Das Haus der schönen Dinge - Heidi Rehn - E-Book

Das Haus der schönen Dinge E-Book

Heidi Rehn

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Beschreibung

Der neue große Roman von Erfolgs-Autorin Heidi Rehn über Aufstieg und Fall einer jüdischen Münchner Warenhaus-Dynastie über 100 Jahre - opulent, dramatisch, emotional! Als der jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl 1895 zum Königlich-Bayerischen Hoflieferanten ernannt wird, glaubt er sich und seine Familie als gleichwertige Mitglieder der Münchner Gesellschaft anerkannt. Zwar begegnet seine Frau Thea Jacobs Enthusiasmus mit einer gewissen Skepsis, doch der Erfolg des Kaufhaues belehrt sie eines Besseren. Tochter Lily übernimmt das Kaufhaus am Münchner Rindermarkt in den goldenen 20ern und wähnt sich am Ziel aller Wünsche. Eine glückliche Zukunft scheint auf die Familie zu warten, doch als die Nazis die Macht ergreifen, müssen die Hirschvogls erleben, wie sich Bayern und München, das für sie stets Heimat war, plötzlich gegen sie wendet …

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EPUB

Seitenzahl: 902




Heidi Rehn

Das Haus der schönen Dinge

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

Der neue große Roman von Erfolgs-Autorin Heidi Rehn über Aufstieg und Fall einer jüdischen Münchner Warenhaus-Dynastie über 100 Jahre - opulent, dramatisch, emotional!

 

Als der jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl 1895 zum Königlich-Bayerischen Hoflieferanten ernannt wird, glaubt er sich und seine Familie als gleichwertige Mitglieder der Münchner Gesellschaft anerkannt. Zwar begegnet seine Frau Thea Jacobs Enthusiasmus mit einer gewissen Skepsis, doch der Erfolg des Kaufhaues belehrt sie eines Besseren.

Tochter Lily übernimmt das Kaufhaus am Münchner Rindermarkt in den goldenen 20ern und wähnt sich am Ziel aller Wünsche. Eine glückliche Zukunft scheint auf die Familie zu warten, doch als die Nazis die Macht ergreifen, müssen die Hirschvogls erleben, wie sich Bayern und München, das für sie stets Heimat war, plötzlich gegen sie wendet …

Inhaltsübersicht

MottoKaufhaus Hirschvogl NeueröffnungGroße Erwartungen1897Ende MaiEinige Wochen späterAnfang JuliSeptemberEnde Oktober1899OktoberEinige Wochen späterEnde DezemberSilvester 1899/19001900JuniEinige Tage späterJuliParis, Ende JuliBerlin, November1904Genf, MaiMünchen, JuliEinige Tage späterLondon, OktoberEnde November1905JanuarAprilAnfang MaiMurnau, einige Tage späterEnde AugustOktoberAnfang Dezember1912Anfang JuniAnfang JuliEinige Tage späterWieder einige Tage späterOktoberZur selben Zeit191430. JuliAm selben TagStürmische Zeiten1920Anfang MärzAprilAnfang MaiEnde August1922FebruarMitte MaiMitte JuniEnde Juli1923Mitte Oktober9. NovemberWenige Tage später1924FebruarMitte März1927OktoberWenige Tage späterMitte NovemberEinige Wochen später1928Februar1929Ende AugustMitte SeptemberBerlin, einige Wochen späterEnde November1930Mitte JanuarFebruarMitte MaiZur selben ZeitBittere Enttäuschungen193310. März23. MärzAprilEinige Tage späterEinige Stunden späterAm nächsten TagWenige Stunden späterEinige Wochen später1935Ende AugustEinige Tage späterAm nächsten TagAm selben AbendMitte SeptemberWenige Tage später1938Ende JuliMitte OktoberEnde Oktober10. NovemberEinige Tage späterAm selben AbendEpilog1952Mitte MaiAnhangGlossarStatt eines NachwortsLeseprobe »Der Himmel über unseren Träumen«
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Seine Schöpfung führte eine neue Religion herauf, die Kirchen, die der wankende Glaube nach und nach veröden ließ, wurden in den nun unbeschäftigten Seelen durch seinen Basar ersetzt. Die Frau verbrachte jetzt bei ihm ihre leeren Stunden.

 

(Émile Zola, Das Paradies der Damen, S. 325)

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Teil 1

Große Erwartungen

(1897–1914)

1897

Ende Mai

Endlich war der große Tag da! Hellwach saß Lily auf ihrem Bett und lauschte in den Flur, wo sich ihre Eltern vor der Garderobe für die feierliche Eröffnung der neuen Geschäftsräume des Kaufhauses Hirschvogl am Rindermarkt zurechtmachten.

»Denk bitte dran, wie wichtig es der Gräfin Schöneberg ist, beim Festakt neben den Rossbachs in der ersten Reihe zu sitzen«, hörte sie ihre Mutter Thea sagen.

»Und du denk bitte dran, dass die Bürgermeister mitsamt ihren Gemahlinnen da auch noch Platz finden müssen«, gab ihr Vater Jacob zurück.

»Das wird eng.«

Lily konnte sich gut vorstellen, wie ihre Mutter angesichts der vielen, mitunter sehr gewichtigen Ehrengäste jetzt trotz allem amüsiert schmunzelte.

»Da müssen s’ halt alle ein bisserl zusammenrücken«, erwiderte Jacob. »Seine Majestät, der Prinzregent, muss schließlich auch noch irgendwohin. Und der ist heute eindeutig die Hauptperson.«

»Und du, mein hochverehrter Herr königlich bayerischer Hoflieferant Jacob Hirschvogl.«

Aus Theas Worten klang ebenso viel Stolz wie vorhin Ehrfurcht aus denen Jacobs, als er den Prinzregenten erwähnt hatte. Lily malte sich aus, wie ihre zierliche Mutter ihren stattlichen Vater anstrahlte. Der verehrte den Prinzregenten nicht nur, sondern eiferte ihm auch im Äußeren nach, allerdings würde es noch einige Jahre dauern, bis sein Haar wie auch sein Bart ebenso majestätisch ergraut waren wie das des Wittelsbachers.

Endlich verließen die beiden die Wohnung. Lily wartete, bis ihre Schritte auf der Treppe verklungen waren, dann sprang sie aus dem Bett. Ein flüchtiger Blick aus dem Fenster genügte, um sicher zu sein, dass das Wetter zu dem Festtag passte. Noch lugte die Maisonne zwar nur zaghaft über die Dächer, der Himmel schimmerte allerdings bereits vielversprechend in den unterschiedlichsten Blau-, Rot- und Violetttönen. Dazwischen blitzten goldene Streifen auf. Bis der große Festakt in vollem Gange war, würde das Firmament in bestem bayerischen Weiß-Blau erstrahlen.

Lily beeilte sich mit dem Anziehen. Der knisternde, viel zu glatte Taft des neuen Kleides war eine Herausforderung. Sie brauchte einige Anläufe, bis die Falten, Rüschen und Schleifen des weiß-blauen Traums akkurat saßen. Vorsichtig schlüpfte sie in die ebenfalls neuen weißen Lackschuhe. Die drückten höllisch am rechten kleinen Zeh. Doch es blieb ihr keine Wahl. Thea hatte Schuhe, Strümpfe und Kleid exakt auf das weiß-blaue Motto abgestimmt, unter dem das gesamte Kaufhaus dekoriert worden war. Kritisch musterte sich Lily im Spiegel. Perfekt! Bis auf die Frisur. In sanften Wellen fiel ihr das üppige, hellbraune Haar offen über die Schultern. Wo war nur die Schleife, die die Mutter ihr gegeben hatte? Hektisch begann sie zu suchen, in der Kommode, auf dem Korbsessel, im Nachtkasten. Anscheinend hatte sie sie unten im Geschäft vergessen. Die Mutter würde toben! Sofort musste Lily nach unten, um sie zu holen. Hoffentlich rannte sie dort nicht ihren Eltern in die Arme. Ausdrücklich war ihr verboten, vor dem Festakt unten allein aufzutauchen.

Im Treppenhaus ging es lebhaft zu. Lehrbuben schleppten letzte Warenpakete aus dem Lager im dritten Stock nach unten, Verkaufsfräulein eilten in die Schlafräume des weiblichen Personals im Dachjuchhe, um sich umzuziehen. In den beiden Verkaufsetagen im Erd- und Obergeschoss wurde noch letzte Hand angelegt. Niemand schenkte Lily Beachtung. Verstohlen schlich sie zur Galanteriewarenabteilung im Parterre links hinten.

Ein wahres Paradies tat sich dort auf. Schleifen, Bänder und Spangen in allen nur erdenklichen Farben und aus den unterschiedlichsten Materialien fanden sich in den Schubladen des Verkaufstresens. Obenauf herrschten wittelsbachisches Weiß und Himmelblau vor. Mittendrin entdeckte Lily die von ihr gesuchte blütenweiße Samtschleife und flocht sie ins Haar.

»Lilith!« Theas Stimme klang ungewohnt schneidend. Lily erstarrte. Thea packte sie am Handgelenk. »Was tust du hier? Du solltest oben in der Wohnung warten, bis ich dich rufe.«

»Tut mir leid.« Lily wagte kaum, den Blick zu heben. Von der Größe her hatte sie ihre zierliche Mutter fast eingeholt. Angesichts des ungewohnten Schimpfens fühlte sie sich jetzt allerdings mehr wie ein Kleinkind.

»Sofort nach oben mit dir!« Ungeduldig zog Thea sie an der Hand Richtung Hintertreppe.

Weit kamen sie nicht. Bereits am übernächsten Ladentisch blieb Thea stehen, um mit geschickten Griffen den in sich zusammengefallenen Organza in zartestem Himmelblau von neuem zu einem duftigen Gebilde aufzubauschen, bei dem glatten Stoff eine wahre Meisterleistung. Lily bewunderte ihre Handfertigkeit. Doch Thea verstand sich nicht nur aufs Drapieren von Stoffen. Auch ihr Aussehen war makellos. Ihrer siebenunddreißig Jahre zum Trotz sah sie immer noch atemberaubend jung und schön aus. Kein Fältchen verunstaltete ihre elfenzarte Haut. Als sie Lilys bewundernden Blick bemerkte, hauchte sie ihr einen Luftkuss zu. »Dein Vater kann stolz auf seine beiden Frauen sein.«

»Dazu hat er allen Grund«, mischte sich eine vergnügte Männerstimme ein. Lily und Thea fuhren herum. Unbemerkt hatte sich Jacobs jüngerer Bruder Samuel herangeschlichen. Schelmisch strahlte er sie aus kurzsichtigen Augen an. Seine hoch aufgeschossene, kräftige Gestalt wie auch seine tiefschwarze Haarmähne verliehen ihm große Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Kini. Schon oft hatte Lily sich ausgemalt, ihr Onkel entpuppte sich tatsächlich als der verstorbene König, ein Märchen, das die jetzt neben ihm auftauchende Phila, das Kindermädchen der Hirschvogls, ebenfalls bestens auszumalen verstand. Insgeheim hegte Lily den Verdacht, dass Phila das jedoch weniger ihretwegen als sich selbst zuliebe tat. Gedankenverloren zwirbelte die Neunundzwanzigjährige eine lose Strähne ihres weizenblonden Haars um den Finger, andächtig in die zur Schau gestellte Wunderwelt ringsum versunken. Hinter Philas Rücken verbarg sich ihr unangefochtener Liebling, Lilys jüngerer Bruder Sepp. Seine Wangen glühten vor Aufregung, als er sich halb aus der Deckung wagte und zwischen ihnen und der phantasiereichen Ladendekoration hin- und herschaute. Anders als die beiden älteren Geschwister, die in den letzten Tagen zum Mithelfen verpflichtet worden waren, hatte er bislang noch keinen Fuß in die neuen Ladenräume setzen dürfen. An diesem Morgen sah er sie zum ersten Mal und wirkte ähnlich verzaubert wie Phila.

»Hast du Fieber?« Besorgt beugte sich Thea zu ihm hinunter und zupfte an seinem weißen Matrosenkragen.

»Das ist nur die Aufregung, gnädige Frau«, winkte Phila ab. »Der Bub mag sich gar nimmer ruhig halten. Ich hab ihn schon geschimpft, weil er eben seine Milch so schnell runtergestürzt hat.« Sie hielt inne, schaute selbst noch einmal mit weit aufgerissenen Augen umher, bevor sie ergriffen hinzufügte: »Mei, ist das aber auch schön geworden!«

»Danke.« Ihre Worte freuten Thea sichtlich.

»Ich muss Phila zustimmen: Dir ist mal wieder ein Wunder gelungen, liebe Schwägerin.« Samuel nickte anerkennend.

»Das Lob gebührt nicht mir allein …«, erwiderte Thea sichtlich verlegen.

»Warum so bescheiden?«, fiel Samuel ihr ins Wort. »Dir gebührt es vor allen anderen. Meinen Bruder kenne ich gut genug, um zu wissen, wie wenig er zu weiß-blauen Rautenmustern aus Kindersocken imstande wäre. Er ist ein wahrer Glückspilz. Trotz seiner hochfliegenden Pläne säße er ohne dich weiter in seinem einstöckigen Laden gegenüber und müsste eigenhändig Leinen abmessen und Knöpfe zählen.«

Über sein Gesicht huschte Genugtuung. Lily ahnte, wie sehr es ihn freute, den älteren Jacob ein wenig kleinzureden. Oft genug hielt ihr Vater ihrem elf Jahre jüngeren Onkel vor, als Magistratsbeamter seine Fähigkeiten weit unter Wert zu verkaufen. Viel lieber als in städtischen Diensten sähe Jacob ihn als selbständigen Anwalt, der für seine Klientel aufsehenerregende Prozesse im demnächst fertiggestellten Justizpalast am Stachus durchfocht.

»Seht euch in Ruhe um und freut euch an dem Schönen«, schlug Thea vor.

»Du meinst, bevor in kaum mehr als einer Viertelstunde die Massen das Kaufhaus stürmen und über deine erlesene Dekoration herfallen.« Samuels Grinsen wurde breiter, verwandelte sich dann aber in einen tröstenden Ausdruck. Sacht legte er seiner Schwägerin die Hand auf die Schulter. »Betrachte es als Kompliment: Stürzen sie sich gierig auf die Waren, hast du dein Ziel erreicht. Schließlich willst du deine Gäste dazu animieren, alle Zurückhaltung fahrenzulassen und sich dem Rausch des Konsums hinzugeben.«

»Gemma weidda?«, drängelte Sepp in breitem Münchnerisch, was Thea ein Stirnrunzeln, Phila ein erschrecktes Luftschnappen und Samuel ein amüsiertes Augenzwinkern entlockte. »Recht hast, junger Mann. Lass uns eine Runde drehen, bevor gleich kein Durchkommen mehr ist.«

Mit einem leichten Kopfschütteln sah Thea ihnen nach. Zärtlich legte sie Lily den Arm um die Schultern und schob sie ebenfalls weiter. Von der Rückkehr in die Wohnung war zu Lilys Freude keine Rede mehr.

»Graut es dir tatsächlich so arg davor, dass die Kunden nachher die Tische zerwühlen?«, fragte Lily, als ihre Mutter von neuem stehen blieb, um in einer Vase einen Blütenzweig zu richten.

»Ein wenig schon«, gestand Thea. »Aber wie dein Onkel richtig sagte, ist es natürlich genau das, was wir eigentlich wollen. Die Leute sollen den Luxus nicht nur andächtig bewundern, sondern ihn unbedingt anfassen und haben wollen.«

»Und sich heute Abend im Wirtshaus oder zu Hause bei ihren Familien das Maul darüber zerreißen, welch ›spinnerte Ideen‹ wir Hirschvogls mit unserem neuen Kaufhaus mal wieder haben, damit morgen noch mehr Neugierige zu uns strömen«, ergänzte Lily mit vor Eifer geröteten Wangen. »Ist einer nämlich erst einmal bei uns im Laden, um zu schauen, kauft er auch bestimmt etwas.«

»Ich sehe schon, du hast deine Lektion beherzigt und bist die geborene Geschäftsfrau. Über unsere Nachfolge müssen dein Vater und ich uns wohl keine Sorgen mehr machen.«

Gerührt hauchte Thea ihr einen Kuss aufs Haar. Lily ahnte, wie sehr sie es insgeheim bedauerte, dass ihr ältester Sohn Benno sich im Gegensatz zu ihr nicht im Geringsten fürs Geschäft interessierte. Das war wohl auch der Grund, warum er sich an diesem Morgen noch nicht hatte blicken lassen. Das würde gehörigen Ärger geben. Lily beschloss, die Mutter weiter in Beschlag zu nehmen, damit sie vergaß, nach ihm Ausschau zu halten.

Energisches Händeklatschen riss sie aus ihren Gedanken. Die rund zwei Dutzend Angestellten, die eben noch die letzten Waren auf den Tresen hergerichtet hatten, postierten sich nach einer feierlichen Prozession entlang des roten Teppichs im Eingangsbereich. Die erst vor wenigen Wochen als Leiterin der neuen Damenabteilung eingestellte Hedwig Strohschneider führte die Riege der in hellblauen Taftkleidern mit weißen Schürzen steckenden Ladnerinnen an. Dem seit zwölf Jahren bei den Hirschvogls tätigen ersten Verkäufer Pankraz Deubler folgten die in schlichten dunklen Anzügen mit weiß-blauer Rosette am glänzenden Revers gewandeten Verkäufer.

»Ich glaube, da kommen die Ersten«, raunte Thea Lily zu und wies mit dem Kinn Richtung Eingang. Im selben Moment setzte draußen laute Blasmusik ein. Die beiden livrierten Ladendiener rissen die Flügeltüren auf. Warme Frühlingssonne flutete das Foyer. Ein Wink von Hedwig Strohschneider und Pankraz Deubler genügte, um das Verkaufspersonal strammstehen zu lassen. Samuel, Phila und Sepp stellten sich unauffällig an das Ende der Reihe, als gehörten sie dazu.

Niemand der draußen Stehenden wagte den ersten Schritt hinein. Es war, als warteten sie alle auf ein geheimes Zeichen der beiden Bürgermeister Wilhelm von Borscht und Philipp Brunner, die neben ihren Gattinnen die Gästeschar anführten. Lily folgte ihren Blicken zu der pompösen Marmortreppe, die in großem Schwung ins Obergeschoss führte.

Gemessenen Schrittes, seine neben ihm noch winziger als sonst wirkende Mutter Recha in Witwentracht am Arm, kam Jacob aus dem Obergeschoss herunter. Der Frack mit dem weißen Hemd und dem hohen, steifen Kragen wie auch der silbern melierte Backenbart und das von feinen Silbersträhnen durchzogene, streng nach hinten gekämmte Haar verliehen ihm ein majestätisches Aussehen. Lily hielt den Atem an. Hoffentlich, so flehte sie insgeheim, tauchte in diesem Augenblick nicht der Prinzregent draußen auf. Ihm allein gebührte ein solcher Auftritt, wie ihn der Vater gerade seinen Gästen bot. Sie äugte zu ihrem Onkel. Wie nicht anders zu erwarten, belächelte der nachsichtig den eitlen Auftritt seines Bruders. Das wiederum weckte Lilys Trotz. Ihr Vater war der Schöpfer und Besitzer der neuen Kaufhauspracht. Wie anders als majestätisch sollte er sich im eigenen Reich bewegen?

Langsam begannen die Bürgermeister, in die Hände zu klatschen. Erst stimmten ihre Frauen, dann die übrigen Wartenden in den Beifall ein, bis Jacob seine Frau und seine Tochter erreichte. Thea hakte sich an seinem freien Arm ein und führte Lily an der zweiten Hand zum Spalier der Ladnerinnen und Verkäufer. Als sie das Ende des roten Teppichs erreichten, nahezu exakt unter dem mit blauen und weißen Blumenranken geschmückten Portal, gab Jacob die beiden Damen an seiner Seite frei und machte mit ausgebreiteten Armen einen weiteren Schritt auf die Gäste zu.

»Herzlich willkommen im neuen Domizil des Hirschvogls am Rindermarkt. Bitte treten Sie ein, meine Herrschaften, und sehen sich in aller Ruhe bei uns um.«

Galant verneigte er sich. Von neuem erhob sich Applaus. Die beiden Bürgermeister setzten sich mit ihren Gemahlinnen in Bewegung, dicht gefolgt von den Magistratsräten und Gemeindebevollmächtigen, die ebenfalls mit ihren Gattinnen erschienen waren. Erfreut schüttelte Jacob die Hände seiner Stammtischfreunde aus dem Ratskeller, allesamt Münchner Honoratioren, bevor sich seine direkten Konkurrenten Hermann Tietz, Heinrich Uhlfelder und Isidor Bach sowie die Witwe des Posamentenmachers Ludwig Beck hereinschoben. Wie auch die anderen Gäste schwärmten sie gleich in die beiden Verkaufsetagen aus, um das Warenangebot und seine Präsentation in Augenschein zu nehmen. Bestimmt würde ihnen nicht das Geringste entgehen, was Thea und Jacob sich an Neuem ausgedacht hatten. Zu sehr fürchteten sie, das Hirschvogl könnte ihnen mit dem kräftig erweiterten Sortiment Kundschaft abspenstig machen. Auf einen dezenten Wink von Hedwig Strohschneider verteilte sich das Personal in allen Abteilungen, um bei Fragen oder Wünschen sofort zur Verfügung zu stehen.

»Denken S’ dran«, mahnte Jacob sie leise. »Heut wird noch nichts verkauft. Schreiben S’ aber alle Wünsche in die Auftragsbücher. Ab morgen wird ausgeliefert.«

Verstohlen mischte sich auch der Buchhalter Simon Freundlich ins Gedränge. Der glatzköpfige Mann mit den weitsichtigen, Basedowschen Augen hinter der winzigen, runden Brille wirkte in seinem Frack wie verkleidet. Nervös zupfte er an den weißen Manschetten, dabei glitt sein Blick aufmerksam umher.

»Lassen S’ sich nix entgehen«, raunte Jacob ihm zu. »Heut Abend berichten S’ meiner Frau und mir in aller Ruh’. Wissen woll’ ma, wie’s neue Geschäft ankommt. Schließlich hamma noch viel vor.«

Freundlich wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, da entdeckte Jacob direkt hinter ihm seinen Stammtischbruder Theodor von Waikersheim nebst seiner Gemahlin Eleonore und dem halbwüchsigen Sohn Rudolf. »Später, mein Lieber«, vertröstete Jacob ihn und eilte mit weit ausgebreiteten Armen dem Rechtsanwalt und seiner Familie entgegen.

 

Endlich konnte auch Laetitia Rossbach den ersten Schritt ins Hirschvogl setzen und die seit Wochen in begeisterten Erzählungen von ihrem Mann Alois heraufbeschworene Pracht bewundern. Den ganzen Weg von ihrer Wohnung bis zum Rindermarkt hatte sie schon befürchtet, zu spät zu kommen, und den Droschkenfahrer zu höchster Eile gemahnt. Als sie beim Abbiegen an der Rosenapotheke die Menschentraube vor dem Kaufhauseingang erblickt hatte, war ihr klargeworden, wie vergebens das gewesen war. Statt wie erhofft bei den ersten Gästen zu sein, die unter dem neidischen Blick der übrigen Gäste direkt hinter den beiden Bürgermeistern den roten Teppich betraten, mussten sie sich wie alle anderen in die Warteschlange einreihen. Nur mit Mühe konnte sie ihren Ärger bezwingen.

»Laetitia, wie schön, dich zu sehen«, flötete eine ihr wohlbekannte helle Stimme wenige Schritte von ihr entfernt. Trotz ihrer stattlichen Größe war es auch für sie angesichts des überwältigenden Aufgebots an üppig mit Blumen, Federn, Perlen und Schleifen dekorierten Damenhüten nicht leicht, Gesichter unter den breiten Krempen auszumachen. Im Falle ihrer Busenfreundin Dita erleichterte allerdings die Begleitung des ihr angetrauten Baldur Graf Schöneberg das Erkennen. Auch wenn Baldur lediglich Ministerialbeamter im Kriegsministerium war, hatte er sich dennoch eine militärisch stramme Haltung angewöhnt und stach damit neben seiner blassen, feenhaften Gattin besonders heraus.

»Dita, meine Liebe«, säuselte Laetitia und schob sich zu der Gräfin durch, auch wenn sie so zu Alois’ Verdruss die Möglichkeit verloren, das Kaufhaus als eine der Nächsten zu betreten.

»Sieht es nicht bezaubernd aus?« Verzückt wies Dita mit ihrem Batistsonnenschirm die Fassade hinauf und legte den Kopf in den Nacken. Dabei rutschte ihr der weiße Tellerhut fast vom weißblonden, kräftig auftoupierten Haar und entblößte ihre hohe, von feinen blauen Adern durchzogene Stirn. Laetitia folgte ihrem Blick.

Über zwei Hausbreiten und zwei Etagen erstreckte sich nun das vor siebzehn Jahren ursprünglich als »Kaufhaus für Weiß- und Wollwaren, feine Stoffe und Galanteriewaren« gegründete Geschäft. Hirschvogl prangte in schlichten, weißen Lettern über dem von zwei Marmorsäulen flankierten Eingang. Das leicht zurückgesetzte, überhohe Portal bildete einen besonderen Blickfang. Es reichte über Erd- und Obergeschoss und gewährte einen großzügigen Einblick in das Innere der beiden Verkaufsetagen. Im Oberlicht fand sich ein auffallend buntes Glasmosaik mit dem neu gestalteten Emblem eines stilisierten braunen Hirschen mit einem blauen Vogel auf dem Widerrist. Der Münchner Glaskünstler Jean Beck hatte das Fenster eigens für das Kaufhaus entworfen.

»Ein Meisterwerk«, stimmte Laetitia zu und schmiegte sich vertraulich an Ditas Seite. »Ich freue mich so für die liebe Thea und ihren Jacob, dass sie damit ihren langgehegten Traum verwirklichen. Seit Wochen höre ich sie von nichts anderem mehr reden als von dem, was für die Eröffnung des neuen Geschäftshauses noch alles zu erledigen ist. Wie du weißt, ist mein Alois der engste Freund von Jacob. Wie Brüder sind die beiden aufgewachsen.«

Sie hielt inne, um mit einem Seitenblick die Wirkung ihrer Worte zu überprüfen. Statt beeindruckt zu sein, kräuselte Dita die Nase, woraufhin Laetitia mit einem nervösen Auflachen rasch hinzufügte: »Jedenfalls, soweit das bei einem katholischen und einem jüdischen Buben möglich war.«

Arm in Arm betraten sie endlich das Kaufhaus. Auch wenn Laetitia sich bemühte, nicht allzu beeindruckt zu wirken, war sie es angesichts der Pracht, die sich vor ihren Augen entfaltete, in Wahrheit zutiefst. Auch Dita zeigte sich völlig überwältigt.

Tatsächlich fanden sie sich nach Überschreiten der Türschwelle in einem Märchen wie aus Tausendundeiner Nacht wieder. Durch das Herausreißen sämtlicher nicht zwingend notwendiger Stützwände und das Vertrauen auf gusseiserne Stützpfeiler, die von nur wenigen Steinsäulen ergänzt wurden, war eine offene, einem imposanten morgenländischen Basar ähnelnde Halle entstanden. In einer wohldurchdachten Abfolge zogen sich die verschiedenen Abteilungen mit ihren Tischen, brusthohen Glasvitrinen, dunklen Nussbaumschränken und offenen Regalen durch das gesamte Erdgeschoss. Handschuhe, Woll- und Lederwaren, Gürtel, Stöcke, Posamenten, Knöpfe, aber auch Tee, Konfekt und Konfitüren wurden hier angepriesen. Den Kern bildete nach wie vor die Stoffabteilung, der Jacob Hirschvogl seinen sensationellen Aufstieg vom ersten kleinen Geschäft bis zum »königlich bayerischen Hoflieferanten« im neuen zweistöckigen Kaufhaus verdankte.

Laetitia stockte der Atem, als sie erblickte, was eindeutig Theas geniale Handschrift trug: Als weiß-blaue Voralpenlandschaft breiteten sich die verschiedensten Stoffe über mehrere Verkaufstresen aus. Kunstvoll drapierte Hügel, Täler und Flussläufe aus einer Flut von Seide, Taft, Chiffon, Satin und Georgette wechselten einander ab, farblich geschickt akzentuiert durch in sich verschlungene Bänder, Spitzen und Bordüren. Unter der Decke schwang sich ein Himmel aus blütenweißen und hellblauen Seidenbahnen, in regelmäßigen Abständen unterbrochen von gleichfalls in den bayerischen Farben gehaltenen Crêperosetten um die kostbar funkelnden Kristalllüster. Über sämtliche Stützpfeiler und Säulen ergossen sich kaskadenartig ebenfalls weiß-blaue Schals aus glänzendem Crêpe de Chine, die auch am Gestänge des schwarz-golden verzierten Eisengeländers beidseits der geschwungenen Freitreppe in den ersten Stock hinaufkletterten.

Die Dekoration war eindeutig als Hommage an die unlängst erfolgte Ernennung Jacob Hirschvogls zum Hoflieferanten zu verstehen. An einigen wenigen Stellen wie etwa in der Strumpfabteilung hatte sich Thea allerdings erlaubt, das bayerische Weiß-Blau keck mit wagemutigen Tupfen im Münchnerischen Schwarz-Gelb zu durchsetzen, eine unverhohlene Reminiszenz an die Stadt, die die jüdische Familie Hirschvogl bereits in der vierten Generation ihre Heimat nannte.

»Was für eine Pracht!«, platzte Dita heraus.

»Ein Paradies!«, stimmte Laetitia zu.

Es blieb ihnen wenig Gelegenheit, die Details genauer zu studieren. Ungeduldig zwängten sich die Nächsten bereits zwischen die Tische und Regale. Laetitia musste sich von Ditas Arm lösen und verlor die Freundin im Gedränge aus den Augen. Dafür erspähte sie zum Glück wieder Alois. Mit ihrer Tochter Cäcilie schnupperte er zwei Ecken weiter verzückt an kostbaren Parfumflakons.

»Hab ich’s dir nicht gesagt?« Triumphierend grinste er. »Mein Freund Jacob hat’s faustdick hinter den Ohren. Aufs Geschäft versteht er sich wie kaum ein anderer.«

 

Thea musste sich beherrschen, um nicht zu einem der Tische zu rennen, auf dem gerade ein Gebirge Taschentücher in sich zusammenstürzte, weil eine unachtsame Hand am falschen Ende zog. Ihre Schwiegermutter Recha schüttelte verständnislos den Kopf, während Samuel den kleinen Sepp belustigt in die Seite stieß, um ihn auf den dicken Bäcker Krotz aus der Burgstraße aufmerksam zu machen, der mit geschlossenen Augen verzückt seine glattrasierte Wange an einem weichen Seidenstoff rieb.

»Wo zum Teufel steckt Benno?«, flüsterte Jacob Thea zu, als sie zu ihrer Beruhigung gerade Pankraz Deubler mit einem vollgeschriebenen Auftragsblock erspähte.

»Er wird im Obergeschoss ein Auge auf das Herrichten des Imbisses haben«, erwiderte sie. Leichte Röte überzog ihr Antlitz. Natürlich wusste sie, wie unwahrscheinlich das war. Ihr Ältester liebte zwar ebenso wie sie die schönen Dinge, einen Sinn für das Kaufhaus und das Geschäft aber hatte er dennoch nicht. Deshalb war ihm dieser Tag auch nicht so wichtig. Unbedingt aber wollte sie Jacobs aufsteigenden Unmut ihm gegenüber im Keim ersticken, selbst wenn sie dafür lügen musste. »Der Leberkäs wird bald fertig sein.«

»Ist es zu fassen!«, empörte sich Recha. »Mein eigener Sohn bietet seinen Gästen Leberkäs an! Wie gut, dass dein armer Vater das nicht mehr erlebt.«

»Mutter, bitte«, beeilte sich Jacob, den nächsten Ärger hinunterzuschlucken. »Zuerst bin ich Münchner, dann Bayer und dann Jude. Natürlich biete ich meinen Gästen an einem Tag wie diesem einen zünftigen Münchner Leberkäs an. Und Weißwürste gibt’s sowieso, genauso wie frisches Bier. Selbstverständlich nur aus Alois’ Brauerei.«

»Für unsere jüdischen Gäste gibt es auch koscheres Essen«, versicherte Thea Recha, im Stillen erleichtert, damit von Bennos Fernbleiben abzulenken. »Lass uns nach oben gehen und dir einen guten Platz suchen, damit du den Lobreden auf deinen Sohn in Ruhe zuhören kannst.«

Entschlossen führte sie ihre Schwiegermutter zur Treppe.

 

»Kompliment! Da ist dir ganz was Besonderes gelungen.« Alois’ tiefe Stimme übertönte das geschäftige Treiben ringsum. Anerkennend tätschelte er Jacob die Schulter. Seit ihrem ersten Schultag waren sie beste Freunde, was, wie Thea gelegentlich amüsiert feststellte, durchaus schon im Äußeren erkennbar war. Auch an diesem Tag konnten die beiden inzwischen Zweiundvierzigjährigen von weitem als Brüder durchgehen. Lediglich Alois’ rotgesichtiges Antlitz, seine hohe Stirn wie auch die etwas zu kurz geratene Nase unterschied sie voneinander.

»Weißt doch: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!« Jacob atmete tief durch. Sosehr ihn der große Andrang zur Geschäftseröffnung freute, so erleichtert war er, in Gegenwart des Freundes für einige Minuten die Maske des erfolgreichen Kaufhausbesitzers fallen lassen zu dürfen. In einer Mischung aus Zufriedenheit und Unruhe schweifte sein Blick zur weit offenstehenden Tür hinaus auf die gegenüberliegende Seite des Rindermarkts, wo sich bis dato sein einstöckiges Geschäft nahe der Eisenwarenhandlung Kustermann und im Schatten des Alten Peters befunden hatte. Lange hatte die dank des Erfolgs dringend notwendige Erweiterung des Geschäfts auf sich warten lassen. Mal fehlte es trotz allem doch noch an Kapital, um eine geeignete Immobilie zu kaufen, die in München leicht schwindelerregende Summen kosteten, mal fehlte das passende Gebäude. Nach dem Tod seines Vaters Benjamin vor zwei Jahren, der ihm und seinem Bruder ein ansehnliches Erbe hinterlassen hatte, war mit dem Konkurs des Lederwarenhändlers Oberhofer schräg gegenüber von Jacobs bisherigem Kaufhaus endlich beides zusammengefallen: ausreichend Kapital und eine geeignete Immobilie. Samuel hatte seinen Erbteil ebenfalls eingebracht, so dass Jacob die beiden vierstöckigen Gebäude hatte kaufen und ganz nach seinen und Theas Vorstellungen hatte umbauen lassen können.

»Wurd höchste Zeit, dass du das gewagt hast. Immer schon hab ich dir gesagt, am Rindermarkt wirst aufs richtige Pferd setzen«, stellte Alois zufrieden fest. »Wie gut, dass du auf mich gehört und dem Tietz das Imperial zwischen Stachus und Bahnhof überlassen hast. Das wär zu teuer gewesen und auch viel zu groß für ein Kaufhaus. Jetzt steht der Tietz da mit dem riesigen Haus und muss es selber füllen, weil keiner im ›Jud-Tietz-Palast‹ mieten will. Bei dir wär das zwar ganz was anderes, weil ein jeder hier in München dich als einen von den Unsrigen kennt, aber trotzdem ist’s gut, wie’s jetzt ist. Seit siebzehn Jahren hast du dein Geschäft am Rindermarkt. Genau hier gehörst hin. Der Uhlfelder drüben im Rosental mag zwar längst mehr Platz ham und deshalb mehr verkaufen, aber jetzt wirst ihm ordentlich Paroli bieten. Deine Thea zeigt heut, auf was er und der Tietz sich künftig gefasst machen müssen. Ihre Gesichter sind schon ganz griesgrämig. Eine Pracht ist das geworden bei euch, einfach sagenhaft!«

Gerührt umarmte er Jacob. Jacob ließ es ebenso gerührt über sich ergehen, bis er Alois’ Frau Laetitia erblickte, die mit ihrer Tochter Cäcilie die ersten Rayons besichtigt hatte und zu ihnen herüberschlenderte. Eilig befreite er sich aus Alois’ Armen und begrüßte Laetitia mit einem ehrfürchtigen Handkuss.

»Gratulation, mein lieber Herr Hirschvogl«, flötete ihm die gertenschlanke, dank ihrer knochigen Figur alles andere als weiblich wirkende Tochter eines Maschinenbauunternehmers aus Ludwigshafen wie stets etwas spöttisch lächelnd zu. »Sie entführen uns mit Ihrem neuen Haus in einen wahren Tempel der Kauflust. Ich vermute wohl zu Recht, dass das alles das Werk Ihrer verehrten Frau Gemahlin ist. Eine echte Künstlerin! Zu gern würde ich ihr persönlich gratulieren. Wo ist sie nur?«

»Sie hat meine Mutter in die obere Etage begleitet«, erklärte Jacob.

»Cäcilie!«, jauchzte Lily freudig. Ehe er sichs versah, drängte sich seine Tochter an den beiden Rossbachs und ihm vorbei, um der Schulfreundin um den Hals zu fallen.

»Lilith!«, wies er sie streng zurecht. »Begrüß bitte zuerst Herrn Rossbach und seine Gattin, wie’s sich gehört.«

»Lass nur«, wehrte Alois gutmütig ab. »Weißt doch, wie die zwei Madeln sich freuen, sich zu sehen. Ganz wie bei uns früher. Weißt’s noch? Also, mein Lieber«, er legte ihm die riesige Hand auf die Schulter, »zeig du jetzt endlich meiner Laetitia und mir, was du dir alles ausgedacht hast, um Stadtgespräch zu werden.«

»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, widersprach Jacob lächelnd. »Lass uns mit den Reden beginnen. Die Gäste werden schon ungeduldig. Weißwürste, Leberkäs und Bier gibt’s nämlich erst hernach.«

»Du meinst, nachdem der Prinzregent da war.« Über Alois’ gerötetes Gesicht huschte ein schelmisches Grinsen.

»Und nachdem du deine Rede gehalten hast, mein lieber Herr Gemeindebevollmächtigter«, ergänzte Jacob und verneigte sich noch einmal übertrieben tief vor Laetitia, um ihr den Arm zu bieten. Aufrecht stolzierte sie an seiner Seite ins Obergeschoss.

 

»Die langweiligen Reden sparen wir uns«, wandte sich Cäcilie an Lily, sobald die Eltern außer Sichtweite waren. »Wo steckt eigentlich dein großer Bruder?«

»Benno?« Verblüfft sah Lily ihre Freundin an. Deren Gesicht färbte sich tiefrot. Lily fiel es wie Schuppen von den Augen: Cäcilie war in ihren großen Bruder verliebt! Gebannt musterte sie sie. Ob Benno sich auch für sie interessierte? Nicht nur wegen der neuen Verkaufsräume versprachen die nächsten Wochen aufregend zu werden. Schon sah Lily sich als Überbringerin heimlicher Liebesbriefe. Dufteten die nicht nach Rosenwasser oder Veilchen? Wann küssten sich die zwei wohl zum ersten Mal? Bald würde sie Genaueres erfahren.

»Müsst ihr heute nicht alle hier im Kaufhaus mit dabei sein?«, versuchte Cäcilie, ihren Fauxpas zu überspielen.

»Bestimmt ist er schon oben und hat sich einen guten Platz gesichert. Lass uns zu ihm gehen!« Lily fühlte sich schon ganz wie die heimliche Vertraute der beiden.

»Nein, nein«, wehrte Cäcilie verlegen ab. »Zeig mir lieber, was es hier unten so sensationell Neues gibt.«

»Du wirst Bauklötze staunen.« Lily beschloss, die fast ein Jahr Ältere ordentlich zu beeindrucken. Bei den Stoffen konnte sie am besten mit ihren unlängst aufgeschnappten Kenntnissen prahlen.

Leider aber besaß Cäcilie nur wenig Sinn für all die schönen Dinge, die das Hirschvogl jetzt führte. Kaum hatte Lily Cäcilie den besonderen Duft des schlesischen Leinens erklärt und sie die Feinheit der Madapolam genannten, leicht glänzenden Baumwolle aus dem Elsass fühlen lassen, drängte die Freundin unruhig zu den belgischen Pralinen, um sich gleich zwei auf einmal in den Mund zu stopfen, wollte kurz darauf ein Paar feinster Ziegenlederhandschuhe über ihre nicht eben schlanken und jetzt auch noch schokoladenverschmierten Finger streifen und eine der duftigen Pariser Hutkreationen aus dem Salon von Hélène Avril anprobieren, um sich kichernd im Spiegel zu betrachten.

»Und was ist jetzt mit dem Prinzregenten? Kommt der doch nicht mehr?«, fragte sie, als sie der feinen Dinge plötzlich überdrüssig geworden war.

Lily zuckte zusammen. Ihre Finger zitterten, als sie die Kaffeedose zurückstellte, die laut beigefügtem Zettel eine exklusive Röstung von einer Plantage aus dem Norden Costa Ricas enthielt. Auf einmal war ihr klar: Cäcilie wusste das alles genauso wenig zu schätzen wie Benno. Also passten die beiden wirklich bestens zusammen. Es grauste Lily allerdings bei der Vorstellung, wie es sein würde, wenn ihre Schulfreundin an der Seite ihres Bruders eines Tages auch noch an der Spitze ihres geliebten Kaufhauses stehen würde.

Zum Glück setzte in diesem Moment im Obergeschoss das Salonorchester mit einem Musikstück ein. Stühlerücken und aufbrandendes Stimmengewirr markierten das Ende des offiziellen Festakts. In Windeseile sahen sich Lily und Cäcilie abermals von festlich gekleideten Damen und Herren in Fräcken beiseitegedrängt, die ins Parterre strömten, um die in den Reden beschworene Besonderheit des Kaufhauses noch einmal zu begutachten.

»Lass uns nach deinem Bruder suchen.« Cäcilie hatte offenbar ihre Meinung geändert. »Bestimmt weiß er besser als du Bescheid, wann mit dem hohen Gast zu rechnen ist.«

Schon eilte sie zur Treppe und versuchte, sich gegen den Strom der anderen Gäste nach oben durchzukämpfen.

Dicht hinter der Freundin erreichte Lily den obersten Treppenabsatz und blieb einen Moment andächtig stehen. Gegenüber prangte das rosettenförmige Glasmosaikfenster mit dem neu geschaffenen Hirschvogl-Emblem des Münchner Glaskünstlers Jean Beck. Exakt zur Mittagsstunde würde das durch die kobaltblauen, indigoroten, smaragdgrünen und bernsteingelben Steine einfallende Sonnenlicht das Wahrzeichen auf den Parkettboden werfen. Sollte der Plan ihres Vaters funktionieren, würde genau dann der Prinzregent das Obergeschoss erreichen. Bis dahin blieb nicht mehr viel Zeit. Nervös sah Lily sich um.

In der oberen Etage verlor sich der luftige Basarcharakter aus dem Erdgeschoss. Doppelflügelige Türen in den mit dunkelrotem Seidenmoiré bespannten Wänden führten rechts in die nüchtern-englisch mit edlem Mahagoniholz, schweren Lederfauteuils und dicken Teppichen ausgestattete Herrenkonfektion sowie links in die neu eingerichtete Damenmodeabteilung, die ganz im verspielten Louis-quinze-Stil gehalten war. Der zwischen den beiden Rayons gelegene längliche Zwischenraum diente an diesem Tag als Festsaal.

Wild standen die zierlichen Kaffeehausstühle durcheinander. Nahezu alle Gäste waren entweder zu den Erfrischungen in der Herrenabteilung oder zu den Waren ins Erdgeschoss verschwunden. Lediglich Jacob, Alois und der Erste Bürgermeister standen neben dem girlandengeschmückten Pult beieinander, ihren Mienen nach in ein ernstes Gespräch vertieft. Das Salonorchester spielte einen Walzer. Aus der Herrenabteilung drang Gläser- und Geschirrklappern, begleitet von munterem Stimmengewirr, während es im Rayon für Damenkleidung erstaunlich ruhig zuging.

»Und wo ist dein Bruder?«, bohrte Cäcilie ungnädig nach und reckte sich auf die Zehenspitzen.

Innerlich verfluchte Lily Benno. Wo steckte er bloß, wenn sie ihn einmal wirklich brauchte? Ob es tatsächlich so reizvoll war, zwischen ihm und ihrer besten Freundin zu vermitteln?

»Seine Majestät, der Prinzregent«, lief ein Raunen von unten nach oben durch die Gästeschar. Erleichtert atmete Lily auf. Wenigstens auf Seine Hoheit war Verlass.

»Ich muss nach unten«, erklärte sie Cäcilie und stürmte ohne weitere Erklärung davon.

 

Ehrfürchtig hatten sich die geladenen Gäste wie auch das Verkaufspersonal am Eingang um den roten Teppich aufgereiht, während Thea und Jacob dem königlichen Besucher als Erste ihre Aufwartung machten. Im stillen Einvernehmen gewährte man Lily Durchlass bis ganz nach vorn, wo nur wenige Schritte von den Eltern und Seiner Majestät entfernt Großmutter Recha mit Sepp an der Hand wartete. Von rechts zwängte sich zu Lilys Erleichterung endlich auch Benno durch.

»Wo warst du nur die ganze Zeit?« Unauffällig forderte sie ihn auf, sein struppiges, dunkelblondes Haar glatt zu streichen.

»Ich komme doch genau im richtigen Moment.«

Darauf sparte sie sich eine Erwiderung. Stattdessen glitten ihre Augen prüfend über den dunklen Anzug, der ihm für diesen Tag geschneidert worden war und seine sportliche Figur hervorhob. Auf einmal konnte sie verstehen, warum Cäcilie für ihn schwärmte. So elegant herausgeputzt wirkte er beneidenswert erwachsen, was sein markant gezeichnetes Gesicht erst recht unterstrich. Cäcilie würde gut zu ihm passen, und das nicht nur, weil sie nahezu gleich groß war. Sie wirkte auch ähnlich erwachsen. Ihre vor Übermut funkelnden grünbraunen Augen, ihre kecke Stupsnase wie auch der meist zum Lachen bereite Mund machten ihre stämmige Figur wett. Mit ihrer Lebendigkeit würde sie Bennos Hang zum Nachdenklichen, in sich Gekehrten bestens ergänzen. Leicht verlegen ob Lilys strengem Blick, rückte er die kleine Brille auf seiner großen Hirschvogl-Nase zurecht und nickte mit dem Kinn nach vorn, wo sich Jacob und Thea gerade wieder aus ihrer tiefen Verbeugung aufrichteten und ein angeregtes Gespräch mit dem Prinzregenten begannen.

»Das ist für Papa der wichtigste Augenblick am heutigen Tag«, raunte er Lily ins Ohr. Sie beschloss, den süffisanten Unterton in seinen Worten zu ignorieren. Viel zu gut konnte sie nachvollziehen, was es für ihren Vater hieß, dass der weißbärtige Herrscher in seiner schlichten Uniform mit der eindrucksvollen Kette gleich das Kaufhaus ihrer Eltern besichtigen und damit demonstrativ Anteil an ihrem Geschick nehmen würde.

»Letztlich ist das heute für unsere ganze Familie ein besonderer Moment«, schaltete sich Samuel ein, der sich durch die Reihen der Gäste zu den Geschwistern vorgeschoben hatte. »Für uns Juden bedeutet die Ernennung eures Vaters zum königlich bayerischen Hoflieferanten weitaus mehr als für die anderen Münchner. Aber das werdet ihr wohl erst in einigen Jahren im vollen Umfang begreifen.«

Einige Wochen später

Wie viele andere Münchnerinnen war Laetitia bald geradezu besessen vom Hirschvogl. Ein Kaufhaus, das einem auf so phantasievolle Weise die Wunderwelt der schönen Dinge präsentierte, war eine Attraktion für die Stadt. Die durfte man sich nicht entgehen lassen, noch dazu, wenn man wie Laetitia dank Alois’ langjähriger Freundschaft zu Jacob fast schon familiäre Bande zu den Hirschvogls besaß.

»Ein Taufschein würde ihr Kaufhaus auch nicht prächtiger machen«, parierte sie die gehässigen Bemerkungen ihrer Freundin Dita Gräfin Schöneberg zu den jüdischen Wurzeln von Thea und Jacob. Triumphierend setzte sie auf deren verkniffenes Schweigen hin nach: »Wenn das ein Problem wäre, würden der Prinzregent und seine Familie wohl auch nicht so viel dort kaufen. Außerdem sind fast alle namhaften Kaufleute Juden. Denk nur an Tietz oder Uhlfelder oder Isidor Bach. Die Juden haben halt einfach ein Händchen für die schönen Dinge und verstehen sich zudem darauf, sie uns schmackhaft zu machen, wie man an diesem Kleid bestens sieht.«

Fasziniert bewunderte sie sich im Spiegel ihres Schlafzimmers, ohne dabei ihre Freundin aus den Augen zu verlieren. Dita war anzusehen, wie sehr sie ihr das am Vormittag bei Hirschvogl erstandene pfirsichgelbe Sommerkleid aus feinstem Batist neidete. Der Schnitt sei neuester Pariser Schick, hatte Thea versichert.

»Ein absoluter Geheimtipp. Mein Bruder Louis hat ihn mir bei meinem Besuch letztens exklusiv empfohlen.«

Das war das ausschlaggebende Argument für Laetitia gewesen, sofort zuzuschlagen. Louis Senger galt als einer der erfolgreichsten Damenkonfektionäre an der Seine. Einmal im Jahr besuchte Thea ihn für zehn Tage, um sich von ihm auf den neuesten Stand der Pariser Mode bringen zu lassen. Seufzend wickelte sich Laetitia eine ihrer dünnen, braunen Haarsträhnen um den Finger. Was gäbe sie darum, sich Paris wenigstens einmal anzusehen! Vielleicht sollte sie Thea vorschlagen, sie auf ihrer nächsten Reise zu begleiten. Alois bekam sie ganz sicher nicht dorthin, und Cäcilie war noch zu jung. Ihre grünbraun gesprenkelten Augen wanderten über das biedere Kirschholzmobiliar ihres Schlafzimmers. Trotz des gleißenden Sonnenlichts, das durch die feinen Gazevorhänge der beiden Doppelfenster nach drinnen fiel, kam ihr ihr Zuhause plötzlich eng, dunkel und einfallslos vor. Jedes der fünf Zimmer war vollgestopft mit wuchtigen Möbeln, dunklen Bildern, Vasen, Kerzenleuchtern und was sich noch so von Generation zu Generation ansammelte und weitervererbte. Ein Mann mit Geschmack wie Theas Bruder wüsste das alles gewiss im Handstreich aufregender zu gestalten.

Wieder einmal überkam Laetitia ein Anflug von Selbstmitleid. Sie hatte weder einen erfolgreichen Bruder noch überhaupt irgendwelche Verwandtschaft im Ausland, von der Anregungen zu erwarten wären. Ihre Pfälzer Heimatstadt Ludwigshafen war nicht eben ein Zentrum der Weltläufigkeit, so war für sie schon ihre Verheiratung in die bayerische Hauptstadt ein großer Schritt gewesen.

»Typisch jüdisch«, kommentierte Dita ihre Überlegungen. »Die leben doch nur deshalb über die ganze Welt zerstreut, weil niemand sie bei sich haben will.«

»Ich bin froh, Thea Hirschvogl in München zu haben. Wie käme ich ohne sie an ein solches Kleid?«

Versöhnlich schlug Laetitia Dita vor, das Kaufhaus noch an diesem Nachmittag aufzusuchen, um für die Freundin ebenfalls etwas nach neuestem Pariser Schick zu erstehen. So käme auch sie selbst noch einmal in den Genuss, sich im luxuriösen Ambiente des Hirschvogls in die schillernden Weltmetropolen versetzt zu fühlen.

»Der große Vorteil der Konfektion ist, dass du ein Kleid entdeckst und sofort hineinschlüpfen und sehen kannst, ob es dir steht. Falls nicht, hängen noch genügend andere bereit, die du anprobieren kannst. Das kann dir keine Schneiderin bieten, noch dazu, wo du ihr das bestellte Kleid immer bezahlen musst, ganz egal, ob es dir hinterher gefällt oder nicht.«

Die Aussicht, bald ebenfalls das Neueste aus Paris zu tragen, besiegte offenbar Ditas Vorbehalte gegen die jüdischen Hirschvogls. Schließlich wollte sie sich nicht nachsagen lassen, sie lebe hinterm Mond, weil sie stur an ihrer einfallslosen Schneiderin am Gärtnerplatz festhielt.

»Du wirst wundervoll aussehen«, schwärmte Laetitia ihr kurz darauf in der Tram vor. »Im Handumdrehen ändern sie bei Hirschvogl jedes gewünschte Kleid exakt auf deine Maße.«

 

Bald war die skeptische Freundin ebenso wie sie Stammkundin am Rindermarkt, was ihnen mit der Einrichtung eines Kundenkontos und dem Vorteil einer Monatsrechnung, auf die es zwei Prozent Skonto gab, gedankt wurde.

»Ob der Prinzregent die gleichen Konditionen bekommt?«, erkundigte sich Dita zu Laetitias Verwunderung eines Tages. Erst wollte sie laut lachen, dann stutzte sie, bevor sie betont leichthin erklärte: »Natürlich. So viel, wie er dort kauft, lohnt sich das doch.«

Munter hakte sie die Freundin unter und spazierte mit ihr durch den Hofgarten, insgeheim auf einmal ganz beseelt von der Vorstellung, dank des Hirschvogls eine gemeinsame Schwäche mit Seiner Majestät zu teilen. Was, wenn er gleich aus der Residenz träte und sich anschickte, justement in diesem Moment zum Rindermarkt zu schlendern? Wie man wusste, ging der Wittelsbacher gern zu Fuß. Schon spähte Laetitia zu dem riesigen Gebäude an der Südseite des Hofgartens, ob sich eine der großen Flügeltüren öffnete. Darüber lenkte sie ihre Schritte wie so oft ebenfalls Richtung Rindermarkt, auch wenn sie an diesem sonnigen Nachmittag fest vorgehabt hatte, nur kurz mit Dita im Café Luitpold in der Brienner Straße einzukehren. Inzwischen verging allerdings kaum ein Tag, an dem Dita und sie nicht früher oder später unter einem fadenscheinigen Vorwand im Kaufhaus landeten. Immer öfter schlossen sich ihnen weitere Damen aus ihren Kreisen wie etwa die Rechtsanwaltsgattin Eleonore von Waikersheim und die aus Ostpreußen stammende Leutnantswitwe Gisa von Fürstenberg an. Die Gier nach den schönen Dingen aus aller Herren Länder berauschte sie. Mal war es ein fehlender Knopf, mal eine Elle Hutband oder ein Taschentuch, das unbedingt besorgt werden musste. Selten verließen Laetitia und ihre Freundinnen das Hirschvogl ohne weitere ebenso unaufschiebbare Einkäufe wie einen neuen Hut, einen weiteren Sonnenschirm, eine praktische Geldbörse für die Schwiegermutter oder eine aparte Schnupftabakdose für den Ehegatten. In den verschiedenen Abteilungen gab es immer wieder etwas zu entdecken, was man unbedingt noch haben musste, um mit den anderen mitzuhalten.

»Zu diesem Reisekostüm haben wir in unserer Galanteriewarenabteilung übrigens gerade zufällig einen Posten passender Schals«, verstanden sich Hedwig Strohschneider oder Thea geschickt darauf, die Kundinnen zu weiteren Leichtsinnskäufen zu animieren. Beim Wechsel ins Parterre stießen sie meist unerwartet auf etwas lang schon Gesuchtes.

»Das nehme ich besser gleich mit, sonst ist es am Ende ausverkauft«, rechtfertigten sie vor sich selbst auch diese eigentlich absolut unnötigen Anschaffungen.

 

»Was mach’ ma mit all dem Plunder?«, kommentierte Alois den wachsenden Berg Errungenschaften, der sich in der Rossbachschen Wohnung allmählich ansammelte. Den Hinweis auf Laetitias prallvollen Kleiderschrank verkniff er sich wohlweislich. Viel zu schön war sie in letzter Zeit anzusehen. Zu jeder Gelegenheit trug sie ein neues, aufregendes Kleid, das sie noch verführerischer machte. Den Gedanken an die hohe Rechnung, die ihm dafür Ende des Monats trotz Skonto und eines großzügigen Freundschaftsrabatts auf den Schreibtisch flatterte, verdrängte er da lieber.

»Das können wir uns doch jetzt alles quasi mit links leisten.«

Natürlich hatte sie recht. Geld war derzeit kein Problem. Die Geschäfte der Brauerei Rossbach aus München-Giesing florierten. Dank der Flaschenabfüllung exportierten sie mittlerweile bis nach Nord- und Südamerika, demnächst vielleicht sogar nach China und Japan. In der Berliner Friedrichstraße besaßen sie außerdem inzwischen eine eigene Bierhalle. Statt sich zu sorgen, bewunderte er also Laetitias neuesten Erwerb, eine schwarze Federboa, zu der selbstverständlich noch das passende Paillettenkleid und die dazugehörigen Abendschuhe angeschafft werden mussten.

Laetitias Lust am Kaufen war ansteckend. Spätestens donnerstags, wenn er zum Stammtisch im Ratskeller am Marienplatz ging, fühlte er sich selbst vom Hirschvogl magisch angezogen. Einen neuen Spazierstock konnte er schließlich immer gut gebrauchen, ebenso ein weiteres Paar Gamaschen oder eine dezent schimmernde Seidenkrawatte, die ihn bei der demnächst im Rat der Gemeindebevollmächtigen anstehenden Rede gleich viel eindrucksvoller erscheinen ließ. Auch die neue dunkelgrüne Samtweste machte sich gut unter dem dunkelgrauen Jackett. Das hatte er schon bei der letzten Sitzung seiner Fraktion festgestellt. Anerkennend hatte Bürgermeister Borscht sie gemustert. Pankraz Deubler, Jacobs erster Verkäufer, wusste einen eben bestens zu beraten.

Unter den Herren der besseren Münchner Kreise war es längst Mode, sich statt bislang hauptsächlich bei Isidor Bach in der Sendlinger Straße jetzt bei Hirschvogl am Rindermarkt einzukleiden. Nur dort führte man Anzüge aus leichtem englischen Tuch, die mit wenigen Stichen von Jacobs hauseigenen Schneidern jeden noch so weit vorspringenden Bierbauch geschickt verschwinden ließen. Selten hatte Alois sich so gut angezogen gefühlt. War er nach der Anprobe bester Dinge, fand er beim eigentlich zielstrebig angesteuerten Kaufhausausgang noch so manche Kleinigkeit, die ihn doch wieder innehalten und erneut einen der Verkäufer um das Zücken seines Auftragsblocks bitten ließ. So freute er sich wie ein Jungverliebter an Laetitias Überraschung, wenn er ihr vor dem Schlafengehen eine nach indischem Patschuli duftende Badeessenz oder einen Kristallflakon für ihr Riechsalz als Betthupferl auf die Kommode stellte.

Anfang Juli

»Habt ihr schon gehört, was im Hirschvogl los ist?«, platzte Cäcilie aufgeregt heraus, als sie eines Nachmittags kurz vor den Sommerferien nach Hause kam. Ihre Wangen glühten, ihre Augen leuchteten. Sie zeigte sich absolut unempfänglich für sämtliche Hinweise, sich gesitteter zu benehmen. Laetitia war ratlos. Nicht zum ersten Mal kehrte ihre Tochter in dieser Verfassung von ihrer Freundin Lily heim. Seit Wochen verbrachte Cäcilie jede freie Minute bei ihr oder, besser gesagt: wahrscheinlich gemeinsam mit ihr im Kaufhaus. Mehr als ein Mal schon hatte Laetitia überlegt, Cäcilie den engen Umgang mit Lily zu untersagen, es jedoch nie übers Herz gebracht. Dennoch musste sie Cäcilie jetzt eindringlich zur Ruhe mahnen. Alois war extra zum Nachmittagskaffee aus der Brauerei nach Hause gekommen, weil seine verwitwete Mutter Marianne wie auch seine unverheiratete Schwester Irmingard zu Besuch waren.

»Dreht sich auch bei euch alles nur noch um das Kaufhaus vom Jacob?«, erkundigte sich Marianne verwundert in ihrer zittrigen Stimme, die sie weitaus älter als Mitte sechzig wirken ließ, und balancierte betont vorsichtig die Teetasse aus feinem Nymphenburger Porzellan zum Tisch zurück. Nach dem Tod ihres geliebten Quirin vor zehn Jahren war sie über Nacht zur alten Frau geworden. Seither hatte sie die schwarze Witwenkleidung nicht mehr abgelegt.

»Überall in der Stadt hört man nur noch davon reden. Selbst meine Annamirl verbringt ihre freien Nachmittage neuerdings dort, dabei kann sich eine Hausangestellte niemals etwas von dem leisten, was sie da bestaunt. Aber schauen darf man ja, bis einem die Augen aus dem Kopf fallen. Und selbst wenn man sich lediglich für wenige Pfennige einen neuen Knopf für die Wäsche kauft, wird man im Hirschvogl bedient, als wäre man ein König, heißt es. Sogar Seine Hoheit, der Prinzregent, soll begeistert sein. Jacob hat es also wirklich geschafft. Seine Mutter wird stolz auf ihn sein. Schade, dass sein Vater das nicht mehr erlebt.«

»Das ist doch wieder mal typisch«, stellte Irmingard dagegen fest und schaute mit vorwurfsvollem Blick zum Vertiko, auf dem sich einige der von Laetitia bei Hirschvogl erworbenen Kuriositäten wie feinste Porzellandosen und winzige Vasen aus China und Japan sammelten. »Wenn es nach Jacob ginge, würden wir wohl nur noch ans Kaufen denken und unser ganzes Geld zu ihm tragen, obwohl wir nichts von dem ganzen Plunder wirklich brauchen.«

»Du hast den Jacob noch nie leiden können«, fuhr Alois seine ein Jahr ältere und im fortgeschrittenen Alter zur Bitterkeit neigende alleinstehende Schwester an.

»Was gibt es denn so aufregend Neues im Hirschvogl, von dem wir noch nichts mitbekommen haben?«, beeilte sich Laetitia, von dem immer gleichen Streit zwischen den zwei Geschwistern abzulenken.

»Das ganze Haus hat Lilys Mutter wie zur Sommerfrische herrichten lassen«, begann Cäcilie mit leuchtenden Augen zu erzählen. »Die einzelnen Abteilungen hat sie mit Ästen und Blumenzweigen dekoriert. Natürlich gibt es dort jetzt vor allem solche Sachen, die man zum Verreisen braucht. Also Koffer, Taschen, Hüte, Schirme, feste Schuhe und dergleichen. Zwischen den Regalen und Ladentheken stehen Bänke und Strohballen zum Hinsetzen. Es schaut aus wie auf einer Wanderung in den Bergen. Und im ersten Stock ist eine echte Holzhütte aufgestellt.«

»Wundervoll«, nickte Laetitia, dabei war sie ein wenig enttäuscht, hatte sie die Vorarbeiten dazu schon seit einigen Tagen mitverfolgt.

»Das Beste aber sind die Schaufenster«, fuhr Cäcilie hastig fort. Weil ihr die Zurückhaltung ihrer Mutter nicht entgangen war, wandte sie sich vor allem an die Großmutter, die sie gebannt anlächelte. »Kulissenmaler vom Theater haben riesige Leinwände mit Bergansichten bemalt und Felsen aus Pappmaché geformt. Dazu gibt es in einem Schaufenster zwischen Blumenkübeln mit echten Büschen eine rotkarierte Decke und einen prall gefüllten Picknickkorb. In einem anderen hat Lilys Mutter einen hölzernen Bootssteg mit einem richtigen Kahn und echtem Schilfgras aufbauen lassen. Nur die Enten sind aus Gips. Aber trotzdem sind sie so gelungen, dass man glatt meint, sie könnten wirklich schnattern.«

»Großartig!« Vergnügt stach ihre Großmutter die Gabel in die Erdbeertorte auf ihrem Teller. »Das werde ich mir unbedingt einmal ansehen.«

»Lass uns am besten gleich hingehen, Großmama!« Cäcilie war sofort Feuer und Flamme. Beim Aufspringen hätte sie fast ihre Tasse umgeworfen, womit sie sich einen bösen Blick Irmingards einfing. »Ich rufe schnell bei Hirschvogls an und gebe Bescheid. Wenn wir Glück haben, ist auch Lilys großer Bruder da. Der kann uns mehr über die Landschaften auf den Leinwänden verraten. Die sind nämlich nach echten Vorbildern gemalt.«

Laetitia horchte auf. Bislang hatte sich Cäcilie weder für Berglandschaften noch für Benno Hirschvogl interessiert, jetzt aber meinte sie beim Erwähnen seines Namens ein regelrechtes Strahlen in Cäcilies braungrünen Augen zu erkennen. Als ihre Tochter ihren forschenden Blick bemerkte, errötete sie. Laetitia schmunzelte. Die erste Schwärmerei war doch die schönste.

»Wir könnten nachher gemeinsam hinfahren und nach einem schönen Sommerhut für dich schauen«, schlug sie ihrer Schwiegermutter vor. Zugleich bedeutete sie Cäcilie, sich noch einmal hinzusetzen.

»Die Mutter braucht keinen neuen. Der vom letzten Jahr taugt noch«, warf Irmingard ein.

»Ich komm mit und schenk ihr einen«, widersprach Alois. »Mir macht’s Spaß, wenn die Mutter sich einmal was gönnt.«

»Im Hirschvogl werden wir sicher den passenden finden.«

Laetitia spürte, wie sie nun ebenfalls unruhig wurde, allerdings aus einem anderen Grund als Cäcilie. Am liebsten wäre sie ebenfalls gleich aufgebrochen. Wenn Alois mitkam, konnte sie ihn beim gemütlichen Schlendern durchs Kaufhaus sicherlich noch von den weißen Stiefeletten mit der feinen Lochstickerei überzeugen. Die würden hervorragend zu ihrem pfirsichgelben Sommerkleid passen, das ihm so gut gefiel. Mühsam versuchte sie, sich auf das Essen des Kuchens zu konzentrieren, um ihre Ungeduld zu zügeln.

»Warum wollt ihr jetzt dem Jacob das viele Geld in den Rachen schmeißen?«, beharrte Irmingard auf ihrem Unmut. »Eh man sich umschaut, ist der Sommer vorbei, und er wird die Restbestände zu Schleuderpreisen verhökern, damit er die Regale leer kriegt. Das kennen wir dank Tietz und anderer Schacherer inzwischen doch zur Genüge.«

»Ich glaub, du kapierst’s noch imma ned«, knurrte Alois wütend, warf die Kuchengabel auf den leeren Teller und verfiel in betontes Hochdeutsch. »Das Hirschvogl ist nicht die Dult, und mein Freund Jacob ist auch nicht der billige Jakob, der einem Schund aufschwatzt. Sein Kaufhaus ist das feinste Geschäft, das wir hier in München haben. Selbst Seine Majestät, der Prinzregent, kauft regelmäßig bei ihm ein.«

September

Der erlauchten königlichen Kundschaft wie auch der hohen Meinung seines besten Freundes zum Trotz erlag Jacob zum Ende der Sommersaison doch der Versuchung, die noch auf Lager befindlichen Sommerartikel in einer Sonderpreisaktion feilzubieten. Zwar geriet er dadurch in ärgste Konkurrenz mit Heinrich Uhlfelder im Rosental und Hermann Tietz am Stachus, die seit Jahren auf diese Weise ihre Lager leerten. Andererseits hatte er von vornherein auf höherwertige Waren und eine phantasievolle Dekoration gesetzt, weshalb sein Ausverkauf zu chaotischen Zuständen rund um den Rindermarkt sorgte. Zu viele, die in den vergangenen Wochen das prächtige Sortiment nur neidvoll hatten bewundern, sich aber niemals hätten leisten können, wollten nun die Gelegenheit nutzen, erstaunlich günstig an feinste Brüsseler Spitzen, vornehme englische Herrensocken oder beste italienische Damenschuhe zu kommen. Damit schaffte es das Hirschvogl ähnlich wie bei seiner Eröffnung im Mai auch Anfang September in sämtliche Zeitungen der Stadt – und zwar nicht auf die teuren Anzeigenseiten, sondern in die gratis berichtenden Lokalnachrichten.

»Ist es das, was du mit deiner Aktion bezweckt hast?«, brauste Thea auf und knallte ihm eines Morgens die bürgerlichen Münchener Neuesten Nachrichten wie auch das zentrumsnahe, katholische Fremdenblatt sowie den konservativen Bayerischen Kurier auf den Schreibtisch ihres gemeinsamen Büros im zweiten Stock, direkt über den Verkaufsräumen. Aufgewühlt lief sie zwischen Jacob und dem in der anderen Hälfte des langgestreckten Zimmers stehenden Besprechungstisch hin und her. Nur eine Woche war sie bei ihrem Bruder in Paris gewesen, um sich über die neue Wintermode zu informieren, und schon sah sie sich bei ihrer Rückkehr vollendeten Tatsachen gegenüber. Die milde Septembersonne blinzelte durch die vorhanglosen Fenster, die zum Rindermarkt hinausgingen. Trotz des angenehmen Lichts erschien Thea das mit dunklen, schweren Möbeln eingerichtete Büro auf einmal seelenlos. Es hatte genauso wenig mit dem gemein, was sie ihren Kunden im Hirschvogl vermitteln wollte, wie Jacobs Sonderausverkauf der Sommerware. Höchste Zeit, das Flair der weiten Welt auch in diese vier Wände zu holen. Eine feinere Umgebung hielt Jacob vielleicht von weiteren Dummheiten ab.

»Was regst du dich auf?«, erwiderte er schmunzelnd und legte noch die regierungsnahe Münchener Zeitung und die sozialdemokratische Münchener Post dazu. »So einig sind sich die Herrschaften in den Zeitungen selten.«

Thea verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, seinem um Zustimmung heischenden Blinzeln zu widerstehen.

»Wir waren uns einig, im neuen Haus auf Ramschverkäufe zu verzichten. Du bist jetzt königlich bayerischer Hoflieferant, der Prinzregent ist unser Stammkunde, und das Hirschvogl hebt sich dank seines erlesenen Warensortiments und seiner gediegenen Ausstattung von den anderen Kaufhäusern ab. Mit solchen Niedrigpreisaktionen machen wir uns das alles kaputt. Luxus, den sich jeder leisten kann, ist kein Luxus mehr. Damit sind wir wieder genau da, wo auch all die anderen sind.«

»Du hast ja recht«, räumte er kleinlaut ein und rieb sich verlegen seinen silbern melierten Backenbart. »Ich hätte das vorher mit dir statt mit Freundlich besprechen müssen. Künftig werd ich mich besser dran halten.«

»Das wäre fein.« Sie blieb stehen und sah ihm eindringlich in die maronibraunen Augen. »Denk immer daran, was wir mit dem Hirschvogl wollen: ein ganz besonderes Warenhaus für München und die Münchner erschaffen.«

 

Anlässlich des Oktoberfests rückten Thea und Jacob ihrem erträumten Ziel einen großen Schritt näher. Die Wiesn spülte sehr viele Gäste aus dem näheren und ferneren Umland in die Stadt, manche reisten gar aus weit entlegeneren Ecken Deutschlands an. Die heimischen Geschäftsleute wetteiferten darin, sich wie die gesamte Stadt im besten Festtagsgewand zu präsentieren. Statt jedoch wie Uhlfelder, Tietz und einige andere Kaufhäuser zwischen Marienplatz und Stachus mit weiß-blauen Fahnen, Bierbänken und Bierfässern eine zünftige Festzelt-Atmosphäre in den Ladenräumen zu inszenieren, setzte Thea im Hirschvogl auf die Attraktion des Velocipeds. Inspiriert hatte sie dazu die seit einigen Jahren am ersten Wiesn-Wochenende stattfindende Corsofahrt der Münchner Velocipedvereine rund um die Theresienwiese. Das Hirschvogl eröffnete nicht nur eine eigene Abteilung mit den neuesten Velocipedmodellen und machte in sämtlichen Schaufenstern dafür Reklame, sondern ließ auch direkt vor dem Eingang kostenlose Fahrstunden von erfahrenen Trainern abhalten. Artistische Vorführungen durch geübte Radler sowie ein Hindernisparcours für Kinder rundeten das Programm ab. Einmal hatte sogar die Tochter des Prinzregenten, Prinzessin Therese, dem Programm beigewohnt.

»Hast’s schon ausprobiert?«, lautete über Wochen die erste Frage, ganz egal, wo in der Stadt man sich traf, und meinte damit das Fahrradfahren vor dem Hirschvogl am Rindermarkt. Das aber reichte Thea noch immer nicht.

 

»Was sagst du dazu?«, erkundigte sich Dita Gräfin Schöneberg bei Laetitia, als die sich gerade zurechtmachte, um mit ihr auf einen Mokka ins Tambosi am Hofgarten zu spazieren. Laetitia, die soeben einen weit ausladenden Hut mit einer langen weißen Feder auf ihr hochtoupiertes Haar hatte setzen wollen, hielt mitten im Tun inne und suchte im Spiegel den Augenkontakt mit ihrer Freundin. »Zu was?«

»Dass sie neuerdings im Hirschvogl Fahrradhosenröcke für Damen führen«, platzte Dita in ihrer schrillen Stimme heraus. »›Bloomers‹ nennt man die angeblich in England. Stell dir vor, sogar Prinzessin Therese soll sie schon in Augenschein genommen haben.«

»Machen die eine gute Figur?«

»Woher soll ich das wissen?« Spitz lachte Dita auf und schüttelte empört den Kopf. »Glaubst du ernsthaft, ich würde so etwas anziehen? Es reicht, dass sich deine Freundin Thea Hirschvogl nicht zu schade ist, diese albernen Dinger zu tragen. Und natürlich nimmt sie in aller Öffentlichkeit Velocipedfahrstunden auf dem Rindermarkt.«

»Das muss ich sehen!« Schwungvoll setzte Laetitia den Hut auf und riss Dita mit sich fort. Statt ins Café eilten sie wieder einmal zum Rindermarkt. Zwar kamen sie zu spät, um Thea in dem skandalösen Hosenrock auf dem Velociped zu sehen. Dafür erlebten sie noch den Menschenauflauf vor dem Kaufhauseingang, der nicht nur zwei Schandis als Vertreter der Ordnungsmacht, sondern auch etliche Fotografen und Reporter von den Zeitungsredaktionen aus der nahe gelegenen Sendlinger Straße auf den Plan gerufen hatte. In dem dichten Gedränge meinte Laetitia für einen Moment, Cäcilie zu erspähen. Doch da bat Dita sie darum, sie noch einmal kurz ins Kaufhaus zu begleiten. »Natürlich würde ich niemals diese grässlichen Bloomers tragen«, versicherte sie ihr, als sie Arm in Arm die majestätische Freitreppe im Hirschvogl erstiegen. »Aber so einen flotten, kleinen Hut, wie Thea ihn letztens angehabt hat, muss ich mir einmal in natura ansehen.«

Laetitia lächelte still in sich hinein. Sicher war Ditas Aufregung wieder einmal nur ein Vorwand gewesen, das Hirschvogl aufzusuchen.

Als sie das Obergeschoss erreichten, beobachtete sie gerade noch, wie Lily, Cäcilie, Benno und ein weiterer, offenbar gleichaltriger Jüngling kichernd durch die Milchglastür zur Hintertreppe verschwanden. So jung müsste man noch einmal sein! Neidisch sah sie auf die geschlossene Tür. Wer weiß?, ging ihr im nächsten Moment ein neuer Gedanke durch den Kopf. Vielleicht wurde eines Tages mehr aus Cäcilies Schwärmerei für Benno. Ein Schwiegersohn, der ein so prächtiges Kaufhaus erbte, war nicht die schlechteste Partie. Das machte sogar sein Beschnittensein wett. Sie reckte das Kinn, wirkte dadurch noch größer und eindrucksvoller als sonst und betrachtete die Auslagen ringsum plötzlich mit anderen Augen. Eines Tages könnte das alles ihrer Tochter gehören – und sie selbst damit einen ganz neuen Rang im Hirschvogl einnehmen.

»Wo bleibst du?«, rief Dita ungeduldig und winkte sie in die Damenkonfektion. »Beeil dich! So viele Hüte gibt es nicht mehr.«

Schnell raffte Laetitia ihren Rock und lief zu Dita. Dabei stach ihr wieder einmal die auserlesene Einrichtung ins Auge. Selbst der winzigste Hocker war aus edelstem Material. Nach allem, was sie bislang über Benno wusste, war er ein ähnlicher Schöngeist wie seine Mutter. Unbedingt musste sie versuchen, den Kontakt zu den Hirschvogls zu vertiefen. Eine Schande, dass Alois bislang noch nie auf die Idee gekommen war, seinen besten Freund und seine Familie zu sich nach Hause einzuladen.

 

»Bist narrisch, dich in dem Aufzug in der Öffentlichkeit zu zeigen? Was denkst, was morgen in der Zeitung über dich steht? Wenigstens hat dich Ihre Hoheit, die Prinzessin Therese, so nicht gesehen.«

Jacob war außer sich, als Thea erhitzt, aber glücklich nach ihrem Fahrradtraining zu ihm ins Büro zurückkehrte. In der letzten Stunde hatte mehrere Male das Telefon auf seinem Schreibtisch geklingelt. Empört hatte sich Emma Fellbach über Theas Auftritt und den daraus resultierenden Menschenauflauf beschwert. Sie war nicht nur die hochgeachtete Witwe des Generals Ludwig Fellbach vom Königlichen Leib-Regiment, sondern auch eine der wenigen in München, die sich einen privaten Telefonanschluss leisteten. Dass sie ihn in dieser Angelegenheit nutzte, war ein klares Zeichen dafür, als wie unstatthaft sie Theas Benehmen empfand. Ebenso hatten Zeitungsredaktionen aus anderen Städten Näheres von ihm über die Sache hören wollen. Binnen kürzester Zeit hatte sich die Nachricht also schon weit über die Grenzen Münchens hinaus verbreitet.

»Genau auf diese Zeitungsberichte warte ich doch«, entgegnete ihm Thea zu seiner Überraschung amüsiert. »Von mir aus können sie sich das Maul über mich zerreißen. Hauptsache, sie schreiben etwas über die Geschichte. Allein das zählt. Erinnere dich an die Berichte über deine Sonderpreisaktion letztens.«

»Mag sein, dass es gut ist, wenn wir oft in der Zeitung stehen«, lenkte Jacob vorsichtig ein. »Was aber nicht passieren darf, ist, dass wir uns die vergrätzen, die uns das Geld ins Haus schaffen, also unsere Stammkundschaft. Die Witwe Fellbach jedenfalls ist nicht erfreut, dich auf dem Velociped gesehen zu haben, noch dazu in dem lächerlichen Hosenrock. Wirst sehen, am Ende kauft die nimmer bei uns ein, und das nach mehr als fünfzehn Jahren.«

»Dafür hat mir eben Anita Augspurg vom ›Verein für Fraueninteressen‹ höchstpersönlich zu meinem Mut gratuliert«, triumphierte Thea. »Sie sieht meinen Auftritt als erfreuliches Signal für die längst überfällige Emanzipation. Wenn die erst mal was darüber in der Münchener Post