Das Katalogbräut Chaos - Cynthia Woolf - E-Book
Beschreibung

Drew muss seine Geliebte davor schützen, das nächste Opfer eines Serienmörders zu werden.

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Das Katalogbraut Chaos

Bräute von Seattle

Buch 2

Cynthia Woolf

DAS KATALOGBRAUT CHAOS

Copyright © 2019 Cynthia Woolf

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-1-947075-90-0

INHALTSVERZEICHNIS

DAS KATALOGBRAUT CHAOS

Copyright

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Epilog

Über Die Autorin

KAPITEL 1

4. November 1864

Lucy Davison hörte ihrer besten Freundin Rachel Sawyer zu, die ihr die Werbeanzeige zum zweiten Mal vorlas.

Bräute gesucht. Frauen, die bereit sind, nach Seattle im Gebiet Washingtons zu reisen, werden Ehemänner deren Wahl zugesichert. Seattle ist eine Holzfällerstadt mit mehr als vierhundertfünfzig Männern, die nach Ehefrauen suchen. Wir sind auf der Suche nach einhundert abenteuerlustigen Frauen, die auf die Reise ihres Lebens gehen möchten. Kontaktieren Sie Jason Talbot bei Mrs. Suzanne Pruitt, 2410 Harbor Way in New Bedford, Massachusetts.

„Bräute. Ehefrauen, Lucy. Was denkst du?“

Lucy schnippte mit den Fingern. „Ich würde sagen, wir lassen uns dort einschreiben. Offensichtlich finden wir hier keine Ehemänner. Außer, wenn du natürlich den alten Mr. Keiper heiraten willst. Er sucht ja immer nach einer neuen Frau.“ Lucy fuhr vor Ekel ein kalter Schauer über den Rücken.

Rachel beugte sich auf ihrem Stuhl nach vorn und stützte sich mit ihren Ellbogen auf den Tisch. „Da stimme ich dir zu. Was wartet hier auf uns? All die jungen Männer - zumindest die, die es sich lohnen würde, zu heiraten - haben sich den Truppen angeschlossen, um im Sezessionskrieg der Staaten zu kämpfen. Wer weiß, wie viele von ihnen und in welcher Verfassung sie zurückkommen werden, wenn der Krieg endlich zu Ende ist. Viele von ihnen werden vielleicht aus irgendwelchen Gründen gar nicht heiraten wollen. Diese Gelegenheit ist unsere Chance, unsere eigenen Familien zu haben.“ Sie legte einen Arm über die Stuhllehne.

Lucy grinste ihre Freundin an. Sie wusste ganz genau, was Rachel da tat - sie davon zu überzeugen, sich auch einschreiben zu lassen - und das war in Ordnung. Lucy brauchte mehr als oft einen kleinen Anstoß und Rachel wusste, wann Lucy den brauchte und wann nicht.

„Die Chance lasse ich mir nicht entgehen. Ich habe nichts zu verlieren und es kann nur bergauf gehen. Komm mit mir mit, Rach. Lass uns gleich los.“

„Jetzt?“

„Ja, die Adresse liegt in New Bedford.“

„Wenn ich mich nicht irre, liegt es am anderen Ende der Stadt und es ist schon zu spät, um heute noch zu gehen.“

„Natürlich. Ich werde morgen früh gleich zu dir kommen und dann können wir uns die Kosten für ein Hansom-Taxi teilen.“ Lucy hätte bemerken sollen, dass es zu spät war, um rauszugehen. Sie wusste, dass Rachel seit dem Vorfall nicht gerne nachts aus dem Haus ging, als sie fast von ihrem ehemaligen Arbeitgeber vergewaltigt wurde. Danach hat Rachel angefangen in der Kleiderfabrik zu arbeiten, wo sie Lucy kennenlernte. Bald darauf wurden sie beste Freunde.

„Das ist nicht nötig. Ich würde mir doch sowieso eins nehmen, ob du nun mitkommst, oder nicht.“

Lucy legte ihren Kopf auf die Seite und runzelte die Stirn. „Ich weiß, aber das ist kein Grund dafür, dass wir uns die Kosten nicht teilen könnten. Es ist teuer und bei unserer wöchentlichen Bezahlung ist es ein Luxus, den wir uns kaum leisten können. Also lass mich einen Teil der Kosten übernehmen.“

„Nun gut. Dann sehen wir uns morgen früh.“

*****

Am nächsten Morgen kam Lucy um fünf vor neun zur Pension, in der Rachel wohnte.

„Ich bin so weit. Wollen wir los?“

Lucy nahm Rachel am Arm und umarmte sie.

Der Taxifahrer hielt ihnen die Tür offen und half ihnen in das Fahrzeug. „Ladies, wohin darf ich Sie bringen?“

„2410 Harbor Way, bitte.”, sagte Lucy.

„Ja, Miss. Sofort.“

„Hoffen wir mal, dass wir früh genug da sind, damit wir auch sicher unter den Hundert sind.“

Lucy öffnete die Vorhänge, um Licht hineinzulassen. Sie mochte die dunkle Ausstattung des Taxis nicht. „Die Anzeige ist erst vor ein paar Tagen veröffentlicht worden, aber so, wie die Lage hier momentan ist, denke ich, dass sie keine Probleme damit haben werden, genug Frauen zu finden, die sich einschreiben lassen.“

„Ich weiß nicht, Lucy. Es gibt eine Menge Frauen, die ihre Familien nicht verlassen wollen.“

Lucy zuckte mit den Schultern. „Das Problem habe ich nicht, seitdem meine Mutter letztes Jahr abgehauen ist und ich kann es kaum erwarten, nicht mehr bei meinem Vater zu wohnen.“

Rachel nickte. „Ich habe auch kein Problem, meine Familie zu verlassen. Alle meine Geschwister sind verheiratet und meine Eltern sind immer noch auf dem Bauernhof, aber dahin werde ich nie mehr zurückgehen.“

Auf der Fahrt zum Haus der Mrs. Pruitt konnte Lucy kaum stillsitzen.

„Denkst du, dass unsere Ehemänner gut aussehen werden?“

„Ich weiß es nicht. Ich gehe mal davon aus, dass wir uns unsere Ehemänner aussuchen können. Ich möchte mich nicht einschreiben lassen, um dann die Ehefrau eines zufälligen Mannes zu werden. Ich möchte mich entscheiden können.“

„Ich mich auch.“ Lucy streckte ihren Arm aus und legte ihre Hand auf Rachels Knie. „Was, wenn wir den ganzen Weg hinter uns zurücklegen, dorthin reisen und dann keiner der Männer zu uns passt?“

Rachel klopfte leicht auf Lucys Hand. „So darfst du nicht denken. Du musst positiv denken. Wir werden unsere Traummänner finden, wir müssen nur daran glauben, dass wir das werden.“

Zehn Minuten später standen sie vor dem Haus von Suzanne Pruitt.

Rachel schluckte schwer. „Bist du bereit?“

Lucy nickte. „Ich habe Angst, aber ich bin bereit.“

Sie strichen die Falten aus ihren Röcken und gingen dann zur Eingangstür, an der Rachel kräftig klopfte.

Eine ältere Frau mit grauem Haar und einem weißen Tuch auf dem Kopf öffnete die Tür.

„Kann ich Ihnen helfen, junge Damen?“

„Ja, wir sind hier wegen… ähm…“ Lucy merkte, dass sie zu nervös war, um zu sprechen.

„Sie sind wegen der Anzeige hier, nicht wahr?“

„Ja, Ma'am, das sind wir.“ Rachel fingerte an dem Band ihres Täschchens in ihrer Hand herum, aber zumindest schaffte sie es zu äußern, was sie eigentlich wollten.

„Folgt mir, Damen.“

Sie führte sie ins Wohnzimmer. Ein halbes Dutzend Frauen waren dort bereits versammelt.

„Sind Sie alle wegen der Anzeige hier?“, fragte Rachel die Frau neben ihr.

Lucy fragte sich, wieso nicht mehr Frauen dort waren. Vielleicht, weil es so früh war und sie erst später kommen würden. Sie wusste, dass Rachel, die sich selbst für eine Detektivin hielt, sich alles, was sie nur konnte, über die Frauen im Raum einprägen würde.

„Ja. Und was ist mit Ihnen?“, fragte die Frau mit dem dunkelroten Haar.

„Auch. Wir haben die Anzeige gestern entdeckt. Ich bin Rachel Sawyer und das ist meine Freundin Lucy Davison.“

„Hallo. Freut mich, Sie kennenzulernen.“, sagte Lucy und nickte leicht.

„Ich bin Nicole Wescott und wir haben die Anzeige auch gesehen.“ Sie drehte sich zu den anderen Frauen im Raum. „Die, mit den schwarzen Haaren ist Karen Martell, im blauen Kleid ist Bethany Van Ness, das pinke Kleid trägt Charlene Belcher, Bertha Corrigan ist die blonde Frau und die Dame im grünen Kleid ist Nancy Picozzi.“

„Freut uns, Sie alle kennenzulernen, Ladies.“, sagten Rachel und Lucy gleichzeitig. Sie wandten sich einander zu und lachten.

„Ich bin ein wenig nervös.“, gab Rachel zu.

Lucy mochte das Zimmer sehr, in dem sie waren. Überall an den Wänden standen prall gefüllte Bücherregale. Das Fenster, das gegenüber von der Tür lag, ließ reichlich Licht zum Lesen in den Raum fallen, sah bezaubernd aus und war dazu noch praktisch.

„Das sind wir alle.“, sagte Nicole. „Aber wir hoffen alle, dass die Liste noch nicht voll ist und sie uns alle nehmen werden.“

Eine weitere Frau wurde in den Raum geschoben. Sie war hübsch, hatte dunkelbraunes Haar und trug ein blaues Musselin-Kleid.

„Hallo, ich bin Glynnis Harte.“

„Guten Morgen, die Damen.“, sagte eine hochschwangere, blonde Frau. „Ich bin Suzanne Pruitt und ihr seid bestimmt alle hier, um sich für die Reise nach Seattle mit meinen Brüdern einzuschreiben. Sie sind noch nicht hier und sie werden auch erst ungefähr in einer Woche kommen, aber wir bringen den Stein bereits ins Rollen, indem wir die Damen jetzt schon einschreiben.“

„Werden sie uns alle mitnehmen können?“, fragte Lucy.

„Oh ja. Meine Brüder hoffen, dass sie einhundert Frauen zusammenbekommen und Sie alle sind die ersten, die sich eintragen lassen.“

Lucy sah zu Rachel. „Sieht aus, als würden wir definitiv nach Seattle fahren.“ Sie nahm die Hand ihrer Freundin und drückte sie. „Ich kann es kaum abwarten, meinen zukünftigen Ehemann zu treffen.“

„Meine Damen, ich habe ein Blatt Papier, auf das Sie bitte Ihren Namen und Ihre Adresse schreiben. Ich habe die presbyterianische Kirche am Dienstag, den 15. für uns reserviert. Ich bitte Sie, um neun Uhr morgens dort hinzukommen. Dort wird Ihnen alles genauer und ausführlicher erklärt und Sie können dann ihre Fragen stellen.“

„Können Sie uns nicht ein wenig mehr Details geben, Mrs. Pruitt?“, fragte Lucy. „Ich bin ein wenig besorgt, wenn ich mich für etwas einschreibe, über das wir so wenig wissen.“

„Ich weiß auch nicht viel mehr als das, was in der Anzeige steht. Meine Brüder betreiben ein Holzfällereiunternehmen in Seattle im Gebiet Washingtons. Ihre Holzfäller haben gedroht zu gehen und wo anders Arbeit zu suchen, weil es dort keine Frauen für sie zum Heiraten gibt. Also hat Jason, mein ältester Bruder, diesen Plan auf die Beine gestellt. Er möchte einhundert Frauen als Bräute für seine Männer mit dorthin bringen.“

„Was, wenn wir keine Ehemänner finden?“, fragte eine hübsche, ältere Frau mit grauen Strähnen in ihrem braunen Haar.

„Keine von Ihnen wird verpflichtet sein zu heiraten. Wenn niemand dabei ist, der Ihnen zusagt, können Sie entweder dortbleiben und ansässig werden oder hierher zurückkehren. Für Ihre Rückfahrt wird natürlich gesorgt.“

„Nun, das beruhigt mich zumindest ein wenig.“, flüsterte Lucy zu Rachel.

*****

15. November 1864

New Bedford, Massachusetts

Endlich wurde es Dienstag und Lucy und Rachel trafen sich an der presbyterianischen Kirche. Sie kamen um viertel vor zehn und schätzungsweise fünfzig Frauen waren bereits in der Kirche, die in einer Schlange standen und warteten. Lucy war wirklich froh, dass sie und Rachel sich bereits einschreiben lassen hatten. Das Gebäude war ziemlich groß. Das Gotteshaus hatte fünfzehn Reihen mit jeweils zwei Kirchenbänken und damit genug Platz für einhundert bis zweihundert Menschen.

Sie versammelten sich im Gemeinschaftsraum, wo normalerweise immer Kaffee und Gebäck für die sonntägliche Kirchengemeinschaft nach der Predigt serviert wurden. Dort standen eine Menge Stühle, sie schätzte mindestens einhundert Stück, die alle in eine Richtung des Raumes zeigten. Sie und Rachel gingen nach vorne und wollten sich gerade in die erste Reihe setzen, als Lucy aufsah und ihr Blick sich mit dem des attraktivsten Mannes, den sie jemals gesehen hatte, traf. Er hatte braunes Haar, aber helle Augen – blau, oder vielleicht grün. Auch, wenn sie nur fünf Meter auseinander standen, war er zu weit weg, sodass sie es nicht genau erkennen konnte.

Erst lief sie, aber bevor sie es wusste, krachte sie in einen Stuhl, fiel zu Boden, lag auf ihrem Rücken und blickte hinauf in die tollsten grünen Augen überhaupt.

„Lucy!“, rief Rachel.

„Geht es Ihnen gut, Miss?“

Die tiefe Klangfarbe seiner Stimme bereitete ihr Gänsehaut und sie blinzelte mehrere Male, bevor sie zur Besinnung kam.

Ihre Wangen wurden knallrot vor Scham. „Ich… ich… ja. Ja, mir geht es gut, ich habe nur nicht darauf geachtet, wohin ich laufe.“ Ich kann es nicht fassen, dass ich das gerade getan habe. Was ist nur falsch mit mir? Ich bin eine gelernte Tänzerin… oder zumindest war ich das vor ein paar Jahren und so etwas ist mir noch nie passiert.

Er streckte ihr seine Hand entgegen. „Hier, lassen Sie mich Ihnen helfen.“

Sie nahm seine entgegengestreckte Hand und spürte ein elektrisches Knistern durch seine Berührung durch ihren Körper fahren. „Huch!“ Sie bemerkte, wie seine Augen zur selben Zeit groß wurden. Hat er das Gleiche gespürt?

Als sie dann stand, hielt der Mann immer noch ihre Hand, so als ob er sie nicht loslassen und ihre Verbindung nicht trennen wollte. Jedenfalls wollte sie das definitiv nicht.

„Ich bin Drew Talbot.“

„Lu… Lucy Davison.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Davison.“

„Mich auch, Mr. Talbot.“ Talbot. In der Anzeige stand Jason Talbot. Drew muss wohl sein Bruder sein, was heißt, dass er uns auf der Reise nach Seattle begleiten wird.

„Sind Sie wegen der Anzeige hier, oder nur, um jemanden zu begleiten?“

„Nein. Ich bin hier, weil ich mich auf die Anzeige in der Zeitung gemeldet habe.“

„Gut. Sehr gut.“

Die Damen sahen in ihre Richtung und tuschelten. Dann bemerkte sie plötzlich, dass sie und Drew immer noch Hände hielten und zog ihre zurück.

Er ließ sie los.

Ihre Verbindung, oder was auch immer es gewesen war, war nun verschwunden und sie fühlte sich sogleich beraubt.

Drew räusperte sich, stellte den umgefallenen Stuhl wieder auf und hielt ihn für sie, während sie sich hinsetzte.

„Vielen Dank.“ Sie flüsterte die Worte, so als ob sie Angst hatte, den Zauber noch weiter zu brechen.

„Gern geschehen.“

Rachel hakte sich in Lucys Arm ein. „Bist du dir sicher, dass du dir nicht wehgetan hast?“

„Ich glaube, ich habe mir meinen Knöchel angestoßen, aber nur ganz leicht. Es tut nicht sehr weh.“

„Oh Luce.“ Rachel lehnte sich an Lucys Seite.

Lucy beobachtete, wie Drew zurück nach vorn zu seinen Brüdern zurückging. Sie waren alle unglaublich gutaussehend. Bis auf ihre Haarfarben sahen sie sich alle sehr ähnlich, aber ganz und gar nicht wie Suzanne.

Diese Männer hatten markante Gesichtszüge, wie sie es nannte. Starker Kiefer und Kinn. Hohe Wangenknochen.

Dank seinen breiten Schultern, die aussahen, als könnten sie jederzeit aus seinem karierten Hemd platzen und seinen unwahrscheinlich langen Beinen in der braunen Wollhose war Lucy der Ohnmacht nahe. Er hatte seine Ärmel zu seinen Ellbogen zurückgekrempelt, was seine starken, muskulösen Arme zum Vorschein brachte - aber sie konnten auch sanft sein, wie sie gerade erfahren hatte.

Sein braunes Haar, das fast so dunkel wie Lucys eigene schwarzbraunen Locken war, war zu einem kurzen Zopf zusammengebunden, der von einem Lederriemen zusammengehalten wurde. Seine grünen Augen - hellgrün, nicht dunkelgrün wie ihre - bezauberten sie noch immer, so, als ob er sie immer noch ansehen würde.

Sie sah hinauf zu ihm, als er vorne in dem Raum neben seinen Brüdern stand und bemerkte, dass er sie ansah. Obwohl sie wusste, dass sie hätte wegsehen sollen und dass es frech von ihr war, seinen Blick zu erwidern, tat sie es trotzdem. Sie würde nicht die erste sein, die wegsah und es schien so, dass er sich dasselbe dachte - aber sein Bruder verlangte nach seiner Aufmerksamkeit und schnippte mit seinen Fingern vor seinem Gesicht.

Drew blinzelte, sah dann wieder zu ihr und winkte ihr zu, bevor er sich seinem Bruder zuwandte.

Lucy sah nach unten und lächelte. Er scheint mich bemerkt zu haben und es scheint so, als würde ich ihm gefallen.

„Meine Damen, es gibt einhundert von Ihnen und der Platz ist begrenzt.“, sagte Jason Talbot. „Jede von Ihnen kann eine kleine Gepäckkiste und einen Handkoffer mitnehmen. Das Handgepäck werden Sie bei sich behalten, da Sie während der Reise keinen Zugang zu ihrer Kiste haben werden. Bitte denken Sie daran, wenn Sie packen. Wir werden nicht genug Platz für Reifröcke haben. Bitte versuchen Sie nicht, diese mitzunehmen.“

„Mr. Talbot.“, sagte eine kleine, dunkelhaarige Frau. „Wo werden wir alle untergebracht sein, während wir die Gentlemen kennenlernen? Ich gehe davon aus, dass wir uns unsere Ehemänner aussuchen werden können.“

Jason antwortete der Frau: „In Seattle gibt es vier große Schlafunterkünfte, in denen Sie wohnen werden. Darin wird jede von Ihnen ein Bett, einen sehr kleinen Kleiderschrank, ungefähr fünfzig Zentimeter breit, und Haken haben, um die Kleidung aufzuhängen. Auf der einen Seite des Bettes wird ein sehr kleiner Nachttisch stehen, der groß genug für eine Lampe und ein Buch ist. Es wird nicht so wie in einem Hotel sein, wo Sie alle ein eigenes Zimmer haben. Nur die Unterkunftsleitung wird ihr eigenes Zimmer haben. Sie wird die Person sein, die dafür verantwortlich ist, sich um das Gebäude und alle zu kümmern und wird die erste Person sein, die kontaktiert wird, falls jemand von den Kaufleuten oder jemand anderes etwas brauchen sollte. Sie sollten auch eine Sprecherin für die ganze Gruppe wählen. Eine Person, die sich auf der Reise nach Seattle mit uns auseinandersetzen wird.“

„Wie ist das mit der Auswahl der Ehemänner? Wurden wir den Männern bereits zugeteilt?“, fragte Nicole Wescott.

Jason kicherte. „Um ehrlich zu sein hatten die Männer dieselben Fragen… so ungefähr. Sie haben gedacht, dass Sie sie heiraten müssten, weil sie das Geld dafür aufgebracht haben, Sie alle dorthin zu bringen. Es wurde ihnen klar und deutlich erklärt, dass das nicht der Fall sein wird. Jede von Ihnen wird das letzte Wort haben, wen Sie heiraten möchten. Das heißt nicht, dass es nicht mehrere Männer geben wird, die versuchen werden, Sie kennenzulernen, aber Sie werden die Wahl haben. Wenn bis Ende des Jahres welche von Ihnen nicht geheiratet haben und wieder gehen wollen, werden wir uns um eine Fahrt nach New Bedford oder San Francisco kümmern, wie es Ihnen lieber ist.“

*****

Lucy liebte das Meer. New Bedford war eine Hafenstadt und lag direkt am Wasser, jedoch war sie noch nie auf einem Boot gewesen oder hatte das Meer so gesehen. Sie war auf dem Schiff und die unendliche Weite des Ozeans begeisterte sie. Es vergingen Tage, sogar Wochen, in denen sie kein Land sahen und trotzdem vermisste sie es nicht.

Nach ein paar Fehltritten bemerkte sie, dass ihr Tanzunterricht ihr die Sicherheit und den Stolz einer Gazelle gab, als sie auf dem rutschigen Deck des Schiffes lief. Sie lief auf den Eingang zu den Treppen nach unten zu, als sie ihn durch die neblige Luft sah. Wie er sie beobachtete. Plötzlich rutschte ihr Fuß weg, sie landete schmerzhaft auf ihrem Hinterteil und rutschte weiter auf den Eingang zu, ohne, dass sie anhalten konnte.

Bevor sie es wusste, rutschte sie gegen Beine, die niemand anderem als Drew Talbot gehörten.

„Langsam, Miss Davison.“

Er griff nach unten, nahm ihre Hand, zog sie auf ihre Beine und an seinen harten Körper.

„Sie sollten besser aufpassen, Sie könnten sich verletzen.“

Lucy schluckte schwer. „Normalerweise bin ich ziemlich trittsicher, das versichere ich Ihnen. Ich… ich weiß nicht, wie das gerade passiert ist.“

Drew kicherte. „Trittsicher? Soweit ich weiß, habe ich Ihnen letzten Monat, als wir uns das erste Mal getroffen haben, aufgeholfen, nachdem Sie über einen Stuhl gefallen waren.“

Lucy spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Sie hatte gehofft, dass er diesen Zwischenfall vergessen hatte. „Eine Ausnahme, mehr nicht.“

„Jedes Mal, wenn wir uns begegnen, scheint Ihnen diese Ausnahme zu widerfahren.“

Ihr Herz klopfte wie wild in ihrer Brust. Er hatte sie noch immer nicht losgelassen und sie fragte sich, ob er das Pochen durch ihre Brust spüren konnte, die an seine gedrückt war.

Sie trat zurück, vermisste bereits die Verbindung mit seinem Körper und schüttelte ihren Rock aus. „Ja, das scheint wirklich der Fall zu sein, nicht wahr? Oh nun, wenn Sie mich bitte entschuldigen, ich muss mein Kleid wechseln. Dieses hier scheint nass geworden zu sein.“

Er hob eine Augenbraue. „Brauchen Sie dabei Hilfe?“

Lucy blieb stehen, ihre Augen wurden groß und ihr Herz fing erneut an wie wild zu schlagen. „Sie sind unmöglich, Mr. Talbot.“

Er hob eine Augenbraue und grinste. „Das bin ich, Miss Davison. Das bin ich. Wenn Sie mich nun entschuldigen, ich muss ebenfalls los.“

Sie nickte und lief mit erhobenem Haupt vorsichtig zum Eingang zu den Treppen, die in das Innere des Schiffes führten und ging dann zu der Kajüte, die sie sich mit Rachel, Karen Martell und Karens zwei Kindern teilte.

Alle Kajüten auf dem Schiff waren für drei bis vier Personen ausgelegt. In ihrem Fall schliefen die beiden Kinder zusammen in einem Bett. Die Schlafkojen waren ungefähr sechzig Zentimeter breit und anderthalb Meter lang. Nur wenige der Bräute konnten sich darin ausstrecken. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Talbot-Brüder sich darin zurechtfinden sollten, bis sie eines Morgens früher aufwachte und nicht mehr einschlafen konnte. Also ging sie hinauf aufs Deck, um den Sonnenaufgang zu beobachten und sah die Talbots, wie sie alle ausgestreckt auf dem Deck schliefen.

Lucy beobachtete Drew. Er war so attraktiv, wie er einfach dort lag, entspannt und zufrieden. Wie lange sie dort stand, eine Minute oder vielleicht auch zehn, bevor sie auf Zehenspitzen zur Reling auf der anderen Seite des Schiffs schlich, wusste sie nicht.

Sie stand dort eine halbe Stunde lang, als er von hinten auf sie zukam.

„Schön, nicht wahr?“ Seine weiche Stimme fuhr durch sie durch und beruhigte sie tief in ihrer Seele.

Nicht wirklich überrascht, sondern stattdessen erfreut, dass er sie aufgesucht hatte, nickte Lucy, aber drehte sich nicht um. „Ja, das stimmt. Ich liebe das Meer. Ich wusste bis zu dieser Reise gar nicht wie sehr.“

Er legte seine Hand neben ihre auf die Reling. „Seattle wird Ihnen gefallen. Die Stadt liegt direkt am Puget Sound.“

Sie liebte die Zeit mit ihm alleine, in der sie diesen intimen Moment teilten und wollte nicht, dass sie endete. „Was ist das? Eine Bucht?“

„Eine Meeresenge ist größer als eine Einbuchtung und auch tiefer. Es ist, als wäre man direkt am Meer.“

Lucy wollte sagen, dass es ihr überall gefallen würde, solange er bei ihr wäre, aber sie biss sich auf die Zunge.

„Da bin ich mir sicher. Wie lange dauert es noch, bis wir in Seattle sind?“

„Nicht mehr lange. Ich würde sagen maximal noch ein paar Tage. Das Segeln ab San Francisco ist wegen dem Wind und den Strömungen schwierig. Beide kommen von Norden und dagegen anzusegeln ist mühsam. Wir müssen erst eine lange Strecke nach Westen zurücklegen und dann können wir zurück nach Osten fahren. Den westlichen Weg haben wir bereits hinter uns, jetzt segeln wir wieder nach Osten.“

Sie beugte sich nach vorne und lehnte sich mit verschränkten Armen auf die Reling. „Ich wusste gar nicht, dass es so schwierig ist. Kein Wunder, dass die Reise so lange dauert.“

„Das war nicht der längste Teil der Strecke. Erst sind wir südlich im atlantischen Ozean durch die Magellanstraße und um Kap Hoorn herumgefahren, dem untersten Teil des südamerikanischen Kontinents. Dann sind wir nach Norden in den pazifischen Ozean an San Francisco vorbeigesegelt und nun sind wir nicht mehr weit von Seattle entfernt. Vielleicht findet man ja eines Tages einen Weg durch Zentralamerika, um die Strecke zu verkürzen. Natürlich wird durch den transkontinentalen Güterverkehr der Schiffsverkehr für solche Reisen, wie wir sie machen, fast nicht mehr genutzt.“

„Wieso das denn?“ Sie wollte, dass er weiterredete. Seine Stimme beruhigte und sie und ließ sie gleichzeitig auch aufgeregt werden. Alles, was sie wusste, war, dass sie es liebte, ihn reden zu hören und das war das Meiste, was er während der ganzen Reise mit ihr geredet hatte.

„Weil die Fahrt nur Tage anstatt Monate dauert, um mit dem Zug von New York nach San Francisco zu kommen. Wieso sollte man auch seine Fracht per Schiff schicken, wenn es mit dem Zug um einiges schneller geht.“

„Ich denke mal, dass manche Waren zu groß sind, um sie mit dem Zug zu verschicken. Ich glaube, dass Züge besser dafür wären, Leute anstatt Waren zu transportieren.“

Er hob eine Augenbraue und zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht. Da könnten Sie Recht haben. Das werden wir wohl in ein paar Jahren sehen.“

Sie wollte nicht gehen, aber sie wusste, dass sie das musste, bevor ihr angenehmes Treffen dadurch ruiniert werden würde, dass sie etwas Peinliches tat. „Ich sollte wahrscheinlich gehen. Rachel wird sich schon wundern, wo ich bin.“

„Natürlich.“

Er trat einen Schritt zurück, nahm ihre Hand in seine und brachte sie an seine Lippen.

„Danke, dass Sie sich den Sonnenaufgang mit mir angesehen haben, Miss Davison.“

Er drehte ihre Hand um und gab ihr einen Kuss auf ihre Handinnenfläche.

Lucys Blut rauschte durch ihren Körper und ihr Atem ging plötzlich schnell und flach, so als ob sie außer Atem wäre. Sie hätte wissen sollen, dass das ein verführerischer Flirt war, aber sie konnte nicht anders, als sich zu freuen, dass er auf sie Aufmerksam geworden ist.

„Gern geschehen, Mr. Talbot.“

Sie drehte sich um, ging zwei Schritte und fiel dann mit dem Gesicht zuerst auf das Deck, da sie sich in einem Seil verfangen hatte.

„Lucy!“

„Alles gut, nichts passiert.“

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“

Er half ihr wieder auf.

Sie sah beschämt zu Boden. „Vielen Dank.“ Sie hielt ihren Blick immer noch gesenkt, drehte sich um und eilte zurück in ihre Kajüte.

Ihr Treffen war so schön gewesen – bis sie sich bewegen musste. Dann wurde sie wieder tollpatschig, aber immer nur, wenn Drew in der Nähe war. Warum, oh warum nur musste er sie sehen, wenn sie sich am schlimmsten benahm? Warum konnte sie nicht einfach normal und sie selbst sein, wenn er anwesend war? Oder war das von nun an eben ihr normales Ich? Bei Gottes Willen hoffte sie das nicht. Das würde ihr armer Körper nicht mitmachen. Sie hielt ihr Handgelenk fest und versuchte, es stillzuhalten, aber es fühlte sich so an, als ob sie es ein wenig verstaucht hatte. Karen würde es sich bestimmt einmal ansehen und ihr sagen, ob sie sich verletzt hatte.

Nicht mal ihr Tanzunterricht schien ihr zu helfen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie wusste nur, dass Drew ihr wichtig war. Jeder Moment, den sie zusammen verbrachten, festigte nur das Wissen in ihrem Kopf, dass Drew der richtige Mann für sie war, aber diese Unfälle sagten ihr, dass sie sich vielleicht doch woanders nach einem Ehemann umsehen sollte. Einen, bei dem sie nicht so nervös war. Aber was sollte sie dann tun, wenn der einzige Mann, den sie wollte - den sie jemals wollen würde - Drew Talbot war? Aber hatte sie überhaupt das Recht, ihn zu wollen? Was, wenn sie wie ihre Mutter war und ihn dann später verlassen würde?

*****

Lucy stand am Abend an der Reling, sah sich den Sonnenuntergang an und hoffte, dass Drew zu ihr kommen würde.

Einer der Matrosen gesellte sich viel zu nah für ihren Geschmack zu ihr. Er stank nach Alkohol und sie wollte gehen.

„Hallo schöne Frau. Heiße John Bailey, aber alle nennen mich nur Bailey.“

Sie sah nicht auf und nickte nur. „Mr. Bailey.“

„Habe Sie beobachtet. Wollen Sie, dass ich Ihnen beim Sonnenuntergang Gesellschaft leiste?“

„Ich denke nicht, aber danke für Ihr nettes Angebot. Ich denke, dass ich nun nach innen gehen werde.“

Bailey nahm ihr ihren Abgang übel.

„Wo ist das Problem? Bin ich nicht gut genug für Sie? Ich bin ein einfacher Seemann. Aber ich schätze mal, nachdem Sie mit einem der hochnäsigen und arroganten Talbots zusammen waren, ist ein Seemann nicht gut genug.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

„Oh, das wissen Sie ganz genau. Habe euch beide beobachtet, wie ihr den Sonnenaufgang angesehen habt. Er hat dich eng bei sich gehalten und dann haben Sie ihn wahrscheinlich geküsst.“

„Ich habe niemanden geküsst und Sie sind betrunken, Mr. Bailey – oder auf dem besten Weg dorthin. Ich schlage vor, dass Sie das zu Ende bringen.“

Lucy drehte sich um, ging hinein und war sehr froh, dass noch andere auf dem Deck gewesen waren. Ansonsten wäre ihre Auseinandersetzung mit Mr. Bailey vielleicht ganz anders ausgegangen.

*****

Lucy und Rachel saßen auf ein paar Stühlen, die der Kapitän auf das Deck gebracht hatte, als das Wetter schön wurde. Rachel war die einzige, die wusste, wie sehr Lucy Drew Talbot mochte.

„Was soll ich nur machen? Drew Talbot denkt bestimmt, dass ich die lächerlichste Person bin, die er jemals kennengelernt hat. Ich kenne niemanden, der so schlimm ist wie ich. Du bist nun seit vier Jahren meine beste Freundin. Hast du mich jemals als alles andere als trittsicher erlebt?“

„Nicht bis jetzt.“ Rachel nahm Lucys Hand in ihre. „Ich denke, dass du ihn magst und das macht dich nervös. Ich habe dich noch nie von einem Mann so fasziniert erlebt, wie von Drew.“

Lucy faltete ihre Hände in ihrem Schoß. „Solche Gefühle hatte ich noch nie für einen Mann. Seit dem ersten Moment, in dem ich ihn gesehen habe, kann ich an nichts und niemand anderen mehr denken. Ich möchte, dass er viel von mir hält. Ich möchte, dass er mich kennenlernt oder mich einfach nur heiratet. Es ist mir egal, ob er mir den Hof macht, ich weiß, dass er der einzige Mann ist, den ich heiraten werde. Aber je mehr ich in seiner Nähe bin, desto schlimmer werden meine „Unfälle“. Ich fange langsam an zu denken, dass ich nach jemand anderem zum Heiraten suchen sollte. Ich habe Angst, dass ich mich ernsthaft verletzen werde, wenn ich mich weiterhin mit ihm treffe.“

„Jetzt redest du aber Unsinn. Ich weiß, was du für Drew fühlst. Genau das, was ich für Jason fühle, aber er braucht noch ein wenig Überzeugung. Er hat Angst, dass er seiner Ehefrau nicht treu wäre.“

Lucy drehte ihren Kopf blitzschnell um und starrte ihre Freundin an. „Seine Ehefrau?“

Rachel lächelte. „Es ist nicht so, wie du denkst. Sie ist vor zehn Jahren bei der Geburt ihres Sohnes gestorben. Seit diesem Tag trauert Jason um sie und auch, wenn ich weiß, dass er etwas für mich fühlt, will er das nicht. Er ist hin- und hergerissen.“

„Das kann ich mir gut vorstellen. Aber Jason und du, ihr habt euch doch geküsst.“

Rachel errötete.

Lucy klopfte ihrer Freundin sanft aufs Knie. „Das muss dir nicht peinlich sein. Ich hätte mich auch liebend gerne mit Drew geküsst. Vor ein paar Tagen haben wir uns einen wundervollen Sonnenaufgang zusammen angesehen, welchen ich dann erfolgreich ruiniert habe, als ich mich umgedreht habe, um zu gehen und mich dann in einem Seil auf dem Deck verfangen habe.“

Vor ein paar Monaten noch wäre ihr sowas nie passiert. Was sollte sie nur tun, wenn sie in jedem Moment, den sie auf dem Schiff verbrachte, den sie Drew sah und mit ihm redete, sich immer mehr in ihn verliebte?

KAPITEL 2

22. April 1865

Seattle, Gebiet Washingtons

Das Schiff wurde mit großer Freude empfangen. Hunderte Männer jubelten, als die Frauen aus dem Schiff den Steg hinuntergelaufen kamen. Jede von ihnen trug einen Teil ihrer Besitztümer in einem einzigen Handkoffer und der Rest war in einer kleinen Gepäckkiste verstaut. Die Kisten wurden abgeladen, nachdem alle Frauen von Bord gegangen waren.

Als Lucy an der Reihe war den Steg hinunterzulaufen, hielt sie ihren Kopf erhoben und ihr Köfferchen mit beiden Armen. Sie trat auf die Laufplanke, verlor ihr Gleichgewicht, griff nach dem Seil, das als Geländer angebracht wurde und ließ ihr Gepäck los. Lucy rettete sich davon, ins Wasser zu fallen, aber ihr Handkoffer sank nun langsam auf den Grund.

„Oh nein!“ Sie beobachtete, wie die Tasche immer weiter unterging.

Bevor sie es wusste, rannte Drew von dort, wo er am Fuße des Stegs stand, in das Wasser und holte ihr Gepäckstück wieder heraus. Lucy schüttelte ihren Kopf und blickte nach unten. Aus der Menge der Männer war Gekicher zu hören, aber sie lief den Rest des Stegs hinab zum Ufer.

Drew kam auf sie zu und übergab ihr die tropfende Tasche.

„Tut mir leid, dass ich nicht schneller war. Ihr Handkoffer ist durchweicht und ich befürchte alles, was darin ist, auch.“

Sie schämte sich in Grund und Boden und murmelte: „Vielen Dank. Ich weiß ehrlich gesagt wirklich nicht, was mit mir los ist. Normalerweise bin ich nicht so ein Tollpatsch auf zwei Beinen.“

„Machen Sie sich keine Gedanken, Miss Davison. Ich bin mir sicher, dass Ihre Ungeschicktheit vergehen wird, wenn Sie sich daran gewöhnt haben, hier zu sein und wieder festen Boden unter den Füßen haben.“

„Ich hoffe, damit haben Sie Recht, Mr. Talbot… und nochmals vielen Dank.“

Er nickte und sie sah zu, wie er sich seinen Weg durch die Menge zu Dolly’s Saloon bahnte. Von dort aus beobachtete er das Geschehen.

Die Männer hatten vier Schlafunterkünfte errichtet, um die Bräute, wie die Frauen genannt wurden, unterzubringen. Die Gebäude standen ungefähr einhundert Meter vom Ufer des Puget Sound entfernt. Sie waren weiß, rechteckig und hatten große, überdachte Verandas. Auf jeder Veranda waren zwei Schaukeln, jeweils eine auf jeder Seite der Doppeltüren. Neben den Schaukeln standen ein kleiner Tisch und vier Stühle. Lucy sah diese Komfortmöglichkeiten gerne, denn sie dachte sich, dass den Männern das Wohlergehen der Frauen wichtig war.

Eine einzige, ungepflasterte Straße führte von der Anlegestelle zum Wald und dem Berg auf der anderen Seite der Stadt. Geschäfte in verschiedenen Größen waren links und rechts an der Straße zu finden. Lucy nahm sich selbst vor, so schnell wie möglich alles über ihre neue Umgebung herauszufinden.

Sie ging zusammen mit Rachel, die als Sprecherin der Frauen gewählt wurde, zur Unterkunft Eins. Sie war ebenfalls die zuständige Leiterin für Unterkunft Eins. Rachel war vernünftig, hatte einen gesunden Menschenverstand und konnte Verantwortung übernehmen, was man nicht über den Großteil der Frauen sagen konnte. Lucy dachte auch, dass Rachel diese Position hatte, weil sie und Jason ein Paar zu sein schienen.

Lucy selbst war auch mit Vernunft und einem gesunden Menschenverstand gesegnet, aber sie war zurückhaltend und blieb meistens eher außen vor, außer wenn Rachel, seit vier Jahren ihre beste Freundin, sie mit involvierte. Aber diese Schüchternheit, wenn man es so nennen konnte, wurde nun zu Ungeschicktheit, wenn es um Drew Talbot ging. Das würde sie nicht so sehr stören, wenn ihr solche Dinge auch bereits vorher passiert wären, aber das war nicht der Fall. Bevor sie auf Drew getroffen war, war sie eine ausgeglichene Frau mit der Grazie einer Tänzerin gewesen.

Die ganze Sache wäre nicht so schlimm gewesen, wenn sie sich nicht entschieden hätte, dass Drew Talbot der richtige Mann für sie war und der, den sie kennenlernen wollte.

Ein paar Nächte, nachdem sie in Seattle angekommen waren, saß Lucy mit Rachel in einer der Schaukeln auf der Veranda.

Sie trugen ihre Lieblingstücher und beobachteten den Sonnenuntergang über dem Puget Sound und nebenbei die vielen Pärchen, die sich „herantasteten“, was das Kennenlernen anging. Viele liefen Arm in Arm, manche mit ihren Händen hinter sich. In der anderen Schaukel saß ein Paar, das sich anscheinend gut verstand. Als sie aufstanden, sah Lucy, dass es sich um Valerie Hogan handelte und sie war gerade dabei, den Mann mit nach innen zu nehmen.

„Keine Männer in der Unterkunft, Valerie.“, sagte Rachel.

„Ich wollte ihm nur etwas aufschreiben.“

„Du kannst es aufschreiben und es dann mit nach draußen bringen.“

Valerie seufzte, aber hörte auf Rachels Worte.

Lucy drehte sich um und sah ihre Freundin an. „Zum Großteil mag ich die Frauen, die mit uns auf dieser Reise sind, aber Valerie Hogan gehört nicht dazu. Sie ist ein leichtes Mädchen ohne Moralvorstelllungen und so sehr ich es auch versuche, finde ich nichts, was ich an ihr mag.“

„Man kann nicht immer jeden mögen. Manche Leute scheinen uns einfach nicht in den Kram zu passen, egal, was wir machen. Valerie ist so eine Person. Ich würde sie gerne für eine nette, junge Dame halten…“ Rachel schüttelte langsam ihren Kopf. „Aber sie macht es einem nicht gerade einfach, sie zu mögen, wenn sie hinter jedem Mann her ist, den sie sieht. Sie hat versucht Jason zu verführen, als wir auf dem Schiff waren.“

Lucys Augen wurden groß und ihr Mund stand offen. „Nein, das hat sie nicht gemacht, oder?“

Rachel nickte. „Doch, das hat sie. Eines Tages bin ich hinaus auf das Deck gegangen und habe Valerie mit ihren Armen um Jasons Hals geschlungen gefunden und er hatte sich viel Mühe gegeben, ihre Arme von sich zu lösen. Er hatte einen herunterbekommen und dann nahm sie den anderen Arm wieder hoch. Sie wollte kein „nein“ akzeptieren. Letztendlich tat er mir leid und bin dazwischen gegangen. Dann hat sie sich zu mir gedreht, ihre Hände hinter ihren Rücken gehalten und auf unschuldig getan.“

„Was hast du zu ihr gesagt?“

„Ich habe ihr gesagt, dass ich gedacht habe, dass jemand unten nach ihr gesucht hat.“

Lucy legte ihre Hand auf Rachels Arm. „Ist sie dann gegangen? Hat sie einen Aufstand gemacht?“

„Gott, nein. Kein Aufstand. Sie hat sich dann davongeschlichen – wie so eine Schlange.“

Rachel fing an zu Lachen und Lucy lachte mit.

*****

Ein paar Tage nachdem sie angekommen waren, wurde den Frauen gesagt, dass am Samstag, den 30. April eine Veranstaltung für die Bräute und die Männer, die für ihre Reise nach Seattle gezahlt hatten, stattfinden sollte. Es war eine Art Tanzveranstaltung in Dolly’s Saloon. Die Talbots waren mit rund einhundert Männern auch dort. Der Großteil der Männer waren Holzfäller, aber unter anderem auch Mühlenarbeiter, Ladenbesitzer und sogar ein paar Rancher.

Lucy war außer sich vor Sorge. Sie wusste, dass Drew Talbot auf der Veranstaltung sein würde und sie wollte mehr als alles andere mit ihm tanzen. Wollte, dass er sie in seinen Armen hielt und ihr süße Dinge ins Ohr flüsterte. Sie mochte ihn mehr als jemals irgendjemand zuvor. Aber so war sie noch nie gewesen. War noch nie eine ungeschickte Person, sondern eine recht anmutige und graziöse Frau. Der Grund dafür war ihre Tanzausbildung. Normalerweise hätte sie sich auf so eine Tanzveranstaltung gefreut, aber nun hatte sie Angst, dass sie sich blamieren würde.

Lucy saß mit Rachel am Küchentisch in der Unterkunft Eins.

„Du hast gesehen, was passiert ist, als ich versucht habe, vom Schiff zu gehen.“ Lucy legte ihr Gesicht in ihre Hände. „Was soll ich machen? Was kann ich tun, um nicht mehr so nervös zu sein? Ich möchte wirklich gerne mit ihm tanzen können und ihm zeigen, dass ich nicht in eine Irrenanstalt gehöre.“

„Du machst dir zu viele Gedanken darüber. Ich glaube, dass Drew dich mag. Er scheint einfach immer der erste zu sein, der dir aufhilft, wenn du hinfällst.“

Lucy schüttelte mit dem Kopf. „Ich bin mir sicher, er ist nur sehr höflich. So einer ist er eben.“

„Süße, stell der Sache mit Drew oder dir selbst nicht ein Bein. Er muss dich einfach mal erleben, wenn du nicht nervös bist.“

„Und wie soll das funktionieren? Sobald ich ihn sehe, ist es, als würde ich die ganze Kontrolle über meine Gliedmaßen verlieren.“ Ich glaube, ich Verliere auch langsam den Verstand. Warum kann ich in seiner Nähe nicht einfach ich selbst sein?“

Rachel sah zu ihrem Verlobungsring an ihrer linken Hand hinunter und lächelte. „Wenn es bei mir und Jason funktionieren kann, kann es das auch bei dir und Drew. Ich werde mit Jason darüber reden, ob wir es einrichten können, dass Drew dich sieht, wenn du nicht weißt, dass er da ist.“

„Das würde ich gerne glauben, aber davon will ich erstmal nichts mehr hören. Sonst werde ich mich noch die ganze Zeit umsehen, um zu schauen, wo Drew sich versteckt, um mich zu beobachten.“