Das Haus der Feuerfrau - Barbara Büchner - E-Book

Das Haus der Feuerfrau E-Book

Barbara Büchner

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4,99 €

Beschreibung

Charmion Sperling, ihres Zeichens Horror-Schriftstellerin, wird sofort misstrauisch, als ihr Lebensgefährte, der pensionierte Rechtsanwalt Dr. Alec Marhold, eine alte Villa für einen lächerlich niedrigen Preis an Land zieht. Ihr Gefühl verstärkt sich, als sie erfährt, dass niemand in dem Haus wohnen will außer drei verlotterten jungen Leuten und einem ehemaligen Wirtschaftskriminellen. Dann hört sie, dass man das Gebäude in der Umgebung »das Totenhaus« nennt … Eine Besichtigungstour bestätigt die bösen Ahnungen: Innen ist alles voller Schatten und Schemen, und auch die vier Mieter erweisen sich als problematisch. Sie weigern sich kurzerhand auszuziehen. Und sie eröffnen den neuen Besitzern, dass sie nur hier sind, weil das Haus sie sich selbst ausgesucht hat. Charmion forscht der Geschichte ihres Domizils nach und stellt fest, dass es vor einhundertfünfzig Jahren auf einem mystischen Ort, der »Feuerquelle«, erbaut wurde. Der Bau hat ein numinoses Wesen verärgert, die »Feuerfrau«, die alle Bewohner verflucht hat. Seither wird jedem, der darin wohnt, das Leben zur Hölle gemacht. Das Haus aber hat eine eigene Persönlichkeit. Es leidet darunter, dass sich in seinen Mauern nur Verzweiflung, Laster, Verbrechen und Krankheit breitmachen. Deshalb hat es sich eine WG aus den sieben Personen zusammengestellt, die ihm helfen sollen, den Fluch zu brechen. Der Kampf beginnt, das Ziel: wieder ein »gutes« Haus zu werden … Merkwürdige Dinge gehen in dem verlassenen Haus vor sich, das auch »das Totenhaus« genannt wird. Die Horror-Schriftstellerin Charmion Sperling und ihr Lebensgefährte, der pensionierte Strafverteidiger Dr. Alec Marhold, wissen im Leben nicht, worauf sie sich einlassen, als sie die entzückende Villa Maunaloa in der Larabaya-Straße 12 A zu einem Spottpreis erwerben. Doch das Haus übt von der ersten Besichtigung an einen unwiderstehlichen Sog auf Charmion aus und bald zeigt es sein beängstigendes Gesicht. Es beginnt eine Reihe von Ereignissen, die Charmion ihren Horror-Fantasien näherbringt, als ihr lieb ist. Die Totenhaus-Serie besteht aus fünf Bänden: – Das Haus der Feuerfrau – Kinder der Nachtblumen – Der Sündenfresser – Der Schleier der Medusa – Die Ratten von Babylon

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Seitenzahl: 588

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Barbara Büchner

Das Haus der Feuerfrau

Roman

Ein seit Jahrhunderten verdunkelter Raum wird schlagartig erhellt Nicht, indem man die Finsternis hinausprügelt, Sondern, indem man das Licht hereinlässt. (Östliche Weisheit)

Schnäppchenhäuser sind Spukhäuser

Mein Name ist Charmion Sperling. Das kaufen mir die meisten Leute nicht ab. Sie finden, mein Vorname, der sich so nach Southern Belle anhört, passe zu meinem bescheidenen Familiennamen wie Bier zur Schokolade und könnte nichts anderes sein als der nom de plume einer auf Horrorfantasys spezialisierten Schriftstellerin. Ein Versuch gewissermaßen, so zu klingen, als wäre ich eine Verwandte von Anne Rice.

Dieselben Leute sind der Ansicht, die Ereignisse im sogenannten „Totenhaus“ in der Larabaya-Straße seien nichts weiter gewesen als ein Publicity-Gag, den Alec Marhold und ich gemeinsam ausgeheckt hätten, um meinen Büchern einen markigen Hintergrund zu verleihen. „Horror-Schriftstellerin lebt in Spukhaus.“ Auf die Idee wäre ich aber niemals gekommen, das schwöre ich. Es war schon entnervend genug, andauernd die platten Witzchen hören und lesen zu müssen, die die Kritiker mit meinem Vornamen trieben: „Charmion ist der Champion.“ Oder: „Charmions Charme bezaubert uns ...“ Da hatte ich keine Lust, mir auch noch schlappe Bonmots über meinen Wohnort anzuhören.

Nein. Dass Dr. Alec Marhold in der Villa in der Larabaya-Straße 12 A einzog, hatte mit mir und meinen Büchern überhaupt nichts zu tun. Er kaufte das Haus, weil es ihm gefiel und weil er es satt hatte, in der gleichen protzigen „Villa Sandrine“ wie seine fünf erwachsenen Adoptivkinder zu wohnen. Ein Herzinfarkt mit 54 hatte ihn, den ehemaligen Workaholic, daran erinnert, dass seine Zeit begrenzt war, und er hatte sich über Nacht entschlossen, dem aufreibenden Leben eines Strafverteidigers ade zu sagen und nur noch sich selbst und seinen Interessen zu leben. Jetzt wollte er selbstständig sein und mit dem Leben seiner Jungmannschaft so wenig wie möglich zu tun haben.

„Ich denke nicht daran“, hatte er mir anvertraut, „einer von diesen Seniorchefs zu werden, die erst die Kanzlei in jüngere Hände übergeben und dann den ganzen Tag hustend durch die Büros schlurfen, um zu kontrollieren, ob auch alles richtig gemacht wird. Ich will auch nicht, dass die Kinder sich verpflichtet fühlen, mich zu unterhalten oder zu betreuen. Solange ich topfit bin, will ich leben, wie es mir passt, und mir von ihnen nichts dreinreden lassen.“

Natürlich war Alec nicht topfit – wer ist das schon mit 58? Er musste mit dem Essen aufpassen (und noch mehr mit dem Trinken), er vertrug die Sommerhitze schlecht, und er neigte dazu, um vier Uhr morgens munter zu werden, nachdem er um ein Uhr zu Bett gegangen war. Aber er war, wie man so sagt, gut erhalten – sogar attraktiv, sofern man nicht allzu anspruchsvoll war. Er war eine imposante Erscheinung, ein Kleiderschrank von einem Mann mit silbergrauem Haar und einem kurz gestutzten silbergrauen Vollbart. Die großen, beinahe vorquellenden blauen Augen waren das Auffallendste an seinem Gesicht. Sie waren so von Leben erfüllt, dass er oft einen geradezu aufgeregten Eindruck machte. Obwohl er Beschwerden im Kreuz hatte und sich eines Gehstocks bedienen musste, schien er immer in Eile zu sein, immer drauf und dran, etwas Neues zu entdecken oder sich in ein Abenteuer zu stürzen.

Als Alec Marhold an meinen 49. Geburtstag in mein Leben trat, erkannte ich sofort, dass ich hier auf einen Mann gestoßen war, der mit dem letzten Drittel seines Daseins noch etwas anzufangen wusste. Er reichte mir die Hand – eine Hand wie eine Löwenpranke und doch zugleich feinfühlig und anmutig – und ich spürte, wie mich ein eigentümlicher Schauer durchrieselte: Genauso, wie ein Pluspol sich fühlt, wenn er einen Minuspol kontaktiert. Obwohl es in dem Fall eher zwei Pluspole waren, denn einen Augenblick später sah ich den Ring, den Dr. Marhold an seiner sonst schmucklosen linken Hand trug: Es war ein schlichter Edelstahlring, an dem sich dort, wo sonst der Stein sitzt, ein winziges, bewegliches stählernes Ringlein befand.

Unwillkürlich hob ich die Linke, und er sah denselben Ring an meiner Hand.

Danach dauerte es keine zehn Minuten, bis wir in einem Winkel am Kamin saßen und tief ins Gespräch versunken waren. Ein Gespräch, das ganz anders ablief als mit anderen Männern „im passenden Alter“. Alec redete nicht über urologische Krankheiten. Alec (der seit einigen Jahren verwitwet war) redete nicht über seine verstorbene Frau, obwohl er sie, wie ich später erfuhr, sehr geliebt hatte. Alec äußerte keine Ansichten über Politik. Statt dessen unterhielten wir uns eine gute Stunde lang über Kristallschädel, denn er besaß einen und war bestens informiert über all die Legenden, die über diese unheimlichen Artefakte im Umlauf waren. Wir debattierten lebhaft darüber, ob solche Phänomene, wie man sie den Kristallschädeln zuschrieb, nun als authentisch zu bewerten waren oder ob es sich um Legenden, ja um Schwindel handelte. Dabei vertrat ich die Meinung, dass Legenden nicht aus der leeren Luft entstanden, während Alec (typisch Jurist) weder Ja noch Nein sagen wollte, sondern befand, dass das Pro und Kontra jedes Falles im Einzelnen genauestens geprüft werden müsste. Was lag näher, als dass er mich nach diesem Treffen einlud, ihn zu besuchen und den Kristallschädel vor Ort zu besichtigen?

Von Freunden erfuhr ich nach der Party, dass der ehemalige Rechtsanwalt ein rundum angenehmer Mensch war, intelligent, aufgeschlossen, gutmütig und liebenswürdig. Er hatte – was immer ein gutes Zeichen bei einem Mann war – eine sehr glückliche Ehe geführt und seine Frau, wie man so sagt, auf Händen getragen. Obendrein besaß er ein beträchtliches Vermögen. Und da war der stählerne Ring...

Der Mann war jedenfalls zu gut, als dass ich ihn hätte sausen lassen. Ich ging zum Friseur und zur Kosmetikerin, kaufte mir ein neues Kleid – schlicht, aber sehr raffiniert geschnitten – und machte mich daran, Alec Marhold zu erobern.

Wir waren füreinander geschaffen, aber natürlich hatten wir beide eine Menge Komplexe zu überwinden, bis wir einander wirklich nahe kamen. Ich war ziemlich schüchtern wegen meiner nicht mehr ganz lupenreinen Figur und meines Gesichts, das an schlechten Tagen aussah wie nasse Wäsche, gar nicht zu reden von all den Komplexen, die ich bereits von Jugend an mit mir herumschleppte. Alec hatte die üblichen Sorgen eines alternden Mannes. Außerdem fürchtete er sich vor der Missbilligung seiner Kinder, einem Pack eingebildeter Yuppies, denen eine ungestylte kleine Frau mit langer schwarz-grauer Haarmähne und einer Vorliebe für Lederjacken zu wenig ladylike war. Es brauchte einige Drinks und ein halbes Gramm Kokain, damit wir beide unsere Ängste überwanden. Aber dann fanden wir einander sehr zufriedenstellend.

Alec hatte noch nie eine Frau gesehen, die von oben bis unten tätowiert war. Ich hatte es beiläufig erwähnt, aber da ich meine Tinten nicht in aller Öffentlichkeit Spazieren zu tragen pflegte, nahm er an, ich hätte von einem quadratzentimetergroßen roten Teufelchen auf dem Hinterteil oder einem Miniatur-Einhorn auf der Schulter gesprochen. Dass ich mit „bin tätowiert“ ungefähr eineinhalb Quadratmeter bunte Haut an Beinen, Oberarmen und Brust gemeint hatte, erkannte er erst, als ich meine Kleider fallen ließ und an Stelle von unschuldigem Fleischrosa ein ornamentales Gewirr von Schwarz, Vitriolblau, Magenta, Fuchsia, Orange und Meergrün zutage trat.

Alec gaffte. Dann stellte er mir die üblichen dummen Fragen („Tut das nicht weh?“, „Was machst du, wenn es dir eines Tages nicht mehr gefällt?“) Aber ich glaube, in dem Augenblick, als er alle die Orchideen und Fische und farbigen Ornamente auf meiner Haut erblickte, wurde auch ihm endgültig klar, dass ich keine gewöhnliche Frau war. Wir beschlossen, beieinander zu bleiben.

Allerdings bleiben Leute in unserem Alter am besten auf Distanz beieinander. Alec war sehr glücklich verheiratet gewesen und liebte seine fünf Adoptivkinder innig, aber nach fünfunddreißig Jahren Familienleben fand er, dass es Zeit für ein bisschen Egoismus war und er sich nicht wieder für eine Partnerin aufopfern wollte. Ich wiederum hatte die Arbeit an meinen Büchern, die ich nicht einfach liegenlassen konnte. Erstens hatte ich Verträge zu erfüllen, zweitens brauchte ich das Geld, drittens war eine Schriftstellerin, die vor lauter Gefühlsduselei nichts mehr schrieb, ziemlich schnell weg vom Fenster. In dem Geschäft musste man am Ball bleiben.

Und außerdem: Ich hätte nicht aufhören können zu schreiben, auch wenn ich keinen Groschen mehr verdient hätte und mein Name nicht einmal mehr im Waldbacher Sonntagsboten erwähnt worden wäre. Ich war von meinem Beruf besessen. So viel Alec mir auch bedeutete – hätte ich zwischen ihm und der Schriftstellerei wählen müssen, so hätte ich, wenn auch mit feuchten Augen, die Schriftstellerei gewählt.

Zum Glück musste ich nicht wählen. Wir einigten uns auf einen modus vivendi, der uns beiden genug Freiraum ließ. Jeder von uns kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, dass für uns nur die Zärtlichkeit der Stachelschweine in Frage kam – nahe genug, um einander zu wärmen, aber nicht so nahe, dass wir die Stacheln des anderen spürten. Denn Stacheln, und zwar ziemlich lange und spitze, hatten wir beide. Wir erkannten einer im anderen den Dominanten und hielten uns gar nicht erst mit zermürbenden gegenseitigen Unterwerfungskriegen auf, sondern schlossen eine Allianz. Wir waren Lord und Lady, Master und Mistress, und weder würde ich jemals seine Dienerin sein, noch er mein Diener.

Ich behielt meine Wohnung, war aber bereit, Alecs Domizil zumindest etappenweise zu teilen, sobald er sein Traumhaus gefunden hatte – vorausgesetzt, ich hatte nicht gerade eine hochgradig kreative Phase oder einen dringenden Auftrag.

Dann sah ich das Totenhaus, und um ein Haar wären alle meine vernünftigen Entschlüsse ins Wanken gekommen.

Das Haus faszinierte mich, sobald ich den ersten Blick darauf geworfen hatte. Es zog mich an, mit einer Intensität, dass ich am liebsten an Ort und Stelle meine Möbel hineingestellt hätte. Mein erster Gedanke beim Anblick seiner schlichten Außenfassade war: „Oh, Gott sei Dank! Es steht also noch!“ Das war natürlich völliger Unsinn; ich konnte mich nicht erinnern, dass ich es je zuvor auch nur gesehen hatte, und ganz gewiss war ich nie in irgendeiner Verbindung damit gestanden!

Es war auch nicht das, was man gemeinhin unter einem Traumhaus versteht. Kein strahlend weißes Juwel, keine architektonische Kostbarkeit. Es war ein no-nonsense-Haus, nüchtern, bieder und zurückhaltend. Das Einzige, was ein wenig Leben in seine Viereckigkeit brachte, waren die beiden vertikalen Reihen von Erkerfenstern, die links und rechts an jedem Stockwerk vorsprangen und auf den ersten Blick den Anschein erweckten, die Vorderfront würde von Türmen flankiert. Die Mauer war mit zwei Reliefpfeilern im Jugendstil verziert, die auf der grauweiß verputzten Fassade so blass und filigran wirkten wie gepresste Rosen auf den Seiten eines Poesie-Albums. Darüber blickte das runde Fischauge eines Medaillon-Giebelfensters herab. Nichts an dem Gebäude war außergewöhnlich, und ich konnte mir meine innere Bewegung nicht erklären.

Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass man es in der gesamten Larabaya-Straße hinter der vorgehaltenen Hand das „Totenhaus“ nannte. Ich kannte es nur unter der trivialen Bezeichnung Nummer 12 A. Alec, der systematisch alle vielversprechenden Häusermakler abklapperte, hatte es Ende Februar in den Angebotsmappen einer Kanzlei entdeckt, und zum Besichtigungstermin am 8. März schleppte er mich mit. Es war ein unangenehm warmer Tag, dessen verfrühter Sommersonnenschein etwas Schleimiges an sich hatte. Ich hatte eigentlich nicht die geringste Lust, in den dritten Sprengel hinauszufahren und mir anzusehen, was Alec da an Land ziehen wollte, aber er brauchte mich unbedingt, um ihm beim Feilschen zu helfen.

„Es wurde erstaunlich billig angeboten“, erzählte er mir am Telefon, „aber ich glaube, wir können die Miete noch weiter drücken, wenn du daran herummäkelst.“

„Häuser, die erstaunlich billig angeboten werden, sind Spukhäuser“, informierte ich ihn aus meinem Erfahrungsschatz. „Hast du gefragt, ob es lange leer gestanden ist? Ob es mehrfach kurzfristig vermietet war? Ob der Preis in den letzten Jahren ständig gesenkt wurde?“

Alec lachte nur. „Es wäre nicht uninteressant, in einem Spukhaus zu wohnen, Charmion. Aber ich glaube nicht, dass es eines ist. Auf den Fotos jedenfalls sieht es vollkommen harmlos aus. Also? Kann ich dich zum Mittagessen abholen?“

Ich dachte sehnsüchtig daran, dass es mir bei diesem tödlichen Biowetter lieber gewesen wäre, mich mit leichter Lektüre ins Bett zurückzuziehen. Aber Alec hörte sich so begeistert an. Anscheinend hatte er sein persönliches Traumhaus gefunden, und diese Erfahrung wollte ich mit ihm teilen, auch wenn ich dazu eine Kreislauftablette schlucken und eine Flasche eiskaltes Mineralwasser trinken musste.

Flüchtige graublaue Wolkenbänder huschten über den gleißenden Himmel, als wir mit dem Makler zur Larabaya-Straße Nr. 12 A hinausfuhren. Ich kannte den dritten Sprengel nicht sonderlich gut, wusste aber, dass es im Allgemeinen eine angenehme und ruhige Wohngegend war. Die Larabaya-Straße, die mäßig steil einen Hügel hinauf- und wieder hinunterführte, war typisch für diesen Bezirk. Die riesigen Grundstücke waren teilweise romantisch verwildert, teilweise waren sie gerodet und bebaut worden, meist mit dünnwandigen Bungalowsiedlungen und den Glas-und-Beton-Filialen der billigen Einkaufsketten, die dort so verlegen herumstanden wie plebejische Mädchen auf einer Adelsgesellschaft.

Früher war das alles hier eine Villengegend gewesen, teuer und protzig. Aber als die Steuern und Betriebskosten in schwindelnde Höhen kletterten, wurden immer mehr der pompösen alten Villen aufgegeben. Je länger sie leer standen, desto unerschwinglicher wurde es, sie zu renovieren. Die Hauseigentümer behalfen sich dann meistens damit, dass sie Zwischenwände aus Gipsplatten einzogen und so „Apartments“ schufen, die sie zu billigen Preisen, aber höchst unsozialen Bedingungen vermieteten. Andere ließen die alten Gebäude einfach unbetreut stehen und warteten, bis sie hinreichend verfallen waren, um abgerissen zu werden.

Wir kamen an einigen solcher Häuserwracks vorbei, die wie gestrandete Gespensterschiffe in ihren verwilderten Gärten lagen, und jedes Mal hoffte ich inständig, dass Alec nicht auf den wahnwitzigen Gedanken gekommen war, eines dieser Mausoleen zu mieten, die im Sommer von Ungeziefer schwirrten und sich im Winter in Eisdome verwandelten. Mir blieb beinahe das Herz stehen, als der Makler den Wagen kurz vor der Kuppe des Hügels anhielt und ich mich einem Koloss aus schwarzem Sandstein gegenübersah, der aus schmutzigen gotischen Fenstern grämlich die Straße anblinzelte. Aber da hatte Alec schon meinen Arm ergriffen und deutete mit großer Geste auf das Nachbarhaus, dessen bleiche Fassade von mehreren hohen Zypressen flankiert wurde: „Da ist es, Mylady. Was sagst du dazu?“

Ich stieg aus dem Wagen, setzte die Sonnenbrille auf – und sah mein Zuhause.

Ein solches Gefühl von Déjà-vu überschwemmte mich, dass ich sekundenlang reglos dastand und nicht einmal hörte, was Alec sonst noch schwatzte. Mein gesamtes Leben schien plötzlich einen Strudel zu bilden, und das Zentrum des Strudels war dieses Haus. Aller Vernunft zum Trotz empfand ich es als das Haus, in dem ich geboren worden war, in dem ich erst Kind, dann Mädchen und zuletzt Ehefrau gewesen war und dann die zermürbenden Wochen einer bösartigen Scheidung durchlebt hatte. Ich fühlte, dass ich in diesem Haus gewohnt hatte, als ich den ersten Karton mit frisch gedruckten Büchern über die Schwelle getragen hatte, so stolz wie eine Mutter ihr erstgeborenes Kind. Hier hatte ich den Anruf entgegengenommen, der meinen ersten bedeutenden Erfolg ankündigte. Hier hatte ich einem treulosen Geliebten nachgeschimpft und die Tür ins Schloss geworfen, dass eine Glasraute aus dem Rahmen fiel. Hinter diesen Fenstern, an denen trübselig fleckige Leinenrollos hingen, hatte ich bizarre sexuelle Erfahrungen gemacht. Alles, was ich in den 49 Jahren meines Daseins erlebt hatte, hatte sich in diesem Haus abgespielt!

„Es gefällt dir wohl nicht?“, fragte Alec neben mir. Ich wusste nicht, ob er mein langes steinernes Schweigen wirklich so deutete oder mich nur daran erinnern wollte, dass ich den advocatus diaboli zu spielen hatte.

Ich nahm mich zusammen. „Sehen wir es uns erst einmal gründlich an, dann reden wir weiter.“

Der Makler schloss das Gartentor auf und ging uns voran. Ich folgte ihm, und im Augenblick, in dem ich über die Schwelle trat, ergriff etwas Unsichtbares meine Hand! Die Berührung war so unmissverständlich, dass ich verblüfft auf die Stelle starrte, wo das dazugehörige Wesen hätte sein müssen. Aber dort war nichts! Ich starrte die leere Luft an. Und doch lag eine Hand in meiner. Ich spürte, dass es eine kleine Hand war, wie die eines vielleicht fünf- oder sechsjährigen Kindes. Sie hielt mich mit einem gleichzeitig losen und fordernden Griff, als wollte das Wesen etwas von mir, fürchtete sich aber, sein Wollen zu zeigen. Als ich meine Linke ansah, war sie tatsächlich ein wenig nach innen gekrümmt, genauso, als würde sie von Fingern gedrückt.

Die Hand zog an mir, leise, aber beharrlich, wie Tiere einen an den Kleidern zupfen.

Da ich vor Überraschung mitten im Schritt stehengeblieben war, starrte der Makler mich mit dümmlich fragendem Ausdruck an, und seine glotzenden Augen bewogen mich, den Mund zu halten und weiterzugehen, als sei nichts geschehen. Sobald ich einen oder zwei Schritte gemacht hatte, ließ das Ziehen an meiner Hand nach – vermutlich war das Wesen zufrieden, dass ich ihm den Willen tat – und das Gefühl, mich in Gegenwart einer weiteren Person zu befinden, verließ mich.

Ein Plattenweg führte zur Eingangstüre, links und rechts flankiert von frostverdorrten Rosenbüschen. Die bläulich-grünen Zypressen ragten steif in den Himmel. Ich war nie eine Gärtnerin gewesen, deshalb war ich froh, dass der Garten trotz seiner Größe nicht so aussah, als würde er viel Arbeit machen. Das meiste war Rasen und Immergrün.

Am Ende des Plattenweges saß das Haus und wartete auf uns. Ich empfand es so sehr als belebtes Ding, dass ich mich unbehaglich fühlte. Es war nicht angenehm, von etwas angestarrt zu werden, das zwei Stockwerke hoch und vier Fenster breit war. Das närrische Gefühl überkam mich, dass es auf uns wartete wie ein schüchterner Hund, vorne noch ruhig, aber hinten bereits schweifwedelnd. Kein Zweifel, es nahm unsere Anwesenheit zur Kenntnis! Es beobachtete aufmerksam, wie wir uns Schritt für Schritt näherten. Ich konnte fühlen, was es dachte. Sind sie das? Sind das die Richtigen? Die Leute, auf die ich gewartet habe? Ja, das sind sie ... sie sind da, sie sind gekommen ... willkommen, ich habe lange auf euch gewartet ...

In meinen Büchern hatte ich immer unbekümmert Gebrauch von den traditionellen Requisiten des Schreckens gemacht, auch, was Häuser anging. Wenn mir nichts Besseres einfiel, musste es eben die krumme viktorianische Villa mit den grinsenden Wasserspeiern und winselnden Wetterhähnen sein. Oder das wacklige Motel mit dem schindelgedeckten Turm. Oder das einsame, halb verfallene amerikanische Farmhaus. Aber dieses Haus hier war anders. Es sah so verflixt brav aus wie ein Mauerblümchen in einem grauen Kleid mit weißen Blenden. Man musste ihm tief in die Augen blicken um herauszufinden, dass die kleine Unschuld es faustdick hinter den Ohren hatte.

Ich verstand nichts von Architektur und hätte nicht sagen können, ob es überhaupt einem bestimmten Stil zuzuordnen war. Leidlich hübsch war nur der Eingang mit dem fächerförmigen Oberlicht über der Türe und dem von zwei schlanken dorischen Säulen getragenen Vordach, an dem eine Wagenlaterne hing. Zwei Stufen führten zu der Eingangstüre hinauf. Auf diesen Stufen saß – in einer Haltung, als würde sie dafür bezahlt, dort zu sitzen – eine schwarze Katze von beträchtlicher Größe. Ihr Schweif, der sich lässig um die Vorderpfoten ringelte, war so buschig wie der eines Waschbären.

Alec hatte einen guten Griff getan. Soweit ich erkennen konnte, wies das Gebäude keine größeren Schäden auf. Die Fassade war trocken, das Dach komplett, die Fensterscheiben alle heil. Es brauchte gewissermaßen nur jemanden, der ihm die Zähne putzte, die Nase schnäuzte und die Schnürsenkel richtig band. Nicht schlecht für ein Super-Sonder-Billigangebot. Aber ich war ja engagiert worden, um so zu tun, als wollte ich meinen Gefährten mit allen Mitteln vom Kauf abbringen.

„Sieht reichlich gammelig aus“, bemerkte ich sauertöpfisch. „Da muss man wahrscheinlich Millionen hineinstecken, um es bewohnbar zu machen.“

„Das sind nur Äußerlichkeiten, gnädige Frau“, beeilte sich der Agent zu versichern. „Ein bisschen frischer Putz, ein paar Dosen Farbe, und es ist wie neu. Die Substanz ist ausgezeichnet. Gute Fundamente, trockene Mauern, tadelloses Dach.“

„Aber schiefe Türen“, ergänzte ich, denn in dem Augenblick schwang die Eingangstüre mit dem Rautenglas weit auf und blieb offen stehen. Die Katze sprang mit einem eleganten Satz beiseite und schritt mit erhobenem Schweif ins Haus. Wir warteten alle darauf, dass jemand heraustreten würde, aber niemand kam. Die Türe blieb sperrangelweit offen und ließ erkennen, dass sich in dem Flur dahinter kein Mensch befand.

Der Agent lächelte etwas gequält. „Das kann nur Zugluft gewesen sein. Sicher hat jemand die Hintertüre aufgemacht.“ Er beeilte sich, uns in Innere des Hauses zu komplimentieren.

Ich trat mit einem gewissen Misstrauen ein. Das Gebäude wirkte nicht bösartig, aber es war auch zweifellos kein gewöhnliches Haus. Es war beseelt, und es war intelligent. Noch bevor ich den Fuß auf die Schwelle setzte war ich entschlossen, es zu behandeln wie einen lebenden Menschen, der meine Bekanntschaft zu machen wünschte und über dessen Absichten ich mir vorderhand nicht im Klaren war.

Meine Einstellung zum Übernatürlichen war durchaus zwiespältig. Einerseits war es mein tägliches Brot, andere Leute das Gruseln zu lehren, und ich entwarf haarsträubende Szenarien des Schreckens mit professioneller Routine, während ich meinen Morgenkaffee trank und darauf wartete, dass mein frisch gewaschenes Haar trocknete. Andererseits wusste ich seit langem, dass ich tatsächlich hellsichtig war, besonders was Häuser und deren Ausstrahlung anging, und hatte gelernt, mich dieser Gabe zu fügen. Ich zweifelte auch nicht im Geringsten an der Realität übersinnlicher Phänomene. Um es mit Emmanuel Kant zu sagen: Ich behielt mir vor, jedes einzelne derselben in Zweifel zu ziehen, allen zusammengenommen aber wollte ich Glauben beimessen. Auf jeden Fall nahm ich die Sache ernst und war nicht bereit, mich leichtfertig in die Zwielicht-Zone zu begeben.

Ich erinnerte mich mit Grauen an den Journalisten, der mich unbedingt hatte bewegen wollen, mit ihm eine Besichtigungstour durch ein Spukhaus zu machen. Und obendrein um Mitternacht! Er hatte sich das sehr witzig vorgestellt, wie ich, die Schöpferin von Geistern und Gespenstern, deren „echten“ Kollegen begegnete. Ich hatte ihm nicht begreiflich machen können, dass es ein gefährliches Spiel war, diese andere Welt leichtfertig zu provozieren, und dass ich keine Lust hatte, über Nacht schlohweißes Haar zu bekommen oder vor Schreck dem Wahnsinn zu verfallen.

Herzlich willkommen

Als wir aus dem grellen Vorfrühlings-Sonnenschein in das Zwielicht des Hausflurs eintraten, dachte ich einen Augenblick lang, ich hätte die Person gesehen, die die Hintertüre geöffnet hatte. Jedenfalls stand dort hinten im Halbdunkel jemand. Eine Frau schien es zu sein, die weiße Kleider und darüber einen dunklen Umhang trug und auf dem Kopf ein weißes Käppchen. Eine Welle von Unbehagen strömte von ihr auf mich zu, und ich hoffte sehr, dass sie nicht zum Haus gehörte. Dann erst sah ich, dass ich mich getäuscht hatte. Es war nur ein Spiel der Schatten gewesen. Der Flur war bis auf die dicke schwarze Katze leer.

Besser gesagt, es war nichts darin zu sehen. Dass er leer war, das Gefühl hatte ich ganz und gar nicht! Es war, als atmeten die Wände. Die Villa umgab mich jetzt mit einer Zudringlichkeit, die ich deutlich wahrnahm. Ich fühlte mich angestarrt. Irgendetwas schien mich, wie ein unsichtbares Tier, in ständiger Bewegung zu umkreisen, als wollte es meine Witterung aufnehmen. Einmal bildete ich mir sogar ein, dass ich es sah – eine Form wie den leuchtenden Umriss einer menschlichen Gestalt, die in majestätischer Schwerelosigkeit die Treppe herabglitt. Aber die Sonnenstrahlen fielen schräg und gebrochen in den Raum, und es konnte leicht sein, dass das flirrende Licht und der schwebende Staub mich getäuscht hatten.

Ich holte tief Atem – dabei fiel mir auf, dass es im Flur erstaunlich stark nach frischen Blumen roch, als sei die Diele angefüllt mit Grün und Blüten – und konzentrierte mich auf die sichtbare und tastbare Realität.

Das erste, was mir auffiel, war die mit sturer Konsequenz durchgehaltene Doppelseitigkeit in der Architektur des Gebäudes. Allem hier entsprach sein spiegelbildliches Gegenstück. Wir standen in einer Diele, von der eine schokoladenbraun lackierte, mit grünem Filz belegte Treppe in den ersten Stock und darüber hinaus bis zum Dach hinaufführte. Diese hölzerne Treppe bildete gewissermaßen die Wirbelsäule des Hauses. Neben und unter der Treppe zogen sich schmale Flure über die ganze Länge des Bauwerks. Von ihnen gingen links und rechts je ein rechteckiger, durch das Erkerfenster kurios ausgebuchteter Wohnraum und dahinter ein quadratischer Raum, der im Erdgeschoss als Küche genutzt wurde, ab. Zwischen diesen beiden Zimmerpaaren, unter der Treppe, befand sich in jedem Stockwerk ein Waschraum mit einer Toilette.

Diese Ordnung, notierte ich bei der weiteren Besichtigung, wurde in allen drei Etagen, Erdgeschoss, erster Stock, zweiter Stock, eisern durchgehalten. Allerdings war die schlichte und durchaus reizvolle Architektur nur im Erdgeschoss klar zu erkennen. In den beiden oberen Stockwerken verschwand sie beinahe vollkommen unter der Möblierung, denn das Haus war in einer so krankhaften Weise mit Möbeln vollgestopft, wie manche alte Leute ihre Wohnungen mit Papieren vollstopften. Die Möbel im Erdgeschoss waren sparsamer platziert, aber dafür waren sie alle tiefschwarz und in einem so schwülstig überladenen Stil mit Holzschnitzerei, Glas und Marmor verziert, dass sie kleinen Schlössern mit Türmchen und Erkerchen ähnelten. Die meisten waren geräumig genug, dass man jede Menge Leichen darin hätte verstecken können.

Das Haus war also so pedantisch gerade gebaut, als hätte ein Kind es aus Bauklötzchen zusammengesetzt, dennoch wurde ich von Anfang an das Gefühl nicht los, dass es irgendwie aus dem Lot, aus dem Rhythmus geraten war. Es machte bei aller Geradlinigkeit einen schiefen Eindruck, so schief wie das Verrückte Haus im Lunapark, dessen gekippte und verwinkelte Zimmer unmöglich zu durchqueren waren.

Aus dem Gewirr mehr gefühlter als gesehener Präsenzen um mich löste sich eine, drängte an meine Seite. Kann man ein Gespenst wiedererkennen? Ich war überzeugt, dass es dasselbe Wesen war, das mich im Garten draußen an der Hand gezogen hatte. Jetzt griff es wieder nach mir, schlang die Finger lose in meine. Die Situation fühlte sich genauso an, als sei ich zu Besuch gekommen und ein Kind des Hauses drängte eifrig herbei, um mich mit Beschlag zu belegen – was mir häufig passierte, denn zu meiner eigenen Verwunderung mochten mich Kinder, obwohl ich absolut nichts Mütterliches an mir hatte. Dieses hier (ich war mittlerweile fest überzeugt, dass ich es mit einem Mädchen zu tun hatte) war offenbar sehr angetan von mir. Es hielt mich nicht nur fest, es schmiegte sich auch mit einer schwach fühlbaren Bewegung an meine Seite.

Links vom Eingang stand eine Türe offen und gab den Blick in ein Zimmer mit heruntergelassenen Jalousien frei, das mit monumentalen, bizarr ausgestalteten Schränken aus dunklem Walnussholz möbliert und mit einer gelblich-braunen Tapete ausgeschlagen war, deren unmöglicher Farbton an Durchfall erinnerte. Eine atemberaubende Unordnung herrschte darin. Zum größten Teil war es ein Durcheinander von Büchern, Disketten und Papieren, die sich in wackligen Stößen rund um eine Computeranlage türmten, aber dazwischen verstreut standen überall gebrauchte Kaffeetassen und benutzte Teller, die verrieten, dass der Besitzer unterm Arbeiten aß und trank – und es sich dabei gelegentlich auf dem Boden bequem machte, denn auf dem Teppich lag ein aufgeschlagenes Buch, das von einem daraufgestellten Trinkglas offen gehalten wurde. (Dass ein Mann in dem Zimmer wohnte, war leicht erkennbar, denn die schmuddeligen Kleider- und Wäschestücke, die überall in dem Tohuwabohu verstreut lagen, waren die eines Mannes.) Eine Couch verschwand beinahe unter Ordnern und Mappen, während ein doppelsitziges Sofa als Bett benutzt wurde, aber kein Bettzeug aufwies, sondern nur ein grünes Samtkissen und eine Steppdecke. Auf dem Monitor balancierte ein Teller mit den eingetrockneten Resten eines Mittagessens. Einen zweiten Teller entdeckte ich, halb verborgen hinter den Fransen der erbsengrünen Samtdecke, unter dem Sofa.

Dem Agenten war dieses extravagante Stillleben peinlich. Er murmelte: „Zur Zeit sind Mieter hier ... vier Personen, um genau zu sein. Aber wenn Sie das Haus kaufen wollen, treffen wir da natürlich ein befriedigendes Arrangement.“

Das hieß im Klartext: Die armen Teufel wurden hochkant aus dem Haus geworfen, weil sich ein zahlungskräftiger Käufer gefunden hatte! Denn arme Teufel waren es sicherlich. Nur Leute, die sich nichts Besseres leisten konnten, nahmen die skandalösen Mietverträge dieser „Apartments“ in Kauf.

Ich hatte es kaum gedacht, als ein Mann, der etwa in meinem Alter sein musste, an der Hintertüre auftauchte. Offenbar hatte er im Garten gearbeitet, denn er hielt eine erdige Harke in der Hand. Er trug ausgebeulte, ockerfarbene Cordsamt-Hosen und ein ausgewaschenes Jeanshemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen aufgerollt hatte. Da wir in der offenen Tür standen, erkannte er uns wohl nur als schwarze Silhouetten, denn er kam misstrauisch blinzelnd näher. Als er ins Licht trat, sah ich, dass er mittelgroß und von schlanker, wenn auch etwas schlaffer Gestalt war und dichtes, ungebärdiges Haar von einer Farbe wie reifer Kürbis hatte: rot-braun-gold. Vorne war es achtlos aus der Stirn gekämmt, hinten hing es ihm lang und zottellockig über den Hemdkragen.

Das Gesicht unter diesem Haar war eines, das man nicht leicht vergaß: Derb, mit bäurischen Zügen, aber von lebhaft intelligentem Ausdruck. Es war vom Leben gezeichnet, ja, verhärmt, und doch sprach eine außergewöhnliche Persönlichkeit daraus. Die braunen Augen unter den dicht wuchernden Brauen waren milde, fast seelenvoll, während die vorgeschobene Unterlippe und das feste Kinn ein herausforderndes, sogar streitsüchtiges Naturell verrieten. In seinem groben blauen Hemd erinnerte er mich entfernt an Clint Eastwood in „Flucht aus Alcatraz“ – freilich einen etwas älteren und sehr rothaarigen Eastwood.

Der Besitzer dieser zweideutigen Gesichtszüge trug eine Brille mit einem sechseckigen, orangen Hornrahmen, an der er ständig irritiert herumrückte, als sitze sie nicht richtig. Auch die Brille ließ keinen rechten Schluss auf das eigentliche Wesen des Mannes zu, denn sie war offensichtlich ein teures, wahrscheinlich sogar ein sehr teures Modell, aber einer der Brillenbügel war mit Leukoplast geflickt, und das schon seit einer ganzen Weile, nach dem fettigen und abgegriffenen Aussehen des Flickens zu schließen. Als der Mann nach dem Brillengestell griff, fiel mir auf, dass sein nackter Unterarm von unregelmäßigen weißen Narben gesprenkelt war, jede so groß wie ein Groschenstück, als sei etwas in glühenden Tropfen darauf gefallen.

Das wirklich Erstaunliche an dem Rothaarigen war jedoch die Energie, die er ausstrahlte, eine Energie, die in grellem Kontrast zu seiner heruntergekommenen Erscheinung stand. Wenn ich jemals jemanden gesehen hatte, dem ich psychokinetische Kräfte zutraute, dann war er es. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er es fertiggebracht hätte, Gegenstände durch die Luft fliegen zu lassen und Feuer zu entfachen. Von ihm ging eine pulsierende Kraft aus, die mich förmlich zwang, einen Schritt zurückzutreten, als strahlte er eine unerträgliche Hitze ab. Mir fiel auf, dass Alec ihn stirnrunzelnd anblickte – also fühlte er vielleicht ebenfalls diese beunruhigende Ausstrahlung.

„Suchen Sie jemand?“, fragte der Mann, während er die Harke in einer Ecke lehnte und die Katze, die voll freudiger Erwartung auf ihn zugelaufen war, auf den Arm nahm. Sein Tonfall war bedrohlich, als sei er drauf und dran, uns mit Gewalt hinauszuwerfen. Dann erkannte er den Agenten und grüßte ihn – nicht gerade sehr herzlich, wie mir schien. Uns warf er einen Blick zu, aus dem brennende Neugier sprach, fast, als hätte er einen sehr persönlichen Grund, sich für uns zu interessieren, aber er sprach uns nicht an.

Die beiden wechselten ein paar Worte, wobei der Makler ihn mit „Junkarts“ anredete – ohne den sonst üblichen Zusatz „Herr“. Ich hatte den Eindruck, dass der Abgesandte des Hauseigentümers bereits das Terrain für eine Kündigung vorbereitete, denn er beschwerte sich wortreich über das Chaos im Zimmer und drohte mit Strafmaßnahmen. Der Mann namens Junkarts hörte geduldig zu, ohne den Makler zu unterbrechen, aber sein absenter Blick verriet, dass ihn die Vorhaltungen nur sehr mäßig interessierten. Schließlich gab er ein halbherziges Versprechen ab, in Zukunft mehr Ordnung zu halten, und verschwand mitsamt der Katze in seinem Zimmer, dessen Türe er nachdrücklich hinter sich schloss.

Wieder fiel mir auf, wie Alec ihm nachblickte. Er hatte die Augenbrauen gehoben und die Augen zusammengezogen, ein Gesichtsausdruck, der mir verriet, dass er irgendetwas höchst Interessantes witterte. Er sah aus wie ein Jagdhund, der soeben den Fuchs entdeckt hat.

Der Agent zupfte mich am Ärmel. „Wenn Sie bitte weiterkommen wollen ...“

Ich gehorchte, schon weil mich in diesem Augenblick auch noch etwas Anderes am Ärmel zog – eine kleine, raue Hand, die ich nicht sehen konnte.

Wir stiegen die Treppe hinauf, weiterhin begleitet von einem kühlen, frischen Schwall von Blumenduft, obwohl ich nirgendwo Blumen entdecken konnte. Noch nie hatte ich ein Haus betreten, das so ungemein lebendig wirkte. Ich konnte es kaum glauben, als der Makler erwähnte, dass tagsüber nur der chaotische Rotschopf zuhause war. Das Haus fühlte sich an, als wimmelte es von Bewohnern! Seit meinem Eintritt war ich überzeugt, überall die Geräusche zu hören, die auf die Anwesenheit vieler Menschen hinweisen, und ich fühlte die Gegenwart zahlreicher Mitbewohner. Aber der Mann hatte recht, das Gebäude war, uns vier und die Katze ausgenommen, vollkommen verlassen!

Eine Unbequemlichkeit des Hauses bestand darin, dass die Fenster sich alle beide in den Vorderzimmern befanden, so dass es auf den oberen Fluren sehr dämmrig war, wenn man nicht das trübselig flimmernde Treppenlicht einschaltete. Überhaupt war der ursprüngliche Architekt mit Fenstern äußerst sparsam umgegangen, denn die Ostwand des Bauwerks war, bis auf das runde Speicherfenster, vollkommen fensterlos, und in der Nord- und Südwand befanden sich nur die schmalen, einteiligen Fenster der Hinterzimmer. Aber das konnten wir ja, wenn wir das Haus wirklich kaufen wollten, leicht ändern.

Im ersten Stock nahm das hölzerne, marmorne und gläserne Unwesen so schlagartig zu, als hätte das Gerümpel dort Junge bekommen. Wir hätten genauso gut in einem Möbeldepot stehen können. Überall türmten und drängten sich Schränke, Kästchen, Kommoden und Psychen, die meisten altmodisch und hässlich, alle von dickem Staub bedeckt – ein Konglomerat von blindem Glas und fleckigem dunklem Holz, das jeden verfügbaren Winkel im Gebäude einnahm. Es war kaum zu glauben, aber stellenweise waren diese Möbelungetüme sogar übereinander getürmt. Da stand auf einem geschnitzten schwarzen Walnussschrank von der Größe eines Familiengrabmals eine Kommode und darauf noch einmal ein Kästchen, als hätte eine unsichtbare Kraft sie ineinandergeschoben. An einer anderen Stelle war ein halbes Dutzend kleiner Kästchen in einen türlosen Schrank gestapelt. Für die Katze musste es ein Paradies sein, aber für einen Menschen wie mich, der Licht und Luft und klare Formen brauchte, war es ein Albtraum.

Alec sah auch ziemlich beklommen aus. „Wo kommt denn all das Zeug her?“, fragte er, während er mit seinem Gehstock da und dort an eine geschnitzte Kante oder ein hölzernes Ornament tippte.

Der Agent gebärdete sich, als täte er uns mit diesem Möbellager noch einen Gefallen; er bemerkte etwas spitz, die schönsten Stücke stammten noch aus der Zeit der Gründer, der Mitte des 19. Jahrhunderts, es sei hier nie viel verändert worden, und bei einem Kauf sei alles zu besonders günstigen Preisen inbegriffen – da würde sich so mancher Antiquitätenhändler die Finger lecken!

Der erste Stock war, wie der Makler uns weiterhin erklärte, ein Apartment und nur als Ganzes zu vergeben, was den vier Parteien zu teuer gewesen war. Sie hatten jeder nur ein Zimmer und die gemeinsame Benützung der Küche und des Badezimmers im Souterrain unten gemietet. Gegenüber von Junkarts wohnte ein Mädchen, das auf eine Karriere als Fotomodell hoffte, es aber auf dem Weg zum Ruhm bislang nur zur Kellnerin in einem Nachtcafé gebracht hatte. Den zweiten Stock okkupierten zwei junge Leute, ein Junge und ein Mädchen, die jeder ein eigenes Zimmer hatten. Wieder versicherte der Makler, er könnte sie jederzeit hinauswerfen; die Mietverträge seien so angelegt, dass sie erloschen, sobald das Gebäude als Ganzes vermietet oder verkauft wurde.

Alec, der ein großherziger Mensch war, wehrte ärgerlich ab. „Sie können die Leute doch nicht ohne Vorwarnung auf die Straße setzen. Wir werden schon eine Lösung finden.“

Ich sah mich in dem Apartment um und strengte meine Fantasie an, mir vorzustellen, wie es ohne all den Krimskrams und die grauenhaften ockerbraunen Tapeten aussehen mochte. Die Räume waren angenehmen proportioniert, nicht zu hoch und nicht zu niedrig; die Fenster und der honigfarbene Schiffboden waren in gutem Zustand. Zu meinem Entzücken gab es hier offene Kamine, die mit Gas beheizt wurden. Künstliche Holzscheite täuschten ein Kaminfeuer vor. Das war vielleicht kitschig, aber man musste an die Umwelt denken, und um Keramikscheiter züngelnde Gasflammen waren immer noch romantischer als eine Zentralheizung.

Die Bezeichnung „Apartment“ hatte der erste Stock sich damit verdient, dass der Waschraum cum Toilette zwischen den beiden hinteren Zimmern zu einem winzigen Badezimmer erweitert worden war. Es bot gerade genug Platz für eine Sitzbadewanne mit Dusche und ein Waschbecken. Ich verliebte mich sofort in den possierlichen Raum, aber ich fragte mich, was Alec davon halten würde, seine XX-Large-Figur in diese Wanne zu zwängen! Genauso gut hätte er versuchen können, in einem Eimer zu baden. Nun, immerhin gab es, wie der Agent bemerkte, ein geräumiges Badezimmer im Souterrain, damit konnte er sich behelfen, bis wir eine endgültige Lösung gefunden hatten.

Die quadratischen Hinterzimmer waren als Schlafzimmer eingerichtet gewesen, die Vorderzimmer mit den weit vorspringenden Erkerfenstern als Wohnräume.

Es gefiel mir sehr, dass ich hier meine eigene Wohnung haben würde und Alec auch einmal die Türe vor der Nase zuschlagen konnte, wenn ich in Ruhe gelassen werden wollte. Überhaupt fand ich das Apartment liebenswert, obwohl es im Augenblick einen schändlich vernachlässigten Eindruck machte. Allerorten hingen Drähte aus der Wand, wo man Lampen abmontiert hatte. An den Tapeten zeichneten sich die Rahmen von Bildern ab, die früher hier gehängt waren. Der Boden war voll Staub, und vergessener Krimskrams lag in den Ecken.

Auch hier waren wir nicht allein.

Als ich die Türe des Hinterzimmers öffnete, hatte ich den überwältigenden Eindruck, dass sich jemand darin befand. Ich spürte ganz deutlich die Anwesenheit mehrerer Personen, sodass ich unwillkürlich die Hand hob, um an die Türe zu pochen, bevor ich sie aufzog. Aber der Raum war leer, er war tatsächlich unmöbliert, und es konnte ihn auch niemand verlassen haben, denn es gab keine Türe außer der, durch die ich hereingekommen war. Kartonschachteln standen aufeinander getürmt an den Wänden, aber darin konnte sich ja wohl niemand verstecken. Und noch merkwürdiger war, dass ich diese Gegenwart auch noch spürte, als ich bereits unmissverständlich erkannt hatte, dass niemand da war!

Das Gefühl, von wachen Sinnen zur Kenntnis genommen zu werden, verstärkte sich immer mehr, je tiefer wir in das Innere des Bauwerkes vordrangen – als schwebten Augen über mir, die jede meiner Bewegungen registrierten. Es war jedoch bei aller Intensität keine feindselige Aufmerksamkeit. Ganz im Gegenteil. Ich fühlte mich willkommen geheißen, als hätte das Haus mit seinen unsichtbaren Bewohnern schon seit ewig langer Zeit auf mich gewartet. Um mich herum summte und murmelte es in der Luft, als versuchte das Gebäude selbst mit mir zu sprechen, mir etwas mitzuteilen, das ihm wichtig war. Ich hatte den Eindruck, dass ich es hätte verstehen können, wenn nicht der lästige Agent gewesen wäre, der uns mit tausend uninteressanten Kleinigkeiten die Ohren vollschwatzte.

Alec ergriff meinen Arm. „Ist dir nicht gut? Du sagst kein Wort.“

Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Ich bin völlig versunken in die Berechnung der Kosten, die diese Fledermausburg uns verursachen wird. Findest du nicht, man müsste hier alles von Grund auf renovieren? Diese Tapeten jedenfalls –“ Ich legte die flache Hand auf eine Mauer ... und zog sie mit einem schrillen Aufschrei zurück.

Ein Schock war durch alle meine Nerven gefahren, ein so bösartiger, sengender Schlag, wie ich ihn einmal bekommen hatte, als ich einen Nagel in eine unter Putz verlegte Lichtleitung geschlagen hatte. Mein Haar schien stocksteif in die Höhe zu stehen. Die Hand, die die Mauer berührt hatte, brannte und juckte und krampfte sich zu einer Klaue zusammen. Ich sah entsetzt hin, überzeugt, dass sie verbrannt sein musste. Aber das Gewebe war heil. Es tat nur ekelhaft weh. Alle meine Sehnen und Muskeln waren von dem Krampf zusammengeschnurrt, so dass Alec eine ganze Weile reiben und kneten musste, bis die Finger sich wieder lockerten.

Mittlerweile hatte der Agent – sehr vorsichtig – die Mauer betastet, aber keinen Schlag bekommen. Daraufhin erklärte er, es sei „nichts“.

„Nein?“, fuhr ich ihn an. „Meinen Sie, ich kenne einen elektrischen Schlag nicht, wenn ich einen bekomme? Hier sind Kriechströme unterwegs, und ich hoffe nur, das Badezimmer ist besser isoliert! Ich habe keine Lust, in der Badewanne gedünstet zu werden!“ Ich starrte wütend die Mauer an. Sie sah vollkommen harmlos aus. Ein abgerissenes Endchen Tapete fächelte im schwachen Luftzug. Der Mann hatte das Gemäuer berührt und keinen Schlag bekommen, aber ich spürte, dass die Elektrizität – oder was immer es war – nach wie vor aktiv war. Ich meinte, es in der Mauer summen und knistern zu hören, dasselbe spukhafte Geräusch, das man hört, wenn man unter Hochspannungsmasten durchgeht.

Alec streckte die Hand aus und wollte selbst überprüfen, was es mit der geheimnisvollen Wand auf sich hatte, aber ich zog ihn rasch am Ärmel zurück. „Lass das lieber sein. Komm, gehen wir weiter.“ Mir war der Gedanke gekommen, dass diese Kraft sich nur einem zukünftigen Mieter des Hauses gegenüber manifestieren würde, und ich wollte nicht, dass ES Alec wehtat.

Der Angriff war mir völlig unerwartet gekommen. Bis dahin hatte ich nicht den Eindruck gehabt, dass das Haus bösartig sei. Es hatte uns willkommen geheißen, und trotz seines verwahrlosten und vernachlässigten Äußeren hatte es etwas Liebenswürdiges an sich. Waren hier, so fragte ich mich, zwei verschiedene Kräfte am Werk? Die eine empfing uns mit offenen Armen, die andere begegnete uns feindselig und aggressiv? Und war das der Grund, warum es trotz seiner lotrechten Mauern und ebenen Böden so schief wirkte – dass es mit sich selbst uneins war, von zwei einander widerstrebenden Mächten durchdrungen, die gegensätzliche Ziele verfolgten?

Einen Augenblick ging mir die Frage durch den Kopf, ob am Ende der rothaarige Herr Junkarts die Quelle dieser Phänomene war. Er schien mir durchaus imstande, einen Poltergeist auszulösen, wenn ihm etwas nicht passte, und er hatte allen Grund, uns mit Missfallen zu betrachten. Schließlich waren wir der Anlass, warum der Hauseigentümer ihn kündigen wollte.

Dennoch hatte ich meine Zweifel. Die Kraft und Aufmerksamkeit, die mich umgab, schien unmittelbar von dem Bauwerk selbst auszugehen. Ich spürte ein Summen in den Dielen, ein Vibrieren in der Luft. Wenn ein einzelner Mann imstande war, ein ganzes Gebäude zu einer Manifestation seines Willens zu zwingen, dann musste er tatsächlich über einen gewaltigen Willen verfügen. Umgekehrt aber war das, was ich verspürte, unverkennbar eine menschliche oder menschenähnliche Intelligenz. Ich wurde nicht nur registriert, wie mich eine Fotokamera registriert hätte, sondern wahrgenommen, auf eine Weise, wie ich mir als Kind vorgestellt hatte, dass Gott mich immerzu sah und hörte.

Während wir die nächste Treppe hinaufstiegen, wandte ich mich an den Agenten. „Ich würde gerne ein bisschen mehr über die Geschichte dieses Hauses hören. Wer vorher hier gewohnt hat und so.“

Alec warf mir einen Seitenblick zu, der besagte: Du bist doch unverbesserlich!

Der Makler konnte mit meiner Frage nichts Rechtes anfangen. Oder wollte er sie nicht beantworten? Jedenfalls zuckte er die Achseln. Es gäbe nichts Besonderes zu berichten, behauptete er. Seine Firma verwaltete die Villa seit fast zwanzig Jahren. In der Zeit waren die Mieter gekommen und gegangen. Das sei so üblich. Leute, die einzelne Zimmer mit Küchenbenützung mieteten, waren zumeist nicht sehr sesshaft. Viele waren Studenten.

„Und noch früher?“, bohrte ich. „Wer hat es denn erbauen lassen?“

Darüber konnte er mir auch nicht viel sagen. Das Bauwerk war rund 150 Jahre alt. Erbauen lassen hatte es eine der gut situierten Familien, die in der damals fashionablen Larabaya-Straße ihre Villen errichteten. Im Zweiten Weltkrieg war es eine Zeitlang als Lazarett requiriert gewesen, danach hatte es wechselnde Bewohner gesehen. In den 70er Jahren hatte es eine Firma gekauft. Aber seit seine Gesellschaft es verwaltete, waren hauptsächlich Studenten die Mieter gewesen. Studenten und eben andere Leute, die sich nicht viel leisten konnten. Robert Junkarts wohnte bereits seit drei Jahren da, die drei jungen Leute seit zwei bzw. eineinhalb Jahren.

„Wem gehört es eigentlich?“

Ich erfuhr, dass der Besitzer eine Bank war. Der letzte Besitzer, der Geschäftsmann, hatte sich überschuldet und war in Konkurs gegangen. Sein Hauptgläubiger hatte die Liegenschaft kassiert. Wahrscheinlich hatten die Banker keine große Freude mit dem Kasten, der außer mageren Mieten nichts einbrachte. Sie würden Alec die Hände küssen, wenn er sich entschloss, ihn zu kaufen.

Ich erkundigte mich rundheraus, warum ein so gut erhaltenes Bauwerk so ungewöhnlich billig zu haben sei.

Die Antwort war eine lange Suada über die Schwierigkeiten des Immobilienmarktes – ein Gebiet, von dem ich nicht die geringste Ahnung hatte. Ich blieb trotzdem misstrauisch. Zu fest war die Überzeugung in mir verankert, dass verdächtig billig angebotene Häuser dunkle Flecken auf ihrer Vergangenheit hatten.

Der fischäugige Agent war kein Mann, mit dem man vertrauliche Gespräche führen konnte, also fragte ich ihn auch nicht, ob hier jemals etwas Ungewöhnliches passiert sei, oder gar, ob es hier spukte. Das konnten wir anders auch herausfinden. Schließlich recherchierte ich nicht umsonst seit zwanzig Jahren in den Gefilden des Unerklärlichen.

Wir stiegen in den zweiten Stock hinauf, wo die beiden jungen Leute wohnten. Keiner von beiden war zu Hause, ihre Zimmertüren waren geschlossen. Eine der Türen, die linke, war schwarz gestrichen worden, was dem Agenten einen ärgerlichen Ausruf entlockte. „Das stelle ich ihm in Rechnung! Das wird er bezahlen! Im Mietvertrag steht eindeutig, dass keine Veränderungen vorgenommen werden dürfen!“

Er schloss die schwarze Türe mit einem Hauptschlüssel auf und ließ uns einen Blick in ein Zimmer tun, das mich an Ray Millands wohnliches Mausoleum in „Lebendig begraben“ erinnerte. Ein beißender Geruch von Räucherstäbchen mischte sich in die stickige Luft. Die Fenster waren geschlossen und verhängt, sodass ich erst Näheres erkannte, als der Agent das Licht andrehte.

Ich hatte Zeit meines Lebens viele solcher Zimmer gesehen, aber ich hatte nicht gewusst, dass sie auch im 21. Jahrhundert immer noch fashionabel waren. Das Bett ähnelte mit seiner schwarzen Samtdecke einem Katafalk. An der Decke darüber war, wie ein Trauerbaldachin, eine Unmenge schwarzes Tuch befestigt, das sich bauschte und in barocken Falten herabwallte. Auf dem Boden standen Dutzende improvisierter Kerzenleuchter, dazwischen prangte auf einem Stapel Bücher ein weiß gebleichter Totenkopf, der mich aus seinen leeren Augenhöhlen auf eine seltsame und beunruhigend lebendige Art anstarrte, als nehme er meine Gegenwart mit menschlichen Sinnen zur Kenntnis. Die Längswand des Raumes bedeckte schwarzer Filz, auf dem eine Unzahl von Fotos festgespießt war, alle mit mehr oder minder melancholischen Sujets. Der Bewohner musste ein Gothic von außergewöhnlich trauerumflorter Gemütsart sein, doch wies nichts darauf hin, dass er ein Satanist gewesen wäre. Das freute mich. Ich mochte Gothics gerne, aber mit Satanisten hatte ich – die trotz all ihrer Extravaganzen eine Protestantin von altem Schrot und Korn war – meine Probleme.

Das gegenüberliegende Zimmer, das des Mädchens, war ähnlich adjustiert, wenn auch eine Spur weniger depressiv. Auf der schwarzsamtenen Bettdecke drängte sich eine Schar von kaputtgeliebten, glasäugigen Plüschtieren. Hier spürte ich wieder die Gegenwart des unsichtbaren kleinen Mädchens an meiner Seite. Vielleicht, dachte ich, gefielen ihm die Plüschtiere, und es hielt sich gerne in diesem Raum auf, denn ich wurde den Eindruck nicht los, dass es mich auf etwas hinzuweisen versuchte, wie einem Kinder ihr Lieblingsspielzeug vorführen.

Der Makler wandte sich entschuldigend an uns, als er die Türe schloss. „Das wird natürlich in Ordnung gebracht, ehe Sie hier einziehen.“

„Es steht noch keineswegs fest, dass wir hier einziehen werden.“

Ich wusste nicht, ob der Mann mir glaubte. Wahrscheinlich hatte er Sensoren dafür, wann ein Interessent es ernst meinte. Trotzdem bestand ich darauf, auch den Dachboden zu sehen, um zu kontrollieren, ob das Dach so gut war, wie er behauptete.

Die Frage brachte ihn in Verlegenheit. Er murmelte etwas, dass er den Schlüssel nicht zur Hand habe. Aber der Dachboden sei auch nicht bemerkenswert. Er sei vollkommen leer. Nicht einmal Gerümpel würde dort aufbewahrt.

Ich spähte misstrauisch zu der verschlossenen Pforte hoch. Der letzte Absatz der Treppe führte zu einer einfachen blauen Metalltüre hinauf, die sich unmittelbar am oberen Ende der Stufen befand. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber ich konnte nur warten, bis Alec eine Entscheidung getroffen hatte. Wenn wir erst einmal die Schlüssel in Händen hatten, würde ich selbst nachsehen.

Alec hatte kein großes Interesse an dem Dachboden. Jedenfalls ließ er sich keines anmerken. Er begutachtete die brutal mit braunem Lack übermalte Wandtäfelung, die da und dort hinter dem Sperrmüll hervorguckte, klopfte mit seinem Gehstock auf dem Schiffboden herum und zupfte an den Eselsohren der grünen Tapete.

Ich wandte mich an unseren Führer. „Das Souterrain würde mich noch interessieren; Sie erwähnten, dort befindet sich ein größeres Badezimmer?“

„Ja, ganz genau.“ Der Agent hatte es merkwürdig eilig, der Dachbodentüre den Rücken zu kehren. Er schusselte förmlich die Treppe hinunter und schwatzte dabei so eifrig, wie einer im Dunkeln pfeift, um sich Mut zu machen. Im ursprünglichen Plan des rund 150 Jahre alten Bauwerkes – so erzählte er uns – waren keine Badezimmer vorgesehen gewesen, nur die engen Waschräume in jedem Stockwerk, und der einzige Platz, wo man eines einrichten konnte, ohne das halbe Haus aufzustemmen, befand sich im Untergeschoss. Dafür war es aber auch besonders geräumig. Dort unten gab es überhaupt noch eine Unmenge Platz; man konnte einen hübschen Hobbyraum oder Partykeller anlegen ...

Unter diesem Geplauder hatten wir das Erdgeschoss erreicht. Ich merkte, dass Junkarts‘ Türe einen Spalt breit offen stand. Wahrscheinlich lehnte er dahinter an der Wand und lauschte. Ich erinnerte mich, wie er uns angesehen hatte. Was sich in seinem Blick spiegelte, war viel mehr als nur die gewöhnliche Neugier eines Mieters gewesen, der sich eventuellen zukünftigen Mitbewohnern gegenübersieht. In den klugen braunen Augen war etwas aufgeleuchtet, als gratulierte er sich selber: Da sind sie ja endlich!

Wir warfen einen Blick in das Zimmer des zukünftigen Fotomodells, das wie ein Kinderzimmer von vorn bis hinten mit buntem Trödelkram vollgestopft war. Die Bewohnerin teilte offenbar meine Vorliebe für niedliches, unnützes Zeug. Über dem pinkfarbenen Bett hing ein chinesischer Papierschirm an der Wand. Ein riesiger ovaler Spiegel warf mein Bild zurück, aber das Silber war an so vielen Stellen abgeblättert, dass ich aussah, als hätte ich die Pocken gehabt.

Dann gingen wir weiter in Richtung Hintertüre, und dort nahm das Wesen des Hauses zum ersten Mal etwas wirklich Bösartiges an. Mir war zumute, als seien wir aus einer warmen und freundlichen Zone in einen Bereich getreten, in dem eisige Kälte und das Miasma eines bösen Einflusses herrschten. Ich mochte schon die halbdunkle Treppe nicht, die sich in die Tiefe hinunterbohrte wie eine steinerne Made. Dass es muffig nach Keller roch, war noch das wenigste. Da war eine stickige Atmosphäre, die ich nur zu gut als drohenden Vorboten kannte. Die unsichtbare Aufmerksamkeit, die mich umgab, wurde zu einem feindseligen Lauern.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass das kleine Mädchen nicht mehr an meiner Seite war.

Der Makler öffnete die Hintertüre und ließ uns in ein trapezförmiges Stück Garten hinausblicken, das auf der einen Seite von der gefängnisartigen Mauer des Nachbargrundstücks und auf der anderen vom Wildwuchs einer noch unbebauten Parzelle abgeschlossen wurde. Ich sah jetzt, was Junkarts mit seiner Harke gemacht hatte: Im Hintergarten waren Gemüsebeete angelegt worden, die alle mit wärmender Plastikfolie bedeckt waren. Anscheinend war das Gärtnern sein Hobby. Nun, warum auch nicht. Auf die Art brauchte wenigstens ich mir nicht die Hände schmutzig zu machen.

Die schwarze Katze saß, wieder in der Haltung einer ägyptischen Statue, auf einer der Plastikfolien und starrte aus goldenen Augen das Haus an.

Ich sah überrascht, dass zwischen der Hintertüre und der Kellertreppe ein großräumiger Aufzug eingebaut worden war. Als ich den Agenten danach fragte, zuckte er die Achseln. Der Aufzug war schon dagewesen, als seine Firma die Liegenschaft übernommen hatte. Im Übrigen – dabei rüttelte er demonstrativ an der blaugrauen Metalltüre mit dem Drahtglaseinsatz, um zu zeigen, dass sie sich nicht öffnen ließ – funktionierte er nicht. Die Kabine stand schon seit Olims Zeiten im Keller.

Ich wusste selbst nicht warum, aber ich war froh, dass er die Türe nicht öffnen konnte. Der Aufzug schien ein Teil, wenn nicht sogar die Quelle des Unbehagens zu sein, das hier lauerte.

Wir stiegen die steinernen Stufen hinunter.

Der Agent öffnete uns diensteifrig die Türe am unteren Ende der Treppe und ließ uns in den Raum dahinter treten. Kellerluft und Kellerkälte schlugen uns entgegen. Wenigstens gab es Licht, aber es strömte aus zwei langen gelblichen Neonröhren, die an Ketten von der Decke herabhingen, und wirkte alles andere als heimelig. Das Souterrain bestand aus einem einzigen Raum, der sich über die gesamte Länge des Hauses erstreckte, jedoch nur über die halbe Breite. Er war bis in Kopfhöhe komplett mit blassgelben und braunen Kacheln verfliest, obwohl das Bad nur den kleinsten Teil davon einnahm.

Das befand sich hinter einer Trennwand, die etwa eineinhalb Meter weit in den Raum vorsprang. Dort stand eine mächtige, rundum verflieste Wanne mit einem Duschkopf darüber. An der Wand dahinter, die in voller Höhe gekachelt war, befanden sich weitere Duschköpfe, deren Zustand jedoch erkennen ließ, dass sie schon lange nicht mehr benutzt worden waren. Das Arrangement erinnerte irgendwie an ein öffentliches Bad, ein Medizinalbad vielleicht, und wirkte so fürchterlich ungemütlich, dass ich lieber ungewaschen herumgelaufen wäre, als hier unten zu baden.

Anscheinend fanden das auch die derzeitigen Mieter, denn als ich einen neugierigen Blick in die Wanne warf, entdeckte ich zwischen Abfluss und Vorderwand ein Spinnennetz, das dort sichtlich schon längere Zeit hing.

Auf der vorderen Seite der Trennwand standen eine Waschmaschine und ein Trockner, beide mit Münzeinwurf, die wohl von den Mietern benutzt wurden. Auf der Waschmaschine lag ein Haufen Männerkleidung, die auf eine Wäsche wartete. Sie war durchwegs pechrabenschwarz. Als ich daran vorbeiging, stieg mir ein feiner, etwas aufreizender Duft nach Räucherstäbchen in die Nase. Ich erinnerte mich an die schwarzgestrichene Türe im zweiten Stock. Die Trauerkleidung musste dem Jungen dort oben gehören.

Alec blickte sich in dem unfreundlichen Gelass um. Ich merkte, dass ihn der Gedanke, hier unten zu baden, auch nicht begeisterte. Der Raum war so kalt, dass ich mich umsah, ob es überhaupt eine Heizung gab. Das war auch der Fall, ein gewaltiger Boiler hing an der Wand und schickte heißes Wasser in die Rohre einer Warmwasserheizung. Ich sah, dass die Heizung in Betrieb war. Dennoch war es kalt.

Außerdem hatte dieses abstoßende Loch eine skurrile Eigenheit, die ich erst bemerkte, als ich schon ein paar Minuten darin stand. Plötzlich spürte ich einen eigentümlichen Sog nach rechts vorne, gerade so, als falle der Raum in diese Richtung schräg ab. Neugierig folgte ich dem Sog und stellte fest, dass ich im vordersten Drittel der rechten Seitenwand landete, ziemlich genau unterhalb der Stelle, wo sich im Erdgeschoss Junkarts‘ Zimmer befand. Ich sah mich um, konnte aber weiter nichts entdecken als ein Mauseloch am Fuß der Wand, das wohl kaum als Quelle dieses un-euklidischen Phänomens in Frage kam.

Vermutlich stand das Gebäude auf einer Wasserader, die hier deutlich zu spüren war. Ich gehörte zu den Leuten, die auf solche Dinge empfindlich reagieren; in meiner Stadtwohnung hatte ich das Bett um zwei Meter verschieben müssen, weil ich nachts stets herausgefallen war, solange es unmittelbar an der Mauer stand und damit direkt über einer Wasserader, der ich im Schlaf auszuweichen versuchte.

Alec schlenderte zu der Wand hinüber, die das Souterrain auf der rechten Seite begrenzte, und klopfte mit seinem Gehstock dagegen. „Was ist hier dahinter?“

„Wie meinen?“, fragte der Agent erstaunt.

„Hier muss doch noch ein Raum sein. Das Souterrain nimmt nur die Hälfte des Hauses ein. Was ist in der anderen Hälfte?“

Darüber hatte sich der Makler noch nie Gedanken gemacht. Er sah ziemlich verdutzt aus. „Keine Ahnung“, gab er zu. „Wenn hier jemals ein Raum war, dann ist er vor langer Zeit zugeschüttet worden. Aber wahrscheinlich war da nie etwas. Das Fundament ist sicher mit Erde aufgefüllt worden.“

„Hm ... ja, das wird es sein.“ Alec ließ die Wand in Ruhe und kehrte zur Türe zurück. „Gut“, verkündete er, „dann haben wir gesehen, was es zu sehen gibt. Meinetwegen können wir Schluss machen.“

Ich merkte aber, dass ihn die fehlende Hälfte des Souterrains nach wie vor beschäftigte.

Junkarts ließ sich nicht wieder blicken, aber als wir in den Garten hinaustraten, sah ich, wie sich die Lamellen der schmutzigen Jalousien an seinem Fenster bewegten. Noch viel intensiver war jedoch der Eindruck, dass das Haus selbst uns nachblickte, dass es traurig war, uns gehen zu sehen, und sich darauf freute, dass wir wiederkämen.

Der Makler begleitete uns zurück zum Gartentor. „Nun“, drängte er, „wissen Sie schon, wie Sie sich entscheiden werden?“

„Noch nicht ganz“, erwiderte Alec. „Ich möchte meine Pläne noch mit meiner Freundin besprechen. Dann gebe ich Ihnen Bescheid.“

„Falls in der Zwischenzeit andere Interessenten anfragen ...“

Alec lächelte mit schlitzohriger Freundlichkeit. „Ich glaube nicht, dass viele Interessenten anfragen“, kommentierte er. „Nicht bei diesem Haus.“

Mir fiel auf, dass der Makler dazu keine Bemerkung machte.

Der meistgehasste Mann der Stadt

Der Mann hatte uns angeboten, uns in die Stadt zurückzufahren, aber wir lehnten beide ab. Alec wollte noch ein Stückchen spazieren gehen und sich die Umgebung ansehen, und ich wollte vor allem den Makler loswerden, der mir von Herzen unsympathisch war. Ich war nicht immer so gut situiert gewesen wie jetzt und hatte selbst in Häusern gewohnt, deren Vermieter jeden Fliegenschiss auf der Tapete als „Beschädigung“ in Rechnung stellten und Terror machten, wenn man die Dusche länger als fünf Sekunden laufen ließ. Aber darüber hinaus wollte ich mit Alec ein ernstes Wort reden. Er hatte mir nämlich eine ganze Menge verschwiegen, als er mich zu dieser Besichtigung gelockt hatte.

Wir schritten langsam an unserem Nachbarn, dem schwarzen Sandsteinkoloss, vorbei zur Kuppe des Hügels hinauf. Die unnatürliche Wärme hatte ein wenig nachgelassen, ein kühler Vorfrühlingswind wehte. Ich ließ den Blick über die vielen Gärten links und rechts der Straße schweifen. Jetzt waren sie alle noch gelb und dürr, aber im Sommer musste es hier wunderschön sein.

„Nun?“, fragte Alec, dem bei meinem beharrlichen Schweigen ein wenig unbehaglich wurde. „Was sagst du dazu?“

„Ich frage mich, warum du es unbedingt haben willst. Es ist zu groß für dich. Sogar zu groß für dich und mich. Es ist nicht einmal besonders schön. Und erzähl mir nichts von billiger Miete und guter Bausubstanz. Sag mir den wahren Grund.“

Er zögerte. „Das hört sich wahrscheinlich ziemlich albern an ...“

„Sag es mir trotzdem, Mylord. Es ist wichtig.“

Diesmal gab er sich einen Ruck. Während er mit schweren Schritten neben mir herging, gestand er: „Ich hatte ein so merkwürdiges Gefühl, als ich die Fotos des Hauses in der Angebotsmappe sah. Ein immenses Gefühl von Déjà-vu ... als hätte ich es immer schon gekannt. Mehr noch: als hätte ich mein Leben darin verbracht.“ Er lachte verlegen. „Und heute ... Ich schwöre dir, als ich auf das Haus zuging, rief es mir entgegen: ‚Da bist du ja, Alec Marhold! Schön, dass wir uns wiedersehen!‘ Ich habe den Eindruck, als würde ich gar nicht gefragt, ob ich es nehmen will. Es gehört bereits mir. Seit ich es zum ersten Mal gesehen habe, habe ich die fixe Idee, dass es mein Zuhause ist. Wenn ich es nicht nehme, werde ich immer das Gefühl haben, von mir selber getrennt zu sein ... heimatlos. Wahrscheinlich ist dir das unverständlich ...“ Sein Lachen verstummte, und er warf mir einen schuldbewussten Blick zu. „Lach mich jetzt nur ja nicht aus, Charmion!“

„Du weißt, dass ich über solche Dinge nie lachen würde.“

„Ja, natürlich.“ Er berührte mit einer zärtlichen Geste meine Schulter. „Aber nachdem ich jetzt ein Geständnis abgelegt habe, sag mir, wie es dir gefallen hat.“

„Es ist vielleicht etwas übermöbliert.“

Er lachte und knuffte mich in die Seite. „Komm schon, mach es nicht so spannend.“

Ich wollte ihm nicht erzählen, dass ich dasselbe Gefühl von Déjà-vu gehabt hatte wie er selbst. Es hätte so aussehen können, als wollte ich ihn drängen, mich ins das Haus hineinzunehmen, und dagegen spreizte sich mein Stolz. Stattdessen äußerte ich: „Es hatte eine kuriose Atmosphäre. So, als wären wir nicht vier, sondern vierzig Leute gewesen! Ich fühlte mich beobachtet. Und ich konnte den Eindruck nicht loswerden, dass jemand immer wieder nach meiner Hand griff ... ein Kind, das mich durch das Haus begleitete. Nur in den Keller wollte es nicht mitkommen.“

Mein Freund nickte. Für gewöhnlich war er wie die meisten Männer ziemlich schüchtern, wenn es darum ging, über Dinge zu reden, die er als Spinnerei empfand. Dass ich seine Empfindungen und Erfahrungen teilte, machte ihm jedoch Mut, offen zu sprechen. „Ich war froh, dass ich in dreißig Jahren bei Gericht gelernt habe, ein Pokerface aufzusetzen, sonst hätte ich mich womöglich noch vor diesem widerlichen Wurm von einem Makler lächerlich gemacht. Irgendetwas war auf Schritt und Tritt mit mir beschäftigt. Weißt du ... ich kenne das von Gerichtsverhandlungen her: Da ist ein Saal voller Leute, die sich alle sehr ruhig verhalten, und doch hörst du sie. Du hörst etwas wie ein Wispern und Summen, und vor allem, du spürst sie. Dieses selbe Gefühl hatte ich hier. Die Villa schien voll von Menschen zu sein.“ Er zögerte, dann setzte er rasch hinzu: „Das hat aber sicher ganz natürliche Ursachen.“

„Ja, klar. Das sind die Heizungsrohre.“

Er sah mich erstaunt an. „Warum bist du denn so schnippisch?“

„Ach ... immer, wenn etwas Unerklärliches passiert, heißt es, das waren die Heizungsrohre.“