer hohe Mauer, die wohl ein ähnliches Haus umschloss wie jenes, das sie soeben verließ. Dass die Sonne nicht zu sehen war, bedauerte die junge Frau. Auf der Straße wartete ein Kastenwagen, vor den zwei große dunkle Rosse gespannt waren. Ein Mann mit wollenem Umhang saß auf dem Bock des Wagens und sah ihr entgegen, ein zweiter stand vor dem Verschlag und öffnete dessen Tür, als sie von dem Wärter nach draußen geschoben wurde. Diesen hatte sie bereits zuvor gesehen, er erteilte dem Dunklen immer Befehle und sprach auch nun einige Worte zu ihm. Der Untergebene antwortete *mit einem willigen, beinahe unterwürfigen Grunzen. Der Mann war schlank und kräftig, hatte gleichfalls schwarzes Haar, und seine Haut war sonnengebräunt, viel stärker noch als die von Timaios, fast wie der gute Erdboden in Teilen Kimberlands. In seiner Nähe fühlte die junge Frau sich stets so weiß wie Schnee und kam sich mit ihrer blassen Haut sehr fremd vor. Wie immer sah ihr der Mann offen ins Gesicht, und wie immer war mehr als nur eine Spur von Neugierde darin. In ihren häufigen Albträumen war er es, der die Rolle des Folterers spielte, obwohl er viel weniger grobschlächtig wirkte als der dunkle Mann und weniger kräftig nach Tier und Fell roch, sondern einen ekelhaft süßen Geruch verströmte.

Ohne dass der Erdbraune ein Wort an sie verschwendete, wurde sie in den Wagenverschlag geschoben. Sie setzte sich auf eine der beiden Bänke, der Dunkle nahm ihr gegenüber Platz, die Tür wurde zugeschlagen, und sie war von Dämmerung umgeben. Plötzlich kehrte die Angst zurück, die sie schon bei der ersten Begegnung mit diesem Mann gespürt hatte. Das Weiß in seinen Augen leuchtete, und er hielt den Blick starr auf sie gerichtet. Da fühlte sie unter dem Rocksaum eine Hand an ihrem Knie, sie schrie auf und sah die hellen Zähne des dunklen Mannes blitzen.

Wie als Antwort auf ihren Hilferuf erhob sich draußen ein harter Ruf. »Omitte, nigrita, Flavam!«

Die Worte verstand sie wieder nicht, aber sie wusste, dass so ihr Wärter gerufen wurde und dass der Erdbraune einer der Herren und der Dunkle einer der vielen Sklaven dieser Welt war. Von diesen gab es allein in ihrem Gefängnis unzählige.

Der Gescholtene richtete sich auf, mehr geschah nicht. Die Pferde zogen auf einen Ruf und ein Zischen hin an, und die junge Frau fiel gegen die hölzerne Lehne.

Nach einer Weile beruhigte sie sich und achtete auf die Bewegungen des Wagens und die Geräusche, die von draußen hereindrangen. Es holperte stark, doch das war kein Vergleich zu den Karren und Wegen in ihrer Heimat. Die vielen gepflasterten und ungepflasterten Straßen in dieser riesigen Stadt waren den wenigen hölzernen Bohlenwegen Kimberlands so sehr überlegen, wie Donar bei seinen Kämpfen mit den Riesen stets den Sieg davontrug. Bei ihrer Ankunft hatte sie Teile der Stadt gesehen und war geradezu betäubt gewesen von ihrer Größe und Pracht, den Häusern, hoch wie Berge, und den mächtigen Mauern. So würde sie sich von nun an immer die gewaltige Götterburg Asgard vorstellen, in der jedem einzelnen Gott eine Vielzahl von Sälen und Räumen zugedacht war.

Kimberland ... Sie dachte an ihre Brüder, an ihren Vater, an Thurid. Sie dachte an Timaios und musste mit den Tränen kämpfen – doch nicht nur wegen der Erinnerung an ihn.

Der Wagen hielt viele Male für einen oder zwei Augenblicke an, ehe er schließlich gar nicht mehr weiterfuhr und das viele Rufen und Schreien, welches ihn auf einer Wegstrecke begleitet hatte, zur Gänze verstummte. Das Treiben in diesem unübersichtlichen Gewühl von Leben rief abermals eine Erinnerung hervor. Sie dachte an die Bienenstöcke ihres jüngsten Bruders Bragir, an das Summen im Innern und ringsum. Auch das befremdliche Gewimmel dieser Stadt war wie ein einziges Labyrinth ohne Beginn und ohne Ende, und sie hatte sich schon hundertmal und öfter gefragt, wo sich das Herz dieses Organismus befinden mochte. Sie verstand einfach nicht, wie ein solches Räderwerk ohne Reibungen laufen konnte, wer alles am Leben erhielt und wie sich die vielen Menschen ernährten, die sie nicht sah, aber hörte. Vielleicht hielten sich hier sogar mehr Menschen auf, als Kimbern, Teutonen und alle anderen Stämme zusammen zählten. Wie konnte es angehen, dass diese Menschen hier wohnten und am Leben blieben, ohne jedes Jahr den Standort der Stadt zu wechseln, um neue, fruchtbarere Felder zu bebauen? Wo wuchsen die unzähligen Blumen, die diesen Bienen Nahrung gaben? Hatten daran solche Menschen wie Timaios Anteil, die mit ihren Wagen übers Land fuhren und Waren von hier nach dort brachten? Wie viele Menschen dieser Art musste es dann aber geben? Wo weideten die riesigen Herden, die die Menschen nährten und kleideten? Lag dieser Bienenstock an einem nahen Meer, das Nahrung lieferte?

Die Tür des Verschlages wurde geöffnet, und der Erdbraune stand da und sah sie an. Ihr dunkler Begleiter sprang schnell aus dem Wagen, bekam einen Stoß in die Rippen, der ihn fast aus dem Gleichgewicht warf, und wandte sich eilig um. Doch noch bevor er sie wieder anfassen und auf die Straße ziehen konnte, hatte sie sich erhoben und sprang ihm hinterher. Dann nahm sie rasch eine Haltung ein, die ihren Bewachern zeigte, dass sie keine weiteren schnellen Bewegungen machen würde. Und tatsächlich, sie entging weiteren Berührungen, wurde vom Erdbraunen nur mit einem leichten Stoß durch die Tür eines dunkelroten Hauses geschickt, das offenbar sehr groß war. Aber groß waren viele Häuser in dieser Stadt, manche sogar riesenhaft.

Hinter der Haustür begann ein schmaler Gang, von dem aus eine Treppe nach unten führte. Diese wurde sie hinabgewiesen, und ohne Zögern betrat sie die Stufen, denn inzwischen hatte sie sich an solche Stiegen aus Stein gewöhnt. Unten wurden eine Öllampe und eine Fackel entzündet, dann schloss jemand eine schwere Tür auf, ein Gang folgte, von dem weitere Öffnungen abzweigten. Vor einer der Türen wurde sie zum Halten genötigt. Sie hatte Angst. Was auch immer geschah, an diesem Ort unter der Erde würde keiner sie hören.

Der Schwarzalb öffnete die Tür, indem er einen Riegel zurückschob, dann schob der Erdbraune die junge Frau in den dunklen Raum, der dahinterlag. Der Mann stellte die Öllampe noch auf dem Boden ab, dann nahm sie nur noch wahr, wie die Tür geschlossen wurde.

Die Lampe verbarg mehr, als sie zeigte, aber manches sah die junge Frau. Stroh. Ein irdenes Gefäß mit Brei. Eine glänzende Lache auf dem steinernen Boden. Die Gestalt eines liegenden Mannes. Unbekleidet. Es stank entsetzlich. Urin und Fäkalien, vielleicht auch Erbrochenes.

Die junge Frau schauderte und warf sich gegen die Tür, aber die bewegte sich nicht, und sie wusste, dass eines der Geräusche, die sie eben noch vernommen hatte, von dem Riegel stammte, der wieder vorgeschoben worden war. Sie spürte, wie sich ihr ganzer Körper verhärtete und ihr Inneres ganz tief in sich zusammensank. Begann nun eine neue Zeit der Demütigung?

Hinter sich hörte sie ein Grunzen und eine Bewegung, und ihr Herz verkrampfte sich, ehe es erstarrte und ihr Mund staubtrocken wurde.

1. KAPITEL

ROM IM MOND FEBRUARIUS

»Patron, dies ist der Händler Timaios aus Massilia.«

Publius Licinius Crassus nickte seinem Klienten zu. »Danke für deine Begleitung, Spurius Caepio. Morgen früh erwarte ich dich zur vierten Stunde.« Entschlossen und selbstbewusst klang Timaios diese Stimme in den Ohren.

Der beleibte Sklavenhändler deutete eine Verbeugung an und zog sich ohne ein weiteres Wort aus dem Tablinum des römischen Hauses zurück.3

Timaios, unschlüssig, was er sagen sollte, beließ es dabei, dem Römer einen »Guten Tag« zu wünschen, begleitet von einem leichten Neigen des Kopfes. Da er aber nicht wusste, aus welchem Grund er überhaupt hier war, da Caepio ihm Crassus nicht nur als Senator, sondern als reichen Senator beschrieben hatte, wobei er das Beiwort dermaßen betonte, als sei er höchstselbst dafür verantwortlich, vor allem aber da der andere schwieg, fügte Timaios nach einer kleinen Pause hinzu: »Ich hoffe, die Götter sind mit dir, Senator.«

Das entlockte dem Römer endlich eine Regung, wenn auch eine trockene. »Diese Hoffnung teile ich.«

Crassus musterte ihn mit sichtlicher Neugierde. Weiter war seinem Gesichtsausdruck nichts zu entnehmen, weder Freundlichkeit noch Ablehnung. Timaios selbst war beklommen zumute. Crassus, sitzend, einen dünnhaarigen Jungen von zwei oder drei Jahren auf dem Schoß, der mit den Fingern des Römers spielte und immer wieder verschämt zu dem Massalioten hinsah, machte schließlich eine Handbewegung zu einem dreibeinigen Kohlebecken, das vor einer Wand stand, die mit bunten Götterbildern auf blauem Untergrund bemalt war. Timaios erkannte an Flügelhelm und Füllhorn Hermes und Tyche, die die Römer Merkur und Fortuna nannten.

»Spurius Caepio sagte mir, du wollest mich sprechen, Senator, und es gehe um mein Geld, welches er mir für die kaledonischen Sklaven schuldet. Ich vermute, es ist alles rechtmäßig damit.« Mehr banges Hoffen als neugieriges Fragen lag in Timaios' Stimme, als er das mühsame Schweigen endlich brach. Die Handbewegung des Römers hatte er als Einladung begriffen und trat bereitwillig an das Becken. Schwarze Kohlesteine glommen darin und strahlten eine wohlige Wärme ab. Er rieb die Hände über der Glut, denn trotz des langärmligen, dicken Chitons fror er.

»Geld!« Crassus reckte das kantige Kinn, das ohnehin sehr ausgeprägt war. »Noch so viele Kinder kann man haben, aber ein Sorgenkind muss man wohl immer hinzuzählen.« Der Römer, der in einem Korbsessel saß, wandte Timaios endlich den Blick zu und hob den dick eingepackten Jungen auf seinem Schoß mit beiden Armen hoch. »Mein Jüngster, Marcus. Ein Prachtbursche – gerade zwei Jahre alt und kann bereits besser reden als mancher, der sich Senator nennen darf.« Wieder fielen Timaios die einschüchternde Stimme des Crassers und die Kraft und Tiefe auf, mit denen er sprach. Für Reden vor dem römischen Senat eignete er sich bestimmt hervorragend.

»Entzückend, ja.« Auf Timaios wirkte das Kind mit dem spärlichen schwarzen Haar und den dunklen, runden Wangen alles andere als prächtig, zumal es soeben mit strahlendem Gesichtchen und heller Stimme einige sehr schnelle, sich beinahe überschlagende Worte plapperte, die Timaios' eigentlich gutes Latein deutlich überforderten. Die Kinder der Kimbern mit ihrem meist flachsblonden, oft dichten Haar waren ihm zu seiner eigenen Überraschung hübscher vorgekommen.

Crassus drehte das Kind so, dass es ihn ansehen musste, und senkte die Stimme. »Du willst mich wohl prompt Lügen strafen, Marcus? Du kannst doch viel besser sprechen!« Der Junge wandte den Kopf, schaute Timaios an und sagte: »Marcus kann besser, ja. Kann viel besser. Viel besser.«

Timaios lächelte den Jungen verlegen an, murmelte ein Lob und sagte nach kurzem Schweigen: »Ehrlich gestanden war ich ein wenig erstaunt, als Caepio mir sagte, dass mich ein Senator zu sprechen wünscht. War mit den Kaledoniern etwas nicht in Ordnung?«

Er fühlte sich verunsichert. Crassus legte eine umgängliche Art an den Tag, die kaum mit den Aussagen übereinstimmen wollte, die Spurius Caepio, ehrfurchtsvoll und schmeichelnd, über seinen Patron gemacht hatte: vermögend, unbestechlich, scharfsinnig.

Doch der dicke Sklavenhändler war selbst alles andere als ein Ausbund an Weisheit oder Urteilsvermögen. Zu seinen wenigen guten Eigenschaften gehörte gerade noch die Tatsache, dass er einen angemessenen Preis für Sklaven zahlte, und Timaios wusste den Wert des Geldes höher einzuschätzen als die nichtfassbaren Kosten für einen unleidlichen Geschäftspartner. Als aber Caepio auf Timaios' Frage nach seinem ausstehenden Geld erklärte, diese Sache habe er mit dem Senator selbst auszumachen, waren alle seine Überschlagsrechnungen ins Wanken geraten.

Die von Timaios in seiner Heimatstadt Massalia für die Waren der Kimbern eingehandelte Summe war hinreichend gewesen, um selbst Svanhild manchmal aus seinen Gedanken zu verdrängen: Felle, Bernstein und Saipo4 waren ihm reich vergütet worden. Und hinzu hatte er längst schon das Geld von Caepio gerechnet, gutes Geld für vierundzwanzig junge Kaledonier, die er in Albion gekauft und nach Südgallien geschafft hatte. Nie zuvor hatte Timaios mit so vielen Sklaven auf einmal gehandelt und er hatte, nachdem alle Ängste um dieses Geschäft ausgestanden und sämtliche Kosten für Erwerb, Transport, Begleitmannschaft und Verpflegung endlich abgerechnet waren, in Ertragszahlen von immer noch erstaunlicher Höhe geschwelgt. Seine gewohnt missliche Geldlage hatte er als endgültig abgelegte Gewohnheit betrachtet und großartige neue Pläne geschmiedet, in denen die Kimbern eine wichtige Rolle spielten.

In diesem Augenblick aber hegte Timaios tiefe Zweifel, und dass ein reicher Senator hinter Caepio stand, war dafür eindeutig der Hauptgrund.

Den römischen Senatoren war der Handel nur mit Einschränkungen gestattet, aber das mochte auch ein Grund für die guten Preise sein: Niemand, der etwas zu verkaufen hatte, würde sich bei Spurius Caepio beschweren und den Beutel suchen, aus dem er das Geld nahm. Doch warum zahlte Caepio ihn, Timaios, dann nicht wie gewöhnlich einfach aus? Hatte er in irgendeiner Weise gegen die – zahlreichen – römischen Gesetze verstoßen? Abgaben und Zölle hatte sein Gehilfe Hannibal doch schon damals in der südgallischen Stadt Narbo5 entrichtet, von welcher aus er die Sklaven nach Italien eingeschifft hatte. Oder sollte Hannibal das Geld in den eigenen Beutel ... Nein, nicht er! Jötenkram war das, wie die Kimbern gesagt hätten. Caepio hatte allerdings auch berichtet, der Karthager habe sich in den vergangenen Monden nicht bei ihm gemeldet, obwohl Hannibal und Timaios genau das in Noreia ausgemacht hatten, und er, der Römer, wisse nicht, wo dieser stecke. Doch kümmern tue es ihn ohnehin so wenig wie die Fürze der Götter, wenn sie nicht gerade in seine Richtung zielten. Das alles beunruhigte Timaios mehr, als ihm lieb war.

Crassus' Blick, der eben noch voller Zuneigung auf seinem Sohn geruht hatte, verhärtete sich, als er Timaios ins Auge fasste. »Die Kaledonier? Das ist ein anderes Geschäft. Zuerst sollten wir über einen Punier reden, der den großen Namen eines großen Mannes aus seinem Volk nicht zu Recht trägt.«

Timaios riss die Augen auf und stöhnte innerlich. »Hannibal? Kannst du mir sagen, wo er steckt, Senator? Caepio wusste es nicht.«

Timaios hatte Hannibal zum letzten Mal unter den Mauern Noreias gesehen, in den Alpen, als er mit den Kimbern fortzog und Hannibal anwies, bei den Römern zu bleiben, ihnen notfalls auch bei ihrem Abzug zu folgen. Nie hätte Timaios erwartet, dass er sich darauf in eine Kimbrin verlieben und seinen Abschied von den Kimbern Mond um Mond hinauszögern würde, bis das Wetter es beinahe nicht mehr zuließ. Sein Aufbruch stand dann schließlich unter schlechten Vorzeichen: Der Silberkessel, das Heiligtum der Kimbern, war eben erst aus dem Hain geraubt worden, und Timaios war auf ein Schlachtfeld gestoßen, auf dem tote Kelten und Römer lagen. Was suchten die bei Noreia schmählich geschlagenen Römer jenseits der großen Berge?

Crassus setzte seinen Sohn vom Schoß auf den Boden. Auf seinen Ruf hin teilte sich der Vorhang, und ein junger Mann trat ein, der den sich wehrenden Kleinen unter gutem Zureden aus dem Arbeitszimmer zog. Der Hausherr erhob sich aus dem bequemen Sessel und trat zu einem zweiten Kohlebecken. Mit einem eisernen Schürhaken schob er die Glut hin und her, während Timaios angespannt auf eine Entgegnung wartete.

Publius Licinius Crassus – alles, was Timaios über den Mann wusste, waren ein paar Bemerkungen, die Caepio zu machen geruht hatte. Spross des bedeutendsten Zweiges aus der Verbindung der uralten plebejischen Geschlechter der Licinier und Crasser. Senator Roms, ein Mann, der im frühen Nachmittag seines Lebens stand und eines Tages vielleicht ein Konsul Roms werden würde. Timaios beäugte neugierig den Angehörigen der römischen Nobilität, der ihm nun den Rücken zuwandte. Groß war er nicht, kleiner als Timaios, aber von athletischem Körperbau. Er trug eine sandfarbene Tunika mit kurzem Arm über einem langärmligen weißen Untergewand mit schwarzem Saum. Beides war aus weitaus feinerem Stoff gefertigt als Timaios' langärmliger Chiton. Die muskulösen, behaarten Beine des Römers waren frei. Für einen Mann von Crassus' Klasse mutete das Haus beinahe bescheiden an, denn es war im Grunde nicht groß und eher spärlich eingerichtet. Crassus konnte sich gewiss Besseres leisten, wollte dies offensichtlich aber nicht.

Das Haus des Crassers stand auf dem Palatin, auf dessen Boden sich die ältesten und vornehmsten Häuser Roms erhoben. Schon der ansteigende Weg dorthin hatte Timaios mit Ehrfurcht erfüllt. Im Atrium des Hauses, dem Innenhof, hatte er dann eine nachdenkliche Weile neben dem rechteckigen Wasserbecken im Boden warten müssen, ehe er von Spurius Caepio durch den dicken Vorhang in das Arbeitszimmer des Hausherrn geführt worden war. Der Fußboden, auf dem Timaios nun hier im Tablinum stand, war mit einem bunten Mosaik ausgelegt. Regelmäßige, viereckige Bilder von Feldarbeit, von Früchten und von Tieren waren darauf zu sehen. An den Wänden prangten stilvolle Terrakottafresken.

Crassus wandte sich zu Timaios um und wies mit dem Schürhaken auf ihn. »Brandstiftung, Massiliote. Dieses Verbrechens hat sich der gottlose Punier schuldig gemacht.«

»Was?« Timaios stockte der Atem.

Wieder reckte Crassus das Kinn. »Böswillige Brandstiftung, um genau zu sein. Das bedeutet, es ist so gut oder schlecht wie ein Mordversuch. Im Bezirk Subura gab es Streit mit dem Wirt einer Taverne. Der Punier, dein Sklave, wurde daraufhin hinausgeworfen. In der Nacht brannte die Taverne ab. Wir können von Glück sagen, dass der Brand nicht um sich gegriffen hat, aber die Leute des Ädilen konnten Schlimmeres verhindern, und die Götter schenkten die Gnade, dass es in der betreffenden Nacht regnete.«

»Er ist nicht mein Sklave«, entgegnete Timaios. Dann suchte er nach Fragen und ahnte bereits, dass es um Geld und Leben ging, sein Geld und Hannibals Leben. »Woher weiß man, dass Hannibal der Täter war?«

»Er wurde gesehen, Massiliote.« Wieder wies der Schürhaken in Timaios' Richtung. Crassus' Stimme war so hart wie das Eisen und ließ nicht die Spur eines Zweifels an diesen Worten zu. »Und überdies war es die Taverne eines Römers, eines alten Veteranen von Numantia – und Karthago. Ich gebe zu, nach allem, was ich gehört habe, setzte man ihm ziemlich hart zu. Aber alle Zeugen sagten aus, der Punier habe den Streit begonnen. Spurius Caepio wusste zu erzählen, dass solches nichts Besonderes für ihn sei.«

»Solches« hatte Timaios bereits zu lange befürchtet, als dass es nicht wahr sein konnte. Im Stillen wünschte er Hannibal in die kinderfressenden Hände seiner karthagischen Gottheiten. »Was ist mit ihm geschehen? Hockt er im Karzer?«

»Nein. Er ist verschwunden, untergetaucht. Aber nun ist zum Glück sein Herr da, um für ihn zu haften.«

Timaios rang die Hände. »Senator, ich wiederhole, dass er nicht mein Sklave ist. Hannibal ist ein Freigelassener und bei mir nur in Diensten. Was möchtest du von mir? Bist du der zuständige Prätor?6 Ich gedenke nicht, für ein Verbrechen zu zahlen, das ich nicht zu verantworten habe.«

Gelassen winkte Crassus ab. Ein spöttisches Lächeln umspielte seine schmalen Lippen. »Du hast es zu verantworten, und bezahlt hast du bereits. Caepio machte den Vorschlag, die Summe, die du sonst für die kaledonischen Sklaven aus Britannien erhalten hättest, mit dem Schaden zu verrechnen. Der Prätor hat zugestimmt und entschieden, dass damit Genüge getan ist.«

»Hermes! Was soll das heißen – mein Geld zu verrechnen?« Zorn erwuchs in Timaios so schnell und vollständig, wie ein Windstoß im Laubbaum ein Rascheln auslöst. »Euch haben die Götter das Hirn vernebelt ...«

»Massiliote!«, donnerte Crassus, und Timaios zuckte zusammen, als hätte er einen Schlag erhalten. »Wage nicht, mit mir zu reden, wie man in deiner Stadt mit den Göttern redet!«

»Verzeih, Senator, ich wollte nicht ...« Timaios trat der Schweiß auf die Stirn, sein Zorn war schnell verraucht. Stattdessen loderte Angst in ihm auf.

Crassus ließ ihn nicht ausreden, seine Stimme wurde wieder leiser, blieb indes hart. »Ich wollte dich sehen, weil ich dir ein Geschäft vorschlagen möchte. Aber zuerst zurück zu dem Fall des Puniers. Mit dem Geld für die Sklaven kommt ihr beide gut über den Strom. Weißt du, was ein Haus in der Subura heute kostet?« Timaios wollte es nicht wissen, Schulden hätten ihm gerade noch gefehlt. »Der Prätor für die Fremden und das Geschworenengericht verhandelten in Abwesenheit gegen den Punier und seinen Herrn. Nur der Ankläger war vertreten. Weil niemand erschien, um für ihn zu sprechen, beraumte also der Prätor einen gerichtlichen Untersuchungstermin an, bei dem sowohl der Punier als auch sein Herr allerdings wiederum fehlten. Der Herr ist also zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt worden – und wir gingen davon aus, dass er dein Sklave ist.« Timaios wollte etwas sagen, aber Crassus ließ sich nicht unterbrechen. »Ein Herr haftet für seinen Sklaven, wenn dieser Geschäfte für ihn tätigen darf: und das durfte der Punier. Alles geschah demnach gemäß geltendem Recht. Dadurch bist du in ein Schuldverhältnis gegenüber dem Wirt der Taverne getreten. Zum Preis Fortunas hat sich Caepio aber dazu in der Lage gesehen, ihm den Schaden ersetzen zu können, und der Wirt hat seine Forderung auf Caepio übertragen. Natürlich sind wir immer davon ausgegangen, dass dies in deiner Absicht geschehe, um« – wieder ein spöttisches Lächeln – »Justitia zu ihrem Recht zu verhelfen.«

Timaios merkte, dass er die Luft angehalten hatte, seit der Römer ihn nicht hatte aussprechen lassen. Und das Atmen fiel ihm auf einmal schwer. »Caepio hätte doch wissen müssen, dass Hannibal nicht mein Sklave, sondern ein Freigelassener ist, der in meinem Dienst steht. Dem werde ich etwas erzählen, bei Zeus!«

»Vielleicht wusste er es, vielleicht nicht. Ich werde ihn fragen, wenn ich ihn das nächste Mal sehe – du lässt die Finger von ihm, Massiliote.« Der Römer schnitt eine Grimasse. »Im Übrigen hätte der Punier andernfalls zu deinen Klienten gezählt, und dann steht deine Haftbarkeit ebenfalls außer Frage.«

»Aber nicht für mich.« Timaios riss sich zusammen und grübelte fieberhaft nach, wie der Schaden zu begrenzen wäre. »Mein Geld ist also verloren?«

»Wenn du den Punier an den Geschädigten auslieferst – das ist in dem Fall Spurius Caepio, da er den Tavernenwirt ausbezahlt hat –, kann darüber neu verhandelt werden.«

»Ich weiß nicht einmal, wo er steckt. Wie viel habt ihr überhaupt für die Kaledonier gerechnet?«

»Das Stück zu eintausendzweihundert Sesterzen.«

»Aber das ist viel zu wenig!« Abermals fühlte Timaios eine Welle des Aufbegehrens durch den Körper branden. Er gestikulierte mit beiden Händen. »Es sind kräftige Kaledonier, nicht irgendwelche verlausten Kelten, die man an jeder Ecke findet.«

»Bah! Von den Kelten unterscheiden sie sich höchstens dadurch, dass sie noch dreckiger sind. Soll ich dir Dreck teuer bezahlen? Zuerst einmal sind es Arbeitssklaven, sonst nichts! Also kommen sie entweder in die Latifundien oder die Bergwerke. Für die Arena taugen sie nichts, für anderes fehlt ihnen so ziemlich alles. Die Lebenserwartung in den Minen ist so niedrig, dass die Preise unten im Hades sind. Weißt du, wie viele Sklaven jeden Tag aus Gallien kommen? In den Minen Hispaniens braucht man in jedem Jahr im besten Fall viertausend neue. Und deine sind eigentlich schon zu groß, man zieht Kinder oder kleinere Heranwachsende vor. Und der Zwischenhandel will auch noch etwas verdienen. Wenn wir dir mehr bezahlen, müssen wir zudem noch Steuern für die Kaledonier zahlen, weil fast alle unter zwanzig Jahren sind.«

»Aber das hat Caepio doch immer irgendwie gedeichselt ...«

»Die Stadt braucht Geld«, entgegnete Crassus lapidar. Timaios schluckte seine Zweifel hinunter: Fette Jahre lagen hinter der römischen Wölfin, und es hieß, die Tiberstadt lasse in jedem Jahr große Mengen an Silbergeld prägen. »Es wird heute allen genauer auf die Finger geschaut. Also zweiundzwanzig mal eintausendzweihundert – so viel bekämst du bei keinem anderen.«

»Es waren vierundzwanzig, nicht zweiundzwanzig.« Timaios biss die Zähne so fest aufeinander, dass es wehtat.

»Zwei starben auf dem Schiff von Narbo nach Ostia, einer durch eigene Hand – das ist vom Kapitän beurkundet. Das ist Fortunas Nachlässigkeit, Timaios, aber wie du wissen solltest, noch ein guter Schnitt. Die restliche Ware war dafür in durchaus annehmbarem Zustand.« Der Römer griff nach einer Schriftrolle und reichte sie dem Massalioten.

Timaios überflog den Papyrus. Die Rechnung stimmte natürlich, und auch der Tod der beiden Männer war amtlich bestätigt. Dass zwei der Kaledonier gestorben waren, hatte Caepio ihm nicht erzählt, und Timaios fühlte ein weiteres Mal Zorn auf den Sklavenhändler in sich aufsteigen. Doch es war ein ohnmächtiger Zorn, denn was hätte er gegen diesen und den Crasser ausrichten können? Er versuchte, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen. »Ich möchte mit dem zuständigen Prätor sprechen. Und mit den Zeugen, die Hannibal angeblich gesehen haben.«

Crassus war keine Spur von Unsicherheit anzumerken. »Für die vorausgegangene Prügelei gibt es Dutzende von Zeugen. Die Brandstiftung hat nur einer beobachtet, nämlich der Wirt der Taverne.«

»Das Wort eines römischen Bürgers, der gegen Karthago gekämpft hat, gegen das eines freigelassenen Karthagers?« Timaios drehte die Handflächen nach oben. »Was soll dabei schon herauskommen?«

Abermals schob der Römer das markante Kinn nach vorn. »Des Puniers Flucht nach der Tat war ein hinreichendes Schuldeingeständnis.«

»Und wo finde ich die Taverne?«

»Die Taverne? Nun« – Crassus strich sich wie sinnend mit der Hand über den bartlosen Unterkiefer –, »die gibt es nicht mehr. Jemand hat die Ruine abgerissen und ist dabei, ein Mietshaus zu errichten. Und ich hörte, der ehemalige Wirt sei aufs Land gezogen.«

»Aber das muss doch selbst eurer Justitia stinken! Ich weiß selbst, wie eng es in der Subura zugeht. Jeder kennt die Gepflogenheiten der Mietsherren, denen es auf ein paar Leben mehr oder weniger nicht ankommt, wenn sie nur neue Grundstücke in die Finger bekommen. Senator, du hast selbst gesagt, dass ein Haus in der Subura teuer ist. Man sollte mit dem neuen Besitzer des Hauses reden.«

»Das tust du gerade.«

Timaios vergaß alle eben noch gefassten Vorsätze. Gern wäre er dem hinterhältigen Römer an die Kehle gegangen. Doch wie lange stand eigentlich dieser kräftige, dunkelhäutige Sklave schon in der Ecke dort hinten und musterte ihn? Tief atmete er ein und aus, zweimal, dreimal. »Senator, was soll das alles?«

Der Römer holte seinerseits tief Atem. Timaios spürte, dass alles nun eine neue Bedeutung erhalten würde, und versteifte sich.

Crassus verschränkte die Arme. »Wo ist der silberne Kessel der Kimbern?«

Timaios öffnete den Mund, um ihn gleich wieder zu schließen.

»Nun, was ist? Hat es dir die Sprache verschlagen, Maultiertreiber?« Der Römer verschärfte die Tonart. »Lass uns endlich über lohnende Dinge reden. Warum hätte ich dich sonst überhaupt sprechen wollen? Sicher nicht, weil deine Kaledonier oder die Tat deines Sklaven mein Wohlgefallen erregt hätten. Wo ist der Silberkessel der Barbaren?«

»Woher ...?« Timaios dehnte die Frage, und Crassus beendete sie sichtlich gern.

»Woher ich von dem Kessel weiß? Viele Quellen sprudeln in der Welt ...«

»Aber was habe ich damit zu tun?«

Der Senator trat dicht an Timaios heran, und dieser wich unwillkürlich einen Schritt zurück. »Eine Menge. Du bist dort gesehen worden, wo sich der Kessel zuletzt befand.«

Angestrengt versuchte Timaios, Licht in das Dunkel seiner Gedanken zu bringen. Wo war er gesehen worden? Warum schien Crassus zu glauben, dass er, Timaios, etwas über den Verbleib des kostbaren Stückes wisse? In Wahrheit wusste er nicht das Geringste, er konnte nicht einmal raten, wo der Kessel geblieben war. Aus dem Hain gestohlen, gut. Von den Römern, so hatte er angenommen, als er nach seinem Abschied von den Stämmen die römischen und keltischen Leichen gefunden hatte. Und dann? Was war dann geschehen? Auf dem Schlachtfeld war der Kessel nicht mehr gewesen, er hatte nur die Boier Magalos und Boiorix dort angetroffen und war sehr erleichtert gewesen, als diese ihn unbehelligt ziehen ließen, aber das war alles.

Timaios entschloss sich zu spielen, um Zeit zu gewinnen – Zeit und vielleicht auch sein Geld. »Einmal angenommen, ich wüsste tatsächlich, wo der Kessel ist ... Was wäre es dir denn wert, diesen zu bekommen, edler Publius Licinius Crassus?«

»Hat sich der auf einmal zur Überheblichkeit neigende Massiliote schon gefragt, was mit dem entschwundenen Punier geschehen könnte?«

Timaios betrachtete den Römer, der ein finsteres Gesicht aufgesetzt hatte. Was bezweckte er mit der Frage?

»Er wird«, beantwortete Crassus seine eigene Frage, »auf dem Marsfeld an einen Pfahl genagelt und auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Ganz rechtmäßig und nach alter Überlieferung.«

»Wenn ihr ihn habt«, entgegnete Timaios trotzig.

»Wir haben ihn.«

Der Raum wirkte auf einmal kleiner, bedrohlicher. Timaios sah die muskulösen Beine des Dunkelhäutigen, entdeckte die Narben unter den Augen, das krause Haar und den hölzernen Knüppel, den er in Händen hielt. Eine Eingebung verdrängte den ersten heftigen Schreck, und er mimte den Überraschten, hob die Arme vor den Körper und drehte in gespielter Ratlosigkeit die Handflächen nach oben. »Senator, ich wüsste gar nicht, warum ich einen ... Sklaven als gleichwertigen Ersatz für einen Kessel von solchem Wert betrachten sollte. Hannibal wäre allenfalls die Dreingabe, die den Klang der Summe Goldes, die du mir sicherlich anbieten wirst, in meinen Ohren noch wohltönender machen würde.«

Crassus schien ein Lachen unterdrücken zu müssen, und Timaios bereute umgehend die Wahl seiner verdrehten Worte. Ein Schnauben entrang sich den Lippen des Römers. »Soll das der Geist sein, der einen Pytheas einmal auszeichnete? Armes, verkommenes Massilia: Staub zu unseren Füßen. Doch gut, lass uns den Punier als Dreingabe betrachten. Als Dreingabe aber nicht zu einer Summe Goldes, sondern zu etwas, nun, sagen wir ... etwas, das gänzlich andere Sinnesfreuden auszulösen vermag als der bloße Klang vermeintlich edler, wiewohl schnöder Münzen.«

Sichtlich zufrieden mit sich und seinen gewählten Worten winkte Crassus den dunkelhäutigen Sklaven mit einer jähen Bewegung an seine Seite. Nicht ohne Sorgen blickte Timaios dem Schwarzen hinterher, der ins Atrium entschwand, nachdem ihm von Crassus leise einige Anweisungen erteilt worden waren. Als Timaios eine Frage an den Römer richten wollte, winkte dieser entschieden ab und bedeutete ihm, einfach zu warten.

Eine Weile schwiegen die beiden, der Senator einmal grimmig vor sich hinlächelnd, einmal das Kinn vorschiebend, Timaios ahnungsvoll unruhig. Der Massaliote fragte sich, woher Crassus überhaupt von dem Kessel wusste und was er damit vorhaben mochte. Ihn aufbewahren? Ihn verkaufen? Ihn einschmelzen? Ein Mann seiner Klasse, ein reicher Senator? Nein, und warum auch? Sag mir, Zeus, bei deinen lüsternen Lenden, was geht hier vor?

Dann erst stolperte er über das Naheliegende: Und warum sollte ich den Kessel haben? Was hat den Römer auf diesen abwegigen Gedanken gebracht?

Endlich teilte sich der schwere Vorhang, der die Räume trennte: Der Sklave kehrte zurück. Hinter ihm kamen noch andere, ein zweiter Schwarzer und eine Frau, nicht kleiner als die beiden Männer, und Timaios sah blonde Haare schimmern und spürte einen Stich im Magen. Doch erst als der Schwarze auf einen Wink seines Herrn zur Seite trat, wusste Timaios sicher, dass er das Spiel, auf welches er sich eingelassen hatte, nicht gewinnen konnte. Sein Blick fiel auf Svanhild.

Bei allen Göttern! In Timaios zerbrach ein tönernes Gefäß, und tausend böse Fragen durchfluteten seinen Körper, wärmten und kühlten ihn im Wechsel und drängten durch den Schlund nach oben.

Die junge Frau schaute viel weniger überrascht drein als der geradezu versteinerte Timaios, sogar ein Freudenschimmer huschte über das blasse Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Die Kimbrin trug nicht mehr die armselige Tracht ihres Stammes, sondern war in eine einfache knöchellange Tunika von blauer Farbe gekleidet. Ein darüberliegendes mantelartiges Obergewand aus grober, heller Wolle, die Palla, verbarg ihre schlanke Figur unter weiten Stoffbahnen. Das blonde Haar hing ihr als dicker Zopf über den Rücken.

Für Timaios sah sie überaus ungewohnt aus, zumal in dieser Umgebung, und obwohl ihre Kleidung bestenfalls zweitklassig war, entsprach sie doch dem, was er von einer Frau erwartete, und gefiel ihm nach dem ersten, dem zweiten und allen weiteren Schrecken über alle Maßen. Er wollte zu ihr treten, obwohl ihm die Knie zitterten. Crassus' schneidende Stimme hielt ihn zurück.

»Komm ihr nicht zu nahe! Ihr könnt euch unterhalten, aber keine ... Berührungen.« In der Stimme des Römers schwang so viel Ekel mit, dass Timaios ihn plötzlich hasste. Für die Römer waren Sklaven nichts als Tiere. »Mein Haus ist kein Bordell für Barbaren.«

»Svanhild ...« Timaios rang um kimbrische Worte. »Wie kommst nach Rom du? Was haben die verdammten Römer mit dir gemachen?« Nichts hatte er sich in den vergangenen Monden sehnlicher gewünscht als Svanhild wiederzusehen, mit niemandem hatte er häufiger innere Zwiesprache gehalten als mit der jungen Kimbrin, die er schweren Herzens zurückgelassen hatte.

Die junge Frau lächelte schwach, und Timaios glaubte, einen feuchten Schimmer in ihren Augen zu sehen, der ihm gleichermaßen wohl- und wehtat. Ihre Wangen schienen voller geworden als sie es damals noch in Helvetien waren. Ihm kribbelte es im Magen.

»O Timaios, mein lieber Timaios! Es ist so gut, dich zu sehen, so gut. Die Boier waren es ... Sie haben mich entführt und zu den Römern gebracht, einem Soldaten und zwei anderen. Magalos, ihr Fürst, war es ...« Svanhild redete sehr schnell, so begierig schien sie, endlich einmal ihre Sprache nicht nur sprechen zu können, sondern ihre Worte auch an jemanden zu richten, der sie verstehen würde. »Und vielleicht wusste auch Boiorix davon. Erst glaubte ich, dass sie mich nur als Sklavin verkaufen wollten, weil ich ... so etwas wie einen Streit mit Boiorix hatte. Aber obwohl ich die Römer nicht verstehe, glaube ich inzwischen, dass dies nicht der Grund war. Dein Name wurde mehrmals genannt, und ich hatte so gehofft, dass du kämst. Es geht um mehr, nicht wahr? Magalos hat von irgendeinem Tausch geredet, aber er hat nicht gesagt, was er für mich bekommen soll.«

Die Boier ... Timaios war nicht einmal sonderlich überrascht. Vor allem Boiorix war ihm von Beginn an zuwider und Furcht einflößend gewesen. Alles hätte er diesem Mann zugetraut. »Ja, es geht um mehr, es geht um den Kessel aus Silber.« Svanhild schaute verständnislos drein. Aber um etwas Kostbareres als dich, dachte Timaios, kann es doch gar nicht gehen. Er zögerte weiterzusprechen, denn ihm drängte sich ein schmerzhafter Gedanke ins Gehirn. »Wie haben dich die Kerle von Dreck behandeln? Und die Boier? Sie haben ... Sie haben dich Gewalt getan?«

Svanhild antwortete, aber ihre Augen wichen den seinen aus. »Sie haben mich nicht ... Haben sie nicht.«

Timaios wollte ihr glauben und atmete auf. »Ich hole dich hier heraus, Svanhild! Das schwöre ich bei alle Göttern, deine und meine. Sei nicht so besorgt!«

»Es ist in meiner Lage nicht immer leicht, frei von Sorge zu sein.« Trotzdem schwang Hoffnung in ihrer Stimme. »Wo ist der Kessel? Wer hat ihn geraubt? Hast du ihn?«

»Nein.« Timaios ahnte, dass es keinen Sinn hatte, Svanhild falsche Hoffnungen zu machen. »Noch nicht. Aber die Römer wollen ihn, und ich werde ihn finden. Seit wann bist in Rom?«

Timaios wollte aus Svanhilds Blicken gern herauslesen, dass sie Vertrauen zu ihm hatte. Zu seinen Worten hatte sie genickt. Aber der furchtsame Blick, den sie auf den Schwarzen mit den Narben geworfen hatte, war ihm nicht entgangen, ebenso wenig wie dessen betont harmlose Miene.

»Ich weiß nicht«, antwortete Svanhild dann, »vielleicht einen Mond, vielleicht auch länger. Ich habe die Nächte nicht mehr gezählt. Sie haben mir zu verstehen gegeben, dass sie auf dich warten würden. Also habe ich auch auf dich gewartet – was hätte ich sonst tun sollen?«

Für den beschwerlichen Weg um die Alpen herum hatte Timaios im vergangenen Winter mit seinem Ochsengespann mehr als einen und einen halben Mond gebraucht. Um sich von diesen Strapazen zu erholen und um den Brei aus getrocknetem, zerstoßenem und dann gekochtem Gemüse zu vergessen, mit dem er sich unterwegs zu neun Zehnteln ernährt hatte, hatte er dann etliche Tage in Massalia zugebracht und sich den Magen mit gutem Essen vollgeschlagen. Alten Freunden hatte er Besuche abgestattet, um deren Neugierde und die eigene Eitelkeit zu befriedigen – mit Berichten über große Ereignisse, an denen er höchstselbst teilgehabt hatte, aufgenommen offenen Mundes und mit einem wohligen Schauer des Entsetzens. Das Stadtgebiet verlassen? Mit Barbaren wandern? Eine Vorstellung, die allgemein Furcht hervorrief.

Dann viele Verkäufe und einige Käufe und, schweren Herzens, abermaliger Aufbruch; mehr als dreißig Tage, bis Timaios endlich über die Via Flaminia Rom erreichte.

Demnach mussten die Boier Svanhild schon bald nach der geheimnisvollen Kesselschlacht entführt und nach Rom verschleppt haben. Doch warum die Kelten Magalos und Boiorix, denen die Römer doch nicht mehr galten als der Furz aus einem beliebigen Hinterteil? Und warum nun wurde er, Timaios, mit dem Kessel in Verbindung gebracht?

Crassus unterbrach den Massalioten und die Kimbrin. »Das reicht! Dieses Mahlen von Lauten ist wahrlich barbarisch. Das ist meine Bedingung, Timaios aus Massalia, und das der Preis: Die Barbarin und von mir aus der Punier gegen den Silberkessel der Kimbern. Und bilde dir nicht ein, du könntest mich hintergehen, Freund. Sieh sie dir noch einmal an, deine Barbarin, aber sieh genau hin, damit du weißt, wie man den Wert eines begehrten Preises mindern kann.«

Auf seine Worte hin gab Crassus einem der beiden Sklaven einen Wink. Aus dem Gesicht des Römers hätte ein aufmerksamerer Mensch, als Timaios es war, schließen können, dass dieser Teil ihm missfiel, dass aber gerade die Ecken und Kanten alles Schönen vor allem schmerzen konnten und der Massiliote gewiss bemühter wäre, die Pein zu mindern, seine und ihre, wenn er Zeuge des Folgenden würde.

Der ungeschlachte, breitschultrige Schwarze hinter Svanhild, noch dunkler als der erste, ein Numider oder Äthiopier, griff ihr in den Nacken und zog mit aller Kraft an ihrer Kleidung. Die nicht gegürtete Palla, die lediglich aus einem langen Stück Tuch bestand, glitt ihr von den Schultern, die Tunika und die Brustbinde rissen und rutschten ihr auf die Hüften. Sie schrie auf, krümmte sich und wollte sich losreißen. Der Sklave griff nach ihrem Zopf und zog sie zurück. Dann zwang er sie, sich zu Timaios umzudrehen, der schon bei der ersten Berührung des Schwarzen nach vorn stürzen wollte. Der andere Schwarze, der Krauskopf mit den Gesichtsnarben, trat ihm mit dem Holzknüppel entgegen und belehrte ihn eines Besseren. »Du versuchen, Mann!«, forderte er Timaios in holprigem Latein auf und schlug den unterarmlangen Knüppel, den er mit der rechten Hand hielt, mehrmals in die linke. Dabei fletschte er die Zähne und erinnerte den Massalioten an einen wütenden Hund.

Mühsam fasste sich Timaios. Bis er den Rücken von Svanhild sah – dann war es mit seiner Beherrschung vorbei. Ihre weiße Haut war mit roten Striemen überzogen. Ein frischer Glanz lag darüber. Die Wunden waren nicht mehr ganz frisch, doch es musste bereits schmerzhaft sein, nur ein Gewand darüber zu tragen.

Timaios warf die Arme nach vorn und wollte sich blindwütig auf den Mann stürzen. Der Hundegesichtige hatte indes nichts anderes erwartet oder erhofft. Er ließ den Knüppel kreisen und rammte Timaios das dicke Ende hart in den Magen. Dem Massalioten blieb die Luft weg, und er ging zu Boden. Er sah noch Svanhild, die sich zu ihm drängen wollte. Grobe schwarze Hände legten sich auf ihre unbedeckten weißen Brüste und hielten sie zurück. Sie wand sich. Er hörte Crassus Befehle erteilen, vernahm Svanhilds Schrei und das heftige Schnaufen eines der beiden Sklaven. Irgendwo im Haus greinte ein Kind. Dann sah Timaios, wie ein schmutziger schwarzer Fuß sich sehr schnell und sehr genau auf seinen Kopf zubewegte. Er kniff die Augen fest zusammen. Dass sein Kopf auf dem Boden aufschlug, hörte er noch, aber er spürte nichts mehr.

Ein Schwall eiskalten Wassers riss Timaios aus seiner Traumverlorenheit. Sofort überkam ihn der Wunsch, ins Reich der Bewusstlosigkeit zurückzukehren, denn in seinem Kopf pulsierte ein dumpfer Schmerz; ein Auge konnte er nur mit Mühe öffnen, und als er danach tastete, ließ er die Hand sofort wieder sinken, so sehr stach es vom Auge in den Kopf. Seine Lippen schmeckten blutig.

»Steh auf, Maultiertreiber!«

Crassus' Stimme drang durch den Schleier, der wie ein Tuch vor seinen Augen lag. Timaios fühlte sich hochgerissen und festgehalten. Der Schleier riss. Crassus hatte sich dicht vor ihm aufgebaut, Svanhild war verschwunden; nur der krausköpfige Schwarze stand noch im Hintergrund und ließ den Knüppel geschickt zwischen den Fingern kreisen.

»Höre, Massiliote, und höre gut zu: Ich will den Kessel, und zwar schnell. Ich weiß nicht, wo du ihn hast, und es ist mir auch gleichgültig, wenn du ihn mir nur bald bringst.«

Timaios öffnete probeweise den Mund. Und tatsächlich, Worte drangen heraus, die einen Sinn ergaben. »Ich ... ich habe den Kessel nicht.«

»Zwei Möglichkeiten, und weder die eine noch die andere wollen mir gefallen.« Crassus hielt kurz inne und musterte Timaios mit bösem Blick. »Entweder du lügst, und du hast ihn. Oder du lügst nicht, und du hast ihn nicht.« Wieder eine Pause, dann: »Wenn du ihn hast, wirst du ihn herbeischaffen! Wenn du ihn nicht hast, wirst du ihn finden.«

»Senator, bitte!« Es gelang Timaios noch immer nicht, den so entschieden redenden Römer einfach beim Namen seines Volkes zu nennen, so wie dieser es bei ihm tat. »Ich weiß nicht, wo der Kessel ist. Eure Soldaten haben ihn.«

»Warum dann dieser ganze Aufwand, wenn sie ihn hätten?« Die Hand des Crassers wies auf Timaios, und die zum Atrium deutende Geste schloss offensichtlich auch die Kimbrin mit ein, wo immer sie sich gerade befand. »Dieses Gewürm hat den Kessel so schnell verloren, wie es ihn gefunden hat, weil die verdammten Barbaren über sie hergefallen sind. Ein wahrer Herkules soll dabei gewesen sein.«

Darum der überstürzte Aufbruch der Legionäre nach der Kesselschlacht. Des Crassers Worte bestätigten Timaios' damalige Vermutung: Kimbern oder Teutonen waren, vielleicht zufällig, auf die Römer gestoßen und hatten diese angegriffen. Die zurückweichenden Römer mochten von den Kimbern verfolgt worden sein, und irgendwie war dabei oder vorher der Kessel verloren gegangen. Und daher rührte der Verdacht des Römers, dass er, Timaios, den Kessel besitze: Die beiden Boier, Magalos und Boiorix, hatten ihn auf dem Schlachtfeld gesehen und dann danach, als der Kessel verschwunden war, einfach gemutmaßt, dass Timaios ihn beiseite geschafft habe. Verdammte Boier! Kurzschwänziges Verrätergesindel! Wenn Hludico davon erführe! Doch wo befand sich der Kessel? Wenn er nun irgendwo in den Wäldern Helvetiens lag?

»Du« – Crassus' Finger deutete anklagend auf Timaios – »bist auf dem Schlachtfeld gesehen worden. Und zwar später – nach dem Überfall.«

»Ja, von Boiorix und Magalos, das stimmt.« Und die beiden wussten auch, wie ich zu Svanhild stand. Boiorix musste es jedenfalls wissen. Doch warum sollten die Boier überhaupt den Bund der Stämme an Rom verraten? Um ihre Zukunft ging es doch ebenso wie um die Zukunft der Kimbern. »Aber ich habe den Kessel nicht, Senator, glaub mir doch! Zeus sei mein Zeuge: Ich weiß wirklich nicht, wo er ist. Es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben. Wie viel sind dir Svanhild und Hannibal wert? Ich werde die Summe zusammenbekommen, die du verlangst. Bitte, ich habe reiche Freunde in Massalia ...«

»Ich will den silbernen Kessel, alles andere ist mir gleich. Besorg ihn mir, und du bekommst deine Barbarin. Und den Punier, der andernfalls verbrannt wird. Sagen wir ... Ja, drei Monde lang werde ich nichts unternehmen. Das gibt dir ausreichend Zeit, um den Kessel entweder zu holen oder ihn zu finden. Dann könnte der Punier gefunden werden, wie zufällig aufgegriffen. Danach kommt das Mädchen dran, für das ich mir einiges einfallen lassen könnte. Und jetzt geh!« Das Kinn des Römers schien den Weg zu weisen. »Wenn du etwas weißt, melde dich. Vorher will ich dich nicht sehen. Beeil dich!«

Crassus wollte sich schon abwenden. »Eines noch: Glaub nicht, dass du mit dieser Geschichte zum Ädilen oder Prätor gehen kannst. Beweise hast du nicht. Den Punier wird man nicht finden, und die Kimbrin ist eine Sklavin, die ich von Caepio gekauft habe. Alle Unterlagen sind in Ordnung. Niemand wird dir als Massilioten also glauben. Außerdem hätte das Mädchen unter deiner Dummheit zu leiden. Drei Monde, Timaios aus Massilia, nicht mehr.«

Timaios, noch ehe er viel erwidern konnte und ohne großes Sträuben, fand sich schnell vor dem Vorhang wieder, von Crassus' Sklaven unsanft aus dem Tablinum geschoben. Als der Schwarze ihn durch das Atrium führte, hörte Timaios das Schluchzen aus einer der kleinen Kammern, die links und rechts der Eingangshalle lagen und für gewöhnlich den Gästen als Schlafstätten dienten. Er rief Svanhilds Namen und hörte sie antworten, aber der Schwarze versetzte ihm einen heftigen Stoß, und Timaios stand vor der Tür, die hinter ihm sofort verschlossen wurde. Noch einmal hob er die Faust gegen das Haus, dann wurde ihm klar, wie lächerlich und hilflos diese Geste wirken musste. Ein Passant musterte ihn verwundert und ging schnell weiter. Timaios atmete tief durch und überlegte, was zu tun war. Noch einmal versuchen, mit Crassus zu reden? Sinnlos. Der Kopf schmerzte ihn, und es bereitete ihm Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen. Svanhild, Hannibal, der Kessel, die Boier, die Kimbern, Crassus ... Warum? ... Aber zu dieser Stunde hätte jede Suche nach einem schlüssigen Sinn in die Irre geführt.

Aus den Tiefen der Stadt drang ein leises Brummen den Hügel herauf. Teilnahmslos blickte Timaios über das Häusermeer hinweg. Zahllose Tauben schwebten in Scharen über den verschiedenen Vierteln der Metropole. Rom stand auf der Höhe seines Tagwerkes, der größte Ameisenhaufen der Ökumene, hellwach zu allen Zeiten, nur zu lieben oder zu hassen, eine Stadt, wie es eine zweite nicht gab. Im Vergleich dazu war Massalia ein Dorf.

Timaios seufzte und stieg bedrückt über eine kurvenreiche Straße den Palatin hinunter. Weit war er nicht gekommen, weder auf seinem Weg noch in seinen Gedanken, als er von einem jungen Mann auf Griechisch angesprochen wurde. Timaios erkannte in ihm den Erzieher oder Aufpasser des Sohnes von Publius Licinius Crassus wieder, vielleicht ein Sklave, vielleicht auch nicht.

»Timaios aus Massalia?«

»Was will dein Herr noch von mir?«

»Dieser nichts. Aber ich bin auch der Diener eines anderen Herrn, der dich zu sprechen wünscht. Wenn du mir folgen würdest, dann könnte ich dich zu ihm führen.«

Timaios wollte etwas erwidern, aber der Mann redete rasch weiter, nachdem er einen ängstlichen Blick zum Hügel hinauf geworfen hatte. »Du solltest mitkommen, denn mein Herr kann dir vielleicht helfen. Er kennt deine Lage.«

»Wer ist dein Herr?« Timaios war neugierig geworden. Vielleicht spann das Schicksal einen festen Faden, an den er sich hängen konnte.

»Das solltest du besser selbst sehen. Aber wir müssen uns beeilen.« Seiner sauberen Aussprache nach zu urteilen, war der Fremde ein Sklave aus der östlichen Hälfte der Ökumene. Timaios, der selbst nie in Griechenland gewesen war, erkannte dennoch den reinen attischen Dialekt, der in der verwässerten Form der Koine auch in Massalia gesprochen wurde.

Achselzuckend entschied Timaios, dass er die geringe Spanne zwischen wenig und nichts zu verlieren hatte, und folgte dem Mann.

Sie ließen den Palatin hinter sich, die Subura, das Kleineleuteviertel, zur Linken und näherten sich in westlicher Richtung dem Caelius, einem der weniger steilen Hügel.

Als der stille Palatin hinter ihnen lag, wurde es rasch lauter und belebter auf den Straßen. Über hohe Gehsteige, die schmutzstarrende, tiefe Spurrinnen querten, führte ihn der Grieche an mit zotigen Schriften und Bildern übersäten Brunnenhäusern in geradezu verschwenderischer Zahl vorüber, wo junge Frauen Amphoren füllten und ein Schwätzchen hielten, bevor sie ihre Last auf den Kopf hoben und mit durchgestrecktem Rücken davongingen. Die Stadt Rom war vielleicht nicht der Welt Nabel, als welcher sie gern gegolten hätte, und ebenso wenig war sie wohl der Schwanz, den die meisten Nichtrömer in ihr sahen und hart und schmerzvoll im Gesäß ihrer jeweiligen Heimat fühlten. Doch von beidem war sie nicht allzu fern, und die lebhafte Stimmung in der riesigen Stadt nahm Timaios stets gleich nach seiner Ankunft gefangen – nun schon zum vierten Mal in seinem Leben.

Timaios' Führer schaute sich häufig um, als fürchte er Verfolger. Einmal schob er seinen Begleiter in einen Hauseingang, aus dem beide eine Weile schweigend die viel begangene Straße beobachteten, ehe sie ihren Weg fortsetzten. Am Fuß des Caelius, nahe der alten Stadtmauer, wurde Timaios erneut in einen schmalen Hauseingang gewiesen.

Auf einer Steinplatte war ein Name eingraviert, der aber unleserlich geworden war. Diesmal stiegen sie eine steile Treppe hinauf. Der Führer klopfte an eine Tür, die von einem sonnengebräunten Mann geöffnet wurde. Er nickte und nahm Timaios in Empfang, während der Grieche schon wieder eilig die Treppe hinunterstieg.

Von dem Schweigsamen wurde Timaios aus dem kleinen Vorzimmer in den nächsten Raum geführt, und hier stand in einer weißen Toga, mit dem Rücken zu einem schmalen Fenster, Gnäus Papirius Garbo, der Konsul des vergangenen Jahres, und blickte dem Ankömmling neugierig entgegen.

»Es ist gut, Syrus, du kannst gehen und uns Wein holen.« Den Kopf fast unmerklich neigend, ließ der Sklave, ein Syrer offenkundig, den Vorhang fallen, der die Räume trennte, und entfernte sich. Garbo wandte sich an Timaios. »Ich nehme wohl kaum zu Unrecht an, dass ich der Letzte bin, den zu sehen du erwartet hättest, Timaios aus Massalia. Du erkennst mich wieder?«

Timaios nahm zur Kenntnis, dass Garbo Massalia, nicht Massilia gesagt hatte, obwohl er seine Muttersprache gebrauchte, nickte und wollte die Schultern heben, aber ein Stechen im Brustkorb veranlasste ihn, die Geste zu unterlassen. »Ich erwarte nie viel. In Rom schon gar nicht.« In der Tat war er nicht übermäßig überrascht. »Höchstens Ärger.«

Garbo wies auf Timaios zugeschwollenes Auge. »Ich glaube, ich verstehe deinen Groll. Doch entgegen deinen Befürchtungen sei versichert: Ich will dir helfen. Aber bitte, nimm doch Platz!«

Die beiden ließen sich in Korbstühlen nieder, die in der Nähe des Fensters standen. Timaios lehnte sich erleichtert zurück, Garbo saß aufrecht, ohne sich anzulehnen.

»Du willst mir helfen, Konsul? Ah, nein – Senator muss es heißen, oder nicht?«

Garbo ließ nicht erkennen, ob er die Worte als Spott auffasste. Er nickte. »Senator, ja.«

»Wobei willst du mir helfen?«

»Man muss dich nur ansehen, um zu wissen, dass du Hilfe benötigst.«

»Ach ja?«

»Ja. Das wird eine schöne Beule geben, mein Junge, eine nachhaltige Erinnerung, die mir bei meinen Bemühungen eigentlich helfen müsste. Er ist nicht sonderlich nett gewesen, dieser Crassus, oder? Wusstest du, dass er hier in Rom als Muster an Tugend gilt? Fast wie der alte Cato.7 Am Ende hält er sich sogar selbst für einen neuen Cato, wer weiß? Nun, ich könnte dir helfen, die schöne Barbarin aus den Händen von Crassus zu befreien, wenn dies dein Wunsch sein sollte. Und ich könnte dir sogar helfen, den Silberkessel zu finden und ein reicher Mann zu werden. Du siehst, Timaios, ich weiß, worum es geht.«

»Ja, ich sehe, Senator, wenn auch fast nur mit einem Auge. Wie der Gott der Kimbern, Wodan heißt er. Aber warum willst du das alles tun? Woher weißt du überhaupt davon? Und vor allem sehe ich eines am wenigsten: Warum, Senator, sollte ich dir Glauben schenken? Du hast mir keinen Anlass gegeben, dir zu vertrauen.«

»Ah, du denkst an das vergangene Jahr?« Der Konsular lächelte gequält. »Politik, Timaios, die hohe Kunst der in diesem Fall eher niederen Staatsführung. Vielleicht warst du zu lange bei den Barbaren. Das mag dir den Blick für die Wirklichkeit getrübt haben.«

»Vielleicht war ich zu lange dort – und erwarte nun Ehrlichkeit, wo es keine geben kann.« Timaios' Stimme war leise geworden.

»Es war für die Zwecke Roms richtig, die Barbaren in einen Hinterhalt zu locken. Falsch war nur, die Schlacht zu verlieren. Falsch und dumm. Und der Senat vergibt weder Fehler, noch verzeiht er Dummheiten. Doch noch habe ich Hoffnungen – und deshalb müssen wir beide einander helfen.«