Das Hochzeitsgeschenk - Franz Bartelt - E-Book

Das Hochzeitsgeschenk E-Book

Franz Bartelt

2,3
9,99 €

Beschreibung

Majesú Monroe ist Raritätenhändler mit Hang zu poetischer Schwindelei. Eines Tages betritt eine junge Frau seinen Laden. Noème Parker vertritt radikal-kommunistische Ansichten und will ihre stinkreichen Eltern für die Verbrechen des Kapitalismus büßen lassen. Majesù teilt ihre Verachtung für die Reichen, eine Heirat ist unvermeidlich. Doch als Noèmes Eltern bei einer Bombenexplosion sterben und eine gigantische Erbschaft auf dem Spiel steht, sind plötzlich alle Pläne hinfällig, und ein furioser Ehekrieg entbrennt...

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Inhalt

CoverÜber das BuchÜber den AutorTitelseiteImpressumMotto123456789101112131415161718

Über das Buch

Majesú Monroe ist Raritätenhändler mit Hang zu poetischer Schwindelei. Eines Tages betritt eine junge Frau seinen Laden. Noème Parker vertritt radikal-kommunistische Ansichten und will ihre stinkreichen Eltern für die Verbrechen des Kapitalismus büßen lassen. Majesù teilt ihre Verachtung für die Reichen, eine Heirat ist unvermeidlich. Doch als Noèmes Eltern bei einer Bombenexplosion sterben und eine gigantische Erbschaft auf dem Spiel steht, sind plötzlich alle Pläne hinfällig, und ein furioser Ehekrieg entbrennt …

Über den Autor

Franz Bartelt wurde 1949 in einem kleinen Dorf in der Haute Normandie geboren. In Frankreich ist er als Romanautor, Dichter, Dramaturg und Feuilletonist erfolgreich, seine Werke wurden u.a. mit dem Grand Prix de l’humour noir und dem Prix Goncourt de la novelle ausgezeichnet.

Franz Bartelt

DAS HOCHZEITSGESCHENK

Roman

Übersetzung aus dem Französischen von Ulrike Werner

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der französischen Originalausgabe:

»Le fémur de Rimbaud«

 

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2013 by Éditions Gallimard

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Marion Labonte, Wachtberg

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Umschlagmotive © shutterstock: art designer | kstudija | Leremy | Ela Kwasniewski | EV-DA | Pushkin

E-Book-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7325-1276-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

»Das ist gelogen, bei meinem Oberschenkel!

… ich habe deren zwei, verbogen und geprägt!

Bei meinem Oberschenkel! Bei meinem Oberschenkel! Bei meinem Oberschenkel!

Er ist es doch, den ich seit vierzig Jahren an der Kante meines geliebten Stuhls verbiege …«

Arthur Rimbaud

1

ICH MÖCHTE DIE KARTEN gleich auf den Tisch legen: Ich bin nicht irgendwer und war es auch nie. Ich bin ein Einzelgänger, aber kontaktfreudig. Wortkarg, aber redegewandt. Intelligent, aber nicht überheblich. Ich sehe gut aus – was wahr ist, muss wahr bleiben –, bin aber keineswegs geckenhaft eitel.

Wenn ich gewollt hätte, hätte ich Ingenieur werden können, Zahlen waren schon immer mein Ding. Oder Schauspieler in Monumentalfilmen. Ich verfüge nicht nur über das entsprechende Äußere, sondern bin durch meinen Nachnamen sozusagen prädestiniert. Dazu später mehr. Zunächst jedoch möchte ich versuchen, diesen Bericht ohne allzu große Ausschweifungen zu beginnen.

Da ich mit einer tiefen, klaren Stimme gesegnet bin, die jeden bezaubert, der meine Stimmübungen verfolgt, liebäugelte ich eine Zeit lang mit einer Karriere als Sänger. Ich habe übrigens schon vor Jahren Schallplatten verkauft, was bereits ein Vorzeichen war, um nicht zu sagen ein Symptom.

Um ehrlich zu sein, war ich in allen Dingen begabt. Es war fast schon zu viel. Gab man mir Ton in die Hand, verwandelte ich ihn in eine Kugel oder in eine Büste des Papstes – je nach Aufgabenstellung. Das Resultat war immer gleich: herausragend. Mit einem Pinsel und einer Farbpalette hätte ich Picasso mit ziemlicher Sicherheit in seinem Fachgebiet geschlagen, doch niemand hat mir je eine Malerausrüstung geschenkt, weshalb ich meine Fähigkeiten in diesem Bereich nie unter Beweis stellen konnte. Ein wahrer Verlust für die Kunstgeschichte!

Tatsächlich wurde mir eher beiläufig klar, welch großartiger Maler in mir steckte, als der Zufall des Lebens mir Arbeit bei einem Konditor bescherte. Ich beschriftete Torten für Geburtstage, Erstkommunionen, Hochzeiten oder Abschiedsfeiern. In dieser Disziplin war ich stark. Zur Dekoration fabrizierte ich Engel aus Sahne, Rosen aus Zucker, bearbeitete sämtliche klassischen Themenfelder, so allegorisch sie auch sein mochten – einmal sogar Vogelfüße aus Schokolade, zum zwanzigjährigen Bestehen der Ornithologischen Gesellschaft der Ardennen. Ein absolutes Meisterwerk. Und Anlass schieren Glückstaumels bei den Tierfreunden.

Es liegt jedoch in der Natur der Konditorei – wer könnte es ihr verdenken –, der Kreativität des Künstlers Grenzen zu setzen. Ich möchte dieses wunderbare, sehr nützliche und in seinen Werken oft herzergreifende Handwerk beileibe nicht verunglimpfen, aber in der Zuckerbäckerei muss der Künstler seine Fähigkeiten beschränken. Er kann sich nicht voll und ganz entfalten und vergeudet sein Talent. Das muss man wissen.

Irgendwann, eines Sommers, betätigte ich mich auf den Terrassen der Bistros als Trommler. Und ich verkaufte Osterglocken und Postkarten auf Märkten. Später handelte ich mit Werkzeug. Gleichzeitig entwarf ich in meinem Kopf Haute-Couture-Kleider, schrieb Drehbücher für amerikanische Filme und komponierte zeitgenössische Symphonien. Das alles war in mir, schon seit eh und je. Ich bin ein erfinderischer Geist und hätte mir alles aufschreiben sollen. Doch genug davon. Ich könnte viele Stunden oder gar tagelang über meine Begabungen sprechen und genieße es, über mein keineswegs alltägliches Leben zu berichten. Im Übrigen heiße ich Monroe. Genau wie Marilyn. Und man ruft mich Majésu. Majésu Monroe. Ein Name, den keinesfalls irgendein Dahergelaufener trägt.

In jenem Jahr führte ich einen kleinen Raritätenladen. Natürlich ausschließlich Qualitätsware, keinen verstaubten Tand. Nur Originale für kundige Liebhaber. So konnte man bei mir zum Beispiel ein Taschentuch erwerben, das aus dem heiligen Grabtuch von Turin geschnitten war und dessen Echtheit von frommen Italienern bestätigt wurde.

Meine wundervollen Exponate stellten den Sammler vor die Qual der Wahl. Unter anderem führte ich eine Socke von Arthur Rimbaud, mit einem Loch am großen Zeh (das Loch stammte von Arthur, die Socke von seiner Mutter), außerdem einen Knochen aus der Hand Napoleons, ein (hermetisch verschlossenes) Reagenzglas mit Syphilisviren von Alfred de Musset sowie ein (ebenfalls abgedichtetes) Glas mit dreihundert Jahre alten, ausgezeichnet konservierten englischen Filzläusen.

Mit besonderem Stolz erfüllte mich der Erwerb des Verdauungstraktes von Pantagruel. Leider musste ich mich von ihm trennen, als die Versicherung für den Lieferwagen fällig wurde.

In meinem Katalog fanden sich achthundert Raritäten, die zumeist einen solch großen Seltenheitswert besaßen, dass sie durchaus als Unikate bezeichnet werden konnten. Und dabei spreche ich nicht einmal von den Reliquien, meinen Wunderpulvern, den Eiern des Kolumbus in auskristallisiertem Schweinefett oder dem Porträt von Jesus Christus, mit Bleistift von einem römischen Offizier gezeichnet, der ihn seinerzeit jeden Tag zu Gesicht bekommen hatte. Aber von meinem Geschäft werde ich später erzählen. Eins nach dem anderen.

Man kann sagen, was man will, aber es ist als Einstieg immer gut, mit dem Anfang zu starten. Alles begann an einem Markttag in Larcheville. Vor meiner Auslage schlenderte seit zwei oder drei Minuten eine Frau hin und her. Eigentlich recht hübsch. Blond, ein wenig knochig, magere Schultern, kleine Brüste und kleiner Hintern. Ungeachtet der Wärme trug sie die in den Ardennen übliche obligate Strickjacke. Als sie auftauchte, war ich gerade in die Deontologie des Reifenschlauchs vertieft, eine komplizierte Kosmogonie, die ich am Tag zuvor auf einem Flohmarkt entdeckt hatte. Die Kundin schien sich für einen Ring zu interessieren.

»Er ist schön«, erklärte ich. »Er gehörte der Schwester von Rasputin.«

»Der Schwester von Rasputin?«

»Dem Nesthäkchen. Rasputin hatte, wie Sie sicher wissen, zwei Schwestern. Eine jüngere und eine ältere, die sich beide irgendwann aus dem Staub machten. Der Ring der älteren wurde 1917 oder etwas später von den Revolutionären konfisziert – auf den Tag genau weiß ich es nicht. Dieser Ring hier ist authentisch und historisch, und ich würde ihn nicht verkaufen, wenn ich nicht über die entsprechenden Zertifikate verfügte. Verfasst im Russisch der damaligen Zeit. Für dreißig europäische Piepen gehört der Ring Ihnen. Sie müssen zugeben, dass der Preis für einen Gegenstand dieser Güte nicht übertrieben ist.«

»In der Tat. Etwas Altes zum Preis von etwas Neuem.«

»Möchten Sie ihn anprobieren? Ich bin sicher, dass er Ihnen wie angegossen passt. Und er trifft genau Ihren Stil. Was arbeiten Sie?«

Sie erklärte, Gesellschaftsdame zu sein. Tatsächlich spielte sie drei- oder viermal in der Woche im Café oder zu Hause Karten mit alten Leuten, aber das erfuhr ich erst ein paar Tage später. Der Ring stand ihr wirklich gut. Als gewiefter Händler sparte ich nicht mit bewunderndem Lob.

»Welch schöne Hand er Ihnen macht, Madame!«

»Finden Sie?«, fragte sie mit fast leiser Stimme.

»Die Hand einer Prinzessin, Madame! Ihre Hand sieht aus wie die einer Prinzessin! Dieser Ring ist für Sie bestimmt. Er hat auf Sie gewartet. Er hat ganz allein auf Sie gewartet!«

Meinen schwungvollen Äußerungen zum Trotz schien sie zu zögern, zu zweifeln und zu überlegen. Sie hielt ihre Hand ins Licht, begutachtete das Schmuckstück, krümmte die Finger und streckte sie wieder.

»Er schmeichelt Ihrer Hand, Madame. Und Sie sind die einzige Frau auf der ganzen Welt, die diesen Ring trägt. Die wahrhaft Einzige. Vertrauen Sie mir.«

»Er gefällt mir. Aber es wäre närrisch. Dreißig Piepen sind immerhin eine Menge Geld.«

»Ich könnte Ihnen Rabatt gewähren. Einen Preisnachlass.«

»Ratenzahlung wäre mir lieber«, sagte sie und senkte den Blick wie eine ärmliche Frau, die sich schämt, ihre Mittellosigkeit zuzugeben.

Großzügig, wie ich nun einmal bin, außerdem durchdrungen von wahrem Humanismus und philanthropischen Überzeugungen, haben mich notleidende Frauen schon immer betroffen gemacht. Ich neige zu Mitleid und gebe jeder Schwäche und selbst dem ruinösesten Mitgefühl nach. Die Frau gefiel mir. Vor allem körperlich. Sie verwirrte mich. Ich fühlte mich zu ihr hingezogen.

»Sie sind arm. Das ist es also«, sagte ich und setzte einen Gesichtsausdruck auf, der zu diesen Worten passte.

»Das ist es nicht«, widersprach sie. »Es ist nur gerade ein wenig schwierig. Eine kurzfristige Durststrecke.«

»Aber da haben Sie ja noch Glück! Stellen Sie sich vor, es wäre eine Hunger- und eine Durststrecke. Das wäre wahre Not.«

»Nun, so weit ist es noch nicht …«

»Der Ring wird Ihnen Glück bringen, Madame. Er hat sogar schon damit angefangen, denn ich bin bereit, ihn Ihnen in drei Raten zu überlassen, und zwar ohne zusätzliche Kosten.«

»Sechs Raten wären nicht möglich?«

Wir wurden uns einig. Ich notierte ihren Namen, ihre Adresse und ihre Telefonnummer. Sie hieß Noème. Nicht etwa Noémie. Ich schreibe es richtig. Noème. Ich wusste nicht, dass es Frauen gibt, die Noème heißen. Noème Parker, 35 Rue du Yactus, dritter Stock, gleich gegenüber der Treppe. Allein das ist eine Geschichte.

In jener Zeit verfügte ich über ein wenig Kapital. Kurz nacheinander hatte ich die Zahnstocher von Landru, das Bleilot eines Kathedralenerbauers, den Metallabguss eines Louisdor, der einst dem Großneffen von Henri IV. gehört hatte, sowie die Originalausgabe eines Werkes von Jean-Paul Bourrez verkauft. Das Buch mit dem Titel Durch die Flasche gesehen ist berühmt dafür, das in Bibliophilenkreisen am seltensten nachgefragte Werk zu sein. Es wäre übertrieben zu behaupten, ich hätte die Taschen voller Geld gehabt, aber ich verfügte über einen bescheidenen Wohlstand und ließ es mir daher nicht nehmen, Noème an jenem Abend auf ein Glas ins Café des Arcades einzuladen. Sie sah keinen Grund, die Einladung eines Händlers abzulehnen, der ihr Ratenzahlung gewährte.

»Sobald ich meine Ware eingepackt habe, werde ich mich ganz und gar Ihnen widmen. Sehen Sie, der Ring wirkt bereits. Mögen Sie Bier?«

Sie mochte alles Trinkbare. Im Beisammensein mit den alten Herrschaften, denen sie Gesellschaft leistete, hatte sie sich an die unterschiedlichsten Getränke gewöhnt, die in den Bistros serviert wurden – angefangen vom Viertel Rotwein bis hin zum Boquebier. (Ich schreibe immer »Boque« anstatt »Bock«. Das ist meine ganz persönliche Orthografie. Es gibt Dinge, die ich nicht gern mit Akademikern teile.)

Was sich im Café des Arcades abspielte, kann ich heute kaum noch wiedergeben. Vermutlich müsste ich beschreiben, wie die Liebe wie eine Naturgewalt über uns hereinbrach. Jedenfalls floss das Bier während unseres Gesprächs in Strömen. Noème war eine Frau, die nichts zu verbergen hatte. Sie berichtete von ihrem unglücklichen Leben mit einem Straßenkünstler irgendwo in der Vorstadt, einem Typen, der Pennern auf der Walz die Menschenrechte predigte und abends seine eigenen Rechte einforderte, indem er über seine Tussi rutschte, ehe er sich an den gedeckten Tisch setzte. Aber so sind Männer nun einmal, auch wenn es den meisten Frauen nicht unbedingt gefällt.

»Ich kann durchaus verstehen, dass seine Nerven blank lagen«, erklärte Noème. »Schließlich ist es kein Vergnügen, den ganzen Tag lang irgendwelche Wilden zur Raison bringen zu wollen. Trotzdem habe ich ihn verlassen. Er entsprach so gar nicht dem Bild, das ich mir von der Liebe mache.«

»Und welches Bild machen Sie sich von der Liebe?«, fragte ich sie.

Sie wandte den Blick zur Zimmerdecke, wo es offensichtlich nichts zu sehen gab, denn ihr Blick kehrte umgehend zu mir zurück. Mir ist bewusst, dass ich ein durchaus ansehnlicher Zeitgenosse bin.

»Meine Vorstellung von der Liebe«, sagte sie, »hat viel mit Romantik zu tun. Und mit einem Helden, der weiß, was er tut. Einem Mann, der seine Frau beschützt. Jemandem, der zwei starke Arme und ein Gehirn besitzt und der sich immer und jederzeit Respekt zu verschaffen weiß. Auch nach fünfzehn Anisettes noch.«

»Ich möchte nicht aufdringlich sein«, erklärte ich, »aber ich bin der Mann, den Sie suchen.«

»Wie bitte?«

»Der Mann, den Sie suchen. Ich entspreche in allen Punkten den Anforderungen Ihres Profils. Zwar meide ich Anisette, weil es ein Produkt der Mittelmeerregion ist, aber vierzig Bier sind eine meiner leichtesten Übungen. Jeder der hier Anwesenden kann bezeugen, dass ich bis zum letzten Tropfen völlig klar bleibe. Ich bin ein Wunderknabe, eine Naturgewalt, angesiedelt irgendwo zwischen Byron, Victor Hugo und Paul Verlaine. Ich möchte mich nicht loben, aber die Liste meiner Heldentaten ist schier endlos. Und wenn ich noch eins draufsetzen darf: Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nicht ein einziges Mal übergeben. Was ich trinke, läuft einfach durch. Und ich bleibe korrekt.«

Schlagartig wurde ihr bewusst, dass ich etwas ganz Besonderes war. Mit tellergroßen Augen starrte sie mich an, den Mund weit aufgerissen. Was den Bierkonsum betraf, so stand sie mir in keiner Weise nach. Ich gab einen von Lebensart geprägten Rhythmus vor, denn üblicherweise passte ich meinen Genuss den Gepflogenheiten der Gastfreundschaft an. Wenn ich mit einer Dame zusammen bin, missbrauche ich meine Stärke auch dann nicht, wenn der Durst mich plagt. Es ist meine Art, mich galant zu zeigen – eine Tugend, die heutzutage immer mehr in Vergessenheit gerät.

Wir waren so guter Stimmung und verstanden uns so wunderbar, dass wir uns noch nicht trennen wollten. Also gingen wir in die Rue Jean-Jaurès und gönnten uns eine Pizza mit vier Käsesorten. Ich bezahlte. So war es abgemacht. Ich fühlte mich in Höchstform und zeigte es auch. Ich erzählte ihr alles, mein gesamtes Leben, alle Einzelheiten. Ich berichtete von meinen Großtaten, meinen Eroberungen, meinen erstaunlichen Begabungen und meinen Abenteuern.

»Sie sind unglaublich«, wiederholte sie zwischen zwei Stücken Pizza.

»Das ist wohl der richtige Ausdruck«, bestätigte ich. »Aber so bin ich geboren. Was ich mit meinen Händen auch anfasse – es wird etwas daraus. Das Gleiche gilt für mein Gehirn und meine Sinnlichkeit. Ich bin gleichzeitig Künstler, Wissenschaftler und Mystiker – kurz, ein absolut vollständiger Mensch.«

»Ein Genie«, fügte sie hinzu.

»So weit würde ich vielleicht nicht gehen. Zumindest würde ich es nicht selbst von mir behaupten. Von Ihrer Seite akzeptiere ich diese Beurteilung natürlich, die im Übrigen meiner eigenen Überzeugung und damit der Realität entspricht. Allerdings umfasst sie nur einen geringen Teil meiner Persönlichkeit. Wissen Sie, Genialität erweist sich meist als neurotisch. Ich jedoch maße mir an, normal zu sein.«

Nicht, dass ich versuchte, sie zu beeindrucken. Absolut nicht. Die in meinem Herzen keimende Liebe sorgte lediglich dafür, dass ich jede sich mir bietende Chance wahrnahm. Ich war verrückt nach ihr und wollte, dass sie ebenso verrückt nach mir war. Dieser Wunsch nach Gegenseitigkeit ist nur allzu menschlich. Als guter Demokrat ließ ich sie von Zeit zu Zeit auch etwas sagen. Sie vertraute mir ihre Not, ihre Enttäuschungen und ihre Hoffnungen an. Sie war eine Tochter aus vermögendem Haus. Ihr Vater besaß florierende Unternehmen in Frankreich, Belgien und Luxemburg. Ihre Mutter war depressiv.

»Aber sie zwingt sich dazu«, sagte Noème. »Ab einer gewissen Einkommenshöhe verspüren Damen des Bürgertums in kleinen Provinzstädten das Bedürfnis, sich analysieren zu lassen. Es ist eine Frage des Lebensstandards. Meine Mutter hat mindestens zehn Spezialisten der Freud’schen Schule verschlissen. Allesamt echte Kapazitäten, die meist auf schnelles Geld aus sind und ihre Beute normalerweise nicht so schnell wieder ziehen lassen. Sogar Schlafkuren hat meine Mutter gemacht. Ihrer Ansicht nach muss man sich, wenn man reich ist, das wahrhaft Überflüssige gönnen. Das, was ihr schon seit Kindertagen am wenigsten gefehlt hat, ist Schlaf. Ich habe sie nie vor elf Uhr vormittags aufstehen sehen. Trotzdem gönnt sie sich seit zehn Jahren einmal jährlich eine Schlafkur. Es ist eine wahre Verschwendung, und das macht sie glücklich.«

Als verträumte Idealistin hatte Noème schon immer mit dieser Überflussgesellschaft brechen wollen. In der Schule begann ihr Widerstand damit, dass sie sich weigerte, auf die Fragen der Lehrer zu antworten. Ganz offen strafte sie solch gewagte Anforderungen wie den Satz des Thales oder grammatikalisch komplizierte Pluralbildungen mit Missachtung. Jahrelang bekundete sie unnachgiebig ihren Hass auf Racines Andromache, die für sie nichts weiter als eine Puffmutter darstellte. Dem muss ich übrigens beipflichten. Und irgendwann trat Noème sogar in die Kommunistische Partei ein.

»In die Kommunistische Partei Frankreichs!«, rief ich. »Sie imponieren mir!«

»In der Tat, in die Kommunistische Partei Frankreichs. Es waren übrigens die Genossen, die mich in das gut gehütete Geheimnis der Anisette einweihten – genauer gesagt ein paar Eisenbahner, die mit mir auf Stalins Gedächtnis anstießen. Jungs von echtem Schrot und Korn. Männer aus Stahl. Mit ihnen bin ich zweimal nach Paris zu Demos gefahren. Als ihre Marketenderin. Was bedeutete, dass ich für den Proviant zuständig war. Vor allem für den flüssigen. Auf der Straße skandierten wir irgendwelchen Blödsinn, an den außer mir niemand wirklich glaubte. Die Jungs sahen gut aus, aber mehr war da nicht. Nach einem Jahr wurde mir endlich klar, dass selbst die lautesten Schreihälse keineswegs die Absicht hatten, alle Reichen aufzuhängen. Ich hingegen hatte davon geträumt, Unternehmern die Augen auszukratzen, Bischöfen die Eier abzuschneiden und reiche Dämchen von linken Hunden vergewaltigen zu lassen. Das Programm der Kommunisten wirkt so schillernd, dass naive Menschen dafür gern in die Partei eintreten und ihren Monatsbeitrag leisten. Ist man aber einmal dabei, Genosse, dann heißt es aufgepasst: Kein Großaktionär wird angeschwärzt, keinem Magnaten wird ein Härchen gekrümmt, und selbst Privatbesitz bleibt unangetastet. Den Kommunisten sind Erdöl und Weizen ebenso heilig wie das imperative Mandat. Unter solchen Umständen verliert das Fußvolk seine Illusionen. Inzwischen fühle ich mich ziemlich ernüchtert. Ich glaube an gar nichts mehr.«

An diesem Punkt breitete sich Schweigen zwischen uns aus. Ich spürte, dass die Entscheidung bevorstand. Mit leisem Seufzen legte ich die Karten endgültig auf den Tisch.

»Ich verstehe«, erklärte ich, einer plötzlichen Inspiration folgend. »Ich verstehe Sie sehr gut, Noème. Es gibt Dinge, die ich Ihnen nicht sagen kann, aber glauben Sie mir, bitte glauben Sie mir – noch ist nicht alle Hoffnung verloren.«

Das, was ich ihr mehr oder weniger widerstrebend über dem leeren Teller gestand, ließ sie aufhorchen. Interessiert blickte sie mich an.

»Was wollen Sie damit ausdrücken, Majésu?«

Es war das erste Mal, dass sie mich beim Vornamen nannte. Ich schmolz dahin. Ich gehörte ihr. Sie verfügte über meinen Körper, meine Seele und mein Leben. Von nun an würde ich ihr nichts mehr abschlagen können.

Sie blieb hartnäckig. »Was wollen Sie damit ausdrücken, Majésu?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen, Noème. Wissen Sie, es gibt Dinge, die man besser für sich behält.«

»Sagen Sie es mir. Ich flehe Sie an.«

»Es ist viel zu schwerwiegend. Trotzdem sollen Sie wissen, dass es Menschen gibt, die im Schatten arbeiten. Es gibt sie. Im Schatten.«

»Bitte ein wenig genauer, Majésu. Was reden Sie da von Schatten? Was wollen Sie mir damit sagen?«

»Es ist ein Geheimnis, Noème. Drängen Sie mich nicht. Es ist wie Dynamit. Akute Lebensgefahr!«

»So schlimm?«

Schlimm! Welch lächerliches Wort. Es war viel schlimmer als schlimm. Allein der Gedanke daran ließ meine Gesichtsmuskeln entgleisen.

Noème hatte mir das Entsetzen offensichtlich am Gesicht abgelesen, denn sie leerte ihr Glas in einem einzigen Zug. Ich glaube gar, dass sie ein wenig zitterte. Sie schüttelte den Kopf und wand sich auf ihrem Stuhl. Als Nächstes würde sie sich auf die Papiertischdecke übergeben, fürchtete ich.

»So beruhigen Sie sich doch, Noème«, bat ich sie.

»Sie beginnen etwas, ohne es zu Ende zu bringen«, warf sie mir vor. »Das ist nicht fair.«

Mit sehr leiser Stimme erklärte ich ihr, dass es mehr als unvorsichtig wäre, jemandem ein solches Geheimnis an einem öffentlichen Ort anzuvertrauen, wo es überall Ohren, Kameras, böswillige Menschen und Polizisten in Zivil gäbe.

»Die gibt es tatsächlich, da haben Sie recht«, räumte sie ein. »Die Bullen sind wirklich überall. Der Franzose an sich ist eine Seele mit einer Uniformmütze. Er liebt die Ordnung. Ich bin überzeugt, dass zwei Drittel der Tische in diesem Restaurant mit Polizisten oder Möchtegern-Bullen besetzt sind.«

»Sie mögen auch keine Polizisten? Dann müssten wir beide uns doch gut verstehen, oder?«

Aber sie wollte immer noch mein Geheimnis wissen. Ich spürte, dass sie zu allem Möglichen bereit war, wenn nur ihre Neugier befriedigt würde. Meine Strategie funktionierte. Sofort setzte ich nach.

»Ich bewohne ein abhörsicheres Zimmer«, flüsterte ich ihr zu. »Dort ist man gegen jede Art von indiskreten Lauschern geschützt. Außerdem habe ich Bier im Kühlschrank. Genau genommen handelt es sich um den perfekten Ort für die Fortsetzung unseres Gesprächs. Es liegt an Ihnen, sich zu entscheiden.«

»Verraten Sie mir dann Ihr Geheimnis?«

»Sagen wir mal, dass wir zumindest ernsthaft darüber sprechen könnten.«

Und so kam sie mit zu mir.

2

MEINE WOHNUNG SIEHT ZWAR nicht besonders einladend aus, aber man sollte nie nach Äußerlichkeiten urteilen. Sie hat Klasse. Außerdem ist sie zentral gelegen – weniger als fünf Minuten von der Grand-Place entfernt. Ein Fenster geht zum offiziellen Denkmal für die Gefallenen hinaus, das Schlafzimmer hingegen liegt zum Hof und ist garantiert ruhig. Alle anderen an den Hof grenzenden Wohnungen gelten als unbewohnbar und wurden von der Stadt geräumt, daher ist es ausgesprochen friedlich. Geblieben ist nur ein bulgarisches Homosexuellen-Pärchen. Sie sind die Besitzer des Mietshauses und haben geschworen, bis zu ihrem letzten Atemzug dort wohnen zu bleiben. Von ihnen habe ich die Bruchbude gemietet, in der ich wohne und meine einzigartige Ware in sechs hintereinander liegenden Zimmern mit geometrisch gemustertem PVC-Boden lagere. Außerdem verfügt die Wohnung über ein altmodisches Bad sowie eine geräumige, nach Süden ausgerichtete Küche, und der Strom liegt hinter Wandschränken – was will man mehr!

»Bitte schenken Sie der Unordnung keine Beachtung, Noème«, warnte ich. »Sie können sich sicher vorstellen, wie das ist: Ein Antiquitätenhändler sammelt viel, und das führt zu Durcheinander.«

»Bei Ihnen herrscht tatsächlich ein gewisses Tohuwabohu«, nörgelte sie.

Mithilfe von Fußtritten schlugen wir eine Schneise durch das Wirrwarr aus Kartons. Ich erklärte ihr, dass die Anhäufung von Kisten im Falle einer Invasion den Feind aufhalten sollte.

»Fürchten Sie denn etwas in der Art?«, fragte sie.

»In der heutigen Zeit und in unserer Gesellschaft muss man immer auf der Hut sein. Es ist zwar traurig, aber diese Welt steht unabhängigen, möglicherweise leicht anarchistischen Freigeistern im Rimbaud’schen Sinn ausgesprochen böswillig gegenüber – wenn Sie wissen, was ich meine.«

Zum Zeichen, dass ich kein Geizhals bin, nahm ich zwölf Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und versicherte ihr, meine Munition damit noch nicht verschossen zu haben. Daraufhin erkundigte sie sich:

»Sind Sie Alkoholiker?«

Ich versicherte ihr, dass dies nicht zutraf.

»Ich schon«, verkündete sie nicht ohne einen gewissen Stolz.

Ich glaube, ich hatte es bereits bemerkt. Im Café des Arcades und anschließend in der Pizzeria hatte sie recht tief ins Glas geschaut. Aber für jemanden wie mich, der alles über das Leben weiß, ist so etwas kein nennenswerter Makel. Wie auch immer man darüber denken mag: Durst vermag viele Dinge zu erklären. Ich will nicht verschweigen, dass auch ich eine gewisse Tendenz zeige. Aber es gibt Tage, an denen ich nichts trinke. Und wenn ich trinke, dann öffentlich. Das ist es, was mich von einem Alkoholiker unterscheidet, der jeden Tag und dazu noch oft im Verborgenen trinkt.

Ich füllte Ein-Liter-Maßkrüge. Ein Liter ist genau die Dosis, die bewirkt, dass man die unmittelbare Zukunft heiter in Angriff nehmen kann. Die Nacht war noch jung. Wir kuschelten uns auf die Couch. Nicht auf irgendeine Couch. Es handelte sich um ein Einzelstück, den Stolz der Erben Darwins. Als ich sie halb verschüttet auf der städtischen Müllkippe fand, recherchierte ich einer Eingebung folgend sofort ihre Herkunft, erfasste die Tragweite ihrer historischen Bedeutung und beschloss, sie zu retten. Dieses Möbelstück ist so wertvoll, dass ich darauf verzichtete, es wieder auf den Markt zu bringen.

»Wie ist das nun mit diesem Geheimnis?«, begann Noème.

Wir hatten Zeit. Zunächst befeuchteten wir unsere Kehlen, rauchten eine Zigarette und genossen den Abend. Noch zögerte ich. Und gab ihr auch zu verstehen, dass ich zögerte. Würde ich ihr sagen, was sie zu erfahren wünschte, würde ich mich ihr für den Rest meiner Tage vollends ausliefern. Eine kleine Träne stahl sich in mein rechtes Auge, das sehr empfindlich ist. Ich versuchte mich an einem Themenwechsel.

»Ich freue mich sehr, Noème, Sie bei mir in meiner vertrauten Umgebung begrüßen zu dürfen. Fühlen Sie sich wohl in meiner Nähe?«

»Die Couch scheint mit Pfirsichkernen gepolstert zu sein, aber das Bier schmeckt gut. Es ist also ein Mittelding.«

»Wir könnten uns auf den Bettrand setzen. Selbstverständlich ganz ehrenhaft. Das Schlafzimmer ist gleich nebenan.«

Zunächst zierte sie sich in aller Freundlichkeit. Sie sprach von diesem und jenem, ohne dabei jedoch zu vergessen, dass ich ihr eine sensationelle Enthüllung mehr oder weniger versprochen hatte. Ich für mein Teil setzte auf gerührte Zuvorkommenheit und machte ihr Komplimente, die an Schmeicheleien grenzten. Das ist nun einmal der Preis, den man für die Verführung einer Frau bezahlen muss. Aber ich war verliebt. Ich wiederhole: Ich war verliebt.

»Bitten Sie mich, um was Sie wollen, Noème. Ich bin Ihr Sklave.«

Sie aber wollte mich nur das aussprechen hören, was ich nicht sagen wollte.

»Majésu …«

Ihre Hand streifte meine. Sie leerte eine zweite Maß. Neigte ihren Kopf in meine Richtung. Sie lächelte und zwinkerte mir zu. Ich spürte, dass sich der Abstand zum Bett von Minute zu Minute verringerte.

»Noème, damit ich mein Geheimnis mit Ihnen teilen kann, müssen wir untrennbar verbunden sein, müssen tiefe Übereinkunft und machtvolle Gefühle herrschen.«

Wie unsere Lippen sich berührt haben? Es bleibt mir ein Rätsel. Ich hatte es nicht kommen sehen. Alles schien ganz normal, bis ich plötzlich eine Zunge in meinem Mund spürte, die nicht mir gehörte. Mein Kopf begann sich zu drehen. Ich probierte. Es war köstlich. Ich liebe Frauenzungen, oh ja.

Als sie wieder zu einem etwas gesitteteren Benehmen zurückfand, stellte sie fest, dass eine ihrer Brüste bereits in meiner Hand lag.

»Sie verlieren aber wirklich keine Zeit«, warf sie mir vor.

»Ich entschuldige mich in aller Form«, erklärte ich mit falscher Verlegenheit.

»Entschuldigen Sie sich nicht. Ein Mann, der küsst, weiß nie, was er mit seinen Händen anfangen soll.«

»Es geschah ganz von selbst, wissen Sie …«

»Männer gehen einem selten direkt an den Slip. Sie brauchen eine Titte. Es ist ihre Art, das Terrain zu sondieren.«

Sie glühte geradezu und suhlte sich auf dem Sofa der Familie Darwin. Ihr Rock rutschte weit über die Schenkel hinauf, was nicht meine Schuld war – ich schwöre es. Ein herrlicher Augenblick. Erneut ließ ich eine Bemerkung über die Bequemlichkeit des Bettes fallen und über die Vorteile, die uns ein Umzug dorthin bescheren würde, um unseren Körpern ein ihnen würdiges Umfeld zu bieten – so in der Art eben. Die einigermaßen materialistische Argumentation wertete ich mit Zärtlichkeit auf.

»Noème«, murmelte ich, »ich muss Ihnen gestehen, dass Sie mir ganz und gar nicht gleichgültig sind.«

Als Erklärung war dies vielleicht nicht gerade vielsagend, trotzdem nickte sie zustimmend. Von der Zustimmung zur Einwilligung ist es nur ein winziger Schritt. Aus Liebe entsteht Liebe. Ich liebte sie, und sie liebte mich. Mein ganzes Wesen fügte sich ihrer Forderung. Und schließlich wagte ich mich vor, mit geneigtem Haupt, wie ein romantischer Narr oder ein Poet.

»Noème, wollen Sie meine Frau werden?«

Sie hatte sicher einiges erwartet – das jedoch nicht. Sie schnappte nach Luft.

»Es ist mir ernst, Noème. Wir sollten diese Chance ergreifen. Unser Schicksal will es so.«

Zehn Minuten später wälzten wir uns auf dem Bett. Der Halbschatten des Zimmers wurde nur unterbrochen von einem Lichtstrahl, der durch die halb geöffnete Tür aus dem Flur hereindrang.

»Nicht jetzt«, flehte Noème, als ihr schwante, dass ich zum eigentlichen Akt übergehen wollte.

Ich zog mich zurück, setzte mich auf die Bettkante, barg das Gesicht in den Händen und begann zu weinen. Einer meiner Tricks, wenn nicht sogar der überzeugendste.

»Was ist?«, fragte sie beunruhigt.

»Als ich vorhin davon sprach, dass noch nicht alle Hoffnung verloren ist, wollte ich dir eigentlich nur mitteilen, dass ich einen Unternehmer getötet habe.«

Noème wollte alles ganz genau wissen. Sie setzte sich neben mich, ihre warme, gierige Hüfte dicht neben meiner, ihre Hände lagen flach auf den Oberschenkeln. Sie zitterte am ganzen Körper. Das, was ich ihr anvertraute, versetzte sie in Trance. Ich legte ein erhabenes Zögern an den Tag und beschränkte mich dann darauf zu wiederholen, dass ich einen Unternehmer getötet hatte.

»Wann war das? Wann?«

»Vor einem Jahr.«

»Du hast einen Unternehmer umgebracht?«

»Ja. Ich will, dass du das weißt, denn es steht mir nicht zu, dir irgendetwas zu verheimlichen. Ich liebe dich, und du musst meinen Charakter kennen und wissen, wozu ich fähig bin. Ich habe einen Unternehmer getötet.«

»Aus Versehen?«

»Nein, im Dienste der Gerechtigkeit.«

»Unglaublich, nicht zu fassen, unglaublich, nicht zu fassen«, murmelte sie vor sich hin.

»Und doch ist es wahr«, flüsterte ich zurück.

Nach und nach, angepasst an das Maß ihrer wachsenden Sympathie, rang ich mir weitere Details ab, sozusagen als Vorspiel zu noch aufsehenerregenderen Enthüllungen. Ich führte politische und revolutionäre Beweggründe an, sprach von Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Willkür, von Ressentiments gegen die Regierung und persönlicher Unzufriedenheit mit der Arbeitswelt.

»Nicht einmal die Kommunisten töten Unternehmer!«, rief sie.

»Feiglinge«, erklärte ich mit verzerrtem Mund.

»Verräter, meinst du wohl«, korrigierte sie mich.

»Entschuldige. Die Aufregung lässt mich die Worte verwechseln.«

Es dauerte eine Weile, alle Einzelheiten zu berichten. Ein Verbrechen zu gestehen fällt nicht leicht, auch wenn es nach allen Regeln der Kunst und aus hehren Motiven begangen wurde. Als ich vielleicht ein wenig zu lange bei meinen Skrupeln verweilte, winkte Noème entnervt ab. Fast wirkte sie verärgert.

»Wir weinen lebendigen Unternehmern schon keine Träne nach – dann erst recht keinen toten. Du hast ihn getötet und damit nur deine Pflicht getan.«

»Ich weiß, dass ich nur meine Pflicht getan habe. Trotzdem ist es bei Licht besehen eine strafbare Handlung.«

»Ich hoffe, er hat ordentlich gelitten.« Sie lachte hämisch. »Hat er gelitten? Sag mir, dass er gelitten hat.«

»Nicht sehr. Ich bin äußerst präzise vorgegangen und hatte mich vorher kundig gemacht.«

»Wie hast du es getan?«

»Mit dem Messer. Ein glatter Schnitt durch die Halsschlagader.«

Nun war sie vollends verzaubert. Außer sich vor Begeisterung und Freude.

»Bravo! Du hast ihn ausbluten lassen wie ein Schwein! Das hat schon fast symbolischen Charakter. Gehörte das zu deinem Plan?«

»Selbstverständlich.«

»Erzähl! Zuerst: Wer war es?«

Die Zeitungen waren damals voll davon gewesen, und mir war klar, dass der Name meines Opfers Noème nicht unbekannt sein würde. Ich neigte mich zu ihrem Ohr vor und flüsterte:

»Dourdine. Maximilien Dourdine.«

Ich dachte, sie würde abheben. Sie flog buchstäblich bis zur Decke wie ein Champagnerkorken.

»Du warst es, der diesem Mistkerl von Dourdine den Garaus gemacht hat?«

Jetzt war die Stunde der Bescheidenheit gekommen. Ich senkte den Blick und ließ die Schultern unter dem Gewicht der Verantwortung sacken. Noème fluchte wie ein Müllkutscher und war so glücklich, als hätte sie gerade eben die wunderbarste aller Nachrichten erhalten.

»Du hast Dourdine abgestochen!«

Das entsprach exakt der Wahrheit. Die von einer rachsüchtigen Hand an einem gerechten Arm geführte Klinge hatte die Halsschlagader glatt durchtrennt. Das Blut war bis zur gegenüberliegenden Hauswand gespritzt. Der Todeskampf hatte bei Weitem nicht lange genug gewährt. Ich verfolgte ihn, während ich leise die Internationale summte und dazu mit der Schuhspitze den Takt schlug.

Mein Schlafzimmer war plötzlich erfüllt von Schweigen und Halbdunkel. Wir waren in Gedanken vertieft, die sicher einige Gemeinsamkeiten aufwiesen. Gegen Mitternacht wurde es im Hof plötzlich laut. Es waren die alten bulgarischen Homosexuellen, die wie jeden Abend betrunken nach Hause kamen.

»Ich dachte bisher immer«, äußerte Noème, nachdem sie lange ihre Erinnerungen durchforstet hatte, »dass man den Mörder von Dourdine festgenommen hätte.«

»Das ist die unschöne Seite der Geschichte. Der Mann heißt Mika Brahut und hat nie aufgehört, seine Unschuld zu beteuern. Völlig zu Recht. Selbst wenn die Richter nachsichtig sind, riskiert er zwanzig Jahre, und das ist eine ganze Menge für ein nicht begangenes Verbrechen. Ich mache mir deswegen ernsthaft Vorwürfe.«

»Du brauchst doch nur daran zu denken, dass es nicht deine Schuld, sondern die von Dourdine ist. Und natürlich die der Polizei, die nachlässig gearbeitet hat. Ganz zu schweigen vom Gericht. Du hast nichts weiter getan, als einen Unternehmer auszuschalten. Eine völlig legitime Tat, deretwegen du dir keine Vorwürfe machen musst.«

»Manchmal wandern meine Gedanken nachts zu Mika Brahut, der auf dem feuchten Stroh seines Verlieses dahinvegetiert, und dann kann ich nicht mehr schlafen.«

»Du bist viel zu sensibel. Und möglicherweise zu stark von der jüdisch-christlichen Kultur geprägt.«

Um ehrlich zu sein, hatte mich Mika Brahuts Schicksal nie sonderlich beschäftigt, abgesehen davon, dass er Maximilien Dourdine hätte ermorden können. Natürlich wegen ausgesprochen banaler Beweggründe. Es verhielt sich nämlich so, dass Dourdine ein Verhältnis mit Madame Brahut gepflegt hatte, die er zu seinem Eigentum, seiner Sklavin und seiner Marionette gemacht hatte. Ihr hatte es gefallen. Er hatte sie geschlagen und mitten in der Nacht bei strömendem Regen in wenig mehr als einen Müllsack gehüllt Streichhölzer kaufen geschickt. Außerdem hatte er ihr Sex mit kleinwüchsigen Männern aufgezwungen, manchmal mit mehreren gleichzeitig.

»Sogar mit farbigen Zwergen«, erzählte ich Noème, die längst nicht über alle Scheußlichkeiten des urbanen Lebens informiert war.

Sie fand den Bericht über diese Gräuel entsetzlich, schlug beide Hände vor das Gesicht und erklärte, ihr würde gleich übel.

»Schon allein deswegen hast du gut daran getan, diesen gemeinen Kerl auszuschalten, Majésu. Du bist ein Heiliger, und das meine ich so, wie ich es sage.«

Erinnerungen wurden in ihr wach. Ihr fiel ein, dass sie Maximilien Dourdine in ihrer Jugend einmal begegnet war.

»Er gehörte nicht zu denen, die bei uns ein und aus gingen«, erzählte sie. »Aber irgendwann, als er Präsident der Handelskammer war, hatte er wegen irgendeiner Immobiliensache mit meinem Vater zu tun. Beide gehören zu den Menschen, die viel Zeit damit verbringen, ihre Geschäfte auf dem Rücken der Schwachen abzuwickeln. Mein Vater ist kein schlechter Mensch, aber man muss sich anstrengen, um positive Seiten an ihm zu entdecken.«

Ihre letzten Worte versetzten sie in eine Art Träumerei. Sie atmete schneller und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Ich begriff, dass ich auf dem Gipfel ihrer Wertschätzung angelangt war. Meine Arme schlossen sich um sie. Jetzt gehörte sie mir.

Es wurde eine Nacht voll höchster Genüsse. Ich bereute keine Sekunde, mich so schnell verliebt und mich dabei ausschließlich auf meinen Instinkt verlassen zu haben. Sie war eine wunderbare, verwegene und vielseitige Geliebte, die tapfer ihr Pensum verrichtete, ohne ihre Muskeln und ihr Vokabular zu schonen. Sobald wir eine Pause einlegten, bat sie mich, erneut von dem Mord an Dourdine zu erzählen. Die Geschichte erregte sie.

»Mein Leben lang habe ich mich danach gesehnt, einen Unternehmer zu töten«, stöhnte sie.

»Ich habe es getan …«

Im Halbkoma, das zum Teil auf die vielen aufeinander folgenden Höhepunkte und zum Teil auf die Müdigkeit zurückzuführen war, die sich allmählich unser bemächtigte, pries sie mich wie einen Helden, einen außergewöhnlichen Menschen oder eine lebende Legende. Immer wieder schwor sie, dass sie mich liebte, dass sie noch nie jemanden so geliebt habe wie mich und dass sie mich für immer lieben würde. Dabei verpflichtete sie sich mir für dreißig, später für fünfzig Jahre. Jede Stunde fügte sie zehn Jahre dazu.

»Ich werde dich bis zu meinem Tod lieben«, erklärte sie schließlich.

»Ich dich auch«, erwiderte ich, denn ich konnte mich ja nicht lumpen lassen.

Am nächsten Morgen zeigte ich ihr die Zeitungsartikel, die ich ausgeschnitten und in einer geheimen Schatulle gesammelt hatte. Während des Lesens stieß sie immer wieder kleine Freudenschreie aus. Ihr Jubel steigerte sich noch, als sie in einer Reportage über den Tatort den Beruf von Mika Brahut entdeckte.

»He, hast du gelesen, welcher Tätigkeit dieser Brahut nachgeht? Er ist Gerichtsvollzieher! Gerichtsvollzieher sind niemals unschuldig, gehen aber so gut wie immer straffrei aus. Er bezahlt also jetzt für all das Böse, das er im Verlauf seines Berufslebens begangen hat. Du hast zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Bravo! Ein Unternehmer auf dem Friedhof, ein Gerichtsvollzieher hinter Gittern. Zwei Schädlinge weniger in dieser Stadt. Du kannst mit erhobenem Haupt herumlaufen, Majésu! Wir bräuchten viel mehr Männer wie dich.«