Verlag: Patmos Verlag Kategorie: Ratgeber Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Das kleine Anti-Wut-Buch E-Book

Rita Steininger

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E-Book-Beschreibung Das kleine Anti-Wut-Buch - Rita Steininger

Erste Hilfe bei kindlichen Wutanfällen, ein Thema, das alle Eltern betrifft. Der zweijährige Tom brüllt wie am Spieß. Wehe, der Schokoriegel wandert nicht in den Einkaufswagen! »Ihr könnt mich alle mal!« - und Rumms knallt die Kinderzimmertür hinter der elfjährigen Mia zu. Kindliche Wut auszuhalten kostet Eltern viel Kraft und Nerven. Und es ist alles andere als leicht, auf aggressive Kinder nicht selbst wütend zu reagieren. Rita Steininger, Mutter zweier Söhne, erklärt, was Wut und Aggressionen für die Entwicklung von Kindern bedeuten. Mithilfe von vielen Spielen, Übungen und alltagstauglichen Tipps zeigt sie, wie Eltern die Wutattacken ihrer Kinder auffangen und in konstruktive Bahnen lenken können. Ein kleines Buch mit großer Wirkung!

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E-Book-Leseprobe Das kleine Anti-Wut-Buch - Rita Steininger

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Cover

Haupttitel

Inhalt

Über die Autorin

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Rita Steininger

Das kleine Anti-Wut-Buch

Für Eltern und Kinder

Patmos Verlag

Für Andreas, Bernhard und Karina

Inhalt

Einleitung

Teil 1 Wie Wut und Aggressionen bei Kindern entstehen: mögliche Ursachen

1. Wissenschaftliche Theorien

2. Entwicklungsphasen

3. Die Rolle der Erziehung

4. Der Einfluss von Gleichaltrigen

5. Ungünstige Lebensweise

6. Die Bedeutung der Sinneswahrnehmung

Teil 2 Wie man Wutausbrüchen von Kindern begegnen kann: Tipps und Anregungen

1. Das kleine Wutbündel

2. Rangeleien und Sticheleien im (Vor-)Schul­alter

3. Vorsicht, Hochspannung! Die Pubertät beginnt

4. Wenn Geschwister streiten

5. Grenzen, Halt und Sicherheit

6. Regeln für den Medienkonsum

7. Gesunde Ernährung

8. Den Selbstwert stärken – durch Ermutigung und Respekt

9. Auf Gefühle eingehen

10. Gefühlvoll kommunizieren

11. Spiele gegen Wut

12. Bewegung in den Alltag bringen

13. Wahrnehmung spielerisch fördern

14. Entspannen und Stress abbauen

Teil 3 Was Eltern für sich selbst tun können

1. Auf die eigenen Bedürfnisse und Gefühle achten

2. Entspannen und innere Stärke gewinnen

3. Ihr persönlicher Notfallplan

Anmerkungen

Weiterführende Literatur

Adressen

Verzeichnis der Spiele und Übungen

Dank

Einleitung

»Wir verstehen dich, wirklich! Aber bitte hör auf, so wütend zu sein!« So bringt der dänische Familientherapeut Jesper Juul die Haltung von vielen Eltern, Erzieherinnen und Pädagogen gegenüber aggressiven Kindern und Jugendlichen auf den Punkt. Und fügt hinzu: »Das macht mich wütend!«1

Kindliche Wut und Aggressionen als nicht legitime, inakzeptable Emotionen abzulehnen, ist in den Augen Jesper Juuls ein fataler Fehler. Kinder müssen lernen, ihre Wut- und Aggressionsgefühle konstruktiv und kreativ zu nutzen, damit sie als Erwachsene fähig sind, an einer gewaltfreien Welt mitzuwirken. Doch genau das wird ihnen durch eine übertrieben sanfte Erziehung schwer gemacht. Die meisten Eltern wünschen sich liebe und brave Kinder und streben daher einen Idealzustand an, in dem unliebsame Gefühlsäußerungen wie Wut und Aggressionen keinen Platz haben. Sie versuchen, Konflikte auf milde Weise zu lösen – durch wortreiche, betont freundliche Erklärungen, die ­jedoch die Gefühle und Motive des Kindes häufig außer Acht lassen. Damit bewirken sie, dass sich das Kind mit seinen Gefühlen verunsichert und unverstanden fühlt.

Kinder brauchen Verständnis und Hilfe von ihren Eltern und anderen Erwachsenen, damit sie mit ihren heftigen Gefühlen umgehen lernen. Statt Wut und Aggressionen zu unterbinden, ist es wichtig, dass die Erwachsenen auf diese Gefühle eingehen und sie in konstruktive Bahnen lenken, bevor sie zerstörerische Formen annehmen.

In diesem Sinn ist dieses kleine Anti-Wut-Buch zu verstehen, das in drei Teile gegliedert ist. Teil 1 widmet sich den theoretischen Grundlagen: Woher kommen Wut und Aggressionen? Welche Rolle spielen sie in der Entwicklung des Kindes? Welche Umwelteinflüsse sind dabei von Bedeutung? Teil 2 bietet praktische Anregungen, Spiele und Übungen zum Umgang mit Wut und Aggressionen, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen. Teil 3 wendet sich an Sie als Eltern und beschreibt, was Sie für sich selbst tun können, wenn Sie bei Wutanfällen Ihres Kindes aus der Fassung geraten und die Situation zu eskalieren droht.

Bitte beachten Sie: Der Fokus dieses Buchs liegt auf Wut und Aggressionen, die zur normalen Entwicklung eines Kindes gehören. Das Buch geht weder auf psychische Störungen von Kindern noch auf die seelischen Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung ein. Denn diese Probleme bedürfen in jedem Fall professioneller Hilfe, die dieses Buch nicht bieten kann.

Ich möchte Sie mit diesem Buch ermutigen, Gefühle wie Wut und Aggressionen im Erziehungsalltag mit Ihren Kindern zuzulassen und konstruktiv zu nutzen. Dabei wünsche ich Ihnen Motivation, Optimismus und gutes Gelingen.

Rita Steininger

Teil 1 Wie Wut und Aggressionen bei Kindern entstehen: mögliche Ursachen

1. Wissenschaftliche Theorien

Seit Jahrzehnten befasst sich die Wissenschaft mit der Frage, welche Ursachen von Wut und Aggressionen es gibt. Je nach Wissenschaftszweig und Forschungsmethode sind dabei verschiedene Theorien entstanden, die entweder biologisch, soziologisch oder psychologisch begründet sind. Einige dieser Theorien sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Wut und Ärger als Grundemotionen

Woher kommt die Wut und an welchen Anzeichen erkennt man sie? Auf diese Frage hat der amerikanische Psychologe und Affektforscher Paul Ekman eine interessante Antwort geliefert. Er fand in mehr als 40-jähriger Forschungsarbeit heraus, dass es sogenannte Grundemotionen gibt, die in allen Kulturen der Welt übereinstimmend ausgedrückt und erkannt werden: Trauer und Verzweiflung, Ärger und Wut, Überraschung und Angst, Ekel und Verachtung sowie positive Emotionen wie Freude und Zufriedenheit.2

Als Anzeichen von Wut seien zum Beispiel gesenkte Augenbrauen, angespannte Unterlider und ein stechender Blick zu deuten. Gefühle von Verachtung oder Geringschätzung ließen sich an der Anspannung eines Mundwinkels erkennen.

Gesichtsausdrücke, die die genannten Grundemotionen widerspiegeln, sind aus Ekmans Sicht demnach angeboren, nicht kulturell erlernt. Sie bilden eine Art emotionale Basisausstattung des Menschen, unabhängig davon, in welchem Teil der Welt er lebt und welcher Kultur oder ethnischen Gruppe er angehört.

Erbe oder Umwelt?

Betrachtet man Wut und Ärger als »Motor« von Aggressionen, so lässt Ekmans Theorie den Schluss zu, dass Aggressionen zumindest zum Teil angeboren sind.

Tatsächlich wurde in der Verhaltensforschung die Theorie aufgestellt, dass ein Kind bereits mit einem Aggressionstrieb zur Welt kommt. So glauben manche Wissenschaftler, dass Menschen – genauso wie Tiere – einen angeborenen Kampftrieb besitzen, der bei Konflikten zur Selbstverteidigung dienen soll.3

Andere Wissenschaftler vertreten die Ansicht, aggressives Verhalten werde durch Nachahmung erlernt. So haben Forscher beobachtet, dass in manchen Kulturen ein wesentlich ­höheres Maß an Aggressivität als normal gilt als etwa in unserer Gesellschaft.

Eine weitere Theorie besagt, dass Wut, Ärger und Aggressionen durch Frustration, Enttäuschungen und die daraus entstehenden Selbstwertprobleme ausgelöst werden.

Die meisten Wissenschaftler stimmen heute darin überein, dass jegliches Verhalten des Menschen sowohl eine genetische Grundlage hat als auch durch Umwelteinflüsse geformt wird (siehe auch die nachfolgenden Kapitel in Teil 1 dieses Buchs).

Unzureichend erfüllte Bedürfnisse

Ein weiteres Erklärungsmodell hat der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow (1908–1970), der Begründer der Humanistischen Psychologie, geliefert. Er sieht unzureichend erfüllte Bedürfnisse als Ursachen von Aggressionen an.4 Um nur drei Bedürfnisse als Beispiele zu nennen:

• Zuwendung: Kinder brauchen Eltern, die Zeit für sie haben und sich ihnen liebevoll zuwenden.

• Förderung: Kinder brauchen Raum und Zeit, um im Spiel ihre Fähigkeiten zu entfalten. Ebenso brauchen sie Zuspruch und Ermutigung der Eltern, um Selbstvertrauen zu entwickeln.

• Halt: Kinder brauchen Eltern, an deren Beispiel sie sich orientieren können, die ihnen Grenzen setzen und ihnen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Werden diese und weitere Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllt, so entstehen laut Maslow Wut und Aggressionen.

Warum Wut und Aggressionen sinnvoll sind

Wut und Aggressionen sind jedoch keinesfalls nur negativ zu werten. Denn grundsätzlich haben sie eine sehr sinnvolle Funktion: Sie befähigen uns, unsere Interessen gegenüber anderen Menschen durchzusetzen. Sie ermöglichen, uns vor schlechter ­Behand­lung zu schützen. Diese Aspekte kommen schon in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Aggression zum Ausdruck: Das lateinische Wort »aggredere« bedeutet so viel wie ­»herangehen« oder »vorwärtsschreiten«. Wut und Aggressionen lassen sich demnach als »treibende Kräfte« interpretieren.

So sind auch die Zornesausbrüche von Kindern zu verstehen. Mit einer Wutattacke wehrt sich das Kind gegen eine Situation, die es als unannehmbar empfindet. Es setzt alle Energie ein, um eine Veränderung zu bewirken. Wut als produktive Kraft zu entdecken, ist also ein wichtiger Teil der kindlichen Entwicklung.

Abgesehen davon haben Aggressionen eine spielerische Funktion. Kinder ahmen in Rollenspielen gern starke und mächtige Heldenfiguren wie Ritter, Zauberer oder Superman nach. Diese spielerischen Kraftproben dienen unter anderem dazu, soziale Kontakte herzustellen und zu festigen.

Solange sich Aggressionen in sozialverträglicher Form äußern, ist also nichts dagegen einzuwenden. Wenn Wut und Aggressionen jedoch zerstörerische Formen annehmen und dabei die Gefahr besteht, dass Menschen körperlich oder seelisch verletzt werden, ist es wichtig, dagegen einzuschreiten. Solche Aggressionen müssen aufgefangen und in konstruktive Bahnen gelenkt werden.

2. Entwicklungsphasen

Erfahrene Eltern können es bestätigen: Die Entwicklung von Kindern verläuft nicht immer geradlinig und gleichmäßig, sondern ist von Höhen und Tiefen gekennzeichnet. So liegt es nahe, dass Wut und Aggressionen in den verschiedenen Lebens­abschnitten mal mehr, mal weniger heftig auftreten und sich in unterschiedlichen Formen äußern können.

Kleinkinder

Im Alter zwischen ein und zwei Jahren beginnt bei den meisten Kindern eine Zeit, die ihre Eltern als besonders anstrengend erleben: die sogenannte Trotzphase. Plötzlich wird aus einem wonnigen Kleinkind ein schreiendes Wutbündel, das selbst den geduldigsten Eltern den letzten Nerv rauben kann.

Der Begriff »Trotz« trifft indessen nicht wirklich zu. Denn hinter Trotz steckt normalerweise eine Absicht – die ein Kind in diesem Alter noch gar nicht haben kann. Pädagogen sprechen deshalb korrekterweise von der »Autonomiephase« oder von »kindlichem Unabhängigkeitsstreben«.

Tatsächlich liegt genau hier die Ursache für das Aufbegehren des Kindes: Es hat erstmals entdeckt, dass es einen eigenen Willen hat, doch jedes Mal, wenn es ihn durchsetzen will, stößt es an Grenzen. Dass es bestimmte Dinge nicht haben darf, weil sie zu gefährlich sind – z. B. Messer, Säge, Feuerzeug –, sieht ein Kleinkind eben noch nicht ein. Umso größer ist sein Frust, wenn ihm solche reizvollen Objekte weggenommen werden. Ebenso frus­trierend ist für das Kind die Erfahrung, dass es viele Tätigkeiten vorerst nicht ohne fremde Hilfe meistern kann: eine Schublade öffnen, eine Jacke zuknöpfen, ein Haus aus Bauklötzen bauen.

So macht das Kleinkind immer wieder die schmerzliche Erfahrung, dass seinem Willen Grenzen gesetzt sind. Und weil es noch nicht in der Lage ist, Frust und Ärger wegzustecken, entladen sich seine aufgestauten Gefühle in einem Wutanfall.

Doch nicht nur gegen die Eltern und andere Erwachsene richten sich die Wutanfälle des Kleinkinds. Auch die Spielgefährten in der Krabbelgruppe, der Kita oder auf dem Spielplatz können schon mal zur Zielscheibe von Wut und Aggressionen werden. Meist geht es dabei um Besitzverhältnisse: Kleinkinder tun sich schwer damit, ihre Sachen mit anderen Kindern zu teilen, weil ihnen noch das Verständnis dafür fehlt, dass Teilen nicht zwangsläufig mit Verlust verbunden ist. Deshalb verteidigen sie ihren Besitz mit allen Mitteln: durch Hauen, Schubsen, Rempeln und Beißen. Dieses Verhalten hat ebenso wenig mit böswilliger Absicht zu tun wie das vermeintlich »trotzige« Aufbegehren.

Wie Sie Ihrem Kleinkind helfen können, mit Frust und überschießenden Gefühlen fertigzuwerden, erfahren Sie in Teil 2, ­Kapitel 1, dieses Buchs.

Kindergartenkinder

Auch in der Kindergartenzeit durchlaufen viele Kinder Phasen, in denen sie sich impulsiv und angriffslustig gebärden. Das betrifft vor allem Jungen und hängt offenbar mit dem männlichen Hormon Testosteron zusammen, das die Aggressivität erhöht. Wissenschaftliche Studien belegen jedenfalls, dass der Testosteronspiegel nicht erst in der Pubertät eine Rolle spielt, wenn sich ein Junge körperlich zum Mann entwickelt. Schon im Kindergartenalter macht sich das Testosteron im Verhalten bemerkbar.5 Jungen bevorzugen im Gegensatz zu Mädchen körperbetonte Spiele, bei denen sie toben, rennen und rangeln können. Ruhige, feinmotorische Tätigkeiten wie Malen und Basteln – für die Kindergärten in der Regel vorbildlich eingerichtet sind – sprechen die Jungen dagegen meist weniger an.

Wichtig: Sind Aggressionen jungentypisch?

In unserer Gesellschaft herrscht im Allgemeinen die Ansicht vor, dass Mädchen von ihren genetischen Anlagen her weniger zu Aggressionen neigen als Jungen. In der Wissenschaft ist ­dieser Standpunkt umstritten.

Einig sind sich die Experten nur in der Einschätzung, dass Jungen wesentlich öfter zu physischen Attacken übergehen als Mädchen. Dabei haben solche Aggressionen in erster Linie die Funktion, Macht und Kontrolle über andere zu gewinnen. Sie richten sich daher meistens gegen gleichgeschlechtliche Kinder, mit der Folge, dass Jungen häufiger selbst Opfer physischer Attacken werden als Mädchen.

Mädchen zeigen andere Formen von Aggressionen. Sie greifen gleichaltrige Kinder eher verbal an – durch Spott, Beleidigungen, Herabsetzungen. Ihre Attacken richten sich sowohl gegen Mädchen als auch gegen Jungen.

Wann und wie Sie bei Aggressionen von Jungen und Mädchen eingreifen sollten, erfahren Sie in Teil 2, Kapitel 2.

Ein anderes Phänomen, das Eltern von Kindergartenkindern nur zu gut kennen: Plötzlich fängt der bisher so liebe Nachwuchs an, mit Schimpfwörtern und Kraftausdrücken nur so um sich zu werfen. Und je mehr die Erwachsenen dies zu unterbinden versuchen, desto größer wird der Reiz von Schimpfwörtern.

Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: Das Kind merkt, dass es mit seiner unfeinen Ausdrucksweise Wirkung erzielt. Ein lautstark herausgeschleudertes Wort wie »Blödmann« oder »Arschloch« erregt unweigerlich die Aufmerksamkeit der Erwachsenen und anderer Kinder. Plötzlich steht das Kind im Mittelpunkt – und genießt es.

Schimpfwörter haben noch eine andere Funktion: Sie helfen, angestautem Ärger Luft zu machen – hier geht es Kindern nicht viel anders als Erwachsenen. Umso wichtiger ist es, dass sie lernen, akzeptable Schimpfwörter von unannehmbaren zu unterscheiden. Tipps dazu finden Sie in Teil 2, Kapitel 2.

Schulkinder

Das Grundschulalter gilt im Allgemeinen als eine Zeit, in der Kinder relativ umgänglich und »pflegeleicht« sind. Die Schwierigkeiten der Autonomiephase (Trotzphase) sind überstanden, die Turbulenzen der Pubertät liegen noch in einiger Ferne. Doch auch die Zeit zwischen Schuleintritt und beginnendem Teenager­alter ist nicht völlig frei von Aggressionen und Konflikten.

Kennzeichnend für die Entwicklung der Sechs- bis Zwölfjährigen ist eine deutliche Abgrenzung vom anderen Geschlecht. Das zeigt sich nicht nur daran, dass die verliebte Hinwendung zum andersgeschlechtlichen Elternteil verschwunden ist, die für das Kindergartenkind charakteristisch war. Vor allem zwischen den Jungen und Mädchen findet nun eine deutliche Abgrenzung statt. Die Zeiten sind passé, in denen Jungen und Mädchen friedlich miteinander im Sandkasten spielten. Stattdessen finden sich die Kinder nun in gleichgeschlechtlichen Grüppchen zusammen, in denen sie alterstypische Kämpfe ausfechten. Es geht dabei vorwiegend um Status und Rollen: Wer hat in der Gruppe das Sagen, wer muss sich unterordnen? Je nach Geschlecht wird mit unterschiedlichen Methoden gekämpft: Mädchen bedienen sich, wie bereits erwähnt, vorwiegend verbaler Waffen, während Jungen eher handfest zur Sache gehen.

Jugendliche

Mit etwa zwölf Jahren beginnt bei Kindern gewöhnlich die Phase, der die meisten Eltern mit Bangen entgegensehen: die Pubertät. Neben beträchtlichen Stimmungsschwankungen zeigt der Nachwuchs nun öfter Verhaltensweisen, die seine Eltern zur Verzweiflung bringen können: Er nörgelt und widerspricht, provoziert und rebelliert – kurzum, er verbreitet Chaos und Missstimmung, wo immer er auftaucht. Dass Streitigkeiten zwischen Eltern und Kindern nun an der Tagesordnung sind, dürfte daher nicht weiter verwundern. Dabei dient das betont provokante, manchmal regelrecht aggressive Auftreten meist nur dazu, Gefühle der Unsicherheit und Verletzlichkeit zu überdecken, denen sich der Jugendliche ausgeliefert sieht.

Für die Eltern dürfte diese Erklärung kaum ein Trost sein. Denn abgesehen von den verbalen Angriffen ihres Teenagers tauchen Fragen auf, die vielen große Sorge bereiten: Warum benimmt sich mein Kind nur so leichtsinnig? Warum schlägt es alle noch so gut gemeinten Ratschläge in den Wind? Wo sind nur seine Vernunft und Einsicht geblieben?

Diese Phase ist für viele Eltern wohl die größte Hürde, die sie bei ihrer Erziehungsaufgabe zu meistern haben. Doch mit Geduld und Verständnis können sie ihrem heranwachsenden Kind helfen, die Turbulenzen dieser Umbruchphase gut zu überstehen (siehe Teil 2, Kapitel 3).

Wichtig: Gefühle reifen langsamer als Intelligenz

Wissenschaftler der Temple University in Philadelphia (USA) haben vor einigen Jahren die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten von 1000 Probandinnen und Probanden im Alter zwischen zehn und 30 Jahren untersucht. Sie kamen dabei zu dem Ergebnis, dass die emotionale Entwicklung beim Menschen gewöhnlich länger dauert als die Entwicklung der Intelligenz, die bereits mit etwa 16 Jahren abgeschlossen ist.6 Daraus lässt sich folgern, dass Jugendliche zwar über die geistigen Voraussetzungen für überlegte Entscheidungen verfügen, es ihnen jedoch oft an emotionaler Reife fehlt, um impulsives Verhalten zu kontrollieren oder die Risiken problematischer Entscheidungen einzusehen. Das geflügelte Wort vom »jugendlichen Leichtsinn« ist damit wissenschaftlich bestätigt.

3. Die Rolle der Erziehung

Wie die vorigen Kapitel gezeigt haben, durchleben Kinder in verschiedenen Altersstufen ein emotionales Auf und Ab. Doch das hängt nicht allein mit einzelnen Entwicklungsphasen – wie etwa der Autonomiephase – zusammen. Wut und Aggressionen können auch etwas mit dem Erziehungsstil der Eltern zu tun haben.

Wutattacken ignorieren …