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Magisterarbeit aus dem Jahr 2009 im Fachbereich Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik, Note: 1,0, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft), Sprache: Deutsch, Abstract: Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Presseberichterstattung zum Völkermord, der von April bis Juli 1994 im zentralafrikanischen Staat Ruanda stattgefunden hat. Hierzu wurde ein Korpus aus Zeitungsartikeln bestimmt, das nach verschiedenen Kriterien untersucht wird. Dies geschieht in Form einer Diskursanalyse nach dem Modell der so genannten Düsseldorfer Schule. Die zentrale Frage, die dabei beantwortet werden soll, lautet: Welches Afrika-Bild zeigt sich in der Berichterstattung deutscher Tageszeitungen zum Völkermord in Ruanda?
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Veröffentlichungsjahr: 2010
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AbkürzungenCDR - Coalition pour la Défense de la République FAZ - Frankfurter Allgemeine Zeitung FR - Frankfurter Rundschau MRND - Mouvement républicain national pour la démocratie et le développement OAU - Organisation für Afrikanische Einheit RTLMC - Radio Télévision Libre Mille-Collines RP - Rheinische Post RPF - Ruandische Patriotische Front SZ - Süddeutsche Zeitung taz - die tageszeitung UNAMIR - United Nations Assistance Mission for Rwanda UNOMUR - United Nations Observer Mission Uganda-Rwanda UNOSOM - United Nations Operation in Somalia UNO - United Nations Organisation WEU - Westeuropäische Union
Der Titel dieser Arbeit, „Das ist ein Schlachten und kein Krieg“, ist ein Zitat aus einem Artikel, der am 25. April 1994 in der FAZ erschienen ist. Der Ausspruch stammt ursprünglich von einem Leutnant aus Bangladesch, der Teil der UNAMIR war. Er gab seine Einschätzung zu den Ereignissen wieder, nachdem er zusammen mit den anderen Soldaten von der Mission abgezogen und nach Nairobi ausgeflogen wurde. Die FAZ verwendete das Zitat als Überschrift des Artikels.
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Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Presseberichterstattung zum Völkermord, der von April bis Juli 1994 im zentralafrikanischen Staat Ruanda stattgefunden hat. Hierzu wurde ein Korpus aus Zeitungsartikeln bestimmt, das nach verschiedenen Kriterien untersucht wird. Dies geschieht in Form einer Diskursanalyse nach dem Modell der so genanntenDüsseldorfer Schule.Die zentrale Frage, die dabei beantwortet werden soll, lautet: Welches Afrika-Bild zeigt sich in der Berichterstattung deutscher Tageszeitungen zum Völkermord in Ruanda?
Da gerade heutzutage Themen wie Globalisierung und Entwicklungszusammenarbeit von wachsendem Interesse sind, erschien es interessant, das von deutschen Medien vermittelte Afrika-Bild zu untersuchen. Zunächst erfolgt eine allgemeine Einführung in den Diskursbegriff. Hier wird dargelegt, was eine Diskursanalyse allgemein kennzeichnet. Daran anschließend wird dieDüsseldorfer Schuleals eine besondere Form der Diskursanalyse näher vorgestellt. Dabei soll verdeutlicht werden, welches die Charakteristika sind, die sie von einer klassischen Diskursanalyse unterscheiden.
Es folgt ein kurzer Bericht der Ereignisse in Ruanda. Der Ablauf des Völkermordes wird dabei nur grob skizziert, da die Ereignisse selbst nicht der inhaltliche Schwerpunkt dieser Arbeit sind. Sie sollen dennoch nicht gänzlich unerwähnt bleiben, da einige grundsätzliche Informationen hilfreich sind, um die später analysierten Berichte in den Zeitungen inhaltlich einordnen zu können. Als Basis für die weitere Arbeit folgen die Definitionen der Begriffe „Völkermord“, „Genozid“ und „Bürgerkrieg“, da sie in der Presseberichterstattung vermehrt auftauchen. Um die korrekte Verwendung der Begriffe beurteilen zu können, ist eine Kenntnis dieser Definitionen hilfreich. Es ist jedoch wichtig an dieser Stelle hervorzuheben, dass eine Verwendung der Begriffe in Abweichung von der offiziellen Bedeutung keineswegs als falsch dargestellt werden soll.
Nach diesen inhaltlichen Aspekten wird die Auswahl der berücksichtigten Medien erläutert. Die Analyse bezieht sich auf die Berichterstattung in zwei überregionalen deutschen Tageszeitungen. Dabei handelt es sich zum einen um die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), zum anderen um die tageszeitung (taz). Beide Medien werden kurz vorgestellt, es werden Angaben zu Auflage, Leserschaft und politischer Ausrichtung gemacht um beurteilen zu können, ob diese Parameter Einfluss auf die Berichterstattung haben. Ebenso wird dargelegt, warum gerade diese Zeitungen für die vorliegende Analyse ausgewählt wurden.
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Um die Bedeutung der analysierten Artikel für den Diskurs zu verdeutlichen, folgen einige Angaben zur inhaltlichen und zeitlichen Eingrenzung des Korpus. Auf dieser Basis werden die vorhandenen Artikel mittels der drei Analyseebenen derDüsseldorfer Schuleanalysiert. Zum einen wird eine Wortanalyse durchgeführt. Dabei soll zunächst untersucht werden, mit welchen Begriffen die Ereignisse in Ruanda in der Presseberichterstattung bezeichnet werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Verwendung der Begriffe „Völkermord“, „Genozid“ und „Bürgerkrieg“ da sie in dem Diskurs einen zentralen Stellenwert einnehmen. Außerdem soll festgestellt werden, ob es andere Begriffe gibt, die in der Berichterstattung dominieren, und falls ja, welche das sind. Dabei wird vor allem auch der zeitliche Aspekt berücksichtigt. So soll ermittelt werden, ob sich die Verwendung der Begriffe im Laufe der Berichterstattung verändert. Darüber hinaus werden die verwendeten Metaphern untersucht. Es wird erörtert, aus welchen Herkunftsbereichen die Metaphern stammen und in welcher Weise sie auf den Genozid übertragen werden. Im nächsten Schritt wird die Argumentation untersucht, die sich in den einzelnen Artikeln erkennen lässt. Die Berichte der beiden ausgewählten Medien werden dabei zunächst unabhängig voneinander beurteilt. Die genannten Kriterien werden jeweils auf die Gesamtheit der relevanten Artikel einer Zeitung bezogen, um so eine Aussage über den Stil der Berichterstattung des jeweiligen Mediums zu treffen. In einem weiteren Schritt findet schließlich ein Vergleich statt, in dem Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden. Hierbei ist von besonderem Interesse, ob es einen Zusammenhang zwischen der Art der Berichterstattung und der Auflage sowie der politischen Ausrichtung der entsprechenden Zeitung gibt. Abschließend werden in einem Fazit alle gewonnenen Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst und bewertet. In diesem Zusammenhang soll auch die eingangs gestellte Frage nach dem sich in der Berichterstattung abzeichnenden Afrika-Bild beantwortet werden.
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Bevor in diesem ersten Teil der Arbeit die verwendete Methode der Diskursanalyse vorgestellt wird, erscheint es sinnvoll, zunächst den Begriff desDiskursesnäher zu beleuchten. Da es sich um einen Begriff mit vielfältigen Verwendungsweisen handelt, gehört es „sicherlich zu den vorrangigsten Erfordernissen im Umgang mit dem Diskursbegriff, genau zu bestimmen, was darunter verstanden werden soll.“ (Landwehr, 2008, S. 60) Dazu soll zunächst ein Blick in die Vergangenheit, auf seine Ursprünge geworfen werden. „Die Sprachwurzeln des Diskursbegriffs liegen in den altlateinischen Wörtern ‚discurrere’ / ‚discursus’, die ursprünglich eine Bewegung des ‚Hin- und Herlaufens’ bzw. des orientierungslosen Umherirrens bezeichnen.“ (Keller, 2008, S. 99) Diese klassische Bedeutung hat wenig mit den Kontexten zu tun, in denen wir heute von einem Diskurs sprechen. Die Frage nach dem, was unter einem Diskurs zu verstehen ist, ist dabei fast so alt wie der Begriff selbst. Bereits vor hunderten von Jahren war der Begriff einem stetigen Wandel ausgesetzt. Stand noch im 6. Jahrhundert die Frage im Raum, was genau ein Diskurs ist, wandelte sich die Frage und bereits im 7. Jahrhundert „lag die höchste Wahrheit nicht mehr in dem, was der Diskurs war, oder in dem, was er tat, sie lag in dem, was er sagte: eines Tages hatte sich die Wahrheit vom ritualisierten, wirksamen und gerechten Akt der Aussage weg und zur Aussage selbst hin verschoben: zu ihrem Sinn, ihrer Form, ihrem Gegenstand, ihrem referentiellen Bezug.“ (Foucault, 2003, S. 14)
„Im 13. Jahrhundert avanciert der Begriff ‚discursus’ zur scholastischen Fachterminologie und bezeichnet formale Strukturen logischen Schlussfolgerns und die Verstandestätigkeit.“ (Keller, 2008, S. 99) Dieses Verständnis als Aussage oder Verstandestätigkeit kommt der heutigen Verwendung zumindest schon nahe. Eine ähnliche Bedeutung, die nicht auf Logik, sondern Sprachgebrauch hin ausgerichtet war, entwickelte sich schließlich in der italienischen Renaissance. „‚Diskurs’ bezeichnet hier einerseits die mündliche, öffentliche, akademische oder institutionelle Rede, andererseits die schriftliche, gelehrte, schließlich wissenschaftlichdialogische Abhandlung.“ (Keller, 2008, S. 100) Heute hat der Begriff eine sehr weitreichende Bedeutung. So kann mit Diskurs beispielsweise ein Gespräch, eine Rede, Diskussion oder Debatte, aber auch eine schriftliche Abhandlung, eine Kommunikationsgemeinschaft oder einfach eine textuelle Einheit, die größer ist als ein Satz, gemeint sein. (vgl. Landwehr, 2008, S. 15) Das Lexikon der Sprachwissenschaft definiert
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Diskurs als einen „aus der angloamerikanischen Forschung übernommene[n] Oberbegriff für verschiedene Aspekte von Text“ (Bußmann, 1990, S. 189). Eine zweite Erklärung gibt an, ein Diskurs sei „im philosophischen Kontext [eine] Erörterung mit dem Ziel der Wahrheitsfindung.“ (Bußmann, 1990, S. 189) Für das heutige wissenschaftliche Verständnis von Diskurs ist in jedem Fall die Arbeit Foucaults von Bedeutung. „Die nähere Bestimmung der Eigenschaften der Diskursanalyse […] betreibt Foucault zunächst im Wege einer Negativdefinition. Die Diskursanalyse ist zunächst einmal, das ist Foucaults Einstieg, keine Begriffsgeschichte.“ (Busse, 1987, S. 238) Zu den weiteren Einschränkungen eines Diskurses gehören seiner Meinung nach „die Begrenzungen seiner Macht, die Bändigungen seines zufälligen Auftretens und die Selektionen unter den sprechenden Subjekten.“ (Foucault, 2003, S. 26) Schließlich scheint auch Foucault an einer klaren Definition des Begriffs zu scheitern, wie er selbst vermuten lässt.
„Schließlich glaube ich, dass ich, statt allmählich die so schwimmende Bedeutung des Wortes ‚Diskurs’ verengt zu haben, seine Bedeutung vervielfacht habe: einmal allgemeines Gebiet aller Aussagen, dann individualisierbare Gruppe von Aussagen, schließlich regulierte Praxis, die von einer bestimmten Zahl von Aussagen berichtet; und habe ich nicht das gleiche Wort Diskurs, das als Grenze und als Hülle für den Terminus Aussage hätte dienen sollen, variieren lassen, je nachdem ich meine Analyse oder ihren Anwendungspunkt verlagerte und die Aussage selbst aus dem Blick verlor?“ (Foucault, 1973, S. 116)
Foucault ist jedoch nicht der einzige, der unser heutiges Verständnis von Diskursen geprägt hat. „So verschaffte Jürgen Habermas mit seinem normativen Modell der Diskursethik dem Begriff in der wissenschaftlichen und politischen Öffentlichkeit seit dieser Zeit große Prominenz.“ (Keller, 2008, S. 102) Eine andere mögliche Definition liefern Dietrich Busse und Wolfgang Teubert, die unter einem Diskurs „virtuelle Textkorpora, deren Zusammensetzung durch im weitesten Sinne inhaltliche (bzw. semantische) Kriterien bestimmt wird“, verstehen. (Busse u.a., 1994, S. 14) Diese Definition trifft auf das vorliegende Korpus genau zu, daher soll sie in der vorliegenden Arbeit gelten. Zu den virtuellen Korpora, die einen Diskurs bilden, sollen darüber hinaus alle Texte gehören, die „sich mit einem als Forschungsgegenstand gewählten Gegenstand […] befassen, untereinander semantische Beziehungen aufweisen und/oder in einem gemeinsamen Aussage-, Kommunikations-, Funktions- oder Zweckzusammenhang stehen.“ (Busse u.a., 1994, S. 14) Die im Folgenden analysierten Artikel erfüllen genau diese Anforderungen.
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Diskursanalyse ist ein „aus der angloamerikanischen Forschung übernommene[r] Oberbegriff für die Analyse von Diskursen.“ (Bußmann, 1990, S. 189) Was genau unter einem Diskurs zu verstehen ist, wurde im vorangegangenen Abschnitt bereits thematisiert. Um das Verständnis dieser Methode zu vertiefen, soll an dieser Stelle noch kurz die Geschichte der Analyse dieser Diskurse zusammengefasst werden. Der Begriff der Diskursanalyse geht auf den französischen Philosophen Michel Foucault zurück, der gemeinhin als Begründer der Diskursanalyse gilt. Er entwickelte erstmals ein Diskurssystem, „das sich unter gesellschaftstheoretischen, philosophischen und geschichtswissenschaftlichen
Gesichtspunkten mit Diskursen als Erscheinungs- und Zirkulationsformen des Wissens beschäftigt.“ (Keller, 2008, S. 97) Heute ist die Diskursanalyse eine in den Geisteswissenschaften weit verbreitete Forschungsmethode, wobei sich verschiedene Herangehensweisen unterscheiden lassen. In der Forschungspraxis hat sich bis heute kein einheitliches Verfahren zur Diskursanalyse durchgesetzt, selbst „ob es sich bei der Diskursanalyse um eine Theorie oder um eine Methode handelt, ist strittig.“ (Kerchner, Schneider, 2006, S. 35) Diese Auseinandersetzungen um den Begriff der Diskursanalyse haben seiner Verbreitung jedoch keinen Abbruch getan. „Indem [die verschiedenen Disziplinen] unterschiedliche Versatzstücke aus dem Theoriereservoir aufgreifen und weiter entwickeln, haben verschiedene diskursanalytische Schulen und Zentren eine überregionale und interdisziplinäre Ausstrahlung erlangt.“ (Kerchner, Schneider, 2006, S. 51) Diese Vielfältigkeit ist ein klarer Vorteil des bis heute nicht ganz klar umrissenen Verständnisses des Begriffs der Diskursanalyse. Eine dieser Schulen ist die, die in den vergangenen Jahren an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf etabliert wurde und den theoretischen Hintergrund zu der vorliegenden Arbeit bildet. Je nach thematischem Schwerpunkt oder dem gewählten Vorgehen lassen sich einige grundsätzliche Formen der Diskursforschung unterscheiden. So können Arbeiten, die über die klassische Wort- oder Begriffsgeschichte hinausgehen und dabei eine chronologische Abfolge von thematisch zusammenhängenden Texten sprachlich analysieren, als Diskursgeschichte bezeichnet werden. (vgl. Busse u.a., 1994, S. 60) Dabei ist die Diskursanalyse den anderen sprachwissenschaftlichen Disziplinen in einigen Teilen relativ ähnlich. Sie könnte auch „als eine Form der Wort-, Satz- oder Textsemantik angesehen werden, die Beziehungen zwischen Wort- und Satzbedeutungen und Texten auch dann analysiert, wenn die Bezugsgrößen aus verschiedenen Texten stammen sollten.“ (Busse u.a., 1994, S. 22) Es gibt jedoch nicht nur Gemeinsamkeiten, in anderen
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Bereichen unterscheidet die Diskursanalyse sich deutlich von etwa der Lexikologie, der Lexikographie oder auch den bereits erwähnten Formen der Wort-, Satz- oder Textsemantik. „Der Unterschied besteht hauptsächlich in ihrer anderen Zielsetzung und in ihrer anderen Auswahl der untersuchten Bezugsgrößen, also etwa in der Zusammenstellung des Korpus oder in der Untersuchung von semantischen Beziehungen im Wortschatz bzw. innerhalb von Aussagegefügen über die Textgrenzen hinweg.“ (Busse u.a., 1994, S. 26/27)
