Verlag: books2read Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Das göttliche Mädchen E-Book

Aimée Carter  

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E-Book-Beschreibung Das göttliche Mädchen - Aimée Carter

Du kannst das Leben deiner Mutter verlängern - wenn du als Wintermädchen bestehst! Sie sind nach Eden gekommen, weil es der Wunsch ihrer sterbenskranken Mutter ist. Hier lernt Kate den attraktiven und stillen Henry kennen. Seit der ersten Begegnung fühlt sie sich auf unerklärliche Weise zu ihm hingezogen. Er sieht so gut aus und scheint gleichzeitig so … unendlich traurig sein. Bald erfährt Kate, warum: Er ist Hades, der Gott der Unterwelt! Und er macht ihr ein unglaubliches Angebot: Er wird ihrer Mutter helfen, wenn Kate sieben Prüfungen besteht und sein geliebtes Wintermädchen wird. Aber ob ihre Seele für ein Winterleben stark genug ist? Bisher haben alle ihr Scheitern mit dem Tod bezahlt.

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E-Book-Leseprobe Das göttliche Mädchen - Aimée Carter

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

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IMPRESSUM

books2read ist ein Imprint der HarperCollins Germany GmbH, Valentinskamp 24, 20354 Hamburg, info@books2read.de

Geschäftsleitung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke

Copyright © 2011 by Aimée Carter Originaltitel: “The Goddess Test” Erschienen bei: Harlequin TEEN, Toronto Published in Arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.ár.l Deutsche Erstausgabe Copyright © 2012 bei MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH Übersetzung: Freya Gehrke Copyright © 2015 by books2read in der HarperCollins Germany GmbH Deutschland, Hamburg

Demian / Depositphotos, DavidMSchrader, VBaleha, Justdd / Thinkstock Umschlaggestaltung: Deborah Kuschel

Veröffentlicht im ePub Format im 10/2015

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733785253

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. books2read Publikationen dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

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Für Dad, der jedes Wort gelesen hat.

Du hattest recht.

Und im Gedenken an meine Mutter.

PROLOG

„Wie ist es diesmal passiert?“

Beim Klang ihrer Stimme versteifte sich Henry. Er riss den Blick lang genug von dem leblosen Körper auf dem Bett los, um sie anzusehen. Diana stand an der Tür. Sie war seine beste Freundin, seine Vertraute, seine Familie – in jeder Hinsicht, außer dass sie nicht blutsverwandt waren. Doch nicht einmal ihre Gegenwart half ihm, Ruhe zu bewahren.

„Ertrunken“, sagte Henry, während sein Blick wieder auf die Leiche fiel. „Ich habe sie heute Morgen gefunden, sie trieb im Fluss.“

Er hörte nicht, wie Diana sich bewegte, doch im nächsten Moment spürte er ihre Hand auf der Schulter. „Und wir wissen immer noch nicht …?“

„Nein.“ Sein Ton war schärfer als beabsichtigt, und er zwang sich, ruhiger zu sprechen. „Keine Zeugen, keine Fußspuren, kein irgendwie gearteter Hinweis darauf, dass sie nicht einfach in den Fluss gesprungen ist, weil sie es so wollte.“

„Vielleicht wollte sie es ja“, erwiderte Diana. „Vielleicht hat sie Panik bekommen. Vielleicht war es auch ein Unfall.“

„Ja, oder sie wurde ermordet.“ Ruckartig löste er sich von ihr, ging auf und ab, versuchte, den größtmöglichen Abstand zwischen sich und die Leiche zu bringen. „Elf Mädchen in achtzig Jahren. Versuch nicht, mir zu erzählen, das hier wäre ein Unfall gewesen.“

Diana seufzte und strich mit den Fingerspitzen über die bleiche Wange des Mädchens. „Mit dieser hier waren wir so dicht dran, nicht wahr?“

„Bethany“, fuhr Henry sie an. „Ihr Name war Bethany, und sie war dreiundzwanzig Jahre alt. Meinetwegen wird sie niemals vierundzwanzig werden.“

„Wäre sie die eine gewesen, wäre sie es ebenso wenig geworden.“

Henry schäumte vor Wut, doch als er Diana ansah und das Mitgefühl in ihrem Blick erkannte, verging sein Zorn. „Sie hätte es schaffen sollen“, stieß er hervor. „Sie hätte leben sollen. Ich dachte …“

„Das dachten wir alle.“

Henry sank auf einen Stuhl, und sofort war sie an seiner Seite, strich ihm mütterlich über den Rücken, so wie er es von ihr erwartete. Verzweifelt fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar, die Schultern gebeugt von der vertrauten Last des Kummers. Wie viel sollte er noch ertragen, bevor sie ihn endlich gehen ließen?

„Es ist immer noch Zeit.“ Dianas hoffnungsvoller Ton versetzte ihm einen tiefen Stich, schmerzhafter als alles andere, was an diesem Morgen geschehen war. „Wir haben noch Jahrzehnte …“

„Ich bin fertig.“

Seine Worte schienen durch den Raum zu hallen, während sie neben ihm erstarrte. In den Sekunden, die sie brauchte, um etwas darauf zu erwidern, dachte er daran, es zurückzunehmen. Zu versprechen, dass er es noch einmal versuchen würde. Doch er konnte nicht. Zu viele waren schon gestorben.

„Henry, bitte“, flüsterte sie. „Es bleiben noch zwanzig Jahre. Du kannst nicht aufgeben.“

„Es wird keinen Unterschied machen.“

Sie kniete sich vor ihn hin und zog ihm die Hände vom Gesicht fort. Zwang ihn, sie anzusehen. Ihre Furcht zu sehen. „Du hast mir ein Jahrhundert versprochen, und du wirst mir ein Jahrhundert geben, hast du verstanden?“

„Ich werde nicht zulassen, dass noch ein Mädchen meinetwegen stirbt.“

„Und ich werde dich nicht vergehen lassen, nicht so. Nicht wenn ich dazu irgendwas zu sagen habe.“

Verbittert blickte er sie an. „Und was willst du tun? Noch ein Mädchen finden, das dazu bereit ist? Jedes Jahr eine neue Kandidatin aufs Anwesen bringen, bis eine besteht? Bis es eine über Weihnachten hinaus schafft?“

„Wenn es sein muss, ja.“ Entschlossen sah sie ihn an. „Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit.“

Genervt wandte er den Blick ab. „Ich habe schon Nein gesagt. Darüber werden wir nicht weiter diskutieren.“

„Und ich werde dich nicht kampflos ziehen lassen“, sagte sie. „Niemand könnte dich je ersetzen, ganz egal, was der Rat dazu sagt – und ich liebe dich viel zu sehr, als dass ich dich einfach so aufgeben lassen würde. Ich habe keine andere Wahl.“

„Das würdest du nicht tun.“

Sie schwieg.

Wütend sprang er auf, sodass der Stuhl umkippte, und riss sich los. „Das würdest du einem Kind antun? Es auf die Welt bringen, nur um es dem hier auszusetzen?“ Angewidert deutete er auf die Leiche, die noch immer auf dem Bett lag. „Das würdest du tun?“

„Wenn ich dich damit retten kann, ja.“

„Sie könnte sterben. Ist dir das klar?“

Diana erhob sich ebenfalls, und ihre Augen funkelten, als sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. „Mir ist vor allem eins klar: Wenn sie es nicht schafft, werde ich dich verlieren.“

Verzweifelt um Selbstbeherrschung bemüht, wandte Henry sich von ihr ab. „Das ist kein großes Opfer.“

Diana ergriff ihn beim Arm und drehte ihn wieder zu sich um. „Lass das“, stieß sie wütend hervor. „Wag es ja nicht, aufzugeben.“

Er blinzelte, aufgerüttelt durch ihren eindringlichen Ton. Als er den Mund öffnete, um etwas zu entgegnen, erklärte sie: „Sie wird eine Wahl haben, das weißt du genauso gut wie ich. Aber egal, was passiert, sie wird nicht so enden, das verspreche ich dir.“ Lächelnd wies sie auf das leblose Mädchen. „Sie wird jung sein, aber keine Närrin.“

Diesmal brauchte Henry einen Moment, um nachzudenken, was er darauf erwidern sollte. Er wusste, dass er sich an eine trü-gerische Hoffnung klammerte. „Der Rat würde es niemals gestatten.“

„Ich habe bereits gefragt. Da die Frist noch nicht abgelaufen ist, haben sie mir die Erlaubnis gegeben.“

Verärgert biss er die Zähne aufeinander. „Du hast sie gefragt, ohne vorher mit mir zu sprechen?“

„Ja. Weil ich wusste, was du sagen würdest“, erwiderte sie. „Ich kann dich nicht verlieren. Wir können dich nicht verlieren. Wir sind alles, was wir haben, und ohne dich … Bitte, Henry. Lass es mich versuchen.“

Geschlagen schloss Henry die Augen. Jetzt hatte er keine Wahl mehr. Nicht wenn der Rat zugestimmt hatte. Er versuchte sich vorzustellen, wie das Mädchen aussehen mochte, doch jedes Mal, wenn sich ein Bild zu formen schien, schob sich ein anderes Gesicht davor.

„Ich könnte sie nicht lieben.“

„Das müsstest du auch nicht.“ Diana drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Aber ich denke, du wirst es doch tun.“

„Was macht dich da so sicher?“

„Ich kenne dich – und ich weiß um die Fehler, die ich damals gemacht habe. Ich werde sie nicht wiederholen.“

Er seufzte, während seine Entschlossenheit unter ihrem bittenden und doch unbeugsamen Blick immer mehr ins Wanken geriet. Es waren nur zwanzig Jahre, so lange würde er es noch schaffen. Vor allem wenn das bedeutete, ihr nicht noch mehr wehzutun, als er es bereits getan hatte. Und dieses Mal, dachte er mit einem weiteren Blick auf die Tote, werde auch ich meine Fehler nicht wiederholen.

„Ich werde dich vermissen, solange du fort bist“, sagte er, und sie seufzte vor Erleichterung auf. „Aber sie wird die Letzte sein. Wenn sie versagt, war es das für mich, und zwar endgültig.“

„Okay“, erwiderte sie und drückte ihm die Hand. „Danke, Henry.“

Stumm nickte er, und sie ließ ihn los. Auf dem Weg zur Tür blickte sie ebenfalls noch einmal zum Bett, und Henry schwor sich, dass das hier nie wieder passieren würde. Was auch immer geschah – dieses Mädchen würde leben.

„Es ist nicht deine Schuld“, brach es aus ihm heraus, bevor er sich bremsen konnte. „Was passiert ist … Ich habe es gestattet. Dich trifft keine Schuld.“

Kurz hielt sie inne und warf ihm ein trauriges Lächeln zu. „Doch.“

Bevor er noch etwas erwidern konnte, war sie fort.

1. KAPITEL

EDEN

Meinen achtzehnten Geburtstag habe ich im Auto auf dem Weg von New York City nach Eden, Michigan, verbracht – damit meine Mutter in der Stadt sterben konnte, in der sie zur Welt gekommen war. Neunhundertvierundfünfzig Meilen Asphalt, immer in dem Wissen, dass jedes Schild, an dem wir vorbeikamen, mich dem näher brachte, was ohne Zweifel der schlimmste Tag meines Lebens werden würde.

Als Geburtstags-Zeitvertreib absolut nicht empfehlenswert.

Ich fuhr die gesamte Strecke. Meiner Mutter ging es zu schlecht, als dass sie lange hätte wach bleiben können – geschweige denn fahren –, aber es machte mir nichts aus. Wir brauchten zwei Tage und eine Stunde für die Reise. Als wir endlich die Brücke zur Oberen Halbinsel überquerten, sah meine Mom furchtbar erschöpft und steif aus, weil sie so lange im Auto gesessen hatte. Beinah wünschte ich mir, nie wieder eine freie Landstraße vor mir zu sehen, aber dazu wäre es noch zu früh gewesen.

Eine Stunde später wurde sie plötzlich lebhafter. „Kate, fahr hier ab!“

Ich warf ihr einen skeptischen Blick zu, setzte aber den Blinker. „Wir müssen erst in drei Meilen vom Freeway runter.“

„Ich weiß. Ich will, dass du dir etwas anschaust.“

Stumm seufzend tat ich, worum sie mich gebeten hatte. In Wahrheit blieb ihr nur noch wenig Zeit, und die Chancen, dass meine Mom später noch einmal würde herkommen können, waren mehr als schlecht.

Überall standen Kiefern, riesenhaft ragten sie über uns auf. Ich entdeckte keine Schilder, nicht einmal Meilensteine, nichts als Bäume und die armselige Schotterpiste, auf der wir unterwegs waren. Nach fünf Meilen begann ich mir Sorgen zu machen. „Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?“

„Natürlich bin ich mir sicher.“ Sie hatte die Stirn ans Fenster gelehnt und sprach so leise, dass ich sie kaum verstand. „Nur noch ein, zwei Meilen.“

„Bis wohin?“

„Wirst schon sehen.“

Eine Meile weiter begann die Hecke. So hoch und dicht, dass unmöglich zu erkennen war, was dahinter lag, erstreckte sie sich am linken Straßenrand. Fast zwei Meilen mussten wir daran entlanggefahren sein, bevor die Hecke im rechten Winkel abknickte und etwas wie eine Grenze zu bilden schien. Die ganze Zeit über starrte Mom gedankenversunken aus dem Fenster.

„Das war’s?“ Ich hatte nicht bitter klingen wollen, aber Mom schien es nicht zu bemerken.

„Natürlich nicht – bieg hier links ab, Liebes.“

Ich tat wie mir geheißen und fuhr um die Kurve. „Sieht wirklich nett aus“, sagte ich vorsichtig und sorgfältig darauf bedacht, meine Mutter nicht aufzuregen, „aber es ist bloß eine Hecke. Sollten wir nicht lieber das Haus suchen und …“

„Da!“ Ihre freudige Erregung traf mich unvorbereitet. „Gleich da vorne!“

Als ich den Hals reckte, sah ich, was sie meinte. Mitten in der Hecke war ein schmiedeeisernes schwarzes Tor. Und je näher wir kamen, desto größer schien es zu werden. Es lag nicht bloß an mir – das Tor war monströs. Es war nicht da, um schön auszusehen. Es war dazu da, jeden vor Ehrfurcht erzittern zu lassen, der auch nur daran dachte, es zu öffnen.

Direkt davor hielt ich und versuchte durch die Stäbe einen besseren Blick auf das Grundstück zu erhaschen. Doch alles, was ich sah, waren nur noch mehr Bäume. Weiter hinten schien das Land abzufallen, aber egal, wie ich mir den Hals verrenkte – ich konnte nicht sehen, was dahinter lag.

„Ist es nicht wunderschön?“ Mom klang versonnen, fast entspannt, und für einen Moment war sie wieder ganz die Alte. Ich spürte, wie sie nach meiner Hand griff, und drückte ihre, so fest ich es wagte. „Das ist der Eingang zu Eden Manor.“

„Sieht … groß aus“, entgegnete ich mit so viel Enthusiasmus, wie ich aufbringen konnte. Besonders erfolgreich war ich nicht. „Warst du jemals da drin?“

Es war eine unschuldige Frage. Aber als ich Moms Blick auffing, hatte ich das Gefühl, die Antwort darauf sei offensichtlich – dabei hatte sie diesen Ort mir gegenüber nie erwähnt.

Eine Sekunde später blinzelte sie, und der Ausdruck verschwand von ihrem Gesicht. „Schon sehr lange nicht mehr“, erwiderte sie tonlos, und ich biss mir auf die Lippe und bereute, was auch immer ich getan hatte, um den Zauber für sie zu zerstören. „Tut mir leid, Kate, ich wollte es nur sehen. Wir sollten weiterfahren.“

Sie ließ meine Hand los. Plötzlich war mir unangenehm bewusst, wie kühl die Luft war. Und als ich aufs Gaspedal trat, griff ich wieder nach Moms Hand. Ich wollte noch nicht loslassen. Sie sagte nichts. Als ich zu ihr hinübersah, hatte sie den Kopf wieder ans Seitenfenster gelehnt.

Eine halbe Meile weiter passierte es. Im einen Moment war die Straße noch frei, im nächsten stand eine Kuh mitten darauf, keine fünf Meter vor uns, und versperrte uns den Weg.

Erschrocken trat ich auf die Bremse und riss das Lenkrad herum. Das Auto schleuderte und machte eine Dreihundertsechziggraddrehung, die meinen Körper wie eine Stoffpuppe gegen die Tür warf. Ich knallte mit dem Kopf ans Fenster, während ich darum kämpfte, den Wagen unter Kontrolle zu bringen, aber es war zwecklos. Genauso gut hätte ich versuchen können, ihn zum Fliegen zu animieren.

Schließlich kamen wir schlitternd zum Stehen – wie durch ein Wunder und ohne in die Bäume zu krachen. Mein Puls raste, und ich rang nach Atem, um mich zu beruhigen. „Mom?“, fragte ich panisch.

Leicht benommen schüttelte sie neben mir den Kopf. „Mir geht’s gut. Was ist passiert?“

„Da steht eine …“ Ich hielt inne, als ich den Blick wieder auf die Straße richtete. Die Kuh war weg.

Verwirrt blickte ich in den Rückspiegel und sah hinter uns eine Gestalt mitten auf der Straße stehen. Es war ein dunkelhaariger Junge ungefähr in meinem Alter, er trug einen schwarzen Mantel, der leicht im Wind flatterte.

Stirnrunzelnd drehte ich mich auf dem Fahrersitz um, um einen besseren Blick auf ihn werfen zu können.

Er war verschwunden. Hatte ich mir das alles nur eingebildet? Als ich mich wieder umwandte, zuckte ich zusammen und rieb mir den schmerzenden Kopf. Das jedenfalls war keine Einbildung.

„Nichts“, sagte ich zittrig. „Ich sitz wohl schon zu lange hinterm Steuer, das ist alles. Tut mir leid.“

Vorsichtig fuhr ich wieder an, warf einen letzten Blick in den Rückspiegel und sah nur die Hecke und eine leere Straße. Mit links griff ich fest ans Lenkrad und suchte mit der anderen Hand erneut die meiner Mutter, während ich mich vergeblich bemühte, den Anblick des Jungen zu vergessen, der sich in mein Gehirn eingebrannt hatte.

In meinem Schlafzimmer tropfte es von der Decke. Zwar hatte der Makler, der uns das Haus unbesehen verkauft hatte, tausend Eide geschworen, dass alles in Ordnung sei, aber ganz offensichtlich hatte der Mistkerl gelogen.

Nach unserer Ankunft packte ich nur aus, was wir für die Nacht brauchen würden – einschließlich eines Topfs, um das Wasser, das unaufhörlich von der Decke tropfte, aufzufangen. Wir hatten nicht viel mitgebracht, nur was irgendwie ins Auto gepasst hatte. Und ich hatte schon im Voraus eine Garnitur Secondhandmöbel ins Haus liefern lassen.

Selbst wenn meine Mutter nicht im Sterben gelegen hätte – ich war sicher, dass ich hier todunglücklich sein würde. Die nächsten Nachbarn wohnten eine Meile von uns entfernt, alles roch nach Natur und in der Kleinstadt Eden gab es nicht mal einen Pizzaservice.

Nein, es Kleinstadt zu nennen war noch milde ausgedrückt. Eden war noch nicht mal auf der Landkarte verzeichnet. Die Hauptstraße war keine halbe Meile lang, und jedes Geschäft schien entweder Antiquitäten oder Lebensmittel zu verkaufen. Kein einziger Klamottenladen – jedenfalls keiner, der jemals Sachen verkaufen würde, die man auch tragen konnte. Es gab nicht mal McDonald’s, Pizza Hut oder Taco Bell – nichts. Nur ein angestaubtes Imbissrestaurant und einen Tante-Emma-Laden, in dem die Bonbons noch aus dem Glas verkauft wurden.

„Gefällt’s dir?“

Mom saß im Schaukelstuhl neben ihrem Bett, den Kopf auf ihr Lieblingskissen gebettet. Das gute Stück war schon so mitgenommen, dass ich nicht einmal mehr wusste, welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Aber der Stuhl hatte vier Jahre voller Krankenhausaufenthalte und Chemotherapien überstanden. Entgegen jeder Prognose – genau wie Mom.

„Das Haus? Klar“, log ich, während ich ein Laken auf ihre Matratze zog. „Es ist … niedlich.“

Sie lächelte, und ich spürte ihren Blick auf mir ruhen. „Du gewöhnst dich schon noch dran. Vielleicht gefällt es dir später sogar so gut, dass du bleibst, wenn ich nicht mehr da bin.“

Ich presste die Lippen aufeinander und weigerte mich, darauf einzugehen. Es war eine unausgesprochene Regel, dass wir nie darüber sprachen, was passieren würde, nachdem sie gestorben war.

„Kate“, sagte sie sanft, und der Schaukelstuhl knarzte, als sie aufstand. Sofort blickte ich auf, bereit, augenblicklich zu reagieren, falls sie fiel. „Irgendwann müssen wir darüber reden.“

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich sie weiter, während ich das Laken glatt strich und einen dicken Quilt über das Bett breitete. Anschließend griff ich nach den Kissen.

„Nicht jetzt.“ Ich schlug die Decke auf und trat einen Schritt zur Seite, damit sie ins Bett krabbeln konnte. Ihre Bewegungen waren langsam und qualvoll, und ich wandte den Blick ab. Ich wollte nicht sehen, wie sie litt. „Noch nicht.“

Als sie bequem lag, sah sie zu mir auf, die Augen gerötet und müde. „Bald“, sagte sie leise. „Bitte.“

Ich schluckte, antwortete jedoch nicht. Ein Leben ohne sie war für mich unvorstellbar. Und je weniger ich versuchte, daran zu denken, desto besser.

„Morgen früh kommt die Tagesschwester.“ Behutsam küsste ich sie auf die Stirn. „Ich sorge dafür, dass sie alles hat und Bescheid weiß, bevor ich zur Schule fahre.“

„Warum bleibst du heute Nacht nicht hier?“, fragte sie und klopfte auf den leeren Platz neben sich. „Leiste mir Gesellschaft.“

Ich zögerte. „Du brauchst deinen Schlaf.“

Liebevoll strich sie mir mit den kalten Fingerspitzen über die Wange. „Wenn du neben mir liegst, schlafe ich besser.“

Die Versuchung, mich an sie zu kuscheln wie früher, war zu groß. Vor allem jetzt, da ich mich jedes Mal, wenn ich sie verließ, fragen musste, ob es das letzte Mal war, dass ich sie lebend sah. In dieser Nacht würde ich mir das ersparen. „Okay.“

Ich krabbelte neben sie ins Bett und sah nach, ob sie auch gut zugedeckt war, bevor ich mir ein Stück der Decke über die Beine zog. Als ich sicher war, dass sie es warm hatte, umarmte ich Mom und sog ihren vertrauten Duft in mich auf. Selbst nach Jahren stetig wiederkehrender Krankenhausbesuche roch sie immer noch nach Äpfeln und Freesien. Sie gab mir einen Kuss auf den Scheitel, und ich schloss die Augen, bevor mir die Tränen kamen.

„Ich hab dich lieb“, murmelte ich. So gern hätte ich sie fest gedrückt, doch ich wusste, ihr Körper hielt das nicht aus.

„Ich liebe dich auch, Kate“, sagte sie leise. „Morgen früh bin ich genau hier, versprochen.“

Sosehr ich mir das auch wünschte, so wusste ich doch – das war ein Versprechen, das sie nicht mehr lange würde halten können.

In dieser Nacht waren meine Albträume unerbittlich, voll von Kühen mit roten Augen, Flüssen aus Blut und Wasser, das um mich herum stieg, bis ich keuchend aufwachte. Ich schob die Decke weg und wischte mir die feuchte Stirn, besorgt, ich könnte meine Mutter geweckt haben, doch sie schlief immer noch.

Trotz der unruhigen Nacht konnte ich am nächsten Tag nicht zu Hause bleiben. Es war mein erster Tag an der Eden High – einem Backsteinbau, der eher einer großen Scheune als einer Schule ähnelte. Aber es gab auch kaum genug Schüler, dass sich die Mühe gelohnt hätte, überhaupt eine Schule zu bauen – geschweige denn, sie am Laufen zu halten. Mich hier anzumelden war die Idee meiner Mutter gewesen. Nachdem ich mein letztes Schuljahr ausgelassen hatte, um sie zu pflegen, war sie fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass ich meinen Abschluss machte.

Zwei Minuten nach dem Klingeln fuhr ich auf den Parkplatz. Am Morgen war es Mom schlechter gegangen. Und ich traute der Krankenschwester, einer rundlichen, mütterlichen Frau namens Sofia, nicht zu, sich ausreichend um sie zu kümmern. Nicht, dass an ihr irgendetwas bedrohlich gewirkt hätte. Aber ich hatte den größten Teil der vergangenen vier Jahre damit verbracht, für meine Mutter zu sorgen, und wenn es nach mir ging, konnte das niemand so gut wie ich. Fast hätte ich geschwänzt, um bei ihr zu bleiben. Doch meine Mutter hatte darauf bestanden, dass ich hinging. Jetzt war ich zu spät dran.

Wenigstens war ich nicht allein auf meinem Spießrutenlauf über den Parkplatz. Auf halbem Weg zum Eingang bemerkte ich einen Jungen, der hinter mir ging. Er sah nicht alt genug aus, um fahren zu dürfen, und das weißblonde Haar stand fast so sehr ab wie seine übergroßen Ohren. Nach seinem fröhlichen Gesichtsausdruck zu schließen, kümmerte ihn überhaupt nicht, dass er zu spät war.

Er beeilte sich, vor mir zur Eingangstür zu kommen, und zu meiner großen Überraschung hielt er sie mir auf. In meiner alten Schule hatte es nicht einen Kerl gegeben, der so was gemacht hätte.

„Nach Ihnen, Mademoiselle.“

Mademoiselle? Ich starrte zu Boden, damit ich ihm keinen schiefen Blick zuwarf. Nicht nötig, gleich am ersten Tag unhöf-lich zu sein.

„Danke“, murmelte ich, ging hinein und legte einen Schritt zu. Allerdings war er größer als ich, deshalb hatte er mich in null Komma nichts eingeholt. Zu meinem Entsetzen passte er sich meinem Tempo an, statt einfach an mir vorbeizugehen.

„Kenn ich dich?“

Oh Gott. Erwartete er darauf eine Antwort? Glücklicher-weise sah es nicht danach aus, denn er ließ mir keine Zeit, etwas zu erwidern.

„Ich kenn dich nicht.“

Direkt vor dem Sekretariat drehte er sich um und versperrte mir den Weg. Erwartungsvoll sah er mich an und streckte mir die Hand entgegen. „Ich bin James.“

Endlich sah ich sein Gesicht richtig. Er wirkte immer noch jungenhaft, aber vielleicht war er doch älter, als ich zunächst geglaubt hatte. Seine Züge waren kantiger, reifer, als ich erwartet hatte.

„James McDuffy. Wag es zu lachen, und ich bin gezwungen, dich auf ewig zu hassen.“

Da ich keinen anderen Ausweg sah, zwang ich mich zu einem kleinen Lächeln und ergriff seine Hand. „Kate Winters.“

Er starrte mich etwas länger an, als notwendig gewesen wäre, ein dümmliches Grinsen im Gesicht. Als die Sekunden verstrichen, trat ich unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und räusperte mich schließlich. „Äh – könntest du vielleicht …?“

„Was? Oh.“ James ließ meine Hand los und öffnete die Tür. Wieder hielt er sie mir auf. „Nach Ihnen, Kate Winters.“

Ich ging hinein und zog meine Umhängetasche an mich. Hinter dem Tresen im Büro saß eine von Kopf bis Fuß in Blau gekleidete Frau mit seidigem rotbraunen Haar, für das ich meinen rechten Fuß hergegeben hätte.

„Hi, ich bin …“

„… Kate Winters“, unterbrach James mich, der nun neben mir stand. „Ich kenn sie nicht.“

Irgendwie schaffte es die Sekretärin, gleichzeitig zu seufzen und zu lachen. „Was ist es denn diesmal, James?“

„Ich hatte ’nen Platten.“ Er grinste. „Hab den Reifen selbst gewechselt.“

Sie kritzelte etwas auf einen rosa Block, riss das Blatt ab und gab es James. „Du kommst zu Fuß.“

„Tatsächlich?“ Sein Grinsen wurde noch breiter. „Ach Irene, wenn Sie weiter so an mir zweifeln, fang ich noch irgendwann an zu denken, Sie mögen mich nicht mehr. Morgen zur selben Zeit?“

Sie lachte in sich hinein, und endlich ging James. Ich weigerte mich, seinen Abgang zu verfolgen, und starrte stattdessen auf einen Zettel, der auf den Tresen geklebt war. Anscheinend war in drei Wochen Klassenfototag.

„Katherine Winters“, sagte die Frau – Irene –, sobald die Tür ins Schloss gefallen war. „Wir haben auf dich gewartet.“

Geschäftig blätterte sie durch eine Akte, während ich verlegen dastand und wünschte, es gäbe etwas zu sagen. Ich war keine große Rednerin, aber eine Unterhaltung konnte ich schon am Laufen halten, zumindest manchmal. „Sie haben einen schönen Namen.“

Aufmerksam zog sie die perfekt gezupften Augenbrauen hoch. „Habe ich? Freut mich, dass du das findest. Ich mag ihn selbst auch ganz gern. Ah, da ist er ja.“ Sie nahm ein Blatt Papier aus der Mappe und überreichte es mir. „Dein Stundenplan, samt Gebäu-deübersicht. Sollte alles nicht schwer zu finden sein – die Korridore sind farblich markiert. Und wenn du dich doch mal verläufst, frag einfach jemanden. Hier beißt keiner.“

Ich nickte, während ich sah, was als Erstes auf dem Plan stand. Mathe – Thema: Analysis. Na super!

„Danke.“

„Jederzeit, Liebes.“

Ich wandte mich zum Gehen, doch als meine Hand auf dem Türknauf lag, räusperte sich Irene.

„Katherine? Ich … ich wollte nur sagen, wie leid es mir tut. Das mit deiner Mutter, meine ich. Ich kannte sie schon vor sehr langer Zeit, und … na ja. Es tut mir furchtbar leid.“

Ich schloss die Augen. Jeder wusste es. Ich hatte keine Ahnung, woher, aber sie wussten es. Meine Mutter hatte erzählt, dass ihre Familie schon seit Generationen in Eden gelebt hatte. Wie dumm von mir zu glauben, ich könnte hier unbemerkt aufkreuzen.

Mühsam blinzelte ich die Tränen zurück, öffnete die Tür und floh mit gesenktem Kopf aus dem Sekretariat – in der Hoffnung, dass James nicht noch mal versuchen würde, ein Gespräch anzufangen.

Als ich um die Ecke bog, lief ich geradewegs gegen eine Wand. So fühlte es sich zumindest an. Ich prallte zurück und fiel hin, der Inhalt meiner Tasche verteilte sich über den gesamten Korridor. Mit brennenden Wangen und fast wie ein Käfer auf dem Rücken versuchte ich hektisch, meine Sachen zusammenzuraffen, wäh-rend ich eine Entschuldigung murmelte.

„Alles in Ordnung?“

Ich sah hoch. Die menschliche Wand starrte auf mich herunter, und ich sah mich einem Mitglied des Footballteams der Schule gegenüber, unschwer an der Mannschaftsjacke zu erkennen. Offensichtlich waren James und ich heute nicht die einzigen Zuspätkommer.

„Ich bin Dylan.“ Er ging neben mir in die Knie, hielt mir eine Hand hin und half mir auf.

„Kate.“

Als er mir meine Schreibhefte reichte, riss ich sie ihm förmlich aus der Hand und stopfte sie zurück in die Tasche. Zwei Bücher und fünf Mappen später klopfte ich mir die Hose ab. Das war der Moment, in dem ich feststellte, dass er süß war. Nicht bloß für Eden, sondern auch nach New Yorker Standards. Und trotzdem sah er mich auf eine Weise an, die in mir den Wunsch weckte, so wenig wie möglich mit ihm zu tun zu haben.

Bevor ich mich aus dem Staub machen konnte, trat eine hüb-sche Blondine an seine Seite und musterte mich von oben bis unten. Sie mochte lächeln, aber so wie sie sich an ihn lehnte und sich an seinen Arm krallte, hätte sie ihm genauso gut ans Bein pinkeln können. Dylan war ganz offensichtlich besetztes Gebiet.

„Wer ist deine Bekannte, Dylan?“, fragte sie, während ihr Griff um seinen Arm noch fester wurde.

Ausdruckslos sah er sie an, und es dauerte einen Moment, bis er den Arm um sie legte. „Äh, Kate. Sie ist neu.“

Das falsche Lächeln wurde breiter, und die Blondine streckte die Hand aus. „Kate! Ich bin Ava. Ich hab schon so viel von dir gehört. Mein Vater ist Immobilienmakler, er hat mir alles über dich und deine Mom erzählt.“

Jetzt hatte ich wenigstens einen Schuldigen für das Leck in meiner Zimmerdecke. „Hi, Ava“, sagte ich, biss in den sauren Apfel und nahm ihre Hand. „Schön, dich kennenzulernen.“

Die Art, wie sie mich ansah, schrie mir förmlich entgegen, dass sie nichts lieber täte, als mich irgendwo tief im Wald zu begraben. Lebendig. „Ich freu mich auch, dich kennenzulernen.“

„Was hast du in der Ersten?“, fragte Dylan, während er sich fast den Hals verdrehte, um auf meinen Stundenplan zu sehen. „Mathe. Ich … wir können dir den Weg zeigen, wenn du willst.“

Ich öffnete den Mund, um zu protestieren – es gab wirklich keinen Grund, das Schicksal weiter auf die Probe zu stellen, indem ich in Avas Anwesenheit noch länger mit Dylan redete. Doch bevor ich ein Wort sagen konnte, nahm er mich beim Ellbogen und marschierte mit mir den Korridor hinunter. Ich sah zu Ava und wollte mich dafür entschuldigen, dass ich ihr den Freund entführte. Aber als ich die flammende Röte auf ihren Wangen und ihren angespannten Kiefer sah, blieben mir die Worte im Hals stecken.

Vielleicht würde meine Mutter mich doch noch überleben.

2. KAPITEL

AVA

Ich war nicht besonders hübsch. Ich wünschte, ich wär’s gewesen, aber ich war einfach bloß ich. Ich hatte nie gemodelt, mir hatten nie irgendwelche Typen hinterhergesabbert und neben den genetisch gesegneten Kindern reicher Eltern war ich in meiner alten Schule immer ein wenig verblasst.

Weshalb ich mir ums Verrecken nicht erklären konnte, warum Dylan mich immer noch anstarrte.

Er beobachtete mich ständig– während des Geschichts- und Chemieunterrichts und sogar in der Cafeteria. Die Nase in ein Buch gesteckt, aß ich allein am Ende eines leeren Tischs. Ich wollte mir gar nicht erst die Mühe machen, Freunde zu finden. Lange würde ich sowieso nicht hier sein, also hätte es wenig Sinn gehabt. Sobald das Ganze hier vorbei wäre, würde ich nach New York zurückkehren und versuchen, das wieder aufzunehmen, was von meinem früheren Leben noch übrig war.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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