Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Das Haus in Cold Hill E-Book

Peter James  

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E-Book-Beschreibung Das Haus in Cold Hill - Peter James

Spannend und herrlich schaurig: Englands Bestsellerautor Peter James hat eine hervorragende, gruselige Geistergeschichte geschrieben.Für Ollie und Caro Harcourt und ihre Tochter Jade ist es ein wirkliches Abenteuer: Ihr neues Zuhause ist ein riesiger, verfallener alter Kasten. Genau das Richtige, um es von Grund auf zu sanieren, eine veritable Geldanlage. Doch die Harcourts sind nicht die einzigen Bewohner. Ungewöhnliche Dinge gehen hier vor sich, eine gespenstische Frau in Grau wandelt durch die Flure. Als die verängstigten Harcourts schließlich die dunkle Geschichte von Cold Hill erfahren, ahnen sie, dass ihr Leben auf dem Spiel stehen könnte.

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E-Book-Leseprobe Das Haus in Cold Hill - Peter James

Peter James

Das Haus in Cold Hill

Roman

Aus dem Englischen von Christine Blum

FISCHER E-Books

Inhalt

Für Linda Buckley,12 Freitag, 4. September3 Freitag, 4. September4 Sonntag, 6. September5 Montag, 7. September6 Montag, 7. September7 Dienstag, 8. September8 Dienstag, 8. September9 Sonntag, 13. September10 Sonntag, 13. September11 Montag, 14. September12 Montag, 14. September13 Montag, 14. September14 Montag, 14. September15 Montag, 14. September16 Dienstag, 15. September17 Dienstag, 15. September18 Dienstag, 15. September19 Dienstag, 15. September20 Dienstag, 15. September21 Mittwoch, 16. September22 Mittwoch, 16. September23 Mittwoch, 16. September24 Mittwoch, 16. September25 Mittwoch, 16. September26 Mittwoch, 16. September27 Mittwoch, 16. September28 Donnerstag, 17. September29 Donnerstag, 17. September30 Donnerstag, 17. September31 Donnerstag, 17. September32 Donnerstag, 17. September33 Donnerstag, 17. September34 Donnerstag, 17. September35 Freitag, 18. September36 Freitag, 18. September37 Freitag, 18. September38 Freitag, 18. September39 Samstag, 19. September40 Samstag, 19. September41 Samstag, 19. September42 Samstag, 19. September43 Samstag, 19. September44 Samstag, 19. September45 Samstag, 19. September46 Samstag, 19. September47 Samstag, 19. September48 Sonntag, 20. September49 Sonntag, 20. September50 Sonntag, 19. September51 Montag, 21. September52 Montag, 21. September53 Montag, 21. September54 Montag, 21. September55 Montag, 21. September56 Montag, 21. September57 Montag, 21. September58 Montag, 21. September59 Mittwoch, 21. September 2016Danksagung

Für Linda Buckley,

meine unendlich wunderbare Assistentin

1

»Sind wir bald da?«

Mit der glimmenden Zigarre im Mundwinkel sah Johnny in den Rückspiegel. Er liebte seine Kinder, aber Felix, der gerade acht geworden war, konnte wirklich eine Nervensäge sein. »Das fragst du jetzt zum dritten Mal innerhalb von zehn Minuten«, sagte er laut über die Kinks hinweg, deren Sunny Afternoon aus dem Radio dröhnte. Er nahm die Zigarre aus dem Mund und sang mit. »The tax man’s taken all my dough and left me in my stately home –«

»Ich muss mal«, sagte Daisy.

»Sind wir jetzt endlich bald da?«, jammerte Felix wieder los.

Johnny grinste Rowena zu, die sich in dem riesigen Beifahrersitz des rot-weißen Cadillac Eldorado aalte. Sie sah glücklich aus, schon fast lächerlich glücklich. Alles war momentan lächerlich. Dieses Monster, Baujahr 1966, mit dem linksseitigen Fahrersitz war ein lächerliches Gefährt für enge Landstraßen, aber ihm gefiel es, weil es schrill war, und schrill, das war für ihn als Rock-Promoter eine Lebenshaltung. Ihr neues Heim war ebenfalls lächerlich – lächerlich schrill. Auch Rowena war begeistert davon. Sie sah sich schon in ein paar Jahren als stolze Gutsherrin und malte sich lebhaft die gigantischen Partys aus, die sie steigen lassen würden! Der Ort war etwas ganz Besonderes. Fürs Erste würde man allerdings viel Liebe und Geld hineinstecken müssen.

Sie hatten das Haus trotz des Gutachtens gekauft, das aus siebenundzwanzig Seiten düsterster Prophezeiungen bestand. Die Fensterrahmen waren hochgradig verrottet, das Dach musste neu gedeckt werden, überall war es feucht, und im Keller und an einigen Dachbalken wütete gefährlich der Hausschwamm. Aber all das würde sich dank der Unsummen, die er momentan verdiente, schnell lösen lassen.

»Dad, können wir das Verdeck aufmachen?«, fragte Felix. »Bitte?«

»Es ist zu windig, Süßer«, gab Rowena zurück.

Die Oktobersonne strahlte ihnen zwar ins Gesicht, aber es wehte ein heftiger Wind, und am Horizont sammelten sich Gewitterwolken.

»In fünf Minuten sind wir da«, verkündete Johnny. »Wir sind schon im Dorf.«

Eben kamen sie an einem Schild vorbei: COLDHILL – BITTELANGSAMFAHREN, begleitet von Tempolimit-Schildern beidseits der Straße. Mit einem Hüpfer nahmen sie eine hohe Bogenbrücke. Linker Hand folgte ein regendurchweichtes Cricketfeld, und zur Rechten thronte hoch über der Straße gebieterisch eine baufällig wirkende romanische Kirche. Der von einer niedrigen Feuersteinmauer eingefasste Friedhof schien ganz hübsch zu sein mit seinen zahlreichen Reihen verwitterter Grabsteine, viele davon schief und manche unter den ausladenden Zweigen einer dicken Eibe versteckt.

»Sind da tote Leute drin, Mum?«, fragte Daisy.

Rowena blickte zur Feuersteinmauer hinüber. »Ja, Kleines, das ist ein Friedhof.«

Daisy drückte das Gesicht gegen die Fensterscheibe. »Kommen wir da hin, wenn wir tot sind?«

Ihre Tochter war vom Tod geradezu besessen. Im letzten Jahr hatten sie einen Angelurlaub in Irland gemacht. Für die damals sechsjährige Daisy hatte der Höhepunkt darin bestanden, als sie bei der Besichtigung eines Friedhofs entdeckt hatte, dass man zwischen den Deckplatten mancher Gräber hindurch die Knochen darunter erspähen konnte.

Rowena drehte sich zu ihr um. »Reden wir lieber über was Fröhlicheres, ja? Freust du dich auf unser neues Haus?«

Daisy drückte ihren Plüschaffen an sich. »Ja«, sagte sie ein bisschen zögernd. »Vielleicht.«

»Nur vielleicht?«, fragte Johnny.

Sie passierten eine Reihe viktorianischer Häuschen, wie sie früher für Handwerker gebaut worden waren, einen reizlos wirkenden Pub namens The Crown, ein Haus mit Bed-&-Breakfast-Schild und den Dorfladen. Die Straße führte jetzt in steilen Serpentinen bergauf, vorbei an freistehenden Einfamilienhäusern und Bungalows verschiedener Größe. Ein weißer Transporter schoss ihnen entgegen, ohne zu bremsen. Fluchend wich Johnny so weit nach links aus wie möglich. Der dicke Cadillac streifte die Zweige eines Buschs, und der Transporter brauste in wenigen Zentimetern Abstand vorbei.

»Vielleicht sollten wir uns fürs Land ein anderes Auto anschaffen«, sagte Rowena. »Was Vernünftigeres.«

»Vernünftig ist nicht mein Ding«, sagte Johnny.

»Weiß ich – dafür liebe ich dich ja, Süßer! Aber wenn die Schule anfängt, müssen die Kinder nicht mehr nur um die Ecke wie bisher. Und in dieser Kutsche fahre ich sie bestimmt nicht jeden Tag hin.«

Er verlangsamte und setzte den rechten Blinker. »Da wären wir! Bahn frei für Familie O’Hare!«

Zur Rechten, einem roten Postbriefkasten gegenüber, lag eine Toreinfahrt, die von zwei steinernen Torpfosten mit bedrohlich wirkenden Zierdrachen eingefasst wurde. Die verrosteten schmiedeeisernen Torflügel standen offen. Unter dem großen Werbeschild des Maklerbüros Strutt & Parker mit dem daran hängenden VERKAUFT-Balken war am rechten Torpfosten ein kleineres, kaum noch lesbares Schild befestigt: COLDHILLHOUSE.

Beim Einbiegen stoppte Johnny kurz und suchte im Rückspiegel nach dem Umzugswagen; schließlich entdeckte er ihn als winzigen schwerfälligen Punkt in der Ferne. Er gab wieder Gas und fuhr den steilen, von Schlaglöchern übersäten Zufahrtsweg entlang. Zu beiden Seiten verlief ein Metallzaun, hinter dem an den steilen Hängen Schafe grasten. Alles Land hier gehörte zum Haus, war aber an einen hiesigen Bauern verpachtet.

Nach vierhundert Metern bog der Weg scharf nach rechts ab, und sie überquerten ein Viehgitter. Als sie das Schotterplateau des Hügelrückens erreichten, kam vor ihnen das Haus in Sicht.

»Ist es das?«, fragte Felix. »Wow. Wowwwwww!«

»Das ist ja ein Schloss!«, quietschte Daisy begeistert. »Wir wohnen in einem Schloss!«

Das Haupthaus mit seiner klassischen georgianischen Fassade aus verwittertem grauem Stein war drei Stockwerke hoch; vier, wenn man den Keller mitzählte. Zur Eingangstür führte eine Freitreppe mit einem säulengetragenen Balkon darüber – oh, ein echter Romeo-und-Julia-Balkon! – hatte Rowena ausgerufen, als sie ihn zum ersten Mal sah. Beidseits davon besaßen die beiden Hauptstockwerke hohe Schiebefenster, und im schiefergedeckten Dach gab es zwei Mansardenfenster. Links war dem Gebäude ein leicht deplatziert wirkender zinnenbewehrter Eckturm mit Fenstern im Obergeschoss angefügt und rechts ein zweistöckiger Anbau, der dem Makler zufolge hundert Jahre nach dem Bau des Haupthauses errichtet worden war.

Rowena deutete nach oben. »Wer ist das?«

»Was?«, fragte Johnny.

»Die Frau in dem Fenster dort – dem Dachfenster oben im Speicher –, die uns entgegenschaut.«

Er spähte durch die Windschutzscheibe. »Vielleicht ist die Putzfrau noch da. Ich sehe niemanden.«

Das Auto schwankte in einem Windstoß, und ein unverhältnismäßig kalter Luftzug fuhr hindurch. Breit grinsend hielt Johnny vor der Freitreppe, steckte sich die Zigarre wieder in den Mund, nahm einen Zug und sagte über die Rauchwolke hinweg: »Da sind wir, Leute. Unser neues Heim!«

Mit einem Mal war der Himmel pechschwarz. Über ihnen ertönte ein lautes Rumpeln, das sich ominös nach Donner anhörte.

Rowena packte den Türgriff. »Mein Gott, lasst uns schnell reingehen.«

Noch während sie sprach, löste sich vom Dach eine einzelne Schieferplatte. Im Fallen riss sie weitere mit, und im Nu entstand eine kleine Lawine, die das steile Dach hinabsauste, die verrostete Regenrinne durchschlug und sich mit rasender Geschwindigkeit wie eine Salve Rasierklingen ins Segeltuchverdeck des Cadillac bohrte. Eine trennte Rowena den rechten Arm vom Körper, eine zweite teilte Johnnys Kopf in zwei Hälften wie eine Axt ein Stück Holz.

Unter den Schreien Rowenas und der Kinder regnete es Brocken von Mauerwerk herab, sie zerfetzten das Verdeck, zerschmetterten Schädel und Knochen, und schließlich löste sich hoch oben aus der Fassade ein ganzes Mauerstück und landete genau auf dem Auto. Die Achsen bogen sich durch, die Räder barsten, und von den vier Insassen blieb nur eine unförmige Masse aus Blut und Knochensplittern übrig.

Fünf Minuten später, als der Umzugswagen die Anhöhe erreichte, war alles, was noch zu sehen war, ein kleiner Trümmerberg aus Backsteinen, Schieferplatten und Dachbalken. Und über dem Heulen des Windes tönte das monotone Tuten einer Autohupe.

2Freitag, 4. September

Ollie Harcourt war ein unverbesserlicher Optimist von der Sorte: Das Glas ist halbvoll, und hey, keine Sorge, das wird schon. Er war neununddreißig, auf robuste Art gutaussehend, mit widerspenstigem blondem Wuschelkopf und Designerbrille. Sein Stil bestand aus ausgeleierter Strickjacke, ebenso ausgeleierten Jeans, Wolverine-Schnürstiefeln und einer IWC-Armbanduhr.

Die drei Jahre jüngere Caro war das genaue Gegenteil. Ihr dunkles Haar war akkurat frisiert, sie trug eine brandneue blaue Barbour-Jacke, hautenge Hosen und schwarze Wildlederstiefel. So korrekt, wie sie stets fürs Büro gekleidet war, so angemessen (wenn auch ein bisschen zu perfekt) sah sie an diesem feuchten, windigen Septembermorgen fürs Land aus. Schon immer hatte sie zur Besorgnis geneigt, und in den letzten zwölf Jahren, seit ihre Tochter Jade geboren worden war, hatte sich das noch weiter verstärkt. Sie machte sich über alles und jedes Gedanken. Wenn man »Alles wird gut« als Ollies Devise bezeichnen konnte, dann lautete die ihre: »Das Leben ist ein Scheißspiel.«

Tatsache war aber, dass sie wusste, wovon sie redete. Sie war Anwältin in einer Kanzlei für Grundstücks- und Immobilienrecht in Brighton. Die wenigsten Leute brauchten einen Anwalt, weil sie glücklich waren. Caros Alltag bestand aus unendlich vielen Terminen, Telefonaten und Mailwechseln mit Mandanten, die Probleme mit ihrem Immobilienkauf oder -verkauf hatten; Grund dafür waren nicht selten bittere Scheidungsgeschichten oder ebenso bittere Erbschaftsstreitigkeiten. Und weil Caro sich so viele Gedanken machte, trug sie die Sorgen ihrer Mandanten mit sich nach Hause, im Herzen wie in der Aktentasche, jeden Abend und oft auch an den Wochenenden.

Ollie witzelte manchmal, wenn Sorgenmachen eine olympische Disziplin wäre, könnte Caro problemlos für England antreten.

Caro fand das nicht lustig, insbesondere da sie, während Ollie gerade hart daran arbeitete, sich als Webdesigner zu etablieren, die Hauptverdienerin war. Und jetzt, am großen Tag des Umzugs, auf dem Weg in ihr neues Heim, war sie zwar aufgeregt, aber auch voller Bedenken. Hatten sie sich nicht übernommen? Wie würde sie als geborener Stadtmensch mit dem Leben in einem einsamen Landhaus zurechtkommen? Wie würde es der zwölfjährigen Jade gehen? Und sie wünschte, Ollie würde etwas langsamer fahren. Vor allem in diesem strömenden Regen, der den Scheibenwischern alles abverlangte.

»Tempo fünfzig, Schatz!«, warnte sie ihn, als sie sich dem Ortsschild COLDHILL näherten. »Vielleicht ist hier irgendwo ja eine Radarfalle. Wie sähe das denn aus, wenn wir an unserem ersten Tag schon gleich einen Strafzettel bekämen?«

»Hü-hüpf!«, rief Ollie, ohne sie zu beachten, als der Range Rover mit Schwung eine hohe Bogenbrücke nahm und einen Augenblick lang in der Luft schwebte.

»Dad, du Blödmann!«, schrie Jade vom Rücksitz, die in die Luft katapultiert wurde und Mühe hatte, ihr iPhone und die beiden Käfige mit den Katzen auf dem Nebensitz festzuhalten.

Sie passierten linker Hand ein Cricketfeld und rechter Hand eine normannische Kirche samt dick mit Herbstlaub bedecktem Friedhof. Während die Straße leicht anstieg, folgten eine Reihe kleiner Häuser – eines davon mit einem Schild FREILANDEIERZUVERKAUFEN – ein schmuckloser Pub namens The Crown, eine Schmiede, der Dorfladen, ein Bed & Breakfast. Schließlich ging es an freistehenden Häusern und Bungalows und zuletzt einem kleinen Cottage auf der linken Seite vorbei. Im nächsten Moment bremste Ollie heftig.

»Dad!«, schimpfte Jade wieder. »Du machst Bombay und Sapphire total fertig!« Sofort wandte sie sich wieder Instagram zu, worüber sie ihren Freundinnen Fotos von der Fahrt zu ihrem neuen Haus schickte.

Es war Ollie gewesen, der die Katzen im Scherz nach der Gin-Marke benannt hatte, und Caro und Jade hatten die Namen lustig gefunden, also waren sie hängengeblieben.

Zu ihrer Rechten, gegenüber einem roten Postbriefkasten, der fast völlig von einer Hecke überwuchert war, standen zwei Steinpfosten mit bedrohlich wirkenden geflügelten Drachen darauf, dazwischen ein offenes, verrostetes schmiedeeisernes Tor. Ein großes Schild in ungleich besserem Zustand als die Pfosten und Torflügel verkündete stolz: Richwards Immobilien – VERKAUFT!

Ollie setzte den rechten Blinker und wartete, da von oben in halsbrecherischer Geschwindigkeit ein Traktor mit Anhänger angedampft kam, von dem es links und rechts Stroh regnete. Nur Millimeter neben ihnen brauste er vorbei. Jetzt bog Ollie in die Toreinfahrt ein und beschleunigte auf dem steilen, mit Schlaglöchern übersäten Zufahrtsweg, der von dringend reparaturbedürftigen Weidezäunen eingefasst war. Auf der einen Seite graste eine Herde trübsinniger rotbrauner Kühe mit weißen Schwänzen, die andere war voller Alpakas. »Dad!«, schrie Jade wieder, als das Auto über den unebenen Straßenbelag holperte. Dann bemerkte sie die Tiere. »Oh, wow, was sind denn das für welche?«

»Lamas«, sagte ihre Mutter.

»Ich glaube, es sind Alpakas«, widersprach Ollie. »Lamas wären größer, oder?«

»Sind die süß!« Jade betrachtete die Tiere einige Sekunden lang, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Display zu.

Nach ein paar hundert Metern ratterten sie über ein Viehgitter, und das Haus kam in Sicht. Ollie verlangsamte. Er konnte kaum glauben, dass das hier nun wirklich ihnen gehörte. Das Bauwerk war von einer beinahe magischen Aura der Melancholie umgeben. Als sei man ein Jahrhundert oder mehr in der Zeit zurückversetzt worden. Ollie sah es buchstäblich vor sich, wie eine Pferdekutsche vor der Freitreppe hielt. Der Anblick wirkte wie aus einem romantischen Film oder Roman, vielleicht Manderley aus ›Rebecca‹.

Auf dem knirschenden bemoosten Schotter parkte er hinter Caros Golf, den sie früher am Tag hiergelassen hatten, als sie mit der ersten Fuhre Hausrat gekommen waren. Der Regen prasselte aufs Dach, laut wie Hagelkörner, und der Range Rover schwankte im heulenden Wind. »Home, sweet home!«, verkündete Ollie.

»Warum heißt das Haus eigentlich Cold Hill?«, wollte Jade wissen, die noch immer eifrig auf ihrem iPhone herumtippte.

Ollie löste seinen Sicherheitsgurt. »Weil das Dorf so heißt, Liebes.«

»Und warum heißt das Dorf so?«

»Wahrscheinlich, weil es nach Norden ausgerichtet ist«, vermutete Caro. »Deshalb bekommt es nicht so viel Sonne wie andere Orte – und es scheint auch in einem Windkanal zu liegen.« Sie blickte an der kürzlich renovierten Fassade mit den weißlackierten Schiebefenstern und metallenen Mauerankern hinauf – eine der wenigen Stellen am Haus, an denen in den letzten Jahren etwas gemacht worden war – voller Sorge, wie viel Arbeit noch nötig sein würde.

Sie wünschte jetzt, sie hätte kategorisch nein gesagt, als sie das Haus zum ersten Mal besichtigt hatten. Aber damals war Hochsommer gewesen, die Felder ringsum blühten golden und gelb von Weizen und Raps, die fünf Hektar Rasenfläche war sauber gemäht, der kleine See glatt wie poliertes Silber und voller Seerosen. Die Trauerweide auf der kleinen Insel hatte im strahlenden Sonnenschein geglänzt, und Dutzende Enten mit ihren Küken und sogar zwei Blesshühner hatten sich am Wasser getummelt.

Jetzt waren die Felder eine Ödnis aus Schlamm und Stoppeln. Der Rasen vor dem Haus war wild und ungepflegt, und die Fenster, die damals lichterfüllt gewesen waren, wirkten dunkel und trüb wie die eingesunkenen Augen von alten Fischen.

Auch die Freitreppe sah aus, als sei sie seit ihrem letzten Besuch um zwei Jahrzehnte gealtert. Der Anstrich, der damals neu und frisch gewesen war, vergilbte schon und blätterte ab. Der Messing-Türklopfer in Form eines Löwenkopfs, von dem Caro sicher war, dass er geglänzt hatte, war matt und grünlich. Und von dem Schotter der kreisförmigen Auffahrt war unter dem Unkraut kaum noch etwas zu erkennen.

Das Haus hatte dreißig Jahre lang leer gestanden, nachdem ein Teil der Fassade eingestürzt war, hatte Paul Jordan, der unbeirrbar fröhliche Makler, ihnen erzählt. Es war von einem Bauträger gekauft worden, der vorhatte, ein Seniorenheim daraus zu machen, aber kaum hatten die Renovierungsarbeiten begonnen, war er bei der letzten Immobilienkrise bankrottgegangen. Wie viel Potential in dem Objekt steckte, hatte Jordan geschwärmt. Es benötigte nur dringend einen Besitzer mit Weitblick. Und Ollie, der viel Geschmack – und Weitblick – besaß, hatte Caro schließlich überzeugt. In den fünfzehn Jahren ihrer Ehe waren sie schon dreimal umgezogen. Jedes Mal hatten sie eine Bruchbude gekauft, wieder aufpoliert und mit gutem Gewinn weiterverkauft. Das und die Pauschale aus dem Verkauf von Ollies Immobiliensuchportal hatten es ihnen ermöglicht, diese gigantische Ruine zu kaufen. Ollie hatte Caro versichert, dass sie in fünf Jahren ihr Kapital verdoppeln könnten – vorausgesetzt, sie zogen wieder um.

»Mein Gott, das gehört jetzt wirklich uns!« Ollie beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Wange. »Ich kann’s noch gar nicht glauben. Du?«

»Nein«, sagte sie vorsichtig. »Nein. Es ist wunderschön. Nur …«

Aus der Nähe bemerkte sie die Risse in der Fassade, die feuchten Stellen in der Wand der Bibliothek, das verrottende Holz der Fensterrahmen. Erkannte, welche Heidenarbeit vor ihnen lag.

»Wie komme ich jetzt eigentlich nach Brighton zu meinen Freunden?«, unterbrach Jade. »Wenn ich Phoebe und Olivia und Lara besuchen will – und Ruari?« Ruari war ihr Freund. Gestern, hatte sie ihren Eltern erzählt, hatte ihr letztes tränenreiches Treffen bei Erdbeer-Mango-Milchshake in Drury’s Café an der Richardson Road gleich um die Ecke von ihrem bisherigen Zuhause stattgefunden.

»Es fahren doch Busse«, sagte Ollie.

»Ja, zweimal am Tag! Vom Dorf aus! Bis da unten sind’s fast zwei Kilometer.«

»Deine Mum und ich bringen dich runter, wenn du fahren willst.«

»Okay, ich will jetzt.«

Im Rückspiegel sah Ollie den kleinen Volvo seiner Schwiegereltern und dahinter den Umzugswagen den Zufahrtsweg entlangholpern. »Lass uns erst mal einziehen, ja, Liebes?«

»Ich will heim!«

»Du bist jetzt hier daheim.«

»Das Ding sieht aus, als würde es gleich zusammenkrachen!«

Ollie grinste seiner Frau zu. »Es ist atemberaubend. Leute, das wird herrlich hier. Wird nur ein bisschen dauern, bis wir uns an den neuen Lebensrhythmus gewöhnt haben.«

»Ich fand unseren alten Lebensrhythmus total okay«, versetzte Jade. »Ich mochte das Haus an der Carlisle Road.«

Ollie drückte Caro die Hand. Sie erwiderte den Druck, dann wandte sie sich ihrer Tochter zu. »Wir sorgen dafür, dass du deine Freunde besuchen kannst, wann immer du willst. Und hier wirst du auch Freunde finden.«

»Ja? Wen denn – Kühe? Oder Lamas? Ach nee – Alpakas.«

Caro lachte und zauste Jade das Haar. Die zog verärgert den Kopf zurück. Sie hatte es noch nie gemocht, wenn man ihre Haare berührte. Caro wünschte sich brennend, ein gutes Gefühl bei diesem Haus zu bekommen, Ollies Enthusiasmus teilen zu können. Sie war entschlossen, sich alle erdenkliche Mühe zu geben. Als Stadtkind hatte auch sie immer davon geträumt, auf dem Land zu wohnen. Aber an diesem regnerischen Septembertag, der schon den Winter ahnen ließ, erschien ihr die Arbeit, die sie vor sich hatten, wie ein unüberwindlicher Berg. Und sie hatte noch nie in ihrem Leben keine Nachbarn gehabt – Geräusche in der Nähe, menschliches Leben. »Du magst Tiere doch so gern, Jade, Liebes«, sagte sie. »Hier könnten wir endlich einen Hund halten, das wolltest du doch immer.«

Jades Miene hellte sich auf. »Einen Hund? Echt? Einen Welpen?«

»Klar.«

»Wann?«

»Na ja, sobald wir uns halbwegs eingerichtet haben, können wir anfangen, uns in den Tierheimen umzuschauen.«

Jades Laune besserte sich sichtlich. »Und was für einen?«

»Schauen wir mal, was gerade da ist!«, sagte Ollie. »Ich fände es toll, einen zu nehmen, der aus schlimmen Verhältnissen gerettet wurde, was meinst du?«

»Aber auf jeden Fall plüschig«, sagte Jade. »Groß und plüschig?«

»Klar. Groß und plüschig.«

»Einen Labradoodle?«

Caro lachte. »Mal sehen, Liebes!«

Ollie lächelte. Alles würde herrlich werden. Ihr Traumleben in ihrem Traumhaus. Na gut, Traumhausprojekt.

Caro öffnete die Beifahrertür. Sofort wurde diese vom heulenden Sturm erfasst und so heftig nach vorn gerissen, dass die Scharniere sich verbogen und der Außenspiegel so hart gegen den Kotflügel prallte, dass er splitterte.

»Das heißt sieben Jahre Pech!«, bemerkte Jade.

»Gut, dass ich nicht an so was glaube«, gab Ollie zurück.

»Mum schon«, versetzte Jade kess. »Wir sind verloren!«

3Freitag, 4. September

»Mist!«, fluchte Ollie, während er in Wind und Regen die kaputte Tür inspizierte. »Geh besser unters Vordach«, bat er Caro. »Du auch, Jade. Ich hole die Sachen aus dem Kofferraum und schließe euch dann die Tür auf.«

Jade war noch mit ihrem iPhone beschäftigt. »Gleich, Dad.«

»Schon gut, ich helfe dir«, sagte Caro.

Als sie ausstieg, nahm er sie kurz in den Arm und küsste sie. »Auf in unser neues herrliches Abenteuer!«

Caro nickte. »Ja.« Sie ließ nochmals den Blick über die breite Hausfassade mit dem säulengetragenen Balkon über dem Eingang schweifen, der es ausgesprochen hochherrschaftlich wirken ließ. Zuvor hatten sie in einer viktorianischen Doppelhaushälfte in Hove gewohnt, gar nicht weit vom Meer. Auch sie war ziemlich nobel gewesen, sieben Zimmer und sechs Fenster nach vorn hinaus. Dieses Haus hier besaß dreizehn Zimmer – fünfzehn, wenn man die beiden Dachkämmerchen mitzählte. Es war gewaltig. Atemberaubend. Aber ein Fall für mehr als nur Liebe und handwerkliches Geschick.

Sie wandte das Gesicht ab und sah Ollie zu, der sich abmühte, die Autotür zu schließen. Sie ahnte, wie unterschiedlich ihre Gedanken gerade waren. Für ihn war es wie Weihnachten und Geburtstag zugleich, dass es endlich so weit war und sie einzogen. Sie hatte sich von seiner Begeisterung anstecken lassen, aber nun, da sie tatsächlich hier standen und alle Brücken hinter sich abgebrochen hatten, war sie mit einem Mal unerklärlich nervös.

Dieses Haus war lächerlich. Darin waren sie sich schon die ganze Zeit einig gewesen. Vollkommen lächerlich. Es war viel zu groß. Zu teuer. Zu abgelegen. Zu vernachlässigt. Und schlicht und ergreifend zu weit weg. Von ihren Freunden, ihrer Familie, jeglichen Einkaufsmöglichkeiten. Von allem. Man musste unwahrscheinlich viel Arbeit hineinstecken – angefangen damit, die komplette Sanitär- und Elektroinstallation zu erneuern. Viele Fenster hatten verrottete Rahmen und eine kaputte Schiebemechanik. Der Speicher war nicht isoliert, und im Keller musste dringend etwas gegen die Feuchtigkeit unternommen werden.

»Es ist wunderhübsch, aber ihr seid des Wahnsinns«, hatte ihre Mutter gesagt, als sie es gesehen hatte. Ihr Vater war nur aus dem Auto gestiegen, hatte es schweigend gemustert und den Kopf geschüttelt.

Warum?

Warum?

Warum hatte sie sich darauf eingelassen?, fragte Caro sich.

Keiner von ihnen hatte je auf dem Land gelebt. Sie waren Stadtmenschen durch und durch.

»Du brauchst mehr Phantasie«, hatte Ollie so oft zu ihr gesagt. Von klein auf hatte er gegen seine eigenen faden Eltern rebelliert. Diese hatten nie viel Phantasie besessen; ihr ganzes Leben lang schienen sie stumpfsinnig dem unvermeidlichen Ende entgegengetrottet zu sein. Viel zu jung waren sie hinter den Mauern einer Seniorenresidenz verschwunden und nahmen die Gebrechen des Alters so dankbar auf sich, als hätten sie sie von Anfang an eingeplant.

»Klar ist es eine Bruchbude, aber stell dir vor, wie sie in ein paar Jahren aussehen kann«, hatte Ollie geschwärmt.

»Und wenn es da drin spukt?«, hatte sie gefragt.

»Ich weiß, deine Mum glaubt an Geister, aber ich doch nicht. Was mir Angst macht, sind die Lebenden, nicht die Toten.«

Schon zu Beginn ihrer Beziehung, lange vor ihrer Hochzeit, hatte Caro erkannt, dass es unmöglich war, Ollie von etwas abzubringen, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Zudem war er keinesfalls naiv, er besaß großes kaufmännisches Geschick. Und die Vorstellung eines hochherrschaftlichen Lebens auf dem Land war ihr irgendwie verlockend erschienen. Die Herrin von Cold Hill House.

Ollie hatte es endlich geschafft, die Beifahrertür zu schließen, und öffnete nun Jades Tür, aber diese tippte hartnäckig ihre Instagram-Posts weiter.

»Raus, Süße!«

»Gleich, das ist wichtig!«

»Raus«, sagte er energisch, beugte sich über sie und löste ihren Sicherheitsgurt, dann hob er die Katzenkäfige heraus.

Sie machte ein finsteres Gesicht, zog sich die Kapuze tief in die Stirn, steckte ihr Handy in die Jackentasche, sprang aus dem Auto und sprintete unter den Balkon. Ollie trug die Katzenkäfige hinterher, setzte sie ab und hastete zurück zum Auto, wo er zwei Koffer aus dem Kofferraum hievte.

Auch Caro holte zwei Gepäckstücke heraus und folgte ihm die Freitreppe hinauf. Er stellte die Koffer ab, ging den umfangreichen Schlüsselbund durch, den der Makler ihnen überreicht hatte, und steckte denjenigen ins Schloss, den er für den richtigen hielt. Er ließ sich drehen. Ollie schob die schwere Eingangstür auf, die in den langen düsteren Flur führte.

An dessen Ende befand sich rechts die Treppe in den ersten Stock. Dahinter erweiterte sich der Flur zu einem kleinen eichengetäfelten Vorraum mit drei Türen, den der Makler als Atrium bezeichnet hatte. Die linke Tür führte ins Esszimmer, die rechte in die Küche, und geradeaus gelangte man wieder ins Freie, in den Garten hinter dem Haus. Laut dem Makler stammte das Eichenholz der Täfelung gerüchteweise von einem von Nelsons Schiffen, der Agamemnon.

Im Hausinneren empfing sie der Geruch nach Bohnerwachs und der mildere Zitrusduft eines Putzmittels – sie hatten eine Reinigungsfirma zwei Tage lang durch die Wohnräume geschickt. Und wegen des schlechten Zustands des Hauses war ihnen erlaubt worden, schon vor Abschluss des Kaufvertrags ein paar nötige Renovierungsarbeiten im Wohnbereich auszuführen.

Die Katzenkäfige in den Händen, folgte Jade Ollie hinein und sah sich neugierig um. Caro bildete den Schluss. Ollie setzte die Koffer am Fuß der Treppe ab, dann eilte er wieder nach draußen, um seine Schwiegereltern und die Möbelpacker zu begrüßen, von denen der erste, ein kahlrasierter Muskelprotz in Meatloaf-T-Shirt und einer alten Jeans, bereits aus dem Fahrerhaus gesprungen war und das Haus bewundernd musterte. Vor ein paar Tagen, beim Verpacken ihrer kleineren Besitztümer in Kisten, hatte er Ollie stolz erzählt, dass er erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden war – wofür er gesessen hatte, verriet er dann aber doch nicht.

»Krasse Hütte ham Se da gekauft, Mann!«, sagte er anerkennend. »Der Turm ist geil.« Mit verschränkten Armen beugte er sich leicht zu Ollie herüber und nickte verschwörerisch in Richtung Turmzimmer. »Sperren Sie da Ihre Alte ein, wenn’s Ihnen zu bunt wird mit ihr?«

Ollie grinste. »Da oben kommt mein Büro hin.«

»Auch ’ne Methode!«

Ollie sah Caros Mutter aus der Fahrertür des Volvo – oder Ovlov, wie sie das Auto im Scherz nannte – steigen. Pamela Reilly, unerschrockene Amtsrichterin in Brighton und Hove, sah in ihrem Kapuzenanorak und den unförmigen wasserdichten Hosen aus, als wollte sie an einer Polarexpedition teilnehmen. Ihr Ehemann Dennis, ein eingefleischter Schwarzseher wie seine Tochter, litt an einem frühen Stadium von Demenz und wurde von Tag zu Tag vergesslicher und unberechenbarer. Seine einstige Arbeit als Aktuar bei der Lloyds Bank hatte hervorragend zu ihm gepasst. Nachdem sein ganzes Arbeitsleben daraus bestanden hatte, Risiken zu kalkulieren, wandte er diese Fertigkeit nun auf alles an, was ihm in seinem Rentnerdasein begegnete. In einen seiner üblichen Tweed-Dreiteiler samt Zunftkrawatte gekleidet, ergänzt durch einen pelzbesetzten Mantel und eine schwarze Karakulmütze, wirkte der schmächtige, zurückhaltende Mann ein wenig wie die Bonsaiversion eines russischen Oligarchen.

Zwanzig Minuten später, nachdem auf dem AGA-Herd Wasser heiß gemacht, eine Packung Digestive-Kekse geöffnet und Tee und Kaffee in den zusammengewürfelten Trinkgefäßen ausgeteilt wurden, war auch eine funktionierende Arbeitsaufteilung gefunden. Caro stand am Fuß der Treppe zwischen Flur und Atrium und wies die Möbelpacker an, wohin sie jedes hereingebrachte Stück stellen sollten. Oben an der Treppe stand Dennis mit einer Liste, die die praktisch veranlagte Caro erstellt hatte, und die zeigte, wie das Obergeschoss eingerichtet werden sollte. Er studierte sie mit gerunzelter Stirn in kindlicher Konzentration, wobei er sich immer wieder gleichermaßen verwirrt wie begeistert umsah. Jade ließ in der Küche die Katzen aus den Käfigen, schloss sie dort ein und ging auf Entdeckungstour.

Ollie stand mit Pamela vor dem Hauseingang, in der Hand eine Liste, welche der sorgsam beschrifteten Umzugskisten schon jetzt ins Haus gehörten und welche vorerst, solange noch renoviert wurde, im Nebengebäude dahinter gelagert werden sollten.

Grinsend schleppte der kahlrasierte Muskelprotz eine riesige Kiste an ihnen vorbei, auf der Schlafzimmer 1 stand. Ollie hakte sie auf der Liste ab. Dann warf er einen Blick nach drinnen, wo Caro die Beschriftung las und den Möbelpacker die Treppe hinaufschickte. Während der Mann außer Sicht verschwand, erhaschte Ollie einen Schatten, der quer durchs Atrium huschte, wie der eines fliegenden Vogels über einem Oberlicht.

Seine Schwiegermutter starrte ihn mit einem seltsamen Lächeln an: »Hast du das gesehen?«

So wohlangesehen Pamela als Amtsrichterin war, sie hatte eine gewisse exzentrische Seite. Ollie war noch nicht lange mit Caro zusammen gewesen, da hatte sie ihm einmal anvertraut, sie sei sich zwar nicht sicher, ob sie wirklich hellsichtig sei (was immer das heißen mochte), aber sie wisse stets, wenn jemand bald sterben würde. Dann habe sie einen immer wiederkehrenden Traum, in dem ein Rabe, ein See und ein Grabstein mit dem Namen des Todgeweihten darauf eine Rolle spielten.

Was hatte sie gesehen?

Caro hegte schon genug Zweifel wegen ihres Umzugs, ohne dass ihre Mutter ihr noch zusätzlich einen Schrecken einjagte. Eine hysterische Caro war das Letzte, was er heute, am ersten Tag ihres neuen traumhaften Lebens, gebrauchen konnte.

»Hast du das auch gesehen?«, fragte Pamela beharrlich.

Ihr Lächeln machte ihn ärgerlich. Es hatte etwas Selbstzufriedenes, so ein unausgesprochenes Ich hab’s dir ja gesagt.

»Nein«, gab er entschieden zurück. »Was hätte ich denn sehen sollen?«

4Sonntag, 6. September

In Jeans, Socken und bauchfreiem Top, das blonde Haar zurückgesteckt und eine mit Kuli geschriebene Notiz auf dem linken Handrücken, saß Jade in ihrem neuen Zimmer mit der leicht kindischen rosa Tapete. Ihr derzeitiger Lieblingssong, Uptown Funk von Bruno Mars und Mark Ronson, dröhnte aus der Sonos-Box auf einer massiven Kommode.

Sie hatte einen Großteil dieses ersten Wochenendes damit verbracht, ihre Sachen einzuräumen, gelegentlich mit Hilfe ihrer Mutter. Jetzt war Sonntagabend, und sie hatte absolut keine Lust mehr, obwohl der Boden noch immer knöchelhoch mit Klamotten und anderem Zeug bedeckt war. Bombay lag zusammengerollt auf der Patchworkdecke auf ihrem schmiedeeisernen Bett und schlief tief und fest. Die Schildpattkatze, die schon wenige Stunden, nachdem sie sie vor drei Jahren aus dem Tierheim geholt hatten, Zutrauen zu Jade gefasst hatte, hatte sich gemütlich zwischen einige Kissen gekuschelt, den Kopf auf Blankie, der Wolldecke, die Jade schon als Baby besessen hatte, und den Rücken gegen den gelben Plüsch-Minion mit dem Glupschauge geschmiegt. Über der Katze hing, die Füße zwischen die eisernen Ornamente des Kopfteils gesteckt, etwas ungelenk Duckie, Jades schlaksige abgewetzte cremeweiße Plüschente mit gelbem Schnabel und Füßen, die sie beinahe so lange besaß wie Blankie. Vom Bettpfosten daneben baumelte ihr lila Traumfänger.

Widerstrebend gestand sie sich ein, dass das Zimmer trotz der dämlichen Tapete schöner war als ihr altes. Es war ungefähr fünfmal so groß, und obendrein besaß es ein eigenes (!) Badezimmer mit einer riesigen altmodischen Badewanne mit Messingarmaturen. Schon gestern Abend hatte Jade sich ein langes Vollbad mit einer Lush-Badekugel gegönnt und sich gefühlt wie eine Königin.

Auf dem geschwungenen Regal jenseits ihres Nachttischs hatte sie ihre Trophäen arrangiert, den Tennispokal der Brightoner Mädchenmeisterschaften, die Silbermedaille bei den U12-Tennis-Kids 2013 und den Star-of-the-Week-Tanzpokal; dazwischen lehnte das gerahmte Foto eines pinkfarbenen amerikanischen Cabrios, aus dem ein Surfbrett in den Himmel ragte. Neben dem Regal standen der braune Gitarrenkoffer mit ihrer Gitarre und ein Notenständer mit einem zerfledderten Anfänger-Gitarrenbuch. Auch die meisten ihrer Bücher hatte sie schon ausgepackt und in das Regal an der Wand gegenüber geräumt. Alle Bände von Die Tribute von Panem und Harry Potter standen dort ordentlich in der korrekten Reihenfolge, ebenso wie fast alles von David Walliams, mit Ausnahme von Rattenburger, das auf ihrem Nachttisch lag. Dort lag auch ein Stapel Bücher über Hundedressur sowie eines, das sie besonders gern mochte, mit dem Titel Deine Katze verstehen. Vor dem großen Schiebefenster stand ihr hölzerner Frisiertisch, allerdings ohne den Spiegel, den ihr Vater noch nicht angeschraubt hatte. Darauf lagen ihre Körpersprays, Parfümfläschchen und verschiedene Schminkutensilien von Zoella, und davor stand ihr orangefarbener Plastikstuhl.

Sie fühlte sich einsam. In Brighton war sie an den Wochenenden meistens zu Phoebe, Olivia oder Lara gegangen, oder diese hatten sie besucht, und sie hatten zusammen Musikvideos gedreht. Oder sie hatte sich mit Ruari getroffen. Hier gab es nur ihre Eltern und Großeltern, die unten immer noch dabei waren, Kisten auszupacken und so was Ähnliches wie Ordnung zu schaffen – jedenfalls in den Zimmern, in denen man schon wohnen konnte, bis der Rest renoviert war. Was noch Monate dauern würde. Oder Jahre. Oder Jahrzehnte.

Durch das große Fenster sah man die Garagen, den Garten, der sich bis zu dem ein Stück entfernten See erstreckte, dann die Koppel und den steil aufragenden Hügel dahinter. Ihre Mutter hatte gemeint, die Koppel sei doch perfekt für das Pony, das sie sich schon so lange wünschte. Das hatte sie ein wenig versöhnt, wobei sie momentan lieber einen Labradoodle-Welpen hätte. Sie hatte schon Stunden damit verbracht, Tierheime und Labradoodle-Züchter zu googeln und sich in einem Hundebuch über mögliche Alternativen zu informieren. Bisher hatte sie im näheren Umkreis noch keine Welpen gefunden, die momentan zu vergeben waren, aber etwa eine Fahrstunde entfernt gab es eine Hündin, die Junge erwartete.

Es war schon fast acht Uhr. Sicher würden ihre Eltern bald raufkommen, sie zwingen, den Computer auszuschalten und sich bettfertig zu machen. Sie ging zum Frisiertisch, wo ihr iPhone lag, und betrachtete einige Augenblicke lang sehnsüchtig einen Videoclip von Ruari mit seiner coolen Frisur, wie er grinsend im Takt eines Songs mit dem Kopf wippte. Dann wählte sie auf FaceTime Phoebe an.

Trotz der dunklen Wolken und des Regens, der das ganze Wochenende nicht aufgehört hatte und gegen die Fensterscheiben prasselte, war es draußen noch hell. Uptown Funk dröhnte zum wiederholten Mal in voller Lautstärke aus ihrer Box. Noch ein Vorteil an diesem Haus: Ihr Zimmer lag am Ende des Flurs im ersten Stock, und die angrenzenden Zimmer standen leer, also konnte sie die Musik so laut aufdrehen wie sie wollte, ohne dass ihre Eltern sie ständig mahnten, sie leiser zu stellen. Im alten Haus hatte sie meistens die Kopfhörer aufsetzen müssen. Jetzt wusste sie nicht einmal, wo die eigentlich waren. Wahrscheinlich irgendwo in einer der vier riesigen Kisten, die sie noch nicht ausgepackt hatte.

Tuut, tuut, tuut.

Dann war das Telefon tot.

»Oh, jetzt mach schon!« Die Internetverbindung hier war das Letzte. Dad hatte versprochen, das gleich am Montag zu richten, aber mit solchen Sachen trödelte er so, dass es vermutlich eher eine Woche dauern würde. Sie würden wohl alle den Telefonanbieter wechseln müssen. Dabei waren sie hier noch nicht mal total in der Pampa – nur fünfzehn Kilometer von Brighton entfernt! Aber in diesem Moment hätten sie genauso gut auf dem Mond sein können.

Sie startete einen neuen Versuch. Erst beim dritten Mal erschien auf dem Display Phoebes Gesicht mit dem weit in die Stirn hängenden blonden Pony, Jades eigenes Gesicht als kleines Icon in der Ecke.

»Hey, Jade!«, rief ihre Freundin grinsend, einen Kaugummi im Mund.

Dann war die Verbindung wieder weg und Phoebe mit. »Jetzt komm endlich, du Scheiß-Teil!«, brüllte Jade das Display an und wählte wieder. Nach wenigen Momenten kehrte die Verbindung zurück.

»Sorry, Phoebe.«

»Alles okay?«

»Überhaupt nicht! Ich vermisse dich megamäßig!«

»Ich dich auch. Mum ist heute total stinkig auf Dad und lässt alles an mir aus. Und meine Wüstenrennmäuse sind abgehauen. Voll mieser Tag. Und dann hat sich Mungo ausgerechnet Julius geschnappt! Den mochte ich am liebsten! Ich hab seine Beine in ihrem Maul noch zucken sehen, aber da ist sie schon ab in den Garten.«

»Hat sie ihn getötet?«

»Dad hat ihn begraben – also das, was von ihm übrig war. Ich hasse diese Katze!«

»O Gott! Und die anderen? Hast du sie wieder eingefangen?«

»Die hatten sich unters Sofa im Wohnzimmer verzogen, alle auf einem Haufen, total verängstigt. Warum mussten sie auch abhauen? Sie hatten doch alles, was sie brauchen. Futter, Wasser, Spielzeug.«

»Vielleicht waren sie genervt vom Regen und wollten nach Süden in die Ferien?«

Phoebe lachte. Dann horchte sie auf. »Uptown Funk! Oh, dreh’s lauter.«

Jade gehorchte.

»Was meinst du«, erzählte Phoebe weiter, »ich hab Lara zum Geburtstag die neueste CD von Now gekauft?«

»Hat Lara denn noch einen CD-Player?«

Am anderen Ende entstand eine lange Pause. Dann, verteidigend: »Bestimmt.«

»Ich glaub, wir haben keinen mehr.«

»Ach, und wenn schon. Wann kommst du mal wieder rüber?«

»Ich muss erst die Cold-Hill-House-Gefängnisverwaltung um Ausgang bitten. Aber meine Eltern erlauben mir, hier eine Geburtstagsparty zu machen. In drei Wochen! Ich hab vor, ein Retro-Fotostudio mit echten Polaroid-Kameras einzurichten. Und wir dürfen Pizza bestellen. Jeder sagt, was er haben will, und Daddy holt sie dann.«

»Legendär! Aber bis dahin sind es noch drei Wochen. Ich würde so gern schon vorher mal zu dir kommen und sehen, wie ihr jetzt wohnt.«

»Klar. Ich hab ein total geniales Zimmer – mit der größten Badewanne, die du je gesehen hast. Man kann schon fast darin schwimmen! Könntest du übernächsten Samstag kommen und hier übernachten? Am Sonntag kommt dann auch Ruari, er hat gesagt, seine Mum bringt ihn her.«

»Können wir dann in eurem Pool schwimmen?«

»Vergiss es. Dazu müsste Dad erst die toten Frösche rausschmeißen. Und ihn füllen und heizen.«

»Bäh!« Aber plötzlich veränderte sich Phoebes Ton. »Hey, Jade, wer ist denn das?«

»Wer ist was?«

»Die Frau!«

»Was für eine Frau?«

»Na, die direkt hinter dir? Hallo!«

Jade fuhr herum. Da war niemand. Sie drehte sich wieder um. »Was für eine Frau?«

Das Display wurde schwarz. Verärgert wählte sie erneut. Das Klicken, mit dem die Verbindung sich aufbaute, ertönte, und Phoebes Gesicht erschien wieder.

»Was für eine Frau hast du gemeint, Phoebe?«

»Jetzt ist sie weg. Aber sie stand genau hinter dir, an der Tür.«

»Da war niemand!«

»Ich hab sie doch gesehen!«

Jade ging zur Tür, öffnete sie und spähte in den Flur hinaus. Dabei hielt sie das Handy hoch, damit auch Phoebe ihn sehen konnte, dann schloss sie die Tür hinter sich und setzte sich wieder. »Ich hätte doch gehört, wenn jemand reingekommen wäre.«

»Aber ich hab sie genau gesehen«, beharrte ihre Freundin. »Ich denk mir das nicht aus, Jade, ganz ehrlich!«

Plötzlich war Jade kalt. Sie fröstelte. Wieder drehte sie sich zur geschlossenen Tür um. »Was genau hast du gesehen?«

»Eine alte Frau in einem blauen Kleid. Und sie machte ein ganz gemeines Gesicht. Wer ist das?«

Jade hob die Schultern. »Die einzige alte Frau hier ist meine Granny. Sie und Grandpa helfen uns beim Auspacken. Sie sind beide ein bisschen komisch.«

Zwanzig Minuten später, nachdem sie das Gespräch beendet hatten, ging Jade nach unten. Ihre Eltern saßen am Esstisch in der Küche, um sie herum Stapel ungeöffneter Kisten, vor sich eine Flasche Rotwein und zwei Gläser, und lasen sich Glückwunschkarten zum Einzug durch, die von Freunden und Verwandten gekommen waren. Vor dem Napf neben dem Herd zermalmte Sapphire Trockenfutter zwischen den Zähnen.

»Hi, Liebes«, sagte ihre Mutter. »Bereit für die Schule morgen?«

»Mehr oder weniger.«

»Langsam ist Bettgehzeit. Morgen ist ein großer Tag – der erste in der neuen Schule!«

Jade sah sie düster an. Sie dachte an die Schule in Brighton. Wie gern sie die Anführerin im »Wir-sind-das-mobile-Schulbus-Team« gewesen war. Jeden Morgen telefonierte sie ihre Gruppe an, dann holte sie die erste Freundin ab, dann den nächsten Klassenkameraden, dann noch eine Freundin, bis sie schließlich zu zehnt an der Schule ankamen. Morgen würden alle anderen genau das wieder machen, nur sie nicht. Sie würde stattdessen in das blöde St. Paul’s Catholic College in Burgess Hill gehen. Hinter-dem-Mond-Hill!

Dabei gingen sie nicht mal oft in die Kirche!

»Wo sind Gran und Gramps?«, fragte sie.

»Die sind schon vor einer Weile nach Hause gefahren«, sagte ihre Mutter. »Grandpa war sehr müde. Sie lassen dich ganz lieb grüßen.«

»Gran war in meinem Zimmer.«

»Gut«, sagte ihre Mutter.

»Aber sie hat gar nichts gesagt und ist gleich wieder rausgegangen. Das fand ich komisch. Sonst küsst sie mich doch immer zum Abschied.«

»Warst du am Computer beschäftigt?«

»Ich hab gerade mit Phoebe telefoniert.«

»Vielleicht wollte sie dich nicht stören, Liebes.«

Jade zuckte die Achseln. »Kann sein.«

Ihr Vater sah auf und runzelte die Stirn. Aber er sagte nichts dazu.

5Montag, 7. September

Am Montagmorgen atmete Ollie wie befreit auf. Es hatte endlich aufgehört zu regnen, und die Spätsommersonne schien klar und warm. Caro war kurz nach halb acht ins Büro nach Brighton gefahren. Um acht Uhr, zu den Nachrichten in Radio Four, stellte er Jade ihre Cheerios zum Frühstück hin, während diese zunächst den Katzen Futter gab und dann die Nespresso-Maschine einschaltete, um ihrem Vater einen Kaffee zu machen – sie liebte es, das Ding zu bedienen. Erstaunlich, dachte Ollie, dass Jade tatsächlich pünktlich aufgestanden war! Trotzdem wurde ihnen die Zeit knapp, und da er nicht wollte, dass sie seinetwegen an ihrem ersten Tag in der neuen Schule zu spät kam, schlang er rasch sein Müsli hinunter, scheuchte sie zum Auto und vergewisserte sich, ob sie sich auch anschnallte.

Während der Fahrt saß Jade in ihrer schwarzen Schuljacke, der gelben Bluse und dem schwarzen Faltenrock in nervösem Schweigen neben ihm. In Radio Sussex plauderte der Moderator Neil Pringle mit einem Künstler namens Tom Homewood aus Lewes über dessen neueste Ausstellung.

»Und, freust du dich auf die neue Schule?«, fragte Ollie.

Sie zuckte die Schultern.

»All meine Freunde sind jetzt wie immer unterwegs zum King’s in Portslade.« Sie senkte den Blick auf ihr iPhone. »St. Paul’s, Burgess Hill. Das klingt wie eine Kirche, Dad!«

»Es scheint eine ganz tolle Schule zu sein. Du kennst doch die Bartletts? Ihre Drillinge waren dort und waren sehr glücklich.«

Er erhaschte einen Blick auf ihr Handy. Sie war schon wieder auf Instagram. Ganz oben stand Jade_Harcourt_x0x0. Es folgten reihenweise Daumen-nach-unten-Emoticons abwechselnd mit unglücklichen Gesichtern.

»Hör mal, Liebes, gib der Sache eine Chance, ja?«

Sie hob nicht einmal den Kopf. »Was anderes bleibt mir ja nicht übrig, oder?«

Eine Weile fuhr er schweigend weiter. Dann fragte er: »Gran kam also gestern Abend zu dir ins Zimmer, ohne was zu sagen?«

»Mhm.«

»Bist du sicher?«

»Phoebe hat sie gesehen. Wir waren grade auf FaceTime.«

»Und Gran hat überhaupt nichts gesagt?«

»Nein. Sie ist einfach wieder gegangen. Ist sie sauer auf mich, oder was?«

»Warum sollte sie?«

»Phoebe meinte, sie hätte irgendwie böse geschaut.«

Den Rest der kurzen Fahrt ließ er sie auf ihrem Handy herumtippen, das pingende und klickende Töne von sich gab. In Gedanken war er beim gestrigen Abend. Seine Schwiegereltern hatten mit ihm und Caro in der Küche gesessen. Er hatte Dennis einen großen Whisky eingeschenkt; Pamela, die ja inzwischen immer fahren musste, nahm einen winzigen Schluck Rotwein. Dann hatten sie sie hinausbegleitet, und Pamela hatte sie gebeten, Jade einen lieben Gruß auszurichten.

Sie war mit absoluter Sicherheit nicht nach oben gegangen.

6Montag, 7. September

Als er eine halbe Stunde später nach Hause zurückkehrte, stellte er das Auto neben den ramponierten roten Transporter der Baufirma, deren Team früh erschienen war, um dem feuchten Keller zu Leibe zu rücken. Kurz blieb er noch sitzen, um eine Diskussion mit einem grünen Stadtrat von Brighton zu Ende zu hören; es ging um den Vorschlag für eine neue Bus-Fahrspur, den der Moderator unverkennbar für absurd hielt. Ollie mochte seinen kampflustigen, aber fundierten Interviewstil.

Als er ausstieg, huschte zu seiner Rechten etwas vorbei. Es war ein graues Eichhörnchen, das den Stamm des hohen Ginkgo-Baums inmitten des runden Rasenstücks vor dem Haus hinaufschoss.

Er beobachtete das hübsche, anmutige Tier. Caro bezeichnete Eichhörnchen als Baumratten und hasste sie, weil sie angeblich die Rinde schädigten. Nachdem sie am Wochenende eines gesehen hatte, hatte sie vorgeschlagen, er solle sich ein Luftgewehr kaufen und die Tiere erschießen. Ollie betrachtete das Eichhörnchen, das nun auf einem Ast saß und eine Nuss verspeiste, die es in den Vorderpfoten hielt. Nie im Leben könnte er es erschießen. Er wollte hier gar nichts erschießen. Außer vielleicht einige Kaninchen, die den Garten in Beschlag genommen hatten.

In der Luft lag ein Hauch von Kuhdung, schwach, aber unverwechselbar. Weiter oben überquerte ein Traktor in Spielzeuggröße die Hügelkuppe von Cold Hill, viel zu weit entfernt, als dass das Motorengeräusch zu hören gewesen wäre. Ollie ließ den Blick über die Felder schweifen und dann über die Front ihres Hauses, er konnte immer noch kaum glauben, dass sie jetzt hier lebten, dass das ihr neues Heim war. Dass sie sich nach all den anderen Häusern hier vielleicht endlich niederlassen, den Rest ihres Lebens verbringen konnten. Eine endgültige Heimat gefunden hatten.

Er zog sein Handy heraus und machte ein paar Fotos in alle Richtungen. Dann betrachtete er den Eingang mit der Freitreppe und der säulengetragenen Balustrade darüber. Die zwei großen Fenster jeweils seitlich davon, die Fensterreihen in den beiden Obergeschossen darüber. Noch immer musste er erst überlegen, welche Zimmer dahinter lagen.

Links des Eingangs gab es ein WC, dann kam die Bibliothek. Rechts der Salon. Weiter hinten, an der Grenze des Flurs zum Atrium, war noch eine Toilette, und hinter der Bibliothek schloss sich das große Esszimmer an. All diese Räume besaßen hohe Stuckdecken. Durchs Atrium gelangte man rechts zur Küche; von dieser aus betrat man die Vorratskammer und die Waschküche im angebauten Teil des Hauses, von der aus eine Treppe in den Gewölbekeller aus rotem Backstein führte. Auch im Keller existierte eine uralte Küche mit einem seit Jahrzehnten nicht benutzten Herd, einst der Rückzugsort des hier lebenden Dienstpersonals. Der dahinter liegende Keller enthielt staubige Weinregale. Eines Tages, wenn sie es sich finanziell wieder erlauben konnten, würden sie all diese Regale mit Weinflaschen bestücken – eine der Leidenschaften, die er und Caro teilten.

Am Freitag, beim Einzug, hatte er einen kurzen begeisterten Rundgang durch alle Räume gemacht und jeden fotografiert. Himmel, wie er dieses Haus liebte! Viele der Zimmer waren in beklagenswertem Zustand und würden noch lange so bleiben müssen. Aber das war egal; zunächst mussten sie nur die Küche, den Salon, das Esszimmer sowie ein drittes Schlafzimmer für Gäste auf Vordermann bringen. Ihr eigenes Schlafzimmer, dessen Wände noch die alte rote Velourstapete trugen, und das von Jade waren in annehmbarem Zustand – hier war bereits ein wenig renoviert worden, ehe der Bauträger pleiteging, und dann noch einmal vor ihrem Einzug. Die höchste Priorität hatten momentan der Schimmel, die Elektro- und Wasserinstallation.

Wieder musterte er den Eingangsbereich, die hübsche Eingangstür mit dem angelaufenen Löwen-Türklopfer, und dachte zum wiederholten Mal daran zurück, wie er am Freitag mit seiner Schwiegermutter hier gestanden und drinnen diesen Schatten gesehen hatte. Hatte ihnen vielleicht das Licht einen Streich gespielt, war es einer der Möbelpacker gewesen, oder womöglich ein Tier – zum Beispiel ein Eichhörnchen?

Er ging ins Haus und durchs Atrium und die Küche in die Waschküche dahinter. Sie besaß ein tiefes Keramikspülbecken, ein großes Abtropfbrett und ein hölzernes Trockengestell für Kleidung, das an einem Seilzug heruntergelassen werden konnte. An die Wand war eine uralte Wasserpumpe montiert, mit deren Hilfe wohl einst Wasser aus der Quelle geholt worden war, die sich angeblich unter dem Haus befand, die aber bisher niemand hatte aufspüren können.

Die Kellertür hinten in der Waschküche besaß ein enormes rostiges Schloss mit einem riesigen Schlüssel, wie zu einem Verlies. Er öffnete sie und stieg die steile Backsteintreppe hinunter, um zu sehen, ob bei den Arbeitern alles in Ordnung war. Er sagte ihnen, sie könnten sich in der Küche mit Tee und Kaffee bedienen, aber sie lehnten dankend ab; sie hatten eigene Thermosflaschen dabei und auch sonst alles, was sie brauchten.