Das Klonen und der Terror - W. J. T. Mitchell - E-Book

Das Klonen und der Terror E-Book

W. J. T. Mitchell

3,0
24,99 €

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Beschreibung

Die Propagandaformel vom »Krieg gegen den Terror« ist seit geraumer Zeit nicht mehr in aller Munde, wirkt jedoch untergründig fort. Aber haben wir überhaupt jemals richtig begriffen, was damit gemeint ist, und vor allem, wie subtil und mit welchen Mitteln dieser Krieg geführt wurde und wird? In seinem neuen Buch erkundet der renommierte Bildtheoretiker W. J. T. Mitchell die Sprach- und Bildpolitiken im Jahrzehnt nach 9/11 und stößt auf eine so heikle wie mächtige Konstellation aus Metaphern und Bildern, die ihre eigene furchteinflößende Realität erschafft und enorme gesellschaftliche und politische Auswirkungen hat. Letztere werden noch verstärkt durch einen anderen Begriff, der praktisch zeitgleich die Bühne des öffentlichen Diskurses betrat: das Klonen. Das Klonen und der Terror, so eine zentrale These Mitchells, weisen beunruhigende strukturelle Ähnlichkeiten auf und verschmelzen zu einem Dispositiv aus Realem und Imaginärem, Fakten und Metaphern, Überzeugungen und religiösem Glauben – zu einer gefährlichen Allianz aus Biotechnologie, Biopolitik und realer Politik, die sich in Bildern reproduziert und ins kollektive Gedächtnis eingräbt. Mitchells Buch ist ein Meisterwerk politischer Ästhetik und zugleich eine düstere Bilanz der Bush-Ära: »Der Kapuzenmann von Abu Ghraib, des Terrors verdächtig, Opfer der Folter, ein anonymer Klon, gesichtsloser Menschensohn, wird auf absehbare Zeit die Ikone unserer Zeit bleiben.«

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 377




3

W.J.T. Mitchell

Das Klonen und der TerrorDer Krieg der Bilder seit 9/11

Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff

Suhrkamp

4

Titel der Originalausgabe:

Cloning Terror. The War of Images,9/11to the Present

Erstmals veröffentlicht 2011 bei Chicago University Press.

Licensed by The University of Chicago Press, Chicago, Illinois, U.S.A.

Copyright © 2011 by The University of Chicago. All rights reserved.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über dnb.d-nb.de abrufbar.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2011

Erste Auflage 2011

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2011

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Satz: Memminger MedienCentrumAG

ISBN978-3-518-76360-5

www.suhrkamp.de

5

Zum Andenken an Jacques Derrida und Edward Said

6 Inhalt

Vorwort   Für einen Krieg gegen den Irrtum1Der Krieg ist vorüber (falls ihr es wollt)2Das Klonen des Terrors3Klonophobie4Autoimmunität – den Terror abbilden5Das Unaussprechliche und das Unvorstellbare6Biobilder7Das Abu-Ghraib-Archiv8Dokumentarisches Wissen und das Leben der Bilder9Die Lage der Nation oder Jesus kommt nach Abu GhraibSchlußEine Poetik des historischen Bildes

Farbtafeln nach Seite

Danksagung

Anmerkungen

Abbildungsverzeichnis

Namenregister

Sachregister

9VorwortFür einen Krieg gegen den Irrtum

Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

Carl von Clausewitz, Vom Kriege

Jede Geschichte besteht in Wirklichkeit aus zwei Geschichten. Da ist einmal die Geschichte des tatsächlich Geschehenen und zum anderen die Geschichte der Wahrnehmung des Geschehenen. Die erste Art von Geschichte konzentriert sich auf Zahlen und Fakten, die zweite auf Bilder und Worte, die den Rahmen bestimmen, in dem Zahlen und Fakten erst ihre Bedeutung erlangen. So unterteilt Thukydides seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges streng in eine Geschichte des Geschehenen und eine des Gesagten, in die Erzählung und die Reden. Ganz ähnlich läßt sich der Krieg gegen den Terror in zwei Geschichten unterteilen, in das Geschehen und das, was gesagt wurde, um das Geschehen zu rechtfertigen, zu erklären und darzustellen, während es geschah. Der Unterschied liegt darin, daß in unserer Zeit sowohl das Geschehene als auch das Gesagte von den Massenmedien gefiltert werden und Bilder wie auch Vorstellungen (die schon für Thukydides von großer Bedeutung waren) eine noch größere Rolle spielen. Die heutigen Kriege können in Echtzeit in Multimedia-Darstellungen gesehen und gezeigt werden – und das nicht nur in Sendemedien wie dem Fernsehen, sondern auch in sozialen Medien wie YouTube und Twitter über Handys und Digitalkameras. Die Geschichte braucht nicht mehr auf Historiker oder Dichter zu warten, die deren Wahrnehmung formen, sondern wird unmittelbar in weltweit übertragenen audiovisuellen Bildern und Texten dargestellt.

Die einzelnen Kapitel dieses Buches entstanden während oder kurz nach der Bush-Ära, der Zeit des Kriegs gegen den Terror. Sie sollten ursprünglich ein Versuch sein, die Rolle10 sprachlicher und visueller Bilder im Krieg gegen den Terror zu analysieren und den besonderen Charakter dieses Kriegs als -einer imaginär-metaphorischen Vorstellung zu untersuchen, die Wirklichkeit geworden war. Doch schon früh drängte sich mir in meinen Überlegungen ein zweites Bild auf, und zwar die Figur des Klons und des Klonens, die sich wie ein Unterton und Kontrapunkt durch die Bildwelt des Kriegs gegen den Terror zu ziehen schien. Damals kam das Klonen als ein Bild des Abbildens schlechthin auf, als symbolische Verdichtung -eines ganzen Spektrums technologischer Revolutionen in Medien und Technoscience – man denke an die digitale Bild-aufzeichnung, an das Kopieren von Geräten und Vorrichtungen, an Fragen der biologischen Identität und natürlich ganz buchstäblich an das Problem des Klonens höherer Tierarten einschließlich des Menschen. Außerdem war da die wissenschaftliche Tatsache, daß Klonen einen natürlichen Vorgang darstellt, der immer dann anzutreffen ist, wenn das Immun-system eine Erkältung abwehrt oder ein Virus sich zu vermehren beginnt und sich von Wirt zu Wirt über geographische Grenzen hinweg ausbreitet. Mit anderen Worten, das Klonen wurde zu einem Paradigma nicht nur der Biotechnologie, sondern eines breiten Spektrums biopolitischer Phänomene.

Da kann es kaum verwundern, daß der Ausdruck »cloning terror«, »Klonen des Terrors«, zu einer unvermeidlichen und naheliegenden Metapher für die empirisch-statistischen Auswirkungen dieses Kriegs wurde, verleiht er doch der Tatsache Ausdruck, daß der Krieg gegen den Terror dem Lager der Dschihadisten weitere Anhänger zugeführt und die Zahl der Terroranschläge erhöht hat.[1] Der im Juli 2007 veröffentlichte National Intelligence Estimate sagt es in aller Klarheit:

Wir stellen fest, daß die Ausbreitung radikaler – vor allem salafistischer – Internetsites, die immer aggressivere antiamerikanische Rhetorik samt zugehörigen Aktionen und die wachsende Zahl radikaler, sich selbst erzeugender Zellen in westlichen Ländern darauf hinweisen, daß der radikale und gewaltbereite Teil der muslimischen Bevölkerung im Westen einschließlich der Vereinigten Staaten im Wachsen begriffen ist.[2]

Scott Shane von der New York Times rückt den Bericht ins denkbar hellste Licht: »Fast sechs Jahre nach den Anschlägen vom 11. September stellt sich angesichts vieler hundert Mil-liarden Dollar und Tausender von Menschenleben, die im Namen des Kriegs gegen den Terror verausgabt worden sind, eine einzige drängende Frage: Sind wir heute sicherer?«[3] Die Antwort lautete nach Ansicht aller amerikanischen Geheimdienste eindeutig nein.

Diese Antwort basierte nicht nur auf statistischen Daten hinsichtlich der wachsenden Zahl der weltweit durch Terroranschläge getöteten Menschen.[4] Bedeutsamer noch war die qualitative Einschätzung der durch die neuen Medien ermöglichten Ausbreitung radikaler Ideologien sowie das Konzept der »sich selbst erzeugenden Zelle«, die unabhängig von jeder Kommandozentrale agiert. Eine sich selbst erzeugende Zelle ist natürlich eine, die sich selbst klont. Wie eine Krebszelle läßt sie sich nur schwer von gesunden körpereigenen Zellen unterscheiden und auf einen Bereich oder ein Organ des Körpers begrenzen. Wie der Terrorismus besitzt sie eine Tendenz zur Metastasenbildung und überspringt die Grenzen zwischen den Organen in einem Prozeß, der von Kommunikationssystemen (wie dem Lymphsystem), die für das gesunde Funktionieren des Körpers unverzichtbar sind, sogar noch beschleunigt wird.

Krieg, vor allem ein globaler Krieg, im Unterschied zu nachrichtendienstlicher Aufklärung und polizeilichen Maßnahmen der Terrorismusbekämpfung, ist ein allzu grobschlächtiges Instrument im Kampf gegen einen unsichtbaren, nicht zu lokalisierenden Feind, der keine Uniform trägt und sich unter das Volk mischt oder schlichtweg mit ihm identisch ist. Ein Krieg im klassisch Clausewitzschen Sinne ist ein Konflikt zwischen12 zwei souveränen Staaten. Er ist, wie Clausewitz in einer berühmten Wendung erklärte, »eine Fortsetzung der Politik« und kein Ziel an sich. Revolutionskriege und Aufstände, die mit terroristischen Methoden und sonstigen Guerillataktiken geführt werden, sind, wie Anatol Rapaport anmerkt, nicht »symmetrisch«.

Beide Seiten setzen nicht dieselben Strategien und Taktiken ein [...]. Die »militärischen Kräfte« des revolutionären Gegners sind diffus. Man weiß nie genau, ob man sie vernichtet hat, sofern man nicht bereit ist, einen großen Teil der Bevölkerung zu vernichten, und das steht meist im Widerspruch zum politischen Ziel des Krieges und verstößt damit gleichfalls gegen einen Clausewitzschen Grundsatz.[5]

Die klassisch Clausewitzsche Taktik der Invasion, Eroberung und Besetzung führt bei der Anwendung gegen Aufständische und Terroristen zu einer Vervielfachung der Kollateralschäden in Gestalt ziviler Opfer und Flüchtlinge und damit zu neuen Aufständen oder nationalen Widerstandsbewegungen. Vor der amerikanischen Invasion war al-Qaida nicht im Irak. Die Invasion verwandelte den Irak, machte aus einer gewöhnlichen kriegerischen Militärdiktatur, die sich mit klassischen militärischen Mitteln leicht erobern ließ, eine Brutstätte für die Züchtung nationalistischer Aufstandsbewegungen und des internationalen Terrorismus.

Zugleich trat der ganze Fragenkomplex des »Züchtens« – Fortpflanzung, Fruchtbarkeit, Sexualität, Genetik – in der jüngsten nationalen und weltweiten Debatte über Klonen, Stammzellenforschung und all die damit verbundenen Fragen der Bioethik und Biopolitik in den Vordergrund. Clone Wars, »Kriege um das Klonen«, wie man sie nennen könnte, eröffneten gewissermaßen eine »zweite Front« neben dem »Krieg gegen den Terror«. Als greifbares Faktum wurde das Klonen zum Urbild des Feindes in den Ängsten, die sich um die menschliche Fortpflanzung, um Abtreibung, Homosexualität und den13 ganzen Bereich der Biotechnologie ranken. In diesem Sinne meint »cloning terror« nicht nur den Prozeß, in dem der Terrorismus sich wie ein Krebs, ein Virus oder eine Seuche ausbreitet, sondern auch »the terror of cloning«, die Angst vor dem Klonen, ein Syndrom, das ich als »Klonophobie« bezeichnen möchte und das aus uralten Ängsten erwächst, die Kopieren, Nachahmen, künstliches Leben und das Herstellen von Abbildern betreffen. Wie der Terrorismus wechselte das Klonen zwischen Phantasie und Realität, bildlichen und buchstäblichen Äußerungsformen. So wurde es zur Leitmetapher oder zum »Metabild« der Bildproduktion schlechthin, vor allem im Bereich der neuen Medien und der Biomedien. Da mein Thema die Rolle der Bilder im Krieg gegen den Terror war, schien der Topos des Klonens immer unvermeidlicher zu werden.

Dieses Buch beginnt in der Gegenwart, am Ende des Zeitraums, den es darzustellen versucht, und zu einem Zeitpunkt, da der Krieg gegen den Terror und die Kriege um das Klonen mit der Wahl Barack Obamas in der Vergangenheit zu versinken scheinen. Es kehrt dann an den Anfang zurück, zu jenem Augenblick am 11. September, als das Klonen und der Terrorismus in einer erstaunlichen historischen Konstellation zusammenflossen und die Bush-Administration ihre Aufmerksamkeit von den Kriegen um das Klonen auf den Krieg gegen den Terror verlagerte. Es folgt eine Art ikonologischer Momentaufnahme, ein »Biobild« der gesamten Zeit, das untersucht, wie der Zusammenhang zwischen Klonen und Terror sich wie ein roter Faden durch die Bildfiguren der Gesichtslosigkeit, der Kopflosigkeit, der Namenlosigkeit zieht; durch eine ganze Prozession aus Zwillingen, Doubles, Vervielfachungen und Spiegelbildern, die wie Viren mutieren und sich ausbreiten; und durch Augenblicke der Zerstörung und der Schaffung von Bildern, traumatischen Bildern des Ikonoklasmus, wie er für terroristische Bewegungen charakteristisch ist, vor allem in deren buchstabengläubigen und religiösen Ausprägungen.

14Danach wende ich mich der Leitmetapher des Biobildes zu, dem Klonen. Was ist Klonen eigentlich? Was wurde sowohl im buchstäblichen als auch im bildlichen Sinne daraus in dem betrachteten Zeitraum, einem Zeitalter der »Klonophobie«, das Wissenschaftler am Max-Planck-Institut in Berlin als »Zeitalter des Klonens« bezeichnet haben? Darauf folgt eine Analyse stärker systemischer und soziopolitischer Biobilder, vor allem jener Terrorismusmodelle, die auf biologische Invasionen zurückgreifen: Seuchen, Viren, Infektionskrankheiten, Epidemien, Krebs – sämtlich Ausdrücke, die man zur Erklärung der Auswirkungen des Terrorismus auf einen sozialen Körper oder eine Population herangezogen hat. Diese Überlegungen führen zu einem alternativen Modell für die bildliche Darstellung des Terrors, nämlich zum Immunsystem und dessen Störungen, eine Extrapolation des von Jacques Derrida gezeichneten Bildes des Terrorismus als Autoimmunerkrankung. Das Kapitel über »Unvorstellbares und Unsagbares« erkundet schließlich die Grenzen der bildlichen und sprachlichen Darstellung im Verhältnis zu den beiden eng verwandten Praktiken des Terrors und der Folter.

Das Buch schließt mit einer detaillierten Erkundung dessen, was als Kern jeder Erörterung von Bildern im Kontext des Kriegs gegen den Terror gelten muß, und das ist das Archiv der Abu-Ghraib-Fotos. Warum wurden diese Fotografien und vor allem eines davon (der Mann mit dem Sack über dem Kopf, der »Kapuzenmann«) zum zentralen Bildereignis der Zeit? Warum führte der Skandal ihres Erscheinens nicht zum Sturz der für ihre Entstehung verantwortlichen Regierung? Was an diesen Bildern sorgt dafür, daß sie immer wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit zurückkehren? Gleichen sie eher Geistern, die keine Ruhe finden, oder einer Infektion, die sich in die Länge zieht, oder beidem? Was haben Künstler in einer Vielzahl von Medien mit ihnen gemacht, damit sie lebendig werden oder ruhen, offen für andächtige oder kritische 15Aufmerksamkeit? Welche formalen oder ikonographischen Eigenheiten sorgen dafür, daß der Kapuzenmann zu einer Ikone wurde, die Klon und Terrorist miteinander verschmelzen läßt und dabei eine Vielzahl profaner und religiöser Bilder evoziert, die Figuren der Hoheit und der Erniedrigung in den christlichen, jüdischen und muslimischen Überlieferungen miteinander verbinden?

Das ist natürlich ein recht düsteres Thema, bei dem wir uns an eine Reihe von Bildern erinnern müssen, die die meisten Menschen lieber vergessen möchten. Weshalb sollten wir sie zurückholen oder uns mit ihrem unbezähmbaren Drang zur Wiederkehr abgeben? Diese Frage vermag ich am ehesten mit einem Metabild der Abu-Ghraib-Fotografien zu beantworten, das von Lawrence Weschler stammt. Es handelt sich um eine Bearbeitung des berühmten Gemäldes The Discovery (Die Entdeckung) von Norman Rockwell. Doch hier stößt der erschrockene Junge, der die Schubladen in der Kommode seiner Eltern durchsucht, nicht auf das Weihnachtsmann-Kostüm, sondern auf einen Stapel rundum auf dem Boden verstreuter Abu-Ghraib-Fotos.

Abb.1: Lawrence Weschler und Naomi Herskovic, American Innocence (2007). Plakat für ein im Oktober 2007 veranstaltetes Symposium des Institute for the Humanities der New York University, das auf Norman Rockwells Bild The Discovery (1956) basiert.

Das Bild ist ein Porträt amerikanischer Unschuld und der scheinbar grenzenlosen Fähigkeit des amerikanischen Volkes, die unangenehme Wahrheit über Dinge, die in seinem Namen geschehen sind, zu ignorieren oder zu vergessen. So ist denn dieses Buch im Grunde eine recht einfache Erinnerungsübung und ein Versuch, geschichtliche Amnesien zu verhindern. Die Denksysteme, die »rationalen« Erwägungen wie auch die Phantasien, die zu den Abu-Ghraib-Bildern und ganz allgemein zum Krieg gegen den Terror geführt haben, sind nicht verschwunden. Sie haben lediglich für eine gewisse Zeit an politischer Macht verloren, und sie könnten jederzeit zurückkehren – zum Beispiel bei den Wahlen 2010. Falls sie wiederkehren, hoffe ich, dieses Buch wird dabei helfen können, ihnen einen gewissen Widerstand entgegenzusetzen.

16Das Buch versteht sich also einerseits als Teil eines war on-error, eines Kriegs gegen den Irrtum, als Akt schlichter Gerechtigkeit und der Solidarität mit den rechtlichen und moralischen Bemühungen, dem war on terror samt seinem Folter-regime ein Ende zu setzen und damit auch einer »im Glauben gründenden« Außenpolitik, die daraus einen heiligen Krieg machte, der die amerikanische Verfassung bedrohte. Andererseits will das Buch die Mythologien der Klonkriege offenlegen, soweit sie auf einer »im Glauben gründenden Wissenschaftspolitik« basierten, die sich mit Frauenfeindlichkeit und Homophobie verbündete. Der Ton dieses Buches mag kalt und klinisch wirken, wenn es Terrorismus und Folter als Sache von17 Bildern und Vorstellungen behandelt, und vor allem in seinen Biobildern des Klonens und der Infektionskrankheiten, doch darin liegt ein wesentlicher Teil ihrer operationalen Realität. Da ich im Rahmen einer »in der Realität gründenden Gemeinschaft« schreibe, werde ich untersuchen, inwiefern das Vorstellungsvermögen – einschließlich religiöser Vorstellungen – einen konstitutiven Bestandteil der Realität bildet. Das rechtliche, ethische und politische Verständnis der Klonkriege wie auch des Kriegs gegen den Terror ist nicht vollständig, solange wir nicht auch die Bilder verstehen, die aus diesen »Kriegen« hervorgingen und aus denen diese »Kriege« hervorgingen.

Ein Hinweis zur Methode

Es dürfte sinnvoll sein, zunächst einmal ein paar Worte zu den in diesem Buch eingesetzten Methoden der Bildanalyse zu sagen. Ich bezeichne diese Methode als »Ikonologie«, als Untersuchung von Bildern in allen Medien. Aus ikonologischer Sicht sind Bilder sowohl sprachliche als auch visuelle Gebilde, sowohl Metaphern als auch graphische Symbole. Sie sind zugleich Vorstellungen und Objekte, materielle Bilder und symbolische Formen. Einige von ihnen werden zu operativen Kräften in der soziopolitischen Realität und erlangen den Status von »Ikonen«, die jeder kennt und die starke Emotionen auszulösen vermögen. Die in dem Ausdruck »war on terror« enthaltene sprachliche Figur galt weithin als die »mächtigste Waffe im Kampf um die öffentliche Meinung«,[6] die von der Bush-Administration eingesetzt wurde. Das Bild des Kapuzenmanns aus Abu Ghraib wurde zu einer weltweit bekannten Ikone, die »gefährlicher für die amerikanischen Interessen [war] als alle Massenvernichtungswaffen«.[7]

Alle Metaphern und Bilder sind in einem recht direkten Sinne »falsch«. Eine Metapher ist aus der Sicht der Logik ein18 Kategorienfehler, und ein Bild ist eine Simulation, eine Nachahmung, und nicht die reale Sache. So ist der Ausdruck »Krieg gegen den Terror« etwa ebenso sinnvoll wie der Ausdruck »Krieg gegen die Nervosität« – im buchstäblichen Sinne eine Unmöglichkeit. Und dennoch wurde diese Unmöglichkeit im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts unbestreitbar zu einer konkreten, greifbaren geschichtlichen Realität, die von der mächtigsten Militärmaschinerie der Welt gleichsam buchstäblich ausgelegt und realisiert wurde. Und diese buchstäbliche Auslegung erfolgte keineswegs unbewußt, sondern wurde in dieser Zeit von wichtigen politischen Beratern bestätigt. Der Journalist Ron Suskind berichtet von einem Gespräch mit einem wichtigen Bush-Berater kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2004:

Der Berater meinte, Leute wie ich gehörten zur »realitätsbasierten community, wie wir dies nennen«, die aus Leuten bestünde, die der Ansicht seien, »Lösungen erwüchsen aus der sorgfältigen Erforschung der erkennbaren Realität« [...]. »Aber so funktioniert die Welt heute nicht mehr«, fuhr er fort. »Wir sind jetzt ein Imperium, und durch unser Handeln erzeugen wir unsere eigene Realität. Und während ihr noch diese Realität – so sorgfältig, wie ihr nur wollt – erforscht, handeln wir schon wieder und schaffen damit andere, neue Realitäten, die ihr ebenfalls erforschen könnt, und so kommen die Dinge zustande. Wir sind Akteure der Geschichte [...] und euch allen bleibt nur die Möglichkeit, unser Handeln zu erforschen.«[8]

Diese Äußerung zeugt natürlich von einer verblüffenden Arroganz, muß aber auch ernst genommen werden als methodologischer Leitfaden für die Behandlung von Bildern und Metaphern. Es reicht niemals aus, lediglich auf das Falsche an einer Metapher oder auf die mangelnde Realität eines Bildes hinzuweisen. Ebensowichtig ist es, den Prozeß aufzuzeigen, durch den das Metaphorische buchstäblich und das Bild real wird. Dazu müssen wir auf die einfachste und überstrapazierte Waffe im ikonologischen Arsenal verzichten, die Taktik des »19kritischen Bildersturms«, die einen leichten Sieg erringt, indem sie den irrealen und metaphorischen Charakter eines Bildes herausstellt. Plumpe Common-sense-Erklärungen über den illusorischen Charakter der Bilder reichen einfach nicht mehr aus. Wir brauchen statt dessen eine Methode, die sowohl die Irrealität der Bilder als auch deren wirkungsmächtige Realität anerkennt und erfaßt.

Ich möchte diese Methode als »Aushorchen von Götzen« bezeichnen und folge damit Nietzsches klugem Rat aus seiner Götzendämmerung, den Gedanken einer destruktiven bilderstürmerischen Kritik zugunsten eines feinfühligeren Ansatzes aufzugeben, bei dem an die Götzen, wie Nietzsche sagt, »mit dem Hammer wie mit einer Stimmgabel gerührt wird«.[9] Mit anderen Worten, das Objekt wird hier nicht zertrümmert, sondern ausgehorcht, nicht der Zerstörung oder Destruktion ausgesetzt, sondern einer Dekonstruktion (wie Derrida gesagt hätte). Dieses Verfahren wird, so hoffe ich, die Freuden eines hohlen Siegs über die hohlen Götzen des Terrors und des Klonens vermeiden, die das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts behexten, und diese Bilder statt dessen in analytische oder sogar therapeutische Instrumente verwandeln, mit deren Hilfe wir dem Klonen des Terrors in absehbarer Zukunft werden widerstehen können.

Eine letzte Bemerkung zur Methode. Die Ikonologie gilt traditionell als ein interpretierendes Fachgebiet, das die Bedeutung von Bildern in deren historischem Kontext erforscht. In jüngerer Zeit legt man das Schwergewicht stärker auf die Macht der Bilder, menschliches Verhalten zu beeinflussen. Diese Ansätze sind zwar unverzichtbar, aber wir müssen sie heute um ein noch älteres Verständnis ergänzen, das im Bild etwas Lebendiges erblickt. Bilder sind, wie Aristoteles bemerkte und alle antiken Kulturen sehr wohl verstanden, Nachahmungen des Lebens, die eine »zweite Natur« darstellen. In den Schöpfungsgeschichten der meisten Weltreligionen findet sich ein20 Augenblick, in dem Bilder erschaffen und dann zum Leben erweckt werden.

Als nachdenkliche und skeptische moderne Menschen müssen wir natürlich darauf bestehen, daß der Gedanke eines lebenden Bildes »nur metaphorisch« gemeint ist. Es ist eine bildhafte Vorstellung, und Bilder sind nicht buchstäblich oder wirklich lebendig. Ihr angebliches Leben ist ein Produkt der menschlichen Phantasie, wie wir es ähnlich erleben, wenn ein Kind eine Puppe wie ein lebendiges Wesen behandelt oder wenn sogenannte Wilde einem Gegenstand Absichten, Wünsche und Handlungsfähigkeit zuschreiben.

All diese skeptischen Einwände trafen zu – bisher jedenfalls. Im letzten halben Jahrhundert kam es jedoch zu einer wissenschaftlich-technischen Revolution, die neue Lebensformen in Gestalt intelligenter Maschinen und gentechnisch veränderter Lebewesen hervorgebracht hat. Heute ist es möglich, Nachahmungen von Lebensformen zu schaffen, die ihrerseits leben, und zwar buchstäblich und wirklich. Deshalb ist das Klonen heute eine beispielhafte kulturelle Ikone und ein paradigmatisches Objekt der Ikonologie. In unserer Zeit und vor allem in Zeiten des Kriegs gegen den Terror und der Klonkriege müssen wir im Blick auf Bilder nicht mehr nur fragen, was sie bedeuten und was sie bewirken. Wir müssen auch fragen, wie sie leben und sich bewegen, wie sie sich entwickeln und verändern und welche Bedürfnisse, Wünsche, Anforderungen sie verkörpern, indem sie ein affektiv-emotionales Feld aufspannen, das die für unsere Zeit typischen Gefühlsmuster aktiviert.

211 Der Krieg ist vorüber (falls ihr es wollt)

Dein großes Ziel im Krieg soll der Sieg sein und kein langwieriger Feldzug.

Sunzi, Die Kunst des Krieges

Die ontologische Frage – »Was ist der Feind?« – wird selten gestellt, und wenn es dennoch geschieht, wird sie nur allzu rasch zur Neben-sache und zum Beweis für das Verschwinden des Feindes.

Gil Anidjar, The Jew, the Arab: A History of the Enemy

Lange Zeit glaubte ich, dieses Buch niemals fertigstellen zu können.[1] Und das nicht nur, weil dies eine Geschichte der Bilder der Gegenwart sein sollte und es per definitionem immer Gegenwart sein wird. Das eigentliche Problem ist spezifischer Art und hängt mit dem Charakter dieser unserer Gegenwart sowie den Ikonen und Metaphern zusammen, die das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts beherrscht haben. Mein Thema, das Ur- und Leitbild eines »Globalen Kriegs gegen den Terror« und all der damit verbundenen Bilder und Medien, schien schon aus sich heraus endlos zu sein. Wie die Clone Wars von George Lucas schien der »Krieg gegen den Terror« einen niemals versiegenden Nachschub an gesichtslosen, zu einem endlosen Kampf zusammengezogenen Kriegern zu gewährleisten. Das Konzept eines Kriegs gegen den Terror hat etwas radikal Neues in die Welt gebracht, das uns vielleicht endlich zwingt, uns mit der Frage auseinanderzusetzen, was – und nicht wer – der Feind ist. Bei herkömmlichen Kriegen, wie sie die Geschichtsbücher füllen, ist meist recht klar, wer die Gegner sind, und auch wenn sie sich über viele Jahre hinziehen mögen, führen sie doch meist irgendwann einmal zu einem Abschluß. Selbst der Hundertjährige Krieg, der von bis währte, dauerte nur siebzehn Jahre länger, als sein Name es anzeigt. Bei einem Krieg gegen den Terror ist das anders. Buchstäblich verstanden, ist es so etwas wie ein Krieg gegen die Angst. Wie könnte er jemals ein Ende finden? Wie könnte man ihn jemals gewinnen? Selbst der nominelle Autor des Ausdrucks, George W. Bush, räumte in einem Fernsehinterview mit Matt Lauer ein, er glaube nicht, daß man den Krieg gegen den Terror »gewinnen« könne (obwohl er ständig Bilder eines »Sieges« im Irak beschwor, und tatsächlich hatte der Irak die Funktion, einem nebulösen Feind einen Ort wie auch einen Namen zu geben und einem Krieg, in dem es keine Front gab, eine Front zuzuweisen). Wie sollte man unter diesen Umständen die Geschichte eines nicht zu gewinnenden Kriegs schreiben, ohne daß diese Geschichte endlos weiterginge?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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