Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 415

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Das Jahr mit Chantal - Hans Brühl

Chantal, Norddeutsche und Johannes, Rheinländer, wohnen schon Jahrzehnte in derselben Straße. Beide sind verheiratet, allerdings nicht miteinander. Chantal könnte seine Tochter sein. Bei einem abendlichen Umtrunk in der Nachbarschaft haben sie erstmals Kontakt. Alle in der Umgebung sind gegen diese - zunächst harmlose - Bekanntschaft. Insbesondere die dortigen Frauen mögen Chantal nicht - höhere Bildung, gehobene Stellung im Ministerium, fährt ein BMW Cabriolet, Hundebesitzerin, kümmert sich um niemand. Johannes, Repräsentant einer internationalen Geflügelfutterfirma, Tierliebhaber, Multitalent, passt in kein Raster. Zwei in jeder Beziehung außerordentlich unterschiedliche Menschen. Die Liebe ihres Lebens steuert sie in verhängnisvolle Eskapaden...

Meinungen über das E-Book Das Jahr mit Chantal - Hans Brühl

E-Book-Leseprobe Das Jahr mit Chantal - Hans Brühl

Dies ist ein Roman. Doch die meisten Geschehnisse sind vorgekommen. Vielleicht nicht ganz genau so wie erzählt, hier und da ein wenig übertrieben, ab und zu auch untertrieben oder ein bisschen eingefärbt. Alles erlaubt durch die künstlerische Freiheit. Doch das Ganze könnte so gewesen sein. Übereinstimmungen mit bestimmbaren Personen wären rein zufällig. Und wer meint er sei gemeint, der ist nicht gemeint. Auf die Namen öffentlicher Einrichtungen, Ämter oder Organisationen kann aus Gründen der Authentizität nicht verzichtet werden.

Mein besonderer Dank gilt Ute Aul für die fachliche Beratung und die orthographische Überarbeitung.

Chantal, Norddeutsche und Johannes, Rheinländer, wohnen schon Jahrzehnte in derselben Straße. Beide sind verheiratet, allerdings nicht miteinander. Chantal könnte seine Tochter sein. Bei einem abendlichen Umtrunk in der Nachbarschaft haben sie erstmals Kontakt. Alle in der Umgebung sind gegen diese - zunächst harmlose - Bekanntschaft. Insbesondere die dortigen Frauen mögen Chantal nicht - höhere Bildung, gehobene Stellung im Ministerium, fährt ein BMW Cabriolet, Hundebesitzerin, kümmert sich um niemand. Johannes, Repräsentant einer internationalen Geflügelfutterfirma, Tierliebhaber, Multitalent, passt in kein Raster. Zwei in jeder Beziehung außerordentlich unterschiedliche Menschen. Die Liebe ihres Lebens steuert sie in verhängnisvolle Eskapaden...

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 1

Mitte November. Nieselregen der feineren Art ging bereits seit dem frühen Abend nieder. Ein grauer Tag, ein düsterer Abend - Novemberwetter. Nur einzelne Autos fuhren durch Morschhausen im Rheinland, eine zur Stadt Rheinbach gehörenden ländlichen Gemeinde mit ca. 3.000 Einwohnern. Kein Mensch war zu sehen, keine Katze, kein Hund - niemand. Alles düster außer den Straßenlampen. An der Hauptstraße fiel ein einziges Gebäude schon weithin durch seine Leuchtreklame auf - die Gaststätte "Zur Finnenstube". An diesem Dienstagabend war kein großer Betrieb. Drinnen im Lokal befanden sich nur wenige Gäste. An einem Tisch saßen vier Kartenspieler zusammen und waren in ein Skatspiel vertieft. Der große Fernsehapparat, ein gewaltiger Flachbildschirm an der Stirnwand des Gastraumes, war auf Radio umgestellt. Unterhaltungsmusik von Radio Bonn-Rhein-Sieg dudelte vor sich hin, ab und zu unterbrochen durch wichtige oder auch weniger interessante Lokalnachrichten. Auf der einen Seite der U-förmigen Theke, die Fenster zur Straßenseite im Rücken, standen drei nicht mehr ganz junge Männer, Vorruheständler und Frühpensionäre. Jeder hatte ein angetrunkenes Bitburger Pils vor sich stehen. Sie unterhielten sich angeregt über die Chancen von Schalke04, Deutscher Fußballmeister zu werden. Die Wirtin, eine gemütliche Dame um die sechzig, leicht korpulent, saß hinter der Theke auf einem Barhocker und nahm phasenweise an dem Gespräch teil. Alle Gäste im Lokal waren ihr bestens bekannt, also Stammgäste. Eine gewisse Fachkompetenz, auch was die Verhältnisse in der Sportwelt, sogar in der Bundesliga, betrafen, konnte man der Frau nicht absprechen.

Durch den rückwärtigen Eingang des Lokals betrat nun ein älterer Mann das Lokal. Sein Alter war schwer zu schätzen: Volles dunkelbraunes krauses Haar, einen Jürgen von der Lippe - Bart, mittelgroße, kräftige Statur, wache braune Augen. Er konnte genau so gut fünfzig wie siebzig sein. Meistens betrat er von dieser Seite aus das Lokal, denn er kürzte dadurch den Weg von seinem Wohnhaus in der weiteren Nachbarschaft in die Finnenstube ab. Dabei wurde er jedes Mal von etwa zehn bis zwölf Bewegungsmeldern, die an den Vorderseiten der Einfamilienhäuser im Plantagenweg angebracht waren, erfasst. Sein Weg war dadurch hell erleuchtet, nicht nur durch die Straßenlaternen.

Hinter der Rückseite des Lokals befanden sich Parkplätze und ein Fahrradständer. Unter der Überdachung des Hintereingangs stand ein ausrangierter Stehtisch mit drei ebenso ausrangierten Barhockern. Mitten auf dem Tisch stand ein gewaltiger Aschenbecher, in der Regel überquellend von Zigarettenkippen. Hennes, so hieß der neu hinzu gekommene Gast, rauchte nicht und deswegen scherte er sich nicht um übervolle Aschenbecher. Es sei denn, er müsste daneben etwas essen. Dazu wäre er dann zu empfindlich und würde dies rigoros ablehnen.

Mit einem freundlichen "guten Abend allerseits" zog er seinen Parka aus. Gemurmel der Anwesenden war die Antwort. Hennes blieb auf seiner Seite der hufeisenförmig angelegten Theke und hing seinen Anorak an einen Haken neben seinem Stammhocker. So könnte man diesen bezeichnen. Ein ganz gewöhnlicher Barhocker aus Holz ohne wärmendes Sitzkissen. Er war ebenfalls Stammgast in der Finnenstube und hatte die Angewohnheit, stets an der gleichen Stelle Platz zu nehmen und ein paar Gläser Bier zu trinken. Zwar nicht täglich, aber doch mehrmals in der Woche. Bier hatte er auch zu Hause stehen. Doch dort etwas zu trinken machte ihm, weder alleine oder gemeinsam mit seiner Frau, keinen Spaß. Schließlich musste man ja auch mal hören, was im Dorf so passierte. Und seitdem es schon ein paar Jahre in Morschhausen keine Frisörstube mehr gab, die üblicher Weise als Nachrichtenzentrale eines Dorfes diente, gab es für ihn auch zu diesem Zweck, jedenfalls zu Fuß und in Morschhausen, nur noch diese eine Anlaufstation. Die Wirtin erhob sich und bewegte sich Richtung Zapfhahn. Dabei sah sie ihn an und fragte: "Wie immer?"

"Ja", antwortete Hennes, "wie meistens." Er sah sich unauffällig im Lokal um und konnte nichts Besonderes feststellen. Sämtliche Gäste waren ihm persönlich bekannt und alle waren per "Du". Als die Wirtin ein frisches Bitburger Pils vor ihn auf die Theke stellte, fragte er sie: "Und, war was, ist was, gibt's was, irgendwelche Gerüchte, jemand gestorben, eine Mülltonne umgekippt?"

"Was soll denn in diesem Dorf schon passieren? Also gestorben ist keiner..."

Während dessen hatte das Gespräch der drei Schalke-Fans eine, man könnte sagen, unsportliche Wendung genommen. Sie sprachen wesentlich gedämpfter als vorher über Fußball. Obwohl das bei dem Abstand zwischen ihnen und dem neuen Gast, der gedämpften Musik aus dem Radio und dem gelegentlichen Schimpfen der Kartenspieler unnötig gewesen wäre. Der mittlere der drei Thekengäste, Waldo Doborka, meinte zu den anderen beiden: "Habt ihr gehört, was der da eben von sich gegeben hat?"

"Nein. Wieso?"

"Hier spielt er den Harmlosen und dabei ist das der größte Sittenstrolch, der in der ganzen Gegend herum läuft..."

Seine Kumpels waren ganz Ohr. "Was? Wieso?"

"Der baggert jede Frau an, die ihm näher als hundert Meter kommt..."

"Tatsächlich? Das ist doch der Vorsitzende vom Brieftaubenverein. Ich dachte, solche Leute sitzen immer auf ihrem Taubenschlag und interessieren sich nicht für Frauen..."

"Habt ihr eine Ahnung. Vorsitzender des Brieftaubenvereins war der einmal. Dort hat er den Intelligenzler gespielt und da haben die Einheimischen ihn rausgeworfen."

"Und der ist doch verheiratet mit dieser Melitta, der blonden Polin, die jeden Tag mit den Nordic Walking Stöcken ihre Runden macht."

"Das hat doch damit nichts zu tun. Im Moment hat er die Chantal Leverenz aufgerissen", dozierte Waldo.

"Wer ist das denn?", wollte sein Nebenmann wissen.

"Mensch, die müsst ihr doch kennen. Die wohnt doch nur drei Häuser neben dem. So eine große Schlanke mit lockigen langen Haaren, die immer mit ihrem Hund spazieren geht."

"Hat die immer einen dunkelblauen Jogging-Anzug an?"

"Ja meistens", antwortete Waldo.

"Dann kenne ich die auch, jedenfalls vom Sehen. Und die soll was mit dem Taubenkönig haben? Die passen doch überhaupt nicht zusammen. Ich schätze, die ist mindestens einen Kopf größer wie der..."

"Und die ist doch auch verheiratet. Wohnt nur ein paar Häuser weiter. In der direkten Nachbarschaft..."

"Das ist doch denen scheißegal."

"Und der Bursche ist doch schon ein ziemlich alter Knacker..."

"Die steht scheinbar auf alte Knacker. Der Mann von ihr ist doch auch schon so alt, dass er nächstes Jahr in Rente geht."

"Davon versteht ihr nichts. Diese Frau lebt nach dem Motto: Der älteste Bock hat das härteste Horn", gab Waldo unter süffisantem Grinsen bekannt.

"Den alten Bock, wie du ihn nennst, den kenne ich überhaupt nicht."

"Doch, den musst du kennen", ereiferte sich Waldo, "ein kleiner, krummer Kerl mit einem schwarzen Schnurrbart. Angeblich soll der saufen wie ein Loch. Der fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zum Meckenheimer Bahnhof und von da aus mit dem Zug nach Bonn zu seiner Arbeit. Weißt du, der arbeitet in einem Hotel in Bonn im Dreischichtbetrieb. Und wenn der nicht zu Hause ist, macht die Alte was sie will. Der Hennes ist doch schon gesehen worden, wie der bei dieser Chantal am Schlafzimmerfenster eingestiegen ist."

"Wir sind doch hier nicht in Oberbayern..."

"Du meinst wegen dem Fensterln? Dem Hennes kannst du alles zutrauen. Der macht in seinem Alter fast jeden Tag Sport. Der fährt dauernd in die Mukibude nach Rheinbach oder rennt hier zwischen den Obstplantagen herum. Er hat hier an der Theke erzählt, dadurch würde das Bier besser schmecken."

"Der sieht doch aus als wenn er kein Wässerchen trüben könnte. Von dem hat man aber noch nichts Schlimmes gehört", meinte der andere Gast.

"Doch, doch. Der Bursche ist ungeheuer abgebrüht. Dem habe ich schon mal drei Monate nicht Guten Tag gesagt, und das hat der nicht einmal gemerkt. Ihr habt es jetzt von mir gehört. Meine Frau hat der doch auch schon angebaggert. Der hat Jutta ein Körbchen Erdbeeren geschenkt und gedacht, er könnte sie damit anlocken. Sozusagen ködern. Der hat auf der Straße seinen Bauch an der gerieben", erzählte Waldo seinen Zuhörern.

"Sag mal, das wird ja immer doller. Das habe ich ja noch nie gehört. Übertreib mal nicht. Zu so was gehören immer zwei. Eine, die ihren Bauch hin hält, und einer, der seinen Bauch dran reibt - war vielleicht nur ein Spaß..."

"Gar kein Spaß", hetzte Waldo weiter, "der fährt als Pensionär einen Audi A8 Quattro Diesel Sevillarot Metallic. Der Wagen kostet mindestens 120.000 Euro. Und wozu braucht der den? Nur um den Weibern zu imponieren..."

"Aber vielleicht arbeitet der noch oder hat den Wagen noch von früher, als er noch im Dienst war. Oder es ist ein Geschäftswagen von einer Firma. Der soll doch mal beruflich irgendwo ein hohes Tier gewesen sein", meinte der Nebenmann.

"Das sind meistens die Allerschlimmsten. Wahrscheinlich hat er früher reihenweise die Sekretärinnen vernascht und macht jetzt mit den Nachbarinnen so weiter."

"Waldo, willst du uns auf den Arm nehmen? Der ist doch völlig harmlos. Soviel ich weiß und auch gesehen habe, trinkt der hier ein paar Bier und verschwindet wieder."

"Doch so glaubt mir", sprach Waldo eindringlich auf seine beiden Kumpane ein, "ich habe den sogar schon mal dabei fotografiert, wie er sich bei der Nachbarin, dieser Chantal Leverenz, in die Wohnung eingeschlichen hat. Eine ganze Bilderserie. Ich wohne doch schräg gegenüber und habe einen Fotoapparat mit Teleobjektiv. Den konnte ich ganz nah heranzoomen..."

"Und, was hast du mit den Bildern gemacht? Zeig sie uns doch mal."

"Die sind leider alle nichts geworden."

"Frau Wirtin, drei Bier..."

"Und drei Obstler..."

Hennes, der von dem ganzen Gespräch nichts mitbekam, bestellte sich ein weiteres Bier, nahm sein Smartphon von der Theke und schlug den Weg zum rückwärtigen Ausgang ein.

"Seht ihr", sprach Waldo gedämpft weiter, "der geht jetzt nach draußen telefonieren. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass er seine eigene Frau anruft. Der macht jetzt Liebesgeflüster mit dieser Chantal..."

"Von mir aus", sagte sein Nebenmann, "wo die Liebe hinfällt da brennt's. Soll er machen was er will, solange er nicht meine Frau anruft."

"Siehst du", antwortete Waldo, "da haben wir es schon. Das kann jeden von uns, das kann die ganze Nachbarschaft, das kann das ganze Dorf treffen. Da gehen die Ehen reihenweise kaputt..."

"Eigentlich sollte man sich das nicht gefallen lassen", meinte nun der rechte Nebenmann von Waldo, "aber was könnte man denn gegen den Kerl tun? Die eigene Frau warnen? Meine ist doch schon fünfundfünfzig. Die Weiber lachen über so was oder der Bursche wird erst richtig interessant bei denen."

"Ich hätte da vielleicht einen Plan", tat Waldo wichtigtuerisch.

"Frau Wirtin, drei Bier..."

"Und drei Obstler..."

"Einen Plan? Erzähl mal."

"Soviel ich in der Nachbarschaft gehört habe, treffen sich der Hennes und die Chantal im Dunkeln in einem Geräteschuppen. Neben der Autobahn in dem Gartengelände. Was die da machen könnt ihr euch ja wohl vorstellen. Da werden wir denen mal einen Besuch abstatten. Seid ihr dabei?"

"Aber ja doch. Den Strauchritter werden wir uns kaufen."

"Bring auf jeden Fall deinen Fotoapparat mit."

"Mensch, tolle Idee. Die stellen wir nackt ins Internet! Am Besten wenn er sie gerade bespringt!"

Etwa zur gleichen Zeit in Euskirchen. Chantal Leverenz stand von der mit weißem Leder bezogenen riesigen Eckcouch auf.

"Ich muss jetzt nach Hause..."

Die beiden Männer, die rechts und links neben ihr gesessen hatten, sahen sich hinter ihrem Rücken an und zwinkerten sich zu.

"Aber warum denn? Bleib doch noch. Es war wieder so schön mit dir..."

"Ihr wisst doch, dass ich zu Hause sein muss, wenn mein Mann von der Arbeit kommt. Sonst bekomme ich einen Riesenärger."

"Dann sag ihm doch einfach, dass du bei uns warst."

Detlef und Daniel waren sitzen geblieben und schmunzelten.

"Detlef, bitte, ich habe euch doch schon mehrfach gesagt, dass er dafür keinerlei Verständnis hätte..."

"Komm, dann trink wenigstens noch ein Glas mit uns."

Chantal sah auf den Tisch mit den angetrunkenen Rotweingläsern.

"Ich habe schon genug getrunken. Jetzt rauche ich hier noch eine Zigarette und dann muss ich wirklich fahren."

"Wenn du meinst", antworte Detlef gedehnt, "dann rauchen wir noch eine."

Chantal nahm ihre Zigarettenpackung und ihr Feuerzeug in die Hand und wartete bis Detlef sich erhoben hatte. Daniel sah den Beiden nach, wie sie Richtung Terrassentür gingen und in die Dunkelheit hinaus traten. Chantal war noch einen halben Kopf größer als sein Lebensgefährte Detlef. Sie war schlank, sportlich mit breiten Schultern, kleinem Po, hatte lange dichte hellbraune Haare, die sich natürlich kräuselten und mit einigen blonden Strähnen durchsetzt waren. Sie trug in der Regel dunkelblaue enge Jeanshosen, flache Schuhe und draußen eine kurze, mit Nieten besetzte schwarze Lederjacke. Obwohl Daniel nur mittelgroß war, hatte er schon so manches Mal gedacht: "Schade, dass Chantal kein Mann ist. Attraktive Person, würde mir auch noch gefallen..." Er dachte mit Wonne an den Tag im letzten August zurück, an dem sie gemeinsam den 50. Geburtstag von Chantal gefeiert hatten. Damals war sie bis morgens sechs Uhr geblieben und hatte sich dann auf den Weg nach Hause gemacht. Man wollte ihr ein Taxi rufen, doch sie hatte auf stur geschaltet. Der Erklärungsnotstand gegenüber ihrem Mann, der sich auf der Nachtschicht befand, würde zu groß werden, begründete sie ihre strikte Ablehnung. Damals war sie mit erheblicher Promille im Blut in ihr BMW Z4 Cabriolet 340 PS gestiegen und nach Hause gefahren.

Detlef und Chantal betraten wieder das geräumige, rustikal eingerichtete Wohnzimmer. Sie zog ihre Jacke an, steckte die Zigaretten ein, suchte ihren Schlüsselbund hervor und verabschiedete sich von den beiden Männern. Es wurde eine regelrechte Zeremonie daraus.

"Chantal, merke dir gut", redete Detlef auf sie ein, "wir wollen das Besondere, das Andere. Wir sind anders. Wir wollen Frauen, Schwule, Kanaken, Lesben, Akademiker, Normbrecher, Existentialisten, Aussteiger und Chaoten aller Art..."

"Das weiß ich doch schon lange", unterbrach ihn Chantal, "aber ich muss jetzt wirklich fahren."

Sie drückten und küssten sich und taten, wie wenn sie Chantal nicht mehr weg lassen wollten. "Ich komme wieder so wie ich kann", versprach sie dann und stieg - leicht gangunsicher - in ihr BMW Cabrio.

Minuten später eine Polizeikontrolle in der Euskirchener Innenstadt.

"Vielleicht winken die Bullen mich durch", dachte Chantal und dabei gleichzeitig an ihren Alkoholpegel, angestiegen durch die zweieinhalb Flaschen Rotwein, die sie in den letzten Stunden mit ihren zwei Freunden getrunken hatte. Sie war auf der Heimfahrt, sie musste dringend nach Hause. Zwei Polizisten standen auf der rechten Seite der Grünstraße. Mit der rot leuchtenden Winkerkelle nötigten sie Chantal, nach links auf den Annaturmplatz abzubiegen. Dort standen zwei weitere Polizisten, die eben einen Autofahrer kontrollierten. Doch Chantal konnte jetzt keine Kontrolle gebrauchen. Sie bremste ihren anthrazitfarbenen BMW Z4 ein wenig ab, schaltete den Blinker links ein und tat, wie wenn sie auf den Annaturmplatz abbiegen würde. Vor ihr war frei, und dann gab sie Gas. Fuhr am Annaturmplatz vorbei, entgegen der Einbahnstraße die Grünstraße weiter durch und dann halb links in die Frauenberger Straße. Sie schaltete die Scheinwerfer auf Fernlicht und blendete entgegenkommende Autofahrer. Ich muss aus der Stadt raus, dachte Chantal. Bog dann halb rechts ab in die Kommerner Straße und drückte das Gaspedal weiter durch. Ein vor ihr auftauchendes Anhängergespann war ihr zu langsam. "Penner!" rief sie laut und überholte bei Gegenverkehr. Ein entgegen kommendes Auto hätte beinah ihren vorderen linken Kotflügel berührt. Sie sah im Scheinwerfer das entsetzte Gesicht des Fahrers und musste lachen. So viel Spaß am Autofahren hatte sie schon lange nicht mehr. Im Rückspiegel sah sie, dass der Wagen ein parkendes Auto rammte und sich dann um die eigene Achse drehte. Schadet ihm nichts, soll aufpassen, dachte sie, beschleunigte erneut und war schon in der Ortsdurchfahrt Euenheim - geschlossene Ortschaft! Auf der schnurgeraden Straße fuhr sie jetzt mehr als 120 km/h. Zwei Kilometer weiter, durch Wißkirchen zur Autobahnauffahrt der A1, noch schneller. Rücksichtslos überholte sie vier hintereinander fahrende Autos, die sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielten. Sie sah in den Rückspiegel, ob vielleicht Verfolger zu erkennen waren.

Sollten sie doch kommen. Die kriegen mich auf der Autobahn auf gar keinen Fall. Ein Polizeiwagen hat keinen Sechs-Zylinder-Motor mit 340 PS. Und wenn. Bis sie den aus der Garage geholt haben bin ich über alle Berge. Die kontrollieren in Euskirchen sowieso nur Bauern und Rentner...

Die Auffahrt Wißkirchen der A1 kam schnell näher.

Welche Richtung soll ich nehmen? Richtung Trier? Oder Richtung Köln-Koblenz? Richtung Trier fahren zu wenige Autos. Womöglich holen sich die Bullen noch einen Hubschrauber. Also links ab Richtung Köln/Koblenz.

Chantal fuhr von der Beschleunigungsspur direkt auf die Überholspur. Ein eben überholender Mercedes musste eine Vollbremsung machen und geriet erheblich ins Schleudern. Die A1 war um diese Uhrzeit nicht besonders stark befahren, auch nicht durch LKW-Kolonnen.

Der Betrieb wird erst auf der A61 wieder los gehen, in beiden Richtungen. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Bald wird die Polizei die ganze Gegend absuchen, und ich habe noch ein gutes Stück vor mir. Also Tempo!

Sie näherte sich schon dem Autobahnkreuz Bliesheim. Die A61 war - wie täglich - auch abends und bei Dunkelheit stark befahren. Eine deutsche Nord-Süd-Autobahn, überlastet durch unzählige LKW aus aller Herren Länder. Chantal hatte keine Wahl. Sie musste - wollte sie denn nach Hause - Richtung Koblenz fahren und dann noch vor dem Kreuz Meckenheim runter von der Autobahn. Denn ihr Mann würde ca. 22:45 Uhr von der Mittagsschicht im Hotel Nikolsburger Hof in Bonn kommen und wenn sie dann nicht zu Hause war, gab es Ärger, gewaltigen sogar.

Ärger gab es auch bei der Euskirchener Polizei. Zunächst wurde die Routinekontrolle abgebrochen.

"Hat einer von euch sich das Kennzeichen gemerkt?"

"Das ging verdammt schnell..."

"Jedenfalls war es eine Frau und das Auto ein BMW mit SU - Kennzeichen..."

"Ich glaube zwei Buchstaben und drei Ziffern..."

"Was meint ihr wie viele graue oder anthrazitfarbene BMWs es im Kreis Siegburg gibt?"

"Aber vielleicht eine überschaubare Anzahl, die auf eine Frau zugelassen sind."

"Der Bock muss ja nicht ihr gehört haben - vielleicht von ihrem Mann oder Freund oder Freundin..."

"Oder Bruder oder Opa oder wem? Warum mag die nur abgehauen sein? - Dreck am Stecken oder besoffen!"

"Ja, das war schon kriminell. Wir geben eine Fahndung heraus an alle Polizeiwachen im Rhein-Sieg-Kreis. Vielleicht bringt sie uns etwas."

"Und morgen muss sich einer die Kfz-Zulassungs-Datei beim Straßenverkehrsamt ansehen. Nach BMW anthrazitfarben und Frauen wird gesucht".

"Dann viel Vergnügen!"

Chantal war - quasi auf zwei Rädern - am Kreuz Bliesheim Richtung Koblenz abgebogen. Lange LKW-Kolonnen fuhren in der rechten Spur in südlicher Richtung, die Pkws in der linken. Die Scheinwerfer des BMW waren immer noch aufgeblendet. Manche PKW-Fahrer bekamen es mit der Angst zu tun und ließen sie überholen, doch ein Mercedes der S-Klasse ließ es darauf ankommen. Beinahe hätte sie ihn auf der vorderen Stoßstange gehabt, doch dann kam sie an ihm vorbei - rechts. Der Fahrer des Mercedes ließ das Lenkrad los und klatschte ihr mit beiden Händen Beifall. Dabei verlor er die Kontrolle über sein Auto, wurde gegen die Leitplanke geschleudert und überschlug sich. "Zirkusclown" murmelte Chantal und trat das Gaspedal durch. Jetzt wird mich so schnell keiner mehr verfolgen, dachte sie, jetzt ist erst mal Unfallaufnahme angesagt.

Sie blendete ab und überholte nur noch nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung. Zunächst wollte sie an der Ausfahrt Miel die A61 verlassen. Doch dann wäre sie, um zu ihrem Wohnort Morschhausen zu kommen, durch die Innenstadt von Rheinbach gefahren. Und da hätte wieder eine solche Polizeikontrolle stehen können. Doch Rheinbach hatte eine Umgehungsstraße, über die sie wesentlich schneller und einfacher nach Morschhausen kommen könnte. Aber diese Straße fuhr sie nicht. Obwohl sie schon über fünfundzwanzig Jahre dort wohnte, fuhr sie immer durch die Innenstadt, wenn sie nach Euskirchen wollte oder von dort zurück kam. Angeblich fände sie von der Umgehungsstraße nicht die richtige Ausfahrt. Jedenfalls hatte sie das ihrem Geliebten so erzählt.

Aber jetzt wollte sie besonders vorsichtig sein. Sie blieb auf der A61, passierte die Ausfahrten Miel und Rheinbach und fuhr vor dem Meckenheimer Kreuz rechts ab Richtung Altenahr. An der nächsten Ausfahrt dann von der Schnellstraße herunter und die wenigen Kilometer nach Morschhausen zu ihrer Wohnung. Chantal sah, dass noch kein Licht brannte. Sie stellte ihren BMW wie immer rückwärts in der Einfahrt ab. Beim Aussteigen merkte sie dann, dass sie doch etwas wackelig auf den Beinen war. Auch ihre Hände zitterten ordentlich. Egal, dachte sie dabei, im Düstern sieht mich ja keiner von den lieben Nachbarn.

Der Bewegungsmelder ließ das Licht vor der Haustür aufleuchten. Ein schneller Blick aufs Auto, dann zur Straße und die Haustür aufsperren. Chantal ging ins Haus, ein Dreifamilienhaus, in dem sie mit ihrem Mann die Erdgeschoßwohnung gemietet hatte. Drinnen bellte schon ihre Hündin Cindy und begrüßte beim Aufschließen der Wohnungstür freudig ihre Besitzerin. Chantal streichelte Cindy und versprach ihr, gleich für sie Zeit zu haben. Sodann ging sie zum Küchenschrank, entnahm ihm einen gläsernen Halbe-Liter-Bierkrug und füllte ihn randvoll mit Spätburgunder Rotwein trocken. Nachdem sie ihn in zwei Zügen ausgetrunken hatte, waren die Beine und Arme schon nicht mehr so zittrig wie vorhin. Sie leinte ihre Cindy an, schnappte sich die auf dem Garderobenschrank bereit stehende große Stabtaschenlampe, hängte sie an einem Trageriemen auf den Rücken und verließ mit ihrem Hund das Haus. Der Motor des BMW knisterte leise vor sich hin - Abkühlung. Cindy wedelte freudig mit dem Schwanz und Chantal - immer noch ein wenig zittrig - zündete sich eine Zigarette an. Das ist ja gerade noch mal gut gegangen, konstatierte sie. Cindy ging willig mit ihrer Besitzerin ein Stück die Straße Freimorschhausen entlang und dann ins nahe Feld. Erst dort holte Chantal ihr Smartphon hervor und setzte eine Nachricht ab. Minuten später erhielt sie den Rückruf.

***

Zwei Tage später. Melitta Britz stand hinter dem Wohnhaus auf der Terrasse. Jetzt, gegen halb zehn abends, war es nicht nur stockdunkel, sondern auch kalt. Aus dem Wohnzimmer aufstehend, hatte sie sich eine Kapuzenjacke übergezogen und war nach draußen gegangen. November, aber ausnahmsweise nieselte es einmal nicht. Sie hatte an diesem Tag schon die zweite Packung Zigaretten angebrochen und rauchte. Damit begann sie oft schon morgens während des Frühstücks, aber nicht in der Wohnung. Sie rauchte prinzipiell nur draußen. Im Laufe des Tages wurden dann die Abstände, zwischen denen sie die einzelnen Zigaretten rauchte, immer kürzer.

Es wird wieder kälter, dachte sie. Man hört die Autobahn so deutlich. Und wenn man die Autobahn so deutlich hört, herrscht Ostwind, egal ob leicht oder stark, jedenfalls Ostwind. Und der bringt immer Kälte mit sich. Sie fröstelte ein wenig und musste husten.

Melittas Mann, Johannes Britz, Rufname Hennes, war nicht zu Hause. Die Beiden wohnten allein in dem großen geräumigen Einfamilienhaus. Auf dem Grundstück war ebenfalls reichlich Platz. Hennes hatte es vor nicht ganz drei Jahrzehnten einem Vorbesitzer abgekauft. Damals war Hennes im Öffentlichen Dienst beschäftigt und musste wegen des Behördenkarrussels infolge des unseligen Regierungsumzugs beruflich nach Bonn umziehen. Das jetzige Hausgrundstück hatte er u. a. deshalb erworben, weil dort genügend Platz zur Unterbringung seiner Brieftauben war. Er wollte keinem Nachbar zu nahe kommen und hasste nichts mehr als Zank und Streit - beruflich und privat.

Melitta dachte an ihren Mann. Was ist nur in den letzten Monaten los mit ihm? Seit dem Sommer hat er sich sehr verändert. Mehr als zwanzig Jahre haben wir ein normales Leben hier geführt. Wir haben geheiratet nach einer Probezeit von einem guten Dutzend Jahren. Und jetzt flippt der plötzlich aus. Dauernd ist er nicht da. Meistens hat er nicht einmal das Auto mit. Er ist zu Fuß unterwegs. Aber wohin nur? Halbe Nächte wandert er angeblich durch die Obstplantagen. In Wind und Regen, bei klarer Sternennacht und bei Vollmond. In den Seitentaschen seiner Jacke steckt oft ein Flachmann. Er ist furchtbar nervös. Spricht man ihn nicht ganz vorsichtig an, reagiert er wie von der Tarantel gestochen. Egal um was es geht. Was ist nur los mit ihm? Hat er Angst vor dem Altwerden? Er ist doch körperlich und geistig noch fit und erscheint anderen Leuten keineswegs wie ein Mann von 68 Jahren. Auf dem Grundstück und im Haus bleibt keine Arbeit liegen, für die ein Mann nun einmal zuständig ist. Rasen mähen, fegen, die Unterkünfte für die Brieftauben reinigen, kleine Reparaturen, Malerarbeiten draußen und drinnen - perfekt. Und dann seine Arbeit für die belgische Futterfirma Granen international. Für sie fährt er in die halbe Welt zu Veranstaltungen wegen Taubenfutterverkauf. Als würde er für die Firma leben, so kniet er sich hinein. Auch wenn er Geld damit verdient, einen teuren Wagen fährt und viel herum kommt, ist das alles nicht normal - der soll sich mehr um mich kümmern.

Melitta sah wieder Richtung Autobahn. Da Sträucher und Bäume jetzt im Herbst keine Blätter mehr trugen und es noch dazu noch dunkel war, waren die Autoscheinwerfer auf der A61 um so deutlicher zu sehen, auch in einer Entfernung von ca. 300 m von ihrer Terrasse aus. Doch unterhalb der Böschung, auf dem Feldweg, der parallel zwischen Autobahn und Kleingartengelände verlief, waren jetzt weitere Scheinwerfer zu sehen. Sie bewegten sich, nicht so schnell wie die von Autos, nicht so groß und so hell, doch eindeutig. Es waren mehrere. Melitta ging ins Wohnzimmer und holte das Fernglas ihres Mannes. Es war kein Nachtglas, doch deutlich waren Fußgänger mit Taschenlampen auszumachen. Was suchten denn mehrere Männer mit Taschenlampen um diese Zeit im Feld? Komisch!

"Hören tun die uns nicht", sprach Waldo halblaut zu seinen Begleitern, "aber die könnten durch Ritzen in den Wänden den Lichtschein der Taschenlampen sehen. Die machen wir jetzt besser aus."

"Und wenn du die fotografieren willst?"

"Mensch, ich hab doch Blitzlicht. Passt auf. Die Bude hat auf der anderen Seite keinen Ausgang, also nur einen Eingang hier auf unserer Seite. Aber der ist so breit, dass man mit dem Traktor durchkommt. Ich glaube da steht sogar einer drin. So ein kleiner schmaler, mit dem die Bauern hier durch die Obstplantagen fahren."

"Vielleicht hat er sie schon auf der Deichsel liegen."

"Und ihr Schlüpfer hängt auf einem rostigen Nagel an der Wand..."

"Die trägt doch gar keine Unterwäsche - habe ich gerüchteweise gehört..."

"Mensch macht jetzt mal keine Witze. Wenn die uns hören sollten, können sie uns, um weg zu laufen, nur entgegen kommen. Die können anders nicht weg. Sollte das passieren, sofort alle Lampen in die Gesichter halten und blenden. Ich nehme dann mit meiner Fotokamera ein Video auf. Und wenn sie noch drinnen kräftig bei der Sache sind, rufe ich "Licht". Auf dieses Kommando hin macht ihr die Lampen an und blendet sie. Ruhe jetzt und vorwärts!"

"Licht!" erscholl das Kommando. Doch der landwirtschaftliche Geräteschuppen war leer. Das heißt nicht ganz. Jedenfalls befanden sich dort keine Menschen. Wahrscheinlich war sogar seit dem Spätsommer niemand mehr dort gewesen. Drinnen stand tatsächlich ein alter kleiner Traktor, an den ein Tandemanhänger angekuppelt war. Dessen Bordwände waren mit Drahtgeflecht um einen Meter erhöht, damit Laub und Zweige transportiert werden konnten. An den Wänden des Schuppens standen Eggen, eine Walze, die ebenfalls angekuppelt werden konnte und ähnliches landwirtschaftliches Gerät. Alles war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Teilweise war Schlamm daran getrocknet. Auf die Deichsel zwischen Traktor und Anhänger hätte sich beim besten Willen niemand setzen können - alles mit schwarz-brauner Wagenschmiere versaut.

"Tolles Liebesnest", konnte sich einer von Waldos Begleitern nicht verkneifen.

"Halt die Schnauze!", fuhr Waldo ihn verärgert und enttäuscht an, "die kriege ich schon noch!"

***

Die im Dunkeln auf dem Weg neben der Autobahnböschung aufblitzenden Taschenlampen hatte außer Melitta Britz noch eine andere Dame gesehen. Die Wohnung von Chantal befand sich in einem Wohnhaus in der Ortsrandlage von Morschhausen an der Straße Freimorschhausen, der gleichen Straße, an der drei Häuser weiter Melitta und Hennes Britz wohnten. Chantal ging mit ihrem Hund auf einem von ihr schon vielfach beschrittenen Rundweg, von dem sie glaubte, dass sie dort auch in stockdunkler Nacht nichts zu befürchten hätte. Am Weg lagen zwei Pferdekoppeln, einige Kleingärten sowie drei größere Grundstücke, auf denen die Pächter oder Besitzer Hühner und Gänse hielten. Immer wieder blieb sie mit Cindy stehen und ließ sie schnuppern. Der Spuk mit den aufblitzenden Lichtern war schnell vorbei, und sie sah von Weitem nur noch die Scheinwerfer der Autos auf der A61. Tag und Nacht war die Strecke stark befahren. Chantal zündete sich eine weitere Zigarette an. Hoffentlich ist mein Hänschen bald hier, dachte sie dabei, ich muss ihn drücken, ich muss ihn haben.

Hennes kam aus der entgegen gesetzten Richtung auf Chantal zu. Cindy wedelte freudig mit dem Schwanz, aber bellte nicht. Chantal steckte sich schnell eine Fishermans Friend zitronengelb in den Mund und nahm dann ihr Hänschen in die Arme.

"Ich habe schon die ganze Zeit gewartet. Ich kann's nicht mehr aushalten..."

"Ging doch nicht anders", antwortete Hennes ihr, "ich musste mich in der Finnenstube doch mindestens eine halbe Stunde sehen lassen..."

Sie drückten sich fest und innig aneinander und küssten sich. Chantal löste sich dann vorsichtig von ihrem Hänschen und band Cindy mit der Hundeleine an einer Einzäunung fest. Dann öffnete sie den Reißverschluss ihres Parkas. Hennes öffnete seine Hose. Dann schob er beide Hände unter ihr T-Shirt und ergriff ihre ungehaltenen Brüste. Kein störender BH. Chantal begann zu vibrieren. Hennes streichelte ihr mit dem rechten Handrücken langsam über den Bauch und fuhr tiefer. Unter der Jogging-Hose kein hinderlicher Schlüpfer. Chantal stöhnte. Cindy sah, was sie taten, mitten auf dem Feldweg, verhielt sich aber mucksmäuschenstill. Anders dagegen ihre Besitzerin. Mehrfach wurde sie von heftigen Orgasmen geschüttelt, begleitet von lustvollem Stöhnen.

Nach etwa zwei Stunden war Chantal wieder vor ihrer Haustür. Auf dem schwach beleuchteten Schild der Haustürklingel standen die Namen Leverenz / Hering. Chantal hatte bei ihrer Heirat mit Reiko Hering ihren Familiennamen Leverenz behalten. Sie wollte nicht Chantal Hering heißen, geschweige denn Leverenz-Hering oder Hering-Leverenz. Chantal Hering wäre ihr geschmacklos vorgekommen und die beiden anderen Namensvarianten würden für sie die Unterordnung unter einen Mann bedeuten, was bei ihrer Denkweise völlig ausschied. Also war sie bei Chantal Leverenz geblieben. Größter Vorteil war, dass damals nicht alle Papiere geändert werden mussten.

Im Flur wischte sie Cindy fein die Pfoten ab und betrat ihre Wohnung. Ihr Mann Reiko saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Vor ihm auf dem Wohnzimmertisch stand ein gläserner Halbe-Liter-Bierkrug, noch zur Hälfte gefüllt mit Rotwein.

"Wo kommst du denn so spät noch her?", fuhr er unwirsch seine Frau an, ohne ihr guten Abend zu wünschen.

"Das könnte ich dich genauso fragen", antwortete sie ihm spitz.

"Du weißt doch, dass ich von der Arbeit komme. Ich habe vom Bahnhof Meckenheim aus bei dir angerufen, dass ich jetzt mit dem Fahrrad losfahre. Und du warst natürlich nicht da..."

"Rede nicht so ein Zeug. Ich war noch einmal mit Cindy raus. Sie musste mal..."

Reiko trank an seinem Rotwein und musterte Chantal missbilligend.

"Du gehst doch sonst immer früher raus mit ihr..." Chantal hängte ihre Jacke an die Garderobe und murmelte: "Krieg dich wieder ein. Immer deine grundlose Eifersucht - komm wir trinken einen..." Sie ging in die Küche, holte sich ein gleiches Glas wie ihr Mann aus dem Schrank, brachte eine weitere Flasche Spätburgunder Rotwein mit ins Wohnzimmer und setzte sich zu Reiko auf die Couch. Cindy lag zufrieden in ihrem Körbchen und besah sich mit halb geschlossenen Augen diese Idylle.

Kapitel 2

Vier Monate zuvor.

Mitte Juli, an einem Donnerstagabend vor diesem gemütlichen Abend zwischen Chantal und Reiko, ergab sich drei Häuser neben deren Wohnung ein weiterer gemütlicher Abend. Insbesondere für Chantal.

Am frühen Abend saßen auf einer Gartenbank vor dem Haus Nummer 17 der Straße Freimorschhausen Melitta und Hennes Britz. Auf der Straße fuhren hin und wieder Autos vorbei. Keines davon hielt die Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h ein. Manche gaben Richtung Ortsausgang erst einmal richtig Gas. Im Laufe der vergangenen Jahre hatte man Melitta schon zwei Katzen tot gefahren. Hennes hatte an diesem späten Nachmittag nach dem Rasen mähen Feierabend gemacht und keine Lust mehr, sein Büro aufzusuchen. Stattdessen hatte er seine Frau herbei gerufen, mit ihm draußen ein Bier zu trinken. Das Garagenrolltor im Keller ihres Einfamilienhauses stand auf, und ihre Katze gesellte sich hinzu. Melitta und Hennes unterhielten sich über das am Wochenende bevorstehende Brieftaubenrennen und seine Geschäfte als Geflügelfutterrepräsentant.

"Wie läuft es denn mit den Futterbestellungen aus Polen und Tschechien?", fragte Melitta ihren Mann.

"Gestern Abend habe ich noch Mal die Zahlen der Händler gespeichert. Der Umsatz steigt weiter, ganz schön steil nach oben."

Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, öffnete sich die Haustür, und die Nachbarin Jutta Doborka erschien mit ihrem Hund. Neugierig auf irgendwelche dörflichen Nachrichten überquerte sie sogleich die Straße und trat an die Beiden heran. Obwohl Jutta aus Senftenberg im Süden Brandenburgs stammte und erst acht Jahre in Morschhausen wohnte, kannte sie hier sämtliche Einwohner. Zusätzlich deren Lebensgeschichten, Angewohnheiten, Unarten, berufliche Stellungen, Einkommens- und Vermögensverhältnisse, Hunde, Katzen, Liebesgeschichten - tatsächliche und erfundene und so weiter. Sie wusste, ob oder wann jemand gestorben war und woran, kurzum, sie hörte das Gras wachsen. Manchmal stand man vor einem Rätsel, woher sie immer aktuell ihre Informationen bezog. Hatte sie welche, dichtete sie noch etwas hinzu, um die Angelegenheit pikant erscheinen zu lassen. Gelegentlich stellte sie ihre Vermutungen als Tatsachen hin. Infolge dieser Nachrichtentechnik hatte sie sich den Spitznamen Buschtrommel erworben. Kaum jemand kannte ihren richtigen Namen, aber die Leute wussten wer gemeint war.

"Hallo Jutta, komm setz dich zu uns und trink einen mit", sprach Hennes sie an und machte auf der Bank ein wenig platz.

"Ich mache erst noch eine Runde mit Chico. Dann komme ich zu euch rüber."

Jutta ging mit Chico, ihrem braun-weißen Jack Russel Terrier an der Leine, aus der breiten gepflasterten Einfahrt zur Straße Freimorschhausen. Chico lief unverdrossen mit, obwohl es für ihn an diesem Tag schon zum siebenten Mal der gleiche Weg war. Denn wie kann ein Mensch am Unverfänglichsten überall hin gehen, stehen bleiben, jemand ansprechen und wieder weiter gehen? Wenn er einen Hund dabei hat!

Etwa eine Viertelstunde später ging eine weitere Nachbarin, Stella Pauline Ramolla, über den Bürgersteig auf der anderen Straßenseite ebenfalls Richtung Ortsausgang. Sie wohnte mit ihrer Familie zwei Häuser weiter wie Jutta und war ebenfalls fünfzig Jahre alt. Auch wenn die Frauen fast gleichaltrig waren, unterschieden sie sich vom Äußeren her erheblich: Jutta mittelgroß und zierlich, wobei die Brust etwas überdimensional ausgefallen war. Stella war groß, kräftig, robust und mit einer so genannten Birnenfigur ausgestattet. Wobei das dicke Ende der Birne nach unten zeigte. Sie hatte jetzt gleich drei ihrer Hunde dabei. Appenzeller Sennenhunde, eine große Rasse, doch nur Experten würden erkennen, dass sie doch vielleicht nicht ganz rasserein waren. Spielte auch für sie keine Rolle.

Als Hennes ihrer ansichtig wurde, rief er von seinem Sitzplatz aus laut über die Straße "Hallo Stella, komm rüber zu uns und trink Einen mit..."

Stella sah ihn und Melitta, lächelte und rief zurück: "Ich muss noch eine Runde mit den Hunden. Dann komme ich zu euch."

Kurz darauf war die Buschtrommel wieder zur Stelle.

"Aber ich mag doch kein Bier", sagte sie zu Melitta.

Anstelle von Melitta antwortete ihr Hennes: "Wir haben Rheinwein weiß Fusel, Ahrwein rot Tischwein und Ahrwein rot für gehobene soziale Schichten. Und weil ich denke, dass du als Offiziersfrau zu den gehobenen Schichten gehörst, bringe ich dir jetzt eine Burgunder Spätlese trocken."

Gesagt, getan. Eine gute Viertelstunde später erschien Stella Pauline Ramolla wieder. Dieses Mal ohne ihre Hunde, aber dafür mit zwei Flaschen Sekt unter dem Arm. Hennes holte ihr einen Stuhl aus einem der hinteren Kellerräume und spülte an dem Ausgußbecken in der Garage die Gläser. Die Nachbarinnen unterhielten sich über lustige und teilweise weniger lustige Geschichten und tranken Bier, Wein und Sekt. Hennes schmunzelte vor sich hin, während er an seinem Radeberger Bier nuckelte. Etwa eine halbe Stunde später stand dann vor seiner Haustür auf der anderen Straßenseite Waldemar Otto Doborka, genannt Waldo, Juttas Mann. Unschlüssig schaute er erst die Straße hinauf, dann die Straße hinunter und dann auf die andere Straßenseite hinüber.

"Jutta, ruf doch deinen Mann rüber. Wir haben genug zu schlucken da....", forderte Melitta sie auf.

"Da geht's doch gar nicht drum", antwortete Jutta.

"Ja, das weiß ich. Aber wir sitzen gerade so schön da. Hennes, hol einen Stuhl für Waldo."

Waldo überquerte die Straße und gesellte sich dazu.

"Was habt ihr denn zu trinken da?", wollte er wissen.

"Radeberger Pils, Küppers Kölsch, Wodka, Obstler, Kräuterlikör, Weißwein und Rotwein...", bot Hennes ihm an.

"Solches Bier kann man ja einem Esel ins Ohr schütten. Ich trinke nur Flensburger."

"Habe ich leider nicht da. Aber bis jetzt war ich der Meinung, dass die Mariner alles trinken, was flüssig ist."

"Das war einmal. Du weißt doch, dass ich pensioniert bin..."

"Also was ist denn nun? Weißwein, Rotwein, Schnaps, Mineralwasser?"

"Rotwein!"

Hennes ging durch die Garage in den dahinter liegenden Kellerraum, goss ein Wasserglas voll von dem Ahrwein rot Tischwein und brachte es zu Waldo. Der betrachtete es zuerst von allen Seiten, roch daran und nahm einen großen Zug. Und dieser Zug endete in einem wüsten Hustenanfall. Waldo schnappte nach Luft. Er bekam einen roten Kopf und wollte sich fast nicht mehr einkriegen.

"Was hast du mir denn da für ein Sauzeug eingeschüttet? Davon kriegt man ja einen Erstickungsanfall..."

"Das ist ganz normaler Rotwein von der Ahr. Stell dich nicht so an."

"Den kann saufen wer will. Ich hole mir was Ordentliches."

Damit stand Waldo auf und machte sich auf den Weg in seine Wohnung. Mit einer Plastiktüte in der Hand, in der sich mehrere Flaschen Flensburger Bier befanden, kam er Minuten später zurück. Hennes füllte den Frauen die Gläser nach und die Nachbarschaftsrunde wurde allmählich ganz lustig.

Auf dem Bürgersteig der Straße Freimorschhausen, dieses Mal nicht auf der gegenüber liegenden Seite, sondern direkt vor der breiten gepflasterten Einfahrt, tauchte jetzt langsamen Schrittes wieder eine Frau mit einem Hund an der Leine auf. Sie war groß, mindestens einen Kopf größer als ihre Nachbarinnen, sehr schlank, hatte lange lockige Haare und etwas herbe Gesichtszüge. Sie trug eine dunkelblaue Jogginghose, ein weißes T-Shirt und offene Sandalen. Als die feiernden Nachbarn die Frau kommen sahen, konnte sich die Buschtrommel nicht mehr beherrschen. Sie stieß Hennes mit dem Ellenbogen in die Seite und forderte ihn auf: "Ruf doch die Chantal auch zu uns. Zeig mal, dass du ein ganzer Kerl bist!"

Hennes kannte Chantal nicht. Er hatte sie gelegentlich von weitem mit ihrem Hund gesehen und noch nie ein Wort mit ihr gewechselt. Auch dass sie nur drei Häuser weiter wohnte wie Melitta und er war ihm noch nicht aufgefallen beziehungsweise hatte er nicht registriert. Denn schließlich hatte er andere Sachen zu tun. Spontan stand er auf und ging die zehn Meter zu Chantal auf den Bürgersteig.

"Guten Abend", sprach er sie an, "trinken Sie ein Gläschen mit uns? Ich möchte Sie zu uns einladen. Wir sitzen zufällig mit den anderen Nachbarn so gemütlich zusammen."

Chantal sah kurz zu der illustren Gesellschaft hinüber, dann wieder auf Hennes und sagte etwas gedehnt, doch sichtlich erfreut: "Ja."

"Dann kommen Sie bitte, ich hole Ihnen einen Stuhl."

Chantal nahm in der Runde platz. Sie kannte - wenn teilweise auch nur vom Sehen oder Grüßen - alle Leute hier, außer Hennes.

"Was möchten Sie trinken?"

"Sag doch auch DU zu mir. Ich bin die Chantal."

Ihr Hund, eine cremefarbene Cairn Terrier Hündin namens Cindy, schaute interessiert auf den neuen Bekannten seiner Herrin.

"Und ich bin der Hennes. - Was möchtest du? Bier, Wein, Schnaps?"

"Gib mir bitte ein Bier - von dem Radeberger, ohne Glas."

Die Beiden sahen sich an: "Dann prost Chantal." - "Prost Hennes..."

"Rauchst du eine mit?", hielt Melitta ihr ihre Zigarettenpackung hin.

"Danke, ich rauche die hier."

Chantal nahm eine angebrochene Zigarettenpackung aus der Hosentasche ihrer Jogginghose und zündete sich selbst eine Zigarette anderer Marke an. Cindy lag unter dem Stuhl ihrer Herrin. Neugierig schaute sie in die Runde. Am meisten schien Hennes sie zu interessieren. Stehend, mit seinem Bierglas in der Hand, meinte er dann zu Chantal: "Einen schönen Hund hast du da..."

"Gefällt er dir?"

"Ich habe keine Erfahrung mit Hunden und selbst nie einen besessen. Mein Opa hatte in meiner Kindheit immer welche, wie das früher so war. Wird deiner jetzt unruhig bei den Leuten hier?"

"Nein, nicht wegen der Leute. Aber sie ist bewegungsfreudig und verspielt. Ich müsste gleich mit ihr gehen, denn sie muss mal."

Daraufhin sprang die Buschtrommel in die Bresche: "Soll ich mit ihr gehen? Sie kennt mich doch und dann kannst du hier sitzen bleiben."

"Wenn du willst."

Die Buschtrommel bekam die Hundeleine und machte sich auf den üblichen Weg, den man in dieser Umgebung mit einem Hund ging. Cindy folgte ihr ohne Schwierigkeiten oder Gebell.

Hennes sprach nach seinem dritten Bier dann zu Waldo: "Warst du diese Woche schon in der Spinnenstube?"

"Die Wirtschaft heißt nicht Spinnenstube sondern Finnenstube."

"Das weiß ich doch, Mensch. Woher hat sie in diesem Dorf eigentlich den komischen Namen her?"

"Den hat der Opa der jetzigen Wirtin ihr verpasst."

"War das ein Finne?"

"Nein, das war ein Deutscher. Der war Obergefreiter in der Kaiserlichen Marine bis 1918."

"Also quasi ein Kamerad von dir?"

"Wenn du so willst, ja. Nur mit dem Unterschied, dass ich Kapitänleutnant der Reserve bin. Da liegt ein gewisses Dienstgradgefälle dazwischen."

"Und der Name der Wirtschaft? Warum heißt die so?"

"Dieser Opa war im Ersten Weltkrieg mit einem deutschen Flottenkommando in Finnland. Und alle die dabei waren, haben damals die Finnische Befreiungsmedaille verliehen bekommen. Und zum Andenken hat er dann sein Lokal hier in Morschhausen Finnenstube genannt. Könnten bald 100 Jahre her sein."

"Interessant, interessant", meinte Hennes, "besonders wenn man so die heutige Marine betrachtet. Die haben sogar Weiber mit auf den Schiffen. Die früheren Seeleute nahmen an, das brächte Unglück."

"Warum sollen Frauen eigentlich nicht in der Lage sein, auf einem Schiff Dienst zu tun?", schaltete sich Chantal in das Gespräch ein und zündete sich dabei eine Zigarette an.

"Weil das nichts ist für Frauen", wurde Waldo laut. "Das ist eine Männerwelt, und da haben die Weiber nichts zu suchen. Die machen nur Ärger und halten die Männer von wichtigen Aufgaben ab."

"Aber im Sanitätsdienst hast du doch wohl nichts dagegen?", warf Stella Pauline ein.

"Und in der Küche oder Kantine auch nicht", meinte die Buschtrommel, die inzwischen wieder von ihrem Rundgang mit Cindy zurück gekommen war.

"Aber nicht in der Kombüse", beharrte Waldo, "Weiber haben auf einem Schiff, in der ganzen Marine, ja in der ganzen Bundeswehr nichts zu suchen."

"Wenn ich was zu sagen hätte, dann müsste es ganze Flotten mit weiblichen Kampfschwimmern geben", stichelte nun Chantal ein wenig, "dann gäbe es keinen Krieg mehr."

Sie nahm einen großen Zug aus der Bierflasche.

"Im Bikini, mit Schnorchel und einem langen Messer", ergänzte Hennes lachend, "die sollen dann wahrscheinlich den Männern irgend was abschneiden. - Prost zusammen!"

"Rede nicht so ein Zeug", ermahnte Melitta ihren Mann, "was sollen denn die Nachbarn hier von dir denken." Sie zündete sich eine Zigarette an und nippte ein wenig an ihrem Sekt.

Doch Waldo war in Rage gekommen. Er nahm ein paar kräftige Züge an seinem Flensburger, drehte sich halb zur Seite und fuhr dann Chantal scharf an: "Du musst doch ganz ruhig sein. Was hast denn du für eine Ahnung von militärischen Dingen? Die kennst du höchstens von der Ostalgie-Fete."

"Von was für einer Ostalgie-Fete?", wunderte sich Chantal.

"Tu nur nicht so. Stand doch schon in der Zeitung. Damals seid ihr aus dem sozialistischen Vaterland abgehauen bis auf die linke Rheinseite. Jetzt kauft ihr euch FDJ-Blusen und feiert hier Partys..." "Ich bin zwar Kommunistin, aber mit Ostalgie-Partys habe ich doch nichts zu tun", erwiderte Chantal, "du bist doch selbst aus Pasewalk in Vorpommern. Und das war früher auch DDR."

"Und ich war früher auch in der DDR", meldete sich nun Stella Pauline, "ich bin aus Lübben im Spreewald."

"Also Leute bitte, um was geht es denn hier auf einmal?", sprach Hennes beschwichtigend auf seine Gäste ein. "Es konnte sich doch niemand aussuchen, wo er geboren und aufgewachsen ist. Und die DDR gibt es doch schon seit mindestens 25 Jahren nicht mehr - trinkt doch noch einen auf den schönen warmen Sommerabend!"

Die Frauen tranken einen Schluck an ihren Gläsern, doch Waldo wurde regelrecht wütend. Wieder attackierte er Chantal.

"Du hast ja eben selber gesagt, dass du Kommunistin bist. Das seid ihr DDR-Nostalgiker doch alle. Fährt hier ein teures BMW Cabriolet und ist gleichzeitig Kommunistin - das passt wunderbar zusammen! - Komm Frau, nichts wie weg hier."

Waldo nahm Jutta bei der Hand, zog sie ruckartig von der Bank hoch und ging mit ihr eiligst auf die gegenüber liegende Straßenseite in ihr Wohnhaus.

Hennes schaute etwas irritiert aus der Wäsche. "Was war denn das jetzt?", wandte er sich an Chantal und Stella, "warum reagiert der denn auf einmal so?"

"Der war doch in Bonn in einer Bundeswehrdienststelle", antwortete Chantal, "weißt du so eine Bürotätigkeit, wo die Bundeswehr alle möglichen Leute unterbringt, die man sonst nirgendwo mehr richtig gebrauchen kann. Also beispielsweise wie Waldo. Der hat vorher so einiges verbockt, angeblich unter Alkohol. So wie ich gehört habe, hat der mal auf einem Schiff die Backbordseite mit der Steuerbordseite verwechselt und da hat es dann ordentlich gekracht. Und solche Leute lässt man dann kein Schiff mehr steuern. Die kriegen einen Platz am Schreibtisch. Da können sie dann kein Unheil mehr anrichten..."

"Aber Schreibtischtäter können auch sehr viel Unheil anrichten."

"Der doch nicht. Der durfte nichts unterschreiben. Und hat dann in der Vorstellung gelebt, er würde sogar dort befördert. Irgendwann muss dann mal in dieser Behörde eine besser dotierte Stelle frei geworden sein, weil der Inhaber in Pension gegangen ist. Waldo hat dann angenommen, er bekäme diese Stelle. Stattdessen wurde sie mit einem weiblichen Offizier besetzt. Seitdem sind Soldatinnen, egal ob Heer, Marine oder Luftwaffe, ein rotes Tuch für ihn." Sie zündete sich eine neue Zigarette an.

"Woher weißt denn du das alles?", fragte Hennes interessiert weiter. "Ich bin selbst Reservist der Bundeswehr und habe nach Ablauf meiner Dienstzeit noch an 12 Pflichtwehrübungen auf Truppenübungsplätzen teilgenommen, allerdings nicht als Mariner, sondern als Fallschirmjäger. Und durch meine lebenslange Beschäftigung im öffentlichen Dienst kenne ich die Strukturen in verschiedenen Behörden in- und auswendig: Willkür bei Beförderungen, Intrigen, Gerüchte, Alkoholismus, Unfähigkeit, Größenwahn, Heimtücke, Parteipolitik und so weiter."

"Das weiß ich alles von seiner Frau, von der Jutta", klärte Chantal ihn auf, "wir sind doch sonst oft zusammen mit den Hunden spazieren gegangen. Da hat sie mir so einiges erzählt."

"Trotzdem brauchte Waldo ja jetzt nicht wütend zu werden. Wegen diesen Kampfschwimmerinnen? Das ist ja geradezu lächerlich..."

"Natürlich. Lächerlich. Die Buschtrommel wäre bestimmt gerne noch geblieben. Die interessiert sich für alles."

"Für die hätte ich auch noch eine Geschichte auf Lager", sprach Hennes nun weiter, durch den Alkohol etwas redseliger geworden, "eine Geschichte aus den Jugendtagen ihres Mannes, von ihrem Waldo."

"Woher willst du denn eine Geschichte aus seiner Jugend kennen? Die Familie wohnt doch erst acht Jahre hier", schaltete sich nun Melitta ein.

"Von einem früheren Kollegen. Der kennt den Waldo. Die sind zusammen ein halbes Jahr auf dem Segelschulschiff Gorch Fock gefahren. Mein Kollege als Wehrpflichtiger und Waldo als Seekadett, also Offiziersanwärter."

"Ja und? Erzähl mal", wurden nun die Frauen neugierig, "haben die da zuviel gesoffen?"

"Ja das auch", sprach Hennes, trank einen ordentlichen Schluck und setzte dann ein süffisantes Grinsen auf. "Das dürfte jetzt so gute fünfundzwanzig Jahre her sein. Da haben die Mariner mit der Gorch Fock zu einem Freundschaftsbesuch im Hafen von Marseille angelegt. Trotz Verbots haben sie in Ausgehuniform die Bordelle gestürmt..."

"Waldo auch?", fragte Stella dazwischen.

"Waldo auch. Aber den mussten die Kameraden erst überreden. Aber wie sie ihn dann einmal so weit hatten, wollte der überhaupt nicht mehr aufhören."

"Wie soll ich mir denn das vorstellen?", fragte nun Chantal und zündete sich eine neue Zigarette an.

"Ganz einfach", erklärte Hennes, "der Waldo hatte vorher noch nie etwas mit einer Frau gehabt. Sein erster Geschlechtsverkehr hat ihm dann so gut getan, dass er nicht mehr aufhören wollte."

"Der hatte dann wohl einen Samenstau", meinte Chantal unter genüsslichem Grinsen.

"Nicht nur das", erzählte Hennes weiter, "die Damen im Bordell muss man ja bezahlen. Und es kam dann der Moment, an dem Waldo kein Geld mehr hatte. Er musste zwangsläufig aufhören. Doch seine Geschichte machte auf dem ganzen Schiff die Runde. Am nächsten Tag sind dann tatsächlich zwei Mann hingegangen und haben bei allen Besatzungsmitgliedern Geld gesammelt, damit Waldo wieder das Bordell besuchen konnte."

"Haben die Matrosen denn dafür etwas gespendet?", fragte Melitta verständnislos dazwischen.

"Was denkst du denn", antwortete Hennes, "das sind Kameraden zur See und die halten zusammen. Die wissen, wer wann und was nötig hat. Und der bekommt Unterstützung. Nicht nur die Matrosen. Bis hin zum Kapitän haben alle etwas gegeben."

"Das war dann also eure Männerwelt", konnte Chantal sich nicht verkneifen und blies Zigarettenqualm aus.

"Hat sich auch überlebt", antwortete Hennes, "jetzt sind ja Frauen mit an Bord. Aber behaltet die Geschichte für euch!"

"Natürlich", versicherten ihm seine drei Zuhörerinnen im Chor, "selbstverständlich!"

"Ich muss dann auch gehen", sprach Stella Pauline über ihr Sektglas hinweg und sah jeden der drei irgendwie seltsam an. Spürte sie den Sekt oder was war das?