Das Haus des Todes - Paul Cleave - E-Book

Das Haus des Todes E-Book

Paul Cleave

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Beschreibung

Tretet ein - seid meine Gäste ...

Es ist Nacht über der Metropole Christchurch, Neuseeland. Caleb Cole verlässt sein Haus, steigt in den Wagen. Er macht sich an die Arbeit – es gibt viel zu tun. Caleb fühlt sich gut – er ist frisch geduscht, kein Blut klebt mehr an seinem Körper. Nun ist es Zeit, das Werk zu vollenden. Es soll eine lange Nacht werden – mit vielen Opfern. Caleb biegt in die Straße zum alten Schlachthaus. Hier wird er seine Gäste versammeln. Behutsam fasst er an sein Messer. Das Spiel beginnt …

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Inhaltsverzeichnis

WidmungPrologFünfzehn Jahre später
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3
Copyright

Die Originalausgabe THE LAUGHTERHOUSE erschien 2012 bei Atria Books, a division of Simon & Schuster, Inc., New York

Für McT, The Mogue, Loony und Haku

Prolog

Es war Weihnachten mitten im August. Eine verzauberte Winterlandschaft. Der Tatort war mit gelbem Absperrband dekoriert, als wäre es Lametta, und auf dem Schriftzug Durchgang verboten hatte sich im Nu Raureif gebildet, sodass die einzelnen Buchstaben nicht mehr zu unterscheiden waren. Im Schnee lag ein kleiner brauner Schuh. Er lag auf der Seite, eingefasst von einer frischen Schneeschicht. Das Mädchen hatte ihn verloren, als man es vom Wagen ins Gebäude getragen hatte. Hier draußen war es totenstill und kalt, so kalt, dass man das Gefühl hatte, der Atem würde einem direkt vor dem Gesicht gefrieren und zu Boden fallen, zwischen den Füßen sanft im Schnee landen und die eisigen Temperaturen, die einem in den Zehen zwickten, noch weiter sinken lassen. Abgesehen von den grauen Stellen, wo Stiefel und Fahrzeuge den Boden aufgewühlt hatten, war alles weiß. In der Nähe des Gebäudes spiegelten sich im Schnee das Licht der Halogenscheinwerfer und die Blaulichter der Polizeiautos. Die bunten Lichtbündel wischten über die dreckigen Fenster in unmittelbarer Nähe und verloren sich in den Tiefen der Räume dahinter.

Über dem Ganzen lag eine weihnachtliche Atmosphäre; als wäre Santa Claus in den falschen Teil der Stadt gekommen und hätte die falschen Leute getroffen und auf grausamste Weise dafür bezahlt. Die Halogenlampen und Autoscheinwerfer, die auf das alte Gebäude gerichtet waren, tauchten die Tragödie in ein grelles Licht und verwandelten sie so in ein festliches Schauspiel. Das Gebäude stand seit fast einem halben Jahrhundert leer, abgesehen von den verwaisten Geräten, den verrosteten Metallgegenständen und den alten Werkzeugen und Möbelstücken, die abzuholen sich nicht gelohnt hatte. Und dann war da natürlich der Gestank. Es roch nach dem Tod, der paarweise durch die Tore marschiert war, paarweise wie die Tiere auf die Arche, nur dass es an diesem Ort hier keine Rettung gegeben hatte. Während der wenigen Jahre, die der Schlachthof in Betrieb gewesen war, hatte der Boden all das Blut, die Scheiße und den Urin aufgesaugt, waren der Tod und der ganze Dreck in den Beton gedrungen, in das Fundament und in die Wände, ja sogar in die Luft, als würde die Luft im Innern nicht mehr zirkulieren sondern für immer in diesen Räumen stehen.

Officer Theodore Tate wollte gar nicht wissen, wie viel Blut hier vergossen worden war, und nicht zu viel darüber nachdenken  – er wollte einfach nur seinen Job machen, die Augen aufhalten und niemandem in die Quere kommen. Er und sein Partner, Officer Carl Schroder, waren die Ersten am Tatort, nachdem der Anruf eingegangen war. Langsam und vorsichtig hatten sie das Gebäude betreten, und im Innern hatten sie das junge Mädchen gefunden. Es trug den anderen Schuh und eine Socke, das war alles, was es anhatte. Die anderen Kleidungsstücke lagen zerrissen auf einem Haufen neben ihm. Die beiden Officers hatten noch nicht viele Leichen gesehen – nur ein paar Selbstmörder und einige Unfallopfer, darunter einen Fahrer, der in zwei Hälften zerteilt worden war, die Beine und der Oberkörper lagen zwanzig Meter voneinander entfernt, und eine der Hände wurde nie gefunden  –, und das hier war Tates erstes Mordopfer. Das Blut war noch nicht getrocknet, aber die Augen des Opfers waren bereits trübe geworden. Es war eine Tragödie, bei der jemand nicht durch einen Unfall gestorben war, sondern an den Folgen roher Gewalt.

Sie sicherten den Tatort und redeten nur das Nötigste, dann warteten sie auf die anderen, während sie die Hände aneinanderrieben und mit den Füßen aufstampften, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Der Anblick des Mädchens weckte in Tate den Wunsch, seinen Beruf als Cop an den Nagel zu hängen, und zugleich, als Detective in der Mordkommission zu arbeiten. Wie sein Priester ihm gesagt hatte: Das Leben ist voller Widersprüche und schlechter Menschen.

Für die Detectives, die inzwischen eingetroffen waren, gab es niemanden, den sie hätten befragen können. Die einzigen Zeugen hier draußen waren die Geister derjenigen, die durch die Tore des Schlachthofs getrieben worden waren, um als Supermarktschnäppchen oder Hamburger zu enden.

Es war kurz nach zehn. Und knapp unter null Grad. In ein paar Tagen würde Vollmond sein. Letzte Nacht hatte es angefangen zu schneien. Die Stellen, die nicht von den Halogenscheinwerfern beleuchtet wurden, waren in fahles Mondlicht getaucht. Auf der Vorderseite des Gebäudes standen in großen Lettern die Wörter North City Slaughterhouse. Doch jemand hatte das S auf dem Schild übermalt, sodass dort jetzt laughterhouse stand, außerdem war der Schlachthof völlig verwüstet. Vor anderthalb Tagen hatte das Gemetzel erneut begonnen, nur dass die Opfer diesmal keine Kühe und Schafe waren.

Den Mann, der das getan hatte, hatten sie bereits festgenommen. Das war vor vierundzwanzig Stunden gewesen. Zweiundzwanzig davon hatte er kein einziges Wort gesagt. Die Eltern des Mädchens waren die ganze Zeit auf der Wache gewesen und hatten die Beamten angefleht, mit dem Mann sprechen zu dürfen, der ihre Tochter entführt hatte; sie glaubten, es gäbe eine Möglichkeit, sie zurückzubekommen. Doch die Cops wussten, dass sie sie in einem Zustand zurückbekämen, der ihnen nicht gefallen würde.

Schließlich war einer der Beamten ins Verhörzimmer marschiert und hatte angefangen, auf den Verdächtigen einzuschlagen. Er hatte die Schnauze voll und schnappte sich ein Telefonbuch, um damit auf ihn loszugehen. Der Kollege würde zwar seinen Job verlieren, doch der Verdächtige spuckte die Adresse aus.

Einer der Officers verließ jetzt das Gebäude, und als er Tate bemerkte, kam er herüber.

»Was für ein Anblick«, sagte Officer Landry, tastete die Jackentaschen nach seiner Zigarettenpackung ab und zog sie heraus. »Mann, meine Finger sind eiskalt, ich weiß nicht mal, ob ich es überhaupt schaffe, mir eine anzustecken.«

»Das ist ein Zeichen. Du solltest aufhören.«

»Zeichen von wem, von Gott? Wenn ich bedenke, was wir da drin gesehen haben, hat er wohl gerade Besseres zu tun«, antwortete Landry. »Hast du den Boden gesehen?«

Tate nickte. Er würde den Anblick nie wieder vergessen.

»Gruselig, der Boden da drin«, sagte Landry. »Kannst du dir vorstellen, wie es sein muss, wenn das das Letzte ist, was du jemals sehen wirst?« Er nahm einen kräftigen Zug von seiner Zigarette, deren Spitze dabei rot aufleuchtete. Dann blickte er zu dem Schriftzug auf der Seite des Gebäudes hinauf. »Laughterhouse«, sagte er. »Was ist das für ein kranker Scherz?«

Tate antwortete nicht. Sondern trippelte, die Hände in den Taschen, von einem Fuß auf den anderen.

»Das arme Mädchen«, sagte Landry.

»Jessica«, berichtigte Tate.

Landry schüttelte den Kopf. »Das darfst du nicht tun. Du darfst ihr keinen Namen geben.«

Tate schaute zu Landry, dann hinunter auf den Boden.

»Hör zu, Theo«, sagte er und nahm die Zigarette aus dem Mund. »Ich weiß, dass sie einen Namen hat, okay? Aber das darfst du nicht. Du wirst in Zukunft noch jede Menge solcher Tragödien erleben, du musst diese Opfer als Fälle betrachten, sonst wirst du in diesem Job nicht alt.«

Ein weiterer Detective trat aus dem Gebäude, in der Hand eine knallrote Schultasche, auf deren Rückseite ein Regenbogen gemalt war. Er hielt sie mit ausgestrecktem Arm von sich, als hätte er eine tote Maus in der Hand, die seine Katze gerade ins Haus geschleppt hatte.

Landry zog erneut an seiner Zigarette. »Ihr wisst doch von dem Geständnis, oder?«

Tate nickte. Er hatte es mitgekriegt.

»Dieser Scheißkerl wird damit durchkommen«, sagte Landry und rauchte seine Zigarette zu Ende. Dann ging er wieder ins Gebäude und ließ Tate allein im Schnee zurück. Tate starrte auf den braunen Lederschuh, der nicht größer war als seine Hand.

Fünfzehn Jahre später

Kapitel 1

Das Wetter ist für eine Beerdigung denkbar ungeeignet. Die Sonne, die am frühen Montagmorgen in Christchurch schien, wurde inzwischen von Regen abgelöst. Der eben noch wolkenlose Himmel ist jetzt überall grau, nirgends ist eine blaue Stelle zu sehen. Erst gießt es in Strömen, dann wird ein lästiges Nieseln daraus, gegen das die Scheibenwischer meines Autos kaum ankommen. Mein Wagen macht nicht viel her  – er ist über zwanzig Jahre alt, was ungefähr siebzig Menschenjahren entspricht, jedenfalls hat er das Rentenalter erreicht. Manchmal springt er morgens an, manchmal nicht, aber er hat nicht viel gekostet, und um ehrlich zu sein, kann ich mir selbst etwas, das nur wenig kostet, kaum leisten.

Heute Morgen ist es nicht besonders kalt. Der März zeigt sich häufig von seiner freundlichen Seite, obwohl es jeden Tag kühler wird und es in Riesenschritten auf Juli und August mit ihren eisigen Temperaturen zugeht. Unter solchen Bedingungen bewegt sich mein Wagen keinen Zentimeter mehr von der Stelle. Und ich vielleicht auch nicht, denn bezahlte Arbeit ist bei mir eher die Ausnahme als die Regel. Die einzigen Aufträge als Privatdetektiv, die ich in letzter Zeit hatte, hat mir Detective Inspector Carl Schroder zugeschanzt, unbedeutende Fälle, um die sich die Polizei nicht kümmern kann, weil sie inzwischen zu sehr damit beschäftigt ist, die anständigen Bürger von Christchurch davor zu bewahren, unter der Erde zu landen.

Allerdings ist es nicht mehr März. Seit zehn Stunden haben wir April, und der April ist ein noch schlimmerer Monat. Die Hälfte der Zeit habe ich geschlafen, und die andere bin ich mit einem Foto von Lucy Saunders in der Tasche von Motel zu Motel gefahren und habe es den Mitarbeitern am Empfang gezeigt. Lucy Saunders ist eine aufgeschlossene, freundliche Frau und gerade mal Mitte zwanzig, sie ist attraktiv und warmherzig, alles Eigenschaften, die sie zu einer idealen Betrügerin machen. Eigenschaften, die ihr Ärger mit der Polizei eingehandelt haben. Sie ist gegen Kaution auf freiem Fuß und hat sich aus dem Staub gemacht; seit zwei Wochen ist sie jetzt verschwunden, und die zwanzigtausend Dollar, die sie gestohlen hat und die ihr zum Verhängnis wurden, sind immer noch nicht wieder aufgetaucht. Das ist eigentlich kein Job für einen Privatdetektiv, sondern für einen Kopfgeldjäger, aber es bringt Geld in die Kasse. Ich hoffe es zumindest  – denn Lucy Saunders ist mein erster Kautionsfall.

Am vernünftigsten wäre es gewesen, wenn Lucy und ihr Freund einen Wagen bestiegen hätten und einfach davongefahren wären, immer weiter, um eine möglichst große Entfernung zwischen sich und Christchurch zu legen, doch Vernünftiges kommt Leuten wie Lucy und ihrem Freund nicht unbedingt in den Sinn. Ich steige aus meinem Wagen und halte mir zum Schutz gegen den Regen eine Zeitung über den Kopf, während ich zu den großen Glastüren des Everblue Motel renne, einem Motel, in dem man nicht tot aufgefunden werden will, denn das hieße, dich hätte irgendein Zuhälter kaltgemacht, weil du eines seiner Mädchen mies behandelt hast. Der Typ hinter dem Empfangsschalter sieht aus, als würde er sich nur für Hamburger und Pornos interessieren. Er trägt ein mit Essensresten beschmiertes Hemd; es ist aufgeknöpft und gibt den Blick frei auf ein Netzunterhemd, aus dem seine Haare hervorstehen wie die Borsten eines Farbpinsels. Und ich bin froh, dass ich die letzten zwanzig Stunden nichts zu mir genommen habe. Der Raum stinkt nach Zigarettenqualm, und von der Deckenfarbe ist vor lauter Fliegenscheiße fast nichts mehr zu erkennen.

»Ein Doppelzimmer kostet …«

Er hält inne, als ich das Foto auf den Tresen lege. »Haben Sie diese Frau schon mal gesehen?«, frage ich.

»Pass mal auf, Kollege, hier tauchen ständig irgendwelche Cops, Väter und Zuhälter auf, die jemanden suchen, und allen sage ich dasselbe  – umsonst ist nur der Tod.«

»Zu gütig«, sage ich. »Sie sind ja ein richtiger Menschenfreund.«

»Von Hilfsbereitschaft kann ich mir nichts kaufen«, sagt er.

»Wie zum Beispiel ein neues Hemd. Ich werde Ihnen keine zwanzig Mäuse geben, nur damit Sie mir erzählen, dass sie nicht hier ist.«

»Ich will auch keine zwanzig. Ich will fünfzig, und Sie werden sie mir geben.«

»Ach ja?«

»Ja, denn ich hab sie gesehen«, sagt er, während er unter sein Hemd greift und sich auf eine Weise an einer seiner Brustwarzen kratzt, dass sich der schwulste Mann in einen Hetero verwandeln würde. »Zusammen mit diesem Typen. Die Info gibt’s gratis, als Zeichen des guten Willens, okay? Für fünfzig Mäuse gibt’s mehr davon.«

»Wenn Sie sie gesehen haben, heißt das, sie ist noch hier oder war es bis vor Kurzem«, sage ich. »Ich könnte also ein paar Türen eintreten und nachsehen.«

»Das ist ’n Argument«, sagt er, greift nach unten und holt unter dem Tresen einen Baseballschläger hervor, auf den jemand mit Filzstift Überredungskünstler geschrieben hat. »Aber ich habe hier ’n Gegenargument. Na ja, wenn Sie ein Cop wären, hätten Sie’s mir längst gesagt und mir Ihren Ausweis gezeigt. Ein Cop wäre mit ’nem Wagen vorgefahren, der mehr wert ist als das Benzin im Tank. Und wenn ich mir meinen Kumpel hier so anschau«, sagt er und hebt den Schläger weiter in mein Blickfeld, »dann schätze ich, dass Sie es höchstens durch eine Tür schaffen. Also, wie sieht’s aus?«

Ich blicke durch das Fenster hinaus auf den Parkplatz. Ein Dutzend Zimmer, eins neben dem anderen, bilden die Form eines Ls, sechs von Norden nach Süden und sechs von Osten nach Westen. Vor vieren davon steht ein Auto.

»Ich habe keine fünfzig Mäuse«, erkläre ich. »Sie haben ja meinen Wagen gesehen.«

»Dann kann ich Ihnen auch nicht sagen, wer das Mädchen ist.«

»Danke für Ihre Mühe.«

Ich trete ins Freie. Die frische Luft tut gut nach dem Gestank im Büro. Es ist fast Mittag, und mein Magen rumort wie blöde, um mir zu signalisieren, dass ich sterbe, wenn ich nicht bald was zu beißen kriege. Könnte ich also fünfzig Dollar erübrigen, würde ich mir davon etwas zu essen kaufen, statt sie dem behaarten Brustwarzenheini zu geben. Allerdings kann ich auf dem Weg zu meinem Wagen fünf Sekunden erübrigen, und die nutze ich, um den Feueralarm auszulösen.

In den Zimmern werden die Vorhänge zurückgezogen, und hinter den Fenstern erscheinen mehrere Gesichter. Im vorletzten Zimmer des Ost-West-Flügels ist das von Lucy Saunders zu sehen. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und mache meinen Anruf. Keiner der Gäste stürzt wegen des Alarms aus dem Zimmer, nur der Mitarbeiter kommt aus seinem Büro; er starrt mich wütend an. Und hält Händchen mit dem Überredungskünstler. Offensichtlich fragt er sich, ob er ihn gegen meinen Wagen einsetzen soll, und kommt zu dem Schluss, dass die Wertminderung für seinen Schläger größer wäre als für meine Karre. Dann überlegt er wohl, ihn gegen mich einzusetzen. Ich bleibe im Wagen und starre zu ihm hinaus, während ich versuche, ihn kraft meiner Gedanken zum Reingehen zu bewegen. Was er glücklicherweise auch tut.

Zwei Minuten später trifft ein Löschfahrzeug ein; das laute Jaulen der Sirene löst bei mir einen Anflug von Kopfschmerzen aus. Der Wagen fährt auf den Parkplatz, und die Sirene verstummt, und dann geschieht mehr oder weniger gar nichts. Ein paar Minuten später, als Schroder mit zwei Streifenwagen auftaucht, ist er immer noch da; davor, im Regen, stehen die Feuerwehrleute. Durch die Windschutzscheibe, an der nur noch der Scheibenwischer auf der Fahrerseite funktioniert, beobachte ich, wie sich Schroders Einsatzteam dem Motelzimmer nähert. Er klopft an die Tür. Und eine Minute später werden Lucy und ihr Freund gefesselt auf die Rückbank eines Streifenwagens verfrachtet, dann werden der Geschäftsführer und die Feuerwehrleute befragt. Schließlich kommt Schroder zu mir herüber und hockt sich auf den Beifahrersitz meines Autos; dabei macht er das ganze Polster nass. Wir beide starren zu den Feuerwehrmännern hinüber, die gerade von den hiesigen Nutten angequatscht werden.

»Gute Arbeit«, sagt Schroder. »Du hast es geschafft, dass lediglich der Motelmitarbeiter und sämtliche Feuerwehrleute sauer auf dich sind. Ich muss sagen, für deine Verhältnisse ist das richtig gut.«

»Danke für die Blumen.«

»Verdammt, ich bin wirklich froh, dass du niemanden umgebracht hast.«

»Man lernt dazu«, erkläre ich.

»Und, bleibt es dabei, kommst du heute Nachmittag?«

»Versprochen ist versprochen.«

»Also, niemand zwingt dich. Du mochtest ihn nicht besonders, und er konnte dich bestimmt auch nicht leiden.«

»Ich weiß. Was für ein Scheiß«, sage ich, während ich an meine letzte Begegnung mit Bill Landry denke. Das war letztes Jahr. Er beschuldigte mich, zwei Menschen getötet zu haben. Damit lag er allerdings nur zur Hälfte richtig. Vor einer Woche dann folgte Landry einer falschen Fährte. Er zog die falschen Schlüsse, und der Preis, den er dafür zahlen musste, war der höchstmögliche. Jetzt ist er ein weiterer Cop, der in Ausübung seiner Pflichten gestorben ist, eine weitere Zahl in einer Statistik, in einer Welt, in der es immer mehr negative Statistiken gibt.

»Bist du okay?«, fragt er.

»Was?«

»Du reibst dir den Kopf.«

Ich nehme meine Hand herunter; seitlich am Schädel, unterm Haar, habe ich eine kleine Beule und eine Narbe. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich sie massiert habe. Vor sechs Wochen hat ein Mann versucht, mich zu töten, indem er mir mit einem Einmachglas mit einem abgetrennten Daumen darin seitlich gegen den Schädel schlug. Seitdem werde ich immer wieder von ziemlich heftigen Kopfschmerzen geplagt. Der jüngste Anfall ist inzwischen zum Glück fast vorbei.

»Mir geht’s gut«, sage ich.

»Du solltest damit zum Arzt gehen.«

»Was macht mein Antrag?«, frage ich.

»Es war abzusehen, dass die Sache nicht so glatt über die Bühne gehen würde, Tate, dazu sind in deiner Vergangenheit zu viele schlimme Dinge passiert.«

»Jede Woche schmeißt irgendjemand die Brocken hin«, sage ich. »In einem Jahr gibt es keine Cops mehr. Ich kapier nicht, warum ich nicht für Landry wieder bei euch anfangen kann.«

»Ach ja? Du kapierst nicht, warum das so nicht läuft?«

»War doch nur ein Beispiel«, sage ich, denn mir ist klar, dass sich ein verstorbener Beamter nicht ersetzen lässt. »Aber der Polizei fehlt es an guten Cops, und egal, was passiert ist, Carl, ich war ein guter Cop.«

Er seufzt. »Das stimmt, und dann hast du’s vergeigt und bist ein schlechter Cop geworden. Pass auf, ich unterstütze dich bei der Sache, okay? Ich tue, was ich kann. Ich denke, dass wir besser fahren, wenn du für uns statt gegen uns arbeitest. Dasselbe gilt auch für die Stadt, aber so ein Antrag braucht eben seine Zeit, und sollte er bewilligt werden, musst du noch eine Reihe weiterer Bedingungen erfüllen. Unter anderem musst du einen Gesundheits-Check bestehen. Und was das betrifft, Tate, flößt du mir nicht gerade Vertrauen ein. Hast du diese Woche überhaupt schon was gegessen?«

»Ich brauche den Job, Carl.«

»Es gibt jede Menge anderer Jobs.«

»Nein, gibt es nicht. Ich brauche diesen Job. Ich kann sonst nichts anderes.«

Er nickt mir zu, dann steigt er wieder raus in den Regen und schaut mich an, mit einem Blick, den wir früher Junkies zugeworfen haben.

»Geh zum Arzt«, sagt er, dann schließt er die Tür.

Lucy und ihr Freund starren von der Rückbank des Streifenwagens ihrer Zukunft entgegen, während sich der Löschzug mit ausgeschaltetem Blaulicht langsam entfernt; deprimiert schauen die Nutten ihm hinterher. Ich drehe den Schlüssel im Zündschloss herum. Doch der Wagen springt nicht an, jedenfalls nicht sofort, erst beim fünften Versuch habe ich Erfolg. Das Wetter, meine schrottreife Karre, die Beerdigung  – das alles kommt mir wie ein böses Omen vor, während ich auf den nassen Straßen nach Hause fahre.

Kapitel 2

Obwohl in meinem Haus lediglich die Geister meiner Tochter und meiner Katze wohnen, werde ich von einer Hypothek heimgesucht. Ich war mal Cop, dann Privatdetektiv und schließlich Krimineller, und jetzt arbeite ich wieder als Privatdetektiv und hoffe, dass ich zur Polizei zurückkehren kann. Das ist der Kreislauf des Lebens. Es reicht mir nicht, untreue Ehemänner zu beschatten. Als Ermittler zu arbeiten ist alles, was ich kann. Und Menschen zu töten.

Nachdem ich eine Stunde zu Mittag gegessen habe, ziehe ich meinen einzigen Anzug an. Er ist mir zu groß. Um halb drei fädle ich mich in den Verkehr ein. Der Regen hat immer noch nicht nachgelassen, und man kann auf der nassen Fahrbahn von den verblassten Straßenmarkierungen nicht das Geringste erkennen. An Bushaltestellen fahre ich an Damen in langen Regenmänteln vorbei und an Kindern in Uniform und mit Taschen unterm Arm, die mit ihren Handys telefonieren. Ich brauche dreißig Minuten, bis ich den Friedhof erreiche, auf dem meine Tochter begraben liegt und auf dem mein Priester seinem Beruf nachging, bis er wie Detective Landry eine Zahl in einer Statistik wurde. Der Parkplatz ist voller Autos, die einen Querschnitt der Gesellschaft darstellen. Ich muss meinen Wagen zwei Blocks entfernt abstellen und zurücklaufen. Der Rinnstein ist mit Blättern verstopft, die sich allmählich in Matsch verwandeln. Ein leichter Wind dringt durch meine Klamotten. Über den Parkplatz wirbeln Blätter, von denen die meisten auf dem Pflaster landen und einige unten an den Windschutzscheiben der Autos hängen bleiben. Es regnet immer noch.

Denkbar ungeeignetes Wetter für eine Beerdigung.

Die Beerdigung eines Polizisten ist immer eine große Sache. Vor dem Friedhof stehen mehrere Übertragungswagen, die Journalisten waren vor allen anderen hier. Für ein paar Sekunden sind die Kameras auf mich gerichtet, dann schwenken sie fort. Wahrscheinlich ist es gut, dass der Tod eines Polizisten noch immer interessant genug ist, um darüber zu berichten. Allerdings werden die Reporter eine ganz eigene Sicht auf die Geschichte haben, sie verzerrt darstellen. Das unterscheidet diese Leute von den Affen. Ich steige die Treppe zur großen Eingangstür hinauf, schüttle meinen Regenschirm aus und hänge ihn zusammen mit meiner Jacke auf. Die Kirche ist über hundert Jahre alt. Sie wurde aus dicken grauen Steinen und weißem Mörtel errichtet und hat Buntglasfenster, die mit einer Staubschicht, die genauso dick ist wie das Glas, überzogen sind. Der Innenraum ist nur halb voll, aber hinter mir strömen unablässig weitere Gäste herein, und draußen stehen Leute in kleinen Gruppen zusammen, um vor dem Gottesdienst noch eine letzte Zigarette zu rauchen. Schroder unterhält sich mit einer attraktiven Frau, die etwa Mitte dreißig sein dürfte. Als er mich bemerkt, kommt er herüber, worauf ein junger Bursche seinen Platz einnimmt und breit grinsend das Wort an die Frau richtet.

»Schön, dass du’s geschafft hast«, sagt Schroder. »Komm mit.« Ich folge ihm in den vorderen Bereich der Kirche, wo er mich Vater Jacob vorstellt, der Vater Julians Nachfolge angetreten hat, nachdem diesem letztes Jahr der Schädel eingeschlagen und die Zunge herausgeschnitten worden war.

»Herzlich willkommen in Christchurch«, sage ich zu ihm.

»Ich habe viel von Ihnen gehört«, sagt Jacob und gibt mir die Hand. Er ist Anfang, Mitte sechzig, sein schwarzes Haar ist mittlerweile fast vollständig ergraut, und sein hageres Gesicht ruht auf einem Körper, mit dem er sich hinter einem Laternenpfahl verstecken könnte. Seine Fingernägel sind von Nikotin verfärbt, und um seine Nase herum ist die Haut gerötet, als wäre er allergisch gegen die Kälte.

»Ich hoffe, auch Gutes«, sage ich.

»Auch«, sagt er, und an dieser Stelle müsste er mir eigentlich ein warmes, väterliches Lächeln schenken, doch keine Spur davon. »Wegen der einen oder anderen Sache könnte ein Besuch im Beichtstuhl nicht schaden.«

Wir müssen laut sprechen, um uns bei dem prasselnden Regen verständlich zu machen. Die Kirche füllt sich weiter mit Trauergästen, die meisten tragen Uniform, die anderen, wie ich, schwarz. Die Leute unterhalten sich mit gedämpfter Stimme, und die Gesprächsfetzen, die ich aufschnappe, drehen sich nicht um Landry, sondern um das Wetter, um andere Freunde oder um das Spiel am letzten Wochenende. Die erste Reihe ist für die Familie und Landrys drei Exfrauen reserviert, offensichtlich kommen sie gut miteinander aus, die strapaziöse Ehe mit ihm ist etwas, was sie verbindet. Ich gehe mit Schroder in den hinteren Teil der Kirche und nehme schließlich neben der Frau Platz, mit der er sich vorhin unterhalten hat; sie liest jetzt das Liedblatt mit Landrys Porträt auf der Vorderseite. Neben dem Sarg steht ein postergroßes Foto von ihm, auf dem sein riesiges Gesicht lächelnd aus einem Moment in der Vergangenheit zu uns herüberschaut, den ein oder zwei der Menschen hier vielleicht mit ihm geteilt haben.

Punkt halb vier betritt Vater Jacob das Podium, und die Gäste verstummen. Die Kirche könnte ein paar Heizungen vertragen. Und einen frischen Anstrich. Die Leute reiben die Hände aneinander, um sich zu wärmen. Es ist schwer, das Leben eines anderen Menschen zusammenzufassen, wenn man ihn gar nicht kannte, doch Jacob gibt wirklich sein Bestes, indem er reihenweise Klischees über Liebe, Verlust, das Leben und Gottes allumfassenden Plan bemüht. Dann erheben wir uns alle und stimmen einen Choral an. Danach gibt Jacob das Podium für andere Redner frei; vor uns steht Landrys Schwester auf, aber sie bringt lediglich drei Wörter heraus, bevor ihr jemand den Arm um die Schulter legt und sie fortführt, während sie in Tränen ausbricht. Andere Gäste treten vor und machen es besser, wieder anderen ergeht es ebenso wie Landrys Schwester, und er selbst liegt die ganze Zeit da, ohne etwas davon mitzubekommen. Der Sarg ist geschlossen, denn es war kein schöner Tod wie etwa ein Herzinfarkt  – er wurde von mehreren Kugeln durchsiebt. In einem Hollywoodfilm hätte man ihn wieder zusammengeflickt, ihm einen Schutzpanzer verpasst, dazu Waffen und eine Energiequelle, damit er weiter die bösen Jungs vermöbeln und das Verbrechen bekämpfen kann. Wenn Christchurch ihn wieder zusammengebaut hätte, hätte man dafür recyceltes Plastik genommen, ihm den Mindestlohn bezahlt und ein feuchtes zusammengerolltes Handtuch als Waffe gegeben.

Ein anderer Kollege, Detective Watts, betritt das Podium. Er lächelt in die Gemeinde, dann sagt er fast zehn Sekunden lang gar nichts. Ich merke, dass er gegen sein Lampenfieber ankämpft und gegen die Tränen, doch dann ergreift er das Wort und erzählt von den Streichen, die er und Landry einander gespielt haben. Davon wusste ich nichts, und es ist nur schwer vorstellbar. Watts erzählt, wie er während eines Oberservierungsauftrags Landrys Fernglas am Okular mit Schuhcreme eingerieben und Landry eine Stunde lang mit schwarzen Augenringen im Wagen gehockt habe. Genauso wie man es aus dem Fernsehen kennt. Dann, fährt er fort, seien sie als Verstärkung zu einem bewaffneten Raubüberfall in einem chinesischen Restaurant ein paar Blocks entfernt gerufen worden, und Landry habe vor einem Lokal voller Patronenhülsen drei Stunden lang die Leute befragt, ohne dass ihn jemand auf die Ringe hingewiesen hätte.

Die Trauergemeinde lacht. Und Schroder stimmt mit ein, genauso wie die Frau neben mir und ich. Die Geschichte ist nicht besonders witzig, doch in diesem Moment ist es die witzigste Geschichte, die wir je gehört haben.

»Am nächsten Abend hat er es mir allerdings heimgezahlt«, sagt Watts. »Wir haben während der Observation oft bis tief in die Nacht gearbeitet, und als wir ins Büro zurückkehrten, schlief ich hinter meinem Schreibtisch ein. Darauf hat er mein Gesicht mit Sekundenkleber an der Tischplatte festgeklebt.«

Die Trauerandacht dauert neunzig Minuten. Ich starre immer wieder auf den Sarg und frage mich, wie das ganze Leben eines Menschen in so ein kleines Ding passen kann, und wie es sein kann, dass alles, was er einmal war, nicht mehr existiert. Wir versammeln uns im nachlassenden Regen auf dem Parkplatz und warten darauf, dass der Sarg herausgetragen wird. Man schiebt ihn in den Fond eines Leichenwagens und fährt ihn auf den Friedhof. Bekleidet mit unseren Jacken und mit den Schirmen in der Hand stapfen wir durch den Nieselregen und kommen erneut zusammen, diesmal an dem Fleckchen Erde, in dem Landry seine letzte Ruhe finden wird. Erneut ergreift der Priester das Wort, und ich fürchte schon, dass er es auf weitere neunzig Minuten bringen wird, aber er braucht nur fünf  – Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Es hat aufgehört zu regnen, und die Schirme werden ausgeschüttelt und zusammengefaltet, doch schon fängt der Himmel wieder an, sich zu verdunkeln. Die ersten Trauergäste machen sich auf den Weg, weitere folgen ihrem Beispiel. Ich gehe zurück zu meinem Wagen, unter einem der Scheibenwischer klemmt ein Faltblatt. Werbung für ein Bordell in der Stadt: Mit diesem Gutschein zahlen Sie für Ihren »Eintritt« nur die Hälfte.

Der Verkehr staut sich, als alle gleichzeitig losfahren wollen. Die Beerdigungsprozession führt uns in die Stadt, wo wir uns aufteilen und jeder nach einem Parkplatz Ausschau hält; die meisten von uns entscheiden sich für ein nahe gelegenes Parkhaus. Quietschend rollen die Reifen die Auffahrt hinauf; die Wände sind voller Lackspuren von den Fahrzeugen, die im Laufe der Jahre die Kurven zu eng genommen haben. Ich fahre fast ganz nach oben und laufe die Treppe hinunter. Dort versucht ein Obdachloser, mir für ein Bier Jesus näherzubringen.

Popular Consensus ist ein Nachtclub in der Nähe von The Strip mit seinen Bars, die tagsüber als Cafés und Restaurants und nach einundzwanzig Uhr als Nachtclubs dienen. Der Laden gehört Landrys Bruder, und es sind noch etwa fünf Stunden bis zur Hauptgeschäftszeit am Abend, wenn Tausende von versoffenen Teenagern durch die Straßen der Stadt ziehen. Doch jetzt ist er für all jene geöffnet, die Landry kannten, mit Tischen voller Würstchen im Schlafrock und Sandwiches; und alle Drinks gehen aufs Haus. Fast sämtliche freie Flächen sind mit einem Foto von Landry zugestellt; eines davon zeigt ihn auf der Polizeischule mit Schroder und mir, wir alle noch mit fülligerem Haar, und Landry und Schroder haben noch nicht so einen rundlichen Bauch wie heute. Aber deswegen muss sich Landry wohl keine Sorgen mehr machen. Sämtliche Lichter im Club sind eingeschaltet, und an der Bar und in den Sitznischen hocken Gäste, geben Geschichten zum Besten und verdrücken ein paar Tränen.

»Hier, nimm«, sagt Schroder und reicht mir einen Drink.

»Nein danke.«

»Ist nur Orangensaft«, sagt er, und ich nehme ihn. Sehnsüchtig starre ich auf das Bier, an dem er nippt, und mir fällt ein, wie Bier und alle seine Freunde mich im letzten Jahr in Schwierigkeiten gebracht haben. »Kommt mir wie eine Ewigkeit vor«, sagt er und deutet mit dem Kopf auf eines der Fotos.

»Ich kann mich nicht mal mehr an die Hälfte der Leute erinnern«, sage ich.

»Landry ist der Erste.«

»Was?«

Er deutet erneut mit dem Kopf auf das Bild. »Landry ist der Erste von dem Foto, der getötet wurde.«

Wir nippen an unseren Getränken und lassen uns die Worte für einen Moment durch den Kopf gehen, fragen uns, ob er der Einzige bleiben wird, ob die anderen bis zur Pensionierung in ein paar Jahren durchhalten oder jetzt den Dienst quittieren werden. Die Stereoanlage wird eingeschaltet, und die Rolling Stones schallen durch die Bar, Landrys Lieblingsband  – und auch eine von meinen.

»Warum hat er bloß auf eigene Faust ermittelt?«, frage ich.

Schroder zuckt mit den Schultern, und dann sagt er etwas, womit ich nicht gerechnet habe. »Die Gerichtsmedizinerin meint, er hatte Krebs.«

»Was?«

»Vor Ende des Jahres wäre er sowieso tot gewesen. Ich glaube, es hat ihn krank gemacht, wie die Dinge in dieser Stadt laufen.« Er hebt sein Glas und lässt die Hälfte des Biers seine Kehle hinunterlaufen. »Er hat versucht, etwas daran zu ändern, und wurde dafür getötet.«

Wir gehen zurück an die Bar. Die Detectives versuchen, so viel zu trinken, dass sie damit über den Winter kommen. Und Landrys Bruder ärgert sich wohl mehr über die Rechnung, die er begleichen muss, als über die Ermordung seines Bruders. Offensichtlich hätte er den Whiskey gerne noch mehr verdünnt, als er es ohnehin schon war. Schroder nimmt ein weiteres Bier und hat es bereits geleert, bevor ich meinen Orangensaft nur zu einem Drittel ausgetrunken habe. Die Gespräche werden immer lauter, und aus allen Richtungen dringen Dialogfetzen zu uns herüber; mit steigendem Alkoholpegel drehen sich die Unterhaltungen immer weniger um Landry und immer mehr um Christchurch, das Wetter, die Verbrechensrate und die Jugendlichen, die nachts mit ihren aufgemotzten Karren die Straßen blockieren und der Stadt die Luft zum Atmen nehmen. Nach einer Stunde werden die Gespräche düsterer, wird die Aussprache undeutlicher, und Theorien, wie man die Stadt zu einem besseren Ort machen könnte und wen man zu diesem Zweck erschießen sollte, machen die Runde. Schroder leert sein drittes Bier, und ich bestelle meinen zweiten Orangensaft. Andere Cops kommen zu uns herüber, um mit uns zu reden, und immer wieder heißt es: »Ihr wart zusammen mit ihm auf der Polizeischule, nicht wahr?«, oder: »Du solltest wieder bei uns anfangen, Tate«, oder: »Der Letzte, den wir jetzt bei uns gebrauchen können, bist du.« Ich nippe an meinem Saft und wünsche mir nichts sehnlicher, als diesen Laden endlich zu verlassen, während ich mich frage, wie viele der Beamten es mir übel nähmen, wenn ich wieder ins Team zurückkehren würde.

»Was macht eigentlich der Melissa-X-Fall?«, frage ich Schroder.

Er nippt an einem frischen Bier und stellt es auf den Tresen. »Es ist, als würden wir einen Geist jagen«, sagt er.

Melissa X ist die Frau, mit der der Schlächter von Christchurch  – ein berüchtigter, inzwischen inhaftierter Serienmörder  – ein Team gebildet hat. Sie ist immer noch auf freiem Fuß  – und mordet weiter. Als ich im Februar aus dem Knast entlassen wurde, hat Schroder mich abgeholt, die Melissa-X-Akte neben sich im Wagen, denn er war auf jede Hilfe angewiesen. Wir fanden ihre wahre Identität heraus. Ihr richtiger Name ist Natalie Flowers  – doch sie nannte sich Melissa, nachdem sie vor drei Jahren von einem College-Professor überfallen und vergewaltigt worden war. Seitdem hat sie mindestens ein halbes Dutzend Männer gefoltert und getötet, den letzten vor sieben Wochen.

»Nichts Neues?«

»Wir haben mit sämtlichen ihrer Freunde und all ihren Angehörigen gesprochen. Nichts«, sagt er. »Und wir haben Chirurgen und Krankenhäuser abgeklappert, um zu überprüfen, ob sie sich einer kosmetischen Operation unterzogen hat. Ebenfalls nichts. Es ist, als hätte sie unseren Planeten verlassen, und jedes Mal, wenn man denkt, es könnte tatsächlich wahr sein, tötet sie einen weiteren Mann.«

»Sieht ganz so aus«, sage ich. Ich besitze eine Kopie der Akte und werfe, wie Schroder, jeden Tag einen Blick hinein, aber davon kommt kein Geld in die Kasse.

»Wir werden sie schnappen«, sagt er. »Das versprech ich dir.«

Die Frau, die während der Beerdigung neben mir saß, hat mich entdeckt und kommt zu uns herüber. Schroder erhebt sich und lächelt sie an, ich tue es ihm gleich.

»Theodore Tate, das hier ist Detective Inspector Kent«, sagt er und stellt uns einander vor.

»Nennen Sie mich Rebecca«, sagt sie und reicht mir die Hand.

Rebecca ist ein paar Zentimeter kleiner als ich und ein paar Kilo leichter, und wahrscheinlich hat sie auch ein paar Probleme weniger. Sie ist eine sportliche und attraktive Frau. Schroder und ich können gar nicht mehr aufhören zu lächeln. Sie streicht ihr schwarzes schulterlanges Haar nach hinten.

»Arbeiten Sie mit Schroder zusammen?«, frage ich.

»Detective Kent ist kürzlich von Auckland hierherversetzt worden«, sagt er. »Sie ist erst seit einer Woche bei uns. Sie war dort eine der Besten, und wir können uns glücklich schätzen, sie in unserem Team zu haben.«

Sie lächelt. »Ich kann mich glücklich schätzen, wieder in Christchurch sein«, sagt sie. »Ich bin hier geboren und aufgewachsen.«

»Ach ja?«, frage ich. »Wann sind Sie von hier weggezogen?«

»Direkt im Anschluss an die Polizeischule«, erwidert sie. »Man hat mich vor zehn Jahren nach Auckland geschickt, und seitdem habe ich mich darum bemüht, nach Christchurch zurückzukehren.«

»Das erinnert mich an was«, sagt Schroder und wendet sich zu mir. »Emma Green wurde an der Polizeischule aufgenommen.«

»Ja stimmt, sie hatte sich beworben«, sage ich.

»Emma Green. Woher kenne ich diesen Namen?«, fragt Rebecca.

»Sie wurde Anfang des Jahres entführt«, erklärt Schroder. »Tate hat sie gefunden.«

»Ach ja, natürlich«, sagt sie. »Dieselbe Frau, die Sie …«, sagt sie, beendet den Satz jedoch nicht.

Ich habe Emma Green letztes Jahr in betrunkenem Zustand mit meinem Wagen angefahren. Deswegen bin ich im Knast gelandet.

»Tut mir leid«, sagt sie. »Das war dumm von mir. Ich hatte drei Gin Tonics zu viel«, sagt sie und klappert mit den Eiswürfeln am Boden ihres leeren Glases.

»Sie können nichts dafür. Ich bin es, der sich letztes Jahr dumm verhalten hat«, erkläre ich und weiß nicht, was ich davon halten soll, dass Emma bei der Polizei anfängt.

»Das ist vorbei und vergangen«, sagt Schroder.

Er nippt erneut an seinem Bier, dann wechseln wir das Thema. Rebecca holt sich einen weiteren Gin Tonic und kommt wieder zurück. Wir unterhalten uns über Schroders Familie. Er zückt seine Brieftasche und zeigt mir Fotos seiner Tochter und seines sechs Monate alten Sohns. Den Sohn habe ich noch nicht gesehen, seine Tochter schon öfter, allerdings ist das ein paar Jahre her. Rebecca betrachtet lächelnd die Fotos und meint, er habe wunderbare Kinder, um dann hinzuzufügen, sie selbst habe zwar keine Kinder, aber zwei Katzen, sie könne sich also gut vorstellen, wie viel Arbeit sie machen.

Gerade als Schroder uns erzählen will, wie sein Sohn es fertiggebracht hat, sich irgendeinen Gegenstand ins Ohr zu stopfen, klingelt sein Handy. Er tastet seine Taschen danach ab und kann es zunächst nicht finden. Als er schließlich abhebt, höre ich, wie ein weiteres Handy klingelt. Und dann noch eines. Im ganzen Raum tasten Detectives ihre Taschen ab und nennen alle gleichzeitig ihren Namen, alle außer Detective Kent. Dann wird es still, und sie lauschen der Stimme am anderen Ende. Schroder stützt sich mit einer Hand auf der Bar ab und starrt auf sein Bier, dann schiebt er es langsam fort. Rebecca stellt ihren neuen Drink, den sie nicht mal angerührt hat, auf den Tresen. Nach und nach beenden die Beamten ihre Gespräche, dann fangen erneut mehrere Handys an zu klingeln. Und weitere Beamte werden angerufen und verständigt. Die Detectives leeren mit einem letzten Schluck ihre Drinks und laufen zur Tür oder auf die Toilette. Schroder legt auf. »Rufen Sie uns ein paar Taxis«, sagt er zum Barkeeper.

»Was ist passiert?«, frage ich, während ich ihm zur Tür folge.

»Du bist doch noch nüchtern, oder?«

»Ja.«

»Und dein Wagen steht um die Ecke?«

»Ja.«

»Dann fahr mich, ich erklär’s dir unterwegs.«

Kapitel 3

Caleb Cole ist ziemlich aufgeregt. Er glaubt nicht, dass der alte Mann sich noch an ihn erinnern wird, aber mit der einen oder anderen Erklärung wird er ihm schon auf die Sprünge helfen. Er war sich nicht sicher, was er ihm mitbringen sollte, was angebracht wäre. Blumen hätte er irgendwie komisch gefunden. Aber mit leeren Händen aufzutauchen wäre genauso seltsam gewesen, also entschied er sich für ein Sixpack Bier, das schien ihm angemessen. Allerdings wusste er nicht, welche Marke Albert bevorzugt, aber wahrscheinlich kommt es in seinem Alter nicht mehr so darauf an. Bier, Wein, vermutlich schmeckt eine Sorte wie die andere, wenn man auf die Hundert zugeht. Nicht dass Albert schon hundert wäre, aber jedenfalls ist er näher an der Hundert als an fünfzig.

Er parkt außerhalb des Altenheimgeländes. Denn wenn er hinauffährt, weckt er womöglich die Hälfte der Bewohner, obwohl es erst halb acht ist. Vielleicht würde er dadurch sogar Tote aufwecken, was an einem Ort wie diesem eine ziemlich großartige Nummer wäre. Er nimmt das Bier und streicht das frische Hemd glatt, das er vor einer halben Stunde nach dem Duschen angezogen hat. Der Regen kommt und geht  – eben gießt es noch in Strömen, und dann hört es schon wieder auf.

Caleb hat bis zu diesem Tag keine Seniorensiedlung betreten. Es gab keinen Grund dafür. Seine Eltern haben zwar fast die letzten zehn Jahre ihres Lebens in so einer Einrichtung verbracht, doch er hat sie nie besucht, und zu seinen Tanten und Onkeln hat er keinen Kontakt mehr. Und seine Großeltern  – tja, die eine Hälfte starb bereits vor seiner Geburt und die andere kurz danach. Die Seniorensiedlung wirkt genau wie das, was sie ist  – eine Warteschleife für alte Menschen, auf dem Weg von dieser Welt in die nächste. Alle Häuser bestehen aus Backstein, haben Fensterrahmen aus Aluminium und sind gut isoliert. Im Winter sind sie zwar schön warm, doch im Sommer herrscht im Innern eine Bullenhitze; sie sehen alle gleich aus, und für ein paar Minuten hat Caleb Mühe, das richtige zu finden. Früher dachte er, Lara und er würden am Ende ihrer Tage ebenfalls in so einer Anlage wohnen. Weil ihre Kinder es satthätten, sich um sie zu kümmern, und sie in ein Heim stecken würden. Dort würden sie dann zusammen alt werden, während ihnen vor dem Tag graute, an dem einer von ihnen krank würde und Komplikationen aufträten  – eine Lungenentzündung oder irgendeine Infektion  – und es an der Zeit wäre, einander Adieu zu sagen.

Schließlich hat Caleb das richtige Haus gefunden. Hinter den Fenstern brennt Licht. Er ist nervös. Er klemmt sich das Bier unter den Arm und klopft an die Tür. Im Innern kann er einen Fernseher laufen hören, sonst nichts.

Er klopft erneut. »Albert?«

Nichts. Er läuft um das Haus herum und kann durch einen Spalt in den Vorhängen einen Blick auf das Wohnzimmer erhaschen. Albert hat das Gesicht von ihm abgewandt und schaut auf den Fernseher. Offensichtlich gibt es heutzutage nur noch Realityshows. Caleb fragt sich, ob sich sein eigenes Leben für eine Realityshow eignen würde. Wahrscheinlich nicht. Es wäre  – ihm fällt kein besseres Wort ein  – zu real. Albert sitzt auf einem Sofa mit Blümchenmuster. Neben ihm steht ein Gerät, das aussieht wie ein Lufttrockner. Von dem Kasten führt ein durchsichtiger Schlauch zu Albert und versorgt ihn mit Sauerstoff.

Caleb klopft an die Fensterscheibe.

Albert zuckt ein wenig zusammen, dann dreht er sich in die Richtung des Geräuschs. Offenbar kann er nicht sehen, was sich hinter dem Fenster befindet, also tippt Caleb erneut gegen die Scheibe und geht dann wieder zur Tür. Er klopft und wartet, und ein paar Sekunden später wird ihm geöffnet.

»Ja?«

»Albert McFarlane?«, fragt Caleb.

»Ja, der bin ich«, antwortet Albert. Er hat eine Glatze, und seine Ohren stehen ein wenig ab, denn der Sauerstoffschlauch, der in seiner geröteten, wunden Nase steckt, läuft über sie hinweg nach hinten. Er keucht beim Sprechen, ja, es strengt ihn so sehr an, dass er heftig schnauft. Er legt einen Finger auf den Steg seiner Brille und schiebt sie näher an seine Augäpfel, so dicht, dass die Gläser sie eigentlich berühren müssten. Er kneift die Augen zusammen, während er sich auf die jetzt vergrößert erscheinende Umgebung konzentriert.

»Ich heiße Caleb Cole«, sagt Caleb, »erinnern Sie sich noch an mich?«

»An Sie erinnern?« Albert beugt sich vor und nimmt ihn genauer in Augenschein. »Bist du eines meiner Enkelkinder?«

Caleb schüttelt den Kopf. »Nein. Dürfte ich vielleicht reinkommen?«

»Wollen Sie mir irgendwas andrehen, mein Sohn?«

Caleb hält das Bier in die Höhe. »Nein. Ich möchte nur ein Pläuschchen mit Ihnen halten«, sagt er in der Annahme, dass Albert diesen Ausdruck mag.

»Hmh, ja, hört sich ziemlich gut an, mein Sohn. Ich kann mich zwar immer noch nicht an Sie erinnern. Und Bier trinke ich auch nicht mehr. Anweisung meines Arztes. Aber was soll’s, ich hab ja sonst nichts zu tun, sicher, kommen Sie rein.«

Albert macht einen Schritt zur Seite, und Caleb tritt ein und schließt die Tür hinter sich. Alberts Klamotten hängen an seinem Körper herab wie Wäsche von einer Leine, und er schielt, als wollte er an dem grauen Star vorbeischauen, der sein Sehvermögen trübt. Er wirkt angeschlagen. Caleb weiß, wie Menschen mit Krebs aussehen, nämlich so wie Albert.

»Nehmen Sie Platz«, sagt Albert. »Soll ich Ihnen einen Kaffee machen?«

»Gerne, danke«, sagt Caleb, stellt das Bier auf dem Couchtisch ab und versucht, später daran zu denken, es wieder mitzunehmen, denn Albert möchte nichts davon. Er folgt ihm in die Küche; der Weg ist nicht weit, denn sie ist praktisch Teil des Wohnzimmers. Und der Sauerstoffschlauch ist offensichtlich lang genug, um damit mehrere Leute gleichzeitig zu erhängen.

»Ich habe sowieso gerade Wasser heiß gemacht«, sagt Albert und greift im Geschirrschrank nach einer Tasse. »Wie trinken Sie ihn?«

»Stark«, sagt Caleb. »Schwarz und ohne Zucker.«

»Das krieg ich hin.«

Das Haus ist klein. Von seinem Standpunkt aus, zwischen Küche und Wohnzimmer, kann er den Flur hinuntersehen. Es hat einen schlichten Grundriss. Schlafzimmer, Toilette, Bad, das war’s. Albert führt hier offensichtlich ein einsames Leben, wahrscheinlich ist das normal in seinem Alter. Die Leute hier hüpfen nicht gerade tanzend über die Straße. Hey, niemand hat bemerkt, wie er das Haus betreten hat, und bestimmt kriegt auch keiner mit, wie er es wieder verlässt. Die Bewohner dieser Anlage können höchstens zehn Meter weit und fünfzig Jahre in die Vergangenheit sehen.

»Wie, sagten Sie, war noch mal Ihr Name?«, fragt Albert.

»Caleb Cole«, antwortet er.

»Und wir kennen uns«, sagt Albert.

»Ist das Ihre Familie?«, fragt Cole, während er eines der Fotos im Zimmer betrachtet. Auf den meisten ist eine Frau zu sehen; sie altert im selben Tempo wie Albert und verschwindet dann. Einige der Bilder zeigen Kinder und Enkelkinder. Das Wohnzimmer ist mit lauter Kram aus seinem Leben vollgestopft. Auf einem kleinen Tisch neben dem Sofa liegt ein schnurloses Telefon, es ist groß und schwer und wahrscheinlich eines der ersten Modelle dieser Art, die je gebaut wurden. Der Fernseher ist stumm geschaltet, doch das Sauerstoffgerät brummt wie ein Kühlschrank. Caleb fragt sich, wie Albert bei eingeschaltetem Gerät nachts schlafen kann.

»Yep.«

»Sehen Sie sie oft?«

»Ha! Sie machen wohl Witze. Hier«, sagt Albert und schiebt Caleb auf der Arbeitsfläche den Kaffee rüber. Er ist heiß. Caleb nimmt die Tasse, die beiden Männer setzen sich ins Wohnzimmer, und der jüngere stellt den Kaffee neben das Bier auf den Tisch.

»Caleb Cole«, sagt Albert und nippt an dem Kaffee, von dem er schon getrunken hat, als Caleb kam.

»Genau«, sagt Caleb, nimmt seine Tasse und pustet hinein. Die Leute im Fernsehen grölen alle in eine bestimmte Richtung, brüllen irgendjemandem zu, er solle springen. Vielleicht geht es in diesen Realityshows um Menschen, die auf Hausdächern stehen. Im Zimmer ist es heiß. Direkt unter der Decke hängt ein Ventilator, der die stickige Luft herumwirbelt. Caleb ist sich nicht so sicher, ob er gern in einem solchen Haus gelebt hätte, wäre seine Zukunft so verlaufen, wie er sich das ausgemalt hatte.

»Der Name sagt mir nichts.«

»Denken Sie an früher«, hilft Caleb nach. »Vor siebzehn Jahren.«

Alberts Züge sacken herab, und es scheint, als würde sein Gesicht in sich zusammenfallen. »Vor siebzehn Jahren? Du liebe Güte, mein Sohn, ich bin froh, wenn ich mich erinnern kann, was vor siebzehn Stunden war.«

»Damals gab es ein Gerichtsverfahren, an dem Sie beteiligt waren.«

»Ein Verfahren? Sie haben den falschen Mann erwischt, mein Sohn. Ich bin kein Anwalt. Ich war Lehrer. Und zwar ein verdammt guter. Darum bekomme ich immer noch Post von einigen meiner Schüler. Ich habe die Briefe noch, vielleicht zwei Dutzend, von Kindern, die inzwischen erwachsen sind und Karriere gemacht haben. Verdammt, daher kenne ich Sie, richtig? Sie waren einer meiner Schüler. Welcher Jahrgang, mein Sohn? Wie alt sind Sie?«

»Fünfzig«, sagt Cole. »Ich bin letztes Jahr fünfzig geworden.«

»Fünfzig! Dann sind Sie auf keinen Fall ein Enkelkind von mir, und unterrichtet haben kann ich Sie auch nicht«, sagt er. »Sie haben den falschen Lehrer erwischt. Was, sagten Sie, sind Sie? Anwalt? Was für ein Anwalt?«

»Nein. Ich war auch Lehrer.«

»Sie sind Lehrer? Unterrichten Sie Jura?«

»Ich war Lehrer an der Highschool. Früher mal. Vor fünfzehn Jahren habe ich den Dienst quittiert.«

»Ah, so wie ich. Ich habe das über vierzig Jahre lang gemacht. Sie müssen zehn gewesen sein, als ich anfing, wenn ich mich nicht verrechnet habe. Das heißt  – ah, verdammt, Sie könnten doch einer meiner Schüler gewesen sein. Kenne ich Sie daher?«

Caleb schüttelt den Kopf. »Nein.« Er pustet weiter in seinen Kaffee. »Sie waren an einem Gerichtsverfahren beteiligt«, sagt er, »vor siebzehn Jahren. Sie sind in einem Prozess aufgetreten. Als Leumundszeuge.«

»Als Zeuge? Ah, jetzt fällt’s mir wieder ein. Ich habe seit Jahren nicht mehr daran gedacht. Wann war das? Vor zwanzig Jahren?«

»Siebzehn.«

»Siebzehn? Na, wenn Sie’s sagen. Eine schreckliche Sache, dieser Prozess«, sagt er. »Das war mein erster und letzter Auftritt vor Gericht. Ich möchte so etwas nie wieder tun. Aber was blieb mir anderes übrig? Ich musste dort erscheinen. Und dieses arme Mädchen«, sagt er, »sie war entführt worden, und … und … was er mit ihr getan hat in der Woche, als er sie in seiner Gewalt hatte. Sie hat Glück gehabt, dass sie überlebt hat. Dieser Junge, der war schon was ganz Spezielles. Verdammt unheimlich. Aber er konnte nichts dafür, wissen Sie? Das habe ich auch gesagt. Er war früher einer meiner Schüler.«

»Ich weiß.«

Albert beugt sich vor und reguliert die Zufuhr an seinem Sauerstoffgerät, indem er einen der Knöpfe von drei auf dreieinhalb dreht. »Ich meine, es war offensichtlich, dass er geistig verwirrt war. Seine Mutter hatte ganze Arbeit geleistet. Hat ihn fürs Leben verdorben. Dafür gesorgt, dass er durchgedreht ist. Das arme Schwein hatte nie eine Chance. Als ich ihn in meiner Klasse hatte, hat seine Mutter ihm die Seele aus dem Leib geprügelt, und er fiel ins Koma. Später hat er versucht, wieder am Unterricht teilzunehmen, doch es ging einfach nicht.«

Caleb nickt. Inzwischen ist der Kaffee so weit abgekühlt, dass er einen Schluck davon nehmen kann. Wenn er hier fertig ist, muss er die Tasse entweder sauber machen oder mitnehmen. »Sie sind also in den Zeugenstand getreten und haben der Jury und dem Richter erzählt, dass er für seine Taten nicht verantwortlich ist.«

Der alte Mann wirft Caleb einen verärgerten Blick zu. »So war es nicht. Sicher, ich bin in den Zeugenstand getreten und musste den Anwesenden erzählen, was für ein Kind er in der Schule war. Musste erklären, wie sehr er

Vollständige deutsche Erstausgabe 11/2012

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eISBN 978-3-641-09548-2

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