Das Hotel - Jack Kilborn - E-Book

Das Hotel E-Book

Jack Kilborn

4,5
8,99 €

Beschreibung

Willkommen im Hotel des Grauens

Einladend wirkt das Rushmore Inn zwar nicht gerade, aber der Profisportlerin Maria bleibt nichts anderes übrig, als sich dort ein Zimmer zu nehmen. Als ihr klar wird, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, ist es schon zu spät – denn aus dem Rushmore Inn reist niemand lebend wieder ab ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 445




DAS BUCH

Das Rushmore Inn ist ein kleines familiengeführtes Hotel in den Hügeln West Virginias. Einladend wirkt es zwar nicht gerade, doch da ihr eigentliches Hotel hoffnungslos überbucht ist, bleibt der Profisportlerin Maria nichts anderes übrig, als in dem düsteren und heruntergekommenen Rushmore Inn abzusteigen. Schon in der ersten Nacht ereignen sich seltsame Dinge: Ihr Koffer verschwindet, ihr Handy ebenfalls und in ihrem Zimmer vernimmt sie beunruhigende Geräusche. Als Marias anfängliches Unbehagen in panische Angst umschlägt, ist es bereits zu spät. Ein Jahr später kann die Familie Roosevelt eine Gruppe neuer Besucher im Rushmore Inn begrüßen, darunter Marias Bruder und ihr Verlobter, die sich auf die Suche nach der verschwundenen Sportlerin gemacht haben. Auch die neuen Gäste des Hotels lernen schon bald den speziellen Service der Familie Roosevelt kennen. Einen Service, den man nie wieder vergisst – falls man ihn überlebt …

DER AUTOR

Hinter dem Pseudonym Jack Kilborn verbirgt sich ein bekannter amerikanischer Drehbuch- und Thrillerautor. Sein hochgelobter erster Horrorroman Angst ist in den USA bereits Kult. Der Autor lebt und arbeitet in der Nähe von Chicago. Weitere Informationen erhalten Sie unter:

www.jackkilborn.com

Jack Kilborn

Das Hotel

Roman

Deutsche Erstausgabe

Wilhelm Heyne Verlag

München

Titel der amerikanischen Originalausgabe

ENDURANCE

Deutsche Übersetzung von Wally Anker

Deutsche Erstausgabe 01/2012

Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer

Copyright © 2010 by Jack Kilborn

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-07196-7

www.heyne-magische-bestseller.de

»Wir peitschen wilde Bestien mit dem Geruch von Blut auf und wundern uns nichts ahnend über die Welle brutaler Begierde, die daraufhin durch das Land fegt.«

MARKTWAIN

»Dein Schmerz hat hier keine Bedeutung.«

LEONARDCOHEN

»Hier kommt niemand lebend raus.«

JIMMORRISON

Maria öffnete die Tür und wurde von Abraham Lincoln begrüßt.

Das Poster war bereits vergilbt, an den Rändern zerfleddert und hing über einem schmalen Doppelbett ohne Kopfteil. Die Wände waren mit Postkarten von Lincoln übersät, und er starrte von allen Richtungen in den Raum hinein. Als einzige Lichtquelle diente eine Stehlampe, deren Lampenschirm mit verblassten Zeitungsartikeln über– Überraschung!– Lincoln vollgekleistert war.

Also deswegen hat die verrückte alte Besitzerin es das Lincoln-Schlafzimmer genannt.

Maria schleppte ihren Koffer ins Zimmer, legte den Schlüssel auf eine verschrammte alte Kommode und schob den Riegel vor die Tür. Diese war genau wie das Schloss schwer und machte einen soliden Eindruck. Obwohl das eigentlich beruhigend auf Maria hätte wirken sollen, bekam sie in dem Zimmer eine Gänsehaut. Nicht nur das Zimmer, die ganze Pension ließ sie erschauern– angefangen mit der abgelegenen Lage über die heruntergekommene Fassade und die exzentrische Ausstattung bis hin zu der Ansammlung merkwürdiger Gerüche. Aber Maria hatte keine Wahl. Das Hotel in Monk Creek war ausgebucht gewesen, und dies schien das letzte freie Zimmer in ganz West Virginia zu sein.

Der Ironwoman-Wettbewerb war mit weltweiter Berichterstattung zu einem richtigen Event geworden, und man hatte ihre Zimmerreservierung an irgendeinen Reporter vergeben. Schon ironisch, dachte Maria, da sie eine angemeldete Teilnehmerin war und ohne Teilnehmerinnen schließlich sämtliche Reporter zu Hause bleiben könnten. An ihrer Stelle hätte eigentlich dieser Journalist im Lincoln-Schlafzimmer mit seiner bizarren Ausstattung und dem komischen Geruch nach Sandelholz und saurer Milch übernachten sollen.

Maria seufzte. Wie auch immer. Sie hatte nur noch eines im Sinn: nach einer mehr als zwölfstündigen Reise eine ruhige Nacht verbringen. Weil die Pension keinen Fitnessraum besaß, würde sie auf ihr nächtliches Workout verzichten müssen und stattdessen morgen früh acht Kilometer laufen. Dann konnte sie zum Event-Hotel zurückfahren. Sie hatten ihr dort nämlich versprochen, gleich in der Frühe ein Zimmer für sie herzurichten.

Genau genommen wird das Zimmer schon heute fertig sein.

Ein Blick auf die Lincoln-Uhr auf dem Nachttisch verriet ihr, dass es bereits nach zwei Uhr nachts war.

Sie hatte versprochen, Felix anzurufen. Also holte sie ihr Handy aus der Tasche ihrer Jeans, und ihre Daumen wischten über die Tasten.

F– schläfst wohl schon. Bin in unheimlicher pension, kein hotel. Lange geschichte, aber umsonst– mehr für unsere Hochzeitsreise :) HASE, ILD– M.

Maria spazierte im Zimmer auf und ab, hielt das Handy über den Kopf und hoffte auf eine Verbindung. Die Dielen ächzten unter ihrem Gewicht. Als auf dem Display ein Balken aufleuchtete, schickte sie die SMS ab und ging dann zum Bett. Sie legte das Handy auf den Nachttisch, damit sie vor dem Schlafengehen nicht vergessen würde, es aufzuladen, wuchtete den Koffer auf die Matratze, suchte nach ihrer Kulturtasche und marschierte dann ins Bad. Dort schaltete sie das Licht an und wurde prompt von einem Bild Lincolns auf dem Toilettensitz begrüßt. Seufzend stellte sie die Tasche ab.

»Ob ich eine Fünf-Dollar-Note je wieder unbedarft in die Hand nehmen werde?«, scherzte sie freudlos. Statt diese ganze Lincoln-Sache lustig zu finden, war sie ihr eher unheimlich.

Maria zog die Tür hinter sich zu– mehr aus Gewohnheit als aus Scham–, klappte den Deckel hoch, knöpfte ihre Jeans auf und setzte sich. Der kalte Sitz verursachte eine Gänsehaut auf ihren gebräunten Schenkeln. Sie gähnte. Ein langes, ausführliches Gähnen. Der anstrengende Tag machte sich endgültig bemerkbar.

Das Bad war wie das Zimmer winzig. Das Waschbecken war neben die Duschkabine gezwängt, und wenn Maria etwas größer gewesen wäre, hätten ihre Knie die gegenüberliegende Wand berührt, an der ein gerahmtes Bild von Lincoln hing. Ein Porträt aus seinen jüngeren Jahren, als er noch nicht den berühmten Bart trug. Die extrem lebensecht gemalten Augen schienen sie anzustarren.

»Perversling«, flüsterte sie.

Lincoln antwortete nicht.

Durch die Wand waren Stimmen zu vernehmen. Es waren die zwei Männer, die sie beim Einchecken über Sport im Fernsehen hatte streiten hören. Sie wiederholten sich ständig. Maria horchte auf die knarzenden Dielen und hoffte, dass sie der Geräusche wegen nicht die ganze Nacht über wach bleiben würde. Kaum hatte sich der Gedanke in ihrem Kopf geformt, war er allerdings schon wieder verflogen. Maria war so müde, dass sie wahrscheinlich sogar bei einem Metallica-Konzert eingeschlummert wäre.

Sie spülte und drehte dann den Hahn auf, aus dem rostbraunes Wasser lief. Erst letzte Woche hatte sie einen Artikel über Bakterien in Leitungswasser gelesen. Deshalb entschied sie sich, beim Zähneputzen auf Nummer sicher zu gehen. Sie drehte den Hahn zu, legte die Zahnbürste aufs Waschbecken, öffnete die Tür und trat ins Schlafzimmer. Sie nahm den Koffer, der auf dem Boden stand, legte ihn auf das Bett und holte eine halb volle Flasche Wasser heraus. Dann drehte sie sich um, ging zwei Schritte in Richtung Bad und hielt abrupt inne.

Hatte ich den Koffer nicht aufs Bett gelegt?

Adrenalin schoss ihr in den Kopf, ihr Herz raste, und sie wandte sich langsam um. Sie starrte den Koffer an wie ein bösartiges Tier, eilte zur Tür und kontrollierte den Riegel.

Noch immer zugeschoben. Der Schlüssel lag nach wie vor auf der Kommode. Maria drehte sich einmal um die eigene Achse, während sie alles in sich aufnahm. In einer Ecke stand ein kleiner Schreibtisch samt Stuhl. Auf dem Bett lag eine gelbe Tagesdecke mit rostbraunen Quasten. Es sah aus wie frisch gemacht. Die Schranktür stand offen, der Schrank war leer. Braune Vorhänge schmückten die Wand vor dem Fenster.

Sie bewegten sich.

Als ob sich jemand dahinter verstecken würde.

Instinktiv wollte sie fluchtartig das Zimmer verlassen, doch dann überlegte sie. Sie befand sich im ersten Stock. Wie also sollte jemand durch das Fenster hereinkommen, um ihren Koffer umzustellen? Es schien viel logischer, dass sie den Koffer selbst auf dem Boden abgestellt hatte. Sie war schlichtweg zu müde, um sich daran zu erinnern. Und die Vorhänge bewegten sich, weil das Fenster offen stand.

»Du bist fertig«, sagte sie laut. »Du leidest schon unter Halluzinationen.«

Aber Maria war sich eigentlich sicher, dass sie den Koffer auf das Bett gelegt und den Reißverschluss geöffnet hatte, um die Kulturtasche herauszuholen. Da gab es im Grunde keinen Zweifel.

War er vielleicht runtergefallen?

Aber würde er dann so perfekt gelandet sein? Und warum hatte sie nichts gehört?

Sie starrte erneut auf den Koffer. Er war schwer. Außer ihren Klamotten hatte sie eine ganze Palette Wasser mitgeschleppt– wegen ihrer neu entfachten Bakterienphobie. Sie hätte seinen Aufschlag nicht überhören können. Allerdings hatte sie sich auf die streitenden Männer konzentriert und…

»Das Knarzen…«, sagte sie laut. »Ich habe das Knarzen der Dielen gehört.«

Was, wenn es nicht aus einem der benachbarten Zimmer gekommen war?

Was, wenn es aus ihrem Zimmer stammte– wenn jemand über ihren Boden gelaufen war?

Eine Gänsehaut lief ihr über die Arme.

Was, wenn der Einbrecher noch immer im Zimmer war?

Sie hielt inne. Ihre Beine waren schwer, und ihr Mund fühlte sich so trocken an, dass ihr die Zunge an den Zähnen klebte. Sie war sich durchaus bewusst, dass ihre Paranoia vielleicht durch ihre Erschöpfung hervorgerufen wurde. Außerdem war die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hier eingebrochen war, nur um ihren Koffer vom Bett auf den Boden zu stellen, gleich null.

Und doch…

Maria ballte die Hände zu Fäusten und entspannte sich dann wieder. Sie starrte auf die Vorhänge und traf eine Entscheidung.

Ich muss nachschauen.

Sie holte tief Luft, atmete langsam aus und schlich auf das Fenster zu. Die Vorhänge bewegten sich nicht mehr, und Maria zweifelte bereits daran, ob sie es jemals getan hatten. Sie ließen kein Licht in den Raum, obwohl es nur einfache Vorhänge waren. Aber schließlich lag die Pension irgendwo im Niemandsland, und durch den dichten Wald drang weder das Licht der Sterne noch das des Mondes.

Entweder das, oder jemand sitzt auf dem Fensterbrett und lässt kein Licht durch.

Maria schluckte. Sie wusste, dass sie es nur noch schlimmer machte. Sie verspürte den gleichen Adrenalinausstoß wie vor einem Wettkampf.

Plötzlich hörte der Streit über ihr auf. Mitten im Satz. Tödliche Stille kehrte ein. Lediglich Marias zaghafte Schritte und das Knarzen der Dielen waren zu vernehmen. Der faule Gestank, den sie vorher schon wahrgenommen hatte, nahm zu, je näher sie dem Fenster kam.

Könnte sich wirklich jemand hinter dem Vorhang verstecken und darauf warten, hervorzuspringen?

Maria kam sich wie ein Kind vor, als ob sie noch einmal neun Jahre alt wäre und mit ihrem jüngeren Bruder Cameron Verstecken spielte. Er hatte es geliebt, plötzlich aus dem Nichts aufzutauchen und sie so sehr zu erschrecken, dass sie aufschrie. Einen Augenblick lang stellte sie sich vor, dass Cam hinter den Vorhängen stand, die Arme in die Höhe gestreckt, auf den richtigen Moment wartend, um sie zu packen. Eine der wenigen netten Erinnerungen an Cam.

Dann machte Cam etwas anderem in ihrer Vorstellung Platz: einem verschmutzten, haarigen Irren mit einem rostigen Messer.

Maria schüttelte den Kopf, als könnte sie den Gedanken dadurch vertreiben.

Aber es funktionierte nicht.

»Reiß dich zusammen«, flüsterte sie. »Da ist nichts.«

Nur noch einen halben Meter. Plötzlich bewegten sich die Vorhänge erneut.

Und noch einmal.

Als ob jemand von der anderen Seite dagegen stieß.

Maria zuckte zusammen und wich zurück.

Das ist nur der Wind.

Was sollte es sonst sein.

Oder?

»Das ist der Wind«, murmelte sie zähneklappernd.

Der Wind. Sonst nichts. Garantiert nicht irgendein Typ, der in mein Zimmer einbricht.

Aber was wäre, wenn…

Sie dachte an das Pfefferspray in ihrem Koffer, dachte daran, so schnell wie möglich von hier abzuhauen. Wenn nur Felix bei ihr wäre. Er würde sich über das alles totlachen.

Du legst locker einen Triathlon hin, bist aber zu feige, um zum Fenster zu gehen?

Nein, ich bin nicht zu feige. Ich habe vor nichts Angst.

Aber sie holte trotzdem das Pfefferspray und hielt es vor sich, als ob es alles Böse von ihr abzuwenden vermochte. Vor dem Fenster zögerte sie erneut. Die Vorhänge hatten aufgehört, sich zu bewegen.

»Tu es.«

Maria rührte sich nicht von der Stelle.

»Tu es einfach.«

Sie biss die Zähne zusammen und riss mit einer Bewegung die Vorhänge beiseite…

…um eine Wand freizulegen, wo eigentlich das Fenster hätte sein müssen.

Sie starrte verwirrt auf die Ziegel, spürte dann aber einen kühlen Luftzug am Arm.

Da. In der Ecke. Ein Loch im Mörtel, durch das der Wind blies.

Maria musste lachen. Es klang in dem winzigen Raum seltsam hohl. Sie drückte gegen die Ziegel, um sicherzugehen, dass sie keine getarnte Tür oder dergleichen waren, aber sie fühlten sich kalt und solide an.

Nur ein Geist hätte da durchkommen können. Und Maria glaubte nicht an Geister. Das Leben war schaurig genug. Man musste nichts Schauriges dazuerfinden.

Sie ließ den Vorhang los und dachte erneut an Cameron und all das, was er durchgemacht hatte. Das war echter Horror gewesen– nicht nur ein Luftzug, der die Vorhänge in einer heruntergekommenen Hinterwäldler-Pension bewegte.

Wegen ihres intensiven Trainings hatte sie ihren Bruder schon einige Wochen lang nicht mehr gesehen. Sie wollte ihn aber direkt nach dem Wettkampf in der Anstalt besuchen. Vielleicht würde Felix mitkommen, obwohl ihm Cam nicht ganz geheuer war.

Er wird trotzdem kommen, schließlich liebt er mich.

Erneut sehnte sie sich nach Felix. Er hatte versprochen, dass er beim Wettkampf am Samstag da sein würde, damit er danach ihre müden Muskeln massieren konnte.

Maria warf einen Blick auf ihre linke Hand und den birnenförmigen Diamanten an ihrem Ringfinger. Er schimmerte gelblich. Ihre Lieblingsfarbe. Manchmal vergingen Stunden, ohne dass sie sich des Rings bewusst war, obwohl sie ihn erst seit ein paar Tagen trug. Aber bei seinem Anblick musste sie immer wieder lächeln.

Maria ging am Bett vorbei zur Tür, um sicherzugehen, dass der Riegel noch immer vorgeschoben war, und fragte sich, warum sie das alles derart aus der Fassung gebracht hatte.

Sie drehte sich Richtung Bad, als sie plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm.

Die Quasten der Tagesdecke auf dem Bett flatterten.

Als ob etwas sie gestreift hätte.

Etwas, das unters Bett gekrochen war.

Maria blieb stocksteif stehen. Die Angst hatte sie erneut ergriffen und hielt sie in ihren Klauen. Sie spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug.

Da ist NIEMAND unter meinem Bett.

Und doch…

So weit hergeholt diese Idee auch schien– es gab unter dem Bett genügend Platz für jemanden, der sich dort verstecken wollte. Schließlich stand es auf relativ hohen Beinen.

Ein verschmutzter, haariger Irrer mit rostigem Messer?

Maria schüttelte den Kopf.

Das war wieder der Wind.

Nein, unmöglich. Diese Seite des Betts war vom Fenster abgewandt.

Eine Ratte?

Es konnte eine Ratte sein.

»Letztes Jahr war ich Vierte beim Iron Woman. Ich habe keine Angst vor einer kleinen Ratte.«

Maria kniete sich auf den Boden und kroch Richtung Bett.

Was, wenn tatsächlich ein Mann darunter lag?

Nein, da lag niemand.

Aber was, wenn doch? Was, wenn er mich packt, sobald ich die Tagesdecke hochhebe?

»Dann bekommt er eine Ladung Pfefferspray in die Augen, ehe ich ihn windelweich prügle«, sagte sie laut.

Maria streckte eine Hand nach der Decke aus, während die andere mit dem Pfefferspray zielte.

Ich mach das jetzt. Auf Drei.

Eins…

Zwei…

Drei!

Maria riss die Tagesdecke hoch.

Niemand packte sie. Unter dem Bett war alles leer, außer einer Wollmaus, die sie wegpustete. Sie ließ die Tagesdecke los, stieß einen lauten Seufzer aus und entspannte sich ein wenig.

»Es wird wirklich Zeit, dass ich mich hinlege.«

Maria stand auf und überlegte, wann sie das letzte Mal geschlafen hatte. Mittlerweile war es über vierundzwanzig Stunden her– lang genug, um jeden nervös oder panisch werden zu lassen.

Sie kehrte wieder ins Bad zurück, griff nach der Zahnbürste auf dem Waschbecken und stellte sich vor, wie sie ins Bett fallen und sich gemütlich einwickeln würde.

Ihre Zahnbürste war verschwunden.

Maria sah unter das Becken und in ihre Kulturtasche.

Sie war nirgends zu finden– wie vom Erdboden verschluckt.

Maria starrte das Poster an. Lincoln erwiderte ihren Blick mit grimmiger Miene.

Das hat nichts mit Erschöpfung zu tun. Hier spielt mir jemand einen Streich.

»Ich pfeife auf das Zimmer, selbst wenn es so gut wie nichts kostet«, sagte sie laut. »Ich gehe jetzt.«

Sie eilte zum Bett zurück, um sich ihr Handy vom Nachttisch zu schnappen.

Auch das Handy war verschwunden.

Stattdessen lag etwas anderes an seinem Platz. Etwas Kleines, Braunes.

Maria stieß einen Schrei aus und zuckte zurück.

Das ist nicht wahr. Das muss ein schlechter Witz sein.

Sie starrte auf das braune Ding, als ob es sie jeden Augenblick anspringen würde.

Ist das echt? Sieht vertrocknet und alt aus.

Irgendein blöder Halloween-Scherzartikel vielleicht?

Doch dann roch sie es. Ein Gestank von Verwesung, der sich in ihrer Nase und ihrem Mund ausbreitete und sie würgen ließ.

»Das ist echt. Gütiger Himmel… Es ist wirklich echt.«

Jemand hat ein menschliches Ohr in mein Zimmer gelegt.

Sie rannte zur Tür und riss sie auf. In ihrer Panik entging ihr, dass sie die Tür nicht erst entriegeln musste. Sie hielt das Pfefferspray in der rechten Hand– bereit, jeden damit anzuspritzen, der ihr im Weg stand.

Aber der Flur lag leer, dunkel und still da.

Sie eilte zur Treppe, vorbei an Türen mit Namen wie Theodore Roosevelt, Harry S. Truman und Millard Fillmore. Über der gewundenen Treppe hing ein riesiges Poster von Mount Rushmore. Maria stürzte zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinab und rannte so schnell sie konnte am Frühstückszimmer mit dem elektrischen Kamin vorbei Richtung Haustür. Sie drehte am Türknauf und warf sich dann mit aller Wucht gegen die Tür.

Aber die Tür gab nicht nach. Maria prallte gegen das Holz und verletzte sich dabei an der Schulter. Sie drehte erneut am Türknauf.

Keine Chance.

Dann riss sie daran, aber auch das brachte nichts.

Leise fluchend suchte sie nach einem Riegel, einem Schloss, einem Türstopper oder einem anderen Grund, warum die Tür nicht aufgehen wollte. Aber die einzige Art, die Tür zu verriegeln, schien der Knauf zu sein, und der ließ sich ohne Probleme drehen. Sie biss die Zähne zusammen und warf sich erneut gegen die Tür.

Aber sie hätte sich genauso gut gegen eine Betonwand werfen können. Die Tür zitterte nicht einmal.

»He! Kleine!«

Die Worte trafen Maria wie ein Schlag. Eine männliche Stimme– irgendwo hinter ihr. Sie drehte sich blitzartig um und spannte dabei jeden Muskel an.

»Ja, ich rede mit dir, Süße. Wir wollen uns jetzt ein bisschen amüsieren– ja, das wollen wir.«

Die Stimme klang heiser und gemein, mit einem irgendwie hinterwäldlerischen Akzent. Aber Maria konnte sie nicht lokalisieren. Der Empfangsraum und der Aufenthaltsraum zu ihrer Rechten schienen leer zu sein. Der staubige Kronleuchter aus Hirschgeweihen über ihr warf seltsame, flatternde Schatten an die Decke, und im Frühstückszimmer flackerte das orangefarbene Licht des elektrischen Kamins.

»Wer ist da?«, rief Maria, den Arm mit dem Pfefferspray noch immer ausgestreckt, den Finger auf dem Knopf der Sprühflasche. Sie war jederzeit bereit, abzudrücken.

Keine Antwort.

Er konnte sich überall verstecken: hinter dem Sofa, in den vielen Ecken, neben dem großen Bücherregal, hinter der überlebensgroßen Statue von George Washington, der ein Schild in die Höhe hielt, auf dem »Willkommen im Rushmore Inn« stand, oder sogar auf der Wendeltreppe.

Mit dem Rücken zur Wand schlich Maria langsam nach rechts– höllisch darauf achtend, ob sie irgendwo eine Bewegung wahrnahm. Am liebsten wäre sie einfach davongerannt, um sich zu verstecken, aber sie konnte nirgendwohin. Hinter sich bemerkte sie Vorhänge. Sie drehte sich rasch um, zog die Vorhänge beiseite und wollte das Fenster öffnen.

Doch wie im Lincoln-Zimmer war auch hier hinter dem Vorhang kein Fenster, sondern eine Ziegelwand. Bereits bei ihrer Anreise hatte sie es als merkwürdig empfunden, dass sämtliche Fensterläden geschlossen waren. Jetzt kannte sie den Grund.

Das Haus war wie ein Gefängnis.

Dieser Gedanke machte einem schlimmeren Platz.

Ich bin nicht das erste Opfer.

Maria umklammerte das Pfefferspray mit beiden Händen und zitterte am ganzen Leib. Sie kicherte nervös, aber es klang eher wie ein Piepsen. Also holte sie tief Luft und schrie verzweifelt: »Hilfe!«

Das Haus nahm ihren Hilferuf auf, ließ ihn kurz als Echo widerhallen und verschluckte ihn dann.

Kurz darauf hörte sie: »Hilfe!«

Doch es war kein Echo, sondern eine männliche Fistelstimme, die sie gehässig nachäffte.

Der Ruf kam von der Treppe.

»Hilfe!« Eine andere Stimme– diesmal aus dem Aufenthaltsraum.

»Hilfe!« Diesmal noch näher, aus Richtung einer keine drei Meter von ihr entfernten Schranktür.

»Hilfe.« Eine tiefe Stimme. Kein Schrei, sondern leise und verhalten.

Und sie ertönte ganz in ihrer Nähe, fast neben ihr.

Die Washington-Statue.

Sie lächelte Maria an, und ihre schiefen Zähne sahen so gar nicht nach Statue aus.

Der riesige Mann ließ das Willkommensschild fallen und stürzte sich mit ausgestreckten Armen auf sie.

Maria drückte auf den Auslöser des Pfeffersprays.

Der Strahl zischte weit an dem Kerl vorbei, und seine Hand fasste nach ihrer Bluse.

Sie wich ihr aus und rannte auf die Treppe zu, als plötzlich die Schranktür aufging und jemand herausstürzte. Dieser Kerl war groß und fett und…

Gütiger Himmel, was war bloß mit seinem Körper los?

Maria wandte den Blick ab und stürmte weiter Richtung Treppe. Die unzähligen Trainingsstunden, die sie hinter sich gebracht hatte, waren nicht umsonst gewesen. Sie rauschte so schnell an dem Mann mit seinem Bloß-nicht-in-die-grässliche-Fratze-schauen-Gesicht im ersten Stock vorbei, dass ihr seine Reaktion wie zeitlupenverzögert vorkam. Sie wich seiner Attacke duckend aus und atmete dabei einen grauenvollen Verwesungsgestank ein. Jetzt blieb ihr nur noch eins übrig: sich in Richtung des einzigen anderen bewohnten Zimmers zu schlagen– zumindest soweit sie das wusste. Und das war das mit den zwei streitenden Männern.

Sie zankten sich immer noch. Ihre Stimmen drangen hinter einer Tür hervor, auf der Theodore Roosevelt stand. Ohne anzuklopfen, stürzte Maria in das Zimmer, warf die Tür hinter sich ins Schloss und schob den Riegel vor.

»Sie müssen mir helf…«

Das Licht erhellte ein leeres Zimmer. Die Stimmen stritten weiter, aber es waren nirgendwo Männer zu sehen. Ihr Blick richtete sich auf den Nachttisch neben dem Bett, und sie entdeckte ein altes Tonbandgerät. Die Stimmen der Männer dröhnten in einer Endlosschleife aus dem Lautsprecher.

Plötzlich erlosch das Licht, und das Tonband verstummte.

Maria rührte sich nicht vom Fleck. Sie hörte jemanden weinen. Als sie merkte, dass das Geräusch von ihr selbst stammte, erschrak sie noch mehr und sank verzweifelt zu Boden. Dann kroch sie zum Bett. Das Zimmer glich vom Grundriss und der Anordnung der Möbel her ihrem, und es dauerte nicht lange, ehe sie die Tagesdecke ertastet hatte. Sie zog die Beine an und robbte dann mit den Füßen zuerst auf dem Bauch unter das Bett. Den Kopf streckte sie unter der Tagesdecke hervor, damit sie besser hören konnte.

Zuerst nahm sie lediglich ihr wild hämmerndes Herz und ihr panisches Ringen nach Luft wahr. Sie konzentrierte sich. Allmählich atmete sie ruhiger, holte durch die Nase Luft und stieß sie durch die aufgeblasenen Wangen aus.

Dann hörte sie Schritte. Vom Flur. Sie kamen näher. Erst eine Person. Sie ging langsam und bedacht, aber jeder Schritt glich einem Donnerschlag. Dann andere Schritte, genauso schwer, die sich rasch näherten. Beide hielten vor der Tür an.

»Ich glaube, die Kleine ist hier drin.«

»Das ist doch Teddys Zimmer. Da können wir nicht rein.«

»Aber sie ist da drin. Es wird langsam Zeit.«

Maria hörte, wie sich der Türknauf drehte. Rasch zog sie den Kopf zurück, sodass die Tagesdecke bis zum Boden hing.

»Das darfst du nicht. Das darfst du wirklich nicht.«

Die Tür knarzte und öffnete sich dann langsam. Maria sah den breiter werdenden Lichtstrahl, bis sie zwei gewaltige Silhouetten unter der Tür ausmachen konnte. In den Händen hielten sie Taschenlampen.

»Du kennst die Regeln: Der, der sie zuerst findet, darf sie anzapfen.«

»Ich geh da nicht rein. Und du solltest es auch nicht.«

»Halt’s Maul. Die Kleine gehört mir.«

»Aber das ist Teddys Zimmer.«

»Halt’s Maul!«

Der Mann, der sich als George-Washington-Statue getarnt hatte, richtete dem anderen Mann den Strahl der Taschenlampe ins Gesicht, und Maria musste die Hand auf den Mund pressen, um nicht laut aufzuschreien. Sein Gesicht war… Um Gottes Willen… Sein Gesicht war…

»Pass bloß auf!«

»Ich hab’ gesagt, du sollst das Maul halten!«

»Ich sag es ihm!«

»He! Wehe!«

Dann schloss sich die Tür, und die beiden gingen den Flur entlang zur Treppe zurück.

Maria schlotterte am ganzen Körper, als ob sie jeden Moment erfrieren würde. Der Schrecken saß ihr derart in den Knochen, dass sie sich nicht zu bewegen vermochte. Aber ihr blieb keine andere Wahl. Sie musste sich zusammenreißen und versuchen, von hier wegzukommen.

Waren alle Fenster zugemauert? Vielleicht nicht. Vielleicht könnte sie sich aus einem Fenster stehlen und irgendwie an der Hauswand hinunterklettern. Oder auf das Dach flüchten. Lieber das Dach als dieses Zimmer und die lauernden Missgeburten davor.

Maria hörte ein Geräusch. Ganz leise. Ganz nah.

Ein kratzendes Geräusch.

Sie schloss die Augen und lauschte, vernahm aber nichts als ihr eigenes Atmen. Also holte sie tief Luft und lauschte erneut.

Aber das Atmen hörte nicht auf.

Ein kratzendes, feuchtes Atmen.

Direkt neben ihr.

Da lag jemand direkt neben ihr.

»Ich bin Teddy.«

Seine Stimme war tief und rau, und als Maria sie so nahe neben sich hörte, machte sie sich vor Angst in die Hose.

»Ich werde dich anzapfen, Kleines. Schön langsam werd’ ich dich anzapfen.«

Etwas fasste nach ihren Beinen, und sie schrie lauter als je zuvor in ihrem Leben, lauter, als sie es je für möglich gehalten hatte. Sie trat und kratzte, während sie durch eine Falltür im Boden nach unten gerissen wurde.

Ein Jahr später

»Warum begleitest du nicht deine Großmutter?«, schlug Mom vor und wischte sich Schweiß von der Stirn, den ein Schmutzstreifen ersetzte. »Und nehmt JD mit. Der Hund braucht Auslauf.«

Kelly Pillsbury runzelte die Stirn. Ihre Mutter hatte die letzten zehn Minuten damit verbracht, den platten Reifen zu wechseln, aber die letzte Schraube wollte sich partout nicht drehen lassen. Jede der Frauen hatte es mit dem Schraubenschlüssel versucht, aber die Schraube war festgerostet. Grandma hatte vorgeschlagen, es mit Schmiermittel zu versuchen, und jetzt warteten sie darauf, dass es einzog und sie endlich den Reifen wechseln und wieder losfahren konnten.

»Ne, geht schon«, antwortete Kelly.

Sie warf einen verstohlenen Blick auf die Wildnis um sie herum. Bäume, so weit das Auge reichte– mehr Bäume, als sie je zuvor gesehen hatte. Es war atemberaubend. Hier draußen in der Natur fiel Kelly sogar aus ihrer gewohnten Rolle als mürrische Teenagerin. In drei Tagen würde sie dreizehn werden.

Plötzlich bemerkte sie eine Bewegung in der Nähe der Baumgrenze. War das ein Mann?

Ein Mann, der sich hinter den Sträuchern versteckte.

Nein, das war viel zu groß für einen Mann. Vielleicht ein Bär?

Nein. Bären trugen keine Overalls.

Kelly spähte in den Wald hinein, aber die Gestalt war verschwunden. Sie lauschte, hörte aber lediglich das Klicken der drehenden Hinterreifen ihrer Fahrräder, die auf dem Dach des Autos montiert waren. Vermutlich hatte sie sich das Ganze nur eingebildet– ihre Augen hatten sich wohl einen Scherz mit ihr erlaubt. Kein Wunder nach einer so langen Autofahrt.

Wer sollte sich schon hier herumtreiben, am Ende der Welt? Wir haben die Zivilisation vor gut zwei Stunden hinter uns gelassen.

Sie wandte sich wieder ihrem iPod zu und konzentrierte sich auf ihr Spiel, Zombie Apocalypse. Sie hatte Level 64 erreicht, aber nur ein Viertel Lebenskraft übrig. Kelly hatte es noch nie bis Level 65 geschafft, obwohl sie das Spiel bereits seit über einem Monat besaß.

»Kelly?«, forderte ihre Mom sie auf.

»Was?«

»Das war keine Bitte.«

»Was?« Mom störte ihre Konzentration erheblich.

»Du und Florence– ihr nehmt den Hund und geht Gassi mit ihm.«

Kelly drückte auf Pause. Mom hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre Muskeln spielten wie die eines Mannes. Unbewusst nahm Kelly ihre eigenen Oberarme in Augenschein. Sie war zwar stolz darauf, stärker als andere zu sein, wollte aber nie so wie ihre Mutter aussehen. Nie. Muskeln und Frauen passten einfach nicht zusammen.

»Grandma schafft das schon allein.«

Die beiden blickten zu Grandma hinüber. Die fünfundsechzigjährige Frau zerrte an JDs Leine, aber der Hund hockte mitten auf der Straße und leckte sich zwischen den Hinterläufen. Mit einem Gewicht von gut fünfzig Kilo wog der Schäferhund in etwa so viel wie Grandma.

»Kelly, ich will dich nicht noch einmal fragen.« Mom hatte die Stimme gesenkt. »Gib ihr eine Chance. Bitte. Tu es für mich.«

Kelly stieß einen lauten Seufzer aus und rollte mit den Augen, obwohl Mom sie so gut wie nie um etwas bat. Dann steckte sie den iPod in ihre Bauchtasche und begab sich zu Grandma und dem Hund. Es war schlimm genug, dass Grandma nach dem Ironwoman-Wettkampf zu ihnen ziehen würde. Aber Mom hatte auch noch darauf bestanden, dass Kelly ihr großes Zimmer an ihre Großmutter abgeben und in ein wesentlich kleineres ziehen sollte.

Total unfair.

Kelly verstand ebenfalls nicht, warum Grandma unbedingt zu ihnen kommen musste. Sie und Mom hatten sich vor Jahren zerstritten– kurz, nachdem Dad gestorben war–, und Kelly hatte ihre Grandma nicht mehr gesehen, seit sie sechs Jahre alt war. Sie hatte keinen Schimmer, warum die beiden so lange nichts voneinander wissen wollten, aber das schien jetzt sowieso egal zu sein. Sie taten sogar so, als ob sie füreinander sorgten. Auf einmal herrschte eitel Sonnenschein und großes Familienglück.

»Ganz schön dickköpfig.« Grandma ließ die Leine locker. Sie trug das Gleiche wie Kelly: eine kurze Jogging-Hose und ein zu großes T-Shirt, das sie trotzdem mehr oder weniger ausfüllte. »Ich glaube nicht, dass er mich mag.«

»Er bewegt sich nur für mich oder Mom. Wenn er dich nicht leiden könnte, würdest du es wissen. Knurren, aufgestellte Nackenhaare und so. Komm her, JD.«

Bei diesem Kommando stellte JD die Ohren auf und sprang zu Kelly, wobei er sich mühelos von Grandma losriss. Er stupste das Mädchen mit seinem massiven Schädel gegen die Hüfte und leckte dessen Arm, ehe er sich dem Schorf an Kellys Knie zuwandte, den sie sich einige Tage zuvor beim Training zugezogen hatte.

Grandma folgte ihm. Sie war weder so muskulös noch so groß wie Mom, aber die beiden Frauen sahen einander dennoch extrem ähnlich. Wenn all drei Pillsburys nebeneinander standen, glaubte man, dieselbe Person in verschiedenen Altersstufen vor sich zu sehen. Sie hatten nicht nur allesamt blonde Haare, sondern auch noch die gleiche Frisur– einen Pferdeschwanz–, wobei bei Grandma bereits das Grau überwog.

»Wollen wir Richtung Norden gehen?«, schlug Grandma vor und wies mit dem Kinn über Kellys Schulter. »Ich höre da einen Wasserfall. Den könnten wir uns anschauen.«

»Ich höre nichts.«

»Das wirst du aber, sobald wir etwas näher kommen. Los, gehen wir.«

Grandma joggte locker los, überquerte die Straße und lief in den dichten Wald hinein. Kelly hatte ihr bisheriges Leben im Süden von Illinois verbracht, wo es so flach wie auf einer Kegelbahn war und nichts wuchs, das über zwei Meter hinauskam. West Virginia mit seinen Bergen und Wäldern kam ihr wie eine andere Welt vor. Es war wunderschön, aber Kelly hätte das nie offen zugegeben. Sobald Mom oder Grandma während der langen Autofahrt auf ein besonders hübsches Fleckchen aufmerksam machten, steckte sie ihre Nase noch tiefer in den iPod. Sie wollte ihnen keine Genugtuung geben, insbesondere nicht nach der Sache mit dem Zimmer. Die Wunde war zu frisch, denn Mom hatte es ihr erst am Tag zuvor unterbreitet, als sie Grandma vom Flughafen abholten.

Warum hatte Mom Grandma nicht ihr eigenes Zimmer überlassen? Das war doch alles ein Haufen S.

Nein, nicht S, sondern richtige, dampfende Scheiße.

Kelly fühlte sich allein bei dem Gedanken an das Schimpfwort älter. Sie runzelte die Stirn, folgte dann aber ihrer Grandma in den Wald.

Nach zehn Schritten kam es ihr vor, als ob der Wald sie bereits verschluckt hätte. Die Bäume waren überall, und jeglicher Orientierungssinn hatte sie verlassen. Grandma joggte weiter wie ein Hase. Sie wurde immer schneller, und Kelly fiel immer weiter zurück.

»Nicht so schnell! JD kommt nicht hinterher!«

Natürlich hatte JD überhaupt keine Probleme. Kelly auch nicht, zumindest nicht, was ihre Kondition anging. Nach sieben Monaten Triathlon-Training war sie fit wie ein Turnschuh und ungeheuer stolz darauf, dieses Jahr die jüngste Teilnehmerin zu sein. Aber sie war es gewohnt, auf Asphalt zu laufen, nicht mitten in der Wildnis, wo sie bei einem Schritt auf einem Stein landete und beim nächsten auf feuchtem Waldboden, in dem sie beinahe stecken blieb. Kelly verschwendete so viel Zeit damit, sich auf den nächsten Schritt zu konzentrieren, dass sie fürchtete, Grandma aus den Augen zu verlieren.

»Achte nicht auf deine Füße.«

Sie zuckte zusammen. Auf einmal stand Grandma direkt vor ihr.

»Aber dann breche ich mir die Knöchel.«

»Schau mir in die Augen, Kelly.«

Kelly gehorchte. Grandmas Augen waren blau wie die von Kelly und Mom, aber in tiefe Falten eingebettet. Kelly hatte Grandma noch nie lächeln gesehen. Nicht, dass sie verbittert gewesen wäre, aber sie wirkte stets ausgesprochen ernst.

»Siehst du meine Hand?«, fragte Grandma.

Kelly senkte den Blick und schaute auf ihre faltigen Hände.

»Nein, Kelly. Guck mir in die Augen.«

Kelly seufzte und gehorchte.

»Augen schön auf die meinen gerichtet. Kannst du jetzt meine Hand sehen?«

Nein, das konnte sie nicht. Zumindest nicht richtig, nur ungefähr.

»Könnte sein.«

»Und? Was mache ich gerade?«

»Du spielst mit den Fingern.«

»Gut. Jetzt pass auf.«

Grandma trat einen Schritt zurück, die Beine gespreizt und die Hände auf Hüfthöhe. Dann hob sie rasch die Arme über den Kopf und brachte sie in großen Kreisen wieder in die Ausgangsstellung zurück– Handflächen nach außen–, ohne den Blick von Kelly abzuwenden.

»Und was soll das?«, wollte Kelly wissen.

»Der Anfang der Kushanku-Kata. Es dient dazu, das periphere Sehen zu trainieren. Ziel ist es, die eigenen Hände zu sehen, während man nach vorne schaut.«

»Warum?«

»Um sich allem bewusst zu sein, was um einen herum geschieht– und nicht nur dessen, was direkt vor einem passiert.«

»Und?«

»Und dann weißt du, wenn jemand das hier versucht.«

Kelly verspürte einen Luftzug an der Wange. Sie blickte zur Seite und sah Grandmas Hand keine fünf Zentimeter von ihrer Wange entfernt. Kelly hatte überhaupt nicht bemerkt, dass sich Grandma bewegt hatte.

JD knurrte und fletschte die Zähne.

»Pst!«, befahl Grandma. »Sei schön lieb.«

Der Hund winselte, setzte sich und fing erneut an, sich zu lecken.

»Kannst du mir das beibringen?«, fragte Kelly. »Ich meine, so schnell zuzuschlagen?«

»Das kommt ganz auf deine Mutter an. Der Kampfsport hat ihr noch nie so zugesagt.«

»Mach das Kata-Dings noch mal.«

»Die Kushanku-Kata.«

Grandma wiederholte den Bewegungsablauf. Kelly reichte ihr die Leine und versuchte es ebenfalls. Sie konnte kaum ihre Hände am Rand ihres Blickfelds ausmachen.

»Ich sehe sie«, behauptete sie.

Aber sie glaubte auch, noch etwas anderes gesehen zu haben. Etwas, das sich im Wald bewegte. Kelly erinnerte sich an den Mann, den sie vorher erspäht hatte. Doch sie hielt die Augen weiterhin auf Grandma gerichtet– so, wie es der Bewegungsablauf verlangte. Wenn da tatsächlich jemand sein sollte, dann würde JD sie es schon wissen lassen.

Allerdings nur, wenn er es schaffte, seine Schnauze zur Abwechslung einmal drei Sekunden lang nicht zwischen seinen Hinterläufen zu vergraben.

»Gut. Nimm alles um dich herum wahr– nicht nur das, was sich unmittelbar vor dir befindet. Benutze dein peripheres Sehen, um über Steine zu laufen. Es ist gar nicht nötig, hinunterzuschauen. Die Augen immer nach vorn gerichtet. Aber nur die Augen, nicht deine gesamte Konzentration.«

»Ich kann es versuchen.«

Grandma joggte los, mit JD an ihrer Seite. Kelly folgte ihnen und hielt sich an Grandmas Rat. Tatsächlich– sie war jetzt viel schneller. Sie drehte sich nach dem Mann im Overall um, sah aber nichts als Bäume.

Kelly lächelte und entspannte sich– zumindest ein bisschen. Die Sommerbrise roch nach Kiefern und wilden Blumen, und sie genoss die Belastung ihrer Oberschenkel und der Muskeln. Es dauerte nicht lange– sie war nicht einmal vernünftig aufgewärmt–, ehe sie einen Höhenkamm erreichten.

»He«, rief Kelly von hinten. »JD scheint dir ja auf einmal zu gehorchen.«

Grandma war noch nicht einmal außer Atem. »Kannst du ihn jetzt hören?«

»Wen?«

»Sperr deine Ohren auf.«

Kelly horchte. Ein Zischen und Spritzen.

»Den Wasserfall?«

Grandma nickte. »Dann verrate mir mal, in welche Richtung wir müssen.«

»Woher soll ich das wissen?«

»Schließe die Augen und öffne die Ohren.«

Kelly schloss die Augen und lauschte erneut. Doch das Geräusch schien von überall herzukommen.

»Dreh dich langsam um dich selbst und versuche alles andere zu ignorieren.«

Kelly drehte sich langsam im Kreis, bis sie die Richtung ausmachen konnte, aus der das Geräusch kam. Als sie die Augen wieder aufschlug, grinste sie.

»Da lang«, meinte sie und schoss davon.

Sie lief den Kamm hinab, um eine Kurve und kam zu einer Rodung. Sie schaffte es gerade noch, vor dem Abgrund, der sich urplötzlich vor ihr auftat, anzuhalten. Kelly spürte, wie sich ihr der Magen umdrehte, als sie die Leere vor sich in Augenschein nahm. Höhen waren nicht gerade ihre Stärke, und obwohl sie dreihundert Bahnen im Schulschwimmbad hinlegen konnte, jagte ihr das Sprungbrett immer noch Angst ein. An einem Abgrund zu stehen war einfach nicht ihr Ding.

Dann erblickte sie den Wasserfall.

Er war gigantisch. Mindestens zwanzig Meter hoch. Sie trat zwei Schritte zurück, um ihre Höhenangst zumindest ein wenig zu lindern.

»Herrlich«, sagte Grandma.

Kelly hatte sie nicht kommen hören.

»Ich hab’s nicht so mit Höhen.«

»Deine Augen können dir Angst einjagen, wenn du sie nicht brauchst. Stehst du auf festem Boden?«

»Ja.«

»Und wem, glaubst du, solltest du mehr trauen: deinen Augen oder dem festen Boden unter deinen Füßen?«

»Dem Boden.«

»Also traue dem Boden. Währenddessen können deine Augen den Anblick genießen, der sich ihnen bietet.«

Kelly verließ sich auf den Boden und starrte auf den Wasserfall. Ein feiner Nebel schwebte über ihren Köpfen und verursachte gemeinsam mit den Sonnenstrahlen einen doppelten Regenbogen. Es war viel hübscher als eine Postkarte. Und es war nicht länger beängstigend.

»Hat so Vietnam ausgesehen?«, wollte Kelly wissen, wünschte sich aber sogleich, den Mund gehalten zu haben. Laut Mom sprach Grandma nie über den Krieg. Kelly wusste nur, dass sie vier Jahre als Feldschwester in Vietnam stationiert gewesen war, mehr nicht.

»Manchmal. Aber es gab auch Gegenden, die so atemberaubend schön waren, dass es fast wehtat.«

»Hast du da dieses Kung-Fu-Zeug gelernt?«

»Das ist Karate. Nein, damit habe ich erst nach meinem Einsatz angefangen. Lass uns zurücklaufen. Vielleicht ist Letti ja inzwischen mit dem Reifen fertig. Weißt du noch, wo wir lang müssen?«

»Hm, eher nicht.«

»Versuche es einfach. Manchmal überrascht man sich selbst. Und wenn du mal nicht mehr weiterweißt, suchst du nach unseren Fußspuren. Der Untergrund ist weich, und es könnte durchaus sein, dass wir einige hinterlassen haben.«

Grandma blickte sie ernst aber freundlich an.

»Wieso lächelst du eigentlich nie?«, wollte Kelly wissen und sah ihr neugierig in die Augen, bereute ihre Frage aber augenblicklich.

»Das ist im Krieg passiert«, antwortete Grandma. »Die haben mir das Lächeln weggeschossen.«

Was? Die haben ihr das Lächeln weggeschossen?

Grandma zwinkerte.

Kelly grinste, warf einen letzten Blick auf den Wasserfall und wandte sich dann wieder dem Wald zu. Es gab zwar keinerlei Anhaltspunkte, die ihr bekannt vorkamen, aber ab und zu bemerkte sie Fußspuren und wusste so, dass sie sich auf dem richtigen Weg befanden– auch wenn die Spuren irgendwie zu groß schienen. Dann erkannte sie den riesigen Baum wieder, an dem sie auf dem Hinweg vorbeigejoggt waren. Sie änderte die Richtung und legte einen Zahn zu.

Plötzlich riss etwas an ihrer Schulter und brachte sie aus dem Gleichgewicht. Kelly landete schmerzhaft auf dem Hintern. Eine Hand legte sich über ihren Mund, ehe sie aufschreien konnte.

»Pst.« Grandma kniete neben ihr, die Hand auf Kellys Mund. »Ruhe!«

Kelly verstand nicht, was das alles sollte, und wollte schon protestieren, als sie JD sah. Der Hund fletschte die Zähne und kauerte in Angriffsstellung neben ihnen. Seine Nackenhaare standen wie Stacheln aufrecht. Kelly folgte seinem Blick und sah…

…nichts als Bäume.

Dann bewegte sich etwas, und Kelly erkannte zwischen dem grünen Dickicht schließlich eine große Gestalt.

Es war ein Mann, der sich hinter einer gigantischen Eiche versteckte. Der gleiche Kerl, den sie vorher schon erspäht hatte. Er war seinerseits gigantisch und trug ein kariertes Flanellhemd und Baseballkappe. Etwas stimmte mit seinem Gesicht nicht. Ganz und gar nicht. Es war furchtbar. Und seine Augen…

Seine Augen waren rot.

Der Mann starrte Kelly an. Noch nie in ihrem Leben hatte sie solche Angst verspürt.

JD bellte, und Kelly zuckte vor Schreck zusammen.

»Hallo«, sagte Grandma zu dem Fremden. »Wir haben uns gerade den Wasserfall angesehen. Falls das Land hier Ihnen gehört und wir nicht erwünscht sind, bitte ich um Entschuldigung.«

Grandmas Tonfall klang allerdings nicht entschuldigend, sondern eher wie eine Salve aus einem Maschinengewehr.

Der Mann starrte sie weiterhin an, bewegte sich aber nicht von der Stelle. Er blinzelte nicht einmal.

Was war bloß mit seinem Gesicht passiert?

»Wir machen uns dann mal wieder auf den Weg.«

JD bellte erneut und begann zu knurren.

»Ruhig, Kleiner, ruhig. Wir wollen nicht, dass du noch mehr Fremde beißt.«

JD hatte noch nie jemanden gebissen, aber Kelly verstand, was Grandma mit dieser Äußerung bezweckte. Vielleicht würde es den Riesen etwas einschüchtern.

Aber er machte keinen eingeschüchterten Eindruck, sondern stampfte jetzt von einem Fuß auf den anderen und holte etwas hinter der Eiche hervor.

Scheiße.

Eine Schrotflinte.

»Los«, flüsterte Grandma. »Schnell.«

Das musste sie Kelly nicht zweimal sagen. Die beiden sprinteten den Abhang im Zickzack hinunter, JD an ihrer Seite. Kelly erwartete, dass der Mann jeden Augenblick schießen würde, und spürte, wie es zwischen ihren Schulterblättern kalt wurde. Dort würde er sie treffen, dessen war sie sich sicher.

Mom besaß eine kleine Zweiundzwanziger-Pistole. Sie nannte sie ihren Kammerjäger und schoss ab und zu in die Luft, um die Waschbären zu verscheuchen, die um die Mülltonnen strichen. Kelly wusste, was bereits dieses kleine Kaliber für Schaden anrichten konnte.

Die Flinte, die der Fremde hielt, war um einiges größer.

Bald hatten sie die Baumgrenze erreicht und befanden sich auf der Straße. Kelly blickte nach links und rechts, aber das Auto war nirgendwo zu sehen.

Hatte der Mann Mom erwischt?

»Hier entlang«, sagte Grandma. »Immer der Straße nach und über den Hügel.«

Grandma wurde schneller, aber Kelly konnte problemlos mithalten. Auf Teer war sie zu Hause, der harte Asphalt unter ihren Füßen fühlte sich gut an. Sie sprintete sogar voraus und spürte, wie sich ihre Muskeln dehnten. JD war an ihrer Seite. Die Steigung war relativ einfach, aber sie spürte sie dennoch in den Schienbeinen. Nach zweihundert Metern musste sie bereits schneller atmen.

Sind wir hier richtig? Was ist, wenn sich Grandma getäuscht hat? Was, wenn Mom nicht auf der anderen Seite ist?

Sie warf einen raschen Blick über ihre Schulter. Der merkwürdige Typ verfolgte sie nicht.

Was war bloß mit seinem Gesicht passiert? Es war total grauenvoll.

Sie befanden sich jetzt beinahe auf der Anhöhe. Noch zehn Schritte. Fünf. Kelly wünschte sich Mom an ihre Seite und darüber hinaus einen gelungenen Reifenwechsel, sodass sie verdammt noch mal von hier verschwinden konnten. Kelly legte noch einen Zahn zu. Schon war sie auf der Anhöhe und konnte die Straße überblicken…

Nichts. Weder Mom noch Auto.

Plötzlich schoss JD davon. Die Leine riss sich aus Kellys Hand, was sie beinahe aus dem Gleichgewicht brachte. Er rannte die Straße entlang, um die nächste Kurve und verschwand aus ihrem Blickfeld.

Kelly sah Grandma fragend an, die wieder aufgeschlossen hatte. Die alte Frau schaute sie mit ernster Miene an.

»Das Auto…«, stammelte Kelly.

»Weiter vorn.«

»JD…«

»Auch.«

Kelly hätte am liebsten zu weinen angefangen. »Ich… Ich habe Angst.«

»Nutze sie. Jeder hat Angst. Aber du darfst nicht zulassen, dass sie dich lähmt– weder deinen Körper noch deinen Kopf.«

Kellys Schritte wurden wieder größer– und das war gefährlich angesichts der Tatsache, dass sie jetzt bergab rannten. Sie brauchte bei dieser Geschwindigkeit nur auf etwas Kies auszurutschen oder sonst wie zu stolpern, um sich deutlich mehr als etwas Schorf an den Knien einzufangen.

»Kelly, nicht so schnell!«

Aber Kelly wurde nicht langsamer. Ihre Füße trugen sie immer rascher, und sie verlor das Gleichgewicht. Sie stürzte nach vorne und sah bereits vor ihrem inneren Auge, wie ihr Kinn mit voller Wucht auf die Straße schlug. Wie ihre Kniescheiben und ihr Schädel zerbarsten und…

»Kelly!«

Grandma fasste nach Kellys T-Shirt und hielt sie gerade noch rechtzeitig fest. Kelly stolperte noch ein- oder zweimal und fing sich dann.

Zusammen joggten sie die Kurve entlang hinunter, während Kelly insgeheim betete, dass dahinter Mom mit dem startbereiten Auto und JD auf sie wartete. Sie konnte nur inständig hoffen, dass sie keine Bekanntschaft mit dem Typen und seiner Schrotflinte gemacht hatte.

Vor ihnen lag nichts als die leere Straße.

»Wir… Wir haben… die falsche Richtung… eingeschlagen«, keuchte Kelly. Sie wurde jetzt immer langsamer.

»Lauf weiter.«

Hätte Kelly während der Autofahrt bloß besser aufgepasst! Ihr kam alles fremd vor– die Straße, der Wald, die Berge. Alles sah gleich aus.

»Ist das…«, keuchte sie, »…die richtige Straße?«

»Ja.«

»Aber…«

»Nicht reden. Laufen.«

Grandma eilte jetzt voraus. Kelly fiel etwa fünf Schritte zurück. Sie war sich sicher, dass Grandma falschlag und wollte umdrehen.

Aber dann kamen sie um die nächste Kurve und sahen endlich das Auto.

JD, gerade noch neben Mom, sprintete auf Kelly zu. Er war klug genug, sie nicht anzuspringen, sondern umrundete sie und rannte dann neben ihr her, bis sie vor dem Auto anhielt.

»Ich bin fertig mit dem Reifenwechsel. Und? Hat es Spaß gemacht?« Mom warf Kelly einen Blick zu. »Baby, was ist denn mit dir los?«

»Da war ein Mann«, keuchte Kelly atemlos. »Mit seinem Gesicht war irgendwas falsch. Und er hatte eine riesige Schrotflinte.«

Grandma stieß jetzt locker joggend zu ihnen.

»Florence, was ist passiert?«

Seit Dads Tod hatte Mom Grandma nicht mehr Mom genannt.

Grandma atmete einmal tief durch. »Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht war es ein Jäger oder irgendein Hinterwäldler, der auf seine illegale Brennerei aufgepasst hat. Auf jeden Fall hat er uns ganz schön Angst eingeflößt– nicht wahr, Kelly?«

»Hat er euch bedroht?«, wollte Mom wissen.

Grandma schüttelte den Kopf. »Angelegt hat er nicht auf uns. Er hat kein Wort geredet, aber vielleicht ist er das auch nicht gewöhnt. Er hatte eine riesige Hasenscharte, vielleicht sogar einen Wolfsrachen. Da wird ihm das Reden nicht besonders leichtfallen.«

»Sollen wir die Polizei verständigen?«

»Weil er ein Gewehr hatte? In West Virginia? Die würden uns auslachen.«

»Kelly– ist bei dir alles in Ordnung?«

Kelly hätte am liebsten losgeheult. Die Tatsache, dass sich Mom um sie sorgte, machte es nur noch schlimmer. Aber sie schluckte ihre Angst hinunter und konzentrierte sich stattdessen auf ihr Atmen.

Ich bin beinahe ein Teenager, und Teenager weinen nicht. Niemals.

»Ja, alles klar.«

»Sicher?«

Grandma verschränkte die Arme. »Du hast sie gehört, Letti. Kelly ist beinahe ein Teenager. Hör endlich auf, sie wie ein Kind zu behandeln.«

Kelly tat es Grandma nach und schöpfte neue Kraft aus ihrer trotzigen Haltung. »Ja, Mom. Können wir jetzt endlich weiterfahren?«

Mom schnitt eine Grimasse und blickte dann auf ihre Uhr. »Es dauert noch eine Dreiviertelstunde bis zur Pension. Musst du vorher noch mal?«

Kelly rollte mit den Augen. »Nein.«

»Sicher?«

»Mann, Mom!« Sie ging zum Auto, öffnete eine der hinteren Türen und stieg ein.

Sie staunte nicht schlecht, als sich Grandma neben sie setzte.

»Soll JD doch auch mal den Ausblick genießen. Außerdem bin ich neugierig, welches Spiel du auf deinem iPod hast.«

»Äh, klar… Kein Problem.«

Als Mom losfuhr, führte Kelly ihrer Großmutter Zombie Apocalypse vor.

»Das ist der Hammer. Ich schaffe einfach nicht mehr als Level 65.«

»Vielleicht schaffst du es noch nicht«, meinte Grandma. »Bald wirst du es schaffen.«

Kelly startete Level 65 und gab ihr Bestes. Aus irgendeinem Grund wollte sie, dass Grandma recht hatte.

»Es tut mir leid, Miss Novachek, aber wir sind völlig ausgebucht.«

Deb Novachek musste sich stark beherrschen. Zum Glück war sie darin geübt.

»Aber ich habe reserviert und gestern extra noch einmal angerufen, ob alles klappt.«

Der Rezeptionist schnitt eine bedauernde Grimasse. Er war groß und bleich und trug ein Toupet, das eher einem schlecht gelaunten Pudel als einem Haarteil glich. Laut Namensschild hieß er Franklin. »Das ist mir durchaus bewusst, und ich muss mich sehr bei Ihnen entschuldigen. Wir sind leider überbucht. Ihr Zimmer wird morgen in aller Frühe für Sie bereitstehen. Aus Kulanz erhalten Sie ein Upgrade– umsonst, versteht sich.«

»Das reicht mir nicht. Morgen ist mein Briefing, da muss ich früh aufstehen.«

Deb spielte mit dem Gedanken, ihren Behindertenausweis zu zücken, aber ehe sie sich dazu herabließ, verbrachte sie die Nacht lieber im Auto. Verdammt, sie würde auf der Straße mit einer Zeitung als Decke schlafen, ehe sie irgendwelche Begünstigungen annehmen würde.

»Ich wünschte, ich könnte Ihnen behilflich sein. Es tut mir wirklich leid.«

»Ich möchte den Manager sprechen.«

»Miss Novachek, ich bin der Manager und werde Ihnen morgen nicht nur eine Suite zur Verfügung stellen, sondern wir werden auch sämtliche Kosten übernehmen.«

»Das hilft mir heute Nacht auch nicht weiter.«

Deb wollte beinahe die Arme vor der Brust verschränken, entschied sich dann aber dagegen, da sie dadurch ihr Gleichgewicht verlieren konnte.

»Diese Situation erleben wir leider Jahr für Jahr, wenn der Triathlon stattfindet. Sämtliche Hotels und Motels sind völlig ausgebucht.«

Deb runzelte die Stirn. »Könnte ich nicht ein Zimmer mit einer anderen Teilnehmerin teilen?«

Franklin griff nach dem Telefon. »Erzwingen kann ich es nicht. Aber wenn Sie mir einen Namen nennen, werde ich Sie verbinden.«

»Ich kenne niemanden hier. Es ist das erste Mal, dass ich beim Ironwoman mitmache.«

»Dann tut es mir leid, aber ich kann nicht wahllos irgendeinen Gast anrufen.« Er legte den Hörer wieder auf und hielt die rechte Hand ans Kinn, als ob er überlegen würde. »Wissen Sie was? Es gibt ungefähr sechzig Kilometer von hier eine kleine Pension. Sie liegt ziemlich weit ab vom Schuss, und es ist durchaus möglich, dass die noch ein Zimmer frei haben. Darf ich es für Sie versuchen?«

Deb holte tief Luft und atmete dann langsam aus. »Wenn es nicht anders geht…«

»Ich muss nur kurz die Nummer heraussuchen. Einen Augenblick, bitte.«

Franklin ging nach hinten. Deb drehte der Rezeption den Rücken zu und blickte in die Lobby. Sie war voller Leute, unter ihnen auch Zuschauer und Journalisten mit Kameras und Mikrofonen. Aber es gab auch eine ganze Menge Athletinnen, und Deb erwog, einfach auf eine ihrer Konkurrentinnen zuzugehen und sie zu fragen, ob sie bereit wäre, das Zimmer mit ihr zu teilen. Aber sie bewegte sich nicht vom Fleck.

Deb schätzte Privatsphäre. Soziale Situationen waren ihr stets äußerst unangenehm.

Deshalb drehte sie sich rasch wieder um, als sie bemerkte, dass ein Mann sie anstarrte.

Männer starrten sie ständig an. Frauen auch. Und Kinder. Selbst Tiere konnten ihre Augen nicht von ihr lassen. Sie schienen zu spüren, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte.

Aber dieser Mann hatte sie nicht nur dumpf angeglotzt, sondern ein spielerisches Lächeln auf den Lippen gehabt. Und seine Augen hatten gefunkelt, als sie Debs Blick trafen.

Der Mann hatte sie nicht angegafft, sondern mit ihr geflirtet.

Deb bevorzugte die Glotzer. Unbewusst senkte sie ihren Blick auf ihre Prothesen. Sie trug eine Jogginghose, und selbst bei genauer Betrachtung war es beinahe unmöglich, sie von einer normalen Frau zu unterscheiden, sogar wenn sie sich bewegte.

»Hallo.«

Überrascht drehte sie sich um. Mr. Flirt befand sich kaum dreißig Zentimeter von ihr entfernt in ihrem Individualrevier und lächelte sie frech an. Deb konnte seinen Atem riechen. Zimt. Aus der Nähe sah er sogar noch besser aus: markantes Kinn, Dreitagebart, römische Nase, gut geschnittene dunkle Haare mit Seitenscheitel. Er wirkte ein bisschen wie der junge George Clooney.

»Kann ich Ihnen helfen?« Debs Stimme klang gepresst.

»Sind Sie Deborah Novacheck?«

»Wer will das wissen?«

»Mal Deiter. Sporting Digest. Mein Büro hat mit Ihnen bereits Kontakt aufgenommen.«

Er reichte ihr die Hand.

Er will gar nicht flirten, er ist ein Reporter. Dann weiß er auch über meine Beine Bescheid.

Deb war sich nicht sicher, ob das die Situation weniger heikel oder noch schwieriger machte. Irgendwie war sie immer davon ausgegangen, dass man ihr eine Frau schicken würde oder einen alten Mann– aber nicht einen solchen Hingucker.

Der Mann sah so gut aus, dass sie nervös wurde.

»Angenehm, Mr. Deiter.« Sie nahm seine Hand, schüttelte sie herzhaft und zog sie dann rasch zurück. »Es scheint, als ob man mir hier kein Zimmer geben kann.«

»Oh, das tut mir leid.«

»Wenn es Ihnen so leidtut, können Sie mir ja Ihres überlassen.«

»Das würde ich, Ms. Novachek, wenn es mir möglich wäre, aber ich teile meines bereits mit unserem Fotografen.« Er zeigte auf einen untersetzten Mann mit einer sehr großen Kamera in den Händen, der gerade Fotos von der Lobby machte. »Das ist Rudy. Ein großes Talent, aber ein furchtbarer Zimmergenosse.

Er schnarcht so laut, dass es einem die Plomben aus den Zähnen haut. Wenn ich heute Nacht überhaupt ein Auge zumachen will, werde ich mich hier unten auf das Sofa legen müssen.«

Er lächelte. Ein umwerfendes Lächeln. Deb überlegte, warum er mit einem solchen Fernsehgesicht für eine Zeitschrift arbeitete. Sie entschied sich, ihm diese Frage nicht laut zu stellen. Schließlich wollte sie ihm kein Kompliment zollen, das er irgendwie hätte missverstehen können.

Nicht dass sich Deb daran erinnern könnte, jemals in dieser Hinsicht missverstanden worden zu sein.

Der Manager tauchte wieder auf. »Das Rushmore Inn hatte noch einige Zimmer übrig. Ich war so frei und habe eines für Sie reserviert. Hier ist eine Karte, wie Sie dorthin kommen. Selbstverständlich werden wir die Kosten für Sie übernehmen. Sie brauchen nichts zu zahlen.«

Deb wollte ihm danken, meinte dann aber: »Ich habe ein Navi und brauche keine Karte.«

Er schob die Karte trotzdem in ihre Richtung. »Es ist wirklich abgelegen. Ich bezweifle, dass die Pension oder die Straße auf Ihrem Navigationsgerät überhaupt eingetragen sind.«

»Wie lange brauche ich wohl bis dorthin?«

»