Das Herz der Küste - Cornelia Engel - E-Book

Das Herz der Küste E-Book

Cornelia Engel

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Beschreibung

Ein großer Liebesroman über die Rückkehr auf eine schottische Insel mit einem Hauch von Mystik. Nach Jahren fernab der Heimat kehrt Ailsa auf die raue, windumtoste Insel ihrer Kindheit zurück – mit dem festen Entschluss, sich nicht von Erinnerungen aufhalten zu lassen. Sie will das Haus ihrer verstorbenen Mutter verkaufen und so endgültig mit der Vergangenheit abschließen. Doch was als kurzer Aufenthalt geplant war, entwickelt sich zu einer Reise in ihre eigene Vergangenheit. Inmitten dieser wilden Landschaft begegnet sie nicht nur den Geistern ihrer Vergangenheit, sondern auch zwei Männern, die ihr Herz einst berührten und nun erneut ihr Leben durcheinanderwirbeln. Mit jedem Tag, den Ailsa auf der Insel verbringt, bröckeln die sorgsam errichteten Mauern um ihr Herz. Zwischen jahrtausendeealten Steinkreisen und modernen Lebensentscheidungen muss sie sich der wichtigsten Frage stellen: Liegt ihre Zukunft in der Heimat, die sie einst verließ? Und welchem ihrer beiden Verehrer kann sie vertrauen, wenn die Geheimnisse der Vergangenheit ans Licht kommen?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cornelia Engel, Isabel Morland

Das Herz der Küste

Schottland – Inseln des Schicksals 2

Impressum

Originalausgabe Januar 2019 unter dem Titel „Der Herzschlag der Steine“

© 2019 bei Knaur Taschenbuch Ein Imprint der Verlagsgruppe

Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Redaktion: Dr. Clarissa Czöppan

Zweite bearbeitete Auflage © 2025 Cornelia Engel

Austrasse 4, 96047 Bamberg

Korrektorat: Anett Mitzschke

Cover-/Umschlaggestaltung: Buchgewand Coverdesign | www.buch-gewand.de

unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com: nevodka.com

depositphotos.com: MikeMareen, PantherMediaSeller

DAS HERZ DER KÜSTE

SCHOTTLAND – INSELN DES SCHICKSALS

BAND 2

CORNELIA ENGEL

ISABEL MORLAND

AUSSPRACHE GÄLISCHER NAMEN:

Ailsa: Elsa

Marsaili: Marschali (Marjorie)

Peigi: Päitschi (Peggy)

Fearghas: Färägiss

Diese Insel hat einen Herzschlag.

Zuerst fühltest du ihn in deinen Füßen,

als du über den Sand gelaufen bist

an der Hand deiner Mutter.

Im Wasser, dort,

wo die Insel und die Welt aufeinandertreffen,

hat diese Insel einen Herzschlag.

Du fühltest ihn in der warmen Erde,

die dir durch die Finger lief,

im Schmutz, der an dir haftete,

in der Saat, die dich lehrte:

Alles ist im Wandel und kehrt

auf gleiche Weise wieder.

Diese Insel hat einen Herzschlag.

Du hörtest ihn in den Lüften,

als der Ruf des Austernfischers

erklang und wieder verhallte,

im Brummen des Motors,

als du aufgebrochen bist.

Diese Insel hat einen Herzschlag,

einen Rhythmus,

der in deinem Inneren vibriert,

ein Echo,

das stetig widerhallt.

Einen Puls,

ein Pochen,

eine Kraft,

ein Zuhause.

Diese Insel hat einen Herzschlag

fühle ihn.

Katherine Macfarlane

INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Epilog

Nachwort

Danke …

Zwischen dir und dem Meer

Das Herz der Küste

Insel der Erinnerung

KAPITEL1

Ailsa McIver hasste es, angestarrt zu werden. Sie stand in der winzigen Ankunftshalle des Flughafens der Hebrideninsel Lewis und sah, wie die beiden Bauersfrauen mit den pausbäckigen Gesichtern die Köpfe zusammensteckten. Gemeinsam mit einer überschaubaren Anzahl weiterer Passagiere, alle in Schals, derbes Schuhwerk und raschelnde Windjacken gekleidet, waren sie mit ihr aus der Propellermaschine des soeben gelandeten Loganair-Fluges gestiegen. Ailsa ahnte, dass die beiden über sie sprachen. Ein Gefühl der Unsicherheit machte sich in ihrem Magen breit, so wie damals als Kind. Ihre Mutter hatte sie auf einen Ausflug in die große Stadt, nach Glasgow, mitgenommen. Auf dem Rückweg zum Bus waren sie Jugendlichen begegnet. Die Mädchen waren in etwa gleich alt wie Ailsa gewesen, aber hatten im Gegensatz zu ihr Lederjacken, Nietenjeans und Schuhe mit Absatz an. Ailsa trug wie immer zwei dicke Wollpullover übereinander und ausgetretene Schnürschuhe. Hinter vorgehaltener Hand hatten sie gekichert, die Augen verdreht und mit den Fingern auf sie gedeutet. Ailsa wäre damals am liebsten im Erdboden versunken. Sie hatte lange nicht mehr an das Erlebnis gedacht, doch hier, am Flughafen von Stornoway, fiel es ihr wieder ein.

Sie schob sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und drehte den beiden Croftersfrauen den Rücken zu. Als sie vor vierzehn Stunden in Toronto in den Flieger gestiegen war, hatte sie nicht das Gefühl gehabt, besonders auffällig gestylt zu sein. Im Gegenteil. Bewusst hatte sie sich für legere, bequeme Freizeitkleidung entschieden. Hellblaue Chinos, dazu ein passendes Polohemd in pastelligem Türkis, einen locker um die Schultern geschlungenen Pullover im gleichen Farbton wie die Hose und bequeme Sneakers. Sie mochte diesen Look. Beruflich konnte sie es sich nur am Casual Friday erlauben, so im Büro aufzutauchen. An allen anderen Arbeitstagen trug sie Hosenanzug oder Kostüm und Pumps. Damit entsprach sie den Erwartungen, welche ihre gut situierte Kundschaft an sie als seriöse Immobilienmaklerin hatte, und es fühlte sich richtig an. Normal. Der Herzschlag der Großstadt gefiel ihr, und sie hatte sich ihm angepasst.

Ihr Blick glitt durch die hohe Glasfront. Soeben wurden die Koffer aus der Saab 340 geladen, das Wollgras jenseits des Rollfeldes wogte sanft im Wind. Die Männer in den grauen Overalls schienen es nicht übermäßig eilig zu haben. Es würde noch dauern, bis das Gepäckband sich in Gang setzte. Sie verschränkte die Finger ineinander und bemerkte, wie schwitzig ihre Handflächen waren. Warum nur? Beruflich war sie viel auf den Flughäfen dieser Welt unterwegs und hatte kein Problem damit, sich dort zurechtzufinden. Was brachte sie an diesem winzigen Flughafen so durcheinander? Schließlich war Lewis einst ihr Zuhause gewesen. Doch einst war lange her. Inzwischen war viel geschehen. Die Frau von damals, eine Tochter der Insel, gab es nicht mehr. Wie stark sie sich verändert hatte, war ihr noch nie so bewusst geworden wie jetzt, in diesem Augenblick.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit der Gepäckausgabe zu. Hinter der Biegung des Gepäckbands stand eine knapp zwei Meter hohe hölzerne Figur, die Replik einer der berühmten Lewis-Schachfiguren. Eine kantige Hand hielt einen Hirtenstab umfasst, die andere die Bibel. Sie repräsentierte den Bischof, eine Figur, welche es in den modernen Schachspielen nicht gab. Der Bischof, wer sonst? Der Einfluss der presbyterianischen Kirche Schottlands war so stark wie eh und je. Ein hauchfeiner Riss ging durch Ailsa hindurch, der den Blick in die Vergangenheit öffnete. Auf einmal war sie wieder das kleine Mädchen, das still und brav in der Kirchenbank saß und den nicht enden wollenden Predigten des Reverends lauschte. Wie dünn der Schleier doch war, hinter dem sich das Vergessene verbarg. Konnte man überhaupt je vergessen? Sie runzelte die Stirn. Erinnerungen waren Schattenwesen. Unbemerkt folgten sie einem auf Schritt und Tritt, um sich dann plötzlich zurück ins Licht zu drängen.

Sie zog an dem Ehering an ihrem Finger, drehte ihn, schob ihn hinauf und hinunter. Ihr Magen verkrampfte sich, während ihre Gedanken zu dem Telefonat wanderten, das sie mit Blair Galbraith vor fünf Tagen geführt hatte. Zwei Tage darauf hatte sie den Flug nach Lewis gebucht.

Nun stand sie in der Ankunftshalle, den Blick auf die Figur des Bischofs gerichtet. Starre, mandelförmige Augen unter einer kegelförmigen Mütze musterten sie, der Mund zu einem vorwurfsvollen O geformt. Offensichtlich nahm die Figur es Ailsa übel, dass ihr Flugzeug am Sonntagnachmittag gelandet war. Auf Lewis wuchs man gottesfürchtig auf. Früher war das Leben auf der Insel am Tag des Herrn vollständig zum Erliegen gekommen. Läden, Pubs, Tankstellen und Restaurants – überall waren die Rollläden geschlossen geblieben. Nicht einmal Fährschiffe verkehrten. Touristen, die am Sabbat weiterreisen wollten, saßen fest. Die planmäßige Freudlosigkeit machte auch vor den Kindern nicht halt. Ailsa wusste noch genau, wie ungerecht sie es empfunden hatte, dass ausgerechnet am Sabbat, dem Tag, an dem weder Schule noch sonstige Pflichten auf sie warteten, die Schaukeln auf den Spielplätzen mit Vorhängeschlössern versehen waren. Alles, was annähernd Spaß bereitet hätte, war verboten gewesen. Sie schüttelte den Kopf über die rigiden Regeln, die ihre Jugend geprägt hatten.

Natürlich hatte die Mauer aus Engstirnigkeit und Gottesfurcht, die man um die jungen Menschen gezogen hatte, genau das Gegenteil bewirkt. Statt weniger Alkohol war mehr geflossen. Jeden Sonntag hatten in den verlassenen Steinhütten, genannt Bothys, Partys stattgefunden. Im Geheimen natürlich. Und immer war es darauf hinausgelaufen, dass die Jugendlichen literweise Bier in sich hineingeschüttet hatten. Und Famous Grouse, wenn der Whisky günstig aufzutreiben gewesen war. Alkohol war schon immer ein Problem auf der Insel gewesen. Sicher sah man inzwischen vieles lockerer und ließ den jungen Menschen mehr Freiheit.

Das Gepäckband setzte sich ruckelnd in Gang. Ailsa straffte die Schultern und befreite sich aus dem Strudel der Erinnerungen. Sie war entschlossen, ihren Aufenthalt auf Lewis so kurz und effizient wie möglich zu gestalten. Sie hatte eine Angelegenheit zu regeln. Nur deshalb war sie zurück. Dies hier würde kein Spaziergang auf der Straße der Erinnerungen werden.

Mit geübtem Schwung hob sie ihren Koffer vom Band. Mit entschlossenen Schritten durchquerte sie die Halle zum Wartebereich. Im Vorbeigehen fiel ihr Blick auf das Rollgitter vor der Cafeteria. Geschlossen … Ihr knurrender Magen rief ihr ins Bewusstsein, dass sie seit dem Aufbruch in Toronto nichts Vernünftiges zu sich genommen hatte. Frustriert starrte sie auf den verriegelten Imbiss. Wie ärgerlich. Sie hatte vergessen, Proviant für den ersten Abend mitzunehmen. Sicher hatten die Jenners das Haus längst leergeräumt. Ailsa seufzte.

Die beiden, ein älteres Ehepaar, waren angenehme Mieter gewesen. Ailsa bedauerte, dass sie gingen. Andererseits konnte sie die Jenners gut verstehen. Die Widrigkeiten des Wetters hatte den Jenners gehörig zugesetzt. Sie gaben auf. Die Frage war, was jetzt aus der Croft ihrer Mutter, ihrem ehemaligen Elternhaus, werden sollte.

Doch zunächst musste sie überhaupt dorthin kommen. Ihr Blick flog suchend umher. Vor der gläsernen Schiebetür des Flughafengebäudes sah sie einen Jungen stehen, dessen lange, in die Stirn fallende Haare ein pickeliges Gesicht umrahmten. Er fiel ihr auf, weil er ein Schild mit ihrem Namen in die Höhe hielt.

»Mrs McIver?« Der Jugendliche trat auf sie zu. Nach Ailsas Einschätzung konnte er kaum älter als siebzehn sein. Er trug ausgewaschene Jeans zu einem schwarzen Kapuzenshirt mit dem Logo einer Rockband.

»Korrekt, das bin ich.« Ailsa stellte den Koffer ab und streckte ihm die Hand entgegen. Der Junge schüttelte sie kräftig.

»Willkommen auf Lewis. Ihr Mietauto steht drüben auf dem Parkplatz. Darf ich Ihnen das Gepäck abnehmen?«, erbot er sich. Er sprach mit dem typisch rollenden Akzent der Insel.

Dankbar folgte sie ihm nach draußen. Für September herrschte erfreulich schönes Wetter. Hinter dem Rollfeld und den umliegenden Feldern glitzerte das Meer. Ein leuchtender, unfassbar hoher Himmel spannte sich über karges Felsgestein und endloses Moor. Ailsa überließ es dem Jungen, das Gepäck im Kofferraum zu verstauen, und sog den Anblick in sich auf. Sie hatte völlig vergessen, wie atemberaubend die Weite und die Großartigkeit der Natur auf Lewis waren. Der inseltypische Wind wehte ihr um die Nase und trug den Geruch von Torf, verrottendem Seetang und endlosen Abenteuern heran. Die Landschaft schmiegte sich wie ein Handschuh um ihre Seele. Plötzlich war alles wieder da … die merkwürdig silbern schimmernden Sommernächte, in denen sie bis weit nach Mitternacht mit Blair draußen gespielt hatte. Die langen, dunklen Winter, das Knistern des heimischen Herdfeuers, das Rauschen der Stürme … Blairs herausforderndes Grinsen, mit dem er sie zu waghalsigen Kletterpartien in den Klippen überredet hatte. Die Stimme ihrer Mutter, die auf Gälisch mit ihr geschimpft hatte, weil Ailsa über dem Spielen die Zeit vergessen hatte und viel zu spät nach Hause gekommen war … Auf eigenartige Weise schien alles wieder mit ihr verbunden zu sein und sie zu berühren. Sie spürte ein Brennen in ihrer Kehle. Herrje, so rührselig war sie doch sonst nicht. Rasch drehte sie sich um und öffnete die Autotür, um hinter dem Steuer Platz zu nehmen. Erst als sie das Lächeln des Jungen entdeckte, bemerkte sie ihren Irrtum.

»Falsche Seite.« Er machte sich nicht die Mühe, sein Grinsen zu verbergen. »Sie sind nicht von hier, was?«

»Nein«, behauptete Ailsa und umrundete den Wagen.

Als sie auf der richtigen Seite saß, stieg der Junge zu ihr. Er zückte Klemmbrett und Stift. »Möchten Sie eine Vollkaskoversicherung für das Auto abschließen? Die Straßen sind unübersichtlich. Wenn Sie aus Gewohnheit die falsche Seite nehmen, kann es schnell mal krachen.«

»Danke, das wird nicht nötig sein«, erwiderte Ailsa betont fröhlich und nahm das Klemmbrett an sich. Sie überflog die üblichen Klauseln im Mietvertrag und setzte schwungvoll ihre Unterschrift darunter.

Der Junge rollte die Augen zum Zeichen, dass er das für keine sonderlich gute Entscheidung hielt, kommentierte es aber nicht weiter. Dann legte er das Klemmbrett beiseite und erklärte ihr die Besonderheiten des Autos. Damit war den Formalitäten Genüge getan. Ailsa verabschiedete den Jungen mit Handschlag und startete den Wagen. Anfangs musste sie sich konzentrieren, bald aber lenkte sie ihn sicher durch den Kreisel und bog auf die schnurgerade Straße Richtung Stornoway ab, vorbei an Weideland, neu erschlossenem Wohngebiet und einem Industriepark. Das Gebäude der Stornoway Free Church grüßte zu ihrer Rechten, dahinter folgten die grau getünchten Einfamilienhäuser von Olivers Brae mit ihren Schieferdächern. Hier und da ragten Windräder aus der baumlosen Landschaft, wo früher nur Weite geherrscht hatte.

Sie war erstaunt, wie viel sie auf Anhieb wiedererkannte. Gleich nach dem Ortsschild erwischte sie im Kreisverkehr die richtige Ausfahrt zu Engies, der einzigen Tankstelle auf der Insel, welche am Sonntag geöffnet hatte. Sie parkte den Wagen an der Seite neben den Zapfsäulen und betrat den Verkaufsraum. Augenscheinlich hatte sich auch hier wenig verändert. Sie umrundete die Vitrine mit den Jagdwaffen und den Ständer mit der Angelausrüstung. Zielsicher schritt sie auf die Kühlregale im hinteren Bereich zu. Kurz darauf häufte sie ihre Einkäufe auf den Tresen neben der Kasse: Milch, Eier, Cheddarkäse, Haferkekse und Tee. Genug, um bis morgen über die Runden zu kommen. Dazu eine Flasche Rotwein, falls sie wegen der Zeitumstellung nicht schlafen konnte. Als sie in ihrer Tasche nach dem Portemonnaie kramte, streifte ihr Blick das Handy. Seit Toronto hatte sie es nicht wieder eingeschaltet. Rasch tippte sie die PIN ein und bezahlte.

Wenig später steuerte sie den Mietwagen durch das Stadtzentrum, vorbei an dem imposanten Lews Castle mit seinem weitläufigen Park, dem Golfplatz und dem Kriegerdenkmal. Dabei vertiefte sie sich so in die Betrachtung der Landschaft, dass sie fast die Abzweigung auf die einspurige Pentland Road übersehen hätte. Mit einem waghalsigen Manöver riss sie das Lenkrad herum. Nach wenigen Metern erreichte sie das Hochmoor. Die Landschaft versank in einem Meer aus Einsamkeit. Ailsa fühlte sich, als würde sie durch ein Sepiafoto aus den Zwanzigerjahren fahren. Das schwere Licht, welches diffus durch die Wolkenfelder fiel, veränderte die Farben. In der Ferne erhoben sich umbrafarben die Silhouetten der sonst blauen Berge von Harris. Eine sanfte Brise strich die Hügel hinunter und kräuselte das Wasser der Lochs. Das Heulen der Windräder wurde über das Moor getragen.

Ailsa zuckte zusammen, als hinter einer Kurve wie aus dem Nichts eine Herde schwarzköpfiger Schafe direkt vor ihrer Motorhaube auftauchte. Reflexartig trat sie auf die Bremse. Ihre rechte Hand tastete nach dem Schalthebel – falsche Seite, wieder einmal! Sie wartete, bis der inseltypische Verkehrsstau sich auflöste. Ihr Blick glitt aus dem Fenster. Leise, wie eine vergessene Melodie, hallten die Töne der Landschaft in ihr wider. Heimat. Spuren von früher, wohin ihr Auge fiel. Die grasbewachsenen Linien der aufgelassenen Torfbänke. Die schokoladenfarbenen Furchen, wo der Tairsgear, der Spaten, den die Inselbewohner zum Torfstechen benutzten, frische Narben in das Erdreich geschlagen hatte. Entlang der Gräben reihten sich prall gefüllte Säcke mit Torf, bereit zum Abholen. Der Sommer war vorbei, Wind und Wetter hatten die gestochenen Briketts getrocknet und gehärtet. Die Plastikgriffe der Tüten knatterten im Wind. Menschliche Spuren mitten im Nichts. In die friedliche Stille hinein ertönte der vertraute WhatsApp-Klingelton ihres Handys. Als sie es aus der Tasche zog, lächelte ihr Pauls Profilbild entgegen. Mit gemischten Gefühlen blickte sie auf das Foto. Obwohl er im letzten Jahr sechsundvierzig geworden war, sah er noch immer attraktiv aus. Die meisten schätzten Paul ohnehin jünger. Ob es daran lag, dass er sich eine Glatze schor, seitdem er die ersten grauen Haare an den Schläfen entdeckt hatte? In Verbindung mit dem Fluidum von Macht und Einfluss konnten das makellos gepflegte Äußere und die eindringlichen graugrünen Augen ziemlich verführerisch auf Frauen wirken, wie Ailsa wohl wusste. Sie dagegen … Ailsa runzelte die Stirn. Manchmal kam sie sich neben Paul vor, als spielte er in der Oberliga, während sie allenfalls den Aufstieg in die Bezirksklasse gemeistert hatte. Sie seufzte.

Als sie damals frisch nach Toronto gekommen war, hatte sie sich in der Großstadt wie ein richtiges Landei gefühlt. Aber dann war ihr Paul begegnet. Sie war jung und leicht zu beeindrucken. Seine weltmännische, gewandte Art imponierte ihr. Er war liebevoll, zuvorkommend, dynamisch und hatte klare Ziele vor Augen. Einem Mann wie ihm war sie zuvor nie begegnet. Und dann interessierte er sich auch noch für sie! Anscheinend hatte sie etwas an sich, das er hinreißend fand. Seine Avancen ließen ihr Selbstbewusstsein erblühen. Als aus ihnen nach relativ kurzer Zeit ein Paar wurde, schien das Glück perfekt. Sie hatte nicht nur einen Mann gefunden, der sie liebte und auf Händen trug, auch beruflich harmonierten sie wunderbar miteinander. Ailsa stieg als Assistentin in Pauls Firma ein. In der ersten Zeit verbrachten sie oft vierundzwanzig Stunden am Stück miteinander. Tagsüber arbeiteten sie Seite an Seite, planten, organisierten, diskutierten und lachten miteinander. Nachts liebten sie sich mit derselben schwindelerregenden Intensität und schliefen eng umschlungen ein.

Die Veränderung kam schleichend. Pauls unermüdlicher Einsatz für seine Kunden und sein Bestreben, stets das Beste zu geben, hatten ihm in der Geschäftswelt von Toronto einen hervorragenden Ruf eingebracht. Er setzte dort an, wo andere scheiterten. Das Wort »unmöglich« schien in seinem Wortschatz nicht zu existieren. Bei Verhandlungen war er hart, aber fair, bei Geschäftsessen ein charmanter Gesprächspartner, der über jedes Detail Bescheid wusste. Er kam mit den unterschiedlichsten Menschen gut aus, auch mit schwierigen Kunden.

Ailsa war dankbar für das Leben, das sie führten. Sie hatten sich gemeinsam etwas aufgebaut und konnten sich Dinge leisten, von denen sie nie geträumt hätte. Das Luxusapartment über der Harbourside, Wochenendtrips nach New York und Paris, Urlaub in der Karibik. Doch alles hatte seinen Preis, und Paul musste nach den Regeln des Erfolgs spielen. Anfangs war er nur unter der Woche zu Geschäftsessen unterwegs gewesen, dann aber immer öfters über Nacht, auf Geschäftsreisen oder Incentive Trips.

Natürlich war sie stolz auf ihren Mann, aber wenn sie an die interessanten Frauen dachte, denen Paul auf seinen Reisen begegnete, kamen die alten Selbstzweifel in ihr hoch. Fand Paul sie noch anziehend? War sie immer noch das liebenswerte und manchmal ein bisschen ungestüme Mädchen von der Insel, in das er sich verliebt hatte? Begehrte er sie nach wie vor? War es normal, dass im Laufe einer Beziehung die Leidenschaft abflaute, oder ließ sich Paul bei seinen Reisen auf Abenteuer ein, von denen sie nichts ahnte? Zwar hatte sie nie einen Beweis, dass er ihr untreu war, andererseits hätte sie auch nicht die Hand dafür ins Feuer legen mögen. Es war, als schwebte eine unsichtbare Bedrohung über ihrer Ehe.

Mit der Zeit trat an Paul eine Seite zum Vorschein, die Ailsa nicht gefiel. Immer öfter wirkte er abweisend oder war mit den Gedanken woanders, wenn sie mit ihm über persönliche Dinge sprechen wollte. Die Abende, an denen sie in einem exklusiven Restaurant über alle erdenklichen Themen diskutierten, wurden rar und blieben irgendwann ganz aus. Inzwischen waren sie an einem Punkt angelangt, an dem das Geschäft alles überlagerte. Darunter war auch ihre Leidenschaft erstickt. Ihre Unterhaltungen gipfelten oft darin, dass Pauls Blick undurchdringlich wurde und er sie mit unterkühlter Stimme daran erinnerte, wem sie ihren Wohlstand zu verdanken hatte. So klein wie in den letzten Monaten hatte sie sich nicht einmal zu Beginn ihrer Beziehung Paul gegenüber gefühlt. Dinge, die er früher an ihr geliebt hatte, schien er nicht mehr wahrzunehmen.

Ailsas Herz wurde schwer. Sie hoffte, dass der Abstand zwischen ihnen dazu beitragen würde, die Dinge wieder in ein freundlicheres Licht zu rücken. Sechzehn Jahre Ehe änderten nichts an ihrer Liebe zu Paul, doch die Meinungsverschiedenheiten waren auf Dauer zermürbend. Und nun waren sie gestern im Streit auseinandergegangen. Ohne dass Paul sie zum Flughafen gebracht hatte. Nicht einmal einen Kuss hatte er ihr zum Abschied gegeben. Ailsa presste die Kiefer aufeinander. Wie konnte man nur so stur sein? Sie hatte oft genug versucht, es ihm zu erklären, aber Paul weigerte sich, zu verstehen, warum es ihr so wichtig war, diese – wie er es nannte – lächerliche Angelegenheit vor Ort zu klären. Dabei hegte sie den Verdacht, dass es Paul gar nicht so sehr um die Sache an sich ging: Im Grunde nahm er es ihr übel, dass sie nicht so funktionierte, wie er es sich vorstellte.

Das Pling ihres Handys holte Ailsa zurück in die Gegenwart. Sie war gespannt, was Paul ihr nach dem Streit mitzuteilen hatte. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, als sie über das Display strich und las:

Vergiss nicht, dass das Treffen mit der Delgado-Group nächste Woche auf Prio 1 steht. Bis dahin muss deine Präsentation fertig sein.

Ailsa spürte Zorn in sich aufsteigen. Sie war zweitausend Meilen quer über den Atlantik gereist, und Paul hielt es nicht einmal für nötig, sich zu erkundigen, ob sie gut angekommen war. Die Präsentation war auf dem Flug fertig geworden. Weshalb setzte Paul nach all den Jahren noch immer so wenig Vertrauen in sie? Mit fliegenden Fingern tippte sie eine Antwort, die sich gewaschen hatte. Dann hielt sie inne und überflog den Text. Die Wut troff geradezu aus ihren Worten. Nicht gut. Das würde sie beide nicht weiterbringen. Sie atmete tief durch und zählte in Gedanken bis zwanzig. Zähneknirschend schob sie ihre Gefühle beiseite und formulierte ein paar freundliche, nicht übermäßig emotionale Zeilen. In kurzen Worten ließ sie ihn wissen, dass er sich keine Sorgen zu machen brauchte und sie gut angekommen war. Zum Schluss setzte sie xxx für Küsschen dahinter und drückte auf Senden. Gerade, als sie den Gang einlegen und weiterfahren wollte, piepste das Handy erneut.

Wo ist mein türkiser Kaschmirpullover?

Ailsa starrte auf die Buchstaben. Kein Gruß. Keine Erleichterung darüber, dass sie gut gelandet war. Nichts. Nur sein blöder Pulli, der nicht dort war, wo er nach Pauls Dafürhalten zu sein hatte. Ungehalten tippte sie ein einziges Wort.

Wäscherei.

Punkt. Keine Küsschen. Die Antwort kam postwendend.

Ärgerlich. In welcher?

Ailsa rechnete sechs Stunden zurück. In Toronto war es Sonntagmittag. Paul musste zu Hause sein. Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihn laut fluchend in ihrem schicken Apartment mit der großzügigen Verglasung und dem Ausblick auf den Hafen auf und ab gehen. Der Pulli war eines von Pauls Lieblingsstücken, er trug ihn oft, wenn er Ailsa zum Essen in ein teures Restaurant ausführte. Ailsa mochte den Pulli gerne an ihm, denn er brachte das Grau in Pauls Augen zum Leuchten. Nachdenklich starrte sie auf das Handy. Wozu brauchte er seinen Lieblingspulli ausgerechnet jetzt? Hatte er überraschend eine Verabredung mit einem Geschäftsfreund getroffen? Möglich wäre es, denn wie sie Paul kannte, hatte er sicher wenig Lust, den Nachmittag auf dem Sofa zu verbringen. In Pauls Geist und Körper herrschte ständig Unruhe. Sie war versucht, den Namen der Wäscherei zu tippen, als ihr einfiel, dass der Schein sich in ihrem Portemonnaie befand. Für einen Moment überkam sie ein schlechtes Gewissen, dann sagte sie sich, dass Paul selbst schuld war. Schließlich kümmerte er sich kein bisschen darum, was aus seinen schmutzigen Kleidungsstücken wurde, und überließ es Ailsa, dafür zu sorgen, dass sie wieder sauber in seinem Schrank landeten. Entsprechend mager fiel ihre Antwort aus:

Pech. Du musst wohl ohne ihn auskommen.

Und ohne mich … dachte sie, aber das fügte sie nicht hinzu.

Ailsa wartete, doch diesmal schrieb Paul nicht zurück.

KAPITEL2

Blair Galbraith stand am Fenster seines Wohnzimmers, in düstere Gedanken versunken. Verletzter Stolz brannte in seiner Brust wie eine Speerspitze. Seine grünen, mit grauen und braunen Sprenkeln durchsetzten Augen, die so sanft und melancholisch blicken konnten, dass man sich an das Grün des Machair – dem fruchtbaren Marschland vor der Küste – im Licht der untergehenden Sonne erinnert fühlte, oder kalt wie der steingraue, tosende Atlantik bei einem Wintersturm, richteten sich auf das Geschehen draußen im Auslauf. Wenn Blicke töten könnten, wäre seine fünfjährige weiße Zuchtstute längst tot umgefallen. Ihr Name war Chanty – offiziell Enchantment, Verzauberung –, und auf ihr ruhte seine ganze Hoffnung. Sie war der Inbegriff von Eleganz, Kraft und Anmut. Er wusste, dass er mit ihr neue Maßstäbe in der Zucht der Eriskay Ponys, einer zähen und ausdauernden, mittlerweile seltenen Ponyrasse, setzen konnte. Mit kraftvollem, schwingendem Trab und in weitem Bogen umkreiste die Stute die Futterstelle, den Schweif hoch erhoben. Die Furche zwischen Blairs Augenbrauen vertiefte sich. Dieses Pony war sturer und misstrauischer als alles, was ihm je unter die Augen gekommen war, und noch immer hatte er nicht den richtigen Zugang zu ihm gefunden. Chantys Eigensinn war so groß wie am ersten Tag. Bei ihrer Ankunft vor ein paar Monaten war sie ungewöhnlich hoch in der Rangordnung eingestiegen. Seine Lippen verkniffen sich zu einer schmalen Linie, als er sah, wie sie sich unter augenfälligem Imponiergehabe der Heuraufe näherte, wo die restliche Herde friedlich fraß. Als hätte jemand einen Schalter in Chanty umgelegt, stellte sie den Schweif auf und legte die Ohren an. Mit offenem Maul und wehender Mähne preschte sie wie ein Berserker auf die Gruppe zu, um die anderen Ponys vom Futter wegzubeißen. Erst als sie einen Platz gefunden hatte, der ihrem sturen Schädel angemessen erschien, ließ sie zu, dass die restlichen Herdenmitglieder sich wieder näherten.

Blair raufte sich durch das Haar. Chanty liebte dieses Spiel. Er hatte sie schon öfter dabei erwischt. Nur Belle, seine älteste Zuchtstute und Anführerin der Herde, schaffte es, Chanty in ihre Schranken zu weisen. Blairs Gedanken wanderten zurück zu jenem Tag, als er Chanty auf einer Auktion auf Uist entdeckt hatte. Er war sofort Feuer und Flamme für dieses herrliche Pony gewesen. Nachdenklich runzelte er die Stirn. Was hatte der Pferdehändler damals behauptet? Er hatte den Spruch noch gut im Ohr: »Die weiße Stute hier kannst du nicht besitzen, Kumpel. Die sucht sich ihren Herrn selbst aus …« Hatte man schon jemals einen solchen Blödsinn gehört? Missmutig verzog Blair das Gesicht. Er weigerte sich standhaft zu akzeptieren, dass mehr Wahrheit an dem Gewäsch des Pferdehändlers sein konnte, als ihm lieb war. Düstere Verwünschungen vor sich hin murmelnd verfolgte er das Geschehen auf der Koppel. Es wurde Zeit, dass er anfing, mit Chanty zu arbeiten, wenn er je Geld mit ihr verdienen wollte. Er hatte keine Zweifel, dass sie jeden Tropfen Schweiß wert war. Die Stute besaß hervorragende Anlagen und eine ungewöhnliche Präsenz. Er hasste es, es zuzugeben, aber er war regelrecht vernarrt in sie. Was ihm jedoch gewaltig auf den Geist ging, war ihre dickköpfige Weigerung, sich unterzuordnen.

Doch vorerst musste Chanty warten. Es gab Wichtigeres. Sein Blick wanderte zu dem weiß getünchten Haus auf dem Hügel hinter dem Auslauf. Es hatte Kaitlin, Ailsas verstorbener Mutter, gehört. Blair war es gewesen, der Kaitlin damals nach ihrem Schlaganfall krampfartig an den Türstock ihrer Küche geklammert gefunden hatte. Er war es gewesen, der den Notarzt verständigt hatte. Er hatte Kaitlin nach Stornoway ins Krankenhaus begleitet und die Formalitäten erledigt. Drei Tage später war er derjenige gewesen, der ihr die Hand bei ihren letzten, unregelmäßigen Atemzügen gehalten hatte. Ailsa hingegen hatte es wegen unaufschiebbarer geschäftlicher Gründe nicht geschafft, rechtzeitig hier zu sein, um ihrer Mutter im Sterben beizustehen.

Und nun war Ailsa zurück.

Blair wusste, dass sie an diesem Abend mit den Jenners, ihren ehemaligen Mietern, zur Hausübergabe verabredet war. Er konnte sehen, wie das alte Ehepaar Plastikboxen vom Haus zum Auto schleppte.

Blair rieb sich über das Gesicht. Seine Lider fühlten sich rau an, als hätte ihm der böige Wind Sand in die Augen getrieben. Mit aller Macht durchdrang sein Blick die Dämmerung. Er durfte den Moment von Ailsas Ankunft nicht verpassen. Dafür hatte er viel zu lange auf ihre Rückkehr gewartet.

»Ist Chanty noch immer unruhig?« Die Stimme von Marsaili, seiner Frau, klang verhalten. Sofort spürte er, wie sich sein Nacken versteifte. Er hatte Marsaili ungeduldig mit den Tellern in der Küche klappern hören und wusste, was der Satz bedeutete. Es war ihre Art, ihm zu sagen, dass sie und die Jungs mit dem Abendbrot auf ihn warteten.

Marsaili stammte aus Lewis, sie war hier geboren und aufgewachsen. Als Einheimische wusste sie, wie die Dinge nun mal liefen. Es würde ihr nie ihn den Sinn kommen, ihm Vorschriften zu machen. Nicht einmal, wenn es um das gemeinsame Essen ging. Ein Mann aus Lewis hatte seinen Stolz. Keiner, ob Freund oder Feind, hatte ihm zu sagen, was er zu tun oder zu lassen hatte. So war es schon immer auf der Insel gewesen, und so würde es immer sein.

»Stimmt etwas nicht mit ihr?«, fragte Marsaili.

»Ihr geht es bestens. Sie braucht nur Zeit«, erwiderte er. Seine Aufmerksamkeit wanderte wieder durch das eigentümliche Zwielicht des Abends zu Ailsas Haus. Die Schatten der Gebäude hoben sich verwaschen vor dem alles verschlingenden Grau des Himmels ab. Ein Anklang von Herbst und Melancholie lag in der Luft. Die Tage wurden deutlich kürzer. Vom Atlantik her trieb die erste Polarluft herein. In zwei Stunden wäre es stockfinster. Er hoffte, dass Ailsa noch vor Einbruch der Nacht eintreffen würde.

In der Scheibe spiegelte sich Marsailis ernst blickendes Gesicht, daneben sein eigenes. »Ist Ailsa schon da?«

»Woher soll ich das wissen?« Blair kniff die Augen zusammen. Draußen auf der Koppel herrschte Ruhe, aber nur scheinbar. Chanty rupfte Heu aus der Raufe. Die anderen Ponys fraßen ebenfalls, waren aber auf reichlich Abstand zu der Stute bedacht. Der Raum zwischen Chanty und dem Rest der Herde war bis zum letzten Millimeter gefüllt mit nervöser Spannung. Besonders Chanty schien dem Frieden zu misstrauen. Ihre Ohren zuckten vor und zurück, bereit, jede noch so feine Schwingung aufzufangen. Ihr bis in die letzte Muskelfaser angespannter Körper wirkte auf Blair, als müsste sie jeden Moment aus dem Stand heraus explodieren, um ihre angestauten Gefühle zu entladen.

Marsaili räusperte sich. »Sie sollte längst hier sein. Wollte sie nicht die Nachmittagsmaschine nehmen?«

»Was weiß ich?«, erklärte er bestimmt, aber in aller Ruhe. »Was kümmert mich Ailsa?«

»Nun, immerhin warst du es, der sie dazu gebracht hat, hierherzukommen.«

Er sah in der Scheibe, wie sie den Blick senkte und die Finger ineinander verschränkte. Sie hatte ausgesprochen, was ihrer Meinung nach gesagt werden musste. Damit war das Thema erledigt. Mehr würde er dazu nicht von ihr hören, auch wenn Ailsas Rückkehr Marsaili so sehr beschäftigte, dass sie sich nachts unruhig neben ihm im Bett wälzte. Normalerweise hatte Marsaili den Schlaf eines mit sich und der Welt zufriedenen Menschen.

»Ich gehe raus und arbeite mit Chanty.« In seiner Stimme lag Bestimmtheit, keine Aggression. »Sie schikaniert die anderen. Wenn sich eine der Zuchtstuten verletzt, haben wir den Salat. Ich habe nicht vor, mein sauer verdientes Geld für den Tierarzt zum Fenster rauszuwerfen.«

»Ich weiß.« Marsaili nickte. In der Spiegelung der Scheibe beobachtete er, wie sie sich umwandte und das Zimmer verließ. Blair ließ eine Minute verstreichen. Dann ging er hinaus in den Windfang. Er schlüpfte in Gummistiefel und Arbeitsjacke, nahm die Schirmmütze vom Haken und zog sie tief in die Stirn. Auf dem Weg zum Auslauf machte er am Stall halt und holte einen Apfel und ein Halfter. So ruhig, wie seine angespannten Nerven es zuließen, näherte er sich dem überdachten Futterplatz.

Womöglich witterte die Stute seine Nähe mehr, als dass sie ihn hörte. Abrupt hörte sie auf zu fressen und legte ein Ohr an. Blair stand mucksmäuschenstill und wartete. Behutsam schlich er näher. Chantys Hinterbein zuckte und hob sich ein Stück. Wieder blieb er stehen.

»Ho, braves Mädchen.« Seine Stimme klang sanft.

Sie hob den Kopf und sah ihn aus dunklen, unergründlichen Augen an. Entschlossen straffte er die Schultern. Dann zog er den Apfel aus seiner Tasche und tastete sich Schritt für Schritt an Chanty heran, Schmeicheleien vor sich hin murmelnd.

Sie ließ ihn so dicht an sich herankommen, dass er die Wärme ihres Atems auf seiner Haut spürte. Doch als er den Arm ausstreckte, um sie am Hals zu berühren, sprang sie geschickt zur Seite. Mit erhobenem Kopf und Schweif trabte sie davon. Dabei griff sie mit den Beinen so elegant und frei aus, dass es wirkte, als schwebte sie über den lehmigen Boden. Als würde sie ihn und seine menschliche Unvollkommenheit verhöhnen.

Blair fluchte vor sich hin. Zähneknirschend sammelte er sich und unternahm den nächsten Versuch. Wieder dasselbe. Ein Tango, bei dem er vergeblich um die Führung kämpfte. Blair schob die Mütze in den Nacken, auf seiner Stirn sammelte sich Schweiß. Eine Viertelstunde später waren sie kein Stückchen weiter. Inzwischen glänzten auch auf Chantys Hals dunkle Flecken.

Blair beschloss, dass es reichte. Mit langen Schritten durchquerte er den Auslauf. Als die Stute ihn kommen sah, scharrte sie mit dem Vorderhuf. Ihr Körper dampfte in der kühlen Abendluft. Mit geblähten Nüstern schnaubte sie vor sich hin. Dann senkte sie den Kopf, sodass ihre Augen unter den langen silbrigen Stirnhaaren verborgen waren, und tat, als wären ihr Blair und der Apfel egal.

»Braves Mädchen.« Er betrachtete die Stute eingehend. Vorsichtig näherte er sich ihr, den Apfel gut sichtbar in der flachen Hand, bis er noch knapp fünfzehn Meter von ihr entfernt war. Die Stute gab ein grummelndes Geräusch von sich. Entschlossen straffte er den Rücken und schritt voran. Zehn Meter. Diesmal würde sie ihm nicht entwischen. Acht. Sieben. Sein Gang wurde entschlossener. Drei …

Blitzartig riss die Stute den Kopf hoch und machte auf der Hinterhand kehrt. Im Galopp preschte Chanty quer über den Auslauf davon und setzte mit einem Sprung über den Zaun hinweg. Die Weite der angrenzenden Koppel beflügelte ihr Tempo. Immer schneller raste sie den Hügel hinunter. Das Heidekraut erzitterte unter ihren Hufen, Blair meinte zu spüren, wie der Boden unter ihren Eisen aufbrach. Das Letzte, was er von ihr sah, war, wie sie mit wehender Mähne über den Koppelzaun setzte und auf das offene Moor zu rannte. Bebend vor Frust starrte er ihr nach, bis ihre Silhouette an der feinen Linie zwischen Dämmerlicht und Dunkelheit entschwand wie der vergangene Tag.

KAPITEL3

Die Pentland Road war eine Errungenschaft aus den Hochzeiten der Heringsfischerei in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Ursprünglich als Eisenbahnstrecke zwischen dem Hafen Carloway und der Hauptstadt Stornoway geplant, schnitt sie eine asphaltierte Trasse quer durch hügeliges Brachland. Ailsa lenkte den Wagen mitten durch das Moor. Es gab keine Punkte, an denen man sich hätte orientieren können. Jede Erhebung, jeder Felsbrocken am Weg sah aus wie der andere. Sie biss auf ihre Unterlippe. Himmel, so weit konnte es doch unmöglich sein, oder? Sie hatte die Strecke kürzer in Erinnerung.

Endlich glimmte in der Ferne der gelbliche Schein beleuchteter Häuser auf. Von hier aus war es nicht mehr weit nach Hause. Sie bog in den mit Schlaglöchern durchsetzten Schotterweg ein, der sich quer durch die Hügel zum Atlantik hin schlängelte. Auf der Anhöhe vor dem Ende der Sackgasse hielt sie den Renault an und stieg aus. Die Straße verlief über einen Hügel, genannt Cnoc a’ Charnain. Scharfkantige Gneisbrocken durchbrachen den mit Sauergras bewachsenen, steil ansteigenden Hang. Das morsche Holz eines Schafszauns ragte in den Himmel. Es sah aus, als hätte jemand Zahnstocher über der kargen Landschaft ausgeschüttet. Der Wind fuhr von unten in ihr Polohemd, Ailsa schlang schützend die Arme um ihren Körper. Das vertraute Aroma von Torffeuer lag in der Luft. Es roch nach Heimat und Geborgenheit. Geheimnisvoll glitzerte das dunkelblaue Wasser des Loch Shiadair in der Abendsonne. Dahinter, am Horizont, glitten die Hügel sanft auf die blauen Berge von Harris zu. Zu ihrer Linken, von einer Handvoll schief gewachsener Eschen verdeckt, leuchtete ihr das weiß getünchte Haus ihrer Mutter entgegen, umgeben von ehemals bewirtschaftetem Land. Sattgrüne, aufgegebene Faulbeete liefen hügelabwärts auf den Loch zu. Das Gras in den Furchen dazwischen war ein ganzes Stück dunkler, sodass es aussah, als hätte ein Kind mit der Schere Längsstreifen in grünen Filz geschnitten.

Das Haus selbst war noch genau so, wie sie es in Erinnerung hatte. Ein ebenerdiger, lang gezogener Bau mit spitz aufragenden Giebeln und Kaminen an den Enden. Dazu ein Schieferdach mit ausgebauter Fensterfront, was ein ungewöhnlicher Baustil für die Insel war.

Ihr Blick wanderte weiter. Einen Steinwurf von ihrem eigenen Haus entfernt lag die Croft der Galbraiths.

Die Pferdezucht, die Blair Galbraith neben der Schafzucht betrieb, schien Gewinn abzuwerfen. Sie freute sich ehrlich für Blair. Es war nicht immer einfach für ihn gewesen, aber zusammen mit Marsaili, seiner Frau, hatte er es zu etwas gebracht. Ailsas Blick glitt über den einstöckigen, weiß getünchten Neubau, der sich direkt neben dem aufgegebenen Whitehouse erstreckte. Bei ihrem letzten Besuch vor sechs Jahren zum Begräbnis ihrer Mutter hatte gerade mal der Rohbau gestanden. Nun flatterte Wäsche vor einer großzügigen Fensterfront. Blumenkübel mit leuchtend roten Fuchsien säumten den Eingang. Die halb verfallenen, aus Betonstein errichteten Stallungen waren verschwunden. An ihrer Stelle stand nun ein moderner Offenstall. Vor dem grünen Wellblech, zwischen den beiden Eingangstoren, lag ein schwarz-weißer Border Collie.

Ailsa strich sich das wehende Haar aus der Stirn. Sie nahm sich vor, Blair gleich morgen nach dem Aufstehen einen Besuch abzustatten. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie seinetwegen alles liegen und stehen gelassen und den weiten Weg von Toronto auf sich genommen hatte. Als Kinder hatte Ailsa und Blair eine innige Freundschaft verbunden. Sie waren wie Geschwister aufgewachsen. Ailsa konnte sich nicht erinnern, auch nur einen Tag ihrer Kindheit ohne Blair verbracht zu haben. Später waren die Dinge zwischen ihnen komplizierter geworden. Vor allem seit Grayson St John die Sommermonate mit seiner Familie hier verbrachte.

Ihre Gedanken schweiften zu dem letzten Sommer auf der Insel. Damals war sie wahnsinnig verknallt in Grayson gewesen. Doch Grayson, der bei allen anderen Themen munter mitdiskutierte, wurde schweigsam, wenn es um Gefühle ging. Also war sie auf die idiotische Idee gekommen, ihn mit Blair eifersüchtig zu machen, um das, was sie hören wollte, aus ihm herauszulocken. Tagsüber machte sie Blair schöne Augen. Nachts träumte sie davon, dass Grayson sie küsste. Wie schrecklich unreif ihr das Verhalten von damals erschien. Wie jung sie alle gewesen waren. Jung und im Überschwang der Hormone. Die Mondwende hatte ein Übriges dazu beigetragen, ihren Verstand außer Gefecht zu setzen. Irgendwie waren alle völlig durch den Wind gewesen. Hieß es in den alten Geschichten nicht, dass man in jener Nacht an den Steinen der einzig wahren Liebe begegnete?

Sie hatte so fest daran geglaubt. Es hatte ihr fast das Herz gebrochen, als Grayson am Tag nach der Mondwende die Insel verlassen hatte. Ohne Abschied, ohne Erklärung. Ailsas Brust wurde eng. Eine leise Wehmut schlich sich in ihr Herz. Was mochte wohl aus Grayson in all den Jahren geworden sein?

Der Gedanke, dass das Herrenhausmit all seinen Erinnerungen an Grayson nur zehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt von ihrer Croft lag, ließ ihr Herz unregelmäßig schlagen. Das imposante Anwesen befand sich seit Urzeiten im Besitz der St Johns, einer adeligen englischen Familie. Auf einer Landzunge, direkt an dem zum Atlantik hin offenen East Loch Roag gelegen, diente es der in London ansässigen Familie als Sommersitz. Mittlerweile musste der alte Lord St John in die Jahre gekommen sein. Es war fraglich, ob das Anwesen überhaupt noch genutzt wurde. Es sei denn, Grayson oder dessen Bruder hatten es übernommen. Aber da hegte Ailsa ihre Zweifel.

Während sie rätselte, was aus den St Johns geworden sein mochte, bewegte sich etwas auf der Croft. Sie reckte den Kopf. Der alte Mr Jenner schlurfte mit einem Karton unter dem Arm über den Hof. Er legte die Schachtel auf den Rücksitz seines Autos und ging durch die Hintertür zurück in die Küche. Ailsas Herz krampfte sich zusammen. Das letzte Mal war sie zu Kaitlins Beerdigung im Haus gewesen … Diese Zeit erschien ihr im Nachhinein so surreal, als wäre sie durch die nebelhaften Fetzen eines Traumes gefallen. Sie konnte sich nur bruchstückhaft an ihren letzten Aufenthalt erinnern. Eine Schutzreaktion ihres Körpers, um eine Wahrheit zu verdrängen, die zu bitter war, um sie zu ertragen.

Die Wahrheit, dass sie ihre Mutter im Stich gelassen hatte, als diese sie so nötig gebraucht hatte.

KAPITEL4

Grayson St John steckte ganz schön tief im Dreck, und das im wahrsten Sinn des Wortes. Den kräftigen Oberkörper nach vorne gebeugt, stand er bis über die Knöchel im Morast und durchfurchte mit bloßen Händen die schwere Erde. Er hatte den Montagmorgen damit verbracht, über der Buchhaltung zu brüten. Jetzt brauchte er dringend körperliche Betätigung, um seinen Frust abzubauen. Das Ergebnis der Auswertungen war ernüchternd. Vor zwei Jahren war er auf die Insel zurückgekehrt, um das alte Herrenhausvon seinem Vater zu übernehmen. Seitdem hatte er jeden Penny und jede Minute seiner Arbeitskraft in das Unternehmen investiert. Er hatte das Anwesen zu einem exklusiven Hotel umgebaut, nebst Pub und mit einer Küche, die regen Zuspruch fand. Doch es ging ihm um weit mehr als um ein gut gehendes Restaurant. Sein Traum war es, mit Cianalas Lodge – so hatte er das Haus nach reiflicher Überlegung zur Neueröffnung benannt – ein gemeinschaftliches Projekt zu schaffen. Eine Art Kooperative, eine Genossenschaft, die den Anwohnern der umliegenden Dörfer eine selbstständige Existenz durch ein geregeltes Einkommen garantierte und sie aus alten Abhängigkeiten, unter denen die Insel lange genug gelitten hatte, entließ. Seine Vision war ambitioniert und vielleicht eine Spur zu optimistisch, aber er glaubte fest daran, dass sie Wirklichkeit werden konnte. Teilweise begannen seine Anstrengungen, Früchte zu tragen. Bis zur großen Mondwende in wenigen Wochen war das Haus bis unters Dach voll mit zahlenden Gästen.

Das Ereignis bei den Steinen von Callanish fand nur alle achtzehn Jahre statt und zog Besucher aus aller Welt an. Danach allerdings sah es mit den Buchungen erschreckend mager aus. Grayson musste sich dringend etwas einfallen lassen, um seiner selbst auferlegten Verpflichtung nachzukommen und keinen der Mitarbeiter ohne Einkommen dastehen zu lassen. Natürlich wäre es möglich, die Arbeiten kurzzeitig auf ein Mindestmaß zurückzufahren, aber dies zog er allenfalls theoretisch als Möglichkeit in Betracht. Praktisch kam es nicht infrage. Er durfte die Menschen hier nicht enttäuschen. Nicht jetzt, wo sie anfingen, ihm zu vertrauen. Dafür hatte er zu hart gegen ihre anfängliche Skepsis ankämpfen müssen. Jetzt war er nicht gewillt, einen Rückschlag hinzunehmen. Nicht einmal, wenn er dafür die Kröte schlucken und das Haus für überkandidelte Earls öffnen müsste, die sich selbst zelebrierten, indem sie einen Hirsch auf seinen Ländereien erlegten. Ein Gedanke, der ihm aus verschiedenen Gründen zuwider war, aber eine andere Lösung fiel ihm derzeit nicht ein.

Er holte tief Luft und packte den groben Steinbrocken zu seinen Füßen. Ein belustigtes Kichern ließ ihn innehalten. »Es gehört sich ja nicht unbedingt, so etwas zu seinem Chef zu sagen. Aber weißt du, dass es wirklich umwerfend aussieht, wie du mit verschwitztem T-Shirt hier mitten im Matsch stehst?«

Grayson glaubte, sich verhört zu haben. Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Für gewöhnlich pflegte er einen recht zwanglosen Führungsstil, auf Augenhöhe mit den Mitarbeitern. Janet, seine Köchin, allerdings neigte dazu, es zu übertreiben. Langsam wandte er sich zu ihr um. »Du weißt, dass ich solche Sprüche nicht mag.«

»War nicht so gemeint.« Janet zuckte die Schultern. »Irgendetwas muss ich ja zu lachen haben, wenn du mich schon hierher in diese Wildnis verschleppst.«

»Ich darf dich daran erinnern, dass du freiwillig hier bist.« Grayson bückte sich und warf den Brocken auf den Haufen zu den anderen.

»Okay. Der Punkt geht an dich.« Sie lehnte sich gegen die hüfthohe Trockensteinmauer und schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln. »Und ich bereue es keine Minute, hierhergekommen zu sein. Aber was mir manchmal wirklich fehlt, ist das Londoner Nachtleben. Hier oben gibt es verdammt wenig Möglichkeiten, sich zu amüsieren.« Wie beiläufig wickelte sie eine Strähne ihrer blonden Haare um einen Finger. »Apropos amüsieren, ich frage mich, warum du hier Felsbrocken durch die Gegend wirfst. Willst du bei den Highland Games mitmachen? Falls ja, lass es mich rechtzeitig wissen. Ich komme und feuere dich an. Vor allem, wenn du diese heiße, enge Jeans trägst.«

»Janet«, sagte Grayson warnend und zog eine Augenbraue hoch.

»Schon gut. Keine albernen Sprüche, ich hab’s kapiert.«

»Prima. Und was deine Frage angeht, ich richte lediglich den Auslauf her.« Er deutete um sich. »Diese elenden Steinbrocken. Ich frage mich, wie die in den Pferch gekommen sind. Jedenfalls müssen sie weg, sonst verletzen die Schweine sich.«

»Welche Schweine denn? Wir haben doch gar keine.«

»Noch nicht«, korrigierte Grayson sie. Er strich sich das knapp bis zu den Schultern reichende dunkle Haar zurück. »Als meine Küchenchefin wird es dich freuen, zu hören, dass wir bald unsere eigenen Ferkel bekommen. Zwei Stück.«

»Ach du Schande«, seufzte Janet. »Haben wir nicht schon genügend Arbeit?«

»Was hast du gegen Schweine? Ich wollte schon immer welche halten. Schweine sind toll. Außerdem sind sie gute Resteverwerter.«

»Du musst es ja wissen, Experte, der du bist«, grummelte sie.

»Sag mal … was ist eigentlich das da an deinen Füßen?« Ihr Blick wanderte an ihm herab.

»Meine neuen Gummistiefel?« Er wackelte mit den Schuhspitzen. »Die haben etwas, nicht wahr?«

»Na ja, wenn man auf Orange steht … Wo um alles in der Welt hast du die her?«

»Aus dem Baumarkt in Stornoway. Der Verkäufer sagt, dass Orange die einzige Farbe ist, die zuverlässig Mücken vertreibt.«

»Midges also?«

»Richtig. Jetzt ist Schluss damit. Ich habe es satt, dass die Biester in schwarzen Wolken über mich herfallen und mich bis auf den letzten Tropfen Blut aussaugen.«

»Aha!« Janets Unterlippe zitterte. Grayson merkte, dass sie sich bemühte, ein Lachen zu unterdrücken. »Und du glaubst, das funktioniert?«

»Sicher.« Grayson zuckte die Schultern. »Ich muss zugeben, anfangs hatte ich auch meine Bedenken, aber der Verkäufer meinte, sie seien der Verkaufsschlager der Saison. Anscheinend ist es wie mit den Rapskäfern. Die werden bekanntlich von Gelb angezogen, wohingegen Mücken Orange geradezu abscheulich finden. Selbst kleine Flächen von Orange haben eine negative Signalwirkung. Das hier war das letzte Paar in Orange, und …« Er hielt mitten im Satz inne und kratzte sich die Wange. Dann legte er den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus. »Na schön. Ich gebe es zu. Er hat mich drangekriegt. Aber immerhin hat er es ziemlich clever angestellt.«

»Schön, dass du es mit Humor nimmst«, sagte Janet gedehnt. »Ich hoffe, du nimmst das, was ich dir jetzt zu sagen habe, genauso locker.«

»Bitte keine schlechten Nachrichten.« Er hob abwehrend die Hände. »Es reicht für heute. Ich habe gerade die Bücher durchgesehen.«

»Oh, oh, diesen Gesichtsausdruck kenne ich. Stehen wir wirklich so schlecht da?« Janets himmelblaue Augen verdunkelten sich.

»Nicht, wenn wir uns vorübergehend auf Jagdgesellschaften als Klientel konzentrieren. Wenn ich mit dem Schweineauslauf hier fertig bin, setze ich mich an den Computer und annonciere online bei den einschlägigen Portalen.«

»Ich dachte, du hasst Snobs.« Janet streifte einen Haargummi von ihrem Handgelenk und bändigte ihr Haar zu einem Dutt. »Ist das dein Ernst?«

»Wir müssen in den sauren Apfel beißen.« Grayson wuchtete einen weiteren Stein auf den Haufen. »Was wolltest du mir eigentlich erzählen?«

»Die Hochzeitsgesellschaft, die für das nächste Wochenende gebucht hat, hat angerufen. Sie möchten Jakobsmuscheln als Zwischengang.«

»Ausgeschlossen«, gab Grayson, ohne eine Sekunde zu überlegen, zurück. »Ich weigere mich, industriell gefischte Jakobsmuscheln zu servieren. Cianalas Lodge steht für Nachhaltigkeit, für Ökologie und für regionale Produkte.«

»Na ja.« Janet schob die Unterlippe vor. »Eine Möglichkeit gäbe es noch …« Sie ließ den Satz in der Schwebe.

»Die da wäre?«

»Du könntest Blair fragen, ob er welche für uns taucht.«

»Blair?« Grayson verzog das Gesicht. »Eher gefriert die Hölle zu, als dass Blair den kleinen Finger für mich rührt.«

»Du könntest ihn zumindest fragen. Immerhin gibt es sonst niemanden, den wir bitten können. Er ist der Einzige, der weiß, wo man tauchen muss.«

Graysons Kiefermuskeln verspannten sich. »Fragen könnte ich ihn. Allerdings wäre es sinnlos.«

»Männer«, knurrte Janet und verdrehte bedeutungsschwer die Augen. »Muss man das verstehen? Wieso bist du dir so sicher? Ich denke, ihr wart früher befreundet? Zumindest hast du mir das erzählt.«

»Das ist lange her.« Grayson nahm eine Eisenstange und versuchte, sie als Hebel unter einen besonders eigensinnigen Felsbrocken zu setzen. »Himmel Herrgott, wer hat diese Steine mitten in den Pferch gelegt?«

»Die waren wohl schon immer da«, gab Janet ungerührt zurück. »Findest du nicht, es wäre an der Zeit, dass ihr euch wie Erwachsene benehmt und euer Kriegsbeil begrabt? Dann hätte Blair auch sicher nichts mehr dagegen einzuwenden, dass Marsaili mir in der Küche hilft. Sie ist eine begnadete Bäckerin. Ihre Scones sind legendär.«

»Gib mir nicht die Schuld.« Grayson setzte den Hebel an und wandte seine ganze Kraft auf, doch der Steinbrocken rührte sich keinen Zentimeter. Resigniert legte er das Eisen beiseite. Vermutlich wäre es vernünftiger, Dynamit zu besorgen, um den Auslauf in die Luft zu sprengen, anstatt sich wie ein Schwerstarbeiter abzurackern. »Ich habe Blair oft genug die Hand gereicht. Er ist derjenige, der nicht will.«

»Wie du meinst. Und was soll ich jetzt der Hochzeitsgesellschaft erzählen?«

»Lass dir was einfallen! Erzähl ihnen etwas von Cholesterinwerten oder bedenklichen Quecksilberablagerungen im Muschelfleisch. Du hast mein ganzes Vertrauen.«

»Danke, Chef.«

»Gerne doch.«

»Ach, eines noch …« Janet legte den Kopf schräg. »Ich fürchte, ich habe nicht genügend Eier und Würstchen für das Frühstück morgen.«

»Im Klartext heißt das, du möchtest, dass ich für dich zum Einkaufen fahre?«

»Das wäre wunderbar. Als Dank gibt es Pfannkuchen und einen schönen Milchkaffee, wenn du zurück bist.«

»Wir sind im Geschäft.« Grayson lächelte ihr zu. »Ich muss ohnehin in die Stadt.«

»Prima, Chef, aber zieh zuvor die orangenen Gummistiefel aus, ja?« Mit langen, eleganten Schritten und aufreizendem Hüftschwung marschierte sie zum Haus zurück und überließ Grayson seinem Schicksal.

Grayson blickte ihr kopfschüttelnd hinterher. Janet war eine wirklich fantastische Köchin, und als Mensch war sie ein Phänomen. Auf der einen Seite war sie als alleinerziehende Mutter unheimlich pragmatisch veranlagt, dazu witzig und direkt. Er bewunderte ihren Mut. Für ihre große Leidenschaft, das Kochen, hatte sie die Anstellung bei einer Bank gekündigt und war mit ihm auf die Insel gekommen.

Er wusste, dass Janets Leidenschaft sich nicht nur auf das Kochen beschränkte. Sie hatte eindeutig eine Schwäche für ihn. Das machte das Leben mit ihr unter einem Dach oft schwierig, obwohl er ihr von Anfang an klar zu verstehen gegeben hatte, dass er in dieser Hinsicht kein Interesse hatte. Seufzend straffte er den Rücken und wandte sich wieder den Steinen zu.

KAPITEL5

Ailsa stand am Fenster und blinzelte in die Morgendämmerung. Es war merkwürdig, in ein Haus zurückzukehren, das voll alter Möbel und Geschichten steckte. In jeder Ecke, in jedem Winkel, an jeder angeschlagenen Treppenstufe, bei jedem Kratzer an den abgeblätterten Türen lauerten geisterhafte Erinnerungen, die darauf warteten, freigelassen zu werden, um sie in ihren Träumen heimzusuchen. Dementsprechend unruhig war die Nacht gewesen. Das Bett war ungewohnt schmal, die Matratze zu weich, ihr Biorhythmus nicht auf die europäische Zeit eingestellt.

Nachdenklich zog sie Kaitlins verbeulten Teekessel vom Herd, den sie gestern Abend im Schuppen aus einem Karton mit Töpfen und Geschirr hervorgekramt hatte. Sie nahm den Becher mit dem verblichenen blauen Muster, gab zwei Löffel Instantkaffee und heißes Wasser hinein und rührte um. Warum machte ihr das alles immer noch so zu schaffen? Sie hatte gedacht, sie wäre inzwischen halbwegs über den Tod ihrer Mutter hinweg. Damals hatte sie es einfach nicht über sich gebracht, den Haushalt aufzulösen.

---ENDE DER LESEPROBE---