Das große Schweigen - Katja Montejano - E-Book

Das große Schweigen E-Book

Katja Montejano

4,8

Beschreibung

»Atme, so lang du noch kannst!« - diese bizarre Nachricht erreicht die ehemalige Kripobeamtin Primerose Bouillé kurz nach dem Mordanschlag auf ihren Vater, einen Berner Staranwalt. Es ist für sie der Anfang eines Alptraums. Ein gnadenloser Killer beginnt ein grausames Spiel und tötet Schlag auf Schlag ihre Freunde. Als Primerose erkennt, dass auch ihr Leben bedroht ist, trifft sie eine einsame Entscheidung ...

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Katja Zucchetti-Montejano wurde 1967 in Aarau geboren und lebt mit ihrem Ehemann und Hunden in Zofingen. Ihr Vater stammt aus Spanien und die Mutter aus Italien. Nach Abschluss einer Banklehre war sie in diversen Unternehmen tätig. Schon in dieser Phase ihres Lebens zeigte sich eine persönliche Eigenschaft: Sie hielt nicht an einem einzigen eingeschlagenen Pfad fest, sondern probierte vieles aus und suchte aktiv nach dem für sie passenden Weg. Seit 2001 arbeitet sie als Übersetzerin in der Informatikabteilung einer grösseren Bankengruppe. Ihre Leidenschaft zur Spannungsliteratur hat sie dazu bewogen, selbst Thriller zu schreiben. Die Autorin ist Mitglied der «Mörderischen Schwestern».

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2015 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: ©mauritius images/Alamy Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Irène Kost, Biel/Bienne (CH) eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-848-9 Originalausgabe

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Ich widme dieses Buch meinem Vater Mario Montejano.

Du wirst immer in meinem Herzen sein.

Prolog

Mit Wucht liess Schulz seine knochige Faust gegen die Tür krachen. Einmal, zweimal, dreimal.

«Haut ab!», kreischte eine Mädchenstimme hinter der Tür gegen die Musik an, die Sekunden später noch lauter gestellt wurde.

Schulz drehte sich zu seinen beiden Begleitern um, ein kaltes Grinsen auf den Lippen.

«Mit der Kleinen werden wir Spass haben», sagte Aschwanden, ein Koloss, der hinter Schulz stand und aussah wie ein Boxer der Schwergewichtsklasse.

Signer verzog seine schmalen Lippen zu einem schmierigen Lächeln.

Schulz nickte Aschwanden zu und trat einen Schritt zurück, um ihn vorbeizulassen.

Wum-Wum-Wum! Unter jedem Schlag gegen das Holz erzitterte die Tür beängstigend.

«Zieht endlich ab und lasst mich in Ruhe!», schrie das Mädchen erneut gegen das Dröhnen von Bässen und E-Gitarren an.

Die drei Männer sahen sich an. Schulz zog die Nase hoch und wischte sie sich an seinem fleckigen braunen Anzugärmel ab. Er war sich seiner Wirkung bewusst, auch wenn er nicht die physische Masse seines Kollegen Aschwanden besass. Sein ungepflegt wirkendes Äusseres war Teil einer erfolgreichen Strategie, um andere einzuschüchtern. Es bereitete ihm eine sadistische Freude, mit anzuschauen, wenn sein Gegenüber zurückwich, sobald dieses seinen säuerlichen Körper- und Mundgeruch wahrnahm.

Er nickte jetzt Signer zu. «Aufmachen!», bellte er mit seiner heiseren Kettenraucherstimme.

Signer fummelte mit einem Metalldraht am Schloss der Tür herum, bis er den Schlüssel, der auf der anderen Seite steckte, herausgeschoben hatte. Zwei Sekunden später verkündete ein kaum hörbares Klicken die Entriegelung der Tür.

Aschwanden packte den Griff und stiess die Wohnungstür auf.

Der Kopf der Fünfzehnjährigen ruckte hoch, und ein erschreckter Schrei gellte aus ihrem Mund, als die drei Männer ihr Zimmer betraten.

Signer steuerte die Kompaktanlage auf dem Sideboard an. Er fegte den Arm vom Plattenspieler, der ein unschönes Kratzen verursachte, als die Diamantnadel über das Vinyl schrammte.

Die abrupte Stille im Raum war nur von kurzer Dauer. Das Mädchen kreischte.

«Wer sind Sie? – Was wollen Sie hier?– Mama!– Mama!»

Langsam marschierte Schulz auf das Bett zu, auf dem das Mädchen kauerte und verängstigt zurückwich. Sein aufmerksamer Blick erfasste binnen Sekunden ein Blatt kariertes Papier, das dem Mädchen aus der Hand gerutscht war, vollgeschrieben und mit roten Herzen verziert.

«Deine Mama ist nicht da. Sie wird auch nicht kommen. Sie hat uns nämlich gerufen, damit wir uns um dich kümmern. Das machen wir natürlich sehr gerne. Es ist unser Job.» Schulz gab sich keine Mühe, den Sarkasmus in seiner Stimme zu unterdrücken. Mit einem verzückten Ausdruck im Gesicht beobachtete er die Reaktion des Mädchens.

Das Mädchen war aufgesprungen und wollte an ihm und seinen Kollegen vorbei aus dem kleinen Zimmer rennen. Aschwanden musste nur seinen Arm ausstrecken, um es daran zu hindern und zurück auf das Bett zu werfen, wo es unsanft mit dem Kopf gegen das Kopfende krachte. Es jaulte auf vor Angst und Schmerzen.

Flink wie ein Wiesel war Signer über ihm und klebte ihm mit einem geübten Griff den Mund zu, während er seine Unterschenkel auf die Arme des Mädchens presste und seine Abwehrschläge im Keim erstickte.

Schulz beugte sich über die Schulter von Signer und sah in die panikweiten Augen des Mädchens, aus denen Tränen rannen. Endlose Sekunden starrte er ihm in die Augen, die seinen Blick in Todesangst erwiderten. Schulz legte seinen nikotingelben Zeigefinger auf seine Lippen und setzte ein gütiges Lächeln auf.

«Psst, kleine Dame», sprach er leise und heiser. «Du solltest mir jetzt gut zuhören, wenn du aus dieser Sache heil herauskommen willst.» Selbstgefällig wartete er die Wirkung seiner Worte ab.

Ihre Befreiungsversuche wurden schwächer, bis sie vollkommen erstarrt vor ihm lag. Sie hatte begriffen.

«Wenn du nicht tust, was ich sage», fuhr Schulz in fast schon liebevollem Ton fort, «wirst du die Hölle auf Erden erleben und bereuen, je geboren worden zu sein. Hast du mich verstanden?»

Das Mädchen schluchzte trocken, während sein Körper zitterte. Es nickte schwach.

Schulz lockerte seine hässliche dunkelgrüne Krawatte und öffnete die beiden ersten Knöpfe seines beigefarbenen Hemds.

«Lass mich dir zuerst erklären, um was es geht und wie du dich zu verhalten hast– jetzt wie später. Denn, wenn du nur ein unerlaubtes Wort sagst oder versuchst, dich gegen uns zu wehren oder gar wegzulaufen, bricht dir mein Freund…», Schulz machte eine Kopfbewegung zu Aschwanden, «die Beine und schneidet dir anschliessend die Zunge raus. Hast du das kapiert?»

Er hielt den Kopf schief, bis das Mädchen mit einem zaghaften Nicken reagierte.

«Gut! Das hätten wir geklärt. Nun weiter: Deine Mutter hat uns um Hilfe gebeten, weil sie mit dir nicht mehr fertig wird», erläuterte Schulz gelassen. «Sie hat uns auch prophezeit, dass du Widerstand leisten würdest, weil du ein uneinsichtiges und ungehorsames Kind seist.» Er leckte sich über die Lippen und blickte gegen die Decke, als suchte er nach den nächsten Worten. «Wir sind Spezialisten, musst du wissen», dozierte er, ohne es dabei anzuschauen, «und haben Erfahrung im Umgang mit kleinen Biestern wie dir. Im Gegensatz zu deiner armen Mutter, die vor lauter Gram und Verzweiflung über dich zur Säuferin wurde.»

Schulz’ Augen suchten wieder Blickkontakt zu dem Mädchen. Er weidete sich an seinem schockierten Blick, mit dem es auf seine Anschuldigung reagierte, und lächelte vertrauensvoll. «Ich bin Herr Schulz, dein Vormund. Dich erwartet nun ein neues Leben– und zwar hinter Gittern. Dort wirst du lernen, dich zu benehmen und erwachsenen Autoritätspersonen mit dem angemessenen Respekt zu begegnen.» Er räusperte sich und wischte sich erneut die Nase mit dem fleckigen Ärmel seiner Jacke ab.

Das Mädchen versuchte, sich aus dem Griff von Signer zu befreien, der nun ihre beiden Handgelenke gepackt hatte und auf ihren Bauch drückte. Gleichzeitig hielt Aschwanden ihre Beine mit seinen riesigen Händen fest.

Schulz lächelte unentwegt. Er wusste, dass ihre Reaktion aus der Angst geboren und ihre Abwehrversuche instinktiv waren. Kein vernünftig denkender Mensch – nicht einmal ein Kind– würde sich bewusst seinen Befehlen widersetzen und dadurch Schlimmeres in Kauf nehmen. Er hatte dieses Verhalten oft genug beobachten können, diese ohnmächtigen Bemühungen, sich zu befreien, ohne dabei zu begreifen, wie unmöglich es war. Sollte sie sich doch austoben, auch sie würde lernen, dass sie gegen ihn nichts ausrichten konnte.

«So ist es brav, meine Kleine», sagte er freundlich. «Ich sehe, du begreifst langsam. Du wirst ab jetzt nur noch das tun, was ich will. Egal was, egal warum, egal wann und ohne Widerrede. Ich bin jetzt alles, was du noch hast, also verdirb es dir nicht mit mir! Und vergiss nicht: Ich bin eine Amtsperson mit einem guten Ruf. Meine Worte haben sehr viel mehr Gewicht als die einer wilden Göre. Merk dir das gut! Gleich, was du erzählst, niemand wird dir glauben, weder heute noch später. Ab sofort bist du nichts anderes als ein kleiner Scheisshaufen ohne Rechte. Also probier erst gar keine Tricks, klaro?»

Der Körper des Mädchens bebte.

Schulz genoss die langen Momente des Schweigens. Er blickte das Mädchen intensiv an, um seine Worte zu unterstreichen. «Signer wird dich jetzt loslassen und dir ein Beruhigungsmittel verabreichen. Und du wirst nichts anderes tun als es geschehen lassen.» Er warf Aschwanden einen kurzen Seitenblick zu. «Sonst wird Herr Aschwanden sehr unfreundlich werden, und du wirst dir wünschen, tot zu sein. Also keine Dummheiten, Kindchen, andernfalls gehen wir hier zu dritt raus– ohne dich!»

Sein bisher freundliches Lächeln verzog sich zu einer schmierigen Grimasse der Gehässigkeit, als er das panische Nicken des Mädchens registrierte. Es würde keine Probleme mehr machen, da war er sicher.

Signer liess langsam seine Handgelenke los und riss ihm unsanft das Klebeband vom Mund. Er richtete sich auf und stieg von ihm und vom Bett runter, um die mitgebrachte Tasche zu öffnen. Aschwanden starrte drohend wie ein Henker und mit düsterem Blick auf das Mädchen hinab. Er liess keinen Zweifel aufkommen, dass er blitzschnell reagieren und ihm schrecklich wehtun würde, sollte es auch nur daran denken, einen Finger zu krümmen.

Als Signer zum Bett zurückkehrte, hielt er eine Spritze in der Hand, die er provokativ vor den Augen des Mädchens hin und her schwenkte.

«Was… ist das?», schluchzte es und zuckte zusammen, als Aschwanden drohend die Hand wie zum Schlag erhob. «Wo ist… meine Mutter?» Die Worte waren kaum zu verstehen, ein Flüstern, erstickt in der Angst vor dem unbekannten Grauen, das es erwartete.

«Unterwegs.» Schulz winkte ab. «Wahrscheinlich in einer Kneipe. Vor Mitternacht wird sie nicht zurückkommen, und das ist gut so. Wir haben alle Zeit der Welt.»

Er bemerkte die Resignation in seinem Gesicht. Das Mädchen kannte seine Mutter gut genug, um zu wissen, dass sie gegen die Droge Alkohol, der sie verfallen war, keine Chance hatte. Ihre winzige Hoffnung auf Hilfe starb, noch ehe sie wachsen konnte. Gedanklich klopfte Schulz sich für seine Idee auf die Schulter, der Mutter eine Note für einen feuchtfröhlichen Abend in die Hand gedrückt zu haben. Er hatte die Gier in ihren Augen gesehen, als sie sie einsteckte, und ihr klargemacht, dass sie in den nächsten Stunden tun und lassen könnte, was sie wollte, ausser: nach Hause zu kommen. Ihr eifriges Nicken war das einer Frau gewesen, die ihre Tochter für einen Drink auch dem Teufel persönlich überlassen hätte. Er verabscheute solche Menschen zutiefst, aber er wusste auch, dass er und seine Kollegen nun freie Bahn hatten. Die Mutter würde erst auftauchen, wenn sie das Geld vollständig in Alkohol umgesetzt hatte und so besoffen war, dass sie nichts von alledem, was gleich passieren würde, kapierte.

Grob riss Signer die Ärmel des Mädchens über die Schulter, und noch bevor sie verstand, was er vorhatte, entwich ihren Lippen ein entsetzter Schmerzenslaut.

Zufrieden registrierte Schulz, wie ihre Augen erst hektisch von ihm zu Signer und zu Aschwanden rotierten, um binnen kürzester Zeit zu erstarren und glasig zu werden.

Ein eisiges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als kaum eine Minute später feststand, dass ihre Beute in den folgenden Stunden weder zum Schreien noch zu einer winzigen Bewegung fähig sein würde. Aber nicht die physische Hilflosigkeit des Mädchens vor ihm auf dem Bett war es, die sein Wohlwollen fand. Es war die Tatsache, dass es trotz des gespritzten Medikaments alles, was gleich mit ihm geschehen würde, bei klarem Bewusstsein mitbekam und es sich für den Rest seines Lebens daran erinnern würde. Bei diesem Gedanken steigerte sich seine Erregung, die er nicht mehr zurückhalten konnte.

Er zog die Nase – diesmal vornehm– hoch, wandte sich an Aschwanden und Signer und nickte.

«Wir haben zwei Stunden.»

1

An diesem warmen Montagmorgen im Juli wölbte sich über der Innenstadt von Bern ein wolkenloser Himmel. Die Gebäude schimmerten goldgelb im hellen Licht der Sonnenstrahlen.

Sie fror.

Alles um sie herum schien in der Wärme zu pulsieren, nur sie fühlte sich wie in Eis gemeisselt. Ruth biss die Zähne zusammen. Diese eindringliche Stimme in ihrem Kopf meldete sich wieder. Sie war laut und fordernd: Tu, was ich dir sage! Wenn du versagst, ziehe ich dir die Haut bei lebendigem Leib ab!

Diese furchteinflössenden Worte voller Hass hallten ununterbrochen in ihrem Kopf. Sie ertrug diese Stimme nicht mehr. Sie wollte keine körperlichen Schmerzen mehr erleiden. Es gab nur einen Ausweg, diesem Elend endlich ein Ende zu setzen. Tun, was die Stimme ihr befohlen hatte.

Nach all den Jahren hatte sie sich endlich an den Namen und an die damaligen Geschehnisse erinnert. Viel Zeit hatte sie in Kliniken verbracht, vollgepumpt mit Medikamenten, die ihre Stimmen im Kopf hätten verjagen sollen. Was war real und was unwirklich? Ihr Gehirn hatte bis vor Kurzem ihr früheres Leben verdrängt und teilweise ausgelöscht. Als sie in den letzten Monaten ihre Medikamente abgesetzt hatte, kam schrittweise alles an die Oberfläche. Die Erinnerungsfetzen erschienen ihr real. Anfangs waren es Namen, Orte, Szenen und Gesichter, die sie wie ein Puzzle zusammengesetzt hatte. Angetrieben von ihrem schlechten Gewissen, nahm sie hoffnungsvoll die Suche nach ihrer Vergangenheit auf. Die Reise war anstrengend gewesen und endete qualvoll. Ihre Wünsche und Erwartungen eröffneten ihr das Tor zur Hölle. Sie musste dem ein Ende setzen.

Tu, was ich dir sage!

Wieder quälte sie die eindringliche Stimme in ihrem hämmernden Schädel. Wütend und verängstigt schritt sie weiter die Kramgasse entlang, die vom Zytglogge stadtabwärts führte, in das Herz des alten Bern. Neben dem Einstein-Haus, wo früher Albert Einstein wohnte, befand sich ein Gebäudekomplex im gotischen Stil. Sie schaute sich um. Es war grässlich. All diese gehetzten Menschen! Die von Abgasen geschwängerte Luft! Und nicht zuletzt die unschuldigen Blicke, die sich einen Weg durch ihre Haut bis in die Seele zu brennen schienen.

Sie fror.

Mit weit aufgerissenen Augen las Ruth die Wörter von dem silbernen Firmenschild am Eingang: «Anwaltskanzlei Bouillé& PartnerAG».

Die Kanzlei befand sich noch am gleichen Ort wie vor vierzig Jahren. Sie trat ein, schlug ihren Mantelkragen hoch und blieb im Treppenhaus einen Moment lang stehen.

Die Kälte wurde intensiver. Plötzlich nahm sie den Geruch von Javel wahr. Sie rümpfte die Nase. Diesen Duft würde sie nie vergessen. Ungläubig blickte sie sich um. Was sie sah, stimmte keineswegs mit den Bildern ihrer Erinnerung überein. Oder doch? Alles war irgendwie fremd und doch nicht. Eigenartig.

Das verwirrte sie, so wie der Redeschwall der Leute im engen Treppenhaus. Sie trugen leichte Kleidung und bewegten sich wie Ameisen um sie herum. Im Gegensatz zu ihr schienen sie nicht zu frieren.

Ruth kam es vor, als würden die Menschen, die an ihr vorbeihasteten, sie anstarren, dabei beachtete sie keiner.

Sie vergrub beide Hände in den Taschen ihres grauen zerknitterten Mantels und berührte die Gegenstände darin. Alles war noch da. Gut so! Bald würde sich der Kreis ihres Lebens schliessen; sie würde nie wieder frieren müssen. Als sie daran dachte, huschte ein glückliches Lächeln über ihr Gesicht.

Sie stieg die Treppe hinauf bis zum dritten Stock. Oben angekommen, war sie ausser Atem. Sie blieb kurz stehen, um nach Luft zu schnappen. Blickte um sich. Die wenigen Leute hier ignorierten sie. Gut so! Bedächtig knöpfte sie ihren Mantel auf, kontrollierte nochmals in den Taschen ihre Mitbringsel und betrat die Anwaltskanzlei. Als sich die automatischen Schiebetüren aus Glas hinter ihr schlossen, strömte ihr ein eindringlicher Lavendelduft entgegen. Der Anblick dieses überwältigenden Raumes verschlug ihr die Sprache. Reglos, fast starr beobachtete sie die Umgebung. Nur das rekonstruierte Versailles-Parkett erinnerte noch an das alte Büro von Herrn «Keine Zeit».

Neben dem geräumigen Empfangsschalter hingen zwei Gemälde: der Eiffelturm und der Schiefe Turm von Pisa. Weitere Skulpturen und Ölgemälde mit Landschaftsdarstellungen schmückten die Flure der Anwaltskanzlei.

Schritt für Schritt näherte sie sich dem Schalter und blieb davor stehen. Obschon sie keinen Termin hatte, war sie fest entschlossen, diesen Raum erst zu verlassen, nachdem der Chef sie persönlich empfangen hatte.

Sie spürte, wie sich ihre Gesichtsmuskeln anspannten. Das Zucken um ihre Mundwinkel wurde intensiver. Sie musste ruhig bleiben. Jetzt nur nicht auffallen, ermahnte sie sich selbst. Der Geruch von geröstetem Kaffee vermischte sich mit dem Lavendelduft.

Eine ältere Dame telefonierte mit einem kleinen Ding am Ohr und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, sie würde sich gleich ihr widmen.

Eine jüngere Frau mit blonden Haaren rümpfte die Nase und machte sich mit einem Stapel Akten auf dem Arm in Richtung Flur aus dem Staub.

Ein pochender Schmerz breitete sich in Ruths hinterer Schädeldecke aus. Das ist nicht gut, murmelte sie lautlos. Sie versuchte, sich von dem Schmerz abzulenken, und blickte auf die goldfarbene Wanduhr neben dem Gemälde des Eiffelturms. Es war fünf nach acht. Die ältere Dame plapperte immer noch.

Ruth trommelte mit den Fingern auf die Theke, was die ältere Dame nervös stimmte. Das Zucken an ihren Mundwinkeln konnte sie nicht mehr kontrollieren. Es hatte sich zu einer mechanischen, unbewussten Bewegung gewandelt, wie das Atmen.

Je weiter sich die Zeiger der Wanduhr bewegten, desto mehr Hektik nahm Ruth wahr, obschon nur wenige Angestellte hereinkamen oder eifrig von einem Raum in den nächsten huschten. Sie grüssten einander und verschwanden wieder.

«Einen Moment bitte, ich bin gleich bei Ihnen», wandte sich die ältere Empfangsdame mit einem freundlichen Lächeln und ohne ihr Telefonat zu beenden an Ruth. Sie war gross, schlank und hatte ihr graues Haar zu einem gepflegten Knoten geschlungen.

Ruth stiess einen tiefen Seufzer aus und wandte sich vom Empfangstresen ab.

Ein mittelgrosser, glatt rasierter Mann mit schneeweisser Haarpracht und blaugrauen Augen betrat die Kanzlei. Er hatte Ruths volle Aufmerksamkeit gewonnen. Seine Körperhaltung war stolz, und er wirkte über alles erhaben, sein Gang glich dem eines Staatsmannes, der sich seiner Macht bewusst ist. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, eine schwarz-rot gestreifte Seidenkrawatte und eine runde Brille mit einer leichten Fassung.

Sein gepflegtes Äusseres fiel Ruth sofort auf, ebenso wie seine markante Duftnote.

Er verschwand hinter einer Tür, der Duft blieb.

Sie zwang sich zu einem gequälten Grinsen. Er war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Unglaublich!

«Kann ich Ihnen behilflich sein?», unterbrach die Empfangsdame Ruths Gedankengefüge.

Sie blinzelte und drehte sich um. «Ja. Ich bin Frau Schneider, eine ehemalige Mitarbeiterin von Jacques Bouillé. Ich wollte kurz mit seinem Sohn sprechen. Es dauert nur eine Minute», log sie.

«Oh, Herr Bouillé ist heute Morgen ziemlich beschäftigt, aber ich werde sehen, was ich für Sie tun kann. Bitte nehmen Sie solange im Wartezimmer Platz.» Sie deutete auf den langen Flur, der all die Menschen verschluckt hatte.

Ruth nickte, spürte diesen eindringlichen, abwertenden Blick der Frau, den sie gut kannte. Das war nicht immer so gewesen. Das harte Leben hatte aus dem einstigen Schwan ein hässliches Entlein geformt, erdrückt von der Last der Sorgen und der Hoffnungslosigkeit.

Ferdinand Bouillé sass in seinem geräumigen Büro am Schreibtisch und stierte auf die Rolex an seinem Arm. Es war Viertel nach acht. Er lockerte die Krawatte und schob den Aktenstapel vor sich zur Seite.

Das Telefon klingelte. Es war die interne Nummer seiner Assistentin Heidi Ruchti.

«Morgen, Ferdinand.»

«Morgen, Heidi.»

«Hör mal, eine Frau Schneider ist unangemeldet erschienen. Es handelt sich um eine ältere Dame. Sie sagt, sie sei eine ehemalige Mitarbeiterin deines Vaters und möchte kurz mit dir reden. Sie behauptet, es würde nur eine Minute dauern. Ich habe sie im Wartezimmer platziert. Willst du sie empfangen?»

Ferdinand runzelte die Stirn. Der Name sagte ihm nichts. Er blickte auf die Uhr. «Ich habe um neun einen wichtigen Termin und muss mir vorher noch ein paar Akten ansehen. Also gut. Fünf Minuten kann ich einer ehemaligen Mitarbeiterin widmen, mehr nicht. Sollte die ältere Dame sich länger in meinem Büro aufhalten, weisst du, was zu tun ist, okay?»

«Natürlich. Ich bringe sie gleich zu dir. Übrigens, eine kleine Vorwarnung: Sie riecht übel», flüsterte Heidi Ruchti am anderen Ende der Leitung.

«Auch das noch. Also gut. Bringen wir’s hinter uns.» Er legte auf und stiess einen tiefen Seufzer aus. Dachte an seinen Vater Jacques. Das einzige Gefühl, das er bis heute für diesen Mann hegte, war Hass.

Ferdinand erhob sich aus seinem schwarzen Lehnsessel und ging ans Fenster, um es zu öffnen. Ein wunderbarer Tag. Heute würde er früher Feierabend machen und seine Liebste in ein exklusives Restaurant nach Basel ausführen.

Im nächsten Augenblick betrat Heidi Ruchti das dezent mit wenigen Designstücken eingerichtete Büro in Begleitung einer alten, hässlichen Frau.

«Frau Schneider», stellte Heidi Ruchti sie kurz angebunden vor, schloss die Tür hinter dem Gast und verschwand.

Ruth blieb wie angewurzelt am Eingang stehen und starrte Ferdinand an.

Der sog noch einmal tief die einströmende Luft durch das offene Fenster ein, bevor er sich ihr zuwandte. Heidi hat recht, dachte er. Sie stinkt. Er nahm diesen eigenartigen, unangenehmen Geruch alter Menschen wahr, die sich nicht mehr pflegen.

Er riss sich zusammen, schritt auf sie zu und streckte ihr seine Hand zur Begrüssung hin.

«Guten Morgen, Frau Schneider. Ferdinand Bouillé. Bitte setzen Sie sich. Leider habe ich nur fünf Minuten für Sie, ich habe anschliessend einen wichtigen Termin. Sie verstehen das sicher, aber…» Ferdinand stockte, als Ruth seine Hand nicht annahm, und verzog seine schmalen Lippen zu einem schiefen Grinsen. Er zog seine Hand wieder zurück und musterte die Frau eindringlich. Sie wirkte auf ihn etwas verstört. Neben diesem ihr anhaftenden Geruch alter Menschen registrierte er auch den Gestank von Urin und Schweiss. Sein Magen zog sich zusammen. Er kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück und setzte sich.

«Bitte nehmen Sie Platz. Was kann ich für Sie tun? Meine Assistentin sagte, Sie seien eine ehemalige Mitarbeiterin meines Vaters? Ich kann mich leider nicht mehr an Sie erinnern.»

Ruth schwieg. Sie stand regungslos am Eingang und starrte ihn an. Ihre weisse schüttere Haarpracht war zerzaust und die Strähnen fettig. Den Anblick dieses furchigen, eingefallenen und fahlgrauen Gesichts empfand Ferdinand als äusserst abstossend. Ihr Gesicht war von Altersflecken übersät, aber ihre blaugrauen Augen erwiderten seinen Blick eisenhart.

Er spürte, dass mit dieser Frau etwas nicht stimmte, und wollte sie schleunigst loswerden.

«Nur fünf Minuten, ja? Habe ich das richtig verstanden?», fragte Ruth spöttelnd mit rauer Stimme und ging auf ihn zu.

Ferdinand stand wieder auf und kam ihr entgegen. «Da Sie sich nicht setzen wollen, machen wir es kurz. Weshalb sind Sie zu mir gekommen?»

«Ich will zu Ihrem Vater Jacques, um mich von ihm zu verabschieden. Ich habe für ihn gearbeitet, damals, in seiner Kanzlei, hier in diesem Gebäude. Ich habe ihn gesucht, aber nirgends gefunden, deshalb wende ich mich an Sie.»

Ferdinand legte die Stirn in Falten und musterte die Frau skeptisch.

«Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass ich einer fremden Person keine Auskunft darüber erteile, wo mein Vater lebt. Ich werde ihm jedoch ausrichten, dass Sie hier waren. Ist das für Sie in Ordnung?»

«Jacques lebt? Wo? Ich rate Ihnen zum letzten Mal, mir seine Adresse zu verraten, ansonsten wird das für uns beide böse enden, glauben Sie mir. Wenn Sie mir diese nicht verraten, erwartet mich die Hölle auf Erden.» Ruths Augen funkelten.

Ferdinand lief ein kalter Schauer über den Rücken. Diese Frau war durchgeknallt. War es möglich, dass sie etwas über sein gut gehütetes Geheimnis wusste?

«Frau Schneider, verlassen Sie umgehend mein Büro, bevor ich die Polizei rufe!»

Ruth schüttelte den Kopf.

«Sie verstehen nichts. Hier, Herr Keine Zeit, diesen Zettel können Sie Jacques geben. Er wird sich an mich erinnern, das garantiere ich Ihnen.» Ruth reichte ihm ein gefaltetes Stück Papier. Anschliessend steckte sie ihre Hände in die Manteltaschen und starrte ihn weiterhin reglos an.

Ferdinand runzelte die Stirn. Als er das Blatt auffaltete, erkannte er, dass es leer war.

Wütend schaute er die Frau an. «Jetzt reicht’s! Raus hier! Ich zähle auf drei. Wenn Sie nicht gehen, rufe ich die Polizei», fuhr er sie an und warf ihr das Blatt vor die Füsse. Schnaubend kehrte er ihr den Rücken zu.

«Eins… zwei…»

Auf genau diesen Augenblick hatte Ruth gewartet. Sie hatte ihm die Chance gegeben. Wieso nutzte er sie nicht? Die Stimme in ihrem Kopf brüllte sie an: Tu, was du tun musst! Jetzt!

Sie hatte wieder versagt, wie immer. Wenn sie ohne Jacques’ Adresse von hier verschwinden würde, bedeutete dies, dass die Stimme ihr die Haut bei lebendigem Leibe abziehen würde. Nein– sie musste das hier endlich beenden. Keine Schläge. Keine psychischen Qualen mehr. Ein gewaltiger Adrenalinschub durchfuhr ihren Körper.

«Schau mich an, du arroganter Mistkerl!», zischte sie gefährlich leise. Ungebremste Wut stieg in ihr auf.

Ferdinand fuhr erschrocken über ihren warnenden Tonfall herum. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.

Ruth stürzte sich mit zwei Steakmessern in den Händen auf ihn und stach wahllos zu.

Ferdinand hatte nicht einmal die Chance, seine Hände schützend vor das Gesicht zu reissen oder die Wahnsinnige wegzustossen. Sie war zu schnell und völlig ausser sich.

Der erste Stich traf ihn am Hals, der zweite in den Brustkorb.

Immer wieder stach Ruth zu.

Ferdinand taumelte hustend und keuchend, bis er zu Boden fiel und regungslos auf dem Rücken liegen blieb. Sein Hilfeschrei erstickte in seinem eigenen Blut.

«Das ist für dich! Und das ist für deinen Vater, du Hurensohn!», schrie Ruth bei jedem Stich, der in seinen Körper fuhr.

In seinen Augen lag grenzenloses Entsetzen, während er röchelte und vergeblich nach Luft rang.

Ruth keuchte, ihre Bewegungen verlangsamten sich, die Kraft wich aus ihrem hageren Körper. Ihr Gesicht, ihre Hände, ihr Mantel, alles war rot.

Als sie feststellte, dass Ferdinands Körper sich nicht mehr rührte, liess sie von ihm ab. Die Messer fielen mit einem dumpfen Geräusch zu Boden.

Im Hintergrund klingelte das Telefon unaufhörlich.

Ruths Kopf drohte zu zerspringen, als sie sich langsam aufrichtete und auf dem Schreibtisch abstützte. Ein stechender Schmerz in ihrer linken Brusthälfte bremste jede Bewegung. Sie hustete und blickte zu ihrem Opfer hinunter.

Sie konnte nicht mehr, ihr Herz machte diese Aufregung nicht länger mit; ihr Blick schweifte zu dem offenen Panoramafenster.

Mit letzter Kraft schleppte Ruth sich dorthin, die rechte Hand auf ihr Herz gepresst, während ihr linker Arm schlaff hinunterhing.

Sonnenstrahlen trafen ihr Gesicht, die Kälte in ihr war endgültig gewichen. Sie drehte sich nochmals um und betrachtete den regungslosen Körper von Ferdinand Bouillé.

Im selben Augenblick betrat Heidi Ruchti das Büro, erstarrte für eine Sekunde, um das Bild zu begreifen, das sich ihr bot, schlug die Hände vors Gesicht und schrie auf.

2

Seit fünf Minuten schrillte die Hausglocke mit kurzen Unterbrechungen. Wer zum Teufel war dieser ungeduldige Besucher?

Primrose drehte gereizt die Dusche ab. Sie hatte sich am Vorabend einen grässlichen Kater eingefangen und sich deshalb in der Kanzlei ihres Vaters frühmorgens krankgemeldet. In ihrer Studienzeit als Informatikerin gehörten Partys und nächtliche Eskapaden zur Routine. Heute mit siebenunddreissig Lenzen auf dem Buckel war alles anders, sie war anders. Nach der Polizeischule schwamm sie ziellos auf dem unergründlichen Ozean des Lebens, ohne je das Festland zu erblicken, bis sie untertauchte. Das langbeinige Partygirl mit den Traummassen und der langen, wallenden Haarmähne hatte sich im Laufe der Jahre in einen Einsiedlerkrebs gewandelt. Wahre Freunde, die nicht auf ihr Geld aus waren, gab es nicht. Und die Männer? Ein Fiasko nach dem anderen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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