Beschreibung

Wer die Wahl hat, hat die Qual! Laura würde alles dafür geben, um sich sicher und geliebt zu fühlen. Als sie am Abend vor dem langersehnten Traumurlaub plötzlich als Single dasteht, beschließt sie kurzerhand, ihre Oma in dem beschaulichen Badeort Grado zu besuchen. Diese leitet dort das kleine Hotel Il Sole, in dem Laura früher jeden Sommer verbracht hat. Auch jetzt fühlt sie sich dort sofort wieder wie zu Hause. Was als Erholungsurlaub geplant war, entwickelt sich rasch zu einem Aufenthalt, der Lauras Leben gehörig auf den Kopf stellt. Denn da ist zum einen das Hotel, das dringend frischen Wind und eine straffere Leitung braucht. Zum anderen sind da Lauras Jugendschwarm Dario, der einfühlsame Restaurantbesitzer, und der rätselhafte Hotelier Leandro, die beide ganz unterschiedliche Gefühle in ihr auslösen. Und dann ist da noch das Rätsel um ihren Vater, dessen Verschwinden tiefe Narben in ihr hinterlassen hat.

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Annabelle Benn, Anja Richter

Das kleine Hotel in der Lagune

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Das kleine Hotel in der Lagune

 

 

Das kleine Hotel in der Lagune

 

Eine Liebesgeschichte in Grado

 

Für meine Oma

 

 

 

Impressum:

Annabelle Benn, Gordian-Guckh-Str. 14, 83410 Laufen, Deutschland

annabelle.benn@outlook.de

Copyright Text: Annabelle Benn, 2019

Titelbild: Rebecca Wild, Sturmmöwen

Korrektorat: Katja Kulin

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung der Autorin kopiert, gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

 

 

Unsere frühe Zeit als Kind

Lebt noch in Grados Welt:

Geht die Küste entlang mit dem Wind

Vergoldet sich im blauen Himmelszelt.

Biagio Marin

 

Zugeständnisse

 

Die Sonneninsel Grado mit der bezaubernden Altstadt gibt es wirklich. Ich habe versucht, den Ort zu anschaulich und realistisch wie nur möglich zu beschreiben. Die Straßennamen und bekannten Gebäuden sollen zur groben Orientierung dienen. Übrigens heißen in der Region Gassen tatsächlich Calle.

Da es sich bei dem vorliegenden Roman aber um reine Fiktion handelt, habe ich mir einige künstlerische Freiheiten erlaubt.

So habe ich das Il Sole, Savivere, Cielo und da Blu frei erfunden. Leser, die Grado kennen und lieben, werden sich ein grobes Bild davon machen können, wo sich die Lokale in etwa befinden werden.

Geschummelt habe ich auch bei den morgendlichen Strandläufen. Tun wir einfach so, als wäre die Spiaggia Principale überall rund um die Uhr frei zugänglich und als wäre das Schwimmen um Mitternacht erlaubt.

Frei erfunden habe ich natürlich auch alles, was mit der Strandkonzession zu tun hat.

Selbstverständlich entspringen alle Handlungen, Ereignisse und Personen allein meiner Fantasie. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie tatsächlichen Geschehnissen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Die beiden Texte von Grados großem Poeten Biagio Marin habe ich dem Buch „Grado abseits der Pfade“ von Michael Dangl entnommen.

1

 

„Urlaub, hier bin ich!“ Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung ließ Laura sich auf einen freien Sitzplatz in der S-Bahn nach Trudering sinken. So sah München also am Freitag um 16:00 Uhr aus. Schön war es, so friedlich und ruhig. Schade, dass sie davon sonst nie etwas mitbekam.

Florian würde Augen machen, dass sie so früh zu Hause war! Sie würde schnell alles für den langersehnten Urlaub packen, und anschließend könnten sie sich gemeinsam in einem Biergarten auf die Reise einstimmen. Zwei ganze Wochen voller seligen Nichtstuns lagen vor ihr. Zwei Wochen Liebe, Spaß – und Erholung. Erholung, die sie bitter nötig hatte. Verträumt schloss sie die Augen und stellte sich vor, der Fahrtwind, der durch das gekippte Fenster drang und ihre erhitzte Haut sanft streichelte, wäre eine erfrischende Meeresbrise. Sie roch beinahe das Salz in der Luft, den Rosmarin und die Pinien, den Lavendel und die warme Erde. Als sie bei der nächsten Station die Augen öffnete, deaktivierte sie lächelnd die Geschäfts-SIM-Karte in ihrem Dual-Handy. Nur noch schnell ein Selfie, wie sie mit verträumtem Blick den Kopf an die Zugscheibe lehnte, ein hübscher Filter darüber, „Endlich Urlaub!“ darunter und veröffentlichen. Und dann: Ruhe. Endlich Ruhe. Ach ja, das Leben konnte einfach wunderbar sein!

Bilder von Florian und ihr, wie sie an einem Strand der Côte d’Azur lagen, wie sie bei Sonnenuntergang einen Aperitif genossen, wie sie durch malerische Gässchen schlenderten, tauchten in ihr auf. Sie hatten sich vor eineinhalb Jahren kennengelernt, sofort Hals über Kopf ineinander verliebt und wenige Wochen später war Laura bei ihm eingezogen. Es war einfach perfekt! Florian war genau der Ausgleich, den sie brauchte, auch wenn er als Finanzbeamter manchmal einen Hauch zu entspannt und freizeitorientiert für ihr Verständnis war. Er liebte seine Routine, seinen geregelten Tagesablauf und den Sport mit seinen Freunden. Sie hingegen war aufstrebende Projektmanagerin in einem global führenden amerikanischen Unternehmen. Manchmal wunderte sie sich darüber, dass sie so gut zusammen passten. Ihre steile Karriere verdankte sie vor allem ihrem unermüdlichen Einsatz und ihrem grenzenlosen Willen zum Erfolg. Ihre Tage begannen früh und endeten spät, oft saß sie auch an den Wochenenden über Tabellen, Studien, Auswertungen und Prognosen. Für gewöhnlich war sie rund um die Uhr erreichbar, und dass sie gerade die SIM-Karte deaktiviert hatte, war waghalsig. Laura wurde bereits jetzt unruhig und war nahe dran, sie wieder anzustellen, hielt sich dann aber doch davon ab.

Die bevorstehende Reise sollte ihre zweite gemeinsame nach dem Tauch- und Strandurlaub in Mexiko und den Wochenendtrips nach Helsinki, Glasgow und Barcelona werden. Wie sehr sie sich freute, dass sie nun endlich wieder viel Zeit miteinander verbringen konnten! Es war Florians Idee gewesen, mit dem Auto kreuz und quer durch Südfrankreich zu fahren. So waren sie flexibel und konnten jederzeit genau das tun und lassen, worauf sie gerade Lust hatten. Laura war noch nie mit dem Auto einfach drauflosgefahren, aber das erwartete Abenteuer kribbelte lustig in ihren Fingerspitzen. Sie war froh, dass Florian die grobe Planung übernommen hatte. Er wusste, was sie mochte, und außerdem hatte sie aufgrund der hohen Arbeitsbelastung leider keine Zeit für ausführliche Vorbereitungen gehabt.

„Ach ja“, seufzte sie, öffnete die Augen und sah in das schmunzelnde Gesicht einer etwa 70-jährigen Dame mit lustigen blonden Locken und einem Dackel, der hechelnd bei ihren Füßen lag. „Schön ist es heute, nicht wahr?“, fragte diese mit einem zufriedenen Lächeln.

„Oh ja, sehr schön“, stimmte Laura ihr glücklich zu.

 

Doch weniger als eine Stunde später war plötzlich gar nichts mehr schön. Florian wirkte ungewohnt hektisch, er lief die ganze Zeit über murmelnd und murrend in der Wohnung herum, stellte die Musik erst lauter, dann leiser und wirkte überhaupt nicht so, als würde er sich auf den Urlaub freuen.

„Ist alles in Ordnung? Was hast du denn?“, fragte Laura besorgt.

„Nichts ist los! Alles bestens“, brummte er und stapfte aus dem Zimmer.

Sie holte tief Luft und zwang sich, ruhig zu bleiben. Bestimmt war er nur aufgeregt und seine schlechte Laune würde sich bald von selbst legen. Er war sonst schließlich immer sehr ausgeglichen. Folglich ignorierte sie sein Gebrabbel und konzentrierte sich aufs Packen. Sie war gerade dabei, im Wohnzimmer ihre Schuhe in Stofftaschen zu stecken und in den Koffer zu legen, als er völlig unvermittelt losbrüllte: „Am besten wird sein, du suchst dir einen Kerl, der genauso langweilig, hohl und karrieregeil ist wie du!“ Dabei donnerte er die Faust auf den Tisch, sodass ein Glas um und zu Boden fiel, und stürmte aus dem Zimmer.

Die Erschütterung hallte in Laura wider, doch äußerlich stand sie wie schockgefrostet da. Entsetzt starrte sie ihm nach. Was war das auf einmal? Woher kam dieser Zorn? Sie waren doch glücklich und fuhren morgen in Urlaub! Ihre Kiefer malmten, ihr Mund öffnete und schloss sich, aber kein Ton kam heraus.

Sie hörte ihn im Schlafzimmer herumhantieren, etwas polterte zu Boden, dann kam er mit einer leichten Sommerjacke über den Schultern zurück. Als er, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, an ihr vorbeiwollte, fand sie die Sprache wieder.

„Langweilig? Karrieregeil? Ich? Sag mal, was hast du denn auf einmal? Und wo willst du hin?“ Ängstlich und fassungslos rannte sie ihm nach. „Wollten wir nicht gemeinsam in den Biergarten und den Urlaub einläuten?“

Als Antwort erhielt sie nur ein abfälliges Schnauben. Er ging gar nicht auf sie ein! „Ach ja? Und wie oft willst du im Urlaub am Handy hängen? Den ganzen Tag oder nur fünfmal?“

„Hey, so ein Unsinn! Ich habe die Karte vorhin schon deaktiviert! Niemand wird uns stören.“

Er schnaubte nur abfällig. „Das glaubst doch auch nur du, Laura. Träum schön weiter!“

Sie streckte die Hand nach ihm aus und fasste seinen Unterarm, doch er schüttelte sie ab wie eine lästige Schmeißfliege. Laura ignorierte es vorerst. „Hör mal, Florian, ich weiß ja, dass ich viel arbeite, aber es ging in letzter Zeit nicht anders. Aber jetzt habe ich Urlaub! Das weiß auch der Siebert. Er wird mich in Ruhe lassen, das hat er mir hoch und heilig versprochen.“

„Ach, dein Chef sagt viel, wenn der Tag lang ist. Das Problem bist du selber, Laura, du bist von der Arbeit besessen. Du arbeitest, damit du nicht merkst, wie hohl und leer dein Leben im Grunde ist!“

„Florian!“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. „Wie kannst du so etwas Gemeines sagen! Ich arbeite, weil es nicht anders geht. Es kann ja nicht jeder so einen ruhigen Job haben wie du.“

Er hatte die Wohnungstür aufgerissen und hielt die Klinke schon von außen in der Hand. Innerlich spannte Laura sich in Erwartung des lauten Knalls an. Doch der kam nicht. Stattdessen schnellte Florian wie von der Tarantel gestochen herum. „Ruhiger Job? Du schaust auf mich herunter, das ist es!“

„Das stimmt doch gar nicht!“

„Du bleibst doch nur so lange im Büro, damit ich mir wie ein Versager dir gegenüber vorkomme. Aber das bin ich nicht! Im Gegensatz zu dir habe ich ein Leben und Freunde!“

Laura schluckte verzweifelt. Was war nur in ihn gefahren? „Wie kommst du denn auf so was? Du bist doch kein Versager!“

„Ach, echt? Nett, das zu hören. Aber ein Nichts im Vergleich zu dir, die mit 27 schon hundert Leute unter sich hat, die sämtliche Karrierestufen überspringt, auf internationalen Konferenzen spricht und macht und tut und – Laura! Die Welt steht dir offen! Geh hin!“, brüllte er mit einem entsetzlich hysterischen Lachen.

Laura zitterte am ganzen Körper, so hart trafen sie seine Worte und sein unverhüllter Hass. Wie lange hatte der schon in ihm geschlummert? Sie hatte rein gar nichts davon bemerkt! Stumm kämpfte sie gegen das aufsteigende Schluchzen an. Doch Florian war noch nicht fertig.

„Ich schaue dir schon die ganze Zeit beim Packen zu. Wo sind denn die Bergschuhe? Hm? Nirgends, richtig? Du hast sie gar nicht gekauft. Du hast nur hübsche Kleider, Bikinis, fünftausend Paar ähnliche Sandalen, Nagellack …“

„Hör auf!“, schrie sie. „Was für Bergschuhe überhaupt?“

„Was. Für. Bergschuhe? Das ist ja wohl der Gipfel! Was für Bergschuhe! Die, von denen ich dir seit Wochen sage, dass du sie dir für den Urlaub kaufen sollst! Du willst doch nicht im Ernst in Sneakers übers Zentralmassiv?“

„Zentralmassiv?“

„Sag mal, Laura, hast du mir überhaupt nie zugehört? Wovon habe ich denn die ganze Zeit geredet?“

„Von … von Frankreich. Von Südfrankreich …“ Dabei hatte sie an Antibes, Nizza, Cannes gedacht. Aber doch nicht ans Gebirge!

„Du hast dir jetzt aber nicht eingebildet, dass ich mich zwei Wochen lang an den Strand lege, oder?“

„Ähm …“

„Ach, Laura, komm. So dumm und egozentrisch kannst auch nur du sein. Das eine Mal in Mexiko hat mir gereicht, schon vergessen?“

„Nein“, murmelte Laura. Hatte er es damals wirklich ernst gemeint, dass er keinen Tag länger ertragen hätte? Er hatte dabei doch gelacht! Sie hatte es für einen Scherz gehalten, denn den gesamten Aufenthalt über war er gut gelaunt gewesen. Kannte sie ihn wirklich so wenig? „Wir können doch ein paar Tage Berge und ein paar Tage Strand machen. Entweder ich kaufe mir dort Bergschuhe …“

Er lachte höhnisch. „… und läufst dir tausend Blasen …“

„… oder ich gehe in den Sneakers, die blauen sind sehr gut.“

„Sneakers? Mit Sneakers auf den Berg? Sag mal, spinnst du jetzt komplett, oder was? Bist du lebensmüde oder schon total von Instagram verseucht?“

„Was soll das denn schon wieder? Jetzt mach aber mal einen Punkt! Millionen Leute gehen in Sneakers auf den Berg, und keiner fällt runter!“

„Hast du eine Ahnung, wie viele da sehr wohl runterfallen? Jedes Jahr Tausende!“, schrie er erbost, bevor er angsteinflößend ruhig wurde. Bitterböse zischte er: „Aber jetzt, wo du’s sagst: Es ist tausendmal besser, dass du dir keine Bergschuhe gekauft hast, weil du für ein bescheuertes Selfie bestimmt so weit vorklettern würdest, dass du auch runterfällst, und deswegen ist es viel besser, dass du gar nicht erst raufgehst!“

Laura konnte kaum glauben, was Florian da soeben von sich gegeben hatte. Sie kämpfte um ihre Selbstbeherrschung, denn auf keinen Fall wollte sie vor ihm weinen. Sie hatte seit Jahren nicht mehr geweint, war nun aber nahe dran. „Ach, so ist das. So denkst du also über mich. Ich bin eine blöde Tussi, die nur die Karriere im Kopf hat, ihre Freunde vernachlässigt – das hab ich doch richtig rausgehört, oder? – und die so selbstverliebt ist, dass sie für ein geiles Foto ihr Leben riskiert?“

„Das hast du jetzt gesagt. Aber ja, ehrlich gesagt fasst das den Eindruck ganz gut zusammen, den ich seit Längerem von dir habe.“

Wie betäubt sah sie ihn an. Wer war der Mann? „Okay, also … Wenn das so ist, dann ist wohl die einzig logische Konsequenz, dass wir uns trennen, oder?“, sagte sie mit gestrafften Schultern und erstaunlich fester Stimme.

Florian zuckte, aber über sein Gesicht huschte ein Lächeln, das Laura einen tiefen Stich versetzte. „Das hast zwar jetzt auch wieder du gesagt, aber ja, das wird wohl das einzig Sinnvolle sein.“

Blitzschnell wandte Laura sich ab. „Dann war’s das jetzt also? Einfach so?“

Mit einem Mal war es totenstill im Raum. Etwas veränderte sich. Florian legte die Handflächen aneinander und holte tief Luft. Gefasst, und ohne sie anzusehen, sagte er: „Ich glaube, ja, Laura. Die Entscheidung war doch längst überfällig.“

„War sie das, ja?“ Zuerst zitterten ihre Wangen und ihr Kiefer. Dann ihre Schultern und schließlich ihr ganzer Körper. Laura weinte so gut wie nie. Jetzt aber rollte eine Träne über ihre Wange. Dann noch eine und noch eine. Doch anders als sonst immer, umfingen sie diesmal nicht Florians starke Arme. Er flüsterte nicht die Worte „Alles wird gut“, wie er es so oft getan hatte, wenn sie vor Versagensängsten und Termindruck nicht schlafen konnte. Er streichelte ihr nicht beruhigend über den Kopf. Seine Lippen bedeckten nicht ihre Haut, so wie vor langer, langer Zeit. Es musste in einem anderen Leben gewesen sein, dass sie sich zuletzt so nahe gewesen waren. Körperlich und innerlich. Wie konnte das so schnell vergehen? Gab es denn gar nichts im Leben, was blieb? Nichts und niemanden? Sie war wieder so unerwartet völlig allein und ungeliebt wie damals, vor vielen Jahren, als alles kaputtging.

„Dann …“ Sie hob die Schultern, rang die Hände und stieß ein Galgenlachen aus. „Dann ist es ja gut, dass ich schon halb gepackt habe, denn so bin ich schneller weg, was?“

„Ach komm, sei doch nicht so“, seufzte er beinahe in dem liebevollen Tonfall, bei dem er ihr immer über das Haar strich. Gestrichen hatte. Immer – bis vorhin. Jetzt nicht mehr. Wahrscheinlich tat ihm seine Grausamkeit leid. Oder war er erleichtert? „Du kannst doch hierbleiben, bis du was Neues hast. Ich bin ab morgen ohnehin weg, und nur weil wir die Dinge jetzt beim Namen genannt haben, hassen wir uns ja nicht, oder?“

Was dachte er sich eigentlich dabei? „Ich will bestimmt nicht allein in deiner Wohnung sein“, presste sie mit letzter Kraft hervor.

Er sagte noch etwas, das sie nicht mehr verstand, dann fiel die Tür ins Schloss. Leise, viel zu leise, als dass es noch Hoffnung auf ein Zurück gegeben hätte.

Schwer wie Blei drehte sie sich um. Sie weinte nicht, sie sah nur das, was zu tun war. Also begann sie, alles einzupacken, was ihr gehörte.

2

 

„Wohin?“, hämmerte es pausenlos in Lauras Kopf, während sie mit einer Gefasstheit, die sie allein dem Schock verdankte, systematisch eine Schublade und ein Regal nach dem anderen durchging und die Sachen, die ihr gehörten, in Koffer, Taschen, Wäschekörbe und zuletzt sogar Tüten packte. Sie war zudem geistesgegenwärtig genug, die Winter- von der Sommerkleidung zu trennen Aber wohin mit all den Sachen, und wohin sollte sie mit sich selbst?

Wie konnte er ihr das antun? Dieser Fiesling! Am Abend vor dem Urlaub einfach so einen Streit vom Zaun zu brechen und Schluss zu machen! Wegen nichts und wieder nichts. Wegen Bergschuhen! Okay, aber wie hoch hätte er mit ihr steigen können, passendes Schuhwerk hin oder her?

Laura hasste Tränen, und es war Jahre her, dass sie zuletzt geweint hatte. Aber als sie nun einen Lebensabschnitt beendete, indem sie einen Gegenstand nach dem anderen in eine IKEA-Tasche legte, schniefte sie unaufhörlich. Das Schlimme war ja, dass Florian in einigen Punkten durchaus recht hatte. Zum Beispiel darin, dass sie ihre sozialen Kontakte im echten Leben vernachlässigt hatte. Denn obwohl die meisten ihrer Schul- und Studienfreunde um München herum wohnten, hatte sie die wenigsten von ihnen im letzten Jahr gesehen. Alles hatte sich nur um die Arbeit, diverse Projekte, Deadlines, Events, Boni und dergleichen gedreht. Aber das war doch normal! Den anderen ging es doch auch so! Man bekam ja über Facebook, Insta und Co. mit, was im Leben der anderen abging. Nur Florian war höchstens sporadisch auf Facebook und hatte nicht mal Profile bei den anderen Netzwerken. „Wozu? Ich sehe meine Freunde doch ohnehin jede Woche!“, lautete seine Einstellung dazu.

Diese Entspanntheit hatte ihr anfangs imponiert. Er lebte so sehr im Augenblick, stand irgendwie viel fester auf dem Boden als sie, die immer nur lief und rannte und nach den Sternen griff. Aber ja, auch das war doch normal! Man musste sich anstrengen und alles geben, solange man jung war. Wie schnell war es zu spät, und dann brachte man es nie zu etwas! Das mit der Work-Life-Balance war etwas für Weicheier und hatte Zeit bis später. Warum verstand er das nicht? Und noch schlimmer: Warum schätzte er ihren Einsatz und ihre Leistung nicht? Was war das eigentlich für ein Mensch, dem das alles nicht wichtig war? Hätte sie wirklich mit so einem alt werden wollen?

Sie war mehrmals Mitarbeiterin des Monats gewesen, mit Foto im Internet und in der Hauszeitschrift. Sie hatte von Anfang an jedes Jahr persönliche Boni kassiert, was nur wenige schafften, und war für zwanzig Angestellte verantwortlich. Und das mit 27! Das musste ihr erst mal einer nachmachen! Und wenn die Bellpay App erst mal so richtig durch die Decke ging, dann … Eine weitere Beförderung war ihr schon in Aussicht gestellt worden.

Dumm nur, dass von dem ganzen hart verdienten Geld so verdammt wenig übrig war. Gut, einiges lag in Aktien und EFTs gebunden auf ihrem Depot, aber den Großteil hatte sie in Klamottenläden, Restaurants, Bars und Clubs verjubelt. Work hard, play hard, lautete ihre Devise. Auch diverse Schönheitssalons, die alles von Waxing über ManiPedi, klassische Kosmetik und eine Zeit lang Extensions anboten, zählten Laura zu ihren gern gesehenen Stammgästen. „Immerhin habe ich nie Fake-Wimpern gehabt!“, verteidigte sie sich lahm vor sich selbst, als ihr das Ausmaß ihrer Verschwendung und deren Folge bewusst wurde. Nämlich, dass sie sich bei Weitem keine Wohnung leisten konnte. Also, nicht zum Kaufen, und das war doch das, was man in Zeiten wie diesen unbedingt tun sollte. Die Mieten explodierten landauf, landab, und mit ihren 27 Jahren hatte Laura den Zug schon verpasst. Brauchte man nicht dreißig Prozent des Kaufpreises für ein Darlehen? In München? Vielleicht, wenn sie die nächsten zwei Jahre gar nichts mehr aß … Oder in den bayerischen Wald zog? Nein, sie würde sich in absehbarer Zeit nicht in den stolzen Kreis der Immobilienbesitzer einreihen. Sie würde eine Wohnung mieten. Aber dann musste sie das alles einrichten! Wie ätzend. Laura hasste einrichten und dekorieren. Das Geld war ihr egal, aber die Zeit! Man brauchte ja ewig, bis man auch nur ein paar Kleinigkeiten auswählte, und am Ende passte doch wieder nichts zusammen. Es war einfach ätzend.

„Ob die falschen Wimpern die Heulerei überstanden hätten?“, fragte sie sich halblaut und musste lachen. Die Fähigkeit, in allem etwas Lustiges zu sehen, war etwas, das Florian an ihr geliebt hatte. Hatte! „Ach, zum Teufel mit dem Kerl!“, fluchte sie und schlug mit einem T-Shirt, das ihr ohnehin nicht mehr gefiel, auf den Fußboden und warf es auf den Haufen mit Müll.

Egal. Nicht an ihn denken!

„Wohin?“ Das war die alles entscheidende und momentan einzig wichtige Frage.

Zu einer Freundin konnte sie nicht gehen, schlicht und ergreifend aus dem einfachen Grund, weil sie keine hatte. Da hatte Florian recht und die Zeit auf Facebook wenig gebracht. Aber sie musste hier weg! Und zwar sofort. Keine Nacht mehr würde sie hier verbringen.

Sie könnte zum Flughafen fahren und mit dem Sommerkoffer last minute wegjetten. Zeit hatte sie ja. „Das ist es! Ich mach mir meinen Urlaub eben allein schön! Von wegen langweilig! Dem werde ich’s zeigen! Ich finde jemanden, der viel toller ist als er!“, rief sie triumphierend und war sofort besserer Dinge. Erst mal alles regeln, danach wäre im Flugzeug noch genügend Zeit zum Traurigsein. Aber nur bis zur Landung, dann musste alles vorbei sein. Wenn der Kerl überhaupt der Trauer wert war, wenn er sie doch schon so lange verabscheut haben musste! Kuba, Bali oder Namibia – auf dem langen Flug dorthin würde sie mit dem Nachtrauern fertig werden. Oder vielleicht doch ganz einfach Griechenland?

Hach, Pläneschmieden tat so gut! Man musste einfach immer nur wissen, wohin der nächste Schritt ging, und durfte dabei das große Ziel nie aus den Augen verlieren. Und da fiel Laura ein, wo sie all die Taschen lassen konnte, die sie im Urlaub nicht brauchte. Außerdem konnte sie dort die Nacht verbringen, weil Mütter sich ja immer freuten, ihre Kinder zu sehen. Als sie jedoch anrief, läutete und läutete es, doch ihre Mutter hob nicht ab.

„Dann fahre ich eben so vorbei“, beschloss Laura kurzerhand. Wozu hatte sie schließlich einen Schlüssel? Mama hätte bestimmt nichts dagegen, wenn sie ihre Sachen vorrübergehend im Keller deponieren würde. Es war ja nicht für lange, auch wenn sie noch nicht wusste, wo sie nach dem Urlaub wohnen würde. Aber bis dahin war ja noch Zeit.

Nachdem sie die letzte Tasche in ihren Audi gequetscht hatte, warf sie Florians Schlüssel voller Verachtung in den Briefkasten und raste in führerscheingefährdender Geschwindigkeit die A8 Richtung Süden entlang. Sie hielt sich gut und vergoss keine Träne, bis am Chiemsee „Mensch“ von Herbert Grönemeyer im Radio lief. Sie hatte mit dem Sänger nie etwas anfangen können, aber ihr Vater hatte ihn geliebt, ganz besonders dieses Lied. Sie war normalerweise nicht nah am Wasser gebaut, doch heute musste sie anhalten, weil sie vor Tränen nichts mehr sah und vor unkontrollierbaren Zuckungen nicht mehr lenken konnte. Florian würde dieses Lied niemals für sie singen! Er hatte sie nicht geliebt! Schon lange nicht mehr. Und jetzt war sie wieder allein. Sie hasste es, allein zu sein. Alleinsein war neben Verlassenwerden das Schlimmste, was es für sie gab. Deswegen war sie seit ihrem 16. Lebensjahr keinen Tag mehr Single gewesen. Bis heute. Heute hatte sie ihr siebter Sinn dafür, wann Beziehungen in die Brüche gingen und wann sie sich nach jemand Neuem umschauen musste, verlassen. Florian war der erste Mann, der mit ihr Schluss machte. Dieses Verlassenwerden fühlte sich an, als würde ihr jemand die Faust in die Brust rammen, um das Herz schließen, fest zupressen und langsam mehrmals umdrehen. Es war der gleiche Schmerz, die gleiche Atemnot, die gleiche Orientierungslosigkeit wie damals mit 16, als ihre Mutter ihr mitteilte, dass ihr Vater nach Saisonende nicht nach Hause kommen würde. Er war weg. Einfach so. Ohne ein Wort der Erklärung seinerseits. Er war einfach weg. Bis heute.

Er war in Italien geblieben oder eben auch nicht, was wusste sie schon. Ihre Mutter behauptete, er sei mit einer anderen Frau durchgebrannt, nachdem er zuerst die Pizzeria in Deutschland, dann große Teile des elterlichen Besitzes in Grado verspielt und versoffen hatte. Gisela hasste und verabscheute diesen Versager bis aufs Blut und brach über die Scheidung auch mit seinen Eltern.

Die letzte Erinnerung, die Laura an ihn hatte, war die, wie ihre große Schwester Elena, ihre Mutter und sie selbst einen Tag vor Schulanfang vor dem voll beladenen Auto in Grado standen, wie er sie an sich drückte und gar nicht mehr loslassen wollte. Wie er flüsterte, wie sehr er sie liebte und sich auf das Wiedersehen in wenigen Wochen freute, wenn er mit seinem Auto nachkäme. Doch er kam nicht. Nie wieder. Elena zog zu der Zeit zum Studieren nach Regensburg, und von der Familie war beinahe über Nacht nur noch die Hälfte übrig. Ihre Mutter und sie zogen von dem hellen Haus in Marzoll in eine dunkle Wohnung in Piding im Schatten der Berge, und es dauerte zwei Jahre, bis der Vater ihr das nächste Mal zum Geburtstag gratulierte und frohe Weihnachten wünschte. Doch da existierte er kaum noch für sie. Er war nicht einmal zur Beerdigung seines eigenen Vaters erschienen. Obwohl sie seit dem Tag, an dem die Familie kaputtgegangen war, so gut wie keinen Kontakt mit ihren Großeltern gepflegt hatte, hatte sie sich freigenommen und war vor Sonnenaufgang in München los- und direkt zur Beerdigung durchgefahren. Sie war zum Leichenschmaus geblieben und anschließend sofort zurück nach München gerast, so fremd hatte sie sich gefühlt und so enttäuscht war sie von ihrem Vater gewesen. Nach wie vor rechnete sie es Florian hoch an, dass er sie an dem Tag begleitet hatte.

Bei der Ausfahrt Bad Reichenhall fuhr sie ab und hielt wenige Minuten später vor dem Gebäude, in dem ihre Mutter seit dem Tod ihres zweiten Ehemannes vor zwei Jahren allein wohnte. „Die hat aber auch ein Pech mit den Männern“, schoss es Laura kurz durch den Kopf, als sie den Motor abstellte und ausstieg.

Die Sterne leuchteten an einem wolkenlosen Himmel und der Mond stand als große silberne Scheibe über den Alpen. Ein laues Lüftlein wehte und es roch nach frisch gemähtem Gras. Alles war still, nur ein paar Grillen zirpten,

Laura hatte von unterwegs zweimal versucht, ihre Mutter anzurufen, konnte sie aber nicht erreichen. So stellte sie nun verwundert fest, dass Licht brannte.

Eine Weile rührte sich nichts, dann klang es erschöpft und genervt aus der Gegensprechanlage: „Ja?“

„Mama? Ich bin’s, Laura.“

„Laura? Du? Jetzt? Was machst du denn hier?“

„Ähm, das ist eine lange Geschichte. Kann ich erst mal reinkommen?“

„Ja … Es ist nur … Natürlich.“

Der Summer ertönte, Laura ging hinauf und erkannte ihre Mutter kaum wieder. Das Hauskleid der ansonsten so gepflegten 52-Jährigen war zerknittert und das Kajal verschmiert. Ihre Haut wirkte fahl und die blonden Haare standen ihr wirr vom Kopf ab.

Andersherum erkannte ihre Mutter sie wohl ebenso wenig wieder.

„Mama?“

„Laura?“

Beide sahen einander ungläubig an, dann ging Laura in die Wohnung oder zumindest in das, was sie bislang dafür gehalten hatte. Denn in dem schmalen Gang, der Küche und überhaupt überall standen Kisten. Unzählige Kisten.

„Was ist das denn?“, stammelte sie und legte die Hand an die Stirn.

„Wasserschaden“, seufzte die Mutter völlig erschöpft und ließ den Kopf sinken. „Der ganze Keller … Das ist alles, was ich retten konnte, der Rest ist schon auf der Mülldeponie.“ „Der ganze Keller?“, wiederholte Laura entsetzt. Entsetzt in zweifacher Hinsicht, weil ihr sofort etwas klar wurde.

„Ja.“ Die Mutter schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und nickte kraftlos.

„Oh, Mama! Wie ist das denn passiert?“

Gisela holte eine Weinflasche, nahm zwei Gläser und trug alles auf den winzigen Balkon. Dort erzählte sie das Wichtigste. Zum Glück war sie nicht selbst schuld, sodass die Versicherung wohl etwas bezahlen würde, aber niemand wusste, wie viel und wann.

„Ja, dann pack den Koffer und komm mit in den Urlaub! Ich muss nur meine Kisten zu deinen stellen und schon kann’s losgehen!“, rief Laura so begeistert, wie ihr Galgenhumor es zuließ.

Die Mutter, die bis dahin nur lethargisch den Kopf geschüttelt hatte, wurde hellhörig.

„Kisten, Laura? Was für Kisten?“

Stockend umriss Laura, was geschehen war. Erst wollte sie Florians Beweggründe auslassen, aber es half ja nichts.

„Oh, Laura! Das ist ja furchtbar! Und jetzt? Du bist 27 und wieder Single?“

„Mama! Was soll das denn jetzt?“, stöhnte Laura genervt, aber die Mutter redete schon weiter.

„Noch dazu ohne Wohnung? In München! Das ist ja furchtbar!“

„Ja, ist es, ganz furchtbar, ich weiß“, murmelte Laura, dankbar für das Mitgefühl. Das vermeintliche. Denn die schonungslose Vernunft der Mutter schlug umgehend erneut durch. „Und sag mal, wie willst du denn auf die Schnelle eine neue finden? Oder hast du schon den Nächsten, bei dem du einziehen kannst?“

„Mensch, Mama!“, brauste Laura nun doch auf, weil die Mutter den Finger in die klaffende Wunde gelegt hatte. 27, Single, verlassen, keine Wohnung ... Gut, dass sie nichts von den fehlenden Freunden und dem schmalen Kontostand gesagt hatte! „Muss das jetzt sein? Ich weiß es doch selber nicht! Ich werde schon eine Wohnung finden. Kommt Zeit, kommt Rat. Und nein – ich habe noch keinen Neuen, wäre auch ein bisschen schnell, innerhalb von drei Stunden?“

„Oh, so frisch ist das noch. Das tut mir leid, so war das nicht gemeint. Ich bin nur selbst ziemlich fertig wegen dem hier“ Sie wies auf die Kartons. „Sorry, dass mir das so rausgerutscht ist, weil, na ja, es war eben einfach bis jetzt immer so, dass du von einem Mann gleich zum nächsten gezogen bist.“ Sie versuchte ein Lächeln und zuckte versöhnlich die Schultern. „Das war halt schon sehr praktisch und …“

Lauras Gedanken schweiften kurz ab. „Entschuldige Mama, was hast du gesagt?“

„Dass du dir überlegen solltest, wo du hinkannst. Hier kannst du nicht bleiben, das siehst du ja selber.“

„Das tu ich! Deswegen habe ich dich ja gefragt, ob du mit in den Urlaub willst. Und Mama, ich bin seit heute Single! Das ist ein bisschen früh für so viel Druck, findest du nicht? Ich muss erst mal raus und Abstand kriegen.“

„Du willst jetzt echt weg?“

„Ja, was soll ich denn sonst tun?“, stöhnte Laura, stützte den Kopf in die Hände und schüttelte sich.

„Na, in Florians Wohnung bleiben und die Zeit nutzen, um dir was Neues zu suchen! Im Urlaub lösen sich doch keine Probleme von allein!“

„Ach, und wer sagt das? Hatte der Mateschitz die Idee für Red Bull nicht auch am Strand?“

„Hach, ja, genau! Deswegen legen sich alle jungen Leute heutzutage nach dem Abi erst mal ein Jahr lang an den Strand! Na, dann leg dich doch dazu und warte auf die Eingebung. Vielleicht wirst du ja schnell so reich, dass du dann für immer in einem Hotel wohnen kannst und dir gar keine eigene Wohnung mehr suchen und sie noch dazu einrichten musst.“

Jetzt auch noch die Mutter? Lag es am Wasserschaden, am vielen Wein oder hatten sich ihre stillen Vorwürfe tatsächlich so drastisch vermehrt, dass sie jetzt schon förmlich aus ihr herausquollen? Welche Abneigung schlummerte eigentlich noch in den Menschen, die ihr am nächsten stehen sollten? Oder war sie selbst aufgrund der Trennung so empfindlich, dass sie sich am liebsten zu einem Ball zusammengerollt und gewartet hätte, bis alles vorbei war? Aber das kam nicht infrage. Nur Feiglinge verkrochen sich, da hatte ihre Mutter schon recht. Aber noch mehr Vorwürfe und Beleidigungen würde sie nicht ertragen! Sie verkniff sich einen Konter, presste die Lippen aufeinander und sah schweigend zu den Sternen. Da fiel der Mutter noch etwas ein. Voller Panik rief sie: „Aber, deinen Job hast du schon noch, oder?“

„Mensch, Mama! Ja, den habe ich noch, keine Sorge. Ich habe nur endlich mal ganze zwei Wochen am Stück frei und kann mich endlich mal richtig erholen. Ich geh auf dem Zahnfleisch!“

„Das hätte ich auch gern. Aber die Kollegen sind krank und …“

„Schon klar“, winkte Laura kraftlos ab. „Du kannst nicht weg, weil irgendwer dich ganz dringend braucht.“

Gisela schnaubte. „Das tun sie, ja! Und wenn es um deine Arbeit geht, denkst du doch genauso!“

Das stimmte. Laura schwieg eine Weile, bevor sie nickte. „Stimmt, Mama. Tut mir leid. Es wäre halt einfach schön gewesen, mal wieder zusammen in Urlaub zu fahren.“

„Das schon, ja. Nächstes Mal planen wir einfach ein bisschen im Voraus, okay?“

„Das machen wir“, stimmte Laura versöhnlich zu.

Nach erneutem Schweigen holte die Mutter tief Luft. „Also, wo willst du hin?“ Den Kopf schüttelnd starrte Laura auf den Boden. „Keine Ahnung. Weiß noch nicht. Mal schauen. Aber sag mal, kann ich mein Auto hier abstellen, wenn ich schon die Sachen nicht ausladen kann?“

Gisela, die sich gerade entspannt zurückgelehnt hatte, streckte den Oberkörper nun ungläubig nach vorn. „Wie bitte? Du willst dein vollgepacktes Auto wochenlang an der Straße stehen lassen?“

„Ja, was denn …“ Laura sprach nicht weiter. Die Idee war wohl doch nicht ganz ausgegoren, das erkannte sie selbst. Wohin also?

Mit einem großen Schluck leerte die Mutter ihr Glas und stand auf. „Mich dünkt, du musst deine Sachen mitnehmen und mit dem Auto wegfahren“, kicherte sie dann völlig albern und ging leicht schwankend ins Haus.

3

 

„Ich fahr zu Oma ins Hotel!“ Von ihrem frühmorgendlichen Geistesblitz erfüllt, sprang Laura vom Sofa auf. Sofort musste sie wieder daran denken, was Florian ihr vorgeworfen hatte. Ein Urlaub in Grado, dem nördlichsten aller Adria-Seebäder, war natürlich gefundenes Fressen für sein Todesurteil „faul und langweilig“. Aber was kümmerte sie das! Es war doch egal, was der Kerl dachte! Sie würde ihm zeigen, dass Grado cool, lässig und aufregend war, oder, falls das unmöglich sein sollte, sie würde eben so tun, als sei sie woanders!

Wut war Energie und besser als Heulen. Doch unweigerlich kamen ihr erneut die Tränen, weil sie sich gleichzeitig immer schrecklich hilflos fühlte, wenn sie wütend war. „Jetzt. Nicht. Heulen!“, ermahnte sie sich in Gedanken. Sie ballte die Fäuste und biss die Zähne aufeinander. Zum Heulen war später immer noch genügend Zeit, und die Mutter hasste Tränen. Da wurde sie immer ganz aggressiv.

„Oma? Welche Oma?“, fragte Gisela, die gerade dabei war, sich zwischen all den Kisten und Kartons einen Kaffee zuzubereiten, müde und überrascht zugleich. Es war sieben Uhr morgens an einem Samstag, aber sogar um diese Uhrzeit sah sie aus wie aus dem Ei gepellt.

„Meiner? Der Mutter von Papa?“, gab Laura sich betont lässig. Sie spürte, wie unruhig, nervös und aggressiv ihre Mutter wurde.

„Graziana? Aber mit der hast du doch seit Jahren keinen Kontakt mehr!“

„Stimmt ja gar nicht! Ich habe sie bei Opas Beerdigung letztes Jahr gesehen!“

„Aha. Und du meinst, das reicht für einen spontanen Überfall?“

„Aber Oma bleibt doch Oma!“, rief Laura und merkte selbst, dass sie sich an eine kindliche Vorstellung von dem verlorenen Sohn, der jederzeit willkommen war, klammerte. Außerdem überspielte sie damit ihre Schuldgefühle sowie ihre Traurigkeit darüber, dass sie ihre Oma in all den Jahren nicht kontaktiert hatte. Aber gut, das hatte seine Gründe, die natürlich mit dem Verschwinden ihres Vaters zu tun hatten. Denn ganz bestimmt hätte Laura ihre Oma Anna, wie Graziana von allen genannt wurde, angerufen und sie besucht, wenn Gisela ihr nicht unmissverständlich klargemacht hätte, dass diese italienische famiglia des Teufels war, für immer in der Hölle schmoren sollte und dass sie, Gisela, nie wieder etwas mit ihnen zu tun haben wollte. Diese Entscheidung schloss die damals sechzehnjährige Laura automatisch mit ein.

Jahre später hatte Gisela Laura in einer von zu viel Wein verheulten Nacht gestanden, dass ihr Vater anfangs durchaus Kontakt mit den Kindern gewünscht hatte, dass sie, Gisela, diesen aber vehement unterbunden hatte, um Laura vor dem schlechten Einfluss zu schützen, und weil sie selbst nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Laura hatte getobt und gebrüllt und lange Zeit kein Wort mit ihrer Mutter gewechselt. Doch dann erwischte sie selbst zum ersten Mal ihren damaligen Freund im Bett mit einer anderen Frau und konnte allein deswegen die Reaktion ihrer Mutter nachvollziehen. Dazu kam, dass ihr Vater selten, und wenn, dann nur für kurze Gespräche erreichbar war. Gisela behauptete, er hätte sich nie viel um die Kinder gekümmert, aber in Lauras Erinnerung war das anders. Seit der Trennung war wohl zu viel passiert, als dass sie da, wo sie aufgehört hatten, einfach so hätten weitermachen können, und niemand schlug ein längeres Treffen vor. Nichtsdestotrotz gab es Momente, in denen Laura ihren Vater noch immer schmerzlich vermisste.

Was aber, wenn ihre Oma genauso dachte wie Gisela? Wenn sie nichts mehr mit „der deutschen Familie“ zu tun haben wollte? Konnte das sein? Hätte sie sie dann zur Beerdigung eingeladen? Und war sie da, trotz aller Trauer, nicht dennoch herzlich und lieb zu Laura gewesen? Trotzdem war die Frage nicht unberechtigt: Was, wenn Anna nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte?

„Ich frag ja nur. Schau, Laura – bei mir hattest du dich seit Weihnachten nicht mehr blicken lassen. Du hast nur alle paar Wochen mal kurz völlig gehetzt angerufen. Aber dann, wenn du Hilfe brauchst, tauchst du einfach auf und …“ Sie sprach nicht zu Ende. Auch so war klar, was sie sagen wollte.

„Ich hatte versucht, dich zu erreichen! Und das mit der Oma ist doch was anderes“, verteidigte Laura sich. Wut und Verzweiflung warfen sie auf das Sofa zurück und sie spürte, dass sie die Tränen nicht mehr lange zurückhalten konnte. Gab es denn überhaupt niemanden, der ihr nichts vorwarf, sondern sie endlich mal verstand? „Fang jetzt bitte nicht du auch noch an“, flehte sie leise, doch ihre Mutter ging nicht darauf ein, sondern seufzte nur.

„Das habe ich gesehen, aber gestern war ausnahmsweise mal ich zu erledigt, um ranzugehen. Tut mir leid“, nuschelte sie.

„Ja, mir tut es auch leid, Mama, echt. Sorry. Ich wusste ja nicht, was hier los ist. Aber die Oma …“, begehrte sie mit kindlichem Trotz oder verzweifelter Hoffnung auf. „Sie muss mich doch sehen wollen! Sie ist doch meine Oma!“

„Ach Laura“ Gisela ließ die Schultern hängen und sah sie kraftlos an. „Frag sie doch einfach, ob sie Zeit und Platz für dich hat, dann weißt du’s.“

„Mach ich nach dem Duschen. Hast du ihre Nummer zufällig noch?“ Damit ging sie in das rosarote Bad. Frederik, der türkisfarbene Porzellan-Frosch, saß wie immer zwischen Waschbecken und Badewanne und schien sie aus seinen schwarzen Kulleraugen anzusehen wie ein ungeküsster Prinz. Wollte er sie auf den Arm nehmen? Das Leben war kein Märchen!

Unter der heißen Dusche konnte endlich niemand ihre Tränen sehen.

Was war das alles nur für ein Elend! Was war ihr geblieben außer der Arbeit?

Vielleicht sollte sie doch in Florians Wohnung zurück, den Schlüssel irgendwie aus dem Briefkasten fischen oder den Schlüsseldienst rufen den Urlaub verschieben und in Ruhe alles regeln? Sie grübelte, bis das Wasser kalt wurde und Laura aus der Dusche trieb. Auch im Bad war es kalt. Sie fror bis ins Mark und rubbelte sich heftig trocken. Frederik sah ihr teilnahmslos dabei zu. Oder täuschte das? Denn als sie ihm in die schwarz lackierten Augen schaute, war ihr, als würde er lachen. Dann dachte sie an ihre Oma und das kleine Hotel, das sie und Opa bis zu seinem Tod vor einem Jahr zusammen geführt hatten. Dort gab es auch Porzellanfiguren. Tiger und Löwen. Und sogar einen Dalmatiner. Und obwohl sie die Dinger offiziell natürlich hochgradig kitschig fand, liebte sie sie, weil sie ein fester Bestandteil ihrer Kindheitserinnerungen waren.

Als sie aus dem Bad kam, reichte Gisela ihr das handschriftlich geführte Telefonbuch. „Hier, probier die Nummer mal. Das ist die vom Hotel, die müsste ja noch stimmen. Eine andere habe ich nicht.“

„Danke“, murmelte Laura aufgeregt und wählte die lange Nummer, die mit der bekannten 0039 begann. Als sie schließlich das „Pronto?“ der vertrauten und geliebten Stimme hörte, brach sie erneut beinahe in Tränen aus. Um ihre Sentimentalität zu überspielen, rief Laura so laut „Oma?“ in das Handy, als gäbe es keine Funkverbindung. „Ich bin’s, Laura!“

Stille.

„Oma?“

„Laura?“, wiederholte Anna mit leiser, zitternder Stimme.

„Ja, ich bin’s, Laura, deine Enkelin!“ Angespannt hielt auch sie den Atem an. Was war nur los? Eine Oma musste sich doch freuen! „Was gibt’s denn? Was ist passiert?“, stieß sie schließlich ängstlich aus.

„Passiert? Nichts ist passiert! Ich wollte nur mal hören, wie’s dir geht und dich besuchen, falls du Zeit hast.“

„Dann ist niemand gestorben? Alle sind gesund?“

„Gestorben? Nein, wieso? Uns geht’s allen gut, und dir?“

„Gott sei Dank“. Anna atmete hörbar aus und murmelte etwas, das Laura nicht verstand. Das lag nicht an ihren Italienischkenntnissen, die in den letzten elf Jahren eingerostet waren, sondern an der Verbindung, die in Piding immer mehr schlecht als recht war.

„Entschuldige, Liebes, ich bin nur so überrascht, dass du plötzlich anrufst. Damit hätte ich nicht gerechnet.“ Ihre Stimme wurde immer leiser und klang mit einem Mal merkwürdig verschnupft. Weinte sie etwa?

„Oma?“, fragte Laura besorgt. „Ist alles in Ordnung bei dir?“

„Ja, ja, sicher. Certo, certo. Du hast gesagt, du willst mich besuchen, habe ich das richtig gehört? Meine Ohren sind nicht mehr so gut, weißt du.“

„Deine Ohren sind noch wunderbar, denn genau das habe ich gesagt! Was sagst du dazu? Hast du Zeit?“

„Für dich? Natürlich! Immer! Oh immer! Ich richte dir ein schönes Zimmer im Hotel her.“

„Das wäre ja schön! Ist es denn nicht ausgebucht?“

„Wie? Nein. Gar nicht. Ostern ist ja gerade vorbei. Ich freue mich ja so! Wann kommst du und wen bringst du mit?“

„Ich …“ Ach Gott, Anna dachte bestimmt, sie wäre verlobt, und jetzt war sie mindestens genau so enttäuscht wie ihre Mutter, dass sie mit 27 wieder Single war! „Also, ehrlich gesagt würde ich allein kommen, und wenn du willst, sogar schon heute.“

„Heute schon? So schnell? Nach so vielen Jahren! Ist das schön!! Du findest den Weg doch noch, oder?“

„Ich find dich schon, Oma“, beruhigte sie die aufgeregte Frau und merkte, dass sie selbst immer weiter entspannte und lächelte. Bei Anna würde alles gut werden, das spürte sie mit einem Mal deutlich. „Und für den Notfall habe ich ja auch ein Navi.“

„Es ist gar nicht weit, weißt du! Wenn du jetzt losfährst, bist du in vier oder fünf Stunden hier! Dann können wir zusammen zu Abend essen, wäre das nicht schön? Einfach die Autobahn Richtung Süden …“, fing sie an und Laura spürte, wie ihnen beiden das Herz aufging. Sie sah die gütigen Augen und das warme Schmunzeln in dem weichen Gesicht der Großmutter wieder vor sich und verschwendete keinen Gedanken mehr daran, wie langweilig und faul ein Urlaub an einem Strand werden würde, auf dem kilometerweit ein Liegestuhl neben dem anderen stand. Sie würde ihre Oma sehen! Und vielleicht sogar ein paar Freunde von früher. Ach, was waren das für herrlich unbeschwerte Tage gewesen! Aber wer würde noch dort sein? In Piding wohnte ja auch niemand mehr, mit dem sie zur Schule gegangen war, und Grado war mit seinen 8.000 Einwohnern unwesentlich größer.

„Ein gemeinsames Abendessen wäre schön! Ich bin so am späten Nachmittag da, glaube ich. Soll ich dich noch mal anrufen, wenn ich losfahre?“

„Nein, nein, Kindchen, das musst du nicht. Ich bin ja da. Fahr vorsichtig, ja?“

„Sì sì, nonna“, versprach Laura, und ein kleines Stück Frieden legte sich auf sie. „A dopo.“ Bis später.

„Bis bald, mein Liebling. Bis bald.“

 

Laura war von dem Telefonat so bewegt, dass sie spontan auf ihre Mutter zuging, sie in die Arme nahm und leise sagte: „Mama, es tut mir echt leid, dass ich so wenig Zeit hatte. Ich ändere das in Zukunft, versprochen!“

„Ja, ja, schon gut, Laura. Mach dir um mich keine Sorgen. Ich komm schon zurecht.“

„Sicher? Aber sag mal ehrlich: Brauchst du Geld? Ich kann dir was geben. Damit du die Kisten einlagern oder was Neues kaufen kannst.“

„Danke, das ist lieb von dir, aber nicht nötig. Die Einlagerung übernimmt die Versicherung. Die Firma kommt um zehn und holt die Kisten“, verkündete sie zuerst verschmitzt, dann immer breiter grinsend.

„Wie, die Kisten werden geholt?“ Lauras Mund und Augen standen sperrangelweit offen.

„Na, meinst du, ich lasse die hässlichen Dinger zwei Monate lang hier stehen?“

„Aber, Mama“, stammelte Laura. „Können die dann wenigstens meine Wintersachen nicht mit einlagern?“

„Doch, sicher können die das. Ich hätte es dir schon noch angeboten.“

Gisela grinste noch breiter und in ihren Augen tanzte der Schelm.

„Was du nicht sagst. Und warum hast du das nicht gleich getan? Dann hätte ich nach Kuba oder Bali oder sonst wohin fliegen können!“

Jetzt lachte Gisela schallend auf. „Genau deswegen. Ich wollte, dass du endlich mal nicht den einfachsten Weg nimmst und die Leute einspannst, wie es dir passt. Im Übrigen finde ich es gut, dass du Anna besuchst. Und grüß sie schön von mir.“

„Wow. Das ist ja mal ein Ding. Anna wird nicht mehr in Sippenhaft genommen!“, rief Laura überdreht. „Aber ja, mach ich gern.“

„Was soll das heißen, Sippenhaft? Sie hat sich auf seine Seite gestellt und ihm auch noch beim Abhauen geholfen, was soll ich da …“

„Hör auf!“, schrie Laura unvermittelt. „Hör endlich damit auf! Ich kann es nicht mehr hören.“

Ihre Mutter drehte sich um und rollte die Schultern nach hinten. „Schon klar. Entschuldige. Für dich ist er ja nach wie vor der Unschuldige.“

„Das ist er nicht! Ich weiß, was er getan hat! Aber er ist mein Vater, versteh das doch endlich mal!“

Gisela wurde still und bewegte sich nicht. Dann sagte sie leise: „Okay, ja. Er ist dein Vater. Es tut mir leid.“

Dabei hatte ihre Mutter mit ihrer Meinung nicht ganz unrecht. Matteo Benedetti war ihr Vater, ja, aber er hatte sie einfach verlassen. Hatte vieles, was genau wusste Laura nicht, verspielt und versoffen und war eines Tages einfach nicht mehr nachhause gekommen. Peng, einfach so. Manchmal hieß es, es hätte eine andere Frau gegeben, dann wieder, er hätte sich bis aufs Blut mit seinen Eltern zerstritten. Seit dem Tag, an dem Laura erfahren hatte, dass ihr geliebter Vater sie nicht genügend liebte, um nach Deutschland zurückzukehren, war sie wütend auf ihn. Meistens zumindest. Es gab auch Tage, an denen sie tief traurig war und der Familie, die seinetwegen zerbröselt war wie altes Laub, nachweinte. Selten, sehr selten, kam ihr der Gedanke, dass ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn das alles nicht passiert wäre. Da sie aber grundlegend mit ihrem Leben zufrieden und auf ihren Erfolg stolz war, dachte sie nicht oft daran. Doch jetzt war ihr, als würde die Traurigkeit tonnenschwer auf sie sinken. Hörbar sog Laura Luft ein. Ihre Mutter musste spüren, was in ihr vorging, denn sie stand auf und breitete die Arme aus.

„Komm mal her, mein Schatz“, flüsterte sie. „Ich liebe dich über alles, das weißt du, nicht wahr? Papa hat dich bestimmt auch geliebt, aber er hat einfach ein sehr schwieriges Leben, weißt du?“

Laura nickte. Ja, das wusste sie, aber trotzdem kam man mit dem Verstand nicht gegen Gefühle an. Mit einem zufriedenen Seufzen schmiegte sich so eng an ihre Mutter, wie sie es zuletzt als Kind getan hatte.

„Es tut mir sehr leid, dass du wegen Florian so leiden musst, aber ich glaube, das Ganze hat auch sein Gutes.“

„Sein Gutes?“, schniefte Laura. „Mama, das ist mir jetzt echt zu viel Vernunft.“

„Du wirst schon sehen. Ihr zwei habt doch wirklich nicht zusammengepasst, oder?“

„Aber du mochtest ihn doch!“

„Das hat doch damit nichts zu tun. Der Florian ist echt ein Lieber, aber ihr seid grundverschieden. Ich bin mir sicher, dass dir die Zeit allein jetzt mal guttut. Und Laura – noch was.“

„Ja?“ Laura hob langsam den Kopf.

„Fang bitte nicht wieder mit zwei Männern gleichzeitig was an. Das bringt doch nichts.“

Normalerweise hätte Laura sich aufbrausend verteidigt, doch heute war sie zu mürbe. So zuckte sie nur schwach mit den Schultern, nickte und starrte auf ihre Hände. Was konnte sie dafür, dass die Männer sie wie Bienen den Honig umschwirrten und dass sie manchmal nicht widerstehen konnte? Sie hatte zwei Mal den Fehler gemacht, sich übergangsweise mit zwei Männern gleichzeitig zu daten. Einmal war es gut gegangen, doch beim zweiten Mal hatte einer Wind vom anderen bekommen, bevor sie sich entscheiden und von dem anderen trennen konnte. Denn das hätte sie getan. Sie war sich nur nicht sicher gewesen, wer der bessere von beiden war. Laura hasste Alleinsein, und in ihren Augen war es immer noch besser, kurz mal zwei Männer gleichzeitig als gar keinen zu haben. Aber das war ein anderes Thema. Eins das ihre Mutter nicht verstand, wobei sie auch nie lange allein gewesen war.

4

 

Um die Mittagszeit, als Gisela sich wieder frei in ihrer Wohnung bewegen konnte, weil alle Kisten mit den Möbelpackern verschwunden waren, machte Laura sich auf den Weg Richtung Süden. Am Knoten Salzburg folgte sie der Beschilderung „Villach / Slowenien“ und wählte eine Playlist mit italienischen Superhits der Achtziger- und Neunzigerjahre, zu denen sie lautstark mitgrölte. Nur um Neks Superhit Laura non c’è machte sie einen weiten Bogen, weil ihr selbst nie jemand so schmerzlich nachweinen würde, wie es der Schlagersänger für seine Laura tat.

Laut Navi sollte sie in vier Stunden in Grado ankommen, das auch „Sonnen-“ und „Goldinsel“ genannt wurde. Glücklich träumte sie vor sich hin und ließ sich durch den Kopf gehen, was sie alles über die Lagunenstadt wusste.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, als es noch keinen Massentourismus gab und als lustvolles Reisen im Allgemeinen und Sommerfrische im Besonderen dem Adel und gehobenen Bürgertum vorbehalten waren, war Grado ein verschlafenes Fischerdörfchen mit einer einzigen Unterkunft für Fremde, dem Hotel Post, gewesen. Damals gehörte die Region, die am nördlichsten Ende des Golfs von Venedig lag, zum österreichischen Kaiserreich, und auch heute noch waren zahlreiche Spuren der prächtigen k.u.k. Ära erkennbar, die mit den römischen und venezianischen Einflüssen eine einzigartige Atmosphäre bildeten. Wenn man durch die verwinkelten Gassen, über die freundlichen Plätze, vorbei an sandfarbenen Häusern mit bunten Blumenkästen oder durch die hübschen Fußgängerzonen schlenderte, bekam man leicht das Gefühl, sich in einer anderen Ära zu bewegen.

Während in Jesolo und Lignano die wilde Party abging, erholte man sich in Grado lieber und ließ bei einem Cappuccino oder Aperol die Seele baumeln. Und wenn andernorts der Bauboom der Fünfziger- und Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts die langen Sandstrände mit unverzeihlichen Bausünden verschandelt hatte, so war Grado weitgehend davon verschont geblieben, zumindest was Höhe und Sichtbarkeit betraf. Denn nicht nur die Liebe, sondern auch Rundpinien deckten viele Sünden zu.

All diese Informationen bildeten ein konstantes Hintergrundrauschen in Lauras Gedanken. Vordergründig quälte sie jedoch die Frage, wie sie diesen Urlaub sozial erklären könnte, denn auch wenn man, oder zumindest sie, in diesem kleinen Paradies alles finden würde, was sie zum Glücklichsein brauchte, so konnte sie das niemandem verraten. Man würde sie auslachen! Grado war zu nah, zu durchschnittlich, zu ruhig – zu Adria eben! Die Adria war etwas für Langweiler, Spießer, Reihenhausbewohner, für Leute, die zu dumm waren, um zu erkennen, dass es wirklich schöne Flecken auf der Erde gab. Urlaub für Krethi und Plethi! Für Leute, die zwei Wochen lang Liegestuhl an Liegestuhl faul in der Sonne braten, durch das seichte Wasser waten und Tretboot fahren wollten. Noch dazu war das Meer hunderte von Metern weit seicht und alles andere als türkis oder dunkelblau, und auch exotisch bunte Fischlein fand man hier nicht. Es gab also nichts, was einen aufstrebenden, erfolgreichen Endzwanziger hierhergelockt hätte. Im Gegenteil: Es gab vieles, was ihn fernhielt.

Niemand fuhr an die Adria! Zumindest niemand, den Laura kannte. Die Adria war ein absolutes No-Go! Verflixt! Und sie war nicht nur auf dem Weg dorthin, sondern freute sich auch noch darauf … Was konnte sie davon denn schon posten? Nichts, absolut nichts! Sie würde einfach so tun, als wäre sie mit Florian im Süden Frankreichs unterwegs.

Genau! Was ging es die anderen an, was sie tat! Jetzt ging es doch darum, eine Bleibe und einen Ort, an dem sie sich wohlfühlte, zu finden!

Wenn Laura ehrlich war, und das war sie allein mit Ligabue in ihrem Auto, dann hatte sie die schönsten Wochen ihres Lebens in Grado verbracht. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr waren sie alle Oster-, Pfingst- und Sommerferien in dem kleinen Hotel der Großeltern, dem Il Sole, gewesen. Der Name bedeutete „die Sonne“ auf Italienisch, was Laura gut gefiel. Sie hatte zu einer italienischen Clique gehört, Alessia, Luisa, Dario, Donato, Fabio und wie sie alle hießen. Was aus ihnen wohl geworden war? Ob einige in Grado geblieben oder ob alle weggegangen waren? Ob sie sie wiedererkennen, und wenn ja, ob sie sich noch so gut wie damals verstehen würden? Lauras Herz schlug höher. Dario! Sie kicherte, als sie an ihre heimliche Schwärmerei dachte, die so heimlich vielleicht gar nicht gewesen war. Er war in Alessias Klasse gegangen, war damals schon einen Meter achtzig groß und sehr sportlich gewesen, hatte strahlend braune Augen und immer ein lustiges Wort auf den Lippen gehabt. Er war nie der Anführer, sondern immer der Schlichter gewesen. Er konnte fantastisch gut singen und fast genauso gut Gitarre spielen. Alle Mädchen waren entweder in ihn oder seinen Cousin Donato verliebt. Oder, ganz verrückt, gleich in einen der großen Jungs, in Freunde von Alessias Brüdern, Alessandro, Tommaso oder Leandro. Puh, besonders Leandro – ob der bei dem Aussehen Model geworden war? Gut möglich. Oder er hatte eins geheiratet. Selbst jetzt, Jahre später, ging ihr Puls schneller, wenn sie an ihn dachte. Er war einfach so unsagbar schön und sexy gewesen.

Ja, die Freunde, die hatte sie auch verloren. Wie fast alles in dem Herbst, in dem zuerst ihr Vater nicht nach Hause kam und danach ihre Schwester auszog. Und jetzt, nach so vielen Jahren, kehrte sie einfach so zurück? Als gäbe es keine Trümmer und Scherben? Als könnte man einfach so weitermachen?

„Großmütter können das. Meine Oma Anna Benedetti kann das“, redete sie sich Mut zu. „Und ich kann das, weil ich mir nichts so sehr wünsche wie diesen kleinen Flecken Heimat.“

Aber war es nicht doch erstaunlich, dass Anna sich so freute? Ob sie all die Jahre auf mehr als nur die Karten zu Weihnachten und zum Geburtstag gewartet hatte? Auf einen Anruf? Einen Besuch? Sie selbst hatte sich danach gesehnt, sehr sogar, aber damals war so vieles kaputtgegangen und aus den Fugen geraten, dass sie nicht im Traum auf den Gedanken gekommen wäre, sich gegen die Mutter, die Einzige, die ihr geblieben war, zu stellen und allein nach Grado zu fahren. Es folgten das Abitur, das Studium, gleich darauf der Superjob. Sie lachte traurig, als sie sich erinnerte, wie sie nach den anstrengenden Prüfungen gedacht hatte, sie hätte es geschafft und dass nun alles ruhiger werden würde. Dabei begann da der Stress erst richtig, und Laura strengte sich noch mehr an, denn sie wollte allen beweisen, was in ihr steckte. Sie lernte und arbeitete, um den Schmerz nicht zu spüren, und weil sie glaubte, dass eine Karrierefrau geschätzt, begehrt und geliebt werden würde. Aber nicht mal Florian mit seinem langweiligen Job hatte sie dafür geschätzt und geliebt, im Gegenteil. Oh nein. Nicht an ihn denken, jetzt nicht an ihn denken, flehte sie und hatte Erfolg. Denn die bevorstehende Ankunft in Grado beschäftigte sie aktuell doch mehr als die Trennung. Was erwartete sie in dem kleinen Seebad? Würde sie sich tatsächlich so wohlfühlen wie erhofft? Würde sie alle Sorgen hinter sich und dafür einfach die Seele baumeln lassen können?

Diese Sorgen begleiteten sie über etliche Kilometer. Dann aber erreichte sie den Knoten Villach, und bei dem Schild „Udine / Italien“ ging ihr das Herz auf. So unsagbar große Freude erfüllte sie, dass ihr Herz weich und weit und warm wurde. Wie früher, auf dem Rücksitz des Alfa Romeo …

Dann ging alles ganz schnell. Nach einer guten Stunde erreichte sie das Ende des Festlandes, von wo eine künstlich angelegte kilometerlange Dammstraße zur Sonneninsel führte. Laura stellte Musik und Klimaanlage ab. Sie öffnete die Fenster und sog tief die warme Luft ein, die endlich nach Salz und nach ihrem persönlichen Stück Glück roch. Rings um sie erstreckte sich das Meer, auf dem unzählige goldfarbene Lichtflecken tanzten. Fischreiher und Möwen flogen am Himmel und über das Wasser, immer auf der Jagd nach Beute. Sie fuhr vorbei an winzigen Inselchen, auf denen gerade mal ein Gartentisch mit vier Stühlen Platz gehabt hätte. Fuhr vorbei an größeren, auf denen die Casoni, alte, mit Reet gedeckte Fischerhäuschen, standen. Sie sah das flache, beige-grüne Land zu ihrer Rechten. Sah Autos mit Kennzeichen aus ganz Österreich und halb Italien, Touristen auf Rädern, und dort, im Süden, inmitten des glitzernden Goldes, die Sonneninsel. Grado. Die Silhouetten der ersten Häuser. Sie drosselte das Tempo. Fuhr an Land. Umklammerte das Lenkrad, und da blitzte hinter dem Wald aus wippenden Segelschiffmasten der goldene Schriftzug des Il Sole auf. Ein erleichterter Seufzer kroch aus Lauras Kehle. Das Hotel stand noch da! Hatte sie wirklich daran gezweifelt? Nicht nur das: Auch die Fassade des fünfstöckigen Hauses leuchtete noch immer in dem warmen, erdigen Rot. Nichts hatte sich verändert. Alles war beim Alten. Wie früher. Und das war gut. Sie war am Ziel.

 

Das Il Sole befand sich direkt am dem y-förmigen Hafenbecken, also in bester Lage. Soweit sie wusste, hatte kein anderes Hotel in der Gegend einen Parkplatz oder gar einen Garten. Ja, das Il Sole war eben schon immer etwas Besonderes gewesen! Hinter dem Hotel stellte sie den Motor ab und blieb einen Moment lang still sitzen. Andächtig, als wäre dies ein heiliger Moment, atmete sie tief die laue, vom Salzwasser schwere Luft ein und lauschte dem Zirpen der Grillen. Von fern hörte sie Kinder lachen, ansonsten war alles still. Sie schloss die Augen und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass sie hier eine schöne Zeit verbringen und dass alles gut gehen würde. Dann stieg sie aus.

Der Weg ins Hotel führte durch einen zauberhaften Garten, in dem Rundpinien, Rhododendren, Oleander und Bougainvilleen wuchsen. Liegestühle standen auf dem kurz geschnittenen Rasen, auf denen Gäste die Zeitung oder einen spannenden Roman lesend lagen und die letzten Strahlen der Nachmittagssonne genossen. An einem Kaffeetisch saßen zwei ältere Damen mit aschblonden Löckchen beim Kartenspiel, zu deren Füßen ein karamellfarbener Zwergpudel döste.

Lächelnd und nickend zog Laura ihren Koffer an den Urlaubern vorbei. So, oder zumindest so ähnlich, hatte sie den Garten in Erinnerung. Denn als sie noch ein Kind gewesen war, hatte der ovale Pool ihr und ihren Freunden gehört. Mit Sicherheit war bei den allnachmittäglich stattfindenden Wasserrugbyschlachten von der jetzt hier herrschenden himmlischen Ruhe nichts zu spüren gewesen.

Sie hob ihr Gepäck gerade die wenigen Stufen zu der Terrasse hinauf, als sie die helle, warme Stimme ihrer Großmutter „Laura!“ rufen hörte. Mit ausgebreiteten Armen und strahlenden Augen eilte die 72-jährige Dame auf sie zu. „Oma!“, rief Laura, ließ den Koffer los und rannte zu ihr. Glucksend vor Freude fielen sie einander um den Hals.

„Laura, ach Laura, mein Kind, da bist du ja endlich!“, wiederholte Anna ein ums andere Mal und drückte sie fest an sich. Ihre Haut war noch immer so zart und kühl, wie Laura sie in Erinnerung hatte. Ihre Stimme wurde immer leiser, und es war schwer zu unterscheiden, ob sie lachte oder weinte. „Ist das schön, dass du mich hier noch mal besuchst, mein Engel.“ „Ja, das finde ich auch“, murmelte Laura, die ebenfalls zwischen Tränen und Lachen schwankte. Die lange Umarmung war wie eine warme Decke, die sich schützend um sie legte. Wie ein Bett, in das sie sich legen und in dem sie sicher und geborgen schlafen konnte, weil alles da war, was ein Mensch im Leben brauchte. „Ach Oma. Ich freu mich so, dass ich bei dir bin. Und dass …“ Es fiel ihr nicht leicht, es auszusprechen. „Und dass du mich nach all der Zeit so einfach wieder bei dir aufnimmst.“

Die Großmutter schwieg bewegt. Ihre Brust bebte und ihre weichen Hände legten sich auf Lauras Gesicht. „Wie könnte ich das nicht? Du bist doch mein Blut“, flüsterte sie und weinte endgültig ein paar Tränen.

Sie drückte Laura noch einmal fest an sich, dann löste sie sich und tätschelte ihr, wie früher immer, den Unterarm. „Komm, gehen wir erst mal rein. Möchtest du etwas trinken? Mit oder ohne Alkohol? Einen Kaffee? Oder hast du Hunger? Ein kleiner Snack?“

Laura lachte glücklich, weil es so schön war, umsorgt zu werden. „Erst mal was trinken wäre schön. Hast du vielleicht einen Crodino?“

„Crodino Soda? Ma certo! Sicherlich! Ich trinke einen mit dir.“

Sie stellten den Koffer bei der Rezeption ab, dann führte Anna sie an einen Tisch im Garten, winkte ihren Stammgästen zu und stellte ihnen Laura stolz der Reihe nach vor. „Ja, Frau Thaler, Herr Müller, Frau Baumgartner, darf ich vorstellen? Das ist meine Enkelin Laura aus München. Sie besucht mich und macht für ein paar Tage Urlaub bei uns.“

Nachdem Laura alle Hände geschüttelt hatte, verschwand Anna, wie die Gäste ihre Großmutter nannten, im Haus, um die Getränke zu holen. Ihr Deutsch war akzentfrei und fehlerlos, denn zum einen stammte ihre Mutter, Lauras Urgroßmutter, aus Graz. Zum anderen war der Großteil der Gäste deutschsprachig, sodass sie tagtäglich Deutsch sprach.