Verlag: C. Bertelsmann Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Das Jahr des Erwachens - A. Beatrice DiSclafani

Das sexuelle Erwachen einer jungen Frau in den amerikanischen Südstaaten der 1930er JahrenNorth Carolina in den 1930er Jahren, der Zeit der Weltwirtschaftskrise: Theodora Atwell ist fünfzehn Jahre alt, als sie in das Yonahlossee Riding Camp, ein Pensionat für höhere Töchter aus dem amerikanischen Süden, geschickt wird, weil ihre Eltern sie für einen Unglücksfall in der Familie verantwortlich machen. Das Internatsuniversum mit seinen strikten Regeln und den Ritualen der Mädchen, die sich durch Reichtum, Schönheit und Reitkünste definieren, steht in krassem Gegensatz zu der freien Kindheit, die Thea zu Hause in Florida erlebt hat. Doch anstatt dass Theas Temperament gebändigt wird, bricht die Natur sich ihre Bahn, und ein Skandal droht, als sie sich auf eine riskante Affäre einlässt.

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E-Book-Leseprobe Das Jahr des Erwachens - A. Beatrice DiSclafani

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North Carolina in den 1930er-Jahren, der Zeit der Weltwirtschaftskrise: Theodora Atwell ist fünfzehn Jahre alt, als sie in das Yonahlossee Riding Camp, ein Pensionat für höhere Töchter aus dem amerikanischen Süden, geschickt wird, weil ihre Eltern sie für einen Unglücksfall in der Familie verantwortlich machen. Das Internatsuniversum mit seinen strikten Regeln und den internen Ritualen der Mädchen, die sich durch Reichtum, Schönheit und Reitkünste definieren, steht in krassem Gegensatz zu der freien Kindheit, die Thea zu Hause in Florida erlebt hat. Doch anstatt dass Theas Temperament gebändigt wird, bricht die Natur sich Bahn, und ein Skandal droht, als sie sich auf eine riskante Affäre einlässt.

Zur Autorin

A. Beatrice DiSclafani wuchs in Florida auf, wo sie als leidenschaftliche Reiterin an nationalen Meisterschaften teilnahm. Heute lebt sie mit Mann und Kind in St. Louis und lehrt an der Washington University Creative Writing. Sie gilt als eine der herausragenden neuen jungen Erzählstimmen. Das Jahr des Erwachens war ihr hochgelobtes Romandebüt, das wochenlang auf den Bestsellerlisten aller maßgeblichen amerikanischen Zeitungen stand.

Von A. Beatrice DiSclafani außerdem lieferbar:Nach der Party (Roman)

A. BEATRICE DISCLAFANI

Das Jahr des Erwachens

Roman

Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck

C. Bertelsmann

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe The Yonahlossee Riding Camp for Girls erschien 2013 bei Riverhead Books, New York.1. Auflage

© 2013 by Anton DiSclafani

© der deutschsprachigen Ausgabe: 2018 beim C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-19410-9V001www.cbertelsmann.de

Für Mat

Kapitel 1

Ich war fünfzehn, als mich meine Eltern ins Yonahlossee Riding Camp for Girls schickten. Es lag versteckt in den Blue Ridge Mountains in Blowing Rock in North Carolina. Die Einfahrt war leicht zu übersehen, man musste schon ganz genau schauen. Viermal fuhr mein Vater vorbei, bis ich ihm schließlich ein Zeichen gab, dass wir angekommen waren.

Vater brachte mich von Florida nach North Carolina: Meine Eltern trauten mir nicht und ließen mich deshalb nicht allein mit dem Zug fahren.

Am letzten Tag unserer Reise erreichten wir die höheren Bergregionen, wodurch sich die Fahrt merklich verlangsamte. Die schmale, überwucherte Straße sah unfertig aus und wand sich in engen Kurven in die Höhe.

Während des Fahrens sprach mein Vater kaum; er meinte, der Fahrer müsse sich immer auf die vor ihm liegende Straße konzentrieren. Erst vor fünf Jahren, 1925, hatte er sein erstes Auto, einen Chrysler Roadster gekauft, weshalb ein Auto für ihn noch etwas Neues und Ungewohntes war. Am ersten Abend übernachteten wir in Atlanta, und nachdem wir unser Hotelzimmer bezogen hatten, sagte mir Vater, ich solle mich hübsch anziehen. Ich zog mein lavendelfarbenes Seidenkleid mit der tiefen Taille und den Rosetten an. Dazu trug ich die Nerzstola meiner Mutter, die ich mitgenommen hatte, obwohl sie es mir ausdrücklich verboten hatte. Als Kind durfte ich die Stola zu besonderen Anlässen – das Essen am Weihnachtsabend, das Osterfrühstück – tragen, und mittlerweile betrachtete ich sie als mein Eigentum. Jetzt jedoch, nachdem ich sie mir selbst umgelegt hatte, empfand ich sie als viel zu elegant, eine Last. In dem Kleid fühlte ich mich zu jung, was allerdings nicht an dem Kleid lag, sondern an meinem Körper. Ich hatte noch nicht lange einen Busen, und er war empfindlich, deshalb hielt ich mich verschämt wie ein unreifes Mädchen. Mein Vater sah in seinem grauen Nadelstreifenanzug kaum anders aus als sonst, nur dass er ein lindgrünes Taschentuch in seine Brusttasche gesteckt hatte. Nicht das grelle moderne Lindgrün. Solche Farben gab es damals noch nicht. Nein, ich meine das zart leuchtende Grün der echten Linde.

Am Eingang des Restaurants hakte ich mich bei ihm unter, wie es meine Mutter sonst machte, und er sah mich erstaunt an. Ich lächelte und unterdrückte die Tränen. Nach wie vor hegte ich die Hoffnung, dass Vater mich nicht in North Carolina lassen würde, dass er einen anderen Plan hatte. Meine Augen waren von zwei tränenreichen Wochen geschwollen, und ich wusste, dass es meinen Vater schmerzte, mich weinen zu sehen.

Das Land befand sich mitten in der Großen Depression, allerdings spürte meine Familie noch nichts davon. Mein Vater war Arzt, und für ihre Gesundheit zahlten die Leute immer. Abgesehen davon gab es ein Familienvermögen, auf das meine Eltern irgendwann zurückgreifen könnten. Aber erst nachdem die Patienten meines Vaters so arm geworden waren, dass sie ihn nicht einmal mehr mit Gartenfrüchten bezahlen konnten. Das alles wurde mir klar, als ich von Yonahlossee zurückkehrte. Als ich ging, hatte die Wirtschaftskrise für mich etwas anderes bedeutet.

Ich wagte mich nur selten weiter von zu Hause weg. Wir lebten in einer winzigen Stadt im Hinterland von Florida, die nach einem toten Indianerhäuptling benannt war. Im Sommer war es dort unerträglich heiß – damals gab es noch keine Klimaanlagen – und im Winter kühl und schön. Die Winter waren wunderbar und entschädigten für die Sommer. Unsere Nachbarn sahen wir kaum, aber ich hatte alles, was ich brauchte: Wir hatten tausend Morgen Land, und gelegentlich ritt ich morgens, mit einem Lunchpaket versehen, auf meinem Pony Sasi los und kehrte erst bei Sonnenuntergang zum Abendessen zurück, ohne dass ich den Tag über auch nur einer Menschenseele begegnet wäre.

Und dann dachte ich an Sam, meinen Zwillingsbruder. Vor allem hatte ich ihn.

Mein Vater und ich aßen im Hotelrestaurant Filet Mignon und gebratene Rüben. Das Dekor bestand in erster Linie aus den fast deckenhohen Panoramafenstern. Als ich einen Blick auf die ruhige Straße werfen wollte, sah ich mein verschwommenes Spiegelbild, lavendelfarben und verlegen. Wir waren die einzigen Gäste, und mein Vater machte zweimal eine lobende Bemerkung zu meinem Kleid.

»Du siehst bezaubernd aus, Thea.«

Thea war die Abkürzung von Theodora, ein in unserer Familie gebräuchlicher Name. Angeblich hatte ihn Sam zu Thea abgekürzt, als wir zwei Jahre alt waren. Die Rüben schmeckten muffig und waren holzig. Ich vermied es, während des Essens daran zu denken, was mein Bruder gerade machte.

Mein Vater sagte noch einmal, dass ich im Camp außer sonntags jeden Tag reiten würde. Ich dankte ihm. Ich hatte Sasi in Florida zurückgelassen, aber ich war inzwischen ohnehin zu groß für ihn. Beim Traben stieß ich an seine Ellbogen. In diesem Moment tat mir der Gedanke an mein hübsches Pony fürchterlich weh. Mutter sagte immer, dass sein Fell besonders schön sei, gleichmäßig schwarz und weiß gefleckt. Ich dachte an seine Augen, eines blau, eines braun, was bei Pferden nichts Ungewöhnliches war: Bei weißem Fell um das Auge war es blau, bei schwarzem Fell braun.

Unsere Mahlzeit, die letzte gemeinsame für ein Jahr, verlief weitgehend schweigend. Noch nie hatte ich mit meinem Vater allein gegessen. Mit meiner Mutter schon, mehrmals, und natürlich auch mit Sam. Ich wusste nicht, was ich mit meinem Vater reden sollte. Bei all dem Aufruhr zu Hause hatte ich Angst, überhaupt etwas zu sagen.

»Sobald Gras über die Sache gewachsen ist«, sagte mein Vater bei Kaffee und Crème brûlée, »kommst du wieder heim«, und jetzt war ich es, die über das Verhalten meines Vaters erstaunt war. Schnell nippte ich an meinem Kaffee und verbrannte mir den Mund. Zu Hause durfte ich nur ein Schlückchen aus der Tasse meiner Mutter nehmen. Mein Vater sprach selten von unschönen Dingen, egal, ob sie uns persönlich betrafen oder nicht. Vielleicht wusste ich deswegen so wenig von der Wirtschaftskrise.

Er lächelte mich an, sein kleines, freundliches Lächeln, und ich spürte, wie meine Augen zu brennen begannen. Wenn meine Mutter lächelte, sah man alle ihre Zähne; ihr ganzes Gesicht lag dann offen. Aber nach dem Lächeln meines Vaters musste man suchen. In diesem Moment bedeutete sein Lächeln, dass er mich noch liebte, trotz allem, was ich getan hatte. Ich wollte, dass er sagte, alles käme wieder in Ordnung. Aber mein Vater war kein Lügner. Es käme nicht alles wieder in Ordnung, nichts würde mehr so sein wie früher.

Nie wieder liebte ich einen Ort so sehr wie das Haus, in dem ich geboren worden war, wo ich gelebt hatte, bis alles aus den Fugen geriet. Man könnte meine Liebe zu diesem Ort mit meiner Zuneigung für die Menschen erklären, die dort wohnten, meine Mutter, meinen Vater und meinen Bruder. Das stimmt, ich liebte diese Menschen, aber wenn ich mich an meine Familie erinnere, dann erinnere ich mich immer auch an die Gärten, in denen sie herumgingen, die Veranden, auf denen sie lasen, die Schlafzimmer, in die sie sich zurückzogen. Ich liebte das Haus unabhängig von meiner Familie. Ich kannte das Haus, es kannte mich, wir spendeten einander Trost. Albern, aber der Ort war magisch.

Ich gebe zu, dass ich ebenso traurig war, das Haus zu verlassen, wie meine Familie zu verlassen. Nie war ich länger als ein paar Tage fort gewesen, und im tiefsten Inneren wusste ich, dass es sich bei meiner Rückkehr verändert haben würde.

Auch ich würde mich verändert haben. Als meine Eltern mich am Bahnhof in Orlando wieder abholten, nach so langer Zeit, holten sie im Grunde einen völlig anderen Menschen ab.

Ich verließ mein Zuhause, mein schönes Zuhause, und wurde in das Yonahlossee Riding Camp gebracht, eine Enklave für reiche junge Mädchen, in der das Personal aus ehemaligen Schülerinnen bestand, die auf ihre Verehelichung warteten.

Im Yonahlossee Riding Camp wurde ich, wie man so sagt, erwachsen.

Allerdings wusste ich an diesem Tag noch nichts über diesen Ort, außer dass mich meine Eltern dorthin schickten, damit sie mich nicht mehr sehen mussten. Als wir eintrafen, dämmerte es, eine melancholische Stunde, die ich noch nie hatte leiden können. Unter dem Blätterdach riesiger Eichen fuhren wir die schier endlos lange Kiesauffahrt entlang. Mir kam der Gedanke, dass ich vielleicht erst wieder in mehreren Wochen auf dieser Straße fahren würde.

Mein Vater umklammerte das Lenkrad und blickte angestrengt geradeaus, wie immer war seine ganze Aufmerksamkeit auf das vor ihm Liegende gerichtet. Wir erreichten einen großen Platz – später erfuhr ich, dass er genau so genannt wurde, der große Platz – mit holzgeschindelten Bungalows, und mein Vater stellte den Motor ab. Ich sah mich nach anderen Mädchen um, aber da waren keine. Ich öffnete die Beifahrertür. – »Thea«, rief mein Vater, aber ich achtete nicht auf ihn. Ich setzte meinen Fuß auf den Lehmboden, so anders als der Boden in Florida, der zu dieser Jahreszeit von der Sonne hart gebacken war. Die Luft hier roch feucht, aber nicht nach Meer. In Florida war das Meer immer in der Nähe, selbst wenn man wie wir Stunden davon entfernt lebte. Hier war man von allen Seiten von Bergen umschlossen.

Ich starrte das vor mir aufragende Gebäude an, während mein Vater sich am Auto zu schaffen machte – er würde erst weggehen, wenn er sicher war, dass alles abgeschaltet war. Selbst jetzt. So etwas wie dieses halb in den Berg hineingebaute Gebäude hatte ich noch nie gesehen. Die Pfeiler, auf denen es stand, erinnerten mich an Pferdebeine, lang und wacklig, nicht für ein derartiges Gewicht gedacht. Immer hatte ich das Gefühl, dass das Gebäude einstürzen müsste, einstürzen würde. Später, viel später, erklärte mir der Rektor, dass das in den Bergen die sicherste Bauweise war. Ich glaubte ihm nicht.

Weil Sonntag war, hatten alle schon zu Abend gegessen, aber das wusste ich damals noch nicht, und eine schreckliche Verzweiflung und Sehnsucht überkam mich. Das war nicht mein Zuhause, meine Familie war woanders.

Ein Mann kam auf uns zu, er schien plötzlich aus dem Erdboden gewachsen zu sein, und streckte die Hand aus, obwohl er noch drei, vier Meter entfernt war, viel zu weit, als dass mein Vater sie hätte ergreifen können. Einen Moment lang dachte ich, dass er meinem Bruder ähnlich sah.

»Ich bin Henry Holmes«, rief er, »der Rektor.«

Das Erste, was ich über Henry Holmes dachte, war, dass er einen seltsamen Titel hatte, ich wusste nicht, dass Sommercamps Rektoren hatten. Als er uns erreicht hatte, gab mein Vater ihm die Hand, dann nahm Mr. Holmes meine Fingerspitzen und verbeugte sich leicht. Ich neigte den Kopf.

»Thea«, sagte mein Vater. »Theodora, aber sie wird Thea genannt.«

Ich nickte und lief rot an. Ich war den Umgang mit Fremden nicht gewohnt, und Mr. Holmes sah mit seinen glänzenden braunen Haaren, die mal wieder geschnitten werden sollten, gut aus. Seine Hemdsärmel waren ordentlich hochgekrempelt, und aus der Nähe bemerkte ich, dass er Sam eigentlich überhaupt nicht ähnlich sah. Sam hatte ein fröhliches, offenes Gesicht mit runden hellbraunen Augen – Mutters Augen; immer sah er freundlich aus, ruhig. Mr. Holmes’ Gesicht war ein wenig angespannt, seine Lippen nachdenklich zusammengepresst. Und er war ein Mann und hatte einen Bartschatten. Mein Bruder war ein Junge.

In diesem Moment hätte ich in jedem Gesicht das von Sam gesehen. Ich hatte eines seiner Taschentücher mit Monogramm mitgenommen, so wie es die Erwachsenen in Büchern machten, sie gaben einem geliebten Menschen ein Erinnerungsstück mit. Natürlich hatte Sam mir nichts gegeben, ich hatte es mir genommen. Das Taschentuch lag unter dem Kleid auf meiner Brust, außer mir wusste keine Menschenseele davon. Ich legte die Hand auf den Bauch und sah Mr. Holmes in die Augen, wie ich es auf Geheiß meiner Mutter bei Fremden machen sollte. Ich erinnerte mich nicht daran, jemals einen Mann kennengelernt zu haben, mit dem ich nicht verwandt war, auch wenn das natürlich nicht stimmte.

»Wir freuen uns, dass du dich entschlossen hast hierherzukommen«, sagte er, und seine Stimme klang weicher, wenn er mit mir sprach, als wollte er Mitgefühl zeigen, wenn nicht mit den Worten, so doch mit dem Klang, mit dem sie meine Ohren erreichten. Ich sagte, ich würde mich auch freuen, hier zu sein. Er musste ahnen, dass ein unschöner Vorfall der Grund für mein spätes Eintreffen war. Ich war mitten im Sommer angemeldet worden und fragte mich, wie mein Vater das erklärt hatte.

Mr. Holmes führte uns die große Treppe zur Burg hoch, und obwohl ich erst später erfuhr, dass das Gebäude von allen so genannt wurde, dachte ich damals schon, dass es wie eine imposante und vornehme Burg aussah. Die Treppe war nicht überdacht, und es musste kürzlich geregnet haben, weil das Holz glatt war. Ich ging vorsichtig. Die Tür am Ende der Treppe war von zwei Gasleuchten flankiert. Die beiden orangeroten Flammen brannten ruhig in ihren Glaslaternen. Mr. Holmes öffnete eine schwere Eichentür, dunkelblau mit gelbem Rand, die Farben des Camps, und führte uns in den Saal, der zugleich als Speisesaal und Andachtsraum diente.

Er blieb beim Erkerfenster stehen.

»So ganz anders als Florida«, sagte mein Vater. Er lächelte mich an, und ich sah, dass er litt. Er hatte im vergangenen Jahr an den Schläfen die ersten grauen Haare bekommen, und plötzlich wurde mir klar, dass mein Vater alt wurde.

Mr. Holmes lud uns mit einer Geste in sein Büro ein, wo ich mich auf eine mit braunem Samt bezogene Chaiselongue setzte, während mein Vater und Mr. Holmes sich um die Formalitäten kümmerten. Ich spürte, dass Mr. Holmes mich beobachtete, sah aber nicht auf.

Ich hustete, und mein Vater drehte den Kopf.

»Wartest du draußen, Thea?« Ich ging und lief den Flur vor dem Büro entlang. Von dort, wo ich stand, konnte ich die Tische sehen, die schon für die nächste Mahlzeit gedeckt waren und morgen früh sicher mit Mädchen besetzt sein würden. Hunderten. Ich wünschte mich weit weg.

Ich kehrte zu Mr. Holmes’ Büro zurück und kam an einer Wand mit Fotografien vorbei, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Pferde mit ihren Reiterinnen. Ich trat näher und las die winzige Schrift unter jedem Foto, berührte das Messingschildchen und fuhr die Worte nach. Auf jedem Schildchen stand der Name eines Pferdes, dann der Name eines Mädchens und darunter schließlich 1. Platz, Frühlingsturnier und das Jahr. Es gab Fotografien aus dem neunzehnten Jahrhundert. Die Pferde hatten sich nicht sehr verändert, aber die ersten Mädchen ritten noch im Damensattel, ihre aneinandergelegten Beine hingen nutzlos herunter. Man konnte die Zeit vergehen sehen, an der Art der Fotografien und an den Namen der Mädchen und ihren Kleidern und Frisuren; die beiden Letzteren waren im Lauf der Zeit kürzer geworden. So viele Menschen hatten diesen Ort durchlaufen. Das jüngste Foto zeigte ein großes Mädchen mit weißblonden Haaren und einem römischen Profil, das auf einem riesigen Pferd saß; beide ließen den Mann, der mit dem Siegerkranz danebenstand, klein aussehen. Leona Keller, las ich, King’s Dominion, 1. Platz, Frühlingsturnier, 1930.

Neben der Tür zu Mr. Holmes’ Büro bemerkte ich einen kleinen Marmortisch, darauf zwei ordentliche Stapel Broschüren. Yonahlossee Riding Camp stand in kursiver Schrift auf den einen, Reiterhof für junge Damen, gegr. 1876. Darunter sah man eine Reihe lächelnder Mädchen in weißen Blusen und weißen Röcken, von denen jedes ein Pferd hielt. Die Ohren der Pferde zeigten nach vorn, ihre Aufmerksamkeit war auf etwas hinter der Kamera gerichtet.

Zuerst dachte ich, die Broschüren auf dem anderen Stapel seien einfach eine ältere Version. Auf dem Umschlag war ein Bild, das offenbar alle Schülerinnen zeigte, für die Fotografie aufgereihte Mädchen, die ernst in die Kamera blickten. Yonahlossee Riding School, dieselbe Kursivschrift, Bildungsanstalt für junge Damen, gegr. 1902.

Hinter Mr. Holmes’ Tür hörte ich eine Stimme und ging rasch zum Fenster. Ich legte eine Hand auf die Scheibe, mein Daumen verdeckte die Hälfte eines Gebirgszugs. Der Ausblick war atemberaubend, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Florida war flach und heiß, hier gab es, so weit ich von dem Fenster aus sehen konnte, schiefergraue, mit Bäumen gesprenkelte Berggipfel, die die Wolken durchstießen. Diese hingen so tief, dass es keine normalen Wolken sein konnten. Die Wolken, die ich kannte, trieben oben am Himmel dahin.

So wütend war ich nicht, dass ich die Schönheit nicht mehr wahrnehmen konnte.

Ich wurde dem Augusta House zugeteilt. Alle Bungalows waren nach Verwandten des Gründers benannt – es gab das Mary House, das Spivey House, das Minerva House. Mr. Holmes führte mich und meinen Vater über den großen Platz, aber ich lief ein, zwei Schritte hinterher, damit ich nicht mit ihnen reden musste. Mr. Holmes hatte einen weit ausholenden Schritt; er war groß und schlaksig und überragte meinen Vater, der immer schon zu den kleineren Männern gehört hatte. In den letzten paar Monaten war Sam in die Höhe geschossen, und er war inzwischen größer als er. Vielleicht aß Sam gerade, oder das Abendessen war schon vorbei. Vielleicht trug er noch dasselbe wie tagsüber: Shorts und ein Leinenhemd mit geknöpftem Kragen, was die Hitze erträglich machte. Im Sommer trugen wir nie lange Ärmel, aber in Atlanta hatten alle Männer, die ich gesehen hatte, trotz der Hitze einen Anzug angehabt. Auch Mr. Holmes trug jetzt einen Anzug, er war im Jackett aus seinem Büro getreten.

Mein Vater ging schnell, um Schritt zu halten, und hätte die Hände gern in den Taschen gelassen, zog sie aber immer wieder heraus, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Ich fragte mich, ob ich den Hinterkopf meines Vaters in einer Menge erkennen würde. Den von Sam würde ich jedenfalls erkennen, seine struppigen, dicken Haare, über die Mutter jedes Mal beim Vorbeigehen strich, damit sie sich legten.

Mr. Holmes öffnete die Tür des Augusta House und trat zuerst ein, aber vorher drehte er sich noch einmal um und lächelte mich kurz an; ich hörte, wie er zu den Mädchen sagte, sie hätten Besuch, und als mein Vater und ich gleich darauf eintraten, standen fünf Mädchen neben ihren Stockbetten, Hände hinter dem Rücken, und rührten sich nicht. Mittlerweile war es fast dunkel, und eine Wandleuchte war die einzige Lichtquelle in dem Raum. Ich fand es merkwürdig, dass Mr. Holmes, ein erwachsener Mann, ohne anzuklopfen ein Haus betrat, in dem nur Mädchen wohnten. Aber sie hatten gewusst, dass er kam. Ich fragte mich, was sie sonst noch wussten.

»Das ist Theodora Atwell, sie ist aus Florida zu uns gekommen.«

Die Mädchen nickten alle gleichzeitig, Panik ergriff mich. Machten sie alles gleichzeitig? – Woher sollte ich das wissen?

»Und das«, sagte Mr. Holmes von links beginnend, »sind Elisabeth Gilliam, Gates Weeks, Mary Abbott McClellan, Victoria Harpen und Eva Louise Crayton.«

»Es freut mich, euch kennenzulernen«, sagte ich, und die Mädchen neigten leicht den Kopf. Bis auf Elisabeth, die Erste in der Reihe, sie fiel aus der Rolle, und darüber war ich sehr froh. Das waren einfach nur Mädchen wie ich. Sie strich sich eine Strähne ihres aschbraunen Haars hinters Ohr und lächelte, ein schiefes Lächeln. Sie machte einen freundlichen Eindruck. Ich mochte ihre blauen Augen. Sie lagen weit auseinander wie bei einem Pferd. Sie würde Sissy für mich sein.

In diesem schwach beleuchteten und intensiv nach Holz riechenden Bungalow fragte ich mich, was die Mädchen hergebracht hatte. Oder wer sie hergebracht hatte. Wir teilten uns jeweils zu zweit ein Stockbett, hatten jede einen winzigen Schrank, ein Waschgestell, einen Toilettentisch mit Spiegel und einen Schreibtisch. Die Hausaufseherinnen wohnten alle zusammen in einem anderen Bungalow, und wir Mädchen waren uns selbst überlassen. Ich nahm die Hand meines Vaters, die an seiner Seite herunterhing, und hoffte, dass die anderen Mädchen mich nicht kindisch fanden. Sein fester Griff überraschte mich, und da wusste ich, dass es stimmte, dass er mich hier zurücklassen wollte. Ich entwand ihm meine Hand und trat einen Schritt vor.

»Ich freue mich, hier zu sein.«

Mein Vater küsste mich auf die Wange und drückte mich in einer unbeholfenen halben Umarmung an sich. Weil alle Mädchen zusahen, war ich auf einmal peinlich berührt statt traurig. Mr. Holmes wandte diskret den Kopf ab. Dann gingen er und mein Vater, und ich stand allein in dem Raum voller Mädchen und fühlte mich erbärmlich. Ich war daran gewöhnt, Angst zu haben – sie wand sich jedes Mal durch meine Gehirnwindungen, wenn ich einen höheren Sprung wagte –, aber dann war sie begleitet von freudiger Erwartung.

Ich betrachtete die undurchschaubaren Gesichter all der Mädchen, und sie betrachteten mich, und ich empfand eine Furcht, wie ich sie noch nie empfunden hatte. Ich konnte nirgendwohin gehen, es gab niemanden außer mir, an den ich mich um Trost wenden konnte. Schon wollte ich die Arme vor der Brust verschränken, aber dann sagte mir mein Instinkt, es bleiben zu lassen: Keines der Mädchen sollte merken, dass ich Angst hatte.

»Theodora?«, fragte das hübsche, vollbusige Mädchen, und ich erinnerte mich an ihren Namen. Eva.

»Thea«, flüsterte ich. Aber ich stammte nicht aus einer Familie, in der geflüstert wurde. Ich räusperte mich. »Thea. Ein Spitzname.«

»Ja, das ist besser«, sagte Eva und grinste. »Theodora klingt so gewichtig.«

Ich zögerte – machte sie sich über meinen Namen lustig? Aber dann klopfte sie auf das Bett hinter ihr. »Das ist deins. Du liegst unter mir.«

Sissy lachte. Zuerst erschreckte mich das Geräusch, dann beruhigte es mich. »Hast du schon mal in einem Stockbett geschlafen?«, fragte sie. »Ich liege auch unten. Das ist nicht lustig, aber du kommst ja auch so spät.«

Ich zeigte auf meinen Koffer, der am Fußende des Stockbetts stand. Man zeigte nicht mit dem Finger, jetzt würden die Mädchen denken, dass ich kein Benehmen hatte, aber ein schlechtes Benehmen war besser, als zu erklären, warum ich so spät kam.

»Mein Koffer ist schon da«, sagte ich.

»Einer der Männer hat ihn gebracht«, mischte sich Mary Abbott ein. Ihre Stimme klang zerbrechlich.

»Aber nicht der gut aussehende!«, sagte Eva, und Sissy lachte.

Gates sah vom Schreibtisch auf, wo sie etwas geschrieben hatte – einen Brief? Ich fragte mich, an wen –, missbilligend, wie ich fand.

»Ach, Gates«, sagte Eva. »Nimm nicht immer alles so ernst. Das ist doch bloß Gerede.« Träge drehte sich Eva zu mir um; sie bewegte sich, als müsste sie sich um nichts in der Welt Gedanken machen. »Hier verrichten zwei Männer die gröberen Arbeiten. Der eine sieht sehr gut aus. Und der andere … wart’s ab.«

Ich spürte, wie ich rot anlief, und ging schnell zu meinem Bett, damit die Mädchen es nicht mitbekamen. Bei der kleinsten Kleinigkeit errötete ich. Ich machte mich an meinem Koffer zu schaffen, bis ich bemerkte, dass alle in ihre Nachthemden schlüpften. Schnell zog ich mich aus – noch nie hatte mich ein anderes Mädchen nackt gesehen. Nur Mutter, und sie war kein Mädchen. Ich achtete darauf, beim Ausziehen das Taschentuch zu verbergen – die anderen Mädchen würden mich für kindisch halten, wenn sie sahen, dass ich ein Stück Stoff meines Bruders unter den Kleidern trug. Oder schlimmer noch als kindisch: seltsam.

Wir hatten alle dieselben Nachthemden – meines hatte auf dem Bett gelegen –, weiche Baumwolle mit V-Ausschnitt, der Saum bis knapp unters Knie, über der linken Brust ein YRC eingestickt. Über dem Herzen. Das Nachthemd, das ich mitgenommen hatte, war hochgeschlossen, knöchellang und an den Handgelenken berüscht. Man hätte mich darin sofort durchschaut. Mutter hatte gesagt, dass ich eine Uniform tragen würde und daher nicht viel einpacken müsste; zu Hause hatte mich das wütend gemacht. Ich würde genauso behandelt werden wie alle anderen! Aber jetzt war ich froh. Ich hatte nicht gewusst, dass mein Nachthemd völlig unpassend war.

Die Mädchen gingen paarweise los – Eva und Sissy, Gates und Victoria –, bis nur noch Mary Abbott und ich übrig waren. Mir blieb weiter nichts übrig, als ihr zu folgen. Ich wollte nicht fragen, wohin wir gingen, tat es aber trotzdem.

»Zum Abort. Ich weiß, dass du dich jetzt fragst, warum wir in den Bungalows kein Klo haben«, sagte sie. Verschwörerisch senkte sie die Stimme: »Sie glauben, das wäre gut für uns.« Sie sprach mit einem starken Südstaatenakzent. Mr. Holmes hatte auch einen Akzent, aber ich konnte ihn nicht einordnen – er verschluckte Silben, ganz anders als die Mädchen im Augusta House. Ich hatte keinen Akzent, zumindest im Vergleich mit den Mädchen hier. »Aber wenigstens müssen wir nicht im Freien aufs Klo. Und wir haben fließend Wasser.«

Ich nickte Mary Abbott zu, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Ich hatte noch nie im Freien aufs Klo gehen müssen und immer fließend Wasser gehabt.

Eva und Sissy liefen auf dem Rückweg zum Bungalow an uns vorbei, ebenso andere Mädchenpaare aus anderen Bungalows. In unseren Nachthemden sahen wir wie Gespenster aus, und ich hasste es, hier zu sein, hasste die Mädchen, mein erstes klares Gefühl seit meiner Ankunft. Ich wickelte mich fester in meinen Schal und hasste meine Mutter.

Die Aborte waren blitzsauber – darüber war ich erleichtert. Ich wartete nicht auf Mary Abbott, sondern eilte zurück zum Bungalow, ohne jemanden anzusehen. Als wir Eva und Sissy begegnet waren, hatte mir ihr Lächeln gesagt, dass Mary Abbott niemand war, mit dem ich mich abgeben sollte. Ich lag schon im Bett, als Mary Abbott hereinkam. Sie blickte mich lange an, wehmütig, hatte ich den Eindruck, aber das war ein dummer Gedanke, sie kannte mich ja erst eine Stunde – und dann betrat noch jemand den Bungalow, zu jung für eine Frau, zu alt für ein Mädchen. Sie sah uns kaum an. Als sie mich entdeckte, nickte sie. – »Theodora Atwell. Schön, dass du dich schon eingerichtet hast.« Und dann knipste sie das Licht aus.

»Gute Nacht, Mädchen«, rief sie beim Hinausgehen.

»Gute Nacht, Henny«, antworteten alle im Chor.

Schläfrig flüsterten sie sich reihum Gute Nacht zu. Als ich dachte, jetzt wären alle still, sprach Eva.

»Gute Nacht, Thea«, flüsterte sie, und die anderen Mädchen taten es ihr sofort nach, fünfmal hörte ich meinen Namen. Es wunderte mich, dass ich wusste, welche Stimme zu wem gehörte. Es wunderte mich, dass die Mädchen bereits Anspruch auf mich erhoben.

Meine letzte Mädchenbekanntschaft war Milly gewesen, eine Nachbarin, die vor Jahren weggezogen war. Sie schleppte immerzu eine Puppe mit sich herum. Ich fand sie langweilig, was in meiner Familie am meisten verpönt war. Langweilig waren andere Leute, die Atwells waren interessant.

Sam mochte Milly jedoch. Sie sah ihm dabei zu, wie er seine Terrarien versorgte, half ihm, Äste auf eine brauchbare Größe zurechtzustutzen, hörte interessiert zu, wenn Sam erklärte, wie seine riesige Agakröte Gift aus den Drüsen hinter ihren Augen absonderte. Nur Sam konnte die Kröte in die Hand nehmen; als ich es versuchte, blähte sie sich zur doppelten Größe auf. Sam hatte etwas Behutsames an sich, dem Tiere vertrauten. Menschen auch.

Es passte mir nicht, dass Milly bei Sam war, wenn ich von einem Ausritt zurückkam. Und so stahl ich Millys Puppe und vergrub sie hinter der Scheune. Sie kam nie wieder.

Sam wusste, was ich getan hatte. Ich war gemein gewesen, und Sam hasste Gemeinheit. Vermutlich verstand er es nicht, den Impuls, ein anderes Lebewesen zu verletzen. Deshalb konnte er auch nicht reiten. Die Vorstellung, die Sporen in die weiche Flanke eines Pferdes zu pressen oder die Gerte gegen ein einfältiges Tier zu erheben – nein, das konnte Sam sich nicht vorstellen.

Er schämte sich für mich, und ich schämte mich beinahe für mich selbst, aber Milly war schnell vergessen, in den Staub des Gedächtnisses eines Kindes getreten.

Ein Mädchen murmelte irgendetwas Unverständliches, sprach im Schlaf.

»Schhh«, sagte Gates, »schhh«, und das Murmeln verstummte.

In Atlanta hatten mein Vater und ich in getrennten Zimmern geschlafen. Wir waren noch nie zusammen gereist, daher wusste ich nicht, wie ich das verstehen sollte, aber ich hatte in meinem herrschaftlichen Zimmer geweint, und dann hatte ich mich selbst gescholten, weil ich so dumm und verzweifelt war: Kein Grund zu heulen, hatte ich mir gesagt, reiß dich zusammen. Ich war zu den Geräuschen der Autos unter meinem Fenster eingeschlafen und fragte mich, ob mein Vater sie in dem Zimmer gegenüber auch hörte, fragte mich, ob er überhaupt wach war oder ob er tief und fest schlief.

Die Autos vor meinem Fenster hatten dafür gesorgt, dass ich mich weniger einsam fühlte, auch wenn das dumm war – die Männer und Frauen in diesen Autos waren nicht meine Freunde.

Ich fragte mich, ob Sam in diesem Moment noch wach war und den Grillen von Emathla zuhörte. Ich fragte mich, was er heute sonst gehört hatte, was er getan hatte. Mutter würde noch wach sein und lesen oder Radio hören; Vater war vermutlich noch unterwegs und wand sich vorsichtig durch die Berge.

Ich dachte an meinen Cousin Georgie und wollte weinen, aber ich verbot es mir. Ich hatte genug für ein Leben geweint. Zwei Leben. Drei.

Am nächsten Morgen weckte mich eine Glocke. Schnell setzte ich mich auf und stieß mir dabei den Kopf an Evas Bett an. Ihr Gesicht tauchte aus dem oberen Bett neben mir auf.

»Du siehst wie eine Fledermaus aus«, sagte ich, sie sah mich verschlafen an, und ich bewunderte ihre schöne Haut, die runden Wangen.

Ich rieb mir den Kopf und wartete, dass die anderen Mädchen aufstanden. Aber die nächsten Minuten stand keine auf, stattdessen lagen sie in ihren Betten und gähnten und reckten sich. Ich war noch nie so lange mit so vielen Mädchen allein gewesen. Mutter hatte Sam und mich zwei Wochen nach Emathla zur Schule geschickt und dann beschlossen, dass sie nicht gut genug für uns war. Der Unterschied zwischen mir und den Kindern dort, Söhnen und Töchtern von Farmern, war klar gewesen. Hier wusste ich nicht, wo ich stand.

Wie sie da in ihren Betten lagen, wirkten die Mädchen benommen. Eva war die Größte, Mary Abbott die Kleinste. Victoria war die Dünnste, aber sie war zu dünn, sie sah mit ihren hervorstehenden Schlüsselbeinen fast verhungert aus. Meine Haare waren weder dunkel noch hell; ich war weder klein noch groß. Zu Hause sah ich fast nie andere Kinder. Vater unterrichtete uns, und wenn Sam und ich in der Stadt einem anderen Jungen oder einem anderen Mädchen begegneten, wurden wir immer angestarrt, weil wir Zwillinge waren und uns auf unheimliche Weise ähnelten: Wir hatten beide Vaters große Nase und hohe, breite Wangenknochen. Unsere Gesichter seien wie modelliert, sagte Mutter. Und wir hatten beide Mutters welliges, leuchtend kastanienbraunes Haar. Es fühlte sich genau gleich an. Unsere Ähnlichkeit sorgte dafür, dass die Leute uns bemerkten. Hier, ohne Sam, war ich wie alle anderen, nur ein wenig dunkler wegen der Sonne in Florida.

Eine Frau trat ein, offensichtlich ein Hausmädchen, das verriet ihre Uniform.

»Guten Morgen, Docey«, rief Eva, und Docey lächelte kurz in ihre Richtung, dann goss sie Wasser in unsere Waschschüsseln. Wir standen auf und gingen zu unseren Toilettentischen – schlichte Walnusstische, aber die Schüsseln waren mit hübschen zarten Blüten bemalt. Der Rand von meiner war angeschlagen. Docey war kleiner als wir. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass sie nicht größer war als eins fünfzig, aber recht kräftig, mit fahlbraunen Haaren, zu einem straffen Knoten geschlungen, und einem schielenden Auge. Sie sprach schnell, mit einem stärkeren, ungeschliffeneren Südstaatenakzent als alle anderen. Später erfuhr ich, dass ihre Aussprache darauf schließen ließ, dass sie aus dem ärmsten Teil der Appalachen kam.

Nachdem wir uns gewaschen und angezogen hatten, gingen wir über den großen Platz zu demselben Gebäude, in dem ich am vergangenen Abend mit Vater gewesen war. Ich hatte mit Sams Taschentuch unter meinem Kissen geschlafen. Ich wollte es wieder in mein Kleid stecken, aber die Gefahr war zu groß, dass Eva oder Sissy – bei denen ich Eindruck machen wollte – es mitbekamen.

Als ich nach draußen kam, erschreckte mich die Masse an Mädchen. Es waren so viele, alle in weißen Röcken und Blusen mit Bubikragen, das YRC in Dunkelblau über dem Herzen eingestickt. Wahrscheinlich um mich darauf vorzubereiten, hatte mein Vater mir gesagt, dass hier beinahe zweihundert Mädchen sein würden, aber eine solche Armee hatte ich mir nicht vorstellen können. Sie unterschieden sich auf den ersten Blick nur durch ihre Haare – ein Mädchen mit Löckchen warf einen Blick zu mir herüber und flüsterte ihrer Freundin etwas zu, und da wurde mir bewusst, dass ich starrte. Ich schloss mich den Mädchen an, versuchte, mit ihnen Schritt zu halten. Sie trugen keine Strümpfe, wie ich bei einem Blick auf ihre Beine feststellte. Von der Taille abwärts sahen wir wie ein Haufen Kinder aus.

Sissy holte mich ein. Ihre braunen Haare waren zu einem modischen Bob geschnitten. Ich griff in meine Haare, die mir über die Schulter fielen. Ich hatte auch einen Bob gewollt, aber Mutter hatte es mir nicht erlaubt.

»Du gehst schnell«, sagte sie.

Ich verlangsamte meinen Schritt. »Ja.«

»In Florida ist es heiß.« Sie hatte eine rauchige Stimme, was gar nicht zu ihren zarten Zügen passte.

»Wo kommst du her?«, fragte ich.

»Monroeville.«

Sie tat, als müsste ich wissen, wo das war. Ich tat, als wüsste ich es.

»Was macht dein Vater?«, fragte sie.

»Er ist Arzt. Und er besitzt Orangenplantagen.« Letzteres stimmte nicht ganz – die Plantagen stammten aus der Familie meiner Mutter –, aber ich nahm an, Landbesitz steigerte hier das Ansehen.

»Ich mag Orangen!«, sagte sie und lächelte ihr schiefes Lächeln, und angesichts ihrer Begeisterung musste ich auch lächeln. Orangen waren für mich nichts Besonderes. Sie waren selbstverständlich.

»Was macht dein Vater?«, fragte ich.

»Er kümmert sich um die Geschäfte meines Großvaters. Und reitet. Deshalb hat er mich hergeschickt, damit ich reiten lerne. Aber leider macht es mir keinen Spaß.«

»Nein?«

»Es ist so schmutzig«, sagte sie. Dann fügte sie schnell hinzu: »Nicht, dass ich zimperlich wäre«, und warf mir einen Blick von der Seite zu. »Ich mag nur andere Sachen lieber.«

Überrascht hörte ich mich lachen. Ich hatte seit Wochen nicht gelacht.

Mädchen schwärmten durch den Speisesaal, als wir eintraten. Sie versammelten sich an den mit Leinentüchern gedeckten Tischen und plauderten miteinander, und mir wurde klar, dass sie gerne hier waren, dass sie sich zu Hause fühlten.

Sissy zeigte mir meinen Tisch, an dem Mary Abbott, Victoria, Henny und noch ein paar andere saßen. Mary Abbott lächelte aufgeregt, als sie mich sah, und ich erwiderte das Lächeln kurz, dann setzte ich mich auf den Stuhl, der am weitesten von ihrem entfernt stand.

»Hallo, Theodora«, sagte Henny. Ich wollte sie korrigieren, doch da fiel mir Mary Abbott ins Wort.

»Sie heißt Thea.« Ohne zu erkennen zu geben, ob sie Mary Abbott gehört hatte, fuhr Henny fort und stellte die anderen am Tisch vor, eine Mischung aus jüngeren und älteren Mädchen und einer Lehrerin, Miss Metcalfe, die sehr glatte Haut und Zähne wie kleine Perlen hatte.

Auf dem Tisch standen Servierplatten mit dampfendem Essen – Eier, Schinken und Speck, Himbeerküchlein, Hafergrütze –, aber ich hatte keinen Appetit. Die anderen ignorierten mich die meiste Zeit, und ich war froh darüber. Sam wäre von dem vielen Essen bestimmt begeistert gewesen, seit ein paar Monaten haute er rein wie ein Scheunendrescher. Ich wusste genau, wo er im Moment war: draußen, wo er eines seiner verletzten Tiere versorgte oder die Bewohner eines seiner Terrarien mit Insekten fütterte, einen Ast richtete, damit eine Eidechse sich besser sonnen konnte. Nicht immer gab es ein verletztes Tier, das er versorgen musste, aber seit einigen Wochen kümmerte er sich um ein Nest mit Eichhörnchenjungen, die er großzog. Die Mutter war verschwunden.

»Kann ich dir eine Frage stellen?«, sagte Molly während des Essens. Wegen ihrer vorstehenden Zähne sah sie jünger aus. Ihre feinen braunen Haare reichten ihr bis knapp über die Taille. Sie mussten geschnitten werden.

»Darf ich …«, verbesserte sie Henny. Sie war mollig, hatte ein Doppelkinn und an der linken Schläfe einen unvorteilhaften Leberfleck. Sie war nicht gerade hässlich, aber da war eben dieser Leberfleck. Ich mochte Henny nicht, aber es beruhigte mich, dass sie da war, dass es neben Miss Metcalfe eine fast Erwachsene gab, die für Ordnung sorgte.

»Warum bist du so spät hergekommen?«, fuhr Molly fort.

»Entschuldigung?«

»Warum bist du nicht wie wir alle gleich zu Beginn gekommen?«

Ich wartete darauf, dass Henny etwas sagte, aber sie saß wie alle anderen am Tisch schweigend da und sah mich an. Alice Hunt Morgan aus Memphis, Tennessee, fuhr mit dem Finger über den Rand ihres Glases. Ich hatte sie Alice genannt, und sie hatte mich verbessert: Alice Hunt, hatte sie gesagt, das ist mein richtiger Name. Jetzt warteten alle auf meine Antwort. Sie waren neugierig, das verstand ich: Ich war ein Eindringling.

»Es war ein verspätetes Geburtstagsgeschenk«, sagte ich, »wir waren in den Ferien in Europa, weil es im Sommer in Florida so heiß ist.« Ich hielt inne. Mit geneigten Köpfen warteten die Mädchen. Molly zwirbelte eine Strähne ihrer strohigen Haare zwischen den Fingern. »Wir fahren jedes Jahr dorthin, und ich wollte nicht darauf verzichten, aber mein Vater wollte, dass ich auch in das Sommerlager gehe. Also hat er mich angemeldet.« Ich zuckte mit den Schultern, so als wollte ich sagen, dass alles in den Händen generöser, tüchtiger Erwachsener lag.

»Wo denn in Europa?«, fragte Molly, aber da waren die anderen bereits gelangweilt von meiner Geschichte und unterhielten sich wieder miteinander.

»Paris«, sagte ich. »Ich liebe Paris im Sommer.«

Molly nickte und wandte sich zufrieden ab. Ich tastete an meinem Hinterkopf nach einer Beule von heute Morgen, aber da war nichts. Sissy lächelte mich an, als ich mich umsah und ihrem Blick begegnete. Ich erwiderte das Lächeln.

»Thea«, sagte Henny. Dann hatte sie Mary Abbott also gehört; Mary Abbott war ein Mädchen, dem man nicht antworten musste. »Trink!« Sie deutete mit dem Kopf auf meine Milch. Ich betrachtete das Glas, das ich kaum angerührt hatte. Zu Hause tranken wir je nach Jahreszeit Orangen- oder Grapefruitsaft. Niemals Milch. Mutter mochte keine Milch. Manchmal gaben wir etwas Milch in unseren Tee, oder Sam und ich bekamen welche zum Nachtisch. In Yonahlossee, stellte ich bald fest, stand auf dem Mittagstisch neben Hennys Teller immer ein Glaskrug gesüßter Eistee mit einem Stück Eis darin, den sie sorgsam ausschenkte. Der Eistee war dick und zuckersüß und, wie ich zugeben musste, köstlich. Jahre später würde ich mich nach diesem Eistee sehnen, der trägen Kälte auf meiner Zunge, der Bitterkeit des starken Tees, gemildert durch reichlich Zucker; ich würde erfahren, dass es uns allen so ging, wir alle vermissten den Yonahlossee-Eistee.

Aber das war später. Jetzt starrte ich mein Glas mit der bleichen Milch an und hielt die Tränen zurück.

»Thea«, sagte Henny wieder mit leiser Stimme, aber ich wusste, dass ich weinen würde, wenn ich aufsah. Dann spürte ich, wie sie den Blick hob; alle rückten ihre Stühle in dieselbe Richtung, und ich dachte, dass das eine merkwürdige Art war, sich vom Tisch zu erheben, als ich seine Stimme hörte.

»Guten Morgen allerseits«, sagte Mr. Holmes.

»Guten Morgen, Mr. Holmes«, riefen die Mädchen im Chor, und Mr. Holmes schien sich über die Begrüßung zu freuen, auch wenn er sie sicher jeden Morgen hörte.

Nachdem er einige Dinge bekannt gegeben und mit uns gebetet hatte, trat eine Frau auf mich zu, die zu alt für eine Hausaufseherin war. Sie war mollig und klein und hatte ein hübsches Gesicht.

»Ich bin Mrs. Holmes, die Rektorin. Komm bitte mit«, sagte sie und deutete zu der Treppe am anderen Ende des Saals. Ich versuchte, die Überraschung auf meinem Gesicht zu verbergen, aber sie merkte es dennoch, sah mich die eine Sekunde zu lang an, die mir zeigte, dass ich mich geirrt hatte. Aber ich war sicher nicht die Erste, die es überraschte, dass sie mit Mr. Holmes verheiratet war. Als ich sie an diesem Morgen gesehen hatte, hatte ich gedacht, sie sei die Hausmutter oder jemand anders vom Personal; selbst aus der Ferne hatte sie etwas von einer Matrone, etwas Aufdringliches an sich. Sie machte einen ungeduldigen Eindruck. Gehorsam folgte ich ihr und verlangsamte meinen Schritt, um sie nicht zu überholen. Ihre Taille schien unnatürlich schmal, wie eingeschnürt, und ich dachte, dass sie wahrscheinlich ein Korsett trug. Selbst Mutter trug keines. Aber Mutter war so schmal, dass sie keines brauchte.

Mrs. Holmes’ Büro lag im zweiten Stock, und als wir dort ankamen, war sie außer Atem. Als sie die Tür öffnete, stand ich so nahe bei ihr, dass ich sehen konnte, wie straff ihre braunen Haare zu einem Knoten geschlungen waren; ihr Haar begann grau zu werden, was aus der Ferne nicht zu erkennen war.

Ihr Büro war elegant möbliert, die Chaiselongue, auf die sie deutete, mit einem modisch karierten Stoff bezogen.

»Theodora Atwell«, begann sie. »Du sitzt an Hennys Tisch, ja?« Bevor ich antworten konnte, fuhr sie fort. »Ich kenne Henny schon lange. Sie ist äußerst patent.« Das hörte sich wie eine Warnung an. Sie sah auf die vor ihr liegenden Papiere. »Aus Emathla, Florida. Ich dachte immer, es müsste wunderbar sein, als Gärtnerin in Florida zu leben. Dort wächst alles.«

Mutter sagte dasselbe. Aber ich wollte nicht an Mutter denken. »Ich werde Thea genannt.«

»Ja, das weiß ich«, sagte Mrs. Holmes und lächelte mich an.

Ich fragte mich, ob Mr. Holmes ihr gesagt hatte, wie sie mich nennen sollte, ob sie viel über die Mädchen hier redeten. Offenbar.

»Und«, sagte sie, als sie sich auf ihren glänzenden Holzstuhl setzte und mich von der anderen Seite des Schreibtischs aus ansah, der aus demselben Holz gearbeitet und ebenso glänzend poliert war, »wie gefällt es dir bisher, Thea?«

»Sehr gut«, sagte ich, was hätte ich sonst auch sagen sollen.

»Die Gründer von Yonahlossee waren sehr fortschrittlich denkende Menschen. Sie errichteten dieses Camp 1876, elf Jahre nach dem Krieg zwischen den Staaten. Warum war diese Zeit für die Geschichte unseres Landes so bedeutsam, Thea?«

Das wenigstens wusste ich. Mein eigener Urgroßvater war vor dem Sezessionskrieg geflohen. »Weil im Süden eine unfassbare Armut herrschte. Weil es eine fürchterliche Zeit für diesen Teil des Landes war. Alles veränderte sich in rasantem Tempo, und niemand wusste, was mit dem Süden geschehen würde.«

Sie war beeindruckt. »Ja.« Sie nickte. Dann erzählte sie mir von Louisa und Hanes Bell, die keine eigenen Kinder gehabt hatten und es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Mädchen in dieser sich rasant verändernden Welt – sie benutzte meine Worte – einen Rückzugsort für den Sommer zu bieten. Im Norden gab es schon solche Einrichtungen für Mädchen und Jungen und im Süden für Jungen, und die Bells erkannten den Mangel und behoben ihn.

»Als dann immer mehr Mädchen kamen, wurde das Camp zu einer Schule.« Bisher hatte sie geklungen, als ratterte sie einen Vortrag herunter, den sie schon viele Male gehalten hatte. Jetzt sah sie mich auf einmal eindringlich an, ohne dass ich wusste, warum. »Heute ist Yonahlossee also für bestimmte Mädchen ein Sommercamp und für andere eine Schule. In jedem Fall aber ist es ein Ort, an dem junge Frauen lernen, wie man eine Dame wird. Denn eine Dame wird man nicht einfach so, Thea, wie durch Zauberhand.« Sie schnippte mit den Fingern, dann schüttelte sie den Kopf. »Ganz im Gegenteil, eine Dame wird man nur, indem man seine Lektion lernt. – In dieser unsicheren Zeit«, sagte sie abschließend, »ist eine Dame wichtiger denn je.«

Sie bezog sich natürlich auf die Wirtschaftskrise. Es war schade, dass die Bells kinderlos geblieben waren, vor allem nachdem sie ihr Leben der Jugend gewidmet hatten. Irgendetwas musste mit Louisas Organen nicht gestimmt haben. Ich hatte keine Ahnung, was Mrs. Holmes meinte, sie hätte genauso gut Griechisch reden können. Eine Dame war jetzt wichtiger denn je?

»Und der Name?«, fragte ich, weil Mrs. Holmes mich erwartungsvoll ansah. »Yonahlossee?«

»Oh«, sagte Mrs. Holmes und machte eine kleine wegwerfende Geste. »Ein alter indianischer Name. Er hat eigentlich nichts mit dem Camp zu tun. Es war der Name von Mrs. Bells Pferd.«

Ich wartete darauf, dass sie fortfuhr, dass sie etwas über die Pferde hier sagte. Ich lächelte, Sasi war ebenfalls ein alter Indianername. Mutter hatte das Pony so getauft, nachdem mir kein Name eingefallen war. Sasi war ein altes Muskogee-Wort, das ist dort bedeutete. Wie die Blume ist dort. Genau das hatte Mutter gesagt. Ich erinnerte mich deutlich an ihre Stimme.

»Ich hoffe, es wird dir hier gefallen«, sagte Mrs. Holmes, stützte die Ellbogen auf den Tisch und sah mich offen an, ihre kleinen Hände vor sich gefaltet.

»Das wird es ganz bestimmt.« Und eben noch hatte es mir gefallen, es hatte mir gefallen, von Louisa Bell zu hören. Seit ich wusste, dass Yonahlossee nach einem Pferd benannt war, erschien es mir freundlicher. Aber die Erinnerung an Mutter und Sasi hatte mich wieder traurig gemacht.

»Deine Mutter war überzeugt davon.«

Einen Moment lang war ich verwirrt – konnte sie Gedanken lesen?

»Deine Mutter ist eine Freundin. Eine alte Freundin.«

Das war unmöglich. Meine Mutter hatte keine alten Freundinnen, sie brauchte niemanden außer uns. Wie oft hatte ich sie sagen gehört, dass sie und Vater in der Wildnis von Florida in ihr ureigenes Utopia gestolpert waren?

»Du hast ihre Haare«, sagte Mrs. Holmes, und da wusste ich, dass es stimmte, dass sie Mutter gekannt hatte.

»Wir waren zusammen auf dem Mädchenpensionat«, fuhr sie fort, »in Raleigh. Bei Miss Petit.«

Mein Blick verschwamm, und einen Moment lang dachte ich, dass ich eine allergische Reaktion hatte wie einer von Vaters Patienten; auf einen Bienenstich, eine Beere.

Ich biss mir auf die Unterlippe und bekam kaum Luft; dann fing ich an zu weinen.

»Oh, Thea, ich wollte dich nicht aufregen. Hat dir deine Mutter denn nicht erzählt, dass wir uns kennen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ja, ich weiß alles über dich. Sie hat dich mir sozusagen anvertraut. Ein anderer Ort wäre für dich wahrscheinlich nicht geeignet gewesen. – Verstehst du das, Thea?«, fragte Mrs. Holmes nach einem Moment.

Ich nickte.

»Sieh mich bitte an.«

Ich tat wie geheißen. Sie hatte mandelförmige Augen. Es schien mir unmöglich, dass ich in dieselben Augen blickte, in die meine Mutter einmal geblickt hatte.

»Und noch etwas: Wenn du etwas Ungewöhnliches bemerkst, irgendetwas – an deinem Körper –, dann komm bitte sofort zu mir.«

»An meinem Körper?«, wiederholte ich.

»An deinem Körper. Du weißt bestimmt sofort, was ich meine, wenn es passiert.«

Ich sagte, ich verstünde, auch wenn es nicht stimmte.

Als ich allein zu den Ställen ging, um mich einschätzen zu lassen, überlegte ich, dass sie wohl meine Menstruation gemeint hatte. Aber die hatte ich schon und wusste, was ich machen musste.

Ich war froh, dass keines der Mädchen meine geröteten Augen sah; ich war froh, dass ich mich auf dem Weg sammeln konnte. Ich hatte gedacht, dass die Wahl meiner Eltern zufällig auf Yonahlossee gefallen war, oder der Umstände halber.

Der Weg hinter den Aborten wurde zu einem Pfad, gerade breit genug für zwei; links und rechts ragten Bäume in die Höhe und ließen kaum Sonnenlicht durch. Ich zitterte und war erleichtert, als ich plötzlich auf eine große, runde freie Fläche kam, die von Bergen umgeben war.

Unwillkürlich riss ich die Augen auf. Ich hatte mir vorgenommen, nicht von allem, was in Yonahlossee neu für mich war, überrascht zu sein. Aber so etwas hatte ich noch nie gesehen, ich hatte nicht einmal gewusst, dass es das gab. Da standen drei gemauerte Ställe in einer Reihe, und im Vergleich zu dem Stall zu Hause waren sie riesig, so als beherbergten sie eine ganze Armee von Pferden. Der Stall zu Hause war dagegen kaum Stall zu nennen. Pferde streckten ihre Köpfe aus den Boxen, und ich sah einen Appaloosa mit einem gefleckten Kopf, eine Rasse, die ich bisher nur aus Büchern kannte.

Pferdeknechte liefen herum, schoben Schubkarren oder führten Pferde. Einer der Männer ertappte mich beim Starren, und errötend wandte ich mich ab; er sah aus wie Doceys männliches Gegenstück, mager und drahtig, zupackend.

Es gab fünf Reitplätze, zwei mit Hindernissen. Alles wirkte gepflegt und neu, die Plätze waren sauber gerecht, die Zäune frisch gestrichen. Ich fragte mich, woher Yonahlossee das ganze Geld hatte. Die wenigen Städte, durch die wir gefahren waren, hatten alle sehr ärmlich gewirkt – die Gebäude halb verfallen, die Leute schmutzig –, aber ich hatte gewusst, dass wir in den Appalachen waren, wo nicht erst seit der Wirtschaftskrise Armut herrschte. Vater erwähnte eine schreckliche Dürre. Wieder ein Verweis auf etwas Widriges, Ungewohntes, aber ich begriff schnell, dass mein Leben allmählich zu einer Aneinanderreihung von Überraschungen wurde.

»Damit rechnet man nicht, oder?«, ertönte eine Stimme, und ich drehte mich rasch nach links, wo plötzlich ein großer Mann stand. Neben sich ein gesatteltes und gezäumtes Pferd.

»Sie haben mich erschreckt«, sagte ich, eine Hand aufs Herz gedrückt, wie ich es immer machte, wenn ich überrascht war. Ich hoffte, dass meine geröteten Augen mich nicht verrieten.

Der Mann lachte. Er hatte einen deutschen Akzent. Ich kannte einen Deutschen, Mr. Buch, der meinen Vater ungefähr einmal im Jahr wegen der Orangen aufsuchte.

»Sind Sie Deutscher?«

»Ja. Ich bin Mr. Albrecht.«

»Ich heiße Thea Atwell. Freut mich, Sie kennenzulernen.« Ich machte einen kleinen Knicks, zum Ausgleich dafür, dass ich gerade so unhöflich gewesen war. Ich erkannte Mr. Albrecht von den Fotografien an der Wand. Er war der Mann, der die Preise überreichte. Er war sehr dünn und hatte ein flaches Kinn, was mich überraschte. Ich dachte, Deutsche hätten kantige Kinne. Für einen Mann war seine Haut glatt, und seine Zähne waren gerade. Er sah nicht gut aus, aber ganz passabel. Er musste etwa so alt wie mein Vater sein.

»Und das«, sagte er, »ist Luther.« Er strich über Luthers Mähnenkamm, und Luther senkte den Kopf und blickte mich an. Er war ein unscheinbares Pferd mit einem zu großen Kopf und kleinen Ohren, sein Fell ein stumpfes Braun. Aber er hatte freundliche Augen.

»Zuerst reiten alle hier ihn. Dein Vater hat gesagt, dass du eine erfahrene Reiterin bist.«

»Ja.«

»Dann solltest du mit Luther keine Probleme haben. Tipp ihn vor dem Sprung mit der Gerte an, bei Kombinationen musst du ihn ruhig halten. Er springt über jedes Hindernis, aber wenn du zu zaghaft bist, verweigert er manchmal.«

Mr. Albrecht half mir in den Sattel, und ich setzte mich zurecht, während er mir die Steigbügel einstellte. Mein Herz raste gleichermaßen von dem Schrecken, den mir Mrs. Holmes eingejagt hatte, und weil ich vor einem Fremden reiten sollte. Luther war riesig, er hatte sicher ein Stockmaß von eins siebzig, vielleicht sogar eins achtzig, noch nie hatte ich auf einem so großen Pferd gesessen. Ich sagte mir, dass das keine Rolle spielte. Kontrolle ist Kontrolle. Mr. Albrecht beschrieb mir den Parcours, und ich folgte ihm zum hintersten Reitplatz. Er gab mir zehn Minuten zum Aufwärmen, und ich trabte um den Platz, um mich an Luther zu gewöhnen. Ich zog am linken Zügel, und er zog zurück; ich parierte entschlossen. Mr. Albrecht sah mir vom Tor aus zu. Er hatte etwas Steifes und zugleich Entspanntes an sich; die Hände in den Hosentaschen, stand er da, den Kopf schief gelegt, das weiße Hemd makellos, die Reithosen ordentlich gebügelt.

Ich versuchte zu ignorieren, dass Mr. Albrecht mir zusah. Als er sagte, dass es an der Zeit sei, brachte ich Luther zum Stehen und ließ ihn dann aus dem Schritt angaloppieren, um ihn an meine Kommandos zu gewöhnen. Ein zweiter Mann hatte sich zu Mr. Albrecht gesellt; ich spähte hinüber – Mr. Holmes. Er winkte, und ich neigte den Kopf. Ich trug keine Reitkappe, das tat damals niemand, und im Gegensatz zu anderen auch keine Handschuhe, weil ich dann weniger Gefühl in den Händen hatte. Die Hindernisse, über die ich springen sollte, waren über einen Meter hoch; wir hatten damals vor nichts Angst. Wir wussten nicht, dass es etwas gab, wovor man Angst haben könnte.

Wie hinter einem Schleier absolvierte ich den Parcours. Sobald ich einen Parcours beendet hatte, erinnerte ich mich an nichts mehr, und jemand musste mir sagen, ob ich eine Stange gerissen oder eine falsche Wendung gemacht hatte. Nachdem ich die letzte Kombination gesprungen war, ritt ich im leichten Galopp um den Reitplatz, bis die körperliche Anspannung bei Luther und mir nachließ. Ich ritt im Schritt hinüber zu Mr. Albrecht. Mr. Holmes war verschwunden.

Mr. Albrecht nickte und tätschelte Luthers Hals. »Lass ihn abkühlen. Das hast du gut gemacht.«

Ich konnte Mr. Holmes sehen; er hatte den Pfad noch nicht erreicht, wo ihn die Bäume verschlucken würden. Ich fragte mich, wie lange es dauern würde, bis Sam so groß war wie Mr. Holmes. Im Moment war er noch ein Kind, oder halb Kind, halb Erwachsener, so wie ich.

Ich hielt die Zügel locker, sodass Luther den Kopf hängen lassen konnte. Langsam schritten wir um den Reitplatz. Dass meine Eltern Yonahlossee nicht zufällig ausgesucht hatten, verstörte mich, aber es bestätigte auch meine Vermutung, dass sie bestimmte Absichten verfolgten, die ich nicht verstand. Mutter hatte einen Ort ausgewählt, der ein wahres Pferdeparadies war; wenigstens das. Ich konnte kaum glauben, dass eine Frau wie Mrs. Holmes eine Freundin meiner Mutter war, aber daran war nicht zu zweifeln. Meine Mutter war in den letzten Wochen grausam zu mir gewesen, was ich auch verdiente, natürlich, aber es war dennoch schwer zu ertragen. Die beiden hatten mich nicht zu Fremden geschickt; sie hatten mich zu einer Frau geschickt, die mein schreckliches Geheimnis wenigstens teilweise kannte. Aber welchen Teil hatte ihr meine Mutter erzählt? Sicher nicht alles.

Mr. Albrecht war im Stall verschwunden. Ich brachte Luther zum Stehen und stieg ab; dann machte ich etwas Kindisches. Ich weinte an seiner heißen Schulter, die salzig von Schweiß war, und das erste Mal seit Wochen fühlte ich mich getröstet.

Kapitel 2

Unter den Bäumen auf dem Weg von den Ställen zum großen Platz war es dunkel, und obwohl ich mich allein noch nie geängstigt hatte, beeilte ich mich. Die anderen Mädchen waren alle im Unterricht. Welche Tiere lauerten in den Wäldern von North Carolina, welche giftigen Pflanzen? In Florida kannte ich mich damit aus. Hier hatte ich keine Ahnung.

Wahrscheinlich gab es nicht so viel, wovor man sich in Acht nehmen musste, zumindest nicht in der Natur. Der jährlich wiederkehrende Winter dezimierte Tiere, Pflanzen. In Florida starb nichts, nichts zog sich zurück.

Wenn es kühl genug war, trieben Sam und ich uns oft draußen herum, hinter der Orangenplantage, weit weg vom Haus. Eines Tages, wir waren elf, nahm ich Sasi mit, weil es einer der letzten angenehmen Tage vor der sommerlichen Hitze war. Sasi war damals noch jung, man konnte ihn stundenlang reiten, und er hatte immer noch Kraft. Sam lief voraus und suchte nach Brombeeren, ich saß auf Sasi und folgte ihm. Es war April, einige Wochen zu früh für Brombeeren, aber Sam glaubte, dass wir Glück haben könnten.

»Ist Sasi müde?«, rief Sam.

»Nein«, sagte ich. »Es gefällt ihm hier draußen.«

»Gefällt es dir hier draußen, Sasi?«, fragte Sam mit englischem Akzent, und ich kicherte.

Wir gingen weiter. Sam verschwand im Gebüsch.

»Selbst wenn du welche findest, werden sie sauer sein«, sagte ich.