Das Haus ihrer Kindheit - Katja Maybach - E-Book

Das Haus ihrer Kindheit E-Book

Katja Maybach

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Beschreibung

1946: Als die junge Isla dem Kunsthändler Sir Alistair Flythe ein Gemälde aus dem Besitz ihrer Familie anbietet, hat sie keine andere Wahl. Ihr hoch verschuldeter Ehemann gilt als verschollen, seine Gläubiger verfolgen sie. Sie ahnt nicht, dass das Bild eine Fälschung ist und dass Alistair es nur kauft, weil er Isla seit der ersten Begegnung liebt. Noch weniger kann sie ahnen, dass es sechzig Jahre später einer jungen Frau den Weg zu ihren Wurzeln weisen soll.

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Seitenzahl: 384

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Katja Maybach

Das Haus ihrer Kindheit

Knaur e-books

Über dieses Buch

1946: Als die junge Isla ihrem Bekannten, dem Kunsthändler Sir Alistair Flythe, ein Gemälde aus dem Besitz ihrer Familie anbietet, hat sie keine andere Wahl. Ihr hoch verschuldeter Ehemann gilt als verschollen, seine Gläubiger verfolgen sie. Sie ahnt nicht, dass das Bild eine Fälschung ist und dass Alistair es nur kauft, weil er sie seit der ersten Begegnung liebt. Noch weniger kann sie ahnen, dass es sechzig Jahre später einer jungen Frau den Weg zu ihren Wurzeln weisen soll.

Inhaltsübersicht

WidmungPrologEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigEpilogDankLeseprobe »Die Stunde unserer Mütter«
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Für Mirjam und David

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Prolog

Hongkong, 2001

Jede Nacht stehe ich hier und warte, bis die Sonne über den Hügeln von Hongkong aufgeht, verschwommen im Dunst der Stadt. Ich beuge mich vor und presse mein Gesicht an das kühle Glas des Fensters, während ich die Yachten beobachte, die weit unter mir in der Deep Water Bay vor Anker liegen. Eine von ihnen löst sich aus dem Kreis und nimmt langsam Kurs auf den Hafen von Hongkong. Ein nächtliches Schauspiel, das ich seit Jahren kenne. Ich starre auf das dunkle Meer hinunter, auf das kurze Aufblitzen der Lichter an Bord der Yachten. Was fasziniert mich daran so sehr? Eigentlich nichts. Ich warte nur auf den Morgen, wehre mich gegen den Schlaf, der mir quälende Alpträume bringt, ich will nicht an die Vergangenheit denken, und doch drehen sich meine Gedanken darum, Tag für Tag, Nacht für Nacht.

Viele Jahre dachte ich an sie und das, was ich ihr angetan habe. Doch dann drängte sich stets das Bild des Mannes in meine Gedanken, den ich so sehr geliebt hatte, und ich fühle nur noch den eigenen Schmerz.

Diesen Mann zu lieben bedeutete Verzweiflung, Schwäche, auch Hass. Es dauerte lange, bis ich das Scheitern zugeben konnte und ihn gehen ließ, obwohl wir geglaubt hatten, unlösbar miteinander verbunden zu sein. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn immer noch vor mir, sein ungläubiges Lächeln, das Aufblitzen eines kurzen Bedauerns auf seinem Gesicht und seine Erleichterung in dem Moment, als er ging. Er konnte nicht schnell genug von mir wegkommen.

Nicht daran denken, nicht jetzt, nicht in diesem Moment, in dem ich die Grausamkeit des Alters erkenne, wie so oft, wenn ich nachts hier stehe. Ich bin in diesem Haus nicht glücklich geworden. Vielleicht, weil es nach Norden geht und von Norden die bösen Geister kommen, also ein schlechtes Feng Shui. Ich lebe schon zu lange in China, um nicht längst der Philosophie dieses Landes verfallen zu sein.

Das ist sicher der Grund, warum ich täglich hinunter zum Tempel von Kuan-yin gehe, der Göttin des Mitleides und des Erbarmens, um zu ihr zu beten.

»Kuan-yin«, sage ich jetzt beschwörend in die stille Dunkelheit hinein, »Kuan-yin, du hast mir nicht geholfen. Kuan-yin, hast du mich nicht verstehen können? Alles, was ich vor vielen Jahren tat, tat ich aus Liebe.«

Ich habe gelernt, Abstand zu meinem Leben zu gewinnen, versucht, die Vergangenheit zu vergessen, doch die Gefühle sind geblieben, und sie haben nichts von ihrer Intensität verloren.

Warum sind die Nächte so lang und quälend? Das liegt sicher am Alter, an der Angst vor dem Tod. Er wäre eine Wohltat, und doch möchte ich nicht sterben, obwohl ich lange genug gelebt habe.

Ich kann nicht mehr atmen, ich ringe nach Luft, wo ist Chang? Unruhig drehe ich mich um. Soll ich sie wecken? Den einzigen Menschen, der mich liebt, der mich versteht und dem ich mich anvertraut habe. Ich brauche sie.

Wir lebten noch keine drei Monate hier oben in den Hügeln über Hongkong, als sie zu mir kam. Ein Kind noch, verängstigt, schmächtig, gerade zwölf Jahre alt geworden. Sie stammt aus dem Hinterland und wurde damals von ihrem Vater an einen vorbeireisenden Händler verkauft. Eine Tochter ist in diesem Land nichts wert, es sind die Söhne, die zählen.

Lange blieb sie stumm, und wenn ich nur die Hand hob, warf sie sich vor mir auf den Boden aus Angst, ich würde sie aus dem Haus jagen. Irgendwann brachte ich ihr die englische Sprache bei. Chang ist gescheit, sie lernte schnell. Ich dagegen habe ihre Sprache, Kantonesisch, niemals lernen können. Die vielen Zeichen mit den verschiedenen Bedeutungen verwirrten mich von Anfang an, bis ich meinen Lehrer schließlich entließ. Er war es auch, der Chang dem Händler abgekauft und sie mir als Dienstmädchen angeboten hatte. Ich gab ihr ein eigenes Zimmer, doch als ich einmal vorsichtig am späten Abend die Tür öffnete, lag Chang zusammengerollt in einer Decke auf dem Fußboden vor dem Bett. Ganz langsam nur begann sie zu glauben, dass es tatsächlich ihr Zimmer war. Dass ich ihr die Möbel geschenkt hatte, wie auch die Kleider, die sie nie trug. Chang kleidete sich zeit ihres Lebens in weite Hosen und in die Jacke der Arbeiterklasse. Und erst allmählich, wenn sie die Augen hob und mich ansah, erkannte ich ihre bedingungslose Liebe zu mir. Sie tat mir gut, da ich mich von ihm ständig abgelehnt fühlte, überfordert durch die Ansprüche, die er an mich stellte.

Als wir älter wurden, Chang und ich, eng verbunden durch die Einsamkeit, hängte ich mich an sie wie an eine Mutter, obwohl sie zwölf Jahre jünger ist als ich. Wo wir auch lebten – Macao, Singapur, Shanghai – überallhin nahm ich Chang mit. Ich brauchte ihre Gegenwart, ihre hohe, melodische Stimme, ihre Hand auf meiner Stirn.

 

Es gibt noch einen zweiten Menschen, der mich in meiner Einsamkeit besucht, Wang Tao, mein Arzt, ein zhong yi, ausgebildet in der traditionellen chinesischen Medizin. Wang Tao behandelt meine unerträglichen Kopfschmerzen mit Akupunktur, doch schon vor Jahren sagte er mir, dass es die Schmerzen meiner Seele seien, die durch den Körper sprächen.

Ich lachte ihn aus, zutiefst getroffen durch seine Worte. Heute ist auch er alt, noch kleiner geworden, noch zierlicher, und er trägt einen dünnen Kinnbart, den Bart des weisen alten Mannes. Ganz so abgeklärt ist er allerdings nicht, denn Tao hat eine junge Geliebte, die ihn nachts wärme, wie er mir erzählt, während mich seine dunklen, schmalen Augen listig anlächeln.

Diese beiden Menschen gehören zu mir, sind längst meine Familie geworden, die einzige, die ich habe.

Chang sagte neulich, ich solle die Geschichte meines Lebens aufschreiben, das würde mir helfen, die Vergangenheit zu überwinden, mich zu lösen, bevor ich zu den Ahnen gehe, wie sie sich ausdrückte.

»Meine Ahnen werden mich nicht freundlich empfangen«, hatte ich ihr spöttisch geantwortet.

Wieder schaue ich hinunter aufs Meer und in den Himmel, immer noch ist es dunkel und der Tag weit entfernt.

Warum ist unsere Liebe gescheitert?

Langsam drehe ich mich um. Ich habe Zeit, alle Zeit der Welt, und so setze ich mich an meinen Schreibtisch aus schwerem, geschnitztem Sandelholz, den er mir einmal geschenkt hat, und öffne meinen Laptop.

Wo soll ich beginnen?

Bei der Ankunft in Hongkong?

In der Morgendämmerung liefen wir im Hafen ein und fuhren langsam an einem englischen Kriegsschiff vorbei, daran erinnere ich mich noch. Auf der langen Reise war die Immunität der Kronkolonie ein unerschöpfliches Gesprächsthema der Passagiere gewesen. Die meisten hatten Europa verlassen, um den Angriffen der Deutschen, um Adolf Hitler zu entkommen, der bereits Frankreich besiegt hatte und aus der Luft einen Blitzkrieg gegen England führte.

Alle Passagiere standen an Deck und stießen entzückte Rufe aus, als wir bei unserer Ankunft auf die bunten chinesischen Schiffe hinuntersahen. Staunend folgten unsere Blicke den Dschunken und den kleinen Booten, auf denen Wäscheleinen gespannt waren, Kinder spielten und an niedrigen Tischen alte Männer saßen, die, über ein Mahjong-Brett gebeugt, nicht einmal hochsahen. Damals wusste ich noch nicht, dass dieses Spiel die große Leidenschaft der Chinesen ist, von der Frauen und Männer gleichermaßen besessen sind.

Ich stand an der Reling und hörte das laute Rufen und Jubeln der Menschen, die weit unter mir auf dem Quai standen und uns Europäern zuwinkten, die wir nach wochenlanger Fahrt in den frühen Morgenstunden in den Hafen einliefen. Ich sah hinunter auf das Gewühl der Menschen, die vielen Rikschas, die sich hindurchdrängelten, mir wurde schwindlig, und ich rang in der schwülen Luft nach Atem.

Als ich endlich wieder Boden unter den Füßen spürte und mich auf dem Quai umsah, erfasste mich Panik, bis ich ihn endlich im Gewühl entdeckte. Er lief mir entgegen und umarmte mich. Lange standen wir fest umschlungen zwischen den Rikschas, zwischen Menschen, die sich lachend und weinend in den Armen lagen.

»Ich werde dich niemals wieder loslassen«, flüsterte er mir ins Ohr.

Niemals?

Ich habe alles getan, um die Liebe dieses Mannes zu gewinnen, aber ich konnte sie nicht halten. Vielleicht konnten wir auch nicht damit umgehen, ein Verbrechen begangen zu haben. Aus Liebe, aus Egoismus, aus der Überzeugung heraus, das Schicksal nach unseren Vorstellungen ändern zu können. Wir sprachen niemals darüber, die Kluft zwischen uns wurde breiter, und irgendwann fanden wir keinen Weg mehr zueinander. Was blieb, waren Vorwürfe, Enttäuschung und auf meiner Seite bittere Reue, meiner Freundin so großes Leid angetan zu haben. Manchmal war ich nahe daran, ihr zu schreiben, doch es war Krieg, und irgendwann erzählte er mir, sie habe längst mit der Vergangenheit abgeschlossen, denke nicht mehr daran.

»Woher weißt du das?«, wollte ich wissen.

»Ich weiß es eben«, war seine kurze Antwort, und ich schwieg. Ich wollte es glauben, wollte mich endlich befreit fühlen.

Manchmal lasse ich die Erinnerung an die glücklichen ersten Monate zu, daran, wie wir zusammen durch die Stadt liefen, mit der bunten Straßenbahn hinauf auf den Peak fuhren und von dort, eng umschlungen, auf die Stadt hinuntersahen.

Doch die Illusion einer ewigen Liebe zerbrach. Sein »Ich werde dich niemals wieder loslassen« reichte nur für knapp zehn Jahre.

Seit er gegangen ist, lebe ich allein in diesem Haus. Ich habe eine Haushälterin von den Philippinen, einen Chauffeur, der auch Gärtner ist, und natürlich Chang. Das Haus hat er mir zum Abschied geschenkt. Auch Geld habe ich genug.

 

Ich werde nicht lange brauchen, ich werde nur das Wesentliche schreiben. Worüber ich berichten will, ist schnell erzählt. Danach werde ich auf »Senden« drücken, und es wird wie eine Befreiung sein.

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Eins

London, 2001

Sir Alistair Flythe machte sich sorgfältig zurecht und steckte zum Schluss die Perlennadel in die Krawatte.

Er fühlte sich müder als sonst und stellte resigniert fest, dass sich seine Gedanken unablässig mit der Vergangenheit beschäftigten. Im Alter von neunundachtzig Jahren suchte er häufiger denn je nach Zusammenhängen, die den Kreis seiner Erinnerungen schließen konnten.

Er straffte seinen mageren Oberkörper, verließ das Ankleidezimmer und stieg vorsichtig die breite Treppe hinunter. Im Erdgeschoss erwartete ihn seine langjährige Haushälterin Glenda Hunt.

»Welchen Tee möchten Sie heute, Sir?«, fragte sie, nachdem sich beide förmlich einen guten Morgen gewünscht hatten und Sir Flythe auf das Esszimmer zusteuerte.

»Heute bitte den Darjeeling First Flush, aber nicht zu lange ziehen lassen, Mrs Hunt«, wies er sie an, »sonst wird er bitter.«

»Sir, habe ich Ihnen jemals bitteren Tee serviert?«

»Nein, nein«, antwortete Alistair Flythe zerstreut und setzte sich an den Kopf des langen Esstisches, an dem er täglich seine einsamen Mahlzeiten einnahm.

Während des Frühstücks verschanzte er sich hinter der Times, und wie jeden Morgen respektierte Glenda Hunt diese Geste. Sie signalisierte, dass er nicht angesprochen werden wollte. So schob sie noch die gerösteten Toastscheiben und die silberne Platte mit dem Rührei in Alistair Flythes Reichweite, drehte sich um und ging in die Küche. Sir Flythe würde in exakt einer Stunde sein Frühstück beendet haben, also Zeit genug für Glenda, ihren Kaffee zu trinken.

Als sie schließlich durch die geöffnete Tür hörte, wie Sir Flythe seinen Stuhl vom Tisch abrückte, trank sie gemächlich ihre dritte Tasse Kaffee aus, denn von dem Moment an dauerte es noch weitere fünf Minuten, bis Alistair Flythe das Haus verlassen würde. Jeden Morgen führte ihn sein Weg vom Esszimmer aus zunächst in die Bibliothek. Ein letzter Schluck, dann erhob sie sich. Jetzt wurde es Zeit – damit sie rechtzeitig an der Haustür auf ihn warten und ihm in seinen Mantel helfen konnte. Seit dem Tod seines Butlers Singh vor einem Jahr gehörte dies ebenfalls zu ihren Pflichten.

Mit dem Mantel in der Hand stand sie bereit, doch heute blieb Alistair länger als sonst in der Bibliothek. Glenda lächelte in sich hinein. Glaubte Sir Flythe wirklich, dass sie seine liebenswürdige kleine Marotte nicht kannte?

Jeden Tag nach dem Frühstück verharrte er einige Minuten vor einem kleinen Gemälde, das über dem Kamin in der Bibliothek hing. Manchmal rückte er es zurecht, als habe es sich über Nacht verschoben, dann lächelte er zu dem Bildnis hoch, als grüße er die Frau, die darauf zu sehen war. Aber wer war sie? Die Lady auf dem Gemälde war sehr schön, und das Grau ihrer großen Augen harmonierte mit der Farbe des zarten Spitzenschleiers, der ihr Gesicht umspielte. Glenda hatte schon oft darüber nachgedacht, doch sie wagte nicht, Sir Flythe danach zu fragen. Er konnte die Frau unmöglich gekannt haben, auch wenn Alistair bereits neunundachtzig Jahre alt war. Das Bild hatte ein Künstler mit dem Namen Thomas Galsworthy gemalt, und es stammte aus dem Jahr 1881. Sir Flythe war erst im Jahr 1912 geboren.

Aber was fesselte ihn an dieser Frau auf dem kleinen Bild? Oder erwies er vielmehr dem Maler seine morgendliche Reverenz? Vielleicht hatte er auch nur eine Gewohnheit daraus werden lassen, ebenso, wie er regelmäßig die Times las?

Glenda wurde allmählich ungeduldig. Sie schlich zur Bibliothek und sah durch den Türspalt, dass Sir Flythe immer noch versunken vor dem Bild stand. Er murmelte etwas, und so zog sich Glenda diskret wieder zurück.

 

Sir Flythe bemerkte seine Haushälterin nicht, er dachte an die Frau, mit der ihn dieses Bild verband.

»Isla …«, flüsterte er. »Isla.«

Isla Jones, Frau von Sebastian Jones. Ein charmanter Bursche, wie er zugeben musste, und ein Protegé des exzentrischen Lords Jeremiah Chester. Wie sonst hätten Sebastian und Isla Jones in Londons erster Gesellschaft verkehren können? Von Geburt an stand ihnen dieses Vorrecht nicht zu, doch niemand wagte es, einen Schützling Lord Chesters zu übergehen. Im Gegenteil, schon nach kurzer Zeit wurde das Ehepaar zum Mittelpunkt jeder Einladung. Oft dachte Sir Alistair an diese Zeit zurück, als Isla Jones zur bewunderten Ikone der Eleganz und des Charmes wurde. Kein Tag verging, an dem die Gesellschaftszeitung Tatler nicht über sie berichtete. Niemand hätte damals erwartet, dass eines Tages eine Tragödie passieren und ausgerechnet Isla Jones zur Ausgestoßenen der Gesellschaft werden würde. Noch ganz gefangen in seinen Erinnerungen ging Alistair Flythe auf Mrs Hunt zu und zog seinen Mantel an, den sie ihm entgegenhielt.

*

Seit fünfundsechzig Jahren besaß Sir Alistair Flythe eine Galerie in der King Street, in unmittelbarer Nähe des Auktionshauses Christie’s. Er hatte sie im Laufe der Jahrzehnte zu einer der ersten Adressen in ganz Europa gemacht. Auch heute noch war er jeden Tag dort, kaufte und verkaufte, veranstaltete Vernissagen, und bis vor einem Jahr war er sogar noch zu Versteigerungen nach New York und Paris geflogen. Er liebte seine Galerie, sie war sein Lebenswerk. Doch wie lange noch konnte er jeden Tag dort sein?

Wie lange hatte er noch die Kraft dazu?

Er wusste, dass sein Neffe Timothy, selbst schon Anfang sechzig, ungeduldig darauf wartete, sie endlich übernehmen zu können. Alistair mochte seinen Neffen nicht besonders, aber er war seine Familie, und es gehörte sich, sein Vermögen an einen Angehörigen weiterzugeben. Doch Timothy wusste nicht, dass Alistair ihm ein Schnippchen geschlagen hatte, wie Sir Flythe es in Gedanken nannte. Denn Timothy erbte nur fünfzig Prozent der Galerie, die anderen fünfzig Prozent bekam Alistairs langjährige Mitarbeiterin Alberta Beck. Beide hatten davon keine Ahnung, und dieser Gedanke gefiel ihm.

Als er vor der Galerie stand, spürte er, dass der Weg ihn angestrengt hatte.

»Guten Morgen, Sir.« Alberta Beck erwartete ihn bereits ungeduldig.

»Und? Hat sich jemand gemeldet, Miss Beck?«, fragte er gespielt gleichmütig, während er aus seinem hellen Mantel schlüpfte und ihn Alberta übergab. Er zeigte nicht gern Gefühle und wollte keinesfalls zu erkennen geben, wie angespannt er war.

Alberta Beck, eine Frau von vierundsechzig, die sich gern noch mit Miss anreden ließ, schüttelte bedauernd den Kopf. »Leider nein. Aber Ihr Artikel ist ja erst gestern in Art and Architecture erschienen.«

Stumm sahen sie sich an, und Alberta bemerkte seine Enttäuschung, auch wenn er sich noch so viel Mühe gab, sie zu verbergen. Dazu kannte sie ihn lange genug.

»Es tut mir leid«, sagte Alberta bedauernd. »Wirklich.«

»Ist schon gut, warten wir es einfach ab.«

Alberta hatte das Magazin aufgeschlagen auf den Schreibtisch gelegt. Alistair nestelte seine Brille aus der Brusttasche des Jacketts und beugte sich über die Zeitung.

»Mein Artikel ist jedenfalls gut plaziert«, stellte er fest, »und die Fotos kommen schön zur Geltung.«

»Ja«, pflichtete ihm Alberta bei. Sie beobachtete genau, wie er mit einer schnellen Handbewegung über die Seite des Hochglanzmagazins fuhr.

»Wer war Thomas Galsworthy?« Die Überschrift des Artikels sprang jedem Leser sofort ins Auge, auch wenn er das Magazin nur durchblätterte.

Alberta kannte das Geheimnis des alten Mannes, zumindest teilweise. In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg musste etwas geschehen sein, das für ihn von großer Bedeutung gewesen war und ihn mit dem Gemälde Frau mit Spitzenschleier verband. Jeder in der Kunstszene wusste es. Auch, dass im Haus des spleenigen Sirs eine Fälschung des Bildes hing. Sir Flythe hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass es eine Fälschung war, auch nicht daraus, dass er seit Jahrzehnten nach dem Original suchte.

»Sie sollten nicht zu viel erwarten«, warnte Miss Alberta ihn jetzt vorsichtig, »sonst sind Sie nur enttäuscht.«

»Ja, ja«, antwortete Alistair knapp und runzelte kaum merklich die Stirn. »Ja, ja, Miss Beck, wir werden sehen.«

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Zwei

Aiden Connors fuhr langsam die Fulham Road entlang und versuchte, im strömenden Regen die Häuser zu erkennen.

Er bremste scharf, als er durch die beschlagene Fensterscheibe vage Georgia ausmachen konnte, die vor der Tür eines Hauses stand.

Er sprang aus dem Wagen und lief die Stufen nach oben.

»Georgia!« Sie hörte ihn erst, als er direkt hinter ihr stand. »Es tut mir so leid, ich bin zu spät gekommen, und du warst schon weg. Mein Handy liegt vermutlich noch in der Kantine der Oper.«

Bevor Georgia erklären konnte, dass sie in diesem Moment erst mit dem Taxi vom Bahnhof St. Pancras gekommen war und der Fahrer ihr mit dem Gepäck geholfen hatte, zog Aiden sie an sich. Er küsste sie, und eng umschlungen standen sie im Regen und spürten ihn doch nicht.

Endlich löste sich Georgia aus der Umarmung, und sie betraten das elegante kleine Haus ihrer Freundin Jessica. Hier würde sie die nächste Zeit leben und am Opernhaus in Covent Garden mit Aiden zusammenarbeiten. Er war Regisseur und inszenierte Tosca von Giacomo Puccini, und sie sollte die Kostüme dafür entwerfen. Georgia war außer sich vor Freude gewesen, als sie das Angebot erhielt. Zum ersten Mal durfte sie an einem weltberühmten Opernhaus die Kostümausstattung übernehmen und dazu noch mit Aiden zusammen sein. Trotz der gemeinsamen Arbeit würden sie in den kommenden Wochen das haben, was sich Georgia immer gewünscht hatte: Zeit, Zeit füreinander, Zeit, aus einer zweijährigen Affäre eine Beziehung entstehen zu lassen. Jessica verbrachte einige Monate bei ihrem Freund in Dubai, und so hatte sie Georgia ihr Haus in London zur Verfügung stellen können. Während die Tür hinter ihnen zufiel, küssten sie sich immer noch, bis sich Georgia aus der Umarmung löste.

»Aiden, ich bin völlig durchnässt, ich muss mich rasch umziehen«, erklärte sie lachend und griff nach ihrer Reisetasche. Aiden folgte ihr mit dem Koffer die Treppe hinauf in Jessicas Gästeappartement.

»Lass dir Zeit«, schlug er vor. »Ich habe eingekauft und etwas zu essen mitgebracht.«

Georgia hörte, wie Aiden leichtfüßig die Treppe wieder hinunterlief. »Ich dusche noch schnell!«, rief sie ihm nach und lauschte nach unten.

»Ist gut«, war seine Antwort, während er nach draußen ging, um die Einkäufe aus dem Auto zu holen. Georgia wartete, bis er wieder zurückkam und die Eingangstür hinter ihm zufiel. Auch Aiden kannte sich hier bestens aus. Jessica war eine gemeinsame Freundin, und durch sie hatten sie sich kennengelernt.

Nach dem Duschen schlüpfte Georgia in einen weißen, flauschigen Bademantel, band den Gürtel zu, während Aiden sie bereits von unten aus der Küche rief.

Georgia lächelte, als sie seine Stimme hörte. Sie freute sich auf lange Abende mit ihm, an denen sie Gespräche führen und ohne Zeitdruck zusammen sein konnten, und natürlich freute sie sich auch auf die gemeinsamen Nächte. Schnell kämmte sie sich die nassen Haare aus dem Gesicht und lief die Treppe hinunter.

Als sie das Speisezimmer betrat, blieb sie überrascht stehen. Aiden hatte den Tisch festlich in den Farben Weiß und Grün gedeckt. Alles passte zusammen, das Tischtuch, die Kerzen, die Servietten. Am hübschesten waren die Maiglöckchen, verteilt in kleine, runde Vasen, passend zu Jessicas zartem Porzellan. Aiden lächelte ihr erwartungsvoll entgegen und öffnete bereits eine Flasche Wein.

»Ich habe einen Sancerre gekauft, deinen Lieblingswein.«

»Danke, Aiden. Und wie schön du gedeckt hast! Ich glaube, ich laufe noch mal schnell nach oben und ziehe mir etwas Passendes an«, schlug Georgia vor, zupfte an ihrem Bademantel und strich sich durch die kurzen dunklen Haare.

»Du siehst hinreißend aus«, erklärte Aiden und schenkte den Weißwein ein, während sie noch zögerte, dann aber doch Platz nahm.

»Die Tomatensuppe und auch das Hühnchen mit der Minzsauce habe ich schon zu Hause gekocht und in Töpfen mitgebracht«, sagte er, setzte sich ebenfalls und hob sein Glas. »Auf uns, auf unsere gemeinsame Zeit hier und auf eine gute Zusammenarbeit.« Nachdem sie einen Schluck getrunken hatten und Aiden gerade die Tomatensuppe auf die Teller verteilte, läutete Georgias Handy.

»Bitte, geh nicht dran, nicht jetzt!«, bat Aiden sie.

Georgia sah die Nummer auf dem Display, lächelte ihm entschuldigend zu, sprang auf und lief durch die Diele hinüber ins Wohnzimmer.

»Es ist meine Mutter!«, rief sie Aiden zu. »Ich muss drangehen.«

Erst nach einer Viertelstunde kam sie zurück und setzte sich Aiden wieder gegenüber.

»Entschuldige, dass es so lange gedauert hat«, murmelte sie.

Sie spürte, wie Aiden versuchte, seinen Ärger zu verbergen. Er wünschte ihr einen guten Appetit. Für einen Moment aßen sie schweigend, dann lobte Georgia die Suppe, doch er bemerkte kurz angebunden, sie habe durch das lange Warmhalten viel von ihrem Geschmack verloren. Schließlich erhob er sich, nahm die leeren Teller und ging damit in die Küche.

Durch die offene Tür beobachtete Georgia, wie er das Geschirr abstellte und das Huhn aus dem Backofen zog. Während er sich konzentriert über die Kasserolle beugte, fielen ihm die blonden Haare in die Stirn. Alles, was Aiden tat, geschah mit äußerster Konzentration, so als gäbe es in dem Moment nichts Wichtigeres.

Georgia lächelte, weil ihr unvermittelt der Abend einfiel, an dem sie sich kennengelernt hatten. Georgia lebte und arbeitete in Paris und war damals zu Jessicas Geburtstagsparty nach London gekommen. Sie war von Raum zu Raum gewandert, hatte sich mit Jessicas Freunden unterhalten und war dann an der offenen Küchentür stehen geblieben. Ein Gast tauschte sich intensiv und lautstark mit dem Koch über die Zubereitung von Soufflés aus. Der Gast war Aiden gewesen, und er gefiel Georgia vom ersten Moment an. Sie lehnte sich gegen den Türpfosten, bis er sein Gespräch beendete, zu ihr kam und sie mit einem Lächeln fragte, ob er für sie auch einmal ein Soufflé zubereiten dürfe.

»Wann?«, hatte sie ihn direkt gefragt. »Morgen?«

Doch Aiden schüttelte bedauernd den Kopf. »In ungefähr zwei Monaten.« Georgia verwünschte sich schon für ihre schnelle Frage und glaubte, er wolle sie abweisen, doch dann erklärte er ihr, er müsse am nächsten Morgen nach San Francisco, um dort die Oper La Cenerentola von Rossini zu inszenieren. Er fügte hinzu, dass er in London lebe, aber als Regisseur an großen Opernhäusern wie in Wien, San Francisco oder auch Houston inszeniere.

Während seiner Abwesenheit schrieben sie sich E-Mails, bis sie sich wiedersahen. Er machte auf dem Rückweg von San Francisco nach London kurz halt, um sie zu besuchen, doch dann blieb er über das ganze Wochenende bei ihr in Paris. Es folgten unzählige dieser flüchtigen Begegnungen. Manchmal kam Aiden für eine Nacht zu ihr, oder sie fuhr zu ihm nach London, aber auch nur für höchstens zwei Tage. Aiden teilte sich seine Wohnung mit einem Schriftsteller, und so waren sie selten allein.

Aber jetzt würden sie endlich Zeit für sich haben und sogar noch miteinander arbeiten. Als Aiden mit dem Zitronenhühnchen und dem Reis ins Speisezimmer zurückkam, lächelte Georgia ihn an.

»Danke für die Mühe, die du dir gemacht hast«, sagte sie. »Es tut mir leid, dass ich dich habe warten lassen.«

Die Spannung, die nach dem Telefonat aufgekommen war, löste sich.

»Wie geht es deiner Mutter?«, fragte er, während er den Reis auf die Teller verteilte. Aiden wusste, dass Hannah Atwell, Georgias Mutter, an einer schweren Herzinsuffizienz litt.

»Ihr Zustand hat sich in den letzten Wochen dramatisch verschlechtert«, antwortete Georgia. »Sie hat Atemnot, und das löst bei ihr Panik aus, gerade abends oder während der Nacht.«

Georgias Stimme klang so besorgt, dass Aiden nach ihrer Hand griff und sie fest drückte. »Versuch trotzdem, abzuschalten. Du hast gesagt, dass eine Pflegerin sie betreut, die auch nachts zu ihr kommen kann. Da ist sie doch in besten Händen.«

»Aber sie ist einsam«, antwortete Georgia. War es richtig gewesen, nach London zu gehen, während es ihrer Mutter so schlechtging? Sie schreckte aus ihren Gedanken erst hoch, als Aiden ihr erklärte, sie sei für die Einsamkeit ihrer Mutter nicht verantwortlich.

»Vielleicht hast du recht, Aiden. Aber ich kann nicht anders, sie ist schließlich meine Mutter.«

»Ja, schon. Allerdings hast du auch gesagt, dass die Beziehung zu deiner Mutter nie wirklich gut gewesen ist, im Gegensatz zu deiner engen Bindung zu deinem Vater.«

»Das ist richtig«, gab Georgia zögernd zu. »Sie war nicht unbedingt eine Mutter, wie man sie sich wünscht. Sehr kühl und ablehnend. Meine Beziehung zu ihr wurde erst nach dem Tod meines Vaters vor vier Jahren enger, als sie herzkrank wurde und mich brauchte.«

»Trotzdem musst du an dein eigenes Leben denken. Ich sehe doch, wie dich das quält. Als wir hier ankamen, warst du guter Laune, und seit dem Telefonat bist du deprimiert und würdest am liebsten den nächsten Zug nach Paris nehmen, habe ich recht?«

»Nein, das stimmt nicht«, widersprach Georgia.

Doch Aiden hatte sie durchschaut. Ihr erster Impuls war tatsächlich gewesen, sofort zurückzufahren.

Wieder läutete ihr Handy. Sie nahm das Gespräch an, aber dieses Mal blieb sie sitzen.

Während Georgia beruhigend auf ihre Mutter einsprach und ihr vorschlug, die Pflegerin für die Nacht zu holen, beobachtete sie, wie Aiden nach einem Magazin griff, das auf dem Beistelltisch lag. Lustlos blätterte er es durch, bis er offenbar an einem Artikel hängenblieb.

»Pass auf, Maman, wenn es irgend geht, komme ich nächstes Wochenende zu dir. Aber ich kann es nicht versprechen. Ansonsten kannst du mich jederzeit anrufen.«

Aiden sah kurz von dem Magazin hoch und schüttelte den Kopf.

»Also, gute Nacht, Maman, und bis bald.« Langsam ließ Georgia die Hand mit dem Handy sinken.

»Steht etwas Interessantes darin?«, fragte sie und zeigte mit dem Kopf auf das Magazin.

»Ein Artikel über einen Maler aus dem neunzehnten Jahrhundert, dessen Bilder vor dem Zweiten Weltkrieg Höchstpreise erzielten. Sein Name ist Thomas Galsworthy.«

Doch Georgia hörte nicht richtig zu, ihre Gedanken beschäftigten sich noch mit ihrer Mutter.

»Sie braucht mich«, murmelte sie leise, während sie mit ihrem Handy spielte, als erwarte sie bereits den nächsten Anruf. Sie hörte, wie sich Aiden erhob und um den Tisch herumging, sah jedoch erst auf, als er sie vom Stuhl hochzog.

»Entschuldige, Georgia, das weiß ich ja. Aber nicht nur sie, auch ich brauche dich. Wir, wir brauchen uns. Vergiss das nicht!«

Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie zart auf ihre geschlossenen Augenlider.

»Ich habe dich so vermisst«, flüsterte Georgia. Aiden zog sie noch näher zu sich heran, und in ihrer Umarmung fanden sie sich wieder. Aidens Verärgerung und Georgias Anspannung lösten sich auf in dem Glück dieser Nähe und der Freude, einander endlich wieder zu spüren.

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Drei

Eine Woche später

Langsam legte Georgia ihre Entwürfe zusammen und schob sie in die Mappe zurück. Vor einer Stunde war sie von der ersten großen Besprechung nach Hause gekommen, und schon war die Euphorie darüber, mit Aiden zusammenarbeiten zu können, verflogen. Einen Monat lang hatte sie in Paris bereits an den Entwürfen gearbeitet mit dem Ziel, Aidens Vorgaben gerecht zu werden. Sein Konzept basierte auf Opulenz und Sinnlichkeit, wie er ihr erklärt hatte. Bei der heutigen ersten Besprechung kritisierte der japanische Starbühnenbildner Makoto Matsuka jedoch ihre Entwürfe, nannte sie old-fashioned und verlangte, dass sie sich seinen Vorgaben von Purismus und Schlichtheit anpasse. Und Aiden als Regisseur gab Matsuka recht. So musste Georgia jetzt innerhalb der nächsten zwei Wochen komplett neue Entwürfe erarbeiten.

Wütend knallte sie ihre Mappe auf den Tisch. Wütend auf Aiden – und wütend auf sich selbst, weil sie gegenüber Makoto Matsuka nichts von Aidens Absprachen mit ihr erwähnt hatte. Durch ihr Schweigen hatte sie Aiden geschützt und die vernichtende Kritik auf sich genommen. Warum eigentlich?

Immer noch voller Wut ging Georgia die Treppe nach oben, zog im Bad den bequemen warmen Bademantel an und beugte sich dem goldgerahmten Spiegel über dem Waschbecken entgegen. Sie war neununddreißig Jahre alt, hatte kurze dunkle Haare, die in einem reizvollen Gegensatz zu ihrem hellen, klaren Teint standen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie sich nachdenklich über die dunklen Augenbrauen. Wie sollte ihr Leben weitergehen? Am dreiundzwanzigsten Juni war die Premiere von Tosca, doch was dann? Es gab kein nächstes Jobangebot, und ihre Wohnung in Paris hatte sie bis zum ersten September vermietet. Aiden und sie wollten die Zeit bis dahin gemeinsam verbringen, eventuell zusammen verreisen. Doch bei der heutigen Besprechung hatte es gravierende Irritationen zwischen ihnen gegeben. Würde die gemeinsame Arbeit sie voneinander entfernen?

Im Moment war Georgia nur enttäuscht und ausgelaugt. Ausgelaugt auch von den vielen Telefonaten mit ihrer Mutter, ausgelaugt von ihren Versuchen zu trösten, von den Versprechen, die sie ihrer Mutter gegeben hatte. Hannahs Anrufe häuften sich, sie hörte kaum zu, wenn Georgia von ihrer Arbeit erzählen wollte, sie klagte nur über ihre Atemnot und ihre Schmerzen. Würde Georgia überhaupt konzentriert weiterarbeiten können, wenn ihre Zeit in London so belastet war?

Seufzend stieg sie die Treppe hinunter, und als sie ins Esszimmer kam, sah sie, dass Aiden ihr eine SMS geschickt hatte.

Ich bin jetzt auf dem Heimweg. Schlafe heute bei mir zu Hause. Hab morgen früh eine erste Probe. Kuss, Aiden.

Georgia legte ihr Handy zurück auf den Tisch. Offenbar ging er einem Gespräch aus dem Weg. Nun ja, es war wohl besser so.

Sie brühte sich in der Küche einen Tee auf, nahm ihn mit in Jessicas Bibliothek, die gleichzeitig das Fernsehzimmer war, und legte sich dort auf das breite Designersofa.

Wie jeder Raum war auch die Bibliothek von einem berühmten Stararchitekten eingerichtet worden. Hier durfte wie überall im Haus nichts verändert oder umgestellt werden, und in den Regalen standen die Bücher nach Themen geordnet. Jessicas philippinische Haushälterin Izzy brachte jeden dritten Tag frische Blumen mit, die sie in hohen Vasen arrangierte. Designerblumen nannte Georgia sie in Gedanken, aus einem exklusiven Geschäft, farblich auf die makellos weiße und beigefarbene Einrichtung abgestimmt. Georgia schob sich mit einem müden Seufzer die weichen Kissen unter den Kopf und schloss für einen Moment die Augen. Sie dachte an ihr Appartement in Paris, eine kleine Zweizimmerwohnung, in deren Schlafzimmer auf dem großen Bett sich fast ihr ganzes Leben abspielte. Dort zeichnete sie, auf dem Boden lagen ihre Bücher, und ihr Laptop stand in Reichweite.

Georgia war erschöpft und schlief irgendwann ein. Sie wachte erst wieder auf, als ihr Handy läutete. Benommen sprang sie auf und suchte in den Kissen hektisch nach dem Mobiltelefon, bis sie sich erinnerte, dass es noch in der Küche lag. Sie erschrak. Sicher war es ihre Mutter, wahrscheinlich hatte sie schon am Abend zuvor angerufen, und sie hatte es nicht gehört. Wie spät war es überhaupt? Sie konnte doch nicht die ganze Nacht auf dem Sofa gelegen haben? Georgia rannte in die Küche, als es bereits wieder läutete, doch es war nicht ihre Mutter, sondern Hannahs Pflegerin Tamara. Sie habe vor drei Stunden den Notarzt rufen müssen, klagte sie, der habe ihre Mutter ins Krankenhaus eingewiesen. Sie sollte sagen, ob Madame Atwell eine Patientenverfügung habe, aber das wisse sie doch nicht und …

»In welches? Tamara, in welches Krankenhaus?«

»Ich bin mitgefahren und habe gewartet. Aber jetzt reicht es mir. Es ist ja schon acht Uhr morgens! Der Professor wird Sie gleich anrufen.«

»In welches Krankenhaus?«, schrie Georgia ins Handy, um den Redefluss der Pflegerin zu unterbrechen.

»Dort, wo sie schon oft gewesen ist. Also, ich gehe jetzt nach Hause, das ist alles zu viel für mich«, erklärte Tamara und hängte ein.

*

»Madame Atwell?« Kurz nach ihrem Telefonat mit Tamara rief Professor Laiguillon sie an. »Es tut mir leid, wir mussten Ihre Mutter auf die Intensivstation verlegen.«

»Was bedeutet das? Die Pflegerin meiner Mutter sagte mir gerade, Sie brauchen die Patientenverfügung.« Ruhig, bleib ruhig, sie wird es schon schaffen, redete sich Georgia in Gedanken gut zu. Schon ein paarmal schien es so weit zu sein, und dann hatte sich ihre Mutter doch wieder erholt.

»Madame Atwell …« Der Arzt sprach nicht sofort weiter. Georgia ließ sich auf einen Hocker fallen, jetzt, jetzt kamen die Worte, vor denen sie sich immer gefürchtet hatte: Es sei zu spät für lebensverlängernde Maßnahmen. »Es ist nur noch eine Frage von ein paar Tagen«, hörte sie Professor Laiguillon sagen. »Wir werden natürlich alles tun, um ihre Atemnot und ihre Schmerzen zu lindern. Es tut mir wirklich sehr leid.«

»Sie wird sterben?«, flüsterte Georgia. Ihre Stimme versagte, Tränen stiegen ihr in die Augen und ließen sich nicht mehr zurückhalten. Der gefürchtete Moment war da, ihre Mutter starb, und Georgia war in den letzten Tagen nicht bei ihr gewesen.

»Ich fürchte, ja. Ihre Mutter hat jahrelang sehr tapfer gegen die Krankheit gekämpft, doch jetzt versagen allmählich alle Organe. Ich denke, Sie sollten so schnell wie möglich kommen.«

»Ja, natürlich, ich bin in London, aber ich beeile mich, ich nehme den nächsten Zug …«

 

Vier Stunden später saß sie im Eurostar. Auf der Fahrt zum Bahnhof St. Pancras hatte sie vom Taxi aus Aiden angerufen. »Bleib, solange … solange du möchtest«, beendete er den Satz schließlich. »Und mach dir keine Sorgen. Ich denke an dich. Bitte melde dich, wenn du mich brauchst.«

»Ich brauche dich jetzt, Aiden«, wollte sie schon sagen, doch sie sprach es nicht aus, sondern beendete mit einem »Salut« das Gespräch. Aiden konnte nicht aus London weg, das musste sie verstehen.

In Paris fuhr sie vom Gare du Nord aus direkt in die Klinik und ließ sich dort den Weg zur Intensivstation zeigen.

Georgia war zutiefst betroffen, als sie an das Bett ihrer Mutter trat. Durch eine Maske auf dem Gesicht bekam Hannah Atwell Sauerstoff zugeführt, sie hing an der Herz-Lungen-Maschine und gleichzeitig an der Maschine zur Blutwäsche, da ihre Nieren versagt hatten.

Georgia konnte das Gesicht ihrer Mutter unter der Maske nicht erkennen, doch als sie sich vorsichtig auf das Bett setzte und nach ihrer Hand griff, spürte sie einen zarten Gegendruck. Hannah Atwell wusste, dass Georgia da war.

Lange saß Georgia auf dem Bett, bis sie vom Stationsarzt um zehn Uhr abends höflich aufgefordert wurde, zu gehen.

»Kann ich nicht hierbleiben?«, wollte sie wissen, doch er schüttelte den Kopf.

»Nein, wir haben unsere strengen Anweisungen, es gibt auf der Intensivstation nur bestimmte Besuchszeiten.«

»Ich komme wieder.« Georgia beugte sich über ihre Mutter und drückte zart ihre Hand. »Bis morgen«, flüsterte sie ihr zu. Mit einem letzten Blick auf die Kranke verließ Georgia die Station, fuhr mit dem Aufzug nach unten und ging den langen Flur des Klinikums entlang zum Ausgang.

Wie betäubt ließ sie sich von der Metro bis zum Place Saint-Germain bringen und ging zu Fuß zur Wohnung ihrer Mutter am Boulevard Raspail.

Die nächsten Stunden lief Georgia unruhig durch die Wohnung, von der Küche ins Wohnzimmer, in ihr altes Kinderzimmer, in dem sie aufgewachsen war, und von dort in das Schlafzimmer ihrer Mutter. Hier stand auch Hannah Atwells kleiner Sekretär. Georgia hielt davor inne und griff nach dem gerahmten Hochzeitsfoto ihrer Eltern. Die beiden hatten sich auf einem Ball im Waldorf Astoria in New York kennengelernt. Georgias Vater John war bereits auf dem Sprung nach Paris, um dort als angestellter Anwalt einer amerikanischen Kanzlei zu arbeiten. Hannah besuchte im ersten Jahr das Vassar College, die Eliteschule, hundert Kilometer von New York entfernt. Ihr Vater hatte Georgia oft erzählt, er habe sich sofort in das zierliche, ernste Mädchen verliebt und ihr bereits nach der ersten Verabredung einen Heiratsantrag gemacht, und Hannah habe angenommen. Diese Spontanität war ungewöhnlich für ihren Vater, einen Mann, der sonst so besonnen war, immer darauf bedacht, das Richtige zu tun.

John strahlte auf dem Foto Ruhe aus, und so war es auch sein Leben lang gewesen: Er hatte »seiner« Hannah stets Halt gegeben, ihr bewiesen, wie sehr er sie liebte, vom ersten Tag an bis zu seinem Tod. Hannah hingegen litt immer häufiger an Depressionen. John hatte Verständnis für sie, bedrängte sie nicht und quälte sie auch nicht mit dem Wunsch, etwas über ihre Kindheit zu erfahren. Er und Georgia wussten deshalb nur, dass Hannah von ihrem Vater mit neun Jahren in ein exklusives Internat in der Nähe von New York geschickt wurde. Das hatte sie ihm nie verziehen, so glaubte John zumindest. Hannah Atwell verweigerte darüber stets jede Auskunft. Manchmal sagte sie, sie erinnere sich nicht mehr an die Zeit, bevor sie ins Internat kam, ein anderes Mal sagte sie, sie wolle sich nicht mehr erinnern. So blieben ihre ersten Kinderjahre im Dunkeln, und irgendwann gaben John und auch Georgia es auf, sie danach zu fragen.

Georgia lief unruhig ins Wohnzimmer hinüber und streckte sich auf dem Sofa aus, doch sie fand keinen Schlaf, und so quälte sie sich gegen Morgen wieder hoch und lehnte sich übermüdet ans Fenster. Sie sah hinunter auf den ruhigen, fast leeren Boulevard. Paris war noch nicht erwacht.

Ihre Gedanken kreisten um ihre Mutter. Gab es etwas, das sie noch für sie tun konnte? Sollte sie jemanden verständigen, den Hannah vielleicht noch sehen wollte? Ihre Mutter sei tot, hatte Hannah behauptet, schon früh gestorben. Aber ihr Vater? Dem sie angeblich nie verziehen hatte? Wie alt mochte er sein? Georgia rechnete nach, ihre Mutter war dreiundsechzig, also müsste ihr Großvater jetzt ungefähr Ende achtzig sein, falls er noch lebte. Aber würde er an das Sterbebett seiner Tochter kommen, und konnte es noch einen Moment der Versöhnung geben? Wäre das wichtig für ihre Mutter?

Vor Jahren hatte Hannah einen Brief von ihrem Vater Lionel Gorman erhalten. Als Adresse des Absenders war das berühmte Hotel Mamounia in Marrakesch genannt gewesen. Er wolle sich mit ihr versöhnen, hatte er geschrieben und sie nach Marokko eingeladen, zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter. Doch Hannah lehnte das Angebot damals rigoros ab und blieb auch unversöhnlich, als John sie überreden wollte, mit ihm und Georgia nach Marrakesch zu fliegen. Sie habe einfach kein Bedürfnis. Ihr Vater sei »kein Thema« mehr für sie.

Wie elektrisiert holte Georgia das iPad aus ihrer großen Handtasche. Doch die Versuche, ihren Großvater mit Hilfe der Suchmaschinen zu finden oder über die Auskunft eine Telefonnummer und eine Adresse zu bekommen, liefen ins Leere. Aber vielleicht hatte sie Glück, und er war ständiger Gast im Hotel Mamounia? Sie erinnerte sich vage, dass ihre Mutter einmal erzählt hatte, ihr Vater lebe in Marokko. Aber es waren inzwischen zehn Jahre vergangen, seit Hannah im Beisein ihres Mannes den Brief ihres Vaters zerriss.

Es war noch sehr früh am Morgen, und so ging Georgia unter die Dusche, kochte sich einen Kaffee und biss in ein altes Croissant, das sie in einer Tüte auf dem Küchentisch fand. Die Zeit verging nur schleppend, doch um neun Uhr rief sie im Hotel Mamounia an. Es dauerte eine Weile, dann wurde sie mehrmals verbunden, und schließlich teilte man ihr mit Bedauern mit, man kenne ihren Großvater Lionel Gorman nicht. Er sei nie Gast des Hauses gewesen. Nein, man habe keine Adresse von ihm. Aber Georgia wollte nicht aufgeben und schrieb eine E-Mail an das Hotel mit der Bitte, sie an ihren Großvater Lionel Gorman weiterzuleiten. Vielleicht hatte sie ja Glück und jemand anderes, der gerade Dienst hatte, kannte ihn doch. Das Ganze war unsinnig – und trotzdem hatte sie ein Fünkchen Hoffnung. Es tat gut, etwas zu unternehmen und nicht nur dazusitzen und auf den Anruf aus dem Krankenhaus zu warten.

Die Stille in der Wohnung wurde unerträglich, und so entschloss sie sich, in die Klinik zu fahren. Wenn sie auch noch nicht zu ihrer Mutter durfte, konnte sie zumindest im Vorraum zur Intensivstation warten. So wäre sie ihrer Mutter wenigstens nahe.

Doch als sie dort ankam, wurde ihr mitgeteilt, dass man ihre Mutter von den Geräten genommen und sie zurück auf die Station gebracht hatte. Georgia wusste, was das bedeutete.

*

Es war der Abend des nächsten Tages, und in der stillen Dämmerung hörte man nur das leise Atmen der Sterbenden. Georgia hielt die Hand ihrer Mutter fest umschlossen und sprach leise mit ihr. Banale Sätze, doch das war gleichgültig, es war nur wichtig, dass Hannah spürte, ihre Tochter war bei ihr.

Plötzlich wurde Hannah unruhig, langsam lösten sich ihre Finger aus Georgias Hand. Mit geschlossenen Augen formulierte sie ein paar Worte, die Georgia nicht verstand. Sie beugte sich ganz nahe über die Sterbende.

»Ich bin so einsam.«

»Ich weiß«, flüsterte ihre Tochter, »und es tut mir so leid, ich hätte nicht nach London gehen sollen.«

Doch Hannah hörte nicht auf sie, mit geschlossenen Augen lag sie da, ganz in sich versunken.

Wieder griff Georgia nach der Hand ihrer Mutter, doch abermals entzog Hannah sie ihr. »Ich habe so viel geweint«, fuhr sie fort, schwieg dann erschöpft, ehe ihr Mund fast lautlos die Worte formte: »Wo warst du? … Ich … ich war so einsam … Ich war doch noch ein Kind.«

Hannah rang nach Atem. Georgia beugte sich über ihre Mutter, bis sich ihre Gesichter fast berührten.

»Ich bin bei dir, Maman, ich bleibe auch bei dir, ich gehe nicht mehr fort, ich verspreche es.«

Hörte ihre Mutter sie noch?

Hannahs Augen blieben geschlossen, sie schien unerreichbar.

»Lilly …«, flüsterte sie, »Lilly … auf dem großen Schiff … Sie hat so viel geweint.« Georgia horchte auf den Atem der Mutter, ein kleines Seufzen nur noch. Atmete sie überhaupt? Georgia fuhr ihr zart über die kühle, glatte Stirn.

»Maman?«, flüsterte sie mit erstickter Stimme und griff wieder scheu nach ihrer Hand. »Maman, bitte bleib noch, Maman …«

Doch da lösten sich die Finger ihrer Mutter langsam aus ihrer Hand.

»Maman«, flüsterte Georgia immer wieder, »Maman … bitte.« Doch sie wusste längst, was sie nicht akzeptieren wollte: Ihre Mutter war gestorben.

 

Mehrere Stunden hatte sie bei ihrer toten Mutter gesessen, bevor sie in die Wohnung zurückkehrte.

Sie ließ sich aufs Sofa fallen und war nicht fähig, zu denken oder etwas zu tun. Doch schließlich rief sie Aiden an.

»Meine Mutter ist vor vier Stunden gestorben.«

»Das tut mir leid, Georgia, mein herzliches Beileid, ich …«

»Aiden«, bat Georgia, »bitte komm, und wenn es nur für einen Tag ist.«

»Das würde ich ja gern tun«, antwortete er nach einer kleinen Pause, »aber ich kann nicht weg, nicht in dieser Arbeitsphase. Die Orchesterproben fangen an. Wir proben täglich, wie soll das gehen, wenn ich nicht da bin? Das musst du verstehen.«

»Aiden, du hast drei Assistenten, einen Tag könnten sie doch auf dich verzichten. Aber du setzt deine Prioritäten, und das sollte ich dann wohl auch tun.«

»Was meinst du damit?« Aidens Stimme hörte sich unsicher an, und Georgia gab keine Antwort. Sie wusste es selbst nicht, der Satz war ihr einfach so herausgerutscht.

»Salut«, sagte sie nur und beendete das Gespräch.

Langsam legte Georgia das Handy beiseite. Sie fühlte sich einsam, verletzt auch durch Aidens Weigerung, zu ihr zu kommen. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, wie allein sie im Grunde war. Was sollte sie jetzt machen, wie ging es weiter? Die Mutter war ihre letzte Angehörige gewesen. Wenn sie die Augen schloss, sah sie ihr Gesicht vor sich, den Mund, der die letzten Worte formte: Lilly … Lilly … auf dem großen Schiff … Sie hat so viel geweint. Und dann der Satz in der Ich-Form: Ich war doch noch so klein.

Was bedeutete das? War es eine Erinnerung an die frühe Kindheit, von Hannah so sorgfältig gehütet? Oder war es eine Zeile aus einem Kinderbuch, mit der sich eine Erinnerung verband?

Aufschluchzend verbarg Georgia ihr Gesicht in den Händen.

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Vier

Neun Tage später

Was hatte sie erwartet? Einen Zufall, ein Wunder, eine schicksalhafte Fügung, dass ihr Großvater die E-Mail im Hotel Mamounia erhielt? Er war jedenfalls nicht gekommen, und sie hatte auch nichts von ihm gehört. Sie wusste ja nicht einmal, ob er noch lebte.

Als Georgia an ihre Mutter dachte, kamen ihr sofort wieder die Tränen. Erst bei der Beerdigung war Georgia das Ausmaß von Hannahs Einsamkeit bewusst geworden. Nur Georgias Freunde waren gekommen, um sie zu begleiten.

In den hektischen Tagen davor hatte ihre Freundin Germaine ihr beigestanden. Sie hatte geholfen, Formalitäten zu erledigen, die Beisetzung zu organisieren, und es war auch Germaine gewesen, die bei dem Trauergottesdienst Georgias Hand hielt und sie stützte, als der Sarg von Hannah Atwell ins Grab gesenkt wurde. Wie allein musste sich ihre Mutter in den letzten Tagen vor ihrem Tod gefühlt haben. Und sie war nicht bei ihr gewesen.

Georgia packte ihre Reisetasche, spülte in der Küche noch Tassen und Teller ab und lief ein letztes Mal durch die Wohnung. Sie hatte kurz mit dem Vermieter gesprochen, und er war mit einer schnellen Räumung einverstanden. Georgia konnte keine weiteren Mietkosten tragen und versprach, direkt nach der Premiere am dreiundzwanzigsten Juni die Wohnung aufzulösen.

Der Gedanke daran tat weh, deshalb versuchte sie im Moment, diese Überlegungen zu verdrängen. In einer Viertelstunde wollte Germaine hier sein, um sie zum Gare du Nord zu fahren.

»Holt Aiden dich in London am Bahnhof ab?«, hatte Germaine am Tag zuvor wissen wollen.

»Aiden weiß nicht, wann ich ankomme«, hatte Georgia kurz angebunden erwidert. Germaine schwieg darauf, sie verstand, wie sehr es ihre Freundin verletzt hatte, dass Aiden nicht zur Beerdigung gekommen war.

Noch einmal betrat Georgia das Schlafzimmer ihrer Mutter. Auf dem Sekretär lagen unbezahlte Rechnungen von Online-Anbietern, bei denen Hannah in den letzten Monaten eingekauft hatte. Vier neue Seidenblusen, drei Paar Schuhe. Hannah, die nur eine kleine Firmenpension ihres Mannes erhielt, war mit einer größeren Summe bei der Bank im Soll gelandet. Aber daran wollte Georgia nicht denken, auch nicht daran, dass die hohen Kosten für die Beerdigung ihre ganzen eigenen Rücklagen verschlangen.

Sie hatte noch ein paar Minuten Zeit, und so setzte sie sich an den Sekretär ihrer Mutter. Rasch sah sie noch einmal die wenigen Beileidskarten durch und überlegte, was sie damit machen sollte. Dabei wanderte ihr Blick zu dem kleinen Gemälde, das über dem Sekretär hing. Es war ein Geschenk von Hannas Vater zur Hochzeit seiner Tochter gewesen. Georgia erinnerte sich, dass ihre Mutter oft hier saß, in Gedanken versunken, den Blick auf das Bild gerichtet. Manchmal hatte sie dabei auch geweint. War das nicht ein Zeichen, dass sie sich ihrem Vater enger verbunden fühlte, als sie jemals zugab?

Nachdenklich betrachtete Georgia das Porträt einer jungen, schönen Frau. Sie erinnerte sich, dass Hannah einmal behauptet hatte, Georgia sähe dieser Frau ähnlich. Doch ihr Vater hatte nur gelacht und gemeint, die Phantasie gehe mit ihr durch, weil sie das Bild so oft ansehen würde.

Plötzlich fasste Georgia einen Entschluss. Sie stand auf und nahm das Gemälde von der Wand. Es war klein und nicht schwer und … es war die einzige Verbindung, die zwischen ihrer Mutter Hannah, ihrem Großvater und ihr selbst bestand. Georgia war entschlossen, diese Verbindung zu bewahren.

*

In London nahm sie am Bahnhof St. Pancras ein Taxi und fuhr zu Jessicas Haus. Sie war todmüde und froh, jetzt allein zu sein.