Das Kastanienhaus - Liz Trenow - E-Book

Das Kastanienhaus E-Book

Liz Trenow

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Beschreibung

Eine verbotene Liebe, eine unheilvolle Entscheidung, ein dunkles Geheimnis …

England 1938: Lily Verner ist jung, lebenslustig und will etwas von der Welt sehen, doch der heraufziehende Zweite Weltkrieg macht ihre Reisepläne zunichte. Stattdessen arbeitet sie in der väterlichen Seidenweberei. Dort verliebt Lily sich in den deutschen Flüchtling Stephan – eine unmögliche Liebe in Kriegszeiten. Stephan wird des Landes verwiesen, und Lily bleibt nur die drückende Verantwortung für die Produktion der kriegswichtigen Fallschirmseide, die seit dem Tod des Vaters allein auf ihren Schultern lastet. Eine Verantwortung, die zu einem fatalen Fehler führt, der Lilys Leben für immer verändern wird …

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Seitenzahl: 570

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Buch

Nach der Beerdigung ihres Ehemannes, mit dem sie fünfundfünfzig Jahre lang glücklich verheiratet war, kehrt die achtzigjährige Lily ins »Kastanienhaus« zurück, dem neben der Seidenweberei ihrer Familie gelegenen Stammsitz in East Anglia, in dem Lily ihr Leben lang gewohnt hat. Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist Lily allein. Sie verarbeitet ihre Trauer, indem sie das Haus aufräumt und es auf die Übergabe an ihren Sohn vorbereitet. Dabei stößt sie auf einen alten Koffer, an den sie seit über fünfzig Jahren nicht mehr gedacht hat, geschweige denn ihn angefasst hätte. Diese Entdeckung weckt in Lily Erinnerungen an ihre Vergangenheit, an die große Liebe ihres Lebens und an eine überwältigende Schuld, die sie seit sechzig Jahren in ihrem Herzen trägt…

Autorin

Liz Trenow wuchs in der Nähe einer Seidenspinnerei auf, die auch heute noch in Betrieb ist und sie zu ihrem Roman »Das Kastanienhaus« inspirierte. Obwohl ihre Vorfahren seit über dreihundert Jahren im Seidengeschäft tätig sind, entschied Liz Trenow sich für einen anderen Beruf. Sie arbeitete viele Jahre als Journalistin für nationale und internationale Zeitungen sowie für den Hörfunk und das Fernsehen, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. »Das Kastanienhaus« ist ihr erster Roman.

Liz Trenow

Das Kastanienhaus

Roman

Deutsch von Barbara Müller

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

»The Last Telegram«

bei Avon, a division of HarperCollins Publishers, London.

Das Zitat in Kapitel 12 stammt aus Kenneth Grahame

»Der Wind aus den Weiden«. Aus dem Englischen übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt. Copyright © der Übersetzung C. Bertelsmann Verlag, ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe August 2013 bei Blanvalet Verlag,

München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Liz Trenow

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Redaktion: Sandra Lode und Ulrike Nikel

Umschlaggestaltung: bürosüd°, München

Umschlagmotiv: Getty Images/Stone/Michael Busselle

und bürosüd°, München

wr · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-09634-2

www.blanvalet.de

In Erinnerung an meinen Vater

Peter Walters (1919 – 2011), unter dessen Leitung

die Weberei während des Krieges viele tausend Meter an Fallschirmseide produzierte.

Alle waren perfekt.

Kapitel 1

Die Geschichte der Seide hat vieles mit dem schönen Geschlecht zu tun. Ihre Entdeckung wird der chinesischen Kaiserin Hsi Ling zugeschrieben. Angeblich ist im Jahr 2640 vor Christus eine Seidenraupenpuppe aus dem Maulbeerbaum, unter dem sie saß, in ihre Teetasse gefallen. Als sie versuchte, den Kokon zu entfernen, begannen die klebrigen Fäden sich zu lösen und sich an ihre Finger zu heften. Sie untersuchte den Faden genauer und erkannte sofort dessen Potenzial. Von diesem Moment an widmete sie ihr Leben der Zucht von Seidenraupen und der Produktion von Seide zum Weben und Sticken.

Aus: Die Geschichte der Seide von Harold Verner

Vielleicht liegt es daran, dass der Tod alle sprachlos macht, wenn sich die Gäste bei Beerdigungen in Plattitüden flüchten. »Er hatte ein ausgefülltes Leben… Ein wundervoller Abschied… Eine sehr bewegende Trauerfeier… So schöne Blumen… Du hältst dich so tapfer, Lily.«

Das ist keine Tapferkeit: meine geraden Schultern, der erhobene Kopf, dieser bemühte Ausdruck von Dankbarkeit. Es ist nichts als die Entschlossenheit, den heutigen Tag zu überleben und so bald wie möglich mit dem weiterzumachen, was von meinem Leben noch übrig ist.

Der Tote in dem kostspieligen, mit Verner-Seide ausgeschlagenen und mit Lilien geschmückten Sarg, der jetzt tief in der Erde ruht, ist nicht der Mann, den ich geliebt und mit dem ich die letzten fünfundfünfzig Jahre meines Lebens geteilt habe.

Auch nicht der Mann, der mir half, nach den traumatischen Kriegserlebnissen wieder zu mir zu finden, der meine Hand hielt und meinem wunden Herzen mit seiner klugen Art und seiner Zuversicht Ruhe schenkte. Es ist nicht der Mann, der mich zur Frau nahm und ein liebevoller Vater und Großvater wurde. Die Freude über unser gemeinsames Leben machte es uns möglich, die Schrecken der Vergangenheit zu begraben.

Nein, dieser Mann verschwand bereits vor Monaten, seit die Krankheit ihn fest in ihrem Griff hielt. Sein Tod war eine gnädige Erlösung, und ich habe meine Trauer bereits hinter mir. Oder zumindest rede ich mir das ein.

Nach der Beisetzung füllt sich das Haus mit Leuten, die ihm »ihre letzte Ehre erweisen wollen«. Aber ich sehne mich danach, dass sie gehen, und als sie es endlich tun, lassen sie neben Erinnerungen halb geleerte Gläser und Reste von kalten Platten zurück.

Um mich herum räumen mein Sohn und seine Familie auf. Sie spülen Geschirr, saugen Staub, leeren die Mülleimer. Im grellen Licht der Küchenlampe fallen mir erste graue Fäden in Simons dunklem Haar auf, und mit einem Mal bemerke ich überrascht, dass er inzwischen ein Mann mittleren Alters ist. Louise, seine Frau, ist in den vergangenen Jahren ein wenig rundlich geworden. Sie werden bald in dieses Haus einziehen, und ich freue mich für sie. Nicht nur weil sie mehr Platz gut gebrauchen können, sondern auch weil mir die Idee gefällt, dass die nächste Generation diese Mauern mit neuem Leben füllen wird. Unser Kastanienhaus, so haben wir es immer genannt nach den hohen Bäumen, die es umstehen. Aber heute ist nicht der richtige Zeitpunkt, um über den bevorstehenden Umzug zu sprechen.

Sie schicken mich aus der Küche. Ich gehe in den Salon, schalte Fernseher und Wiedergabegerät ein und schaue mir die Diashow an, die sie für die Trauergäste zusammengestellt haben. Vorher, in der Gruppe, war mir nicht danach. Jetzt blicke ich gebannt auf den Bildschirm, auf dem Fotos einander ablösen und sein Leben Revue passieren lassen. Manche sind mir vertraut, andere habe ich lange nicht gesehen. Sepiafarben die Kindheit, schwarz-weiß die frühen Erwachsenenjahre und dann farbig bis ins hohe Alter– jedes Bild blitzt bloß für wenige Sekunden auf und geht sogleich in das nächste über.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, empfinde es als Farce. Als ärgerlich, ja sogar beleidigend. Wie kann man ein langes Leben in eine Diashow pressen? Doch als die Bildfolge zu Ende ist und sich zu wiederholen beginnt, ergreift ein anderes Gefühl in mir Raum. Trauer. Meine Erleichterung darüber, dass er nicht länger leiden muss, weicht der erschreckenden Erkenntnis, dass ich einen großen Verlust erlitten habe.

Ich habe ihn geliebt. Er war ein gut aussehender Mann, aktiv und tatkräftig. Ein Mann, dessen Selbstlosigkeit keine Grenzen kannte, der nahezu unbegrenzt gutmütig war. Der jeden Teil von mir unendlich liebte und mich zu einer glücklichen Frau machte. Ich schaue auf die vorbeiziehenden Bilder und erwidere sein Lächeln mit Tränen in den Augen.

Meine Enkeltochter bringt eine Kanne Tee. Mit siebzehn ist Emily ein kluges, sensibles Mädchen, das schneller erwachsen wird, als ich es gerne hätte. Ich entdecke in ihr so viel von mir selbst, und in diesem Alter sah ich ganz ähnlich aus. Emily ist nicht wirklich hübsch, zumindest nach gängigen Vorstellungen nicht, wohl aber ausgesprochen apart. Ihre Nase ist ein wenig zu lang, doch sie hat eine schöne, weiche Haut und einen cremefarbenen Teint. Zu ihrem Ärger wird sie leicht rot– genau wie ich als junges Mädchen. Ihr schwarzes Haar ist dicht und glatt, und ihre dunklen wissbegierigen Augen können vor Schalk funkeln oder vor Missbilligung eisig werden. Je nachdem. Und sie hat dieses entschlossene Verner-Kinn geerbt, das jedem signalisiert: »Leg dich nicht mit mir an!« Sie ist groß und schlaksig mit langen Armen und Beinen und trägt kaum etwas anderes als geflickte Jeans und Pullover von Wohltätigkeitsbasaren, die heutzutage bei ihrer Generation offenbar en vogue sind. Unkompliziert und dabei selbstbewusst, manchmal anstrengend mit ihrer Betriebsamkeit, aber immer gut gelaunt. Wäre meine eigene Tochter nicht tot zur Welt gekommen, denke ich manchmal, würde sie wie Emily gewesen sein.

Bei der Beerdigung und dem anschließenden Empfang, wo die Farbe Schwarz dominierte, wirkte die purpurrote Strähne in ihrem Pony wie ein exotischer Vogel zwischen den dunklen Anzügen und Kleidern. Bald wird sie flügge werden wie all diese unabhängigen jungen Frauen. Doch noch schenkt sie mir ihre Gesellschaft, unterhält mich mit allerlei Geschichten, und ich genieße dankbar jeden Augenblick.

Sie reicht mir eine Tasse dünnen Tee ohne Sahne, genau wie ich ihn mag, und lässt sich dann auf den Hocker neben mir fallen. Wir sehen uns eine Weile gemeinsam weiter die Diashow an, als sie plötzlich sagt: »Ich vermisse Granpa, weißt du. Er war ein ganz besonderer Mann, so voller Ideen und so begeisterungsfähig. Allein, wie er uns bei allem, was wir taten, unterstützt hat– selbst bei den verrücktesten Sachen.« Sie hat recht, denke ich. Ich war wirklich eine glückliche Frau, einen solchen Ehemann zur Seite zu haben.

»Er hat mich immer nach allem Möglichen gefragt«, fährt sie fort. »Sich dafür interessiert, womit ich mich beschäftige. Nicht viele Erwachsene sind so. Ein toller Zuhörer.«

Mein kluges Mädchen trifft wie immer den Nagel auf den Kopf. In ihren Worten schwingt ein leichter Vorwurf mit, dass ich keine so gute Zuhörerin bin. »Du kannst ja in Zukunft mit mir sprechen, jetzt, wo er nicht mehr da ist«, sage ich ein bisschen zu schnell. »Erzähl mir, was es Neues gibt.«

»Willst du das tatsächlich wissen?«

»Ja, bestimmt«, sage ich. Ihre Beine, die in gemusterten schwarzen Leggings stecken, scheinen meterlang unter ihrem Minirock hervorzuragen, und mein Herz ist voller Liebe, weil sie mir in diesen Minuten ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt.

»Habe ich dir erzählt, dass ich nach Indien gehe?«, fragt sie.

»Meine Güte, wie wunderbar«, sage ich. »Für wie lange?«

»Bloß für einen Monat«, antwortet sie unbekümmert.

Ich beneide sie schmerzlich um ihre Jugend, ihren Tatendrang, ihre Freiheit. Ich wollte in ihrem Alter ebenfalls reisen, doch der Krieg kam dazwischen. Meine Gedanken beginnen abzuschweifen, bis ich mich daran erinnere, dass ich ihr versprochen habe zuzuhören. »Was wirst du dort machen?«

»Wir besuchen ein Waisenhaus. Im Dezember. Mit einer Gruppe vom College. Um das Fundament für einen Kuhstall auszuheben«, sagt sie triumphierend. Ich bin verwirrt und von der Vorstellung gefangen, wie Emily, ein reines Stadtkind, in der Hitze einen Spaten schwingt, die schlanken Hände schmutzig und voller Schwielen, das Haar staubbedeckt.

»Warum braucht ein Waisenhaus einen Kuhstall?«

»Damit sie frische Milch für die Kinder haben. Die wird dort nicht an die Tür gebracht wie bei dir, Granma«, sagt sie tadelnd. »Und außerdem sammeln wir Geld, um Kühe zu kaufen.«

»Wie viel braucht ihr?«

»Ungefähr zweitausend Pfund. Und damit wir selbst möglichst viel zusammenbringen, springe ich mit dem Fallschirm ab. Für eine Werbung– der Sponsor zahlt gut. Habe ich dir das nicht erzählt?« Bei dem Gedanken, dass Emily, mein Ein und Alles, an einem Fallschirm hängt, wird mir ganz schwindlig. Meine Enkelin merkt es und will mich beruhigen. »Mach dir keine Sorgen, es ist absolut sicher«, sagt sie. »Ein guter Ausbilder begleitet mich, die machen das jeden Tag mit ihren Schülern. Warte, ich zeige dir was.«

Sie kehrt mit ihrer Handtasche zurück, einem unpraktischen, mit Pailletten besetzten Ding, zieht eine Broschüre heraus und reicht sie mir. Ich gebe vor, sie zu lesen, doch die Fotografien von fröhlichen jungen Leuten, die sich auf ihren Sprung vorbereiten, scheinen mich zu verhöhnen und machen mir nur noch mehr Angst. Sie nimmt mir das Heft wieder ab. »Du müsstest doch alles über Fallschirme wissen, denn schließlich habt ihr früher das Material dafür hergestellt, sagt Dad.«

»Tja«, setze ich vorsichtig zu einer Erklärung an, »das Weben von Fallschirmseide war unser Beitrag zum Krieg. Es half uns zu überleben, als viele andere Seidenwebereien aufgeben mussten.« Ich sehe es vor mir, als wäre es gestern gewesen. Erinnere mich an die Webmaschinen mit ihren weißen Schutzbezügen, an die Schiffchen, die klackend nach rechts und links wanderten, an die Rollen mit der fertigen Seide, die mit jeder Drehung des Warenbaums fast unmerklich dicker wurden.

»Warum hat man Seide genommen?«

»Sie ist reißfest und leicht, lässt sich in eine kleine Tasche packen und faltet sich schnell auseinander.« Meine Stimme wird fester, und Stolz schwingt darin mit, obwohl ich längst die Regie in andere Hände gegeben habe. Seide ist eben unabdingbar mit meinem Leben verwoben, liegt mir im Blut. Dieses leicht muffige Nussaroma, die schimmernde Intensität ihrer Farben– Smaragd, Aquamarin, Gold, Purpur, Violett, das alles gehört zu mir. Und ich kann die exotischen Namen noch immer wie ein Mantra herunterbeten: Brigandine, Bombazin, Brokat, Dupionseide, Organza, Pongé, Chappe.

Emily studiert den Flyer ein weiteres Mal und linst unter ihrem langen Pony hervor, der ihr in die Augen fällt. »Hier steht, dass die Fallschirme, die wir benutzen, aus qualitativ hochwertigem Ripstop-Nylon bestehen. Warum hat man damals kein Nylon benutzt? Wäre das nicht billiger gewesen?«

»Damals befand sich Nylon noch in der Erprobungsphase, war jedenfalls nicht ausgereift genug. Für die Produktion von Fallschirmen aber ist die Qualität von entscheidender Bedeutung. Da muss alles stimmen.« Und dann kommen mir nach all den Jahren die schonungslosen Worte in den Sinn, dass beim kleinsten Fehler Piloten sterben.

Ich bekomme eine Gänsehaut. Sie reibt mir zärtlich mit den Fingerspitzen über den Arm, sieht mich besorgt an. »Ist dir kalt, Gran?«

»Nein, Liebes, das sind bloß die Erinnerungen.« Ich schicke ein stilles Gebet zum Himmel, dass sie niemals die Kriegsangst erleben muss– diese grauenvolle Erfahrung, wenn es keine Normalität mehr gibt und das scheinbar Unmögliche gewöhnlich wird, wenn jede Entscheidung eine Angelegenheit von Leben und Tod zu sein scheint, wenn ein Abschied oft für immer ist.

Das alles raubt einem die Zuversicht.

Etwas später taucht Emilys Bruder auf und drückt sich auf seine jungenhafte Art eine Weile im Salon herum, bevor er zu mir kommt, sich neben mich setzt und stumm meine Hand nimmt. Es rührt mich zutiefst. Dann kommt ihr Vater herein– abgespannt sieht er aus, mein Sohn. Sie sind offenbar mit dem Aufräumen fertig, nun beugt er sich besorgt über mich. »Können wir noch irgendetwas für dich tun, Mum?« Ich schüttle den Kopf und murmele zum wiederholten Mal meinen Dank.

»In ein paar Minuten machen wir uns auf den Weg. Bist du dir sicher, dass das okay für dich ist?«, fragt er. »Wir können auch ein bisschen länger bleiben, wenn du möchtest.«

Am Ende lassen sie sich überreden, nach Hause zu fahren. Obwohl ich ihre Gesellschaft liebe, sehne ich mich im Moment nach dem Alleinsein– danach, nicht länger die tapfere Witwe spielen zu müssen und mein wie eingefroren wirkendes freundliches Lächeln ablegen zu können. Ich brühe eine frische Kanne Tee auf und finde auf dem Küchentisch die von Emily zurückgelassene Broschüre über das Waisenhausprojekt– vermutlich ein dezenter Hinweis, mich um finanzielle Unterstützung zu bitten. Ich lege die Zeitung darauf, um nicht mehr an den Fallschirmsprung zu denken, doch meine zitternden Hände vermögen die Tasse nicht zu halten, ohne dass etwas überschwappt. Ich gieße den Tee in einen Becher um und trage ihn mit beiden Händen zu meinem Lieblingssessel im Salon.

Ich bin erleichtert, dass irgendjemand den Fernseher ausgeschaltet und damit die Diashow beendet hat. Durch das große Erkerfenster blicke ich nach Westen über die Flussauen auf die Landschaft und den Himmel– ein Anblick, der mir immer hilft, klarer zu denken.

Das Haus ist eine schöne Villa mit Doppelerker im edwardianischen Stil, errichtet aus Suffolk-Ziegeln, die bei Regenwetter grau aussehen, im Sonnenlicht jedoch die Farbe von goldenem Honig annehmen. Nicht protzig, sondern bloß behaglich und gut proportioniert, spiegelt es wider, wie meine Eltern sich selbst und ihre Stellung in der Welt sahen. Sie ließen es während des wirtschaftlichen Aufschwungs kurz nach dem Ersten Weltkrieg auf einem freien Stück Land neben der Seidenmanufaktur errichten. »Wir verdanken dieses Haus Seidenschirmen, Satinverkleidungen und Trauerfloren«, pflegte mein Vater, der den Kaufmann nie verleugnen konnte, fröhlich und unbefangen unseren Besuchern zu erklären.

Türen mit Buntglasscheiben werfen ein Kaleidoskop von Lichtmustern in großzügige Flure, und der Salon ist geräumig genug, um Platz zu bieten für Mutters Stutzflügel sowie drei Chintzsofas, die um einen hübschen marmornen Kamin gruppiert sind.

Auf der Seite des Hauses, die an die Weberei grenzt, gab es in meiner Kindheit einen von Mauern umgebenen Küchengarten voller duftender Obststräucher und Gemüsebeete. Auf der anderen Seite versorgte uns eine Streuobstwiese im Herbst mit einem Überfluss an Äpfeln und Birnen, die besonders während der langen Jahre der Lebensmittelzuteilungen sehr geschätzt wurden. Dort befand sich auch ein Tennisplatz, doch sorgte der von Maulwurfhügeln durchsetzte Rasen dafür, dass beim Spielen kein allzu großer Ehrgeiz aufkam. Der Tennisplatz existiert nicht mehr, aber die Rosskastanien sind noch da und erfreuen mich jedes Jahr im Mai mit ihren prachtvollen Blütenkerzen.

Von meinem Platz im Salon sehe ich den ans Haus angrenzenden Wintergarten. Im letzten Kriegsjahr wurde er durch eine V-2-Rakete, Hitlers sogenannte Wunderwaffe, zerstört. Es war ein einziges Scherbenmeer. Von der Terrasse führen einige gemauerte Stufen zum Rasen hinunter, der sich bis zu den Flussauen erstreckt. Durch diese Wiesen, die im Frühling gelb leuchten von Schlüsselblumen und im Sommer von Butterblumen, schlängelt sich der Fluss, an dessen Ufern knorrige Weiden stehen, die auf mich als Kind immer wie eine Prozession buckliger Hexen wirkten. Es ist eine Landschaft wie aus einem Gemälde von John Constable.

»Schau dir nur diesen Ausblick an«, rief meine Mutter gerne aus, wenn sie mit einem Korb voller Wäsche auf dem Treppenabsatz haltmachte, ihn auf der breiten Fensterbank abstellte und den Rücken durchstreckte. »Die Leute bezahlen ein Vermögen für Bilder von solchen Landschaften, und wir haben es jeden Tag vor Augen. Vergiss niemals, kleine Lily, wie viel Glück du hast, hier zu leben.«

Nein, Mutter, das habe ich nie vergessen.

Ich schließe die Augen und atme tief ein. Das Zimmer riecht nach altem Whisky und Holzfeuer und hallt von lange vergangenen Gesprächen wider. Familiengeheimnisse scheinen sich in allen Winkeln zu verstecken. Hier bin ich aufgewachsen. Ich habe nie woanders gelebt, und nach fast achtzig Jahren wird es wehtun fortzugehen. Das Haus steckt voller Erinnerungen an meine Kindheit, an ihn, an Liebe und Verlust.

Wenn ich heute durch die Flure und Räume gehe, folgen mir die Schatten der Vergangenheit: banal und außergewöhnlich, fröhlich und traurig, tröstlich und entsetzlich. Szenen meines Lebens. Jetzt, da mein Mann gegangen ist, bin ich fest entschlossen, ein letztes Mal von vorne anzufangen. Keine Schuld mehr, keine Gewissenserforschung. Kein Was-wäre-wenn. Ich muss das Beste aus den wenigen Jahren machen, die mir vielleicht noch vergönnt sind.

Kapitel 2

China behauptete sein Monopol der Seidenproduktion ungefähr dreitausend Jahre lang. Angeblich wurde das Geheimnis von einer chinesischen Prinzessin verraten. Nachdem sie mit einem indischen Prinzen verheiratet worden war, bekümmerte sie der Gedanke, in Zukunft auf ihre Seidenkleider verzichten zu müssen, derart, dass sie einige Eier der Seidenraupe in ihrem Kopfputz versteckte, bevor sie sich auf den Weg nach Indien zur Hochzeitszeremonie begab. So exportierte sie das Geheimnis der Seidenproduktion in ihre neue Heimat.

Aus: Die Geschichte der Seide von Harold Verner

Die Beerdigung ist nun eine Woche her, und alle machen Bemerkungen darüber, wie gut ich mich halte, doch seit ein paar Tagen ist meine Stimmung eher schlecht. Wenn ich im Flur am Spiegel vorbeigehe, sehe ich eine hagere alte Frau, die jeden Tag kleiner zu werden scheint, mit eingesunkenen Augen und strähnigem grauem Haar und in zweckmäßigem Rentnerbeige. Das kann doch nicht ich sein! Sehe ich so aus? Bin ich so sehr geschrumpft?

Natürlich vermisse ich ihn. Obwohl es in den letzten Jahren nicht immer einfach war für mich, weil er viel Pflege brauchte und ich mich immer um sein Befinden sorgte, war doch ständig jemand im Haus. Jetzt wohne ich zum ersten Mal ganz alleine hier, und die einzige Aufgabe, die mir noch bleibt, besteht darin, dieses Haus aufzuräumen– und mein Leben.

Emily kommt nach der Schule vorbei. Normalerweise freue ich mich, sie zu sehen, und halte für solche Gelegenheiten eine Dose mit ihren Lieblingskeksen bereit. Heute allerdings würde ich am liebsten niemanden um mich haben.

»Was ist los, Gran? Sonst lehnst du doch nie eine Tasse Tee ab.«

»Ich weiß nicht. Ich bin einfach schlecht gelaunt.«

»Warum?«

»Keine Ahnung, vielleicht wegen allem und nichts.«

Sie sieht mich an, zu weise für ihr Alter. »Ich weiß, warum das so ist, Gran.«

»Ich bin nur eine launische Alte, die einen schlechten Tag hat.«

»Nein, ganz und gar nicht. Das ist Teil des Trauerprozesses und völlig normal.«

»Was meinst du damit: Trauerprozess? Man trauert, und dann kommt man drüber hinweg?« Ich merke, dass ich unduldsam reagiere. Warum glauben die jungen Leute immer, einfach alles zu wissen?

Emily ignoriert meine leichte Verärgerung. »Es gibt fünf Stufen des Trauerns. Wie war das noch mal?« Sie dreht eine Haarsträhne zwischen den Fingern und denkt einen Augenblick nach. »Irgend so eine Psychologin hat sie beschrieben. Okay, ich hab’s. Hörst du mir zu? Die fünf Stufen des Trauerns sind…« Sie zählt sie an ihren schlanken Fingern ab: »Nichtwahrhabenwollen, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz– so was in der Art.«

»Heutzutage gibt es Listen für alles: in zehn Stufen zum Erfolg, zwanzig Arten, sein Leben zu verändern, diesen ganzen Müll«, murmele ich.

»Die Autorin ist wirklich renommiert, ehrlich. Wenn ich mich nur an ihren Namen erinnern könnte. Wir haben es im Psychologiekurs durchgenommen. Du solltest darüber nachdenken. Vielleicht befindest du dich gerade auf der Stufe der Wut?«

Sie geht, um Tee aufzubrühen, und lässt mich nachdenklich zurück. Warum sollte ich wütend sein? Meine Generation hat nicht einmal darüber nachgedacht, wie man trauert, und dabei waren wir weiß Gott häufig genug damit konfrontiert. Vielleicht gab es damals zu viel zu betrauern. Wir machten einfach weiter. Beschwer dich nicht, versuch trotz allem dein Bestes zu geben– und vor allem immer schön lächeln. So haben wir den Krieg gewonnen, zumindest wurde uns das so gesagt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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