Das Hexenkraut - Franziska Gehm - E-Book

Das Hexenkraut E-Book

Franziska Gehm

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Beschreibung

Ein Abenteuer aus der Zeit der Hexenverfolgung Um seine kranke Mutter vor dem Tod zu retten, muss der zehnjährige Jakob zur Schwarzleiberin. Die Heilkundige braucht das seltene Blutkraut für die Medizin. Jakob bricht in die Todesschlucht auf, wo die Pflanze wächst. Doch bei seiner Rückkehr ist die Schwarzleiberin im Hexenturm eingekerkert – und seiner Mutter geht es stündlich schlechter.

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Seitenzahl: 81

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Franziska Gehm

Das Hexenkraut

Ein Abenteuer aus der Zeit der Hexenverfolgung

Mit Illustrationenvon Peter Knorr und Doro Göbel

Deutscher Taschenbuch Verlag

© 2010Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.Rechtlicher Hinweis §44 UrhG: Wir behalten uns eine Nutzung der von uns veröffentlichten Werke für Text und Data Mining im Sinne von §44 UrhG ausdrücklich vor.

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital– die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

eBook ISBN 978-3-423-41240-7 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-76008-9

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website

www.dtv.de/​ebooks

Inhalt

Eine gefährliche Bitte

Menschenaugen und Mumienhand

Aufbruch ins Höllengebirge

Nachtgestalten

Auf der Flucht

Der unheimliche Verfolger

In der Todesschlucht

Der Hexenturm

Ein verzweifelter Plan

Die Wasserprobe

Ein Zeichen Gottes

Eine gefährliche Bitte

Jakob hatte fast die ganze Nacht wach gelegen. Er hatte auf den flachen, unregelmäßigen Atem seiner Mutter gehört. Seit nunmehr zwei Wochen hatte sie das Bett nicht mehr verlassen. Sie war blass, die Wangen waren eingefallen. Ihre einst glänzenden, braunen Haare waren strähnig und klebten an ihrer Stirn. Die immer freundlichen, großen, dunkelbraunen Augen, die Jakob von ihr geerbt hatte, wirkten matt und müde. Meistens jedoch hielt Jakobs Mutter die Augen geschlossen. Seit ein paar Tagen war sie sogar zu schwach, um alleine den Kopf zu heben.

»Jakob?«, drang eine leise Stimme durch die Kammer, die noch im Halbdunkel der Morgendämmerung lag.

Sofort war Jakob auf den Beinen. Mit zwei großen Schritten war er bei der Bettstatt seiner Mutter. Er kniete sich hin und nahm ihre Hand. Sie war kalt und kraftlos. »Was ist?«

»Geh–«, Jakobs Mutter atmete schwer, »geh zur Schwarzleiberin.«

Jakob sah seine Mutter verstört an.

Sie schloss einen Moment die Augen. »Geh zu ihr. Sie allein kann uns jetzt noch helfen. Meine Kräfte verlassen mich. Wir haben sonst keine Hoffnung mehr.«

Jakob zog die Augenbrauen zusammen. »Aber die Schwarzleiberin… sie bringt Unheil.«

»Mag sein«, sagte Jakobs Mutter. »Sie hat jedoch auch vielen Kindern auf die Welt geholfen und versteht sich auf Kräuter und Tinkturen. Geh zu ihr, Jakob. Sonst bin ich gewiss des Todes.«

Jakob legte seine Wange auf die Hand seiner Mutter. Einen Moment verharrte er so. Dann stand er auf und nickte. »Ist gut, Mutter. Ich hole die Schwarzleiberin.«

Jakobs Mutter lächelte kaum merklich.

Niemals würde Jakob ihr eine Bitte ausschlagen. Auch wenn sie ihm noch so abwegig vorkam. Er zog sich das Wams über und verließ die Hütte. Obwohl der Mai sich schon dem Ende zuneigte, war es noch kühl. Die Bauern in den umliegenden Dörfern fürchteten, dass es auch dieses Jahr keine gute Ernte geben würde. Bereits in den letzten Jahren waren die Winter lang und die Sommer so nasskalt gewesen, dass das Getreide auf den Halmen verfaulte. Jakob fasste sich an den Bauch. Sein Magen knurrte. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zum letzten Mal richtig satt gewesen war. Seit Monaten gab es nur noch Brei aus Hirse, Hafer oder Buchweizen.

Zielstrebig lief Jakob durch die Gassen seiner kleinen Heimatstadt Harzenstein. Die Schwarzleiberin wohnte am Rand der Stadt. Hinter ihrer Hütte hatte sie einen kleinen Kräutergarten. Daran schloss direkt ein dichter Tannenwald an. Kurz bevor er die Hütte der Schwarzleiberin erreichte, verlangsamte er seine Schritte. Er kniff die Augen zusammen und musterte die Hütte argwöhnisch. Über die Schwarzleiberin hatte er schon viel gehört. Nicht nur Gutes.

Plötzlich flog neben ihm eine Tür auf. Die Frau des Schuhmachers trat mit einem Nachttopf in der Hand hinaus. »Jakob! Wo willst du denn so früh hin?« Die Schuhmacherin leerte den Nachttopf schwungvoll am Gassenrand aus, bevor sie sich ihre Haube zurechtrückte.

Jakob zögerte. Am liebsten wäre ihm, dass niemand erfuhr, zu wem er gerade unterwegs war. Er kratzte sich hinter dem Ohr und dachte angestrengt nach, was er der Schuhmacherin antworten sollte. Er sah die Gasse entlang, zum Himmel hinauf, zum Haus der Schwarzleiberin und auf seine abgewetzten Füßlinge. Aus dem linken ragte seine schmutzige große Zehe heraus.

Die Schuhmacherin beobachtete ihn genau. »Willst du etwa zu der?« Sie zeigte auf das Haus der Schwarzleiberin.

Jakob nickte. Er war kein guter Lügner. »Meine Mutter liegt im Sterben.«

»Das tut mir leid.« Die Schuhmacherin strich Jakob über das zerzauste Haar. »Möge Gott ihr beistehen.« Dann richtete sie den Blick auf die Hütte der Schwarzleiberin. »Aber die wird dir nicht helfen. Im Gegenteil. Mag sein, dass die Schwarzleiberin besondere Kräfte hat. Aber ich sage dir, Jakob, es sind böse Kräfte. Die Schwarzleiberin wendet Unheil nicht ab, sie bringt es.«

Jakob sah die Schuhmacherin mit großen Augen an. »Wieso sagen Sie so etwas? Hat die Schwarzleiberin nicht bei der Geburt Ihrer Kinder geholfen?«

Die Schuhmacherin sah Jakob fest in die Augen. »Ja. Das hat sie. Aber von meinen sechs Kindern sind vier wenige Tage nach der Geburt gestorben.«

Jakob blickte zu Boden.

»Ich weiß, wie sehr du dir wünschst, deine Mutter möge gesund werden. Und ich weiß, dass die Schwarzleiberin so manchen Todkranken kuriert haben soll.« Die Schuhmacherin beugte sie sich zu ihm und flüsterte: »Aber weißt du, was ich glaube?«

Jakob schüttelte den Kopf.

»Ich glaube, dass jemand, der heilen kann, auch krank machen und den Tod bringen kann.« Die Schuhmacherin nickte energisch und richtete sich wieder auf.

»Trotzdem. Die Schwarzleiberin ist unsere letzte Hoffnung«, erwiderte Jakob.

Die Schuhmacherin sah Jakob mitfühlend an. »Gott ist eure Hoffung. Bete für deine Mutter, Jakob«, sagte sie leise und ging zurück ins Haus.

Jakob atmete tief ein. Natürlich betete er für seine Mutter. Jeden Tag. Mehrmals. Das hatte er auch für seinen Vater, seinen Bruder und seine beiden Schwestern getan. Bei ihnen hatte es nicht ausgereicht. Nein, Jakob konnte nichts unversucht lassen. Er würde zur Schwarzleiberin gehen. Auch wenn ihm die vielen Geschichten, die man sich über sie in der Stadt erzählte, Angst machten. Auch wenn sie eine Hexe war.

Menschenaugen und Mumienhand

»Seit wann, sagst du, plagt deine Mutter das Fieber?« Die Schwarzleiberin stand nur einen Schritt von Jakob entfernt. Sie musterte ihn mit ihren stechend blaugrünen Augen. Jakob hatte das Gefühl, die Schwarzleiberin konnte in ihn hineinsehen. Sie sah seine Gedanken, seine Sorgen und seine Angst. Ihm wurde beinahe schwindelig. Noch nie hatte er solche klaren, betäubenden Augen gesehen.

»Seit über einem Monat«, erwiderte er schließlich. Sein Mund war trocken. Seine Stimme wie die einer Maus.

»War Dr.Rothaupt bei ihr?«

Jakob nickte. »Er hat einen Aderlass gemacht. Er hat gesagt, damit wird das Gleichgewicht zwischen den vier Säften wiederhergestellt. Zwischen Blut, Schleim, gelber… ähm…«

»Gelber Galle und schwarzer Galle.«

Jakob nickte. »Aber es hat nichts geholfen.«

»Natürlich nicht«, sagte die Schwarzleiberin leise, mehr zu sich selbst als zu Jakob.

Während die Schwarzleiberin Jakob weitere Fragen zur Krankheit seiner Mutter stellte, sah er sich unauffällig in dem kleinen Haus um. Neben der Stube gab es noch eine Küche und eine Kammer. In der Stube stand ein einfacher Holztisch mit einem Stuhl und einem Schemel. Auf dem Tisch stand eine Tranfunzel. Daneben lag ein Unterkleid, das die Schwarzleiberin scheinbar gerade ausbesserte. Auf dem Schemel lag ein dickes Buch. Es war aufgeschlagen, die Seiten sahen abgenutzt aus. Bis auf eine Zeichnung, die einen Menschen darstellte, konnte Jakobs nichts erkennen. Er konnte nicht lesen.

An der Wand stand eine Truhe, darüber hing ein Regal. Es war voller Holzschalen, irdener Krüge, Töpfe und kleiner Tongefäße. Soweit Jakob es erkennen konnte, waren die Schalen mit getrockneten Pilzen, Früchten, Samen und Blüten gefüllt. Eine Schale war größer als die anderen. Darin lagen walnussgroße, helle Kugeln. Auf einmal beschlich Jakob eine schreckliche Befürchtung: Waren das Menschenaugen? Jakob schluckte und wandte den Blick ab.

Auf einem flachen Holzteller lag etwas, das wie eine riesengroße, behaarte, schwarze Spinne aussah. Jakobs Blick wanderte zum obersten Regalfach. Er riss die Augen auf. Für Sekunden verschlug es ihm den Atem. Lag dort etwa eine… eine Mumienhand? Er hatte davon gehört, dass Hexen getrocknetes Menschenfleisch für ihre Salben verwendeten. Jakob schüttelte sich und strich sich über den Arm. Er hatte Gänsehaut. Am liebsten hätte er sich mit einem Ruck umgedreht und wäre aus dem Haus gerannt. Doch er stand wie mit dem Steinboden verwachsen in der Stube der Schwarzleiberin. Er konnte sich nicht bewegen und brachte keinen Ton heraus.

Unauffällig spähte er in die Küche. Von der Decke hingen allerhand getrocknete Pflanzen. Manche kannte Jakob, andere wirkten geheimnisvoll und fremd. Am Türrahmen lehnte ein Besen. Jakob musterte ihn genau. Er sah nicht anders aus als alle anderen Besen. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Es war gut möglich, dass die Schwarzleiberin mit genau diesem Besen durch die Nacht flog. Jakob stellte sich vor, wie es wäre, in der Luft zu schweben und über die Städte, Dörfer, Felder und Berge hinwegzufliegen. Bei dem Gedanken breitete sich ein Kribbeln in seinem Bauch aus.

»Einverstanden?« Die Schwarzleiberin riss Jakob aus den Gedanken.

Jakob fuhr sich durch die zerzausten Haare. »Ja. Nein. Womit?«

»Wir gehen zu deiner Mutter. Ich untersuche sie. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich ihr auch helfen kann.«

Jakob nickte und die Schwarzleiberin lächelte kurz. Eigentlich, fand Jakob, sah sie gar nicht wie eine Hexe aus. Er hatte sich eine Hexe immer ganz anders vorgestellt: mit roten, unbändigen Haaren, verführerischen Augen und blasser Haut. Die Schwarzleiberin hatte die langen, schwarzen Haare zu einem Zopf geflochten. Sie war groß, schlank und hatte ein herzliches, offenes Gesicht. Ihre Wangen leuchteten rosarot. Doch Jakob wusste, dass er sich vom Äußeren nicht täuschen lassen durfte.

»Ich komme mit«, erklang auf einmal eine Stimme.