Das Imperium der Pflanzen - Gela Weber - E-Book

Das Imperium der Pflanzen E-Book

Gela Weber

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Beschreibung

Weil Pflanzen nicht einfach weglaufen können, wenn ein Schaf zubeißen möchte, mussten sie sich eine Menge zur Verteidigung gegen ihre Fressfeinde einfallen lassen. Vor allem als Giftmischer sind sie unübertroffen. Doch sie haben noch weitere, unglaubliche Fähigkeiten entwickelt, die sich durchaus mit denen von Mensch und Tier messen können. Was wäre, wenn sich diese stille Supermacht all ihrer Talente bewusst würde und diese gegen uns einsetzten? Wären wir verloren, weil wir von ihnen abhängig sind oder könnten sie uns zum Umdenken bewegen – um damit Raubbau und Zerstörung zu stoppen und die Erde zu retten? Der Thriller basiert zum Teil auf wahren Begebenheiten und wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Botanik und Pflanzen-Neurobiologie – was ihn so real und damit unheimlich macht. Dazu kommen frei erfundene, Personen, Orte und Handlungen.

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EPUB
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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


Gela Weber

Das Imperium der Pflanzen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Impressum neobooks

Kapitel 1

8. Mai, Atlantischer Ozean

Am Himmel über dem Atlantik zeigte sich keine einzige Wolke. Das Indigoblau des Tages ging sanft in das makellose Samtschwarz der Nacht über, in dem die Sterne wie Strass funkelten. Am Morgen kam wieder die Sonne am dunstigen Horizont zum Vorschein und tauchte das Meer in ein pastelliges Licht. Kein Lüftchen regte sich. Kein Laut war zu hören. Ungeachtet der Schönheit des heraufdämmernden Morgens, war die Stille so bedrückend wie die Ruhe vor dem Sturm.

Die endlose Weite, eben noch pudrig-rosa, verlor ihre Farben. In der höher steigenden Sonne glich das Meer einer Fläche aus Quecksilber. Keine Welle kräuselte seine Oberfläche, kein Lebewesen zeigte sich. Einzig am Horizont waren die Schemen einiger Ozeanriesen auszumachen.

Doch es gab unzähliges Leben überall im Meer. Das meiste mikroskopisch klein und dem normalen Auge verborgen. Gerade schaukelte eine Ansammlung von winzigen Algen träge im Wasser. Ganz still und harmlos und ohne von irgendeiner Seele bemerkt zu werden. Eine gemächliche Strömung erfasste sie und sie trieben langsam ostwärts. Ihrem Lebenszweck folgend, teilten sie sich beständig und wuchsen zu einem durchsichtigen Schleier heran. Wunderschön anzusehen, aber noch immer war niemand da, um ihn zu entdecken. Die Minipflänzchen schwebten dicht unter der Oberfläche und tankten soviel Sonnenenergie wie sie nur konnten. Immer weiter trieben sie, geduldig einem unbekannten Ziel entgegen.

In der Nähe von Floridas Golf-Küste fanden sie auf einmal paradiesische Lebensbedingungen vor. Zum Sonnenlicht kamen Nährstoffe in Hülle und Fülle, die sich wie Dünger auf die emsigen Pflänzchen auswirkten. So teilten sie sich immer weiter, vermehrten sich mit mathematischer Präzision: Aus einer Alge wurden zwei, dann folgten vier, dann acht, und immer so fort. Jedes Mal verdoppelte sich die Anzahl der Familienmitglieder. In diesem Tempo würden sie innerhalb von 24 Stunden die ganze Erde überwuchern - doch so war das nicht geplant. Als sie eine bestimmte Dichte im Meer erreichten, verlangsamte sich ihr Zuwachs.

Zu diesem Zeitpunkt sollten eigentlich ihre Fressfeinde die Bühne betreten - doch diese Algen wurden nicht gefressen. Sie vermehrten sich vollkommen ungestört. Es standen ständig neue Nährstoffe zur Verfügung und es traten winzige Mutationen auf, die ihnen halfen, in ihrer Umgebung immer besser zu überleben. So entstand innerhalb von drei Tagen ein riesiger Algenteppich dicht unter der Wasseroberfläche. So immens, dass man ihn sogar aus dem All sehen konnte. Allerdings war der nicht grün. Mehr als 20 Millionen Algenzellen pro Liter färbten das Meerwasser blutrot.

Kapitel 2

13. Mai, Tampa, Golf-Küste Florida

Hendrik Boden befand sich auf dem Weg von Berlin zum Sunshine State. Nachdenklich schaute er aus dem kleinen Fenster der Passagiermaschine. Der Ozean tief unter ihm war hier noch tintenblau, erst später, kurz vor Floridas Küste würde er das Blutrot der gewaltigen Red Tide sehen können. Eigentlich wäre dieses Phänomen die weite Reise kaum wert gewesen. Rote Tiden nahmen inzwischen weltweit immer weiter zu und leider gewöhnten sich die Menschen an solche Meldungen. Trotzdem saß er jetzt im Flieger. Er vertraute seinem Bauchgefühl - und nach mehr als 20 Jahren Berufserfahrung wusste er, dass dieses ihn nur selten täuschte. Das war einer der Gründe, warum er zu den besten Journalisten im wissenschaftlichen Bereich gehörte. Hier ging vielleicht mehr vor sich, als das Offensichtliche. Weitere Meldungen über Algenteppiche im Inland schienen seine Ahnung zu bestätigen. Die Wasserwege färbten sich hier allerdings nicht rot, sondern giftig grün. Unmengen an Nährstoffen flossen ihnen aus dem größten Süßwassersee in Florida zu: Abwässer von Viehzuchten und Wohngebieten, von Zuckerplantagen und anderen Wirtschaftszweigen. Sie verwandelten die Binnengewässer in eine dicke Algenbrühe – die irgendwann auch im Meer landen würde.

Warum nagten dann plötzlich Zweifel an ihm? Seinem Bauchgefühl verdankte er den Grimme-Preis vor einigen Jahren und sogar für den Pulitzer-Preis war er schon nominiert gewesen. Aber diese Red Tide würde weder für das eine noch das andere taugen. Warum um alles in der Welt hatte er dafür sein Spesenkonto mit einer nicht ganz unerheblichen Summe belastet? Als Freelancer würde er darauf sitzen bleiben, sollte sich das Ganze als Flop herausstellen.

Verdammt, dachte er missmutig. Warum habe ich mich nur darauf eingelassen.

Seine Laune näherte sich dem absoluten Nullpunkt. Die Stewardess blieb neben ihm stehen und unterbrach seine trüben Gedanken.

„Hätten Sie gerne noch eine Tasse Kaffee, Sir?“, fragte sie freundlich.

„Was soll ich um diese Zeit mit Kaffee“, blaffte er sie an. „Bringen Sie mir lieber einen Whiskey.“

Ungerührt sah die junge Frau zu ihm herunter. „Wie Sie wünschen.“ Dann drehte sie sich um und stöckelte in Richtung Bordküche davon. Die Plätze neben ihm waren frei und er beugte sich aus seinem Sessel, musste aber aufstehen, um ihr nachsehen zu können. Er bereute schon, dass er so unfreundlich zu ihr gewesen war, sie konnte schließlich nichts für seine schlechte Laune. Kurz entschlossen folgte er ihr. Als er den Vorhang der Bordküche beiseite schob, funkelte sie ihn an.

„Sir, Sie dürfen hier nicht ...“

„Entschuldigen Sie bitte“, unterbrach er sie und schenkte ihr sein schönstes Lächeln. „Ich habe mich eben unmöglich benommen. Wenn Sie eine Schürze und ein Häubchen für mich haben, übernehme ich Ihren Job bis Tampa.“

Hendrik war kein schöner Mann. Er sah eher durchschnittlich aus, angenehm, aber wenig beeindruckend. Doch er war sich seiner wenigen Vorzüge durchaus bewusst: Der vollen, dunklen Haare, die schon von einigen Silberfäden durchzogen waren; der großen blauen Augen, die einen wachen Geist offenbarten und seines einnehmenden Lächelns, das seine Augen zum Strahlen brachten - doch vor allem seiner Hände. Er hatte die schönen Hände eines Pianisten und er unterstrich seine Worte gerne mit kleinen Gesten. Er hatte schon viele Frauen bezaubert, auch die Stewardess sah ihn jetzt genauer an. Sie räusperte sich.

„Das würde den weiblichen Passagieren bestimmt gefallen. Ohne Schürze und Häubchen versteht sich. Aber ich fürchte, das ist gegen die Vorschriften. Aber hier, Sie können ihren Drink selbst zu ihrem Platz tragen.“

Er nahm das Glas und legte seinen Kopf schief. „Sie sind mir also nicht mehr böse?“

„Ach was.“ Sie winkte mit der Hand ab. „Da habe ich schon schlimmere Szenen erlebt und dafür hat sich keiner entschuldigt.“

Hendrik schenkte ihr noch ein weiteres Lächeln. Er hätte sie gerne abends zum Essen eingeladen und sie hätte bestimmt angenommen, aber er war zum Arbeiten und nicht zum Vergnügen hier. Zurück an seinem Platz sah er wieder aus dem Fenster. Seine schlechte Laune war verflogen. Er würde etwas aus dieser Geschichte machen, wie auch immer.

Nach seiner Ankunft in Tampa fuhr Hendrik sofort zum Hotel. Kein Motel, was bedeutend günstiger gewesen wäre, sondern das Hampton Inn, eines der besten Hotels in Tampa. Sparsamkeit war noch nie seine Stärke gewesen und darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Auch wenn er nie viel Zeit im Hotel verbrachte, legte er doch großen Wert auf eine komfortable Unterbringung.

Er hatte sich beim Zimmerservice einen Imbiss bestellt und war dann früh ins Bett gegangen. Er schlief tief und traumlos, als ihn der endlose Klingelton seines Handys wieder aus dem Schlaf riss. Etwas desorientiert tastete er um sich, bis er endlich den Schalter der Nachttischlampe fand und realisierte, dass er sich in einem Hotelbett befand. Er griff nach dem Telefon, das neben der Lampe lag, sah immer noch verschlafen auf das Display und nahm das Gespräch an.

„Phil?“

„Ja! Hör zu, Hendrik. Jetlag hin oder her, du musst sofort zum Strand kommen! Hörst du? Sofort! Ich warte am Beach-Inn auf dich.“

„Äh … was ist denn los?“ Doch die Verbindung war bereits unterbrochen. Er starrte wieder das Display an, die Uhr sprang gerade auf 21.17. Noch nicht besonders spät, aber er hatte sich mit seinem Freund eigentlich erst für den nächsten Vormittag verabredet. Wenn der Meeresbiologe so aufgeregt war, musste allerdings etwas dahinter stecken. Sein Bauchgefühl meldete sich wieder und das machte ihn in der Sekunde hellwach. Er stand auf, zog hastig die Sachen vom Vortag an. Ein kurzer Blick in den Spiegel, er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und war auch schon auf dem Weg.

Er hatte für seinen Aufenthalt bereits am Flughafen einen Wagen gemietet, einen einfachen Mittelklassewagen, wenigstens hier hatte die Vernunft gesiegt, so erreichte er das Beach-Inn in Rekordzeit. Es lag direkt am Strand und bot einen unverstellten Blick auf das Meer.

Als er den schlanken, durchtrainierten Körper seines Freundes sah, zog er automatisch seinen Bauch ein und straffte sich. Ein paar Kilo weniger würden ihm guttun, aber da kam immer wieder dieser innere Quälgeist mit der Schweineschnauze und den Hundeaugen dazwischen.

Als Phil ihn entdeckte kam er freudig auf ihn zu. „Hendrik, mein Freund. Das ging ja schnell. Schön dich zu sehen.“ Leider kam dann noch ein Nachsatz. „Hey, hast du ein wenig zugelegt?“ Er klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter, doch Hendrik versteifte sich.

„Unsinn“, zischte er. „Es können ja nicht alle wie ein Adonis aussehen.“

Phil grinste, fuhr sich mit den Fingern durch die blonden Haare und warf seinen Kopf ein wenig zurück. „Oh, danke für die Blumen. Aber komm schon, das war doch nicht böse gemeint. Irgendwie steht es dir ja auch. Das bist eben du.“

„Ich - bin - nicht - dick.“ Hendriks Stimme gefror um jede Silbe.

„Nein! Das sagt doch auch keiner! Aber ein paar Kilo weniger ...“ Er beendete seinen Satz nicht.

Hendrik hatte inzwischen die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihn finster an.

„Jetzt sei nicht so eine Mimose.“ Phil setzte seine schönste Unschuldsmine auf.

„Könntest du bitte endlich Ruhe geben? Ich bin nicht hier, um mit dir über dein Schönheitsideal zu diskutieren. Komm endlich zur Sache.“ Noch immer lag Kühle in seiner Stimme.

„Oh, äh, ich meine ... also man merkt dir den Jetlag aber wirklich an.“ Phil nickte heftig.

„Phil. Hör auf, so affektiert zu tun. Das machst du nur, um mich zu ärgern.“

„Niemals!“ Der junge Mann lachte laut auf. „Okay, okay“, er hob beschwichtigend die Hände und fuhr mit ernstem Gesicht und normaler Stimme fort. „Die Red Tide also. Du weißt schon, was bei der letzten passiert ist, oder?“

Hendrik sah seinen Freund genervt an. „Ja, sicher, Harris. Massen an Tierkadavern wurden angeschwemmt.“ Er nannte ihn sonst nie nur beim Nachnamen.

Phil sah ihn erstaunt an, ging aber nicht darauf ein. Der Jetlag, das musste es sein. „Äh, du sagst es. Die meisten davon Fische. Aber auch Seekühe, Schildkröten, sogar Delfine. Das war ein Tiersterben von apokalyptischen Ausmaßen.“

„Na, endlich kommst du zur Sache. Aber wie man sehen kann, ist bei dieser bisher nichts auch nur Annäherndes passiert - entgegen aller Unkenrufe und Warnungen.“ In seiner Stimme war nur noch eine Spur von Unmut zu hören.

Phil lächelte ihn an und Hendrik entschied, sein Lächeln zu erwidern.

„Das ist richtig. Den ganzen Tag lang wurde nicht ein einziges totes Tier angeschwemmt“, berichtete Phil weiter. „Es gab nichts zu sehen - bis auf die Bagger und Schaufellader vielleicht, die eilig herbeigeschafft wurden, um die erwarteten Kadaver möglichst schnell wieder entsorgen zu können.“ Er machte eine Pause, als warte er auf einen zustimmenden Kommentar. Hendrik sah ihn aber nur mit leicht nach unten geneigtem Kopf aus großen Augen an. Darum fuhr Phil ohne Umschweife fort: „Als die Sonne am Horizont versank, gingen die meisten Schaulustigen zurück in ihre Wohnungen und Hotels. Wahrscheinlich doch erleichtert. Ich bin geblieben. Ich traute dem Frieden einfach nicht. Vielleicht trug auch die unheimliche Kulisse der Baumaschinen dazu bei, die im Zwielicht wie vorzeitliche Insekten aussahen.“

„Was?“

„Ich habe Fotos davon.“ Er nickte heftig.

„Aha.“ Er sah Phil so interessiert an, als hätte der sich gerade in ein vorzeitliches Insekt verwandelt.

„Äh, ach, vergiss es.“ Phil schlug mit der Hand durch die Luft. „Als es richtig dunkel wurde, passierte tatsächlich etwas. Keine toten Tiere, noch immer nicht, keine Ungeheuer entstiegen dem Meer, keine Monsterwellen liefen auf. Der Mond zeigte sich nur als dünne Sichel. Und jetzt schau endlich genauer hin, Hendrik, darum habe ich dich aus dem Bett geworfen.“

Hendrik verstand noch immer nichts. Er ging langsam über den Sand auf das Meer zu. Schwarz und still lag es vor ihm und spiegelte den Sternenhimmel. Dann kräuselte eine leichte Brise die Wasseroberfläche und endlich erkannte er, dass er nicht das Licht der Sterne sah. Es war das Meer selbst, das leuchtete. Jede kleine Welle schien Funken zu sprühen. Er drehte sich zu seinem Freund um. „Ich wusste es!“, rief er begeistert.

„Was wusstest du?“ Der Meeresbiologe trat neben ihn und grinste breit. Hendrik sah ihn nur kurz an, dann wandte er sich wieder fasziniert dem glitzernden Spektakel zu.

„Dass da mehr dran ist, als nur die hundertste Algenpest.“

„Dann wusstest du mehr als ich.“ Phils Stimme klang belustigt.

„So was habe ich natürlich nicht erwartet“, räumte Hendrik ein. „Ich bin nur meinem Bauchgefühl gefolgt.“

„Interessant.“

Hendrik achtete nicht auf den spöttischen Unterton, er war aufs Fotografieren konzentriert, jetzt ohne jede Spur von Jetlag oder Verstimmung.

„Sieh mal!“ rief Phil ihm zu. Er hatte seine Flipflops in der Hand und hüpfte auf dem feuchten Sand herum. Jedes Mal wenn er auftrat, bekam der Fuß einen schimmernden Halo, selbst seine nass gewordenen Hosenbeine funkelten noch eine Weile wie mit Strass besetzt. Auch Hendrik zog seine Schuhe aus, krempelte die Hosenbeine hoch und schaufelte mit dem Fuß Funken sprühendes Wasser in Phils Richtung. Sie stapften im Wasser und auf dem Sand herum, lachten laut und benahmen sich wie die Schuljungen. Zwischendurch machte Hendrik immer wieder Fotos. Sie waren so mit sich und dem Phänomen beschäftigt, dass ihnen erst gar nicht auffiel, dass sie nicht mehr allein am Strand waren. Das stetige Rauschen der kleinen Wellen hatte viele Geräusche übertönt. Doch eigentlich war es wenig erstaunlich, dass sich die Neuigkeit vom Meeresleuchten wie ein Lauffeuer verbreitete. Immer mehr Schaulustige strömten zum Strand. Hendrik hörte hinter sich eine junge Frau rufen, dann rannten auch schon zwei Kinder an ihm vorbei. Sie plantschen sofort im warmen Wasser, was wahre Kaskaden glitzernder Funken auslöste. Hendrik sah kopfschüttelnd auf seine Armbanduhr. Es war beinahe zehn.

„Es ist Wochenende, Hendrik.“

„Äh, ja. Natürlich.“

Überall wurde jetzt getaucht und gespritzt, gelacht und gerufen. Ganz Mutige schwammen weiter zu den Algen hinaus, kraulten platschend durch die Wellen und wurden von den Zuschauern an Land angefeuert. Weiter hinten fuhr ein Jet-Ski und zog einen gleißenden Kometenschweif hinter sich her. Hendrik wandte sich wieder seinem Freund zu, der dem Jet-Ski fasziniert mit den Augen folgte.

„Hallo! Phil! Reiß dich mal los. Es ist umwerfend, ja, aber ich bin zum Arbeiten hier. Du musst mir eine kurze Einschätzung der Situation geben. Ich muss sofort einen Artikel verfassen, aber keinen Sensationsbericht, das überlasse ich den Klatschblättern. Ich habe einen Deal mit dem GeoGraph, für den brauche ich Fakten.“

Phil lachte laut und sah ihn mit blitzenden Augen an. „Ich muss also? Na gut, ich helfe dir ja wo ich kann, mein Freund. Aber hier tappe ich doch selbst im Dunkeln. Auch wenn ich schon Vorkehrungen getroffen habe, ich arbeite hier nämlich auch.“ Wieder lachte er. „Siehst du die Typen da hinten mit den Warnwesten?“ Er deutete mit dem Finger auf einige junge Männer. „Die nehmen Proben an verschiedenen Stellen, aber bis die ausgewertet sind, werden vermutlich Tage vergehen.“ Er hob beide Handflächen. „Und selbst dann kann es passieren, dass wir nicht viel mehr wissen.“

„Ach komm schon, irgendwas wirst du mir doch erzählen können.“

„Klar, aber höchstens über die Killeralgen.“

„Worüber sonst. Über Miss Florida kannst du mir sicher nichts sagen.“ Hendrik lachte.

„Willst du damit auf meine persönlichen Neigungen anspielen?“, fragte Phil spitz. „Oder ist das die Retourkutsche für vorhin?“

„Äh, nein! Ich meine, äh ...“ Sein Scherz kam ihm auf einmal ziemlich dumm vor – aber sein Freund lachte schon wieder.

„Hendrik? Hallo! Ich mache Spaß, okay. Genau wie du.“ Er schlug ihm auf die Schulter. „Aber mal im Ernst, ich könnte dir einiges über Miss Florida erzählen. Vor allem, was nicht in den Klatschblättern steht.“

„Sicher, und morgen Abend bist du mit George Michael verabredet und ich mit Germanys next Topmodel.“

„Du nimmst mich nicht ernst“, sagte Phil betont schmollend.

„Ich nehme dich so was von ernst, sonst wäre ich gar nicht hier.“

„Na gut, aber eine Miss Florida ist mit meiner Schwester aufs College gegangen. Die sind immer noch sehr gute Freundinnen. Ich könnte sie dir vorstellen, nächstes Mal.“ In seiner Stimme schwang ein wenig Stolz mit und Hendrik machte ein überraschtes Gesicht.

„Aber mach dir keine Hoffnungen.“

„Wieso, für mein Alter ...“

„Eben. Alter ...“ unterbrach ihn Phil und kicherte vor sich hin. „Die ist Anfang zwanzig und du bist über fünfzig.“

Hendrik räusperte sich und nickte in Richtung Wasser. „Vielleicht sollten wir uns einem unverfänglicheren Thema zuwenden?“

„Möchtest du dich lieber wieder auf wissenschaftliches Gebiet begeben?“

Hendrik nickte erneut.

„Die Killeralgen vielleicht?“

„Na, das wäre doch mal ein Anfang. Und was Miss Florida anbetrifft, nehme ich dich beim Wort.“

„Nichts anderes erwarte ich von dir.“

Die beiden stießen lachend ihre Fäuste aneinander. Nachdenklich sah Hendrik auf die glitzernde Wasserfläche. Noch immer plantschten einige Kinder fröhlich herum, Erwachsene wateten unverdrossen durch die Wellen. „So wie es aussieht, sind das aber gar keine Killeralgen.“

„Nee, eher Schilleralgen.“

Hendrik musste wieder lachen. Phil konnte sehr kreativ sein und genau das machte ihn zu einem der besten Wissenschaftler auf seinem Gebiet.

„Aber eigentlich sollten sie Killeralgen sein“, fuhr Phil fort. „Die Algenblüte, die wir als Red Tide bezeichnen, ist normalerweise hochgiftig.“

„Hör zu, Phil, ich habe wenig Ahnung von diesen Dingern, in diesem besonderen Zusammenhang schon gar nicht. Und doch, ich habe mich schon etwas schlau gemacht - aber ich hoffe, dass du noch hilfreiche Fakten für mich hast.“

„Das hoffe ich auch, sonst stehst du im Regen.“

„Ich bin da sehr zuversichtlich“, sagte er fröhlich. „Aber lass uns zum Beach-Inn gehen, da können wir wenigstens was trinken.“

Er stapfte los, aber Phil folgte ihm nicht.

„Hendrik!“ Er hob seine Flip Flops hoch und Hendrik schlug sich lachend mit der flachen Hand vor den Kopf. Sie mussten nicht lange nach seinen Schuhen suchen.

Es gab keinen freien Tisch mehr, aber die Besitzer hatten schnell reagiert und Klappstühle organisiert. Das reichte für ihre Zwecke.

Hendrik nestelte an seinem iPhone herum. „Okay. Ich zeichne das auf, also schieß los.“

„Ich werde mal ein wenig ausholen“, begann Phil. „Dann ist es einleuchtender und du hast mehr ‚Futter’ für deinen Artikel. Algen sind nämlich der Grund dafür, dass es uns überhaupt gibt. Also das Gegenteil von Killern, eher Geburtshelfer.“ Er kicherte wieder. „Okay, stell dir die Erde vor etwa drei Milliarden Jahren vor.“

„Mach ich. Ist ganz einfach.“ Hendrik grinste und Phil stupste ihn an.

„Jetzt hör zu. Es gab praktisch keinen Sauerstoff in der Atmosphäre, aber schon die ersten lebenden Zellen im Wasser. Unter anderem die Vorläufer der heutigen Cyanobakterien – früher nannte man sie Blaualgen.“

„Ach ja, die kenne ich.“ Er nickte beflissen.

„Gut! Mit diesen Cyanobakterien war die Photosynthese erfunden und das Abgas der neuen Grünen war - Sauerstoff.“

„Abgas?“ fragte Hendrik lachend.

„Genau, der war für die meisten damaligen Lebewesen eindeutig Luftverschmutzung. Sauerstoff-Smog, der sie zum Sterben verurteilte. Nur wer lernte, den für sich zu nutzen, hatte überhaupt eine Zukunft vor sich.“

„Kann ich das so schreiben?“

„Genau so. Aber weiter. Immer mehr Sauerstoff wurde produziert. Die Ära der Algen begann. Für mehr als zwei Milliarden Jahre“, er betonte die Milliarden besonders und hob auch noch den Zeigefinger, „waren sie die einzigen Pflanzen auf der Welt.“

„Zwei Milliarden, das sind, äh, zweihundert Millionen, also eine Zahl mit, warte ... acht Nullen. Ein unvorstellbarer Zeitraum.“

Phil nickte lächelnd.

„Jetzt verstehe ich, was du mit Geburtshelfern gemeint hast. Ohne die Algen wäre das Leben auf der Erde gar nicht möglich geworden. Zumindest nicht so wie wir es kennen.“

„Sehr gut, Schüler Hendrik.“

„Danke Herr Lehrer.“ Die beiden hoben ihre Bierflaschen und prosteten sich zu.

Phil hob den Blick und wandte sich der blonden Frau zu, die unvermittelt neben ihm stand und seinen Redefluss unterbrach.

„Hi, ich bin Jan. Meiner Freundin und mir gehört der Laden hier. Ist alles in Ordnung bei euch? Ihr habt ja nur Klappstühle ergattert.“

„Ja, alles bestens, danke Jan“, er schenkte ihr ein freundliches Lächeln. „Ich bin übrigens Phil.“

„Freut mich, Phil.“ Sie machte eine Handbewegung in Richtung Meer. „Ihr redet bestimmt über diese Algen da draußen, so vertieft wie ihr in euer Gespräch seid?“ Sie versuchte gar nicht, ihre Neugier zu verbergen.

„Ja, genau, mein Freund Hendrik ist Journalist und die Welt muss doch Bescheid wissen.“

„So was habe ich mir schon gedacht. Und du bist bestimmt Lehrer oder Dozent, weil du offenbar gut informiert bist.“

„Nee, er hört sich nur gerne reden“, warf Hendrik lachend ein.

„Verstehe, aber dann scheinst du gerne zuzuhören. Eine seltene Eigenschaft bei Männern.“ Sie zwinkerte Hendrik zu. „Ich würde gerne weiter zuhören, aber ihr seht ja, was hier los ist – und das nächste Bier geht aufs Haus, weil ich euch unterbrochen habe.“

„Super, danke Jan.“

„Gerne. Bis später.“

Sie widmete sich wieder den anderen Gästen und Hendrik raunte Phil zu: „Die ist niedlich, oder?“

„Ja, Hendrik, durchaus, vor allem, weil sie eher zu deiner Zielgruppe passen würde. Wobei niedlich dann nicht unbedingt der richtige Ausdruck ist.“

Hendrik rutschte auf seinem Klappstuhl hin und her. „Ich denke, trotz kleiner sprachlicher Unzulänglichkeiten verstehst du mich sehr gut.“

„Jetzt sei nicht gleich wieder beleidigt. Du kannst ja morgen nochmal herkommen und ein paar, ähem ... Sprachstudien betreiben.“ Phil sah ihn amüsiert an.

„Vielleicht könnten wir von der großen Blonden jetzt mal wieder auf die kleinen Roten kommen?“ Er sah auf seine Armbanduhr. „Der Artikel muss bis morgen fertig sein. Und schlafen muss ich schließlich auch mal.“

„Du meinst, ich soll noch ein wenig dozieren?“

„Wenn es dir nichts ausmacht.“ Er lachte seinen Freund an. „Dazu müsste ich allerdings den Zusammenhang zwischen deinen Geburtshelfern und der Red Tide verstehen.“

„Das wirst du gleich, lieber Freund. Algen waren nicht nur die ersten Pflanzen auf diesem Planeten, sie stehen auch an erster Stelle der marinen Nahrungskette. Darum hat die Natur dafür gesorgt, dass es immer genug von ihnen gibt. Das Phänomen der Algenblüte entsteht auch ganz natürlich, überall dort, wo nährstoffreiches Tiefenwasser durch eine Strömung an die Oberfläche steigt.“ Er machte eine kleine Pause. „Oder es wird durch Wale ausgelöst.“

„Wie. Wale?“

„Jetzt wirst du hellhörig, was?“ Er lachte und Hendrik nickte ihm schmunzelnd zu.

„Die Minis und die Maxis arbeiten perfekt zusammen. Die Wale fressen oft in tieferen Regionen, tauchen dann zur Oberfläche auf und produzieren dort, äh ... so was wie Dünger.“

„Aha. Im Klartext Kacke-Explosionen?“ Hendrik lachte über seine Wortschöpfung.

Phil tat pikiert. „Also, Hendrik ...“

„Stimmt doch, oder?“

„Ja, äh, stimmt. Diese, ähem ... Fäkalienwolken haben den gleichen Effekt, wie das Tiefenwasser. Und? Was gibt’s da zu grinsen?“

„Fäkalienwolken. Das ist echt vornehm. Werde ich übernehmen.“ Hendrik machte sich immer noch grinsend ergänzende Notizen.

„Du kannst einen ganz aus dem Konzept bringen.“

„Ach ja?“ fragte Hendrik und begann den grinsenden Honigkuchenpferden ernsthafte Konkurrenz zu machen.

Phil verdrehte die Augen. „Soll ich nun weitermachen?“

„Oh, bitte, ja.“

„Okay, dann will ich mal nicht so sein.“

Die beiden stießen lachend ihre Bierflaschen aneinander.

„Also, Spaß beiseite: Die Photosynthese des Pflanzenplanktons wird durch die, äh ... Düngung heftig angekurbelt, die Nährstoffe werden verbraucht, eine plötzliche Massenvermehrung ist die Folge. Das fördert auch das Wachstum von Planktontierchen, die sich von ihnen ernähren und die wiederum ernähren Fische, Krill und den ganzen Rest. Ohne Algen wären die Weltmeere nur eine öde Wasserwüste.“

Hendrik hob fragend die Augenbrauen.

„Und jetzt kommt der Mensch ins Spiel. An manchen Stellen vermehren sich die Algen plötzlich vollkommen ungebremst. Um die aufzufressen müssten alle Fische sämtlicher Weltmeere zusammen kommen. Problematisch wird das vor allem an wärmeren Küstenstreifen. So wie hier bei uns, wo der verschmutzte Mississippi in den Golf von Mexiko mündet und ständig neue Nährstoffe zur Verfügung stehen.“ Er machte eine Pause und trank einen Schluck. „Zu viele Nährstoffe heißt aber auch immer, zu wenig Sauerstoff im Wasser. Die Fische schwimmen an die Oberfläche, doch da ist ja der endlose Algenteppich. Die ersten Fische ersticken und dann wird es ganz fatal. Die Überlebenden werden vergiftet. Durch ein tödliches Gift, das beim Stoffwechsel der Algenmassen entsteht. Dem fallen alle Lebewesen zum Opfer und irgendwann treibt die Brandung dann Berge von toten Tieren an den Strand. Er wird zum Todesstreifen, Kilometer lang von verwesendem Meeresgetier bedeckt. Darum Killeralgen.“

„Verstehe, aber heißt das, ohne die ständige Nachfuhr von Nährstoffen würden die Algen aufgefressen, bevor die Konzentration ihrer Stoffwechselprodukte zu hoch wird?“

„Genau so kann man es sagen. Das Meerwasser verdünnt die vorhandenen Giftstoffe, sodass nichts weiter passiert. Wäre ja sonst völlig unsinnig.“

„Alles ist immer im Gleichgewicht, das sagst du doch ständig.“

„Wenn der Mensch nicht eingreift, ja. Freut mich, dass du das behalten hast.“

Hendrik nickte nur und sah ihn ernst an.

„Diese Phänomene hat es übrigens schon zu Pharaos Zeiten gegeben. Nicht in diesen Ausmaßen, aber doch so, dass es in der Bibel als erste der sieben Plagen geschildert wird: Und alles Wasser wurde in Blut verwandelt, die Fische starben und der Strom stank, so dass die Ägypter das Wasser aus dem Nil nicht trinken konnten.“

Hendrik zog erneut die Augenbrauen hoch und Phil seufzte. Beide starrten einen Moment auf das Wasser hinaus. Viele Menschen plantschten noch immer herum und erzeugten glitzernde Wellen.

„Diese Algen hier, scheinen aber absolut nicht giftig zu sein“, bemerkte Hendrik.

„So sieht es aus. Zumindest ist die Küstenwache zu diesem Schluss gekommen und wieder abgezogen. Keine toten Tiere, keine unmittelbare Gefahr. Ich kenne die meisten von denen und einer erzählte mir, dass von dem überreichen Nahrungsangebot zunächst wieder ganze Schwärme von Fischen angelockt wurden. Merkwürdiger Weise sind diese auch ebenso schnell wieder verschwunden. Das heißt für mich, dass die Algen eine Methode gefunden haben, ihre Fressfeinde erfolgreich zu verscheuchen - aber wir wissen wirklich noch gar nichts. Genaueres werden erst unsere Untersuchungen ergeben.“

„Und das Meeresleuchten?“

„Das wie kann ich dir erklären, aber das warum ...“ Er zuckte mit den Schultern.

„Na, dann mach mal.“ Hendrik nickte ihm ermunternd zu.

„Das ist Biolumineszenz, Hendrik.“

„Wie bei Glühwürmchen auf Brautschau?“ Hendrik lachte.

„Du sagst es, aber vor allem wie bei vielen Tiefseebewohnern.“

„Ach ja, stimmt. Die locken damit Beute an.“

Phil nickte bestätigend. „Genau, und soweit weg sind die Algen davon auch nicht.“

„Aha. Und wie machen die das nun?“

„Das ist eigentlich eine ganz simple Reaktion. Dafür wird ein Protein durch das Enzym Luciferase gespalten. Frag nicht, das heißt wirklich so, Energie wird frei und als Licht abgestrahlt. Ausgelöst wird das oft durch einen mechanischen Reiz.“

„Aha, verstehe.“

„Wirklich?“

„Nein, natürlich nicht wirklich.“

Phil konnte sich das Grinsen absolut nicht verkneifen. Es machte ihm offensichtlich Spaß, seinen Freund zu verwirren. „Also stell dir vor, ein Fisch kommt des Weges. Das verursacht kleine Wellen und die registrieren unsere Minis. Könnte ja ein Fressfeind sein, der da angepaddelt kommt. Ist es ja meistens auch“, fügte er lächelnd hinzu. „Die Algen reagieren auf diese Störung mit winzigen Lichtblitzen. Das ist dann so was wie der Gong vor dem Dinner.“ Phil kicherte erneut, Hendrik sah ihn weiterhin fragend an.

„Durch dieses Aufflackern sollen größere Fische angelockt werden, die dann hoffentlich Appetit auf die kleineren Fische haben, die dann nicht mehr dazu kommen, die Algen zu fressen. Das ist die Idee. So unscheinbar diese kleinen grünen Männchen auch sein mögen, so haben sie doch schon verschiedene Überlebensstrategien entwickelt.“

„Wieso grüne Männchen?“ Hendrik zog die Stirn in Falten und deutete mit einer vagen Handbewegung aufs Meer.

„Ach so, ja, eigentlich wäre der Algenteppich grün, aber hier überdecken rote Pigmente das Chlorophyll der Pflänzchen, ähnlich wie man es von Blättern kennt, die sich im Herbst bunt verfärben.“

„Okay, aber Du sagst das so, als machten sie das bewusst, also das Flackern.“

„Nein, Bewusstsein haben die sicher nicht, aber eine gewisse Form von Intelligenz gehört immer zum Leben, sonst wäre es nicht möglich. Doch mein Gebiet ist die Meeresbotanik und nicht die Neurobotanik.“ Er hob seine Flasche und nickte bedächtig. „Da mal genauer hinzusehen, würde sich für einen Journalisten deiner Art aber sicher lohnen. Ist ein spannendes Forschungsgebiet.“

„Gut, ich werd’s mir merken.“ Hendrik war froh, dass Phil von seinem Bier nippte und nicht bemerkte, wie er leicht die Augen verdrehte. Neurobotanik, so ein Unsinn. Nun ja, vielleicht würde er mal ein wenig recherchieren, aber jetzt brachte ihn das nicht weiter.

„Und warum machen diese Algen das hier, also das mit den Lichtblitzen? Die Fressfeinde waren doch längst wieder abgetaucht.“

„Eben, das meinte ich ja vorhin. Das Warum erschließt sich mir hier überhaupt nicht.“ Er machte eine nachdenkliche Pause, dann erhellte sich seine Mine. „Vielleicht wollen die einfach nur ein größeres Publikum anlocken?“ Phil lachte fröhlich, aber aus irgendeinem Grund fand Hendrik das gar nicht komisch – er sagte aber nichts.

„Mal ehrlich, Hendrik, wir wissen es selbst noch nicht.“ Er war wieder ganz ernst.

„Auch gut. Ich begebe mich dann mal an die Arbeit, ich habe jetzt tatsächlich genug ‚Futter’. Also, Danke, mein Freund, und bis morgen.“

Kapitel 3

14. Mai, Institut für Meeresbiologie, Tampa

Da Hendrik die ganze Nacht durcharbeiten musste, verschoben die Freunde ihr geplantes Treffen auf den Nachmittag, nicht am Strand, sondern im Institut.

„Hab’s schon im Netz gelesen“, begrüßte Hendrik seinen Freund ohne Umschweife. „Das Wunder von Florida.“

„So habe ich das nicht geschrieben.“ Er blieb steif stehen und schob seine Hände in die Hosentaschen.

Phil ignorierte das und fuhr fröhlich fort: „Hört sich aber spektakulärer an als dein ‚Meeresleuchten statt Tiersterben’.“

„Ich bin Wissenschaftsjournalist, kein Klatschreporter.“

„Schon gut, dein Artikel ist wirklich brillant, Hendrik. Du hast echt was aus meinen Informationen gemacht. Aber manchmal denke ich, dass man durchaus etwas dicker auftragen kann, wenn es um die Information von Laien geht. Vor allem auch, um mal Widerstand gegen die herrschenden Zustände zu provozieren. Bisher war keine Red Tide ungiftig.“

„Hm...“ Hendrik entspannte sich wieder und sah seinen Freund nachdenklich an. „Vielleicht hast du sogar Recht. Ich werde es mir merken. Okay, hast du noch was für mich?“

„Klar, komm mit. Wir haben jetzt große Aquarien mit diesen roten Dingern drin und versuchen herauszufinden, was die so antreibt“, berichtete Phil eifrig. „Wann sie am besten gedeihen, wie oft sie sich teilen, ob sie sich im Laufe ihres Lebens irgendwie verändern, so was eben.“

Sie gingen einen kahlen Flur mit vielen Türen entlang und dann in eines der eilig eingerichteten Labors mit den Wasserbecken.

„Oh, die sind riesig, ist das nötig?“

„Keine Ahnung, wir hatten keine anderen, aber eins ist inzwischen sicher. Es sind tatsächlich Algen, also Pflanzen und diese besondere Spezies wurde noch nirgends beschrieben.“

„Na, das ist dann ja doch noch was Großes.“

„Ja und nein, Hendrik. Eine neue Algenart zu finden ist nicht wirklich spektakulär, weil wir davon ausgehen, dass es an die 400.000 Arten geben muss und wir bisher vielleicht nur ein Zehntel von ihnen entdeckt haben. Liegt daran, dass die Weltmeere ziemlich groß sind.“

„Ach was.“ Hendrik machte noch ein paar Fotos, auch von Phil, der gerne für ihn posierte. „Habt ihr auch Proben von den Süßwasseralgen im Inland genommen?“

„Natürlich. Was denkst du denn. Aber die leuchten nicht und scheinen auch sonst ganz normal zu sein.“

„Dann konzentrieren sich eure Nachforschungen also auf die roten.“

„So ist es, aber wir brauchen noch Zeit, Hendrik.“

„Mit anderen Worten, nichts Genaues weiß man nicht.“

„Wie immer triffst du den Nagel auf den Kopf.“ Phil lächelte schief.

„Schade, dass du nicht mehr für mich hast, also fliege ich morgen erst mal wieder zurück. Arbeit wartet immer genug auf mich und hier scheint es ja zunächst nichts Aufregendes mehr zu geben. Aber du hältst mich auf dem Laufenden?“

„Klar, verlass dich darauf.“

„Danke mein Freund.“ Hendrik ging auf den Gang hinaus.

Phil folgte ihm ein paar Schritte. „Hey, und sei nicht so enttäuscht, weil ich noch nicht mehr für dich habe. Du bist der erste, der es erfährt, wenn sich was tut!“

Hendrik hob im Gehen seinen Daumen, drehte sich aber nicht noch einmal um. Er war mit seinen Gedanken schon am Beach-Inn – und bei der großen Blonden.

Kapitel 4

15. Juni, Büro von Hendrik Boden, Berlin

Die Twinkle Tide, wie sie nun genannt wurde, dauerte noch etwa einen Monat. Dann endete sie sprichwörtlich von einem Tag auf den anderen. Das Meer war einfach wieder nur blau, kein roter Teppich mehr am Tag und keine glitzernden Wellen in der Nacht. Genauso schnell verschwand sie dann auch aus den Medien. Es gab nichts mehr zu sehen, also auch nichts mehr zu berichten. Das sah Hendrik allerdings anders und nahm über Facetime Kontakt zu seinem Freund Phil auf.

„Ah, du schon wieder. Warum wundert mich das nicht?“

„Weil du mich kennst.“

„Nur zu gut.“ Beide grinsten sich an.

„Außerdem wollte ich dich natürlich sehen. Wenn auch nur auf dem Bildschirm.“

„Wie schmeichelhaft.“ Das Grinsen der beiden wurde noch breiter.

„Gut, dass du nicht hier geblieben bist“, platzte Phil heraus. „Hier gab es einen riesen Rummel. Zig-Tausende Urlauber wollten sich das Naturschauspiel nicht entgehen lassen, nirgends an der Küste gab es mehr Unterkünfte. Die Schaulustigen strömten in Scharen nachts zum Strand, sie filmten und fotografierten und spritzten mit dem glitzernden Wasser herum.“

Hendrik war wenig beeindruckt. „Das war vorauszusehen. Aber sag mal, warum ist alles so plötzlich wieder vorbei?“

„Darum rufst du an?“

Hendrik nickte.

„Tja, ich hab keine Ahnung.“ Phil hob die Schultern.

„Komm schon, Phil.“

„Willst du etwa Spekulationen hören? Ist doch sonst nicht dein Ding.“

„Na, hören will ich sie immer, aber ob ich darüber schreibe, das steht noch auf einem anderen Blatt.“ Er zwinkerte ihm freundschaftlich zu.

„Verstehe. Wie auch immer, ich bin außen vor. Von mir bekommst du nichts.“ Er schob seinen Stuhl ein wenig nach hinten.

„Phil, habe ich dich jemals ausgenutzt oder hintergangen?“

„Okay, okay. Also, spekulieren wir mal.“ Er kam mit dem Stuhl wieder ganz an den Schreibtisch. „Wenn ich ehrlich sein soll, dann bin ich sogar ganz froh, mit dir darüber sprechen zu können. Kann ich nämlich mit sonst keinem. Ich habe mir natürlich eine Menge Gedanken gemacht, Proben präpariert, stundenlang über dem Mikroskop gehangen und kaum ein Auge zu getan.“

„Das sehe ich, du würdest beim Kontest Der Herr der Augenringe bestimmt auf den ersten Plätzen landen.“

„Mach dich ruhig lustig. Das Ganze ist durchaus eine wissenschaftliche Herausforderung. Die Lösung würde auch in Fachkreisen Wellen schlagen.“

Hendrik beugte sich mit einem sehr ernsten Gesicht zum Bildschirm vor. „Weiß ich doch, mein Freund und ich verstehe deine Bedenken. Aber jetzt spann mich nicht länger auf die Folter.“ Er lehnte sich wieder zurück.

„Also gut. Der Algenteppich war riesig. Wäre er abgetrieben worden, durch eine Strömung etwa oder durch den Wind, dann hätte man das sehen müssen. Es gab aber nichts zu sehen.“

„Verstehe.“

„Nächste Möglichkeit, die Algen könnten einfach abgestorben sein. Lassen wir das warum mal außen vor, dann müsste man am Meeresboden Spuren finden, da gibt es aber keine.“

„Habt ihr schon danach gesucht?“ Hendrik richtete sich in seinem Sessel wieder auf.

„Haben wir.“

„Und da gab es gar nichts?“

Phil schüttelte den Kopf. „Wie ich schon sagte.“

„Die können sich aber doch nicht in Luft aufgelöst haben.“

„Okay, halt mich jetzt bitte nicht für verrückt, aber genau das ist die einzige Erklärung für ihr Verschwinden.“

„Wenn ich dich nicht für verrückt halten soll, musst du mir das erklären. Leicht verständlich, versteht sich.“

„Sicher, aber wie gesagt, von mir hast du das nicht.“ Phil verzog den Mund. „Ich habe keine Lust, von meinen Kollegen verrissen zu werden.“

„Du bist doch sonst eher kämpferisch veranlagt, aber sei beruhigt. Erstes Gebot für investigativen Journalismus: Gib niemals deine Quelle preis.“ Er unterstrich seine Worte mit einem Nicken.

„Das fällt also jetzt unter investigativ und nicht mehr unter wissenschaftlich?“

„Könnte man so sagen.“ Die beiden grinsten sich verschwörerisch an.

„Na, dann. Also, meine, äh ... Spekulation. Ist ja noch nicht einmal eine These.“

„Ich hab’s verstanden Phil. Nun mach schon, bevor ich Gefahr laufe zu zerplatzen.“

„Na gut. Die normale Photosynthese funktioniert bei allen Pflanzen gleich: Wasser, plus Kohlenstoffdioxid, plus Lichtenergie, macht Sauerstoff für die Luft und Zucker für die Pflanze. Kohlendioxid dringt also in die Pflanze ein, der frei werdende Sauerstoff strömt beständig nach außen. Hat was mit dem Druckausgleich in den gasgefüllten Zwischenräumen der Zellen zu tun. Klar soweit?“

Hendrik nickte und machte sich, parallel zur Aufzeichnung, unermüdlich handschriftliche Notizen.

„Gut. Nachts kehrt sich der Prozess um, es fehlt ja das Licht für die Photosynthese, sie kommt also zum Erliegen. Durch die einsetzende sogenannte Dunkelatmung strömt jetzt Kohlendioxid nach außen und der benötigte Sauerstoff diffundiert in die Zellen. So hält die Pflanze ihren Stoffwechsel aufrecht. Noch Fragen?“

„Noch nicht.“

„Also weiter. Nehmen wir jetzt mal Folgendes an: Bei unseren Algen setzte ab einem bestimmten Zeitpunkt keine systemerhaltende Dunkelatmung mehr ein.“ Er machte eine vielsagende Pause und sah Hendrik erwartungsvoll an.

„Hm. Hältst du mein botanisches Wissen für so groß, dass ich jetzt selbst drauf komme, wie die sich auflösen? Ist ja sehr schmeichelhaft, aber da muss ich leider passen. Also. Klär mich auf.“

„Hatte ich vor, aber ich darf dich doch wohl ein wenig zappeln lassen.“

Hendrik nickte schmunzelnd.

„Gut, dann hör weiter. Bei unseren Algen haben wir ja schon mindestens zwei ungewöhnliche Eigenschaften beobachtet: Sie vertrieben ihre Fressfeinde und sie begannen zu leuchten. Jetzt fügen wir eine dritte hinzu, nämlich die Fähigkeit, Zellulose aufzuspalten. Dieser Hauptbestandteil pflanzlicher Zellwände ist jedoch sehr schwer aufzuschließen. Bisher ist nur von einigen Bakterien, Pilzen und wenigen Tieren bekannt, dass sie das können. Würden unsere Algen aber über ein Enzym verfügen, mit dessen Hilfe Zellulose in immer kleinere Bausteine zerlegt werden kann, könnten sie das auch.“

„Ihre eigene Zellulose?“

„So meine Idee. Natürlich werden wir nach diesem Enzym suchen.“

„Schon klar. Und du meinst, die haben sich selbst, äh ... aufgefressen?“, fragte Hendrik ungläubig.

„Natürlich nicht. Auffressen würde bedeuten, dass sie die gewonnene Energie zum Wachstum oder zumindest für die Aufrechterhaltung ihres Systems verwenden. Ich gehe aber noch weiter. Die Bausteine von Zellulose sind Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff. Könnten diese Algen ihre Zellulose immer weiter zerlegen, blieben irgendwann nur noch Kohlendioxid und Wasser übrig. Davon würde man natürlich nichts mehr sehen.“

„Aha. Ganz einfach ...“ Er sah seinen Freund an, als würde er ab sofort an dessen Verstand zweifeln.

Phil deutete mit seinem Zeigefinger durch den Bildschirm genau auf Hendriks Nase. „Genauso werden meine Kollegen auch gucken, wenn das ohne Beweise veröffentlicht wird.“

„Ja. Nein! Ich meine, ich veröffentliche das ja nicht. Obwohl es was von Science Fiction hat und das ist natürlich ...“

„Hendrik!“

„Ja, keine Sorge. Darüber kommt kein Wort aus meiner Feder. Aber sag mal, wenn das so wäre wie du sagst, welchen Sinn sollte das Ganze haben?“

„Welchen Sinn hatte es, zu leuchten? Sie haben es einfach gemacht und ich bin sicher, dass sie Gründe dafür haben.“

Hendrik wedelte mit der Hand. „Da. Du tust du es schon wieder.“

„Was denn?“ Phil zog die Stirn in Falten und sah ihn verständnislos an.

„Du unterstellst, dass die Pflanzen etwas bewusst tun.“

„Nein, ich unterstelle den Algen - denn nur von denen reden wir hier - noch immer kein Bewusstsein. Aber eine gewisse Intelligenz kann man als gegeben hinnehmen.“

„Könnte das gefährlich sein, also nicht die Intelligenz, sondern dass die sich in Luft auflösen? Ich meine, könnten die damit auch irgendwelche giftigen Stoffe produzieren?“

„Wie bei ihrem Stoffwechsel?“

„So was, ja.“

„Hm, unwahrscheinlich – aber ausgeschlossen ist es natürlich nicht – so verrückt wie die Dinger sich verhalten haben. Immer vorausgesetzt, meine Spekulationen bekommen überhaupt eine wissenschaftliche Basis.“

Diese Basis ließ allerdings auf sich warten, denn Phil konnte das vermutete Enzym nicht nachweisen, die Algen in den Becken verschwanden ja auch nicht. Hendrik veröffentlichte also nichts Dahingehendes und übte sich zunächst in Geduld - was ihm mehr als schwer fiel.

Das Meer blieb jedenfalls klar, bemerkenswert klar sogar und roch frisch und sauber. Die Touristen blieben, alle schienen zufrieden und der Mississippi floss weiter, unbesorgt mit Schadstoffen belastet, ins Meer.

Kapitel 5

18. Juni, Citgo Tankstelle, Lois Ave, Tampa

Nur ein paar Tage später fuhr ein alter Chevy, vielleicht sogar ein Oldtimer, in gemäßigtem Tempo auf eine Tankstelle zu. Die letzten Sonnenstrahlen ließen das blankgeputzte Chrom am Wagen aufblitzen.

Es war nur ein einziger Kunde an der Tankstelle. Der warf einen bewundernden Blick auf den Wagen und fragte sich, wohin der Fahrer eigentlich wollte. Er hielt auf die Tankstelle zu, aber nicht auf die Einfahrt sondern genau auf seine Zapfsäule. Der Chevy machte keine Anstalten, die Richtung zu wechseln oder langsamer zu werden. Er holperte über Kantsteine und kaum dass der Kunde beiseite sprang, rutschte die schwere Karosserie schon Funken sprühend und kreischend über die Betoninsel, schrammte haarscharf an seinem Wagen vorbei und pflügte erbarmungslos die Zapfsäule um. Er kam nicht zum Stillstand, sondern rutschte mehr als das er fuhr auf die nächststehende Diesel-Säule zu. Sie brach mit einem dumpfen Knall ab, der Schlauch hakte aus und wand sich kurz wie eine Schlange auf dem Boden, ein wenig Diesel wie Gift verspritzend. Weiter rollte der Wagen und krachte in das Schaufenster des Tankstellenkiosks. Der Motor stotterte und rasselte noch eine Weile, dann erstarb er. Die Bremslichter hatten nicht ein einziges Mal aufgeleuchtet.

Der Tankwart kam heraus gerannt. „Bist du komplett besoffen?“, rief er aufgebracht und riss die Fahrertür auf.

Der Fahrer fiel heraus wie ein gefüllter Mehlsack. Inzwischen war auch der Kunde neben ihm. Er holte ein paarmal japsend Luft, würgte mehrfach, fing sich aber wieder. Es war nicht wegen des Mannes, den der Tankwart geistesgegenwärtig aufgefangen hatte, sondern wegen der weiteren Insassen und des Geruchs, der aus dem Chevy drang.

Der Tankwart legte den Mann auf dem Boden ab. Dann überwand er sich und beugte sich in den Wagen. Es roch nach Schweiß und Urin - und beinahe süßlich nach etwas eklig Undefinierbarem. Auf dem Beifahrersitz saß eine junge Frau. Bis auf ihren merkwürdig geschwollenen Hals und die dunklen Ringe unter den Augen sah sie ganz normal aus. Keine verrenkten Glieder, kein Blut, nur der Rock war ein wenig hochgerutscht und unter ihr war ein nasser Fleck. Auch die beiden Kinder auf dem Rücksitz, etwa drei und fünf Jahre alt, wirkten – bis auf den geschwollenen Hals - unverletzt. Aus ihren Nasen war allerdings Blut und dicker Rotz gelaufen. Keiner der Drei rührte sich mehr.

„Die sind tot, oder?“ Eigentlich war das keine Frage sondern eine Feststellung des Kunden. Seine Stimme wurde höher. „Aber die sind nicht an den Folgen des Unfalls gestorben, oder.“

Der Tankwart richtete sich wieder auf und zuckte nur mit den Schultern. Der Mann auf dem Boden stöhnte.

„Wir müssen einen Krankenwagen holen.“ Der Tankwart nahm ruhig sein Handy und schien vollkommen ungerührt.

Wie kann der nur so ruhig sein? Vielleicht ein Schock? überlegte der Kunde wurde aber durch den Tankwart in seinen Gedanken unterbrochen.

„Die beim Notruf haben mich gefragt, ob die Leute hier einen geschwollenen Hals haben. Ich hab ja gesagt und dann haben die sofort aufgelegt.“

Die beiden Männer sahen sich verständnislos an, keiner sagte mehr ein Wort, aber ihre Blicke sprachen Bände: Die wissen etwas über diese Krankheit. Was, wenn sie ansteckend ist?

Trotzdem drehten sie den stöhnenden Mann auf die Seite, damit er nicht erstickte. Sie schoben einen Pullover unter seinen Kopf, aus Mund und Nase rannen Schleim und Blut. Obwohl der Mann glühte deckte ihn der Tankwart auch noch mit einer Decke zu. Der Kranke murmelte unverständlich vor sich hin.

„Kommen Sie“, sagte der Tankwart, „wir waschen uns hinten besser mal die Hände, zur Vorsicht.“

Der Kunde nickte. Wieder zurück, hielten sie jetzt doch Abstand zu dem Chevy.

„Wir setzen uns auf die Mauer da drüben“, schlug der Tankwart vor.

„Wir können ihn doch hier nicht alleine lassen.“

„Machen wir ja auch nicht. Wir beobachten ihn weiter. Tun können wir sowieso nichts für ihn.“ Nach einer kurzen Pause sagte er: „Ich bin übrigens Larry.“ Er streckte dem Kunden die Hand entgegen. Der nahm sie und sagte lächelnd: „Ich heiße Harold.“

Erst saßen sie schweigend nur da, dann fragte Harold: „Gehört ihnen die Tankstelle?“

Larry nickte. „Hab sie von meinem Vater geerbt - und weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte ...“

„Hm, verstehe. Ich bin Meeresbiologe. Ich wollte das allerdings schon als Kind.“

„Meeresbiologe? Das ist ja krass. Auch mit dieser Twinkle Tide und so?“

„Ja, auch, aber ich bin nur Assistent. Mein Chef, Professor Harris, der ist da voll im Thema.“

„Stelle ich mir echt aufregend vor.“ Larry nestelte eine Packung aus seiner Hemdtasche, zündete sich eine Zigarette daraus an und blies den Rauch in die Luft.

Harold sprang auf, ihm wurde auf einmal wieder bewusst, wo sie sich befanden.

„Um Himmels Willen!“, rief er. „Lassen Sie das! Wir werden in die Luft fliegen. Ein Wunder, dass das nicht schon längst passiert ist, so wie vorhin die Funken gesprüht sind!“

Larry wischte mit der Hand durch die Luft. „Kein Grund zur Aufregung. Kein flammendes Inferno, versprochen. Da brennt nichts, wenn eine Zapfsäule umgefahren wird. Der Strom wird sofort automatisch abgeschaltet und der Kraftstoff läuft immer in den unterirdischen Tank zurück. Da bleibt höchstens ein kleiner Rest in den Schläuchen.”

„Keine Flammenhölle wie im Kino?“ fragte Harold erstaunt.

„Nein, das ist alles Theater.”

Harold machte ein ungläubiges Gesicht, beruhigte sich aber mit dem Gedanken, dass Larry wohl wusste, wovon er sprach.

Endlich hörten sie die Sirene des Krankenwagens, dann sahen sie ihn schlingernd in die Einfahrt fahren und abrupt direkt hinter dem Chevy halten. Das Blaulicht lief weiter und warf unheimlich pulsierende Schatten auf alles in seinem Umkreis. Inzwischen war es fast dunkel. Die Sanitäter sprangen aus dem Wagen. Sie trugen nicht ihre normalen Arbeitskleidung, sondern einteilige Schutzanzüge mit Kapuze in knalligem Gelb, das vom Blaulicht in regelmäßigen Intervallen grün gefärbt wurde. Dazu eine Art Gasmaske und Handschuhe. Sie sprachen kein einziges Wort. Sie legten den Kranken auf eine Trage und schafften ihn in den Wagen. Die drei Wageninsassen nahmen sie nur kurz in Augenschein, kümmerten sich aber nicht weiter um sie. Die beiden Männer waren entsetzt und fasziniert zugleich. Einer der Vermummten kam auf sie zu.

„Sie müssen mitkommen“, sagte er energisch, seine Stimme hörte sich durch die Maske hohl an, was das Ganze ziemlich gespenstisch machte. Zwei weitere Männer standen plötzlich hinter ihnen und schoben sie in Richtung Krankenwagen.

„Rein da. Ist nur zu ihrer Sicherheit.“

„Aber ...“

„Nichts aber. Sie kommen in Quarantäne. Von da aus können Sie telefonieren.“ Keine weiteren Fragen. Keine Antworten.

Nur Sekunden später schoss der Wagen wieder mit heulender Sirene davon. Im Krankenhaus wurden sie direkt von mehreren Vermummten in Empfang genommen. Diese Schwestern und Pfleger trugen weiße Overalls, Latex-Handschuhe und einfache Atemschutz-Masken. Es herrschte geschäftiges Treiben, aber nichts deutete darauf hin, dass etwas Ungewöhnliches im Gange sein könnte. Noch nicht.

Die beiden Männer waren verwirrt und nahezu sprachlos. Sie blickten sich immer wieder um, als könnte jemand daher kommen, um ihnen zu sagen, dass alles nur ein Irrtum sei. Jeweils ein Pfleger ergriff von hinten ihren Oberarm und schob sie sanft aber bestimmt weiter.

„Keine Sorge, ihnen wird nichts passieren. Wir passen schon auf sie auf“, versuchte eine Krankenschwester zu beruhigen. „Wir bringen Sie in unsere Quarantäne-Station. Dort sind Sie nicht allein, wir haben schon rund ein Dutzend Menschen zur Beobachtung hier. Aber Sie dürfen nicht raus und auch keinen Besuch empfangen.“

„Ich fasse es nicht. Wie lange denn?“

„Wir gehen von zehn Tagen aus. Wenn Sie symptomfrei bleiben, können Sie wieder gehen. Der Arzt wird gleich mit ihnen sprechen.“

Beide Männer verdrehten die Augen.

„Können wir wenigstens telefonieren?“

„Selbstverständlich, aber jetzt erst einmal hier entlang.“

Es folgte eine umständliche Aufnahmeprozedur mit gefühlten hundert Formularen. Dann mussten sie duschen und bekamen Krankenhauskleidung. Weiter ging es mit einer Allgemeinuntersuchung, Blutdruckmessen und zu guter Letzt mit Speichel-, Urin- und Blutproben. Dann endlich konnten sie telefonieren. Nur ihre nächsten Angehören durften angerufen werden und selber wählen durften sie auch nicht. Eine Krankenschwester teilte ihnen ein Doppelzimmer zu, sie redeten noch ein paar Minuten waren dann aber doch zu erschöpft und schliefen ein.

Kapitel 6

19. Juni, General Hospital, Tampa

Direkt am nächsten Morgen wollte Harold bei Phil anrufen, aber so einfach war das nicht. Er musste erneut ein Formular ausfüllen, wen und warum er anrufen wollte, das wurde geprüft und erst dann wurde er verbunden. Als Phil abnahm sprudelte er sofort los. „Du glaubst nicht, was mir gestern passiert ist ...“ Er erzählte ihm haarklein die ganze Geschichte und endete mit der Quarantäne.

„Grundgütiger. Gehen die von irgendeiner ansteckenden Krankheit aus?“

„So muss es wohl sein, doch die sagen uns rein gar nichts, Phil, aber das Ganze ist schon ziemlich verstörend. Larry, also der Tankwart, mit dem ich hier in Quarantäne bin, der wollte einen Abschleppwagen und für seine Tankstelle eine Vertretung organisieren. Der lebt ja davon und der Betrieb muss weitergehen. Abgesehen davon, dass die ihm das nicht erlauben wollten, war das auch gar nicht nötig. So viel haben sie ihm gesagt, dass der Chevy schon abtransportiert worden war. Das kann man noch verstehen, da waren ja die Frau und die Kinder drin. Aber die ganze Tankstelle wurde abgeriegelt. Das musst du dir mal vorstellen. Der hat natürlich tausend Fragen, aber keine wird beantwortet. Kannst du nicht mal versuchen, irgendetwas rauszubekommen?“

„Ja, ich kann´s versuchen. Sind denn noch neue Patienten dazu gekommen?“

„Keine Ahnung. Hier bei uns jedenfalls nicht und wie gesagt, die geben einfach keine Antworten. Wir wissen nicht einmal, wie es dem Fahrer des Chevys geht. Und ob die Frau und die Kinder wirklich tot sind oder nur bewusstlos waren. Diese Geheimnistuerei macht uns echt Wahnsinnig. Was wäre dabei, uns Bescheid zu sagen. Das würde uns zumindest etwas beruhigen. Ein Wunder, dass wir telefonieren dürfen.“

„Genau aus diesem Grund sagen sie euch vermutlich nichts. Damit ihr nicht irgendwelche Gerüchte in Welt setzen könnt. Auf Dauer werden die das natürlich nicht geheim halten können. Jedenfalls nicht, wenn es mehr Patienten werden.“

„Nein, vermutlich nicht, aber warum passiert eigentlich immer mir so was,“ jammerte Harold. „Jetzt musst du zehn Tage ohne mich auskommen. Bei unserem Personalmangel ist das ein Desaster. Wir müssen doch mit diesen Algen weiterkommen.“

„Hey, das lass mal meine Sorge sein, werd’ erst mal wieder gesund.“

„Ich bin nicht krank, Phil. Was immer es war, wir scheinen uns nicht angesteckt zu haben.“

„Nach so kurzer Zeit kann man das bestimmt noch nicht sagen. Äh, ich meine ich will dich nicht beunruhigen, aber ...“

„Ja, ja, verstehe schon, du hast ja Recht, abwarten und Tee trinken, nicht wahr. Aber es geht mir gut und ich habe hier einen Computer, wenn ich also irgendetwas auswerten soll, schick es mir einfach.“

„Okay. Das hört sich gut an. Danke Harold. Da hätte ich in der Tat etwas, ich melde mich gleich morgen. Schick mir schon mal die Adresse.“

„Ja, mache ich gleich. Das geht wohl über eine allgemeine Adresse und die prüfen das dann. Wir dürfen auch nicht unkontrolliert surfen. Ach, das ist alles so ätzend.“

„Ich versteh dich, Harold. Aber es nutzt ja nichts.“

„Sag jetzt bloß nicht: Und immer schön fröhlich bleiben ...“

„Äh ...“

„Ich wusste es!“

Endlich mussten beide lachen und beendeten das Gespräch mit dem Versprechen, in Verbindung zu bleiben.

Der Spruch vom Schweinchen Dick war ein Running-Gag zwischen ihnen. Auch Harold war manchmal etwas schüchtern und vorsichtig, aber wenn es drauf ankam, konnte man sich immer auf ihn verlassen.

Kapitel 7

Büro von Hendrik Boden, Berlin

Hendrik beobachtete weiter die Ereignisse in Florida, allerdings nicht besonders interessiert. Ein Anruf von Phil, der ihm von seinem Mitarbeiter Harold erzählte, ließ ihn indessen aufhorchen. Er konnte ihm zwar nicht weiterhelfen, aber da war es wieder, das Bauchgefühl. Doch noch bevor er etwas unternehmen konnte, überschlugen sich die Ereignisse an Floridas Golfküste. Die Krankheitsfälle nahmen dramatisch zu, es kam zu einer regelrechten Epidemie. Die Krankenhäuser waren überfüllt, die Arztpraxen an ihren Grenzen, das ganze Gesundheitssystem am Rand seiner Leistungsfähigkeit.

Zunächst waren die Berichterstattungen widersprüchlich. Die einen bauschten auf, die anderen verharmlosten das Geschehen. Die einen schürten Angst und Panik durch verstörende Bilder von schwer Kranken und Toten. Die anderen mahnten zur Vernunft und erklärten, die Behörden hätten alles im Griff. Beides stimmte nicht.

Doch die Twinkle Tide war vergessen, die Touristen wie durch Zauberhand verschwunden. Die Medien stürzten sich auf das neue Ereignis, aber eher wie Geier auf die Reste einer Löwenmahlzeit, denn als verantwortungsvolle Berichterstatter. Negative Schlagzeilen versprachen immer große Aufmerksamkeit. So wuchsen Verunsicherung und Angst und die Reaktionen in der Bevölkerung waren schlimmer, als die Krankheit selbst.

Auch für Hendrik war das ein lohnendes Thema, doch nicht ohne wissenschaftlichen Hintergrund. Phil konnte ihm da nicht weiterhelfen, also kontaktierte er Beryl Carter, eine der bekanntesten Spezialisten für Infektionskrankheiten, die ihn oft in medizinischen Fragen unterstützte.

„Hi, Hendrik, lange nichts von dir gehört. Gelesen natürlich schon. Ich hab dich immer auf dem Schirm.“

„Danke Beryl, geht mir ebenso.“ Es sah sich ihr Gesicht auf dem Bildschirm an. Sie war etwas jünger als er, sie hatte rotes Haar, nicht gefärbt und noch kaum von Grau durchzogen. Unter der wilden Mähne verbarg sich ein sehr kluger Kopf, krause Haare, krauser Sinn galt für sie in keiner Weise. Um die blauen Augen zeigten sich fast so viele Lachfältchen wie Sommersprossen auf der Nase. Sie war keine Schönheit im klassischen Sinn, aber trotzdem eine außergewöhnlich attraktive Frau. Hendrik hatte ihr ausgiebig den Hof gemacht, doch die Entfernung zwischen ihnen, machte eine echte Beziehung unmöglich.

„Deinem Gesicht nach zu urteilen, denkst du gerade an vergangene Zeiten.“

Hendrik fühlte sich ertappt. Er lächelte sie an. „Ja, wenn ich dich so ansehe ... aber es hat eben nicht sollen sein.“

Sie legte ihren Kopf ein wenig schief, ihr Gesicht drückte jetzt Bedauern aus, das allerdings von leichtem Erstaunen abgelöst wurde. „Du trägst ein, ähem, Freundschaftsarmband?“

Hendrik blickte auf das bunte Band an seinem Handgelenk, dann sah er Beryl an und lachte. „Nicht das, was du denkst. Das hat meine Nichte selber gemacht und mir dann geschenkt. Ich konnte es nicht ablehnen. Außerdem steht es mir, oder?“

„Ich dachte immer, du wärst nicht eitel.“ Beryl zwinkerte ihm zu.

„Ach was, aber die Männchen müssen die Weibchen doch beeindrucken.“

Sie senkte ihren Kopf und hob eine Augenbraue.

„Okay, verstanden. Lass uns von was anderem reden.“

„Gut, dann gehe ich mal davon aus, dass du wegen dieser Virusgrippe-Epidemie in Florida anrufst? Ich war zwar noch nicht vor Ort und bleibe auch hier in Atlanta, aber ich stehe mit meinen Kollegen aus Tampa und Sarasota in regem Austausch. Die können gerade jede Hilfe gebrauchen, vor allem von Virologen und Medizinern, die auf Infektionskrankheiten spezialisiert sind.“

„Mhm, das dachte ich mir. Ist es denn eine?“

„Eine Virus-Grippe? Ja, zumindest sieht es erst mal danach aus. Es beginnt in den meisten Fällen ganz klassisch mit Gliederschmerzen, dann folgen Kopf- und Halsschmerzen, Müdigkeit und Fieber. Dann Husten mit Atemnot und der Hals schwillt an. Merkwürdigerweise kommen auch noch neurologische Symptome dazu, wie Schwindel, Kribbeln in Armen und Beinen und später auch noch der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses.

Eine Patientin beschrieb ihre Symptome sehr bildhaft, warte, ich lese dir das mal vor: ‚Es fühlt sich manchmal so an, als würden meine Beine mit Elektroschockern bearbeitet, sie zucken und zittern und krampfen und ich kann nichts machen. Ich wusste gar nicht, dass man überhaupt so bizarre Symptome haben kann. Erst eiskalte, kribbelnde Hände und Füße und dann diese Hitze, die vom Bauchnabel ausgeht und den ganzen Körper zum Brennen bringt. Der Husten hört eigentlich nie auf, manchmal schwillt der ganze Hals an und schnürt einem die Luft ab. Und dann kann ich mich auf einmal nicht mehr daran erinnern, was ich in der letzten halben Stunde gemacht habe. Alle sagen, ich hätte mit den Augen gerollt und rumgeschrien und ich kann das überhaupt nicht glauben. Es ist, als ob etwas Fremdes in meinem Körper lebt und darum kämpft, die Kontrolle zu übernehmen. Es ist grauenhaft und keiner hilft mir.’ Diese Beschreibung brachte der Krankheit den Namen Super-Natural-Desease ein.“

„Aus der in den nicht englisch-sprachigen Berichterstattungen einfach nur die Super-Grippe wurde.“

„Das wusste ich nicht, aber macht Sinn.“ Sie lächelte wieder und Hendrik verspürte einen kleinen Stich in der Bauchgegend. Vielleicht sollte er ... aber jetzt mussten erst andere Dinge erledigt werden.

„Sind bestimmte Personengruppen stärker betroffen, als andere?“