Das kurze Leben einer immer wieder Sterbenden - Thomas Knüwer - E-Book
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Das kurze Leben einer immer wieder Sterbenden E-Book

Thomas Knüwer

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Beschreibung

Kurz vor dem Tod sehen Sterbende das wahre Ich der Menschen, die sie umgeben. Vier Jahre nach der Entdeckung dieses Phänomens durch eine Nahtod-Forscherin, hat sich die Art, wie Beziehungen und Entscheidungen entstehen, radikal geändert. In kommerzialisierten Nahtod-Erlebnissen, sogenannten Grenzgängen, wird der Charakter der Menschen auf die Probe gestellt - vor Wahlen, Verträgen, Verurteilungen oder Eheschließungen. Katja, eine junge Frau aus der westfälischen Provinz, hat auf diese Weise alles verloren. Das Ergebnis ihres Grenzgangs genügte ihrem Partner nicht. Am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen, lernt Katja, wer sie wirklich ist - und erkennt, dass sie noch nicht am Tiefpunkt angekommen ist.

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Kurz vor dem Tod sehen Sterbende das wahre Ich der Menschen, die sie umgeben. Vier Jahre nach der Entdeckung dieses Phänomens durch eine Nahtod-Forscherin, hat sich die Art, wie Beziehungen und Entscheidungen entstehen, radikal geändert. In kommerzialisierten Nahtoderlebnissen, sogenannten Grenzgängen, wird der Charakter der Menschen auf die Probe gestellt – vor Wahlen, Verträgen, Verurteilungen oder Eheschließungen.

Katja, eine junge Frau aus der westfälischen Provinz, hat auf diese Weise alles verloren. Das Ergebnis ihres Grenzgangs genügte ihrem Partner nicht. Am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen, lernt Katja, wer sie wirklich ist – und erkennt, dass sie noch nicht am Tiefpunkt angekommen ist.

Spoiler alert. We die in the end.

Atticus

Inhaltsverzeichnis

47 MINUTEN, BIS ALLES ENDET

12 TAGE UND 21 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

12 TAGE UND 19 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

12 TAGE UND 11 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

12 TAGE UND 5 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

11 TAGE UND 18 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

11 TAGE UND 8 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

11 TAGE UND 6 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

20 TAGE UND 1 STUNDE, BIS ALLES ENDET

? TAGE UND? STUNDEN, BIS ALLES ENDET

7 TAGE UND 8 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

7 TAGE UND 6 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

7 TAGE UND 5 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

25 TAGE UND 2 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

6 TAGE UND 9 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

5 TAGE UND WEISS GOTT WIE VIELE STUNDEN, BIS ALLES ENDET

7 TAGE UND 9 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

5 TAGE UND 7 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

5 TAGE UND 1 STUNDE, BIS ALLES ENDET

6 TAGE UND 10 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

4 TAGE UND 3 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

4 TAGE UND 1 STUNDE, BIS ALLES ENDET

6 TAGE UND 18 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

6 TAGE UND 7 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

2 TAGE UND 23 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

2 TAGE UND 22 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

1 TAG UND 21 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

4 TAGE UND 19 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

1 TAG UND 18 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

1 TAG UND 17 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

1 TAG UND 16 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

1 TAG UND 12 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

1 TAG UND 10 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

6 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

6 TAGE UND 9 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

4 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

3 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

2 STUNDEN UND 38 MINUTEN, BIS ALLES ENDET

2 STUNDEN UND 1 MINUTE, BIS ALLES ENDET

1 STUNDE UND 44 MINUTEN, BIS ALLES ENDET

1 STUNDE UND 32 MINUTEN, BIS ALLES ENDET

46 MINUTEN, BIS ALLES ENDET

24 MINUTEN, BIS ALLES ENDET

31 MINUTEN, BIS ALLES ENDET

ALLES ENDET

NACH DEM ENDE

47 MINUTEN, BIS ALLES ENDET

So sterbe ich also.

Katja empfand keine Schmerzen, obwohl sich die Kälte durch ihren Körper fraß. Die Machtlosigkeit war das Schlimmste am Übergang. Ihre Arme und Beine waren schwer wie Beton. Ihr Geist zum Zerreißen gespannt.

Hinter ihren Lidern explodierte buntes Licht. Katja wusste nicht, wie lange sie schon im Übergang trieb. Zeit war die Maßeinheit der Lebenden, nicht der Reisenden ins Jenseits. Der Tod ist keine Drehtür, hatte ihre Mutter immer gesagt. Doch das war vor der Entdeckung der Gihos gewesen.

Das Morphin hüllte Katjas Bewusstsein in einen Umhang aus Sorglosigkeit, während das Propofol die Realität aus ihrem Kopf spülte. Eine Welt aus Licht und Stille. Die Kälte war kaum noch spürbar, das Sägewerk Welten entfernt. Wie ein Astronaut flog Katja durch ihren eigenen Kopf.

Schlagartig wurde alles dunkel. Dass sie noch einmal zurückkommen würde, bezweifelte sie.

Sie erkannte den Raum, in dem ihr Körper lag. Unscharf wabernde Konturen wie durch zusammengekniffene Augen.

Behutsam lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf das Bett neben sich. Ein mächtiges Schwert schwebte senkrecht über den weißen Laken. Die breite Klinge war zwei Meter lang und funkelte in makellosem Silber. Der Griff war ebenfalls eine Klinge. Zweischneidig und spitz zulaufend. Wer auch immer es wagte, dieses Schwert zu schwingen, war bereit, einen hohen Preis zu bezahlen.

Katja hätte alles dafür gegeben, nicht das Schwert, sondern die Totenkopfmargerite neben sich zu sehen. Oder das azurblaue Einhorn. Am liebsten beide – wie in Schweden. Gemeinsam hatten sie den Tod besiegt. Doch diesmal war Katja allein unter Fremden.

Wie unendlich dumm sie gewesen war.

Vor 14 Tagen hatte alles mit einem Grenzgang angefangen. Und in wenigen Minuten würde alles mit einem enden.

12 TAGE UND 21 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

»Ein Stuhl, auf dem ein vergammelter Apfel liegt?«

Lars war den Tränen nahe, so hatte er sich das Testergebnis nicht vorgestellt. Ganz und gar nicht.

»Vielleicht war er gar nicht vergammelt.« Katja zuckte mit den Schultern. »Vielleicht war er … kandiert. Wäre doch möglich.«

Lars stampfte zu Katja, den Brief der Grenzgangagentur wie eine Waffe auf sie gerichtet.

»Lies es selbst!« Er sah auf das weiße Papier und betonte jede Silbe: »Ein angebissener, verschimmelter Apfel. Da stehts. Schwarz auf weiß. Kein kandierter, kein frisch gepflückter, kein saftig roter – ein vergammelter Apfel! Auf deinem Stuhl liegt schimmliges Obst. Kannst du mir das bitte erklären?«

Katja riss Lars den Brief aus den Händen.

Sehr geehrter Herr Roth,

der Grenzgang Ihrer Verlobten, Frau Katja Sauer (geboren am 1. Mai 1970) wurde am Freitag, den 24. Juni 1994, wie vereinbart durchgeführt. Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Frau Sauers Giho erfolgreich erfasst wurde und die Sitzung weitestgehend reibungslos verlief. Wie von Ihnen im Vorgespräch angedeutet, hielt sich Frau Sauers Kooperationswille in Grenzen, was jedoch kein Problem für unser erfahrenes Team vor Ort darstellte.

Das dokumentierte Giho von Frau Katja Sauer lautet:

Ein unbehandelter Holzstuhl (wahrscheinlich Buche), auf dessen Sitzfläche ein verschimmelter Apfel liegt. Mit kurzem Stiel, braun-pelziger Schale und einseitig angebissen.

Falls Sie an einer professionellen Deutung des Gihos interessiert sind, kann ich Ihnen unsere hauseigene Interpretationsabteilung empfehlen (Kosten nicht inkludiert). Nur so viel: Der durchführende Grenzgänger war sichtlich irritiert ob dieses Gihos, wollte aber nicht weiter darauf eingehen.

Die Rechnung für den erfolgreich durchgeführten Grenzgang finden Sie anbei. Wir bitten Sie freundlichst um Überweisung binnen der nächsten 14 Tage.

Mit freundlichen Grüßen

Jerome Ballhaus / PUG GmbH – Agentur für Grenzgänge

Katja sah zu Lars. »Du hast ihnen gesagt, dass ich keinen Bock habe?«

Lars stemmte die Hände in die Hüften. »War nicht gelogen, oder?«

Katja kniff die Augen zusammen und schaute auf den Brief. Der Grenzgänger war sichtlich irritiert.

Das Giho ließ sie nicht im besten Licht erstrahlen, das musste sie zugeben. Ihr war sofort aufgefallen, dass etwas nicht stimmte, als sie von der Arbeit nach Hause gekommen war und Lars am Küchentisch vorgefunden hatte. Er hatte allein dagesessen und Bier getrunken. Das war noch nie passiert. Katja wusste, dass er Trinken ohne Gesellschaft für verwerflich hielt. Etwas für Verlierer und Alkoholiker – Menschen, die ihr Leben nicht mehr im Griff hatten. Lars hatte sich stets zu kultiviert für ein Glas Wein am Abend gehalten, wenn Katja nicht auch eines getrunken hatte. Er liebte die Kontrolle über sein Leben mehr als das Leben selbst.

»Hier steht nicht, ob der Apfel von einem Menschen angebissen wurde«, sagte Katja. »Vielleich war es ein Hund … oder ein Hamster.«

Lars riss die Augen auf, als hätte sie ihn beleidigt. »Das ist es, was dich wundert? Wer den Apfel angebissen hat? Er ist vergammelt, Katja! Der Apfel auf deinem Stuhl ist vergammelt! Du bist vergammelt!«

Katja presste die Lippen aufeinander. Sie war fest entschlossen, sich nicht von ihm provozieren zu lassen. »Bei einem Giho ist jedes Detail wichtig, das weißt du ganz genau. Und dein Schreien, Lars … das hilft niemandem hier weiter.«

»Was soll ich denn sonst machen?« Er riss die Arme hoch. »Meine Verlobte – die Frau, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen wollte – ist ein Stuhl, auf dem ein schimmliger Apfel liegt! Wenn das kein Grund zum Schreien ist, was dann?«

»Wollte?« Katja legte den Brief auf den Küchentisch und musterte Lars. »Mit der du dein Leben verbringen wolltest?«

Er schlug die Hände vors Gesicht, als versteckte er sich vor der Wahrheit. Seine Schultern bebten, er schluchzte. Katja unterdrückte den Impuls, ihn darauf hinzuweisen, wie lächerlich er sich verhielt.

»Ich dachte, dass du etwas Schönes bist«, presste Lars heraus. »Eine Blume … oder ein Fluss. Vielleicht ein schöner Stein.«

»Ein schöner Stein?« Katja schnaubte.

Lars nahm das Bier vom Tisch und leerte es in einem Zug. Er verzog das Gesicht und hustete. »Immer noch besser als ein Stuhl, auf dem verschimmeltes Obst liegt. Ich versteh’s nicht, Katja. Ich versteh’s einfach nicht.«

Katja schüttelte den Kopf. »Deswegen war ich von Anfang an dagegen, Lars. Gihos sind gefährlich. Sie können alles und nichts bedeuten. Etwas Schönes kann in Wahrheit hässlich sein, etwas Hässliches aus purem Gold bestehen. Wir können nur vermuten, was diese verdammten Bilderrätsel bedeuten. Gihos geben keine Sicherheit, Lars. Ganz im Gegenteil, sie zerstören über Jahre aufgebautes Vertrauen. Selbst professionelle Deutende machen nichts anderes als Kaffeesatzleserei – wohlwissend, dass ihre Interpretationen Beziehungen, Karrieren und Leben ruinieren. Aber das interessiert ja niemanden. Die Welt verlässt sich lieber auf die vermeintliche Sicherheit der magischen Seelenbilder, statt auf die eigenen Gefühle zu hören. Was ist aus deiner Intuition geworden, Lars? Aus deinem Bauchgefühl? Aus deinem gesunden Menschenverstand?«

»Das sagst du nur, weil du vergammeltes Obst bist.« Kopfschüttelnd schlurfte Lars zum Kühlschrank, um sich ein neues Bier zu holen. Katja bot er keines an. »Ein schöner Stein würde Gihos nicht in Frage stellen.«

»Ich bin kein schöner Stein, Lars.« Katja konnte kaum glauben, dass sie das betonen musste. »Find dich damit ab.«

Lars hielt die kühle Bierflasche an die Stirn, als hätte seine Empörung Fieber verursacht. »Ich dachte, dass ich dich kenne.«

Katja musterte ihn mit halb geöffnetem Mund. Vielleicht hatte sie statt ihrer eigenen Wohnungstür versehentlich ein Portal zu einem Paralleluniversum aufgeschlossen, in der Parallel-Lars vollkommen durchgedreht war. Nichts von dem, was er sagte, ergab einen Sinn.

»Wir kennen uns seit der Grundschule, Lars. Ich saß neben dir in Mathe. Ich habe dich in der Pause geärgert. Nach dem Studium bin ich für dich zurückgekommen. Für dich! Für nichts anderes. Ich habe meine Karriere aufgegeben, um bei deinem Vater zu arbeiten.« Sie zeigte um sich. »Seit einem Jahr wohnen wir zusammen. Da vorne stehen meine Hausschuhe, dahinten hängt meine Jacke. Meine Wäsche ist im Trockner. Letzten Monat haben wir unser Fünfjähriges gefeiert. Wenn mich jemand kennt, dann du.«

»Fünf Jahre mit einem verschimmelten Apfel.« Er schüttelte den Kopf.

»Hör auf, mich einen verschimmelten Apfel zu nennen«, knurrte Katja. Sie war zu müde, um sich länger beleidigen zu lassen. Eine vollkommen überflüssige Diskussion über ihr angeblich wahres Wesen war das Letzte, was sie nach einem langen Tag im Sägewerk brauchte.

Lars stellte sein Bier auf die Arbeitsplatte, er hatte Katja den Rücken zugewandt.

»Ich möchte, dass du gehst.«

Katja kniff die Augen zusammen. »Wie bitte?«

»Ich brauche Zeit zum Nachdenken. Allein.«

»Dann geh du doch. Ich will schlafen. Und zwar in meinem Bett.«

»Ich bezahl die Miete«, sagte Lars. »Du gehst, ich bleibe.«

»Dein Vater zahlt die Miete. Du bezahlst hier gar nichts.«

Lars funkelte Katja von der Seite an, seine Lippen bebten. Katja hatte eine unsichtbare Linie überschritten.

Sie stand mit theatralisch erhobenen Händen auf. »Okay, ich gehe. Die Klügere gibt nach.«

»Die Klügere?« Lars schnaubte. »Das muss ich mir von Kompost nicht sagen lassen.«

Katja nahm ihre Jacke vom Haken und schob die Füße in die Arbeitsschuhe. Ein letztes Mal drehte sie sich zu Lars.

»Melde dich, wenn du wieder bei Verstand bist.«

Sie warf die Wohnungstür hinter sich ins Schloss und ging die Treppe hinunter; ihre Hände tief in die Jackentaschen geschoben. Katja wusste, dass Lars bereits bei seiner Mutter angerufen haben würde, bevor sie im Erdgeschoss ankam. Wie immer, wenn es Probleme gab. Aus diesem Grund hasste Katja Probleme mit Lars. Mit ihm wurde sie fertig, mit seinen Eltern nicht. Zu groß war ihre finanzielle Abhängigkeit von Gerd und Silke.

Doch damit würde sich die morgige Katja herumschlagen müssen – die heutige Katja brauchte einen Schlafplatz. Und um etwas zu Essen. Sie hatte einen Bärenhunger.

12 TAGE UND 19 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

Zum wahrscheinlich ersten Mal in Katjas Leben verursachte eine Pommes Mayo mit doppelt Zwiebeln kein augenblickliches Feuerwerk der Endorphine. Sie wusste, dass sie das Problem war, nicht die Fritten. Es gab vieles, das sie mit großer Leidenschaft an Bakelen hasste, doch die örtliche Pommesbude war stets ein verlässlicher Quell hochkalorischer Glücksgefühle für sie gewesen.

Gedankenverloren stocherte sie mit einer giftgrünen Plastikgabel in der Pappschachtel. Niemand sonst hatte sich an diesem Abend in den Imbiss verlaufen, der mehr Flur als Raum war. Die Fritteusen blubberten selbst mit leeren Frittierkörben, als könnte nicht einmal das Ende der Welt das stinkende Fett erhärten.

Was für ein beschissener Abend.

Katja hatte Lars von Anfang an von dem Grenzgang abgeraten, doch er hatte einfach nicht hören wollen. Dabei war es ihr nicht einmal um die immensen Kosten gegangen – auch wenn die Sitzung wahrscheinlich mehr als ihre geplante Hochzeit und die Flitterwochen zusammen gekostet hatte. Um die Bezahlung hatte sich Lars’ Vater gekümmert, der wie immer alles für seinen kleinen Prinzen finanziert hatte. Im Grunde auch Katjas Leben, die nach einer kurzen, aber niederschmetternd erfolglosen Jobsuche einen Gnadenjob im Sägewerk ihres Schwiegervaters angenommen hatte. Mit einem abgeschlossenen Germanistikstudium in der Tasche war sie nur für Lars nach Bakelen zurückgekehrt; wohl wissend, dass sie in der Stadt weitaus bessere Jobchancen gehabt hätte. Als sie in den darauffolgenden Monaten jedoch keine zu ihrem Studium passende Stelle in den umliegenden Dörfern gefunden hatte, war ihr nichts anderes übrig geblieben, als zumindest für den Übergang im Sägewerk auszuhelfen, um wenigstens ein paar Mark zu verdienen. Sie hatte den Gedanken nicht ertragen können, vollständig auf das Geld ihres Freundes angewiesen zu sein.

Bereits am ersten Arbeitstag hatte Katja feststellen müssen, dass ihr Studium an diesem Ort vollkommen nutzlos war. Die harte Währung im Sägewerk war Muskel-, nicht Hirnmasse. Nicht selten hatte sie beim Hoffegen wehmütig an ihre Universitätsstadt Münster zurückgedacht. Bekannt für exzellente Jura- und BWL-Lehrstühle sowie Partys an allen sieben Tagen der Woche. Nach vier unbeschwerten Jahren hatte Katja die so aufregende wie verschlafene Stadt hinter sich gelassen, um in ihren Geburtsort zurückzukehren. Bakelen hatte weniger Einwohner als Kühe und roch je nach Jahreszeit abwechselnd nach Gülle, Stroh oder Mais. Lars hatte ihre Rückkehr bereits für sie entschieden, ehe Katja es ernsthaft hinterfragen konnte. In Bakelen hatte sie eine fertig geplante Zukunft erwartet – basierend einzig auf einer Beziehung, die sie aus Bequemlichkeit nie in Frage gestellt hatte. Lars’ Reaktion auf ihr Giho hatte das schlagartig geändert. Sie hatten sich nicht wie sonst über irgendwelche Kleinigkeiten gestritten; über einen vergessenen Geburtstag, zu teure Klamotten oder nicht in die Spülmaschine geräumtes Geschirr. Es war um Katja selbst gegangen. Um sie als Person, um ihr wirkliches Ich. Ich dachte, dass ich dich kenne, hatte Lars gesagt. Ein Satz wie ein Messerstich mitten in Katjas Herz, nachdem sie so viel für ihn aufgegeben hatte. Ihr gesamtes Leben drehte sich um ihn. Sie war in seine Wohnung gezogen und arbeitete bei seinem Vater. Gemeinsam lebten sie von dessen Geld – nur dass Katja tatsächlich dafür arbeitete. Ohne Lars blieb ihr nichts außer ein nutzloses Studium und zwei linke Hände. Obwohl sie in Bakelen aufgewachsen war, hatte sie niemanden außer ihn und seiner Familie. Ihre eigenen Eltern hatten, kurz nachdem sie fürs Studium nach Münster gezogen war, das Haus verkauft, alle Ersparnisse zusammengekratzt und waren nach Mallorca gezogen, um ihre Haut in Sonne und ihre Seele in Wein zu baden. Der Kontakt zu ihnen hatte sich wenig später auf kurze Telefonate an Weihnachten und Ostern reduziert.

Mit der Pommesgabel in der Mayo stochernd, überlegte Katja, was nur ihr gehörte und niemandem sonst – weder Lars noch seinen Eltern.

Ihr fiel nichts ein.

»Ich mach zu. Willst du noch was?« Der bullige Imbissbesitzer sah Katja erwartungsvoll an.

Mein zweiter Rausschmiss an einem Abend, dachte sie. Scheine einen Lauf zu haben.

»Ne, danke.« Katja stand auf und winkte knapp. »Schönen Feierabend.«

Müde trat sie in die frostige Dunkelheit der westfälischen Provinz.

Und jetzt?

Katja sah auf ihre Casio-Armbanduhr. Halb Elf. Normalerweise lag sie zu dieser Zeit bereits im Bett. Für einen kurzen Moment überlegte sie, die Nacht im Auto zu verbringen. Doch ihr alter Fiat parkte direkt vor ihrer gemeinsamen Wohnung und Katja wollte nicht riskieren, dass Lars sie aus dem Küchenfenster im Auto schnarchen sah. Die Genugtuung würde sie ihm sicherlich nicht geben.

Was dann? Zu einer Freundin? Nur zu welcher? Katja kannte so ziemlich jeden in Bakelen, doch eine wirkliche Freundin hatte sie schon seit der Schulzeit nicht mehr. Zumindest keine, die nicht mindestens ebenso gut mit Lars und seiner Familie befreundet war und ihren Streit augenblicklich zum Dorfgespräch machte.

Bei Katja und Lars läuft’s nicht so gut.

Wahrscheinlich ist sie schuld.

Lars hat echt was Besseres verdient.

Darauf konnte Katja definitiv verzichten.

Die einzige Hauptstraße Bakelens war menschenleer. Weder Fußgänger noch Autos. Katja schlurfte mit hängenden Schultern über den Grünstreifen. Die Schaufenster der wenigen Geschäfte im Dorfkern waren dunkel, in den meisten Wohnungen flimmerte der Fernseher. Katja war auf dem Weg zu ihrer letzten Option für die Nacht: dem alten Anker. Das Gasthaus lag am Ende der Hauptstraße, kurz vor dem Ortsschild. Die drei Sterne, die das urige Hotel auf einer prominenten Messingplatte am Eingang stolz auswies, waren irgendwo zwischen Übertreibung und Lüge. Katja selbst hatte noch nie im alten Anker übernachtet, doch auswärtige Verwandte von Lars waren in Ermangelung anderer Alternativen hin und wieder dort abgestiegen, wenn sie zu Familienfeiern oder Beerdigungen nach Bakelen hatten kommen müssen. »Immerhin sauber«, war die wohl schmeichelhafteste Bewertung gewesen.

Das hölzerne Schild über dem Haupteingang des Ankers war beleuchtet, der Rest des Hauses wirkte verlassen. Erst als Katja die schwere Haupttür aufzog, aktivierte ein Bewegungsmelder ein flackerndes Licht. Von der automatisch ausgelösten Türglocke aufgeschreckt, kam eine kräftige Frau in den Vorraum geschwebt, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet.

»N’abend. Wie kann ich helfen?«

»Guten Abend. Haben Sie ein Zimmer frei?«

»Muss ich schauen.«

Katja verschränkte die Arme vor der Brust. Jeder im Dorf wusste, dass der Anker nie ausgebucht war.

»Ich hätte noch was im ersten Stock. Einzelzimmer?«

»Ja, das reicht.«

»Wie lange wollen Sie bleiben?«

Am liebsten nicht mal heute, dachte Katja und sagte: »Eine Nacht, danke.«

Die Rezeptionistin knallte einen Schlüssel auf den Tresen und nickte zur Treppe.

»Aufzug ist kaputt, aber Sie sind ja noch jung. Die Treppe hoch, erste Tür links. Frühstück von sechs bis zehn. Zimmer verlassen bis zwölf.«

»So lang werde ich nicht bleiben.«

»Umso besser«, sagte die Rezeptionistin und sprach damit aus, was beide dachten.

Katjas Gepäck bestand aus dem, was sie am Körper trug. Zähneputzen musste ebenso ausfallen, wie umziehen. Egal, dachte sie. Im Sägewerk achtete sowieso niemand auf Äußerlichkeiten. Morgen nach der Arbeit würde sie zu Lars gehen, zurück in ihr gemeinsames Zuhause, und alles bereinigen. Sie würden die Sache in Ruhe ausdiskutieren und gemeinsam zu dem Schluss kommen, dass Lars überreagiert hatte. Katja hatte schließlich nichts falsch gemacht. Dass der Grenzgang, den sie nie hatte machen wollen, angeblich ergeben hatte, dass sie ein Stuhl mit einem vergammelten Apfel auf der Sitzfläche war, konnte Lars ihr unmöglich zur Last legen. Zudem wussten sie noch nicht einmal, was das überhaupt bedeuten sollte.

Mit verschränkten Armen lag Katja auf dem gemachten Bett und starrte an die Decke, bis ihre Augen zufielen. Ihr letzter Gedanke galt einem schönen Stein.

12 TAGE UND 11 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

Das Frühstück im Anker war karg, aber größtenteils frisch. Die steinharten Brötchen waren zwar nicht zum ersten Mal aufgebacken worden, aber dafür gab es frisch geschnittenes Obst und heißen Kaffee. Und ja, Katja musste Lars’ Verwandten recht geben – einigermaßen sauber war es tatsächlich.

Zum Sägewerk waren es satte 30 Minuten Fußweg, doch Katja hatte keine Lust zu ihrer wesentlich näher liegenden Wohnung zu gehen, um aufs Auto umzusteigen. Sie fühlte sich noch nicht bereit für eine mögliche Konfrontation mit Lars. Und er bestimmt auch nicht. Lars konnte länger schmollen als ein Kind, das keinen Nachtisch bekam. Die Chance, dass er bereits einsah, wie kindisch er sich gestern Abend verhalten hatte, war eher gering. Versöhnung mit ihm war wie guter Wein, beides brauchte Zeit.

Der Morgen war klar und sonnig. Optimal für einen kleinen Spaziergang – redete sich Katja die Situation schön. Sobald sie den lächerlichen Streit aus der Welt geschafft hatte, würde sie wieder mehr Sport an der frischen Luft treiben. Ein paar Kilos weniger auf den Rippen wären sicherlich gut für Gesundheit und Beziehung. Und erst recht für ihr Hochzeitskleid, um das sie sich endlich kümmern müsste (wie ihre Schwiegermutter unermüdlich betonte).

Vielleicht schaff ich’s ja an diesem Wochenende, dachte Katja. Und Silke nehme ich gleich mit.

Ihre Schwiegermutter zum Hochzeitskleid-Shoppen mitzunehmen war mehr als ein Friedensangebot an Lars. Es war eine Friedenstaube in der Größe eines Drachens.

Wie passend, dachte Katja und bekam augenblicklich bessere Laune.

Das Kreischen der Gatter-Kreissägen war schon aus einem Kilometer Entfernung zu hören. Wie Pavlovs Hund spürte Katja den Geschmack von Sägespänen auf der Zunge, lange bevor sie das Sägewerk sah.

»Du sollst zum Chef kommen!«, rief Taifun als Begrüßung quer über den Vorplatz. Ohne ein weiteres Wort verschwand der bullige Vorarbeiter wieder in der Haupthalle.

Katja nickte seufzend und schlurfte zu dem rustikalen Holzkubus, den ihr Schwiegervater als Büro nutzte. Es war nicht ungewöhnlich, dass er sie gleich morgens zu sich zitierte. Meist war das der Beginn eines besonders ätzenden Tages. Lars’ Vater hatte große Freude daran gefunden, Katja möglichst unangenehme Arbeiten aufzutragen. Sie war die einzige Frau im Sägewerk, die nicht in der Buchhaltung oder im Putzteam arbeitete. Zudem war sie mit dem Sohn des Chefs liiert. Vielleicht wollte Gerd gerade deswegen allen im Sägewerk zeigen, dass niemand eine Vorzugsbehandlung von ihm zu erwarten brauchte. Nicht einmal seine Schwiegertochter in Spe. Vielleicht konnte er sie aber auch einfach nicht leiden.

Stundenlanges Sägespäne-Zusammenfegen war dabei noch das geringste Übel, da es mit dem nötigen Scheiß-egal-Gefühl fast schon meditativ war. Wesentlich schlimmer war die Reinigung der Maschinen, nachdem wieder mal ein Tier in eine der Sägen geraten war (was erschreckend häufig passierte). Am Ende solcher Tages hatte Katja sich oft geschworen, nie wieder Fleisch zu essen. Bisher jedoch ohne Erfolg.

Gerds schwarzer Mercedes parkte direkt vor dem Kubus.

Bloß keinen Schritt zu viel gehen.

Sie schob den Kopf durch die offene Tür. »Du wolltest mich sprechen?«

Gerd sah von einem Papierstapel hoch und winkte sie knapp zu sich. »Schließ die Tür.«

Katja musterte ihn. Etwas stimmte nicht – er war gut gelaunt. Sie zog die Bürotür zu und verharrte mit der Hand am Türgriff. Gerd bestand für gewöhnlich darauf, dass die Tür offen war, damit er hörte, was im Sägewerk passierte. Sie wurde nur geschlossen, wenn’s ums Geld ging. Mit Kunden, Partnern oder Angestellten.

»Setz dich, Katja.«

Gerd nickte zu dem schlichten Holzschemel auf der anderen Seite des Schreibtisches. Sie setzte sich widerwillig. Je unbequemer der Gesprächspartner saß, desto schneller ging er wieder. Diese Weisheit hatte Gerd Katja irgendwann nicht ohne Stolz erzählt, als sie gefragt hatte, warum er sich keinen vernünftigen Stuhl für seine Gäste zulegte.

»Wir müssen reden.«

»Okay?«, sagte Katja zögerlich. »Hab ich was falsch gemacht?«

»Ne, ne«, winkte Gerd ab. »Nicht bei der Arbeit.«

Katja schürzte die Lippen.

»Es geht um Lars.«

Diese verdammte Petze.

»Er hat mich gestern Abend angerufen. Nach eurem … nach deinem … du weißt schon.«

Katja verschränkte die Arme vor der Brust. »Das ist eine Sache zwischen Lars und mir.«

»Ich fürchte nicht«, sagte Gerd. »Nicht mehr.«

Er schob die rechte Hand in seine Hosentasche, zog etwas Kleines, Funkelndes daraus hervor und legte es auf den Schreibtisch vor Katja.

»Ist das …« Sie brauchte einen Moment, um zu verstehen, was vor ihr auf dem Tisch lag. »… Lars’ Verlobungsring?«

Gerd nickte. »Hat er mir gegeben. Lars hat vergangene Nacht bei Silke und mir geschlafen. In seinem alten Zimmer. Er wollte nicht in eurer Wohnung bleiben. Verständlicherweise.«

Katja verdrehte die Augen. Lars konnte so ein verdammtes Weichei sein. Silke und Gerd hatten mit ihrer alles erstickenden Art ganze Arbeit in der Erziehung geleistet.

»Du kannst ihn haben«, sagte Gerd.

»Was soll das bedeuten?«, fragte Katja.

Gerd sah sie mit dem Mitleid eines Lehrers an, dessen Schülerin nicht verstand, was 1 + 1 war.

»Es ist vorbei, Katja. Lars verlässt dich.«

»Aber … das kann er nicht machen.«

Gerd zuckte mit den Schultern. »Ihm blieb nichts anderes übrig.«

Katja legte die Hände in den Schoß. Sie fühlte sich klein und schwach als hätten sich ihre Knochen in Wasser verwandelt.

»Aber ich habe doch gar nichts getan.«

»Es geht nicht darum, was du getan hast, sondern darum, wer du bist.«

Katja spürte die aufsteigenden Tränen. »Aber ich bin doch die, die ich immer war.« Sie ballte die Fäuste. »Nett, lustig, hilfsbereit …«

Gerd schnaubte. Er hatte Katja noch nie für gut genug gehalten – das wusste sie. In seinen Augen war sie nichts weiter als eine Nutznießerin, die nicht Lars, sondern Gerds Geld heiraten wollte.

Deswegen war er also so gut gelaunt, dachte Katja. Er genoss den Moment! Endlich bekam er, was er wollte. Katja verschwand aus seiner Familie. Bestimmt hatte Gerd bereits einige standesgemäße Kandidatinnen im Kopf, von denen eine in Kürze Katjas Platz einnehmen würde. Hübsch genug, um die Familie auf Betriebsfeiern und Schützenfesten zu repräsentieren. Schlau genug, um vor wichtigen Kunden kein peinliches Zeug zu reden und dumm genug, um keine eigenen Ambitionen zu haben, außer Erben für die Familie zu gebären. Ein dekorativer Brutkasten – das war es, was Gerd für seinen Sohn wollte.

Katja stand auf.

»Wo willst du hin?«, fragte Gerd.

»Zu Lars. Ich muss mit ihm sprechen.«

»Keine gute Idee. Er will nicht mit dir reden. Außerdem bleibt er bis auf Weiteres bei uns. In seinem Zuhause. Silke passt auf ihn auf, bis er diesen … Schock verdaut hat.«

»Was für ein Schock? Es ist doch überhaupt nichts passiert!«

»Nichts passiert?« Gerds Ton wurde schärfer. »Herauszufinden, dass die eigene Partnerin ein vergammelter Apfel ist, findest du nicht schockierend?«

»Ich bin kein vergammelter Apfel«, knurrte Katja. Wut und Hilflosigkeit kämpften um ihre Stimme. Sie schüttelte den Kopf. »Du genießt das alles, oder? Ich war von Anfang an nicht gut genug für deinen kleinen Prinzen und das Giho gibt dir jetzt endlich einen handfesten Grund, Lars zu überzeugen, mich zu verlassen.« Sie sah Gerd direkt in die Augen und breitete die Arme aus. »Glückwunsch, Gerd. Heute ist dein Weihnachten!«

Er musste seine gesamte Körperkontrolle aufwarten, um nicht zufrieden zu lächeln. »Die Situation ist für niemanden von uns leicht.«

»Und jetzt? Was passiert als Nächstes? Du hast das doch eh längst geplant – wie also gehts deiner Meinung nach weiter?«

»Du ziehst aus«, sagte Gerd knapp. »Lars wird so lange bei uns bleiben, bis du deine Sachen aus der Wohnung geholt hast. Leg den Schlüssel auf den Küchentisch und zieh die Tür hinter dir zu.«

Katja fixierte Gerd, hielt seinem Blick jedoch nicht stand, aus Angst zu weinen. Ihre Tränen zu sehen hatte er nicht verdient. Sie senkte den Kopf. »Ich verliere also meinen Mann und mein Zuhause. Von jetzt auf gleich.«

Gerd schnalzte mit der Zunge. »Na ja, nach dem, was vorgefallen ist …«

»Es ist verdammt nochmal nichts vorgefallen!«

»Ich muss mich hier nicht von dir anschreien lassen.« Er verschränkte die Arme vor dem massigen Leib. »Nicht von einem …«

»Bitte sag es nicht.«

»Nicht von einem gammligen Apfel.«

Katja schloss die Augen. All das musste ein Traum sein. Verlassen und obdachlos – wegen eines verdammten Bilderrätsels, das angeblich mehr über sie aussagte als alles, was sie jemals für Lars getan hatte.

»Dir muss natürlich auch klar sein, dass dies dein letzter Arbeitstag im Sägewerk ist.« Katja öffnete die Augen und musterte Gerd. Sie sah die halbherzig unterdrückte Freude in seinem Gesicht. Seine Worte, die sie wie Giftpfeile trafen, schmeckten für ihn süß wie Marmelade.

»Ich sehe unser Vertrauensverhältnis als nachhaltig beschädigt an. Einen gammligen Apfel will nun wirklich niemand im Betrieb haben. Selbst der Grenzgänger war sichtlich irritiert. Außerdem kann ich schlecht jemanden beschäftigen, den mein Sohn nicht ausstehen kann.«

Nicht ausstehen …

Katja schloss die Augen.

Sie sprang vor, packte Gerd am Kragen und zog ihn über den Schreibtisch. Mit bloßen Fäusten schlug sie immer wieder mitten in sein breites Grinsen. Blind vor Wut brüllte Katja Laute, die nie vorgehabt hatten, Worte zu sein. Sie sah Gerds Montblanc Füllfederhalter neben seinem vor Blut blubbernden Gesicht. Mit der geballten Faust rammte sie ihn mit der fein gravierten Goldspitze voran in den weit aufgerissenen Augapfel ihres ehemaligen Schwiegervaters, der wie ein aufgespießtes Schwein schrie.

Katja öffnete die Augen, Gerd saß in seinem Sessel und lächelte sie zufrieden an. Ihre Beine waren weich wie Knete. Sie nahm den Verlobungsring vom Tisch und seufzte.

»Verstehe.«

Mehr brachte sie nicht heraus.

Kein Lars, keine Wohnung, keine Arbeit. Das war das ernüchternde Ergebnis der vergangenen zwölf Stunden. In Rekordzeit hatte sie alles verloren. Das Einzige, was sie im Gegenzug bekommen hatte, war der Verlobungsring, der eigentlich am Finger ihres zukünftigen Ehemannes hätte glitzern sollen. Für Gerd war der Ring schon immer ein Symbol der Schande gewesen. Aus einer Bierlaune heraus hatte Katja an einem Sommerwochenende an der Nordsee um Lars’ Hand angehalten. Sie hatte keinen Ring dabeigehabt, daher hatte sie den Nächstbesten in einem Ramschladen direkt an der Strandpromenade gekauft. Was Lars verwegen und romantisch gefunden hatte, war für Gerd unerträglich gewesen. Der Mann hatte um die Hand der Frau anzuhalten, nicht andersherum. Selbstverständlich hatte er auch den Verlobungsring zu bezahlen, der gefälligst teuer genug zu sein hatte, um den Status der Familie angemessen zu repräsentieren. In Gerds Augen hätte Katja Lars gleich kastrieren können, als sie ihm den Ramschring an der Nordsee angesteckt hatte.

Das hatte er ihr nie verziehen.

Katjas Blick war auf ihre Stiefel gerichtet, die schwerer als Betonsteine schienen. Lustlos schlurfte sie die Hauptstraße entlang, zurück zum Dorfkern. Die Sonne schien an einem wolkenlosen Himmel, es war angenehm warm. Die Luft roch nach Diesel und frisch gemähtem Rasen. Katja musste mit Lars sprechen, persönlich. Nicht durch Gerds Filter. Das Problem war Silke, die in Lars’ Elternhaus darüber wachte, wer Einlass bekam – und Katja stand sicherlich nicht auf der Gästeliste. Silke war die unaufrichtigste Person, die Katja je kennengelernt hatte. »Im Mittelalter hätte man deine Mutter als Erste verbrannt«, hatte Katja Lars nach einer ihrer zahlreichen Auseinandersetzungen zugeflüstert. Mit dem Ergebnis, dass Lars nicht ihr, sondern seiner Mutter zur Seite gesprungen war.

Hinter Silkes stets perfektem Make-up lauerten Neid und Hinterlist. Sie misstraute allen, die jünger, schöner oder glücklicher waren als sie selbst. Frauen waren entweder Konkurrentinnen oder Komplizinnen. Wer Glück hatte, konnte sich selbst für eine Seite entscheiden. Nicht so Katja – Silke hatte von Anfang an klar gemacht, dass sie die Liebe ihres Sohnes nicht mit einer so schlichten Person wie Katja teilen würde.

Nicht alles an der Inquisition war schlecht, dachte Katja, während sie über den Grünstreifen Richtung Dorf schlurfte. Vielleicht waren ein paar Tage Abstand gar keine schlechte Idee. Lars würde schon merken, was er an Katja hatte – nach ein paar Tagen ohne sie und einer Überdosis Silke. Sich rar zu machen, war der wohl älteste Liebestipp. Das Unerreichbare war schon zu Platons Zeiten reizvoller als das Nahe gewesen.

Die Wohnung war verlassen, wie Gerd angekündigt hatte. Nur die leeren Bierflaschen zeugten noch vom gestrigen Abend. Offenbar war Lars direkt nach Katjas Verschwinden zu seinen Eltern geflüchtet – normalerweise ließ er nichts herumstehen, Unordnung machte ihn nervös. Katja stellte die leeren Flaschen auf die Arbeitsplatte, nahm sich eine frische aus dem Kühlschrank und ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen.

Okay, Inventur.

Ihr Vater hatte ihr beigebracht, dass man Probleme am besten in zwei Schubladen sortierte. Unlösbare Probleme kamen in die Niemals-Schublade. Etwa schlechtes Wetter, Krankheit oder Tod. Die Niemals-Schublade war dazu gemacht, geschlossen zu bleiben. Sorgen um Unausweichliches oder Unbeeinflussbares waren unnützer Schmerz, hatte ihr Vater erklärt. Um sie sollte man sich niemals Gedanken machen.

Probleme, die erst zu einem späteren Zeitpunkt lösbar waren, kamen in die Später-Schublade. Etwa die Steuererklärung, Winterreifen oder nicht selten – die Liebe. Diese Schublade durfte bis auf Weiteres geschlossen bleiben, um nicht in Grübelei zu versinken. Jedes Problem hatte seine Zeit. Als Teenager panische Angst zu haben, nie die große Liebe zu finden war ebenso sinnvoll, wie im Sommer über die richtigen Winterreifen nachzudenken. Wichtig bei dieser Schublade war jedoch, in regelmäßigen Abständen hineinzuspähen. Die Probleme waren schließlich nicht weg, sondern nur wegsortiert.

Hatte man diese beiden Schubladen mit Problemen gefüllt, blieben nur noch die auf dem Tisch, die – zumindest theoretisch – sofort lösbar waren. Man erkannte das Wesentliche, statt in diffuser Überforderung zu erstarren. Katja liebte die Schubladen-Technik und empfand sie als das wahrscheinlich größte Geschenk ihres Vaters.

Sie sah aus dem Fenster und nippte an ihrem Bier.

Die Trennung von Lars kam in die Später-Schublade. Ebenso wie der Rausschmiss aus ihrer gemeinsamen Wohnung und der Verlust ihres Jobs im Sägewerk. Sie wollte Lars Zeit geben, die Wahrheit zu erkennen; sich auf die Stärke ihrer Beziehung zu besinnen. Liebe war wie Torte backen – man durfte beides nicht zerdrücken. Hatte sie Lars erst wieder zurückgewonnen, würden ihre Wohnungs- und Jobprobleme automatisch mitgelöst sein. Gerd würde sie wieder einstellen, wenn Lars es von ihm verlangte. Das war die Macht des kleinen Prinzen. Natürlich würden Gerd und Silke Katja niemals wirklich akzeptieren, doch das war egal, solange Lars an ihrer Seite stand. Und das brauchte Zeit. Lars war außer sich gewesen. So wütend hatte Katja ihn noch nie erlebt. Sie war gut beraten, Gras über die Sache wachsen zu lassen. Ein paar Tage, maximal eine Woche. Spätestens dann würde Lars zu ihr zurückgekrochen kommen.

Katja überlegte, wo sie ihr Giho einsortieren sollte. In die Niemals-Schublade? Schließlich waren Gihos nach allgemeiner Auffassung Spiegelbilder des wirklichen Charakters eines Menschen. Manifestation des wahren Ichs. Unveränderlich, umfassend und unverwechselbar. Doch Katja hatte nie so recht daran glauben können. Sie bezweifelte, dass man die Erfahrungen, Gefühle und Widersprüchlichkeiten eines Menschen auf ein einziges rätselhaftes Bildnis reduzieren konnte – oder sollte. Aus diesem Grund war sie von Anfang an gegen den Grenzgang gewesen. Sie hatte befürchtet, was passieren würde – und natürlich war es genauso gekommen. Lars war ein Mensch, der Sicherheit brauchte. Kein Wunder, wenn man derart kontrolliert aufwächst, dachte Katja. Sie hatte vorausgesehen, dass er alles andere vergessen würde, wenn ihr Giho nicht seinen lächerlich hohen Ansprüchen gerecht werden würde. Und genau so war es gekommen. Sie war ein schlichter Stuhl, auf dessen Sitzfläche ein angebissener, vergammelter Apfel lag. Angeblich. Sie konnte es noch immer nicht glauben.

Katja leerte ihr Bier und stand auf.

Das Giho würde auf dem Tisch liegen bleiben. Das war das Erste, was sie machen würde. Hinterfragen. Genügend Zeit hatte sie ja jetzt.

Katja ging zur Garderobe, um nach den Gelben Seiten zu suchen. Das kiloschwere Adress- und Gewerbebuch hatte ein eigenes Kapitel für alle Dienstleistungen rund um Grenzgänge. Sie fand es unter den Mützen und schlug es auf dem Boden kniend auf. Keines der gelisteten Unternehmen war in Bakelen ansässig – was wenig überraschend war. Ähnlich wie Krankenhäuser hatten sich auch Grenzgang-Agenturen auf Ballungszentren konzentriert, um Zugriff auf eine moderne Infrastruktur und die besten Talente zu haben. Die von Bakelen aus nächstgelegene Stadt war Münster, wo auch Katjas Grenzgang stattgefunden hatte.

Ungeduldig blätterte sie durch die hauchdünnen Seiten auf der Suche nach dem Namen der Agentur, die ihren Grenzgang durchgeführt hatte. Während ihr Blick über die klein gedruckten Einträge raste, kaute sie auf der Unterlippe. Wenn sie nur besser aufgepasst hätte. Lars hatte ihr völlig zurecht vorgeworfen, keinen Kooperationswillen gezeigt zu haben. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, den Namen der Firma zu behalten, die jemanden für sie in den Tod geschickt hatte. Natürlich konnte sie einfach den Hörer in die Hand nehmen und Lars nach dem Namen fragen – doch sie befürchtete, dass das nur ihr Image als gammliger Apfel bestätigen würde.

Dann fand sie es: PUG GmbH – Agentur für Grenzgänge.

Die abgedruckte Adresse entsprach nicht der, wo ihr Grenzgang stattgefunden hatte. Wahrscheinlich waren die Räume, die sie vor acht Tagen kennengelernt hatte, lediglich für die Durchführung der Grenzgänge gedacht. Nah am Universitätsklinikum gelegen, falls es zu unerwarteten Komplikationen kam. An der Adresse in den Gelben Seiten schien die Zentrale der Agentur zu liegen. Repräsentativ im vornehmen Zentrum Münsters. Katja riss die ganze Seite aus dem unterarmdicken Gewerbebuch und schob sie in ihre Hosentasche. Den Weg würde sie ohne Weiteres finden, schließlich kannte sie Münster noch aus ihrer Studentenzeit. Zudem bot die knapp einstündige Fahrt eine gute Gelegenheit, das verdammte Bakelen und die Ereignisse der vergangenen 24 Stunden wenigstens für kurze Zeit hinter sich zu lassen. Vielleicht würde sie unterwegs eine Antwort darauf finden, warum ihr Leben in nur einem Tag auseinandergefallen war.

Katja verließ die Wohnung, ohne auch nur eine Sekunde daran gedacht zu haben, ihre Sachen zu packen, wie Gerd es verlangt hatte. Ohne sich umzusehen, stieg sie in ihren Fiat und fuhr los. Das Radio spielte Somewhere Over The Rainbow von Marusha.

Katja hasste den Song.

12 TAGE UND 5 STUNDEN, BIS ALLES ENDET

Die PUG-Zentrale befand sich in bester Lage am Prinzipalmarkt – der Prachtstraße Münsters, die aussah wie amerikanische Touristen glaubten, dass alle deutschen Städte aussahen. Fachwerk mit lustigen Türmchen, spätgotische Kirchen, holpriges Kopfsteinpflaster und Holzfenster mit Sprossen.

Gihos waren eine wahre Goldgrube, insbesondere für die Mutigen, die nach dem südkoreanischen Durchbruch vor vier Jahren als erste die Zeichen der Zeit erkannt hatten. In den darauffolgenden Jahren waren Millionen Menschen überall auf der Welt der Verheißung des schnellen Geldes gefolgt. Ob als medizinischer Dienstleister, Grenzgang-Agentur, Vermittler, Grenzgänger und Deutender. Die Branche boomte mit immer erfinderischeren Services und Technologien, die Grenzgänge und deren Interpretation immer schneller, sicherer und zuverlässiger gemacht hatten.

Katja fuhr in die Tiefgarage unter der PUG-Zentrale, die mit übertrieben viel Glas und Stahl modernisiert worden war. Ein rundum verspiegelter Aufzug brachte sie lautlos schwebend zum Empfang im Erdgeschoss. Eine blonde Frau mit zu viel Make-up und Lächeln sah sie erwartungsvoll an. Auf dem kleinen Schild am Revers ihres hellblauen Blazers stand: Hi, ich bin Linn.

»Willkommen bei PUG. Schön, dass du da bist! Lass mich raten, die Freelancer-Kartei?«

Katja sah sich um; unsicher, ob Linn mit ihr gesprochen hatte. »Die was?«

Linn rollte lächelnd mit den Augen, als hätte Katja einen schlechten Witz erzählt. »Na, die Freelancer-Kartei. Für die selbstständigen Grenzgänger. Heute ist Vorstellungstag, um in die Datenbank aufgenommen zu werden.«

Katjas offener Mund und verwirrter Blick schienen Linns Frage deutlicher zu beantworten, als alles, was sie hätte sagen können. Linn musterte sie von oben bis unten, ihr Lächeln verschwand. Unter ihrem prüfenden Blick wünschte Katja sich, etwas anderes als ihr Lieblings-Metallica-Shirt und eine verwaschene Jeans angezogen zu haben.

»Haben Sie einen Termin?«, fragte Linn deutlich kühler.

Katja schüttelte den Kopf. »Mein Mann … ich meine, mein Verlobter …« Sie presste die Lippen aufeinander. »Lars Roth hatte einen. Also eigentlich ich, aber er hat ihn gebucht. Für einen Grenzgang.«

Linn tippte Lars’ Namen mit klackernden Anschlägen auf der Tastatur ihres Computers. »Ich kann keinen Termin für einen Lars Roth im System finden. Wann soll der Grenzgang denn stattfinden?«

»Er hat schon stattgefunden«, sagte Katja. »Vor mehr als einer Woche. Wir haben gestern das Ergebnis bekommen.«

Linn nahm die Hände von der Tastatur und sah hoch.

»Verstehe.«

Katja konnte die Ernüchterung in ihren Augen sehen. Ein Blick wie ein Seufzen – Katja schien bei weitem nicht die erste Verlassene zu sein, die vor Linn auftauchte. Frauen und Männer, deren Gihos nicht das gewesen waren, was ihre Partner erwartet hatten. Es hatte Streit gegeben, es war geschrien worden – irgendwann war jemand aus der Wohnung gestürmt, um sich alleine oder mit anderen volllaufen zu lassen. Jemand anderes war zurückgeblieben, hatte viel geweint, viel getrunken, nicht nachgedacht und war dann hergekommen. Wie Katja. »Ich würde gerne mit jemandem darüber sprechen«, sagte Katja.

Linn neigte den Kopf. »Haben Sie den Grenzgang beauftragt?«

»Nein. Wie gesagt, das hat mein … das hat Lars Roth getan.«

»Dann kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Datenschutz, verstehen Sie.«

»Aber es geht doch um meine Daten. Um mein Giho. Ich war bei dem Grenzgang, nicht Lars. Wenn, dann bin ich es, die hier geschützt werden sollte.«

»Das sieht der Gesetzgeber leider anders. Der Datenschutz gilt dem Vertragsnehmer, nicht irgendwelchen Dritten.«

Irgendwelchen Dritten. Katjas Augen verengten sich.

»Aber …«

»Sie sollten mit Ihrem Mann sprechen. Oder gemeinsam zu uns kommen. Ansonsten kann ich Ihnen nicht helfen.«

Katja schürzte die Lippen. So leicht würde sie nicht aufgeben. Sie musste mit irgendjemandem über ihr Giho sprechen. Mit einem Fachmann. Sie brauchte Kontext; Argumente, warum alles halb so wild war. Eine professionelle Deutung konnte sie sich nicht leisten, also blieb nur derjenige, der ihr Giho mit eigenen Augen gesehen hatte – ihr Grenzgänger. Vielleicht würde Linn sie wenigstens kurz mit ihm sprechen lassen. Nur wie hieß er nochmal?

Ein türkischer Name … irgendwas mit Y …

Auf den Boden starrend, durchsuchte Katja ihr Gedächtnis. Irgendwann würde ihre Unaufmerksamkeit sie noch ins Grab bringen, dachte sie.

Ach ja …

»Könnte ich bitte mit Herrn Yardim sprechen?«

»Der ist außer Haus.«

»Ist er in dem Gebäude an der Uniklinik? Kein Problem, da kann ich schnell …«

Linn hob die Hand. »Davon würde ich abraten. Man wird Sie auch dort nicht einlassen, wenn Sie keine ausreichende Berechtigung vorweisen können. Wir nehmen den Schutz unserer Klienten und Grenzgänger sehr ernst. Datenschutz, wie gesagt.«

Katja verschränkte die Arme. »Er ist direkt neben mir gestorben, verdammt nochmal. Da werde ich doch wohl kurz mit ihm sprechen dürfen.«

Linn öffnete den Mund, wurde jedoch sofort von Katja unterbrochen, die genervt abwinkte. »Jaja, Datenschutz, ich weiß.« Sie trat näher an den Tresen, bis kaum ein Meter zwischen ihnen war. Verschwörerisch sagte Katja: »Also, werden Sie mir wirklich nicht helfen? Nicht mal ein klein wenig?«

Linn schüttelte den Kopf.

»Ich befürchte, das kann ich nicht machen. Sprechen Sie mit Ihrem … Partner. Das ist der beste Tipp, den ich Ihnen geben kann.«

Katja saß in ihrem Fiat und starrte auf die nackte Betonwand der Tiefgarage. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad. Der Schlüssel steckte noch in ihrer Hosentasche. Das Auto ruhte, ihre Gedanken rasten.

Ein Stuhl mit einem verschimmelten Apfel auf der Sitzfläche. Das war es also – ihr wahres Ich. Was zur Hölle sollte das bedeuten? Konnte man auf sie besonders gut Müll abladen? War sie die Ablagefläche für die Probleme anderer?

Nicht völlig aus der Luft gegriffen, dachte sie. Insbesondere wenn sie überlegte, wie ihre Schwiegereltern sie seit Jahren behandelten – und dass der Mann an ihrer Seite nichts dagegen unternahm. Aber bedeutete das im Gegenzug nicht auch, dass Katja so etwas wie ein Fels in der Brandung war? Ein Garant für Stabilität. Fester Halt in stürmischen Zeiten? Egal, was die Welt auf ihre Sitzfläche warf – sie blieb standhaft. Ein sicherer Stuhl in einer Welt aus Müll.

Katja schüttelte den Kopf.

Genau das war der Grund, warum sie Gihos nicht leiden konnte. Jeder sah in ihnen, was er sehen wollte. Aus der Sicht eines Gebrechlichen war ein Stuhl eine willkommene Stütze. Aus der Sicht eines Müden die minderwertige Alternative zu einem Bett. Jeder sah immer nur seine eigene Wahrheit, nie die der anderen. Das bedeutete im Umkehrschluss aber auch, dass Katja ihre Wahrheit zu der der anderen machen konnte.

Denn war ihr Giho nicht in Wahrheit sogar etwas zutiefst Ehrenhaftes? In seiner übertriebenen Enttäuschung hatte Lars sich lediglich auf den gammligen Apfel fokussiert und den Stuhl, auf dem dieser lag, völlig ignoriert. Er hatte Katjas Fels in der Brandung übersehen. Den Stuhl, an den er sich lehnen konnte, wann immer er Unterstützung brauchte. Das war Katja, nicht der Apfel, der lediglich das Leid symbolisierte, das Katja bereit war, für andere zu ertragen. Sie musste unbedingt mit Lars sprechen, um ihn zu überzeugen, dass dies die einzig wahre Interpretation ihres Gihos war. Wenn man es so betrachtete, konnte er verdammt froh sein, jemanden wie sie gefunden zu haben. Einen Fels in der Brandung. Tausendmal besser als ein schöner Stein.

Katja zuckte zusammen, als die Feuerschutztür wenige Meter neben ihrem Auto aufgestoßen wurde. Zwei Frauen und ein Mann kamen in die Tiefgarage. Hinter ihnen fiel die schwere Metalltür krachend ins Schloss. In ein lautstarkes Gespräch vertieft, übersahen sie Katja in ihrem Auto. Dank der dünnen Scheiben ihres alten Fiats konnte sie dem Gespräch wiederum bestens folgen. Am Kofferraum eines giftgrünen Sportwagens blieben sie stehen. Die größere der beiden Frauen zog eine Schachtel Lucky Strikes aus ihrer Lederjacke und bot sie den anderen an, die dankend annahmen. Augenblicke später waren sie in eine dichte Rauchwolke gehüllt. Katja beobachtete ihre Kühnheit in stiller Bewunderung. In Tiefgaragen war Rauchen verboten, jeder wusste das. Offenbar war Katja die Einzige, die sich auch daran hielt.