Das kastilische Erbe - Ulrike Schweikert - E-Book

Das kastilische Erbe E-Book

Ulrike Schweikert

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Beschreibung

Ihre Zukunft liegt in der Vergangenheit

Ein geheimnisvolles Buch, zwei außergewöhnliche Frauen – vom Schicksal vereint ...

In einem Antiquariat stößt die Münchner Journalistin Isaura auf ein altes Buch, dessen Autorin sich »La Caminata« nennt. Die Worte erscheinen ihr seltsam vertraut, und sie ist fasziniert von der Geschichte der jungen Hofdame Jimena, die im 15. Jahrhundert an der Seite von Isabel von Kastilien lebte. Isaura begibt sich auf Spurensuche in Spanien und kommt in dem kleinen Städtchen Tordesillas einem jahrhundertealten Geheimnis auf die Spur, das sie tief in ihre eigene Familiengeschichte führt ...

Der Auftakt zu einer fantastischen neuen Trilogie.

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Ulrike Schweikert

Das kastilische Erbe

Roman

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Copyright © 2012 by Blanvalet Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHKarte: Jürgen SpehSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-08871-2V002www.blanvalet.de

Für meine Freundinnen Margareta Blankenbach und Jenny Djadavjee und für meinen geliebten Mann Peter Speemann

Prolog: Die Gefangene

Es war dunkel. Isaura wusste das, dazu musste sie nicht die Augen öffnen. Auch wenn es draußen sicher längst Tag war, um sie herum herrschte tiefste Finsternis. Es war wie ein Albtraum, der ewig währte und der niemals enden würde. Sie hatte aufgehört, die Tage zu zählen, die Wochen, Monate, Jahre. Es war heiß hier drinnen, so stickig, dass jeder Atemzug schwerfiel, als habe sich die Luft in eine zähe, wabernde Masse verwandelt.

Isaura ließ die Lider geschlossen und lauschte. Draußen war es still. Der morgendliche Gesang von Vögeln erklang nur in ihrer Erinnerung. Und auch der Klang schwerer Stiefel, die draußen vor der Tür auf und ab schritten, war nur ein Nachhall in ihrem Geist. Keine Schritte, keine Stimmen. Nur die Stille, die sie zusammen mit der Finsternis umschloss.

Da rauschte kaum hörbar das Leinen, das auf der anderen Seite des Raumes zurückgeschlagen wurde. Das Bett knarzte, als sich der Körper darin aufrichtete. Es war Isaura, als könne sie sehen, wie die Frau sich erhob und in die Mitte des Zimmers trat. Jung und schön war sie in ihrer Erinnerung. Die Röcke des Gewands, seit Tagen nicht mehr abgelegt, raschelten. Nach einigen Schritten blieb sie stehen, den Blick auf den Teil der Schwärze gerichtet, in dem sich irgendwo die Tür verbergen musste.

»Kann ich etwas für Euch tun?«, hörte Isaura ihre eigene Stimme, die seltsam fremd klang. Rau, alt und verbraucht.

»Ich kann nichts hören«, flüsterte die andere. »Draußen ist niemand.«

Sie trat mit schwankendem Schritt näher heran, sodass der Geruch des schon viel zu lange nicht mehr gewaschenen Körpers Isaura umhüllte. Der edel bestickte Stoff des nun schweißdurchtränkten Gewands strich an ihrem Bett entlang. Dann spürte sie eine Hand auf der ihren.

»Öffne die Tür!«, hauchte die Stimme in der Schwärze, und die schmale Hand zitterte auf der ihren.

»Ihr wisst, dass ich das nicht tun sollte«, gab Isaura ebenso leise zurück, dennoch erhob sie sich und ging, ohne auch nur zu zögern oder irgendwo anzustoßen, quer durch den Raum zur Tür. Das Rascheln des edlen Gewands folgte ihr. Isaura umfasste die Klinke mit beiden Händen. Noch immer waren ihre Augen geschlossen. Ganz langsam drückte sie die Klinke herunter und sah in ihrem Geist, wie sich ganz von selbst der Schlüssel drehte, der von außen im Schloss steckte. Und mit einem leisen Seufzen gab die Tür nach.

Frische, kühle Luft umhüllte die beiden Frauen und strich liebkosend über ihre erhitzte Haut. Isaura konnte einen Laut der Erleichterung nicht unterdrücken. Sie trat zur Seite. Bodenlange Röcke streiften die ihren. Als der erste Lichtstrahl des Morgens die Gestalt erfasste, zerfloss das Bild der schönen jungen Frau mit ihrer reinen, weißen Haut, die die Finsternis gnädig in ihrer Erinnerung bewahrt hatte.

Das helle Licht war ohne Gnade. Es traf eine alte Frau. Ihre Haut war schlaff geworden, das Haar farblos. Ihr Körper, der früher als elfengleich besungen worden war, konnte nur noch mager genannt werden. Und auch ihr Gang hatte sich verändert. Vorbei waren die Zeiten, da sie sich elegant im Tanz hätte drehen können. Das zunehmend schmerzende Hüftleiden machte ihren Gang eckig und schwerfällig. Doch am schlimmsten traf Isaura ihr Blick. Nichts war von dem Strahlen geblieben, von dem Lebensmut und dem Liebreiz. Nichts von dem kecken Funkeln oder dem weichen Schimmer, der so viele verzaubert hatte.

Isaura sah eine gebrochene Frau den Gang entlanghumpeln, bis zur Balustrade, von der aus man die Weiten des Flusstales überblicken konnte. Das ungewohnt helle Licht ließ Isaura blinzeln. Mit etwas Abstand folgte sie der schwarz gekleideten Frau die Galerie entlang, bis sie stehen blieb, den Blick sehnsuchtsvoll auf das glitzernde Wasser gerichtet, und auf das saftig grüne Gras am Ufer. Die faltigen Hände umspannten das Geländer. Nur ihr Zittern verriet, was in Geist und Herz der stolz aufgerichteten Gestalt vor sich ging. Kein Laut der Klage kam über ihre Lippen, doch ihr allumfassender Schmerz umgab Isaura wie eine Wolke und trieb ihr Tränen in die Augen. Sie spürte, wie sich feuchte Bahnen über ihre Wangen zogen, über die kühl der Morgenwind strich.

Ein durchdringendes Klingeln ließ sie hochschrecken. Isaura riss die Augen auf. Was war das? Wo war sie? Die Frau, das alte, düstere Gemäuer und der Fluss waren verschwunden. Isaura blinzelte. Verstört blickte sie sich um und versuchte zu begreifen, was sie sah.

Sie saß in ihrem Bett. Das Licht des Morgens drang in warmen Farbtönen durch den zugezogenen Vorhang. Von draußen drang gedämpft der Straßenlärm einer erwachenden Stadt zu ihr herauf. Die Anzeige ihres Weckers zeigte 6:30. Verschwunden waren der düstere Palastbau und mit ihm die Frau, deren Schicksal ihr Herz schmerzen ließ. Isaura presste sich beide Handflächen gegen die Brust und lauschte dem schnellen, unruhigen Schlag ihres Herzens, der sich nur langsam beruhigen wollte. Dann glitt ihre Hand zu ihrer Wange, die nass von Tränen war.

Schon wieder dieser Traum. Schon wieder diese Frau, deren trauriges Los sie nachts wieder und wieder verfolgte. Isaura hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie ihr schon erschienen war. Doch wer war diese Frau? Was war ihr widerfahren, und warum kehrte sie immer wieder zu ihr zurück? Isaura zog die Beine an und umschlang ihre Knie. Sie presste ihr Gesicht in die Bettdecke und wischte sich die Tränen aus den Augen.

Warum ging ihr diese Geschichte so nah? Und warum fühlte es sich stets so echt an, dass sie sich an jede Kleinigkeit erinnern konnte? Nicht nur an das, was sie um sich sehen konnte. Das Gefühl jedes Stoffes unter ihren Fingern, all diese fremden Geräusche und Gerüche. Alles war nah und lebendig und doch auch weit weg und verwirrend.

Noch einmal quäkte der Wecker, und Isaura brachte ihn mit einem Schlag zum Schweigen. Sie warf die Decke zur Seite und sprang aus dem Bett. Sie war daheim in ihrem Schlafzimmer in ihrer Wohnung in München. Dies war ihre Zeit und ihr Leben. Isaura schob den Traum energisch beiseite. Für so etwas hatte sie jetzt keine Zeit. Erst einmal einen Kaffee kochen und vielleicht eine Semmel von gestern aufwärmen. Oh ja, mit der frischen Erdbeermarmelade, die sie vergangenes Wochenende gekocht hatte. Und vorher eine heiße Dusche, um richtig wach zu werden, ehe sie sich später auf den Weg zur Redaktion machen würde.

Das war ihr Leben. Das war die Wirklichkeit.

Doch sosehr sie sich auch bemühte, der gebrochene Blick der Frau folgte ihr und ließ sich nicht vertreiben.

Kapitel 1

München, März 2012

»Isa, wo bleibst du? Ich muss los!«

Sie wankte in die Küche und rutschte auf den Barhocker vor der Theke, wo sie gewöhnlich das Frühstück einnahmen. Heute standen dort nur zwei große Tassen mit Milchkaffee und eine Schüssel Kekse. Sie griff mit zitternder Hand nach dem Henkel der Tasse, hielt aber mitten in der Bewegung inne und wandte den Blick ihrem Mann zu, dessen Augenbrauen ein Stück nach oben gewandert waren. Sie hörte seine Gedanken, ohne dass er die Worte aussprach, und sah sich mit seinem Blick, der langsam an ihr herabglitt: über das ungekämmte Haar, das ihr in alle Richtungen abstand, und das fleckige Gesicht hinab zu ihrem alten Morgenmantel, den sie sich rasch über den Schlafanzug gestreift hatte. Sie sah fürchterlich aus!

Isaura spürte, wie sich das Rot der Flecken in ihrem Gesicht intensivierte, als wäre sie ein Teenager, den man mit einem einzigen kritischen Blick aus dem Gleichgewicht bringen konnte.

»Was ist?«, fragte sie und wusste, dass ihre Stimme aggressiv klang. Das Knurren der Tigerin, die sich durch eine gehobene Braue provoziert fühlt.

»Du hast nicht gut geschlafen«, sagte Justus. Es war eine Feststellung, keine Frage. Es musste heute wirklich schlimm um sie stehen, wenn es sogar ihm auffiel, obwohl er in Eile war.

»Stimmt«, bestätigte Isaura. »Es war wieder dieser Traum.«

»Ein Albtraum?«, hakte Justus nach und griff nach seiner Kaffeetasse. Mit der anderen Hand angelte er sich zwei Kekse.

Isaura überlegte. »Nein, eigentlich ist es kein Albtraum.«

»Nein, überhaupt nicht«, gab Justus mit einem Mund voller Kekskrümel zurück. »Deshalb stöhnst und weinst du auch immer oder schreist und strampelst die Decke weg!«

Isaura schwieg und trank einen Schluck Kaffee.

»Oder hat sich das inzwischen etwa geändert?«, hakte Justus nach und nahm sich noch zwei Kekse.

Isaura hob die Schultern. »Ich weiß nicht. Aber zumindest störe ich dich nicht mehr damit.«

Justus wandte den Blick ab. »Ich brauche meinen Schlaf, sonst kann ich nicht arbeiten«, brummte er, und dieser missmutige Zug, der ihr jedes Mal das Herz schwer werden ließ, schlich sich wieder in seine Miene.

Isaura nickte nur stumm. Sie selbst hatte es vor einem Jahr vorgeschlagen, eines der beiden Arbeitszimmer in ein zweites Schlafzimmer für Justus umzuwandeln, damit sie ihn mit ihren Träumen nicht mehr weckte. Damit sie ihm mit dieser immer wiederkehrenden Geschichte nicht mehr auf die Nerven fiel!

Es war ihr, als schmecke der Kaffee ein wenig salzig, nach den heißen Tränen so vieler Nächte ohne Trost. Isaura schluckte. Justus war ein viel beschäftigter Mann mit einem verantwortungsvollen Job. Er brauchte seinen Schlaf. Und es war nichts Ungewöhnliches, dass Paare in einer langjährigen Beziehung sich für getrennte Schlafzimmer entschieden. Das war überhaupt kein Grund, beunruhigt zu sein.

Aber Isaura war beunruhigt. Nicht nur des Traums wegen. Da war noch etwas anderes, das sie nicht fassen konnte. Oder nicht fassen wollte? Was war es, das wie ein unsichtbares Gift aus jeder Ritze kroch und sie heimtückisch umwaberte? War es nur die Gewohnheit, die sich nach den Jahren zunehmend ausbreitete? Justus leerte seine Tasse und stellte sie an den Rand der Spüle.

»Wenn ich es nur greifen und verstehen könnte«, murmelte Isaura und wusste selbst nicht, ob sie damit die schleichende Veränderung ihrer Ehe meinte oder den bedrückenden Traum, der sie mit solch zäher Beharrlichkeit verfolgte. Sie sah ihrem Mann in die Augen und öffnete den Mund, blieb aber stumm, als sie seinen abwehrenden Ausdruck sah.

Justus hob die Hände und wich einen Schritt zurück. »Wir reden später, wenn ich zurück bin. Dann kannst du mir alles erzählen. Den ganzen Traum, wenn du dich noch an ihn erinnerst. Aber nicht jetzt. Ich bin spät dran.« Er machte zwei schnelle Schritte auf sie zu und hauchte ihr einen flüchtigen Kuss auf das ungekämmte Haar. »Wir sehen uns am Freitag«, rief er schon im Hinausgehen. »Mit dem Essen brauchst du nicht zu warten. Ich weiß nicht, wie spät es wird. Ich rufe dich von unterwegs an.«

Die Wohnungstür klappte. Mit einem Knall zerbarst Justus’ Kaffeetasse auf dem Fliesenboden. Isaura schloss gequält die Augen. Sie fühlte sich zu ausgelaugt, um aufzustehen und die Scherben aufzuheben. Sie konnte sich auch nicht dazu aufraffen, sich von ihrem Barhocker zu erheben, ins Bad zu gehen und sich ein wenig herzurichten. Sie trank nicht einmal ihre Tasse leer. Sie saß nur da, während die Zeit verfloss.

»Burn-out«, hatte ihre Freundin Aline gesagt und ihr zu einer Kur oder zumindest zu einem ausgiebigen Urlaub geraten.

»Am besten schnappst du dir Justus und machst mit ihm drei Wochen Urlaub auf einer winzigen Insel in den Tropen, wo man gar nichts anderes tun kann, als seine Ehe mit viel Sex wieder in Schwung zu bringen«, waren ihre Worte gewesen, begleitet von einem vielsagenden Augenrollen. Doch Isaura dachte weder an eine Kur noch an einen Urlaub. Sie sah wieder die fremde und inzwischen doch so vertraute Frau in ihrem strengen, düsteren Gewand vor sich stehen, der Blick von Schmerz verdunkelt. Nun brannte eine einzelne Kerze in dem sonst nur von Finsternis erfüllten Raum. Das Licht huschte flackernd über das bestickte Mieder und die steifen Röcke bis hinunter zu den Schuhspitzen, die unter dem Saum hervorlugten. Sie sah jedes Detail so deutlich, dass sie glaubte, mit den Fingerspitzen über die kunstvollen Stickereien streichen zu können.

Isaura sprang auf und lief ins Bad. Rasch duschte sie sich und zog sich an. Ihr langes, dunkelbraunes Haar band sie lediglich zu einem Zopf zusammen. Dann schnappte sie sich ihre Aktentasche und lief aus dem Haus. Wenn sie sich beeilte, dann war sie so früh in der Redaktion, dass sie noch vor der Morgenbesprechung ins Archiv gehen konnte, dem sich eine kleine Bibliothek anschloss. Sie hatte das Regal und die Buchrücken der Wälzer vor Augen, in denen sie als Erstes nachsehen wollte. Später würde sie an ihrem Schreibtisch noch ein wenig im Internet stöbern können. Vielleicht erfuhr sie dann wenigstens, aus welcher Zeit die Frau in ihrem Traum stammte. Oder gar, in welchem Land sie gelebt hatte.

Wenn sie denn gelebt hatte.

Isaura ließ sich in den Sitz ihres Wagens gleiten. Den Zündschlüssel schon in der Hand hielt sie inne. Sie horchte in sich hinein. Ja, sie war sich sicher. Diese Frau hatte gelebt und ein schweres Schicksal erduldet.

»Isaura? Bist du hier?«

Obwohl ein Teil ihres Geistes den Ruf durchaus vernommen und verstanden hatte, antwortete sie nicht. Sie saß an einem der schmalen Tische, die sich an der Fensterseite des Archivs an der Wand entlangreihten, und starrte auf die Seite eines aufgeschlagenen Buchs, die ein bestimmt schon mehrere Hundert Jahre altes Gemälde zeigte. Eine Frau starrte ihr aus dunklen Augen entgegen, und Isaura starrte zurück. Stumm und bewegungslos saß sie da und erwiderte den in Öl und Farbe gebannten Blick.

»Isaura?«, rief die Stimme noch einmal, dann tauchte Sven, einer der Praktikanten des Zeitungsverlags, zwischen zwei deckenhohen Regalen auf.

»Da bist du ja!«, rief er mit Empörung in der Stimme. »Warum antwortest du denn nicht? Ich suche dich überall.«

Langsam, wie unter Zwang, hob Isaura den Kopf und sah ihn an.

Sven war groß und dürr. Sein rotes Haar stand ihm meist nach allen Seiten vom Kopf ab, und seine weiße Haut war an jeder Stelle – soweit Isaura das beurteilen konnte – mit Sommersprossen übersät.

»Was ist? Was hast du da?«

Sven trat näher und betrachtete ebenfalls das Gemälde, das die ganze linke Seite einnahm. »Unbekannte Schöne«, las er den Titel darunter. »Spanien, erste Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts. Machst du jetzt was über Spanien?«

»Kann sein«, gab Isaura ausweichend zur Antwort und richtete ihren Blick wieder auf das Bildnis, das sie aus irgendeinem Grund magisch anzog. Es war nicht die Frau aus ihren Träumen, das war ihr sofort klar. Im Gegensatz zu dem Bildnis hatte diese viel feineres, dunkelblondes Haar, und ihre Augenfarbe war heller. Die Dame auf dem Bild hatte dunkles Haar, das wie Kastanien schimmerte, und braune Augen. Auch die Gesichtszüge unterschieden sich ganz eindeutig, und dennoch konnte Isaura sich nicht von dem Bildnis losreißen, das sie mit so viel Ernst und Traurigkeit direkt anzusehen schien. Lag es nur daran, dass das Gewand, das die Frau trug, dem in ihrem Traum ähnelte? Ja, das wäre möglich gewesen. Warum hatte sie den strengen geometrischen Stil der frühen spanischen Hofmode nicht gleich erkannt?

Sven drängte sich noch ein Stück näher und beugte sich ebenfalls über das Buch. »Sie sieht dir ähnlich«, sagte er und musterte mit gerunzelter Stirn erst das Bild und dann seine Kollegin.

Der Bann war gebrochen. Isaura lachte. »Ja, ich habe damals im – wann war das noch gleich? – in den ersten Jahren des sechzehnten Jahrhunderts dem Hofmaler Modell gesessen. Es kommt mir vor, als sei es gestern gewesen. Und ich sage dir, das Kleid war höllisch unbequem!«

Sven grinste breit. »Ja, so sieht es auch aus. Ein wenig unnatürlich, nicht wahr? Als wären die Proportionen irgendwie verschoben.« Er hob die feinen, rötlichen Brauen und legte den Kopf ein wenig schief. »Oder war nur der Maler nicht der Talentierteste?«

Isaura lächelte noch immer, schüttelte aber den Kopf. »Nein, das würde ich so nicht sagen. Es ist zwar nicht mein Spezialgebiet, doch ich meine mich zu erinnern, dass die spanische Mode eine recht steife und unbequeme Sache war, die auf die natürlichen Körperformen nicht allzu viel Rücksicht nahm. Selbst Männer mussten eine Art Korsett tragen.«

Sven klopfte sich auf seine schmächtige Brust. »Na, viel einzuschnüren gäbe es bei mir nicht.«

Isaura knuffte ihn in den Arm, als sie sah, wie sein Blick an ihr hinaufwanderte. »Untersteh dich, einen Kommentar abzugeben, was man bei mir einschnüren könnte oder nicht!«

Sven grinste breit. »Ich werde mich hüten. Und nun komm! Ich soll dich nämlich schnellstmöglich zur Redaktionssitzung schleppen. Alex ist schon ein wenig ungehalten, um es mal vorsichtig zu formulieren.«

Isaura sah auf ihre Uhr. »Oje, so lange wollte ich gar nicht hierbleiben. Ich fürchte, ›ungehalten‹ trifft die Sache nicht ganz.«

Sie sprang auf. Sven klappte das Buch zu und machte Anstalten, es zu der Lücke im Regal hinter ihnen zurückzubringen, doch Isaura riss es ihm aus der Hand und stopfte es in ihre Aktentasche.

»Man darf die Bücher hier nicht ausleihen«, protestierte Sven.

Isaura reckte sich ein wenig, um wenigstens annähernd so groß wie der junge Mann zu sein, und übte sich an einem überheblichen Blick. »Das weiß ich auch. Aber ich muss nachher noch etwas nachsehen, ehe ich es zurückbringe.«

Sven hob die Schultern und machte sich auf den Weg zur Tür. »Deine Sache«, murmelte er.

Schweigend gingen sie nebeneinanderher den Gang entlang. Sven hielt ihr die schwere Metalltür auf, die den Archivteil des Hauses von den Redaktionsbüros trennte.

»Woher kommt eigentlich dein Name?«, fragte er plötzlich. »Isaura. Habe ich vorher noch nie gehört.«

Isaura blieb stehen. »Ja, das ist ein ungewöhnlicher Name. Als Teenager habe ich dazu mal Bücher gewälzt und rausgefunden, dass er sich von ›Isaria‹ ableitet, dem lateinischen Namen eines Gebiets in Kleinasien. Ein alter, spanischer Vorname. Weiß der Himmel, wieso meine Großmutter ausgerechnet diesen Namen für mich ausgesucht hat – das behaupten jedenfalls meine Eltern. Leider ist mir zu spät eingefallen, sie danach zu fragen. Sie ist vor einer Weile gestorben.«

»Das tut mir leid«, meinte Sven ein wenig verlegen.

Sie zuckte nur mit den Schultern und öffnete die Tür zum Konferenzraum.

Isaura rutschte auf ihren Platz. Die Chefredakteurin unterbrach ihren Vortrag nicht, doch der Blick, den sie Isaura zuwarf, ließ ein anschließendes Donnerwetter erahnen. Die Uhr an der Wand zeigte ihr, dass sie eine halbe Stunde zu spät war. Wie hatte das nur passieren können? Sie war doch nur kurz in der Bibliothek gewesen, um einen Blick in die Bücher über historische Mode zu werfen. Und dann war sie auf dieses Bild gestoßen.

Sie konnte das Buch förmlich spüren, das in ihrer Tasche unter dem Tisch steckte. Es schien Wärme auszustrahlen und zu pulsieren, als sei es lebendig und könne seinen Herzschlag über das Leder der Tasche auf ihre Beine übertragen.

Nein, korrigierte sich Isaura in Gedanken. Nicht das Buch, das Bild! Die Frau auf dem Bild mit den rätselhaft traurigen Augen.

»Irgendwelche weiteren Themenvorschläge? Isaura?«

Sie blinzelte und konnte ihren Blick nur mit Mühe auf die Chefredakteurin fokussieren. Es fühlte sich an, als würde sie jemand unvermittelt aus einem Traum reißen. Dieses Ziehen tief in der Brust und die Schwere, die sie wie Gewichte am Grund des Traums zu halten versuchte. Ein schmerzhaftes Sich-Wehren.

»Isaura!«

»Ja?«

»Hast du überhaupt zugehört?«

Sie schwieg. Das war Antwort genug. Was sich nun in Alex’ Miene zusammenbraute, war mehr als nur eines ihrer gewöhnlichen Donnerwetter, die sie in regelmäßigen Abständen über ihre Redakteure entlud.

»Ich will dich nachher in meinem Büro sprechen«, sagte sie gepresst, und ihre zusammengekniffenen Augen verhießen nichts Gutes. Dennoch blieb ihre Stimme ruhig, als sie die Frage wiederholte.

»Ich möchte von jedem Themenvorschläge für unsere neue Reportagenreihe. Wir können auch größere Komplexe einplanen, die dann in mehreren aufeinanderfolgenden Heften verschiedene Aspekte eines Themas beleuchten.«

Isaura nickte, doch ihr Kopf schien ein einziges schwarzes Loch zu sein, das keinen vernünftigen Gedanken hergab. Abgesehen vielleicht von Grübeleien über geheimnisvolle Frauen aus vergangenen Jahrhunderten, die durch ihre Träume spukten. Aber das war wohl kein Thema für das neue Heft.

»Ich denke noch darüber nach«, murmelte Isaura und hoffte, der Blick würde endlich einen ihrer Kollegen ins Visier nehmen. Da meldete sich Sven zu Wort und erlöste Isaura von dem inquisitorischen Blick ihrer Chefin.

»Ja?«

»Wir könnten etwas Historisches machen«, stieß er hervor und sah Beifall heischend in die Runde, doch die meisten schüttelten nur ablehnend die Köpfe oder lächelten herablassend.

»Historisch«, grunzte Hans-Dieter, der älteste unter den Redakteuren, den Isaura am wenigsten mochte. »Was für ein mitreißender Vorschlag, und so detailliert durchdacht!«

Linda murmelte etwas von »verstaubt«. Dennoch hakte Alex nach, ohne dass man ihrer Stimme entnehmen konnte, was sie darüber dachte.

»Spanien«, stieß Sven ein wenig atemlos hervor. Vielleicht bereute er bereits, dass er alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Isauras Dankbarkeit konnte er sich jedenfalls für diese ritterliche Tat sicher sein. Sie beschloss, ihn in der Pause zu einem Kaffee einzuladen.

»Spanien?«, wiederholte Alex. »Und weiter? Welche Zeit?«

»Oh nein«, stöhnte Linda. »Franco, Faschismus, die ganze alte Leier.«

»Nein!«, wehrte Sven ab. Der Junge ließ sich nicht unterkriegen. »Weiter zurück. Fünfzehntes oder sechzehntes Jahrhundert.«

Isaura wusste, was ihn auf diesen Einfall gebracht hatte, der nichts anderes war als ein Versuch, sich anständig aus der Affäre zu ziehen. Sie sah in den fragenden Gesichtern der Kollegen, dass keiner eine rechte Vorstellung von dieser Zeit hatte, und selbst Alex schien sich nicht sicher, was sie von diesem Vorschlag erwarten konnte. Auch Isaura hatte nur eine vage Idee. Schlagwörter wie Reconquista, Inquisition, Judenvertreibung, Eroberung von Granada, Christoph Kolumbus und die Entdeckung Amerikas fielen ihr ein. Und das Bild einer unbekannten Frau in einem strengen, dunklen Kleid der frühen spanischen Hofmode.

Isaura betrat nach einem kurzen Klopfen das Büro der Chefredakteurin. Alex war nicht einmal zehn Jahre älter als sie, dennoch schaffte sie es zuweilen, dass sich Isaura in ihrer Gegenwart wie ein Kind fühlte, das von einem Erwachsenen gerügt wurde. Es kam ihr sogar der Verdacht, dass Alex diese strenge, schmale Brille nur besaß, um sie ein Stück die Nase herunterschieben und dann mit diesem eisigen Blick über den Rand schauen zu können, der selbst die Hartgesottenen unter ihnen verlegen stottern ließ, die einige Jahre mehr als die Chefin auf dem Buckel hatten.

»Schließ die Tür und setz dich!«

Isaura versuchte eine freundlich-unbeschwerte Miene zu wahren und zog sich einen Stuhl heran. Stumm wartete sie, bis Alex den Stapel Papiere beiseiteschob, nachdem sie ihn in unglaublichem Tempo durchgesehen hatte. Ja, sie war mit ihren vierzig Jahren schon die Richtige auf diesem Posten, den ihr nicht wenige neideten. Dann richtete sich der Blick auf Isaura, als wolle er bis in die letzten Tiefen ihrer düsteren Geheimnisse vordringen. Isaura widerstand dem Bedürfnis, unruhig auf dem Stuhl herumzurutschen. Stattdessen erwiderte sie den Blick. Endlich sprach Alex die Frage aus, die Isaura bereits in ihren Augen gelesen hatte.

»Was ist eigentlich mit dir los?«

»Ich war im Archiv, etwas nachschauen, und da habe ich die Zeit vergessen«, entschuldigte sich Isaura. »Es tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin. Es wird nicht wieder vorkommen.«

Alex wischte ihre Erklärung mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. »Das meine ich nicht. Oder zumindest nicht nur das. Du vergisst Termine, hältst Zeiten nicht ein, bist abwesend und …«, sie hielt inne, und Isaura hatte die seltene Gelegenheit zu erleben, dass ihre Chefin um Worte rang, die doch sonst ihre Verbündeten und ihre schärfsten Waffen waren.

»Du gefällst mir nicht«, sagte sie schließlich. »Schau nur in den Spiegel, wie du aussiehst.«

»Danke für das aufmunternde Kompliment«, gab Isaura sarkastisch zurück.

Alex schüttelte unwirsch den Kopf. »Das ist kein Spaß. Du bist blass, hast Ringe unter den Augen und wirkst unkonzentriert, und das schon seit einer ganzen Weile. Ist etwas vorgefallen? Hast du Ärger mit deinem Mann? Oder etwas anderes, das dich quält? Du kannst doch mit mir reden!«

Isaura überlegte. Quälte sie etwas? Außer dass Justus sich gegen Kinder entschieden hatte, wogegen sie sich ein Kind in ihrem Leben durchaus vorstellen konnte? Zumindest meinte er, es sei jetzt nicht der rechte Zeitpunkt. Doch wann glaubte er, würde dieser kommen? Wenn er keinen Stress mehr haben würde? Wann könnte das sein? Mit sechzig, wenn er aus dem Job aussteigen wollte? Isaura war jetzt zweiunddreißig. Wie lange wollte oder konnte sie warten?

Aber nein, das war nicht das, was an ihr zehrte. Glaubte sie jedenfalls. Und Justus? Eheprobleme – abgesehen von ihrer voneinander abweichenden Meinung zum Thema Kinder? War da etwas? Sie sahen einander nicht mehr so häufig. Die gemeinsamen Unternehmungen schrumpften. Natürlich. Justus war geschäftlich viel unterwegs, und sie lebten seit mehr als zehn Jahren zusammen. War es da nicht natürlich, dass das Feuer nachließ und zu einer behaglichen Glut zusammenschrumpfte? Sie führten eine gute Ehe! Es gab nichts, das ihr Sorgen bereiten sollte.

Wirklich?

Ja!

Dann waren es nur diese Träume, die sie quälten? Die ihr so sehr zusetzten, dass ihre Arbeitsleistungen darunter zu leiden begonnen hatten?

Was für ein Blödsinn!

»Es ist nichts Ernstes«, wiegelte Isaura ab. »Ich habe nur die letzte Erkältung verschleppt und bin ein wenig urlaubsreif. Ja, ich sollte mit Justus wegfahren, nur wir beide, um mal wieder Zeit für uns und unsere Beziehung zu haben«, fügte sie eingedenk des Rats ihrer Freundin Aline hinzu.

Bei dem Wort Urlaub verzog Alex das Gesicht. So recht wollte sie nicht einsehen, wozu ein Mitarbeiter so viele Tage Urlaub im Jahr benötigte. Sie selbst verbrachte die meisten ihrer Urlaubstage in der Redaktion.

»Wann? Und an wie viele Tage denkst du?«, hakte die Chefredakteurin vorsichtig nach.

Isaura hob die Schultern. »Ich weiß noch nicht. Ich muss erst mit Justus darüber sprechen, wie lange er sich losreißen kann und wohin er fahren möchte.« Sie erhob sich, ehe Alex noch ein paar unangenehme Fragen einfielen.

»Ich sag dir dann Bescheid. Im Moment ist die Redaktion ja gut besetzt«, fügte sie hinzu, was Alex gezwungen war zu bestätigen.

»Und ich lass mir was für die Reportagen einfallen«, versprach Isaura. Sie deutete Alex’ Nicken als ihre gnädige Entlassung und schlüpfte aus dem Zimmer, ehe ihre Chefin es sich anders überlegte.

»Und? Wie war es?«, erkundigte sich Sven, als sie an ihren Schreibtisch zurückkehrte. »Den Kopf hat sie dir offensichtlich nicht abgerissen.«

Isaura ignorierte diese Bemerkung. So vertraut war sie mit dem Praktikanten nicht, dass sie seine Neugier befriedigen wollte. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und lud einen der Artikel, an denen sie arbeitete.

Sven seufzte. »In Ordnung. Ich hab’s verstanden. Das geht mich nichts an.«

Er stand auf und kam zu ihr herüber. Isaura unterdrückte den Impuls, ihn anzufauchen und an seinen Platz zurückzuschicken.

»Und, bist du schon mit deiner Spanienreportage weitergekommen?«

Sven stöhnte. »Erinnere mich nicht daran! Das war das Einzige, was mir spontan in den Sinn kam. Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt daraus machen soll. Wenn mir kein guter Ansatz einfällt, dann rammt mich Alex ungespitzt in den Boden. Ich und ein geschichtliches Thema! Mann, was habe ich mir dabei nur gedacht!« Er hielt inne und sah Isaura eindringlich an.

»He, das wäre doch was für dich. Du müsstest dich da auskennen. Du hast doch schon solche Geschichten gemacht. Also, wenn du willst, dann überlasse ich dir die Idee.«

»Ganz selbstlos und großzügig!«

Sven grinste. »Aber klar doch. Weil du es bist.«

Und ehe sie noch ablehnen konnte, flüchtete er zurück an seinen Schreibtisch.

Isaura entschied sich noch für einen Abstecher in die Münchner Fußgängerzone, ehe sie sich auf den Nachhauseweg machte. Es war empfindlich kalt, und der Frühling ließ sich noch nicht so recht erahnen, daher beschleunigte sie ihren Schritt und steuerte direkt die riesige Buchhandlung an, an der sie so selten vorbeiging, ohne wenigstens einen kleinen Besuch zu wagen, und aus der sie genauso selten ohne mehrere Neuerwerbungen wieder herauskam. Zuerst bummelte sie ein wenig an den Tischen mit den gerade frisch erschienenen Romanen entlang, dann trieb es sie in die Ecke mit den Biografien. Sie dachte gar nicht so recht darüber nach, doch ihre Hand griff zielsicher nach einem Buch mit dem Titel »Isabella«. Sie drehte das Buch um.

»Eine außergewöhnliche Frau – eine große Königin«, stand in fetten Buchstaben auf der Rückseite über dem Text, der den Inhalt des Buchs kurz anriss.

Wieder Spanien, natürlich. Es hatte ihr die ganze Zeit im Kopf herumgespukt. Isabella die Katholische hatte von 1451 bis 1504 gelebt. Sie war Königin von Kastilien und León und mit Ferdinand, dem König von Aragón, verheiratet gewesen. Ja, richtig, unter ihrer Herrschaft war die Reconquista zu Ende geführt und Granada erobert worden. Während ihrer Herrschaft war Kolumbus nach Amerika gesegelt, und das Goldene Zeitalter Spaniens hatte begonnen.

Isaura nahm die Biografie und gleich noch ein zweites Buch über die katholischen Könige und ihre Zeit mit zur Kasse und bezahlte. Sie wollte schon gehen, als eine junge Verkäuferin sie ansprach.

»Interessiert Sie das Thema? Ich meine, möchten Sie noch mehr darüber wissen als die Dinge, die man in den üblichen Abhandlungen über die spanischen Könige und ihre Zeit findet? Sie sind doch Journalistin, nicht wahr?«

Isaura nickte.

»Wollen Sie über das Thema schreiben?« Die Frau sah sie eindringlich an.

Isaura antwortete ausweichend. »Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich möchte erst einmal einen Überblick bekommen.«

Die junge Frau nickte. »Gut, aber wenn es Sie in seinen Bann gezogen hat, dann habe ich eine Empfehlung für Sie. Schauen Sie einmal im Antiquariat Collmann vorbei und fragen Sie nach dem Buch der ›Caminata de la edad‹.« Sie reichte ihr eine Karte mit einer Adresse irgendwo in Sendling.

Isaura bedankte sich und verabschiedete sich höflich, allerdings ohne die Absicht, dem Rat zu folgen. Die beiden Bücher in ihrer Tasche waren als Lektüre über das Thema sicher mehr als ausreichend, falls sie überhaupt etwas damit anfangen wollte.

Sie fuhr nach Hause, wärmte sich das Gratin vom Vortag auf, goss sich ein Glas Weißwein ein und zog sich damit auf das Sofa zurück. Im Fernsehen kam wieder einmal nichts, das sie interessiert hätte. Frustriert schaltete sie den Apparat wieder aus, nachdem sie zweimal durch alle Programme gezappt hatte. Sie ging in die Küche, ließ sich einen Milchkaffee aus der Maschine und kehrte mit der Büchertüte zum Sofa zurück. War es nicht ein wenig voreilig gewesen, gleich zwei Bücher über die sogenannten katholischen Könige zu kaufen? Allein der seltsame Titel stieß ihr sauer auf. Wollte sie sich damit befassen? Fast ein wenig unwillig schlug sie die Biografie »Isabella« auf und begann zu lesen.

Kapitel 2

Arévalo, 1458

Es würde einer der wichtigsten Tage in ihrem Leben werden. Das hatte ihr keiner gesagt, doch irgendwie konnte sie es spüren. Obwohl sie sich nicht gern ankleiden und frisieren ließ und mit ihrem Gezappel die Magd bis in den Wahnsinn treiben konnte, stand Jimena heute wie erstarrt da, bis alle Bänder geschnürt und alle Haken geschlossen waren, und sie ließ es sogar zu, dass ihr üppiges schwarzes Haar sorgfältig geflochten und aufgesteckt wurde. Die Tür öffnete sich, und Dominga de Lucena trat ein. Im Gegensatz zu dem des Mädchens war ihr Haar von einem warmen Kastanienton, der von den ersten grauen Strähnen durchzogen wurde; ihre Züge waren schmaler und strenger, doch denen des Kindes durchaus ähnlich. Sie war eine groß gewachsene Frau und fast ein wenig zu schlank, um noch als schön zu gelten. Jetzt, da sie Mitte dreißig und das Weiche, Mädchenhafte aus ihrem Gesicht verschwunden war, konnte man sie fast als hager bezeichnen, doch das störte sie nicht. Die Zeit, in der sie sich um die Blicke von Männern Gedanken gemacht hatte, war längst vorbei.

An ihrer Hand führte sie ihr jüngstes Kind, die erst dreijährige Teresa. Das Mädchen hatte das gleiche kastanienbraune Haar wie die Mutter und dunkle Augen, die es jetzt weit aufriss und sich neugierig, aber ohne Furcht in dem fremden Palast umsah.

»Nun, Jimena, bist du so weit?«, fragte Dominga das Mädchen und sah sie mit diesem Blick an, der bis in ihre tiefsten Gedanken zu dringen schien, um jedes noch so kleine, finstere Geheimnis ausfindig zu machen. Davon war das Kind jedenfalls überzeugt.

Jimena knickste artig, was sie nur selten vor ihrer Tante tat, und nickte. »Aber ja, Tía Dominga. Und ich werde mich anständig benehmen, wenn wir ihr vorgestellt werden.« Sie sah mit ernstem Blick zu ihrer Tante auf, deren strenge Miene nun von einem Lächeln erhellt wurde.

»Das darf ich wohl von dir erwarten!«, sagte sie, doch ihre Stimme klang freundlich. »Du bist jetzt sieben Jahre und damit alt genug, deine erste Stellung bei Hof anzunehmen.«

Jimena nickte. Ja, auch die Söhne der Hidalgos und des übrigen niederen Adels waren bestrebt, in diesem Alter an einem der Höfe eine Stelle als Page einzunehmen und einem großen Herrn zu dienen, um später zum Schildknappen aufzusteigen, ehe sie sich die eigenen Sporen als Ritter verdienten. Ihre Gedanken wanderten zurück nach Sevilla und zu ihrem Vetter Ramón, den sie so sehr verehrte. Der Abschied war ihr schwergefallen, doch hier in Arévalo gab es keinen Platz für ihn. Er würde sich einen anderen Grande suchen müssen, um ihm zu dienen und für ihn zu kämpfen. Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen zwischen dem Königshaus und den mächtigen Adelsfamilien des Landes, bei denen man sich beweisen konnte, gab es genug. Man musste dabei allerdings nicht nur ein großes Geschick im Umgang mit Waffen an den Tag legen, sondern auch über ein politisches Gespür verfügen, um rechtzeitig zu bemerken, wann der Wind sich drehte und es für Leib und Leben und das eigene Vermögen ratsamer war, auf ein anderes Pferd zu setzen. Sonst konnte es ganz schnell vorbei sein, was auch Dominga de Lucenas erster Gatte bitter erfahren und mit seinem Leben hatte bezahlen müssen. Das war schon etliche Jahre her, noch ehe König Juan II. starb und sein Sohn aus seiner ersten Ehe mit Maria von Aragón – Enrique – zum König von Kastilien ernannt worden war. Mit ihrer zweiten Heirat war es Dominga gelungen, ins Umfeld des Hauses Trastámara zurückzukehren, doch nun hatte der Tod auch ihren zweiten Gemahl dahingerafft, und die Witwe war gezwungen, ihre jüngste Tochter und ihre verwaiste Nichte, die sie bei sich aufgenommen hatte, selbst durchzubringen.

»Ihre Hoheit lässt bitten«, verkündete einer der Diener und verschwand dann sogleich wieder. War es Nachlässigkeit oder Absicht, dass er es den Neuankömmlingen aus dem fernen Sevilla überließ, den Saal zu finden, wo Isabel von Portugal, die zweite Gattin des verstorbenen Königs Juan II., sie erwartete? Dominga sah die beiden Kinder ernst an.

»Nun, dann lasst uns gehen und Ihrer Hoheit unsere Aufwartung machen.«

Jimena versuchte den Gesichtsausdruck ihrer Tante nachzuahmen, raffte ihr neues Kleid, damit sie nicht in den Saum trat, und folgte ihr durch einen langen, dunklen Gang und eine Treppe hinunter. Ein kalter Luftzug strich um die Ecken und fuhr ihr unter ihren Rock, dass es sie fröstelte.

Der königliche Palast von Arévalo war ein uraltes, düsteres Gemäuer im maurischen Mudéjarstil. Die einst roten Ziegel waren im Laufe der Zeit vom Zahn der Verwitterung angenagt und dunkel verfärbt worden. Zwei mächtige Türme ragten abweisend zu beiden Seiten der Hauptfassade auf. Die Flügel des Palasts umfassten einen rechteckigen Hof, der im Winter Schutz vor dem eisigen Wind bot, der dann durch die Gassen der Stadt fegte, und im Sommer eine Oase des Schattens war, den die brütende Sonne niemals vollständig vertreiben konnte. Es gab unzählige düstere und meist feuchte Gemächer, ebenso dunkle Gänge und Kammern, einen großen Saal und mehrere andere Räume, in denen sich dereinst die Mitglieder der Cortes getroffen hatten, wenn der König sie einberufen hatte, um sich zu beraten oder – was häufiger der Fall war – die Erhöhung und den Einzug von Sondersteuern von den Vertretern der wichtigsten Städte wie Burgos, Toledo und Valladolid, Ávila und Segovia oder auch Córdoba und Sevilla absegnen zu lassen. Heutzutage war der alte Palast nur noch der Witwensitz der einstigen Königin, den ihr Stiefsohn Enrique ihr überlassen hatte, um dort mit ihren beiden Kindern zu leben.

Sie folgten einem weiteren Flur, der sie zu einer zweiten Treppenflucht führte. Dominga blieb stehen und sah sich ein wenig ratlos um, da wehte der Klang einer scharfen Stimme zu ihr herüber. Dominga verzog das Gesicht zu einem grimmigen Lächeln und folgte mit den beiden Mädchen an der Hand der zunehmend unangenehmen Stimme bis zu einem Saal. Ein Diener öffnete ihnen mit einer Verbeugung die mit kunstvollen Schmiedearbeiten verzierte Tür. Mit kritischer Miene sah Jimena sich um.

Der Saal war weiträumiger als die Kammern und Gänge, die sie bisher vom Palast gesehen hatte, doch nicht minder düster. Zwar waren die Mauern mit einigen Wandbehängen verziert, doch diese waren von Alter und Ruß genauso dunkel wie die Wände, die sich an die Zeit, da sie einmal weiß getüncht worden waren, sicher nicht mehr zurückerinnern konnten. Die Fenster an der rechten Längsseite waren klein, sodass nur wenig Tageslicht hereinsickerte, und, wie in Burgen üblich, mit kleinen Sitznischen in die dicken Mauern eingelassen. Das Kind ließ den Blick weiter durch den Saal schweifen, bis zu dem großen Kamin in der gegenüberliegenden Wand. Dort standen zwei thronartige Sessel mit hohen geschnitzten Lehnen, die ziemlich unbequem aussahen. Auf einem niedrigen Tisch boten einige Schalen süße Mandeln und Konfekt und allerlei kandierte Früchte an. In der Ecke schloss sich ein mit dicken Teppichen und Kissen belegter Diwan an, wie er in keinem maurischen Haus fehlen durfte, der aber genauso bei Juden und Christen ganz besonders in der Gegend von Sevilla, ja, im ganzen Süden des Landes beliebt war.

Dort auf dem Diwan saßen einige Damen in ihren langen weiten Röcken, die sich unter den geschnürten Miedern bauschten, gemütlich im Schneidersitz. Jimena sah auch zwei Mädchen, die kaum älter waren als sie selbst, und einen Jungen von etwa fünf Jahren.

Jimena ließ ihren Blick zu der keifenden Frau hinüberwandern, die längst nicht so alt war, wie ihre Stimme vermuten ließ. Vielleicht um die dreißig? Dennoch kam sie ihr wie eine alte Frau vor, und das nicht nur, weil sich bereits Linien der Verbitterung in ihr Gesicht gegraben hatten. Da war noch etwas, das das Kind nicht recht fassen konnte. Jimena starrte sie an, konnte aber aus ihren Gefühlen nicht recht schlau werden. Das also war die Witwe König Juans II., Isabel von Portugal.

Das Opfer der Schimpftirade, die immer noch andauerte, war offensichtlich das junge Mädchen, das mit gesenktem Kopf vor ihr auf dem Boden kniete und dessen einfaches Gewand dafür sprach, dass sie niemand von Bedeutung war. Auf dem zweiten Sessel saß ein Geistlicher in einer aufwendig bestickten Robe, die ringgeschmückten Hände vor der Brust gefaltet, den Blick ebenfalls auf das Mädchen gerichtet. Nun allerdings sah er zu den Neuankömmlingen auf. Forsch ging Dominga bis in die Mitte des Saals, wo sie stehen blieb und in einen tiefen Knicks versank. Jimena tat es ihr gleich. Nur die kleine Teresa blieb mit steifem Rücken stehen, den Blick unverwandt auf die Frau mit der Furcht einflößenden Stimme gerichtet. Diese verstummte nun und richtete ihre Aufmerksamkeit mit einem Ausdruck auf die Frau und die beiden Mädchen, der deutlich machte, dass sie keine Ahnung hatte, wer sie waren und was sie hier in ihrem Saal zu suchen hatten.

»Doña Dominga de Lucena mit Tochter Teresa und Jimena de Morón aus Sevilla«, stellte sich die Tante mit klarer Stimme vor, worauf sich nun auch die Augen der Damen auf dem Diwan auf sie richteten.

»Ihre Hoheit war so freundlich, nach uns zu schicken.«

Noch immer sah die Königinwitwe ein wenig verwirrt und abweisend drein. Der Geistliche beugte sich vor und flüsterte ihr etwas zu. Endlich stieg so etwas wie ein Lächeln in ihrer Miene auf und erhellte ein wenig das abgehärmte Gesicht mit dem streng zurückgekämmten Haar, das fast vollständig von einem schwarzen Spitzenschleier verhüllt wurde.

»Ach ja, ich erinnere mich. Tretet näher, Doña Dominga. Euer Ruf ist Euch bis nach Arévalo vorausgeeilt. Der Pater sagt zwar, unser Leben läge allein in der Hand des Allmächtigen, aber es kann nicht schaden, sich eine weise Frau an seinen Hof zu holen, nicht wahr?«

Jimena sah, wie der Kirchenmann den Mund verzog und die Lippen aufeinanderpresste, bis sie kaum mehr zu sehen waren. Er war ganz offensichtlich nicht derselben Meinung und von Domingas Ankunft in Arévalo alles andere als erfreut. Dies entging der Tante ganz sicher nicht, doch sie ignorierte den Pater und folgte stattdessen der Aufforderung der Witwe.

Das Mädchen musterte die Gattin des toten Königs eingehend. Etwas Seltsames ging von ihr aus, das hatte Jimena gleich gespürt, aber sie hätte nicht genau sagen können, was sie störte. Waren es die ein wenig fahrigen Bewegungen oder die so rasch wechselnden Gefühle, die sich in ihrer Miene widerspiegelten und die nicht so recht zu ihren Worten passten? Es war ihr, als müsse sie sich von der Hand ihrer Tante befreien und bis zur Tür zurückweichen, nur um mehr Abstand zwischen sich und diese Frau zu bekommen, in deren Nähe sie nicht sein mochte.

Der Druck um ihre Finger verstärkte sich. Natürlich waren Dominga ihre Gefühle nicht verborgen geblieben. Es gab einfach nichts, das ihrer Tante entging!

Das Opfer der lautstarken Rüge machte sich mit eingezogenem Genick unauffällig davon. Jimena hielt ihren Blick weiterhin auf Isabel von Portugal gerichtet. Tiefe Enttäuschung breitete sich in ihr aus. Und auch Verwirrung. Sie hatte gedacht, dieser Tag würde ein ganz wichtiger in ihrem Leben sein. Dass sie jemanden kennenlernen würde, der ihr Leben und vielleicht das der ganzen Welt um sie herum würde ändern können. Und nun starrte sie diese seltsame Frau auf dem Thronsessel an. Die Königinwitwe war zwar ungewöhnlich und strahlte etwas Bedrohliches aus, doch wichtig war sie nicht, das konnte Jimena spüren.

Nein, du musst nicht an dir und deinen Sinnen zweifeln. Wie so oft vernahm sie die Stimme ihrer Tante in ihrem Geist. Warte ab, Jimena. Lerne Geduld zu haben! Das ist eine Tugend, derer du noch bedarfst.

Geduld! Was konnte daran schon eine Tugend sein? Doch sie hütete sich, der Tante zu widersprechen.

Plötzlich ging eine Veränderung mit der Königinwitwe vor sich. Ihr Blick richtete sich auf Teresa, die mit ihren kindlichen Rundungen und den üppigen kastanienfarbenen Locken in ihrem neuen Gewand ein Bild von süßer Unschuld abgab. Huldvoll sprach sie das Kind an, doch Teresa blieb stumm und starrte die hohe Dame nur aus weit aufgerissenen Augen an.

»Will es mir nicht antworten?«, hakte die Hoheit nach, und nun war wieder dieser scharfe Klang in ihrer Stimme. Dominga legte schützend den Arm um die Schultern ihrer Tochter.

»Verzeiht, Hoheit, doch sie spricht nicht. Noch nicht.«

»Wie alt ist denn das Kind? Es muss bereits um die drei Jahre alt sein«, wunderte sich die Königinwitwe.

Dominga nickte. »Ja, doch sie hat bisher noch kein Wort gesprochen und wird es in den nächsten Jahren auch nicht tun.«

Interesse glomm in den Augen der Frau auf, und sie beugte sich ein wenig nach vorn, um das Kind besser sehen zu können. Ließ etwa die Kraft ihrer Augen bereits nach?

»Spricht sie stattdessen mit den Geistern? Ist sie Euer Medium?«

»Geister?«, brummte der Geistliche und schüttelte missbilligend den Kopf. »Sie wird vom Teufel besessen sein. Man sollte ihr die Dämonen austreiben!«

Dominga erwiderte kriegerisch seinen Blick und schob ihre Tochter schützend hinter sich.

»Ein Exorzismus? Das wird nicht nötig sein, Exzellenz! Meine Tochter ist nicht besessen. Sie ist stumm!«

»Nun denn«, murmelte er und wandte seinen Blick ab. Er schien Jimena fast ein wenig enttäuscht. Vielleicht hätte er gern ein paar Dämonen aus ihrer kleinen Cousine ausgetrieben. Jimena wusste nicht, wie so etwas vor sich ging, doch sie ahnte, dass es nicht angenehm war, und fühlte sich erleichtert, dass ihre Tante dies verhindert hatte.

Auch das Interesse der Hoheit schwand und richtete sich nun auf Jimena.

»Und du, Kind? Kannst wenigstens du sprechen?«

Jimena erinnerte sich daran, was ihre Tante ihr eingeschärft hatte, und knickste erneut. »Aber ja, Hoheit«, antwortete sie, ohne allerdings die Augen niederzuschlagen, was man ihr eigentlich gesagt hatte. Ein wenig trotzig sah sie die Frau an, die sich so seltsam benahm.

»Und wie alt bist du?«, fragte sie weiter.

»Sieben Jahre, Hoheit«, antwortete Jimena brav und schluckte alle frechen Bemerkungen herunter, die ihr in den Sinn kamen. Sie durfte ihre Tante nicht in Verlegenheit bringen, auch wenn sie nur zu gern gesehen hätte, wie die alte Königin reagieren würde.

Lass es sein!

Ich mach es ja gar nicht!

Ich weiß. Du bist ein braves Kind – meistens.

Jimena musste ein Kichern unterdrücken. Ehrlich war ihre Tante wenigstens.

»Sieben Jahre«, wiederholte Isabel von Portugal und ließ den Blick zu dem Diwan wandern. »Das trifft sich gut. Du wirst ab heute meiner Tochter Isabel dienen und sie begleiten.«

Jimena folgte ihrem Blick und erstarrte. Sie hatte das Mädchen bislang nicht beachtet. Es war auf den ersten Blick so unscheinbar. Ihre Haut war blass, die Züge mit den fast farblosen Augenbrauen und der Stupsnase nichtssagend, und auch ihr Haar war dünn und so farblos, wie man es hier in der Gegend selten fand. Kein Blond, das in der Sonne golden erstrahlte, nur eine blasse Farbe wie von Flachs. Und doch erstarrte Jimena und riss ihre dunklen Augen weit auf. Das Mädchen wandte sich ihr zu und erwiderte aus seinen blassblauen Augen den Blick mit einer solchen Kraft, dass Jimena die Luft anhielt.

Da war etwas, das sie fast greifen konnte. Sollte das etwa die Begegnung sein, der sie entgegengezittert hatte?

Ja, dein Gefühl hat dich nicht getäuscht, sprach die Tante in ihrem Geist. Isabel, die große Königin. Sie wird die Welt verändern, aber sprich nicht darüber!

Jimena ging auf das Mädchen zu, unsicher, wie sie sie begrüßen sollte. Ihr Vater war immerhin König gewesen, und sie war eine Infantin, wenn auch keine Kronprinzessin. Jimena knickste auch vor ihr.

»Doña Isabel«, begann sie zögernd und wurde sogleich von einer der Frauen unterbrochen.

»Serenísima InfanteIsabel – durchlauchtigste Infantin Isabel heißt das!«,doch die Tochter der Königinwitwe winkte ab und sah mit freundlichem Blick Jimena an, die ein wenig stotternd fortfuhr:

»Es ist mir eine Ehre, Eure Bekanntschaft zu machen und Euch dienen zu dürfen.«

Das Mädchen aus dem königlichen Geblüt der Trastámara nickte ihr mit einem huldvollen Lächeln zu und reichte ihr feierlich die Hand.

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Doña Jimena de Morón«, sagte sie, so als habe sie den Satz viele Male geübt, doch dann lächelte sie ganz offen und fügte leise hinzu: »Ich freue mich so, dass du da bist. Es ist hier meist nicht sehr lustig, aber das wird sich ändern, wenn wir Freundinnen werden. Das hier ist übrigens Beatriz, meine bisher einzige Freundin im Palast. Ihr Vater, Don Pedro de Bobadilla, ist der Verwalter des Schlosses und der Burg drüben auf der anderen Seite der Stadt. Und das dort ist mein jüngerer Bruder Alfonso, mit dem man rein gar nichts anfangen kann!«

Jimena begrüßte auch den Jungen, der ihr die Zunge rausstreckte, und dann das zweite Mädchen, deren Kleidung man nicht ansah, dass sie nur die Tochter eines Palastverwalters war, was aber eher daran lag, dass Isabel für eine Infantin ungewöhnlich schlicht gekleidet war, das Haar nur nachlässig frisiert. Und sie trug nicht einmal Schmuck.

Während Alfonso wie seine Schwester blass und unscheinbar wirkte, war Beatriz ein hübsches Mädchen mit rundlichem Gesicht, vollen Lippen und üppigem, dunklem Haar.

Jimena spürte die Vorbehalte, die Beatriz empfand, als sie den Gruß erwiderte. Sie musterte die Neue, doch unter die Neugier mischten sich auch Eifersucht und die Furcht, sie könne ihr den Platz an Isabels Seite streitig machen.

»Wir werden uns gut verstehen«, behauptete Jimena in diesem festen Tonfall, von dem sie trotz ihrer jungen Jahre schon wusste, dass er andere Menschen überzeugte.

»Ja, das werden wir«, stimmte ihr Beatriz zögernd zu, befand es dann aber für notwendig zu betonen, dass sie für alle Ewigkeit Isabels beste Freundin sei und ihr niemals von der Seite weichen werde.

Jimena runzelte die Stirn. Irgendetwas blitzte in ihr auf, und ehe sie sich sicher war, was für eine Ahnung sie gestreift hatte, sagte sie: »Nein, das stimmt nicht, du hast Angst und wirst sie verlassen.«

»Du lügst! Wie kannst du so etwas behaupten?«, rief das Mädchen empört.

Zum Glück griff Tante Dominga ein, ehe sie es noch schlimmer machen konnte. Sie dankte für die Ehre, empfangen worden zu sein, verneigte sich noch einmal vor der Königinwitwe und verließ dann den Saal, die beiden Kinder fest an der Hand.

Sie schwieg, bis sie die Kammer erreichten, die man ihnen zugewiesen hatte, und die Tür hinter ihnen geschlossen war.

»Du musst vorsichtiger mit deiner Zunge sein«, sagte sie ruhig, doch Jimena zitterte vor unterdrücktem Schluchzen.

»Es ist aber wahr!«, stieß sie leidenschaftlich aus. »Ich konnte es plötzlich sehen, richtig deutlich sehen!«

Dominga seufzte, kniete sich auf den Boden und zog das Kind in ihre Arme.

»Ich weiß, mein Liebes, ich weiß. Die Gabe entwickelte sich auch bei dir, und deshalb musst du lernen, deine Zunge zu hüten, und dir stets ganz genau überlegen, was du sagst und was du lieber für dich behältst, denn sonst könnte das sehr schlecht für dich enden!«

Jimena wollte widersprechen, doch ein kläglicher Zug schlich sich in ihre Miene.

»Ich weiß es nicht«, sagte sie ein wenig weinerlich. »Das kann ich nicht sehen.«

»Deine eigene Zukunft?«, fragte Dominga, obgleich sie genau wusste, was das Kind ängstigte. »Ja, das ist so. Auch ich kann nicht in mein eigenes Schicksal blicken, und ich sage dir, es ist auch nicht immer angenehm zu spüren, was anderen Menschen widerfährt. Gerade wenn sie einem lieb und teuer sind und man gern alles tun würde, um ein böses Schicksal abzuwenden.«

Jimena riss die Augen auf. »Kann man das denn?«

Nun war Schmerz in Domingas Augen zu lesen. »Ich weiß es nicht, mein Kind, ich weiß es nicht. Auch ich bin nicht allwissend und kann manches Mal nur stumm zusehen, wie das Rad des Schicksals sich weiterdreht, wie es die Menschen mit sich reißt, sie emporhebt oder hinabschleudert und manche gar zermalmt.«

Darüber musste Jimena erst einmal nachdenken. Sie ließ sich von ihrer Tante auskleiden und schlüpfte in ihrem langen Nachthemd zu Teresa in das breite, bequeme Bett, in dem noch genug Platz für Dominga blieb.

»Ich darf also gar nichts sagen? Auch nicht zu Isabel? Nur ein ganz kleiner Hinweis, dass sie sich keine Sorgen machen braucht, weil sie nachher Königin sein wird?«

»Nein! Auf gar keinen Fall! Sie wird es beizeiten erfahren. Alles wird sich fügen, und sie wird eine große Königin sein!«

Jimenas Blick schien sich nach innen zu richten, dann nickte sie. »Ja, das wird sie, doch ich spüre viel Leid, wenn ich an sie denke.«

»Du scheinst verwundert. Warum? Denkst du, das Leben der Könige ist immer nur Freude? Nein, mein Kind. Sie leiden ebenso, wenn auch an anderen Dingen. Sie müssen keinen Hunger erdulden und sich nicht fragen, wo sie am Abend ihr müdes Haupt hinbetten, noch, wie sie ihre Kinder satt bekommen, doch leiden müssen auch sie. Das hat Gott der Herr in dieser Welt wohl so eingerichtet.«

»Warum?«, verlangte Jimena zu wissen.

Dominga überlegte. »Vielleicht, um den Menschen vor zu viel Hochmut zu bewahren? Doch nun schlaf. Es war ein langer Tag.« Sie küsste ihre Nichte auf die Stirn und zog ihr die warme, weiche Decke bis ans Kinn, um die Zugluft abzuhalten, die durch das alte Gemäuer strich.

Jimena schloss die Augen und begann ruhig zu atmen. Dominga wollte sich gerade abwenden, da erhob das Kind noch einmal seine Stimme.

»Wirst du es der Stiefmutter des Königs sagen?«

»Was, mein Kind?«

»Dass ihr Geist sich verwirrt.«

Dominga seufzte tief. »Also hast du auch das bemerkt.« Sie schüttelte den Kopf, als drücke tiefe Sorge sie nieder. »Doch um deine Frage zu beantworten: nein! Natürlich nicht. Was glaubst du wohl, was passieren würde, wenn ich dem Hof verkünde, Isabel von Portugal sei dabei, den Verstand zu verlieren und in geistige Umnachtung zu versinken?«

Jimena setzte sich noch einmal auf und kaute nachdenklich auf ihrer Lippe, so als erwarte Dominga eine richtige Antwort auf diese Frage.

»Vielleicht würden sie uns wieder fortschicken«, sagte sie schließlich. »Wenn die Königin den Verstand verliert, dann braucht sie dich vielleicht nicht mehr. Oder kannst du sie heilen?«

Dominga schüttelte den Kopf. »Nein, das liegt leider nicht in meiner Macht. Ich werde ihre trüben Tage voller Traurigkeit und Tränen ein wenig aufhellen können, doch heilen kann ich sie nicht.«

»Das wird Isabel nicht gefallen«, überlegte Jimena. »Dann sollte ich ihr wohl auch davon nichts erzählen?«

»So ist es, mein Kind, und nun schlaf!«, wiederholte Dominga und blies die Kerze auf der Kleidertruhe aus.

Beatriz’ Befürchtungen sollten sich als unbegründet erweisen. Die drei Mädchen verstanden sich bereits nach den ersten Tagen prächtig. Zuerst zeigten Isabel und Beatriz der neuen Gefährtin jeden Winkel des alten Palasts bis in die Kellergewölbe hinunter, die verwinkelt, feucht und dunkel waren – ein idealer Ort, um Verstecken zu spielen. Bei schönem Wetter gingen die Mädchen in den kleinen Garten hinauf, doch zu Jimenas Überraschung hatte auch keiner im Palast etwas dagegen einzuwenden, wenn die Mädchen durch die Stadt streiften. Man schickte ihnen zwar meist eine Magd mit, die ein wenig gelangweilt, doch immerhin mit so viel Abstand hinter ihnen hertrottete, dass sie sich ungestört unterhalten konnten, und die den Kindern keine Vorschriften machte. Meist war auch die kleine stumme Teresa in ihrem Kielwasser zu finden, da die Königinwitwe kaum mehr von Dominga lassen wollte und sie täglich stundenlang in ihren Gemächern beanspruchte. Jimena hatte nur eine vage Vorstellung von dem, was sie von ihr verlangte, denn die Talente ihrer Tante waren vielfältig. Sie verstand sich auf heilende Kräuter und deren Zubereitung in allerlei Tinkturen, Tropfen und Pasten, sie kannte sich mit den Sternen aus und mit dem Aderlass, und sie verfügte über die ganz speziellen Kräfte, die man nur noch bei wenigen Menschen – vor allem Frauen – fand. Immer wieder musste sie der Königin die Karten legen und ihr irgendetwas erzählen, was sie zu hören wünschte. Dass man aus diesen kleinen, bunten Bildkarten etwas Sinnvolles herauslesen konnte, bezweifelte Jimena, doch wenn Isabel von Portugal es so wollte?

So blieb es meist Jimena überlassen, sich um die kleine Teresa zu kümmern, was aber weder sie noch die anderen beiden Mädchen störte. Da das Kind stumm war, plapperte es nicht dazwischen und belästigte sie nicht mit Fragen oder eigenen Wünschen. Sie war auch sonst keine Belastung, da sie nicht weglief, sondern meist in der Nähe saß, den Blick unverwandt auf die älteren Mädchen gerichtet, die Augen weit aufgerissen. Es war, als könne sie jedes Wort verstehen und würde sich jeden Satz für alle Ewigkeit merken. Es war fast ein wenig unheimlich. Doch meist vergaßen die Mädchen fast, dass sie überhaupt mit dabei war. Isabels Bruder Alfonso dagegen ließ sich nur selten bei den Mädchen blicken. Meist sahen sie ihn nur am Abend, wenn sich alle unter dem strengen Blick der Königinwitwe in der Halle trafen. Was er den Tag über so trieb, wusste Jimena nicht, und es interessierte sie auch nicht besonders. Er hatte einen eigenen Lehrer, einen Dominikanermönch, der ihn unterrichtete, und wohl auch eigene Spielkameraden.

Arévalo war keine große Stadt, sodass man nicht fürchten musste, die Mädchen könnten verloren gehen. Die von hohen Mauern umgebene Stadt hatte die Form eines Dreiecks, auf dessen ein wenig emporgereckter Spitze die Mauern des Castillo aufstiegen. Zu ihren Füßen flossen die beiden Flüsse Adaja und Arevalillo zusammen und boten der Stadt mit ihren steilen Uferböschungen einen natürlichen Schutz. Die Ostseite der Stadt, wo sich am Plaza del Real der Palast erhob, war dagegen mit einer doppelten Mauer aus Millionen durch Mörtel fest miteinander verbundenen Ziegelsteinen und einem Graben geschützt. Auch die meisten Häuser und Kirchen waren aus Ziegeln gebaut, da es hier auf der Hochebene zwischen dem Gebirgszug der Cordillera Central und dem Tal des Duero an Steinen mangelte, die als Baumaterial geeignet gewesen wären.

Fünf Tore, die nachts stets sorgfältig verschlossen und zu jeder Stunde bewacht wurden, führten in und aus der Stadt, um das Leben der Christen, Juden und Mauren, die hier zusammenlebten, zu bewachen. Natürlich stellten die Christen den Hauptteil der Bevölkerung, und sie nahmen auch die meisten wichtigen Posten der Stadt ein, doch Arévalo nannte nach Ávila die größte Judería ihr Eigen, was nicht zum Nachteil der Stadt schien, sondern ihren Wohlstand mehrte. Außerdem traf man, wie überall, auf die langen Gewänder und leuchtenden Turbane der Mauren, die sich meist als gefragte Baumeister, Künstler und Meister allerlei Handwerks beliebt machten. Natürlich gab es auch Differenzen und manche unschöne Szene des Neids, doch meist war das Stadtleben von Geschäftigkeit geprägt, die in Harmonie besser gedieh als im Streit, das wussten die Händler und Handwerker aller drei Religionen sehr wohl.

Jimena liebte es, durch die Stadt zu streifen und in das bunte Leben der Gassen einzutauchen. Ab und zu besuchten sie auch Beatriz’ Vater in der Burg, scherzten mit den Wachmännern auf dem Turm oder in den Wehrgängen oder ließen sich in der Küche mit Süßigkeiten verwöhnen. Wenn die Nacht hereinbrach, ließ der Burgvogt die Kinder von einem seiner Männer zum Palast zurückbringen, wo sie sich der Tradition gemäß im Saal einzufinden hatten, wenn das Nachtmahl serviert wurde, und man sich danach unterhielt oder einem Spielmann lauschte, bis es Zeit wurde, ins Bett zu gehen. Manches Mal zeigten auch Gaukler oder andere fahrende Leute ihre Kunststücke. Sie schluckten Feuer, tanzten mit Schwertern oder hatten Tiere bei sich, die die Mädchen entzückten oder schaudern ließen. Am liebsten jedoch mochten die Mädchen den Mauren Ibn al-Mansûk, der allein schon mit seinen dichten weißen Augenbrauen, dem langen, weißen Bart und den durchdringenden dunklen Augen, mit denen er unter seinem Turban hervorblickte, eine eindrucksvolle Persönlichkeit darstellte. Und dann erst seine Geschichten!

»Bitte, erzählt uns vom großen Cid«, baten die Mädchen beispielsweise, wenn sie wieder eine seiner Heldengeschichten hören wollten.

»Aber bleibt bei der Wahrheit«, mahnte die alte Königin mit strengem Blick.

»Ich erzähle stets die Wahrheit«, gab der maurische Geschichtenerzähler zurück. »Nur dass nicht jeder die gleiche Wahrheit liebt. Welche wollt Ihr heute hören? Die, in der Rodrigo Díaz de Vivar als christlicher Held für seinen König Sancho streitet? In der sich der Ritter dem unerbittlich vorrückenden Yûsuf ibn Tâshufîn entgegenstellt? Oder die, in der as-Sayyid, wie wir ihn nennen, heldenhaft für den maurischen Fürsten al-Mu’tamin von Saragossa kämpft? Oh ja, er hat eine herausragende Söldnertruppe aufgestellt und seinen christlichen Widersachern einiges an Kopfzerbrechen beschert.«

Isabel von Portugal war empört, doch der Geschichtenerzähler kicherte nur und wandte sich wieder an die Mädchen, die mit weit aufgerissenen Augen an seinen Lippen hingen.

»Der große Cid heiratete übrigens ein Mädchen deines Namens. Jimena Díaz, die Tochter des Grafen von Oviendo.«

»Erzählt uns von ihr!«, rief Beatriz und klatschte in die Hände. »War sie ein schönes Mädchen? Hat sie sich in den Cid verliebt?«

Und von da an verließ die Erzählung die politischen Klippen, die zu Unmut auf der einen oder anderen Seite hätten führen können, und wandte sich der hohen Kunst der Minne zu, bei der es weniger um die Wahrheit und mehr um den Eindruck ging, den die Geschichte bei seinen gebannt lauschenden Zuhörerinnen zurückließ.

So verliefen sechs Jahre in Jimenas Leben in Ruhe und in Eintracht mit ihren Freundinnen Beatriz und Isabel, bis eines Tages ein Bote vom Hof König Enriques IV. aus Segovia eintraf und den Frieden der Kinder störte.

Kapitel 3

Segovia, 1464

Es war einer der milden Frühlingsabende in der Weite der Tierra de Campos, doch wie immer war es in dem alten Palast in Arévalo kühl und feucht, sodass jeder für ein Feuer im Kamin dankbar war. Das Mahl war bereits vorüber, und die Mädchen zogen sich auf den Diwan zurück, wo sie sich leise unterhielten und sich unter der Anleitung einer der Damen an ihren Stickmustern versuchten. Während sich Isabel und Beatriz redlich bemühten, die feinen Stiche gleichmäßig aneinanderzusetzen, war Jimena nicht bei der Sache. Ihr Blick glitt immer wieder zur Tür, und ihre Gedanken eilten hinaus in die anbrechende Nacht.

»Was ist mit dir?«, erkundigte sich Isabel, der die Unruhe der Freundin nicht verborgen blieb.

Jimena seufzte tief. »Ich habe diese Stunden hier auf dem Diwan immer geliebt.«