Das Labyrinth am Ende der Welt - Marcello Simoni - E-Book

Das Labyrinth am Ende der Welt E-Book

Marcello Simoni

2,2

Beschreibung

Frühjahr 1229. Die unbarmherzige Sekte der Luziferianer überzieht Italien mit Tod, Zerstörung und Gewalt. Reliquienhändler Ignazio da Toledo gerät unschuldig in den Verdacht, in die Taten verwickelt zu sein. Um sich gegen die Anschuldigungen des Inquisitors Konrad von Marburg zu wehren, begibt er sich auf eine gefährliche Reise, die ihn nach Sizilien und an den Hof Friedrichs II. führt. Welches Geheimnis hüten die Luziferianer, das so kostbar ist, dass es das Opfer so vieler Leben wert ist? Der dritte Teil des Weltbestsellers: mittelalterlich, düster - hochspannend.

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Seitenzahl: 563

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Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig. Im Glossar sind auch alle lateinischen Zitate übersetzt.

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Il labirinto ai confini del mondo« bei Newton Compton editori, Rom. © 2015 Marcello Simoni ©der deutschsprachigen Ausgabe Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv:Stephen Mulcahey/Arcangel Images Umschlaggestaltung: Nina Schäfer Lektorat: Christina Neiske eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-860-1 Mittelalter-Thriller

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Für Celeste und Alfredo,

die von den Sternen aus zusehen

PROLOG

Im Jahre des Herrn 1229 am 15.Januar Kloster St.Petrus und Marcellinus zu Seligenstadt

Die Morgendämmerung ließ auf sich warten, erstickt von der undurchdringlichen Schwärze der Nacht. Einer Nacht, die vielleicht in alle Ewigkeit andauern würde. Konrad von Marburg stand am offenen Fenster in einem abgelegenen Raum des karolingischen Klosters. Regungslos wie ein Vorstehhund, der Beute gewittert hat, beobachtete er die in Dunkelheit gehüllte Landschaft. Er wartete auf etwas, auf ein Zeichen oder eine Vision, doch er wusste nicht, ob sich dieses Etwas vor seinen Augen oder in den Tiefen seiner Seele zeigen würde. Allerdings hatte er schon eine gewisse Ahnung, um was es sich handelte. Nach zwanzig Jahren, in denen er unzähligen Exorzismen und Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen beigewohnt hatte, war er sicher, dass er sich nicht irrte. Er hatte ein Geräusch aus der Finsternis vernommen, das Wiehern eines Pferdes. Und er war bereit zu kämpfen.

Konrad verengte die Augen zu Schlitzen, um dem eisigen Wind zu trotzen, der ihm ins Gesicht peitschte. Der Nordwind tobte wütend wie eine Furie über die Felder und durch die Straßen. Raue Zärtlichkeiten einer stiefmütterlichen Natur, Gaben eines Winters, der das ganze Land in seinem eisigen Griff gepackt hielt. Er sah darin fast eine Warnung, eine Vorahnung dessen, was ihn erwartete. Denn ihm, Konrad von Marburg, war es gelungen, die Winkelzüge des Bösen in den menschlichen Taten zu erkennen.

»Fiat voluntas tua«, murmelte er und neigte leicht das Haupt.

Er schloss die Läden und wandte sich wieder dem spärlich beleuchteten Raum zu. Auf dem Schreibtisch warteten zwei Briefe auf ihn, einer war auf Deutsch verfasst, der andere in Latein. Er hatte sie beide im Lauf der Nacht geschrieben, fast ohne innezuhalten, und sie dann auf der Tischfläche liegen gelassen, damit die Tinte trocknen konnte. Die Lage war ziemlich ernst. In wenigen Stunden würde ein Bote aufbrechen, um sie zu überbringen.

Das erste Schreiben war für den Landgrafen von Thüringen bestimmt, der über dieses Gebiet herrschte, das zweite dagegen war an Seine Heiligkeit höchstpersönlich adressiert, Papst GregorIX. Sie waren mehr oder weniger gleichen Inhalts, mit leichten Abwandlungen bei den Höflichkeitsanreden und Lobpreisungen.

Konrad setzte sich an den Schreibtisch und nahm den lateinischen Brief zur Hand, um ihn im Kerzenschein noch einmal durchzulesen. Ihm war bewusst, dass sein Text mit einigen deutschen Formulierungen durchsetzt war, aber er wusste, dass er sich deswegen keine größeren Gedanken machen musste. Als GregorIX. noch kein Papst war und auf den Namen Ugolino di Agnani hörte, war er als päpstlicher Gesandter in Deutschland unterwegs gewesen und daher der deutschen Sprache mächtig.

Der Inhalt des Briefes lautete:

Im Namen des Herrn Jesus Christus. An Seine Heiligkeit Papst Gregor, Bischof der katholischen Kirche und Diener der Diener Gottes, berichtet der Unterzeichnete Konradus de Marburc,predicator verbi Dei, die Ergebnisse seiner Untersuchungen über die häretische Verderbtheit, die Deutschland befallen hat.

Im Monat Januar des nämlichen Jahres begab ich mich in die Diözese Mainz, um das Haus eines Geistlichen namens Wilfridus zu besuchen, der bereits im Verdacht der Häresie stand, und dortselbst fand ich eindeutige Beweise für die Beschwörung des Bösen. Ich entdeckte zahlreiche nekromantische Zeichen, die ich identifizieren konnte, und ließ daraufhin den Geistlichen verhaften, um ihn der peinlichen Befragung zu unterziehen. Obwohl ich einen Glaubensbruder vor mir hatte und keinen einfachen Laien, waltete ich mit der ganzen Strenge meines Amtes.

Der Befragte versuchte zu leugnen, so wie jeder, der die eigene Schuld verbergen möchte, doch schließlich gestand er, eine häretische Dreifaltigkeit anzubeten, die älter als die der Christenheit sein soll und in der ich Luzifer vermute, der sich über die Heiligste Dreifaltigkeit erheben will. Zum Beweis solcher Verdächtigungen trug Wilfridus auf der rechten Hand ein Zeichen des Paktes mit dem Bösen, welches ich aus Anstand und Gottesfurcht Eurer Heiligkeit nicht näher beschreiben möchte.

Noch schwerer wiegt die Tatsache, dass der Befragte gestand, er sei in diesen gotteslästerlichen Kult von einem Magister aus Toledo eingeführt worden. Er beschrieb ihn als einen großen, hageren, dunkel gekleideten Mann, doch er schwor, dessen Namen nicht zu kennen. Auf Grundlage vorhergehender Untersuchungen weiß ich allerdings sehr wohl, um wen es sich handelt. Es ist der Homo Niger, der Schwarze Mann, der sich den Ketzern oft während ihrer schändlichen Geheimtreffen zeigt.

Angesichts dieser offenkundigen Beweise bitte ich um die Erlaubnis, die Untersuchung südlich der Alpen fortzuführen, wo sich nach Aussage des Befragten ein Großteil der Sekte verbergen soll, die dieser Magister aus Toledo gegründet hat. Und da die Anhänger dieser Sekte sich der ungeheuerlichsten Ketzerei hingeben, nämlich der Anbetung Luzifers, wünsche ich, dass sie vom Bann der Heiligen Römischen Kirche getroffen und mit dem Hirtenstab derselben bestraft werden sollen.

Ein Geräusch, das Klappern von Sandalen auf dem Gang vor dem Zimmer, ließ Konrad von Marburg aufblicken. Er lauschte ihm, bis er in der Tür einen Mann auftauchen sah. Ein Franziskaner mit einer weit ausrasierten Tonsur, die von einem dichten Kranz struppiger Haare umgeben war. Zwei asketisch glühende Augen ließen sein Gesicht erstrahlen.

»Gerhard von Lützelkolb, mein Freund.« Konrad stand auf und breitete erfreut die Arme aus. »Ich habe mich schon gefragt, wo Ihr so lange bleibt.«

Der Mönch verneigte sich kurz und atmete dann mehrmals tief durch. Er musste gerannt sein. »Ich wurde aufgehalten, Magister. Vergebt mir.«

Magister. Seit zwei Jahren wurde Konrad von Marburg so angesprochen, nachdem ihm der Heilige Vater eine Aufgabe von großer Wichtigkeit anvertraut hatte, die zwar ein eindeutiges Zeichen seiner Wertschätzung, aber auch eine schwere Bürde war. Niemandem vor ihm war je aufgetragen worden, Untersuchungen über Ketzerei anzustellen, zumal mit dem erklärten Ziel, sie um jeden Preis auszumerzen. Diese Vollmacht stellte ihn höher als jeden Bischof, Prior oder Abt und löste allseits ehrfürchtige Sorge aus.

Gerhard von Lützelkolb sah sich um und wickelte sich fester in seine wollene Jacke, die er über der Kutte trug. Er schien sich nach einer Wärmequelle umzusehen, jedoch vergeblich. »In diesem Raum ist es eisig kalt.«

»Kälte reinigt«, erwiderte Konrad mit einem leichten Tadel in der Stimme.

Der Mönch biss sich auf die Zunge. Die Strenge des Kirchenmanns, vor dem er stand, war allgemein bekannt. »Nun denn, Magister. Was befehlt Ihr?«

Konrad bedeutete ihm zu warten. Er überflog noch einmal die Briefe, versiegelte sie und reichte sie schließlich dem Franziskaner. »Sie müssen unbedingt sofort verschickt werden.«

»Die Boten stehen zum Aufbruch bereit.« Gerhard begutachtete die beiden Rollen mit einem Zögern. Seine Hände zitterten, und ein merkwürdiger Glanz lag in seinen Augen.

Konrad musterte ihn aufmerksam. Für gewöhnlich entging ihm nicht die kleinste Einzelheit. »Ist da etwas, das Euch Sorge bereitet?«

Bevor der Mönch seine Antwort in Worte fassen konnte, entfuhr ein röchelndes Stöhnen seiner Kehle. »Es ist etwas Schreckliches passiert, Magister.«

»Erklärt Euch näher.«

»Es betrifft den Geistlichen Wilfridus, den Ketzer, den Ihr befragt habt.«

»Ja und? Ich habe ihn in seine Zelle sperren lassen, wo er so lange verwahrt werden soll, bis man ihn hängt.«

»Das wird nicht mehr notwendig sein.« Gerhard verzog den Mund. »Er ist bereits tot.«

Konrad ballte die Hände vor seiner Brust zu Fäusten. »Aber wie…«

»Die Wachen haben ihn mit etlichen Verbrennungen am ganzen Körper gefunden– das war übrigens auch der Grund, weshalb ich so spät zu Euch kam. Schreckliche Verbrennungen, durch… etwas, das sich zwischen seine Rippen gebohrt hat.« Von Lützelkolb zögerte. »Schwefeliger Pesthauch erfüllt seine Zelle.«

»Hat irgendjemand etwas gesehen?«

»Nein, aber… Wie konnte das geschehen? In diese Zelle kommt niemand hinein. Das Fenster ist zu eng, als dass dort hindurch…«

»…ein Mensch passte?« Konrad schlug ihm mit einem düsteren Lächeln auf die Schulter. Genau das, dachte er, war das Zeichen, auf das er gewartet hatte. Und als er weitersprach, genoss er im Voraus jedes seiner Worte. »Fürchtet Euch nicht, Eure Gedanken laut auszusprechen, mein Freund. Heute Nacht reitet das Böse über das Land.«

Gerhard bekreuzigte sich hastig, fast als wollte er sich gegen einen Fluch schützen.

»Aber jetzt lasst diese Briefe überbringen«, ordnete Konrad an. »Und betet zum Herrn, er möge uns Kraft schenken.«

ERSTER TEIL

DAS ZEICHEN DES SCHÜTZEN

»Aber auch den Teufel selbst wird er nicht fürchten, ihn, der da ist in Wahrheit der schärfste Schütze: Denn er ist bewaffnet mit feurigen Geschossen aller Art und hält jeden Augenblick die Herzen der ganzen Menschheit in Spannung.«

1

Paris, Nacht des 26.Februar

Suger schaute sich noch einmal um. Jemand verfolgte ihn. Ein riesiger Mann, der in einen zerrissenen Umhang gehüllt war. Er hatte ihn erst vor Kurzem bemerkt, während er vom Montagne Sainte-Geneviève Richtung Cité hinabstieg, und da er einen Überfall befürchtete, hatte er beschlossen, seine Schritte zu beschleunigen. Abgesehen von dieser beeindruckenden Gestalt war die Straße menschenleer, nur umherhuschende Ratten waren zwischen den aufgehäuften Abfällen zu sehen. Schmutz und Unrat überall, zum Großteil noch Überreste der Ausschweifungen des Karnevals.

Suger zog sich die Kapuze über den Kopf, um sich vor der Kälte zu schützen, hinter einer Biegung sah er sich wieder um. Der Mann in dem zerrissenen Umhang kam immer näher… Hätte ihn doch der Abt von Saint-Victor bloß nicht zu sich gerufen! Suger unterrichtete am Studium als magister medicinae, aber er war zu arm, um es sich leisten zu können, nach Sonnenuntergang keine Patienten mehr aufzusuchen, vor allem dann nicht, wenn sie gut zahlten. Abgesehen von einem Tee aus Bohnenkraut und einem Wickel für die geschwollenen Füße hatte ihm der alte Abt eine ordentliche Portion Geduld abverlangt. Suger hasste das Gejammer alter Menschen, und jedes Mal, wenn er auf so jemanden stieß, bedauerte er es, nicht in die Fußstapfen seines Vaters getreten zu sein, der über vierzig Jahre lang Glasfenster für Kathedralen gefertigt hatte.

Der Mann mit dem Umhang verfolgte ihn hartnäckig. Suger bemerkte, dass er das linke Bein leicht nachzog, und vermutete, dass er verletzt war. Als er sah, dass der Mann ihm winkte, er möge doch stehen bleiben, fürchtete er das Schlimmste. Voller Angst bog er schnell nach rechts ab und lief durch eine schlammige Gasse, bis er zu einem Weinberg kam.

Geduckt eilte er zwischen den Rebenreihen weiter, bis er überzeugt war, dass der andere seine Spur verloren hatte, dann kam er wieder hervor und eilte Richtung Grande Rue. Er kannte die Viertel hier sehr gut. Die Dominikaner vom Kloster Saint-Jacques würden ihm im Notfall beistehen. Doch als er dieses Gebäude erreicht hatte, erkannte er, dass ihm keine Gefahr mehr drohte.

Der Mann im Umhang war verschwunden.

Suger wurde langsamer und blieb schließlich gegen eine Mauer gelehnt stehen, um tief Luft zu holen. Schweiß stand auf seiner Stirn, und seine Knie schmerzten, es war eine Ewigkeit her, dass er so gerannt war. Er sah sich mehrmals um, weil er befürchtete, sich geirrt zu haben. Aber es stimmte, er hatte den Mann abgehängt. Er konnte also in Ruhe nach Hause gehen.

Er atmete noch einmal tief durch, dann lief er über den Dreck schlitternd im Schein der in die Wände eingelassenen Fackeln durch die Grande Rue zum Seine-Ufer. Allmählich wurde die Straße immer breiter und sauberer. Doch die Angst ließ ihn nicht los. Wer war dieser Fremde? Was wollte er von ihm? Suger versuchte sich abzulenken, indem er in Gedanken die Aufgaben durchging, die er am folgenden Tag zu erledigen hatte. Morgen war Mardi gras, doch er musste trotzdem seine Vorlesung halten und seinen Lieblingsschüler treffen, weil dieser demnächst die Prüfung zum baccalarius ablegen sollte.

Tief versunken in seine Überlegungen erreichte er die rive gauche. Hier verbarg sich die Seine hinter einigen Häusern, die auf einer Steinbrücke, dem Petit-Pont, errichtet worden waren. Suger lief etwa bis zur Mitte der Brücke, während er dem düsteren Rauschen des Wassers lauschte, dann blieb er vor einer von Feuchtigkeit angegriffenen Tür stehen. Endlich war er zu Hause.

Bevor er eintrat, schaute er noch einmal zur Île de la Cité hinüber, die sich wie ein großes Schiff in der Mitte des Flusses abzeichnete. Das Herz von Paris. Dort erhoben sich die Kathedrale Notre-Dame und die Schule des Domkapitels. Dort durften Männer mit so erhabenen Namen wie Roland von Cremona ihre Vorlesungen halten, dieser dominikanische Theologe, der aus Italien gekommen war. Berühmte Lehrmeister, die für ihren Lebensunterhalt bestimmt nicht so niedrige Aufgaben übernehmen mussten…

Dabei war er doch auch Magister! Und bestimmt nicht weniger wert, nur weil er abgelehnt hatte, sich zum Priester weihen zu lassen, oder weil er ein Fach unterrichtete, das bei den Theologen nicht gut angesehen war. Ganz gleich, ob diese Frömmler es nun zugaben oder nicht, das Wohl der Menschheit lag im Studium von Avicenna, nicht in dem des heiligen Augustinus. Während er mit einer verächtlichen Geste sie alle zum Teufel schickte, betrat er sein Haus. Er war müde und wollte bloß noch schlafen, doch als er die Tür hinter sich zuziehen wollte, stieß er plötzlich auf Widerstand.

Eine Stiefelspitze hatte sich zwischen Tür und Rahmen geschoben.

Instinktiv wollte Suger sie mit der Tür zerquetschen, doch noch ehe er ganz begreifen konnte, was vor sich ging, sah er, wie sich dazu noch eine breite Hand in den Spalt schob und ebenfalls Widerstand leistete. Suger hielt nun mit seinem ganzen Gewicht dagegen, doch der Eindringling war stärker, und es gelang ihm schließlich, die Tür aufzustoßen. Da erkannte der Magister ihn: Es war der Unbekannte mit dem Umhang!

Ohnmächtig musste er zusehen, wie der Mann eintrat. »Was wollt Ihr von mir?«, fragte er ihn mit einer Mischung aus Wut und Unbehagen.

»Ich habe nicht die Absicht, Euch etwas anzutun«, beruhigte ihn der Fremde, er sprach Latein mit einem starken deutschen Akzent. Er war groß und kräftig gebaut, aber er schien nun am Ende seiner Kräfte zu sein. Mit der rechten Hand trug er einen Sack über der Schulter. Die linke hatte er zum Zeichen seiner friedlichen Absichten erhoben. »Ich brauche Euch.«

»Braucht Ihr mich oder mein Geld?«, erwiderte Suger, während er zurückwich. Hinter ihm waren in einem eher bescheiden eingerichteten Raum nur ein Bett, ein Tisch und eine Truhe zu sehen, rundherum jede Menge Bücher. Er wühlte in den Regalen auf der Suche nach etwas, das er als Waffe verwenden konnte, und als er schließlich den Stößel eines Mörsers zu fassen bekam, schwang er ihn drohend. Fast musste er über sich selbst lachen.

Der Mann im Umhang kam vorsichtig näher. »Ich bin kein Dieb.«

Suger bemerkte den Dolch, den er am Gürtel trug, und ein wenig darunter Blutflecken auf dem linken Hosenbein. Die Wunde musste sich weiter oben befinden, und der Mann verlor viel Blut.

»Ich brauche einen Arzt…«, erklärte der Mann als Antwort auf Sugers fragende Blicke. »Ich wollte gerade im Hospiz von Saint-Victor um Hilfe bitten, als ich Euch aus dem Kloster kommen sah. Der Pförtnermönch hat mir gesagt, wer Ihr seid, und so habe ich beschlossen, Euch zu folgen.« Ohne um Erlaubnis zu fragen, zog er einen Stuhl unter dem Tisch hervor und ließ sich darauf nieder, den Sack stellte er auf seinen Schoß. »Es tut mir leid, wenn ich Euch erschreckt habe…«

Suger wusste nicht, was er sagen sollte, daher beschränkte er sich darauf, den anderen eingehend zu mustern. Gesichtszüge konnten viel über den Gesundheitszustand, das Temperament und sogar das Schicksal eines Menschen enthüllen. Er hatte diese Kunst als kleiner Junge bei einem jüdischen Heiler gelernt, und seitdem war er geradezu davon besessen. Der Fremde hatte vornehme, ja fast weichliche nordische Züge. Die Stirnfalten zeugten von einem starken Charakter wie dem eines Kriegers, aber sie liefen über dem linken Auge zusammen und bildeten eine Art Kreuz. Ein schlimmes Vorzeichen, dachte er. Es kündete einen gewaltsamen Tod an.

Der Mann schenkte ihm ein schwaches Lächeln. »Ihr seht mich an, als ob ich schon tot wäre.«

»Wie ich Euch ansehe, hat Euch nicht zu bekümmern«, entgegnete der Arzt feindselig. »Ihr habt mich verfolgt und seid dann mit Gewalt in mein Heim eingedrungen. Einen Magister der Universitas anzugreifen ist ein schweres Vergehen, das streng bestraft wird!«

Der Fremde täuschte übertrieben Angst vor, als sähe er sich den Drohungen eines Kindes gegenüber. »Ich habe keine Angst vor dem Tod, jedoch vor der Möglichkeit, dass meine Mission scheitert«, erklärte er. »Falls ich umkomme, ist es mein größter Wunsch, dass jemand anderer sie übernimmt.«

»Dann solltet Ihr Euch doch besser an die Mönche von Saint-Victor wenden.« Suger deutete auf die Tür. »Ihr habt immer noch Zeit.«

»Nein, Ihr seid die geeignete Person.« Der Fremde fuhr sich mit der Hand über die Stirn in dem Bemühen, einen klaren Kopf zu behalten. »Ein Laie, außerdem sehr gelehrt… Deshalb bin ich Euch sogleich gefolgt.«

»Ich dachte, Ihr wolltet Euch verarzten lassen.«

»Nicht nur. Ich bin ein Pilger aus einem fremden Land… Ich brauche…« Ein plötzlicher Hustenanfall schüttelte den Mann so heftig, dass er sich krümmte.

Suger legte den Stößel weg und half dem Mann, sich aufzurichten. »Ihr redet wirres Zeug, mein Herr. Seid Ihr Euch dessen bewusst?«

Der Fremde war wirklich aufs Äußerste erschöpft, er wurde immer blasser und glühte inzwischen vor Fieber. Die Verfolgung musste ihn wirklich seine letzten Kräfte gekostet haben. »Nein… Meine Mission…« Er schüttelte den Kopf und hob den Sack von seinem Schoß. »Das hier muss einem Mann übergeben werden, der sich in Mailand aufhält…« Dann hustete er wieder.

Suger lachte nervös auf. »Bis nach Mailand gar? Ihr seid verrückt! Da könnt Ihr dieses dreckige Bündel schon selbst hinbringen!«

»Ich würde alles dafür geben, das könnt Ihr mir glauben… Aber ich fürchte, ich lebe nicht mehr lange genug, um es zu schaffen…«

Suger schnitt ihm mit einer ungeduldigen Handbewegung das Wort ab. Dieser Mann musste an einer geistigen Verwirrung leiden, wahrscheinlich wegen des Schmerzes und des starken Blutverlustes. Aber man sah ihm auch an, wie verzweifelt er war. »Fürchtet Euch nicht«, beruhigte er ihn und ließ seine Berufsethik über die Vorsicht siegen. »Legt Euch hier auf den Boden, damit ich Euch untersuchen kann.« Eigentlich hätte er ihm sein Bett anbieten müssen, aber der Fremde war schmutzig, und Suger hasste nun einmal Dreck.

»Wenn mich nicht diese Wunde umbringt«, stöhnte der Unbekannte, als er sich auf den Boden legte, »dann tötet mich der Reiter… Wie den guten Wilfridus…«

»Das ist Eure Sache«, unterbrach ihn Suger. Er beugte sich über ihn, und als er den Umhang des Mannes zur Seite schob, konnte er sehen, dass die Tunika darunter blutdurchtränkt und an einigen Stellen verbrannt war. Suger schnallte ihm den Gürtel ab, legte den Dolch beiseite und legte die Brust des Unbekannten frei. Genau wie er geahnt hatte, befand sich die Wunde auf der linken Seite unterhalb der Rippen. Sie war fast drei Zoll lang und ziemlich tief. Schwefliger Geruch ging von der Verletzung aus. »Wie es aussieht, hat man versucht, Euch aufzuspießen.«

»Nur durch ein Wunder bin ich noch am Leben«, seufzte der Mann.

»Beruhigt Euch, das hier werdet Ihr überstehen.« Suger stand auf, nahm einen Tonkrug vom Tisch und kniete sich dann wieder neben seinen Patienten. Er zog den Korken mit den Zähnen heraus und goss eine rote Flüssigkeit auf die Wunde, dann rieb er mit einem Tuch darüber.

»Es brennt… Was ist das?«

»Wein. Ich benutze ihn, um die Wunde zu reinigen.« Jetzt konnte er deren Umrisse genau erkennen. Sie kam ihm nicht schwierig zu behandeln vor, allerdings sah sie ungewöhnlich aus. Die Haut um die klaffende Öffnung war ausgefranst und verbrannt, das innere Gewebe wies ähnliche Verletzungen auf.

Die Stimme des Unbekannten riss ihn aus seinen Überlegungen: »Wenn Ihr das tut, um das ich Euch gebeten habe, werdet Ihr gebührend belohnt werden…«

»Belohnt?« Einen Moment lang wich Suger davon ab, den Mann für geistig umnachtet zu halten, und fragte sich, ob der Unbekannte nicht klarer bei Verstand war, als es den Anschein hatte. Er musterte sein Gesicht, doch dann bemerkte er, dass der Fremde kurz vor einer Ohnmacht stand, daher schob er jede Überlegung beiseite, nahm Nadel und Faden zur Hand und konzentrierte sich wieder auf die Wunde.

Sobald er mit der Nadel die Haut durchbohrte, bäumte sich der Unbekannte auf und verzerrte krampfhaft den Mund zu einem stummen Schrei.

»Nur Geduld«, forderte ihn der Arzt auf und versuchte, ihn ruhig zu halten, »ich nähe die Wunde.«

»Ihr flickt mich zusammen wie ein altes Gewand? Wollt Ihr nicht kauterisieren?«

»Das Brenneisen taugt vielleicht, um eine Kuh zu brandmarken, aber bestimmt nicht, um einen Menschen zu heilen.« Suger kniff die Lippen zusammen und blickte auf seine Hände, die so geschickt arbeiteten, dass eine Schneiderin hätte neidisch werden können. Als er die Naht beendet hatte und sein Patient, der während der Prozedur das Bewusstsein verloren hatte, wieder zu sich kam, nutzte der Arzt die Gelegenheit, um zu dem Thema zurückzukehren, das ihn interessierte. »Ihr habt von einer Belohnung gesprochen. Habt Ihr das ernst gemeint?«

Das Gesicht des Mannes war eine einzige Leidensmiene, aber er hatte immerhin noch die Kraft, sich nach vorn zu beugen, um sich die Naht anzusehen. Dann nickte er. »Wenn Ihr den Gegenstand überbringt, der sich in diesem Sack befindet… werdet Ihr einen wertvollen Stein erhalten.« Seine Stimme war schwach, aber immer noch gut zu verstehen.

»Einen wertvollen Stein?«

»So ist es…« Der Unbekannte versuchte, sich aufzurichten, doch der Schmerz zwang ihn, liegen zu bleiben. »Einen drakonites, einen Drachenstein.«

Suger wiederholte lautlos: drakonites. Davon hörte man nur selten und auch nur in sehr gebildeten Kreisen. Man musste schon die »Naturalis historia« von Plinius dem Älteren studiert haben oder in ferne Länder gereist sein, um überhaupt von der Existenz dieses Steins zu wissen.

Seine Überraschung war dem anderen nicht verborgen geblieben, der Unbekannte blickte ihn eindringlich an und fragte nach: »Habt Ihr eine Vorstellung davon, um was es sich handelt?«

Suger riss sich zusammen. »In den Eingeweiden von Tieren finden sich zuweilen Steine, die für Heilzwecke geeignet sind«, sagte er. »Der Drachenstein oder drakonites ist der seltenste von ihnen. Es heißt, er stamme aus dem Kopf eines draco, einer Riesenschlange.« Er richtete den Finger auf sein Gegenüber. »Aber nur ein Narr würde Euren Worten Glauben schenken.«

Der Unbekannte sah ihn empört an. »Ich sage die Wahrheit, das schwöre ich Euch… Und als Beweis meiner Aufrichtigkeit werde ich Euch mit etwas Ähnlichem dafür entlohnen, dass Ihr mich verarztet habt.« Er öffnete ein Ledersäckchen, das er um den Hals hängen hatte, und reichte Suger einen merkwürdigen Gegenstand. »Hier, nehmt… und schaut es Euch genau an.«

Zunächst dachte der Arzt, er hielte ein kleines totes Tier in Händen, doch dann begriff er, dass es etwas ganz anderes war. Es handelte sich um einen Stein, der so ähnlich wie die Wurzel einer Alraune geformt, aber mit einer Art Pelz überzogen war. Suger nahm einen muffigen Geruch wahr, ohne jedoch zu begreifen, aus welchem Material der Stein wirklich bestand. Nichtsdestotrotz erkannte er ihn. »Das ist ein Heilstein, der caprius genannt wird«, sagte er dann. »Er stammt aus den Eingeweiden einer Ziege.«

»Kennt Ihr seinen Wert?«

»So wie jeder gute Arzt, obwohl ich noch nie zuvor einen gesehen habe. Er heilt Augenausfluss, Magengeschwüre und Fieberanfälle.«

Der Fremde nickte. »Ein Drachenstein ist tausendmal wertvoller. Er besitzt wundertätige Eigenschaften.«

»Trotzdem, Ihr verschwendet Euren Atem.« Suger war zwar neugierig geworden, aber das führte ihn nicht in Versuchung. Er hatte genügend andere Sorgen und war daher wenig geneigt, dem seltsamen Fremden Gehör zu schenken. »Die Wunde wird heilen, das versichere ich Euch. Um alles andere könnt Ihr Euch selbst kümmern.«

»Wahrscheinlich habt Ihr recht, aber sicher ist es nicht… Der Reiter! Der Reiter hat mich schon einmal gefunden, obwohl ich mich in Paris versteckt hatte. Er wird es wieder versuchen…«

»Was auch immer, das ist Eure Sache.«

»Ihr versteht nicht, diese Mission ist lebenswichtig…«

»Ihr seid es, der nicht verstehen will, Herr. Ihr verlangt Unmögliches«, unterbrach ihn Suger. Da er bemerkte, dass der Fremde keine Anstalten machte, einzuschlafen, beschloss er, auf ihn einzugehen, bis die Erschöpfung ihn übermannen würde. »Und außerdem«, fragte er mit gespieltem Interesse, nur um etwas zu sagen, »wie könnte ich den Mann, den Ihr meint, in einer so großen Stadt finden?«

»Er heißt Gebeard von Querfurt… ein Deutscher… Sucht ihn in der Basilika Santo Stefano Maggiore… er handelt mit Reliquien… und er trägt dieselben Zeichen wie ich.«

Bei diesen Worten zeigte er Suger den Rücken seiner rechten Hand. Sie war mit Tätowierungen bedeckt, die dem Arzt bis dahin nicht aufgefallen waren. Unterhalb der Knöchel des Zeigefingers und des Mittelfingers war ein mit einem Bogen bewaffneter Reiter dargestellt. Eine Schlange, die sich um den kleinen Finger ringelte, deutete mit dem Maul auf einen kleinen Kelch, der auf dem letzten Glied des Ringfingers eintätowiert war.

Nachdem er ihm diese Zeichen gezeigt hatte, schloss der Mann die Hand mit einer segnenden Geste, als wollte er ihm die Zahl Drei anzeigen. Da bemerkte Suger auf seiner Handinnenfläche eine Madonna mit einem Kind, über denen eine Taube ihre Flügel ausbreitete.

Christliche Symbole mit heidnischen Zeichen verknüpft. Suger wich angewidert zurück. Er wusste, dass es Amulette mit solchen Abbildungen von jüdischen oder phrygischen Zauberern gab, und er fürchtete sich nicht davor. Aber selbst einen einfachen Glücksbringer zu tragen konnte schreckliche Folgen nach sich ziehen, falls er von einem Mann der Kirche entdeckt wurde. »Ich warne Euch!«, stieß er hervor. »Ich weiß nicht, wer Ihr seid, aber wenn irgendein Dominikaner diese Zeichen sieht, werdet Ihr ein schlimmes Ende nehmen. Und ich mit Euch, weil ich Euch Unterkunft gewährt habe.«

»Lasst es mich erklären…«, beschwor ihn der Verletzte, den der Fieberwahn wohl bald übermannen würde.

»Ich habe meine eigenen Probleme«, knurrte Suger. »Schweigt, wenn ich Euch nicht vor die Tür jagen soll.«

Der Mann blieb auf dem Boden liegen und starrte ihn flehend an. »Bald wird der Reiter mich finden… und dieses Mal…«

Suger achtete nicht auf ihn. Er hatte schon genug für ihn getan. Er hatte seine Wunde versorgt und ihm im eigenen Haus Schutz geboten. Noch weiter dieses Gejammer ertragen zu müssen war zu viel. Er hatte ihn allein deswegen noch nicht vor die Tür gewiesen, weil ihn seine Worte über den Drachenstein fasziniert hatten. Aber Mailand war weit weg, und wenn er Paris verließ, würde dies das Ende seiner Laufbahn bedeuten.

Er legte sich in sein Bett und untersuchte noch lange diesen merkwürdigen pelzigen Stein, während der Fremde endlich in Schlaf fiel.

Schließlich schlummerte auch Suger ein. Als er die Augen schloss, sah er sich selbst, wie er vom Domkolleg der Schule von Notre-Dame umringt war, während er stolz der staunenden Menge einen drakonites zeigte.

2

Bei Tagesanbruch schimmerte der Lauf der Seine kristallklar. Leise plätscherte das Wasser an die Ufer und begrüßte mit dieser Huldigung das matte Sonnenlicht. In seiner noch im Dämmerlicht liegenden Wohnung war Suger allerdings nicht in Stimmung für solcherlei poetische Gedanken. Er hatte kaum geschlafen und war äußerst schlecht gelaunt. Sein unerwünschter Hausgast hatte bei den ersten Glockenschlägen zur Matutin begonnen, wie ein Besessener zu phantasieren. Darum war der Arzt aufgestanden und hatte wohl oder übel nach ihm gesehen, während er ihn mit zusammengepressten Kiefern verfluchte. Allerdings konnte er nichts Schlimmes feststellen. Das Fieber war gestiegen, aber die Wunde schien gut auf die Behandlung anzusprechen.

Suger ließ sich auf seiner Bettkante nieder und rieb sich die Augen. Der Fremde lag vor ihm auf dem Boden, tief in einer unruhigen Ohnmacht versunken. Der Schwabe. So hatte er ihn für sich genannt, da er nicht wusste, wie der Mann wirklich hieß. Nach seinem Akzent zu urteilen, musste er aus Schwaben kommen. Nicht, dass es für Suger von Bedeutung gewesen wäre. Er empfand nichts für den Mann, weder Mitleid noch Sympathie. Sicher, die Sache mit dem Drachenstein hatte seine Neugier geweckt, aber persönlich berührte ihn das Schicksal des Schwaben keineswegs. Er war im Allgemeinen kein besonders mitfühlender Mensch. Barmherzigkeit und Altruismus streiften nur beiläufig sein Herz und hinterließen dabei selten Eindruck bei ihm.

In seiner Jugend war das anders gewesen, aber seit dem Tod seines Vaters gab es nur noch einen Menschen, der ihm etwas bedeutete, und das war er selbst. Seitdem betrachtete er auch die Glasfenster von Kathedralen mit anderen Augen.

Das laute Stimmengewirr, das von draußen ins Zimmer drang, riss ihn aus seinen Gedanken. Es war Zeit zum Aufbruch, die Aufgaben des beginnenden Tages erforderten seine Anwesenheit.

Er hüllte sich in seinen roten Umhang und setzte die Kopfbedeckung auf, was ihn beides als Magister medicinae auswies, klemmte sich die Bücher unter den Arm, die er für seine Vorlesung brauchte, und ging zur Tür. Er zögerte kurz, doch dann beschloss er, den Schwaben einfach dort liegen zu lassen, wo er war. Seiner Einschätzung nach würde dieser noch bis zum Nachmittag bewusstlos sein und konnte daher keinen Ärger verursachen. Die Versuchung, ihn einfach vor die Tür zu setzen, war immer noch groß, aber die Furcht, dass dessen nekromantische Zeichen jemandes Aufmerksamkeit erregen könnten, bewog Suger, besser Vorsicht zu üben.

Sobald er draußen war, war er sofort mittendrin im wilden Treiben des Faschingsdienstags. Johlend und lachend zogen junge Menschen in Scharen durch die Straßen auf der Suche nach Opfern für ihre derben Scherze. Verärgert von so viel Ausgelassenheit lief er eng an den Mauern entlang, um nicht in dieses lärmende Getümmel hineingezogen zu werden. Er hatte es eilig, und die Vorstellung, dass er nun die halbe Stadt durchqueren musste, ehe er seine Vorlesung halten konnte, verstärkte seine schlechte Laune noch.

Infolge der jüngsten Unstimmigkeiten zwischen dem Bischof von Paris und der Universitas magistrorum hatte der Großteil der Dozenten die Cité verlassen und die Abtei Sainte-Geneviève zum vorläufigen Sitz des Studiums erkoren. Die Geistlichen waren die Einzigen, die noch bei Notre-Dame Vorlesungen hielten.

Während Suger mit eingezogenem Kopf unter einer ungewöhnlich milden Februarsonne voranschritt, bemühte er sich, seine Verdrossenheit abzulegen, indem er an etwas Angenehmes dachte. Unwillkürlich kam ihm dabei sofort wieder der Drachenstein in den Sinn. Wie sollte er auch nicht daran denken? Er hatte mehrere Bücher zu diesem Thema gelesen, darunter das Lapidarium von Michael Psellos und das von Marbod von Rennes. Vor etlichen Jahren hatte ihm ein Benediktiner aus Oxford sogar seine eigene Sammlung von Heilsteinen gezeigt, die zum größten Teil aus dem Inneren von Tieren stammten: chelidonia, der Schwalbenstein, den man aus den Schädeln von Schwalben holte und mit dem man Augenentzündungen heilen konnte, lyncurium, der Luchsstein, den man aus der Harnblase von Luchsen gewann und der ein großartiges Mittel gegen Magenschmerzen und Gelbsucht war, hyaena, der Hyänenstein, der in den Augäpfeln von Hyänen vorkam und das Wohlbefinden förderte, wenn man ihn unter der Zunge trug, schließlich noch die margarita, die sich im Innern von Muscheln verbarg, und der panthero, der Pantherstein, den man in den Eingeweiden von Großkatzen fand.

Aber keiner dieser Steine ließ sich mit einem Drachenstein vergleichen. Wenn Suger einen drakonites in die Hände bekommen und eine medizinische Abhandlung über dessen heilende Eigenschaften schreiben könnte, würde er sich dadurch bestimmt eine angesehene Stellung in der Schule des Domkapitels erwerben.

Schnell wies er derlei Spekulationen von sich, wich unhöflich grummelnd einer Pilgergruppe aus und betrat das lateinische Viertel. Dort hatten die Karnevalsfeiern schon fast gespenstische Ausmaße angenommen. Überall sprangen junge Kerle herum, die als Weibsbilder, Bären oder andere wilde Tiere verkleidet waren. Einige tanzten, andere saßen auf dem Rücken von Maultieren oder grotesken Karren der Narrenzunft, von denen aus sie die Passanten mit verfaultem Gemüse bewarfen.

Das war ja zu erwarten gewesen. In dieser Gegend wohnten die meisten der Studenten, die aus der ganzen Welt nach Paris kamen, um am Studium zu lernen. Da sie unter dem Schutz des Domkapitels standen und daher nicht nach bürgerlichem Recht bestraft werden konnten, brachen sie umso dreister die Gesetze.

Doch der Magister kam unbehelligt durch das Gewühl, sein roter Umhang schützte ihn davor, zum Ziel ihrer Scherze zu werden. Vielmehr wurde er des Öfteren ehrfurchtsvoll gegrüßt und mit Verneigungen bedacht. Schließlich bemerkte er eine Gruppe von Studenten, die sich um einen jungen Mann von ansprechendem Äußeren geschart hatten. Das war doch Bernard, sein Lieblingsschüler. Suger schwante nichts Gutes, und so eilte er zu ihm.

Der Student grüßte ihn verlegen, während seine Gefährten schnell das Weite suchten.

Als Suger ihn erreichte, bemerkte er, dass Bernard ein blaues Auge und eine aufgeplatzte Lippe hatte. »Mein Junge, was ist dir denn zugestoßen?«

Der junge Mann fuhr sich nervös durch das volle pechschwarze Haar. Bernard war einer der wenigen Studenten, die sich gegen die Tonsur entschieden hatten. Im Gegensatz zu seinen Mitstudenten, die sie stolz trugen, um zu zeigen, dass sie unter dem Schutz des Domkapitels standen, empfand er sie als Demütigung. »Nichts von Bedeutung, Magister.«

»Nichts von Bedeutung, sagst du?«, knurrte der Arzt. »Demnächst beginnt die Fastenzeit, und somit steht die determinatio an. Hast du sie vergessen, die Prüfung, die du ablegen musst, um Baccalarius zu werden? Mit einem derart zerschlagenen Gesicht machst du dort bestimmt einen prächtigen Eindruck! Und ich werde genauso großartig dastehen, weil ich dein Magister bin!«

»Verzeiht mir bitte«, sagte der junge Mann. »Ich wollte Euch keine Unannehmlichkeiten bereiten.«

»Aber das hast du getan. Jede deiner Handlungen fällt auf mich zurück, begreifst du das?« Suger hätte ihn am liebsten geohrfeigt, so aufgebracht war er. Bernard war ein sehr begabter Schüler, und wenn er sich beim Studieren etwas Mühe gab, würde er es bestimmt noch weit bringen. Doch leider konnte er sein hitziges Temperament nicht zügeln, das ihn oft dazu trieb, Streit anzufangen oder den Mädchen nachzustellen.

In dem Moment drängte sich ein schlaksiger Kerl mit rötlichen Haaren durch die Menge und baute sich drohend neben Bernard auf, als wollte er ihn verteidigen.

Suger musterte ihn verstohlen, um ihn nicht noch herauszufordern. Er kannte ihn vom Sehen. Das war Ramón, seine verschlagenen Marderaugen und die wulstigen Lippen verliehen ihm die typische Physiognomie eines Streithahns.

Der Rotschopf räusperte sich und wandte sich dann mit einem unverschämten Lächeln an den Magister. »Heute Nacht hat Bernard sich mit einem Wirt aus Saint-Marcel angelegt.« Obwohl er aus Aragon stammte, sprach er Lateinisch, so wie alle ausländischen Studenten in Paris.

»Und weshalb?«, fragte Suger nach.

»Daran war nur dieser Geizkragen schuld!« Ramón breitete theatralisch die Arme aus. »Er wollte sich den Wein mit Gold aufwiegen lassen. Und wir…«

Suger brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen und wandte sich an seinen Schüler. »Bernard, ich habe dich gefragt. Willst du es mir erklären?«

Der junge Mann nickte verlegen. »Ramón hat mit dem Wirt um den Weinpreis gestritten. Er hat sich geweigert zu zahlen, und der Wirt hat ihn geschlagen…«

»Acht Denar!«, fuhr Ramón fort und schlug sich empört gegen die Stirn. »Acht Denar für vier lächerliche Schoppen Wein! Der reinste Wucher!«

»Der Wirt war deutlich stärker als er«, erklärte Bernard, »daher bin ich ihm zu Hilfe gekommen.«

Sein Mitstudent legte wieder los: »Das hättet Ihr sehen sollen, Magister! Was für eine großartige Prügelei!«

Mit immer grimmigerer Miene wandte sich der Arzt tadelnd an Bernard: »Ich habe dir doch tausendmal gesagt, du sollst dich aus den Vororten fernhalten, vor allem aus der Gegend von Saint-Marcel. Da kommt man nur in Scherereien.«

Ramón lachte auf. »Falls Ihr mit ›Scherereien‹ Wein und Huren meint…«

Suger hatte genug von diesem unverschämten Kerl. Wenn er ihm noch weiter zuhören musste, würde er demnächst seine Höflichkeit vergessen. Daher packte er Ramón beim Kragen und stieß ihn auf einen Karren, der just in dem Moment vorbeikam.

Der verdutzte Student machte es sich wohl oder übel auf der Ladefläche gemütlich.

»Und was dich betrifft«, Suger zerrte Bernard am Arm fort, »du kommst mit mir zur Vorlesung.«

3

Bernard lief trotzig neben seinem Magister her und kickte Steine vom Pflaster. Inzwischen war der Karnevalslärm nur noch gedämpft aus der Ferne zu hören. Die fast verlassene Straße führte über eine grasbewachsene Anhöhe, Ruinen der römischen Thermen und der Arena von Lutetia säumten ihren Weg. Der junge Mann warf einen gelangweilten Blick darauf. Spuren des Alters auf dem Antlitz von Paris.

Sie hatten die Abtei von Sainte-Geneviève beinahe erreicht, aber Suger hatte seine Schritte absichtlich verlangsamt. Die Erinnerung an die vorangegangene Nacht hatte er inzwischen vollkommen verdrängt. Die Ängste, die er ausgestanden hatte, als er verfolgt wurde, kamen ihm nur noch wie der Schatten eines verblassenden Traumes vor. Und wenn er an den Schwaben dachte, den er bewusstlos bei sich zu Hause zurückgelassen hatte, löste dies in ihm keinerlei Mitgefühl aus. Im Augenblick bewegte ihn nur eins: diesen jungen Mann an seiner Seite wieder zur Vernunft zu bringen. »Du wirst nicht allein Baccalarius, indem du mit deinem Wissen glänzt«, ermahnte er ihn. »Du musst auch dein Verhalten ändern.«

Bernard starrte ihn wütend an. »Ich dachte, das wäre nur eine Vorbedingung für das Priesteramt.«

»Lass die Priester aus dem Spiel. Wenn du selbst mit Respekt behandelt werden willst, musst du dich in Würde üben. Und Würde basiert auf drei grundsätzlichen Regeln: Ernst, Keuschheit und Reife.« Als Suger die drei Regeln aufzählte, musste er daran denken, wie oft er selbst gegen sie verstoßen hatte. Aber im Moment ging es nicht um ihn. Er wusste, wie er die eigene Unzulänglichkeit hinter einer respektablen Fassade verstecken konnte. Bernard dagegen war offen und ehrlich, aber er ließ sich oft von seinem Übermut fortreißen.

Der junge Mann nickte und trat zum wiederholten Mal einen Stein fort.

»Du hörst mir nicht zu!«, brauste Suger auf. »Willst du wohl aufpassen?«

Zur Antwort blickte ihm Bernard zunächst nur so eindringlich in die Augen, dass Suger sich unbehaglich fühlte. »Darf ich Euch etwas gestehen, Magister?«

Suger sah ihn neugierig an. »Worum geht es?«

»Erinnert Ihr Euch an die jungen Männer, mit denen ich gesprochen habe, als Ihr zu mir kamt?«

»Ja, das waren ziemlich viele. Und?«

»Alle wollten von mir erfahren, was mir heute Nacht zugestoßen ist. Sie haben vor, sich am Wirt von Saint-Marcel zu rächen, und sind im Moment auf dem Weg zu seinem Gasthaus.«

»Das ist nicht deine Angelegenheit!«

»Aber Magister!«, beharrte Bernard. »Ich habe Angst, dass sie diesem Geizhals etwas antun. Ich würde mich dafür verantwortlich fühlen.«

Verzweifelt stellte Suger sich seinem Schüler in den Weg. »Ein für alle Mal, Bernard. Du musst lernen, dich aus solchen Zwistigkeiten herauszuhalten.« Er tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Stirn. »Du bist ein kluger Junge, du hast anderes, worüber du dir den Kopf zerbrechen solltest. Nach der Fastenzeit wirst du, so es Gott gefällt, ein Baccalarius sein. Wenn du hart arbeitest, bist du dann schon in wenigen Jahren Magister. Verstehst du mich? Schluss jetzt mit den Raufereien! Schluss mit dem unbesonnenen Verhalten!«

»Aber ich–«

»Und Schluss mit dem ›Aber‹! Liegt dir denn gar nichts an dem Titel Baccalarius?«

Bernards Augen leuchteten voller Ehrgeiz auf. »Sicher liegt mir etwas daran. Und wie mir etwas daran liegt.«

»Dann tu, was ich sage.«

Zwei Stunden später hielt Suger seine Vorlesung im Klostergang von Sainte-Geneviève. Eine große Zahl von Studenten lauschte ihm gespannt und machte sich Notizen in ihre Diptychen. Die meisten von diesen jungen Leuten besaßen keine eigenen Bücher und mussten sich entweder auf ihr Gedächtnis verlassen oder darauf hoffen, dass der Magister am Ende der Stunde ein Handblatt verteilte. Bernard war auch wieder ganz bei der Sache, er hatte sich wie üblich einen Platz in der ersten Reihe gesucht.

Es hätte ein ganz normaler Vormittag sein können, hätten sich nicht zwei Dominikanermönche unter die Studenten gemischt. Wie Raben hockten sie unter den Bogengängen des Klosters und verfolgten mit missbilligender Miene die Vorlesung, als ob die Worte des Magisters Gotteslästerungen enthielten.

Suger beachtete sie die gesamte Zeit nicht weiter. Am Ende der Stunde begann er mit den Schülern einen Disput, damit sie mit den soeben behandelten Themen weiter vertraut würden. Das Streitgespräch ging um die These, dass eine Krankheit die Folge einer bestimmten Ursache sei, ohne die das körperliche Leiden nicht ausgebrochen wäre.

Nach einem ersten Meinungsaustausch warf ein Student ein, dass die Krankheit, wenn es denn Gott gefiele, durch jegliche Ursache ausbrechen könne. Suger verneinte das, indem er erklärte, dass nicht einmal Gott an den Gesetzen der Natur etwas ändern könne, weil Er sie ja geschaffen habe. Ein göttliches Prinzip, erläuterte er weiter, könne sich nicht selbst widersprechen.

Diese Worte genügten, um einen heftigen Wortwechsel auszulösen, und schon brach ein heilloses Durcheinander aus.

Einer der beiden Dominikaner sprang auf und eilte mit großen Schritten auf den Magister zu. Die Studenten beobachteten ihn bestürzt und gaben den Weg frei. Selten nahm sich jemand die Freiheit heraus, eine Vorlesung zu unterbrechen.

Verärgert über diesen Affront bereitete sich Suger bereits innerlich darauf vor, gegen diesen ungehörigen Mönch loszuwettern. Er hatte schon ein paar Beleidigungen parat, bei denen sich dem Kirchenmann die Haare sträuben würden wie einer erbosten Katze, aber als er ihn erkannte, sah er davon ab. Es war Roland von Cremona, der italienische Theologe!

Frater Roland blieb wenige Schritte vor ihm stehen. Fein geschnittene Züge, metallisch graue Augen, die ihn in berechnendem Zorn anblitzten. Wie ein Ritter, der den Fehdehandschuh wirft, schleuderte er Suger ein einziges Wort entgegen: »Aristoteles!«

Das genügte, um sämtliche Anwesenden zum Schweigen zu bringen.

Mitten in dieser angsterfüllten Stille erhob sich aus der ersten Reihe eine Stimme: »Bruder, was erlaubt Ihr Euch?«

Alle drehten sich zu Bernard um, der mit hochrotem Kopf den Dominikaner anstarrte.

»Geht!«, fuhr der junge Mann fort. »Die Wissenschaft der Medizin ist nichts für Männer der Kirche!«

Suger befahl ihm zu schweigen, doch Frater Roland setzte sich mit seiner Stimme und seiner Ausstrahlung gegen den Magister durch.

»Es ist wahr«, bestätigte der Dominikaner, ohne sich an jemand Bestimmten zu wenden. »Wir Männer der Kirche üben die Wissenschaft der Medizin nicht aus. Es ist uns verboten, menschliches Blut zu vergießen, nicht einmal wenn es der Heilung dienlich wäre.« Seine Stimme klang ein wenig hohl, wie ein Windhauch, der durch einen kahlen Baum fährt. »Aber es ist unsere Pflicht, aus den Köpfen den Schatten des Zweifels zu vertreiben.«

Bernard widersetzte sich zum zweiten Mal seinem Magister und fuhr streitbar fort: »Welche Schatten denn? Und welche Zweifel? Auch Theologen studieren Aristoteles.«

Frater Roland schien nur auf diese Frage gewartet zu haben. »Aristoteles hat bemerkenswerte Dinge geschrieben, und doch hat ihn sein heidnischer Geist dazu gebracht, Irrtümer zu begehen.« Er schaute zu Suger hinüber. »Irrtümer, die Euer Magister als absolute Wahrheiten verbreitet. Irrtümer, die aus seinem Mund wie Lästerungen klingen.«

Suger ballte die Fäuste auf der Suche nach Argumenten zu seiner Verteidigung. Die Anschuldigung, die hier gegen ihn erhoben wurde, war äußerst schwerwiegend, denn die Kirche hatte streng untersagt, Aristotelismus zu lehren. Und unter der dialektischen Kunst dieses wortgewandten Dominikaners würde jeder Versuch, sich zu entlasten, sich bestimmt nur gleich wieder gegen ihn wenden.

»Nun denn, Magister, Ihr sagt nichts dazu?«, forderte Frater Roland ihn heraus. »Lasst Ihr Euch lieber weiter von Euren Studenten verteidigen?«

Suger breitete mit gespielter Demut die Arme aus. »Hochehrwürdiger Bruder, wenn wir uns auf dem Gebiet der Theologie messen sollen, dann wärt Ihr mir mit Sicherheit überlegen. Ich bin schließlich kein Theologe, sondern Arzt. Wenn Ihr Anklage gegen meine Lehrtätigkeit erheben wollt, solltet Ihr Euch an die zuständige Stelle wenden, die Korporation der Lehrenden von Paris.«

»Die Korporation?« Frater Roland schüttelte den Kopf. »Ich erkenne keine Autorität von irgendwelchen Korporationen an, nur die von Pater Philippus de Noyon, dem Kanzler des Domkapitels. Er ist der einzig wahre Tutor des Studiums.«

Dieser Argumentation konnte Suger sich nicht entziehen. »Einverstanden«, sagte er hochmütig.

»Dann lasst uns gehen«, wandte sich der Dominikaner mit einem spöttischen Lächeln an seinen Mitbruder. »Sprechen wir unverzüglich bei Philippus Cancellarius vor. Noch hält er Audienz.«

Suger folgte den beiden Dominikanermönchen durch Paris wie ein Verurteilter auf dem Weg zum Galgen. Er wusste, dass sein Gewissen nicht rein war und dass es schwer werden würde, dies zu verheimlichen. Und noch etwas beunruhigte ihn: Er vermutete, dass Roland von Cremona vorsätzlich gehandelt hatte. Je länger er darüber nachdachte, desto stärker wurde diese Gewissheit. Dieser Dominikaner war eigens nach Sainte-Geneviève gekommen, um ihn zu provozieren, und indem er den Namen des Kanzlers aussprach, hatte er ihn mit dem Rücken an die Wand gedrängt. Philippus de Noyon war bereits grundsätzlich voreingenommen gegenüber jedem nicht geistlichen Magister, wie mochte er da erst reagieren, wenn ein Mönch Anschuldigungen gegen einen Laien erhob!

Immer entmutigter setzte Suger einen Fuß vor den anderen, und es gelang ihm nicht, sich ein klares Bild der Lage zu verschaffen. Einen kurzen Moment lang war er versucht zu fliehen, einfach davonzulaufen, so wie er es gestern Nacht getan hatte. Doch er musste auch die Folgen bedenken. Welches Vorbild hätte er damit für Bernard abgegeben? Dieser Sturkopf hatte sich wie ein wütender Stier zu seiner Verteidigung aufgeschwungen, ohne Rücksicht auf Logik oder Vorsicht. Suger konnte dies nicht gutheißen, obwohl er seine Geste schätzte. Bernard lebte allein in Paris, ohne Verwandte oder engere Freunde. Daher war Suger für ihn die einzige Bezugsperson, der Einzige, der ihn beraten konnte. Und der Magister schämte sich nicht zuzugeben, dass dieser junge Mann seinen verknöcherten zynischen Geist ein wenig geöffnet hatte.

Auf ihrem Weg zum Domkapitel mussten sie wieder das lateinische Viertel durchqueren, wo die Feiern zum Faschingsdienstag allmählich ihren Höhepunkt erreichten. Frater Roland und sein Ordensbruder sahen sich voller Verachtung um, aus ihren Augen blitzten stumme Bannflüche gegen jeden auf, der an ihnen vorüberkam.

»Erst gestern hat sich der Narrenkarren durch diese Straßen geschoben, und jetzt herrscht hier schon wieder so ein Lärm und Gedränge«, predigte Frater Roland mit finsterer Miene. »Ist denn nicht bald Schluss mit diesem üblen Gelächter?«

Suger entgegnete nichts. Auch er hasste dieses lärmende Getümmel, außerdem beunruhigte ihn noch etwas anderes an dieser ausgelassenen Menge. Es herrschte zu viel Aufregung. Die Stadtwachen waren allgegenwärtig, an jeder Ecke standen Soldaten und Schergen… Es musste etwas vorgefallen sein.

Endlich ließen die drei Männer das Gewühl hinter sich und kamen zur Île de la Cité, wo man gemäßigter feierte. Im Schatten der Adelspaläste sorgten Musikanten und Umzüge auf dem Marché Palu für ein geselliges Treiben, während auf dem Platz vor Notre-Dame eine Gruppe von Männern sich bei einer Partie Soule mit den Füßen einen Ball zuspielte.

Der Amtssitz des Kanzlers war ganz in der Nähe.

Sie liefen an der Südseite der Kathedrale entlang, die auch nach sechzig Jahren Bauzeit immer noch nicht fertiggestellt war, und betraten den Palast des Domkapitels. Schließlich erreichten sie den Eingang zu einem weitläufigen Saal, an dessen Wänden sich Biforien mit Bücherschränken abwechselten. Der Amtssitz des Kanzlers.

Zwei Geistliche saßen dort einander gegenüber und unterhielten sich angeregt. Suger erkannte den wohlbeleibten Philippus Cancellarius und den Pfarrer der Gemeinde von Saint-Marcel. Dieser kleine, schmächtige Mann war ihm deshalb bekannt, weil er oft zum Studium kam, um sich über die Streifzüge der Studenten durch seine Gemeinde zu beschweren. Der betagte, dicke Kanzler ihm gegenüber wirkte gar nicht so ehrfurchtgebietend, wie es von ihm hieß. Wenn man seinen abwesenden Blick und den üppigen Kropf sah, konnte man kaum glauben, dass er vor Jahren ein bekannter magister theologiae gewesen war und umfangreiche Traktate verfasst hatte.

Das Gespräch der beiden Geistlichen schien so gut wie beendet zu sein.

»Es sind doch nur Jungenstreiche«, beharrte der Pfarrer von Saint-Marcel. »Der Einsatz von Wachen ist vollkommen übertrieben.«

»Ich bin Eurer Meinung«, sagte der Kanzler. »Aber die Königin lässt nicht mit sich reden. Sie hat die Büttel des Propstes losgelassen.«

»Ach je, der Propst! Seine Brutalität ist allgemein bekannt.«

»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, Vater«, seufzte der Kanzler. »Diesmal haben die Studenten es wirklich zu weit getrieben.«

Das Gespräch ging noch eine Weile so weiter, bis der Pfarrer von Saint-Marcel sich schließlich mit betrübter Miene verabschiedete. Sobald der Kanzler allein war, forderte er die drei Männer, die vor der Tür gewartet hatten, auf, näher zu kommen.

Frater Roland betrat als Erster den Saal und begrüßte den Kanzler mit einer Verbeugung. »Entschuldigt, hochehrwürdiger Vater, aber ich konnte nicht umhin, Eurer Unterhaltung zu folgen«, begann er. »Gibt es größeren Ärger?«

»Unglaublichen Ärger«, erwiderte der Kanzler und ging zu einem ausladenden Schreibtisch. »Anscheinend hat eine Gruppe Studenten heute Vormittag ein Gasthaus in Saint-Marcel verwüstet. Doch damit nicht genug, sind sie in die Stadt gezogen und haben dort Unruhe gestiftet.«

Als Suger dies hörte, erinnerte er sich wieder daran, was Bernard erzählt hatte, und mischte sich ebenfalls ins Gespräch: »Irre ich mich, oder erwähntet Ihr, dass die Stadtwachen gegen sie eingesetzt wurden?«

»Ihr irrt Euch nicht«, sagte der Kanzler. »Die Königin hat angeordnet, dass der Propst seine Büttel schickt.«

»Aber es handelt sich doch nicht um gewöhnliche Bürger«, entgegnete Suger. »Die Bestrafung der Studenten ist Sache des Domkapitels, nicht der Krone. So lautet das Gesetz.«

Betrübt nickend ging Philippus um den Schreibtisch herum und machte es sich in einem Sessel mit hoher Rückenlehne bequem. »Seit über einer Stunde schon versucht ein päpstlicher Legat, dies Ihrer Majestät, der Königin Blanca, zu erklären«, sagte er, immer noch an Suger gewandt. »Wenn Ihr glaubt, Ihr könntet das besser, nur zu.«

Der Arzt wich ein wenig zurück. Er hatte schon genügend eigene Probleme, außerdem war er es nicht gewohnt, sich für die Belange anderer Menschen einzusetzen. In dem Moment bekam er aus dem Augenwinkel mit, dass die anderen Anwesenden sich mit Blicken verständigten. Und wieder fühlte er sich nicht recht wohl in seiner Haut.

Dann brach der Kanzler das Schweigen, indem er Roland fragte: »Nun denn, Bruder, was hat Euch dazu bewegt, an einem so unruhigen Tag das Kloster von Saint-Jacques zu verlassen?«

»Eine Angelegenheit, die ich Euch unterbreiten möchte«, antwortete der Mönch.

»Nicht noch mehr Probleme, hoffe ich.«

»Leider doch.« Der Dominikaner deutete auf Suger. »Dieser Mann dort ist Magister medicinae am Studium…«

»Ich kenne ihn, so wie jeden, der einen Lehrstuhl hier in Paris innehat«, unterbrach ihn Philippus. »Warum habt Ihr ihn zu mir geführt?«

»Er hat die Verbote bezüglich Aristoteles übertreten. Er unterrichtet Naturphilosophie.«

Der Kanzler wandte sich dem so Beschuldigten zu. »Euch wird ein schweres Verbrechen vorgeworfen, Magister. Wollt Ihr Euch zu Eurer Verteidigung äußern?«

»Es handelt sich um ein Missverständnis, ehrwürdiger Vater«, beeilte sich Suger, das Ganze herunterzuspielen. »Ich lehre Medizin, nicht Naturphilosophie. Frater Roland muss da etwas durcheinandergebracht haben.«

»Das ist eine Lüge!«, ereiferte sich Roland von Cremona. »Mein Mitbruder und ich haben es ganz genau gehört. Dieser Mann dort hat behauptet, dass Gott die Gesetze der Natur nicht verändern kann, und somit Seine Allmacht in Frage gestellt. Es ist allgemein bekannt, dass dies eine These von Aristoteles ist.«

»Es war nur ein Kunstgriff, um meine Studenten zum Nachdenken zu veranlassen«, verteidigte sich der Arzt, um die Wogen zu glätten. »Jedes Phänomen ist von einer Ursache abhängig, das war, kurz gesagt, was ich damit erklären wollte.« Eine schwache Verteidigung, dachte er bei sich. Allerdings konnte er auch nur wenig ausrichten. Da er die Anschuldigungen nicht leugnen konnte, appellierte er an die Milde des Kanzlers. Der jedoch nur den Kopf schüttelte.

»Ihr schweift ab, Magister.« In den Augen des Kanzlers war sein wachsender Zorn zu erkennen. Auf einmal wirkte er tatsächlich Respekt einflößend. »Frater Roland erhebt sehr eindeutige Beschuldigungen. Seid Ihr vielleicht etwas schwer von Begriff?«

Das waren deutliche, fast beleidigende Worte. Suger fühlte sich in seinem Stolz verletzt und ließ daher alle Mäßigung fahren. »Frater Roland versteht nichts von der medizinischen Wissenschaft«, brauste er auf und nahm sich damit jede Möglichkeit auf eine gütliche Einigung. »Wie kann er es wagen, sich in meinen Fachbereich einzumischen?«

»Mäßigt Eure Stimme, Magister, wir sind hier nicht auf dem Markt.« Der Kanzler rief ihn mit einer autoritären Handbewegung zur Ordnung. »Und lasst mich Eurem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Die Synode von Sens im Jahr 1210 hat Lektüre und Kommentierungen von Aristoteles verboten. Dieses Verbot wurde in den Statuten der Universität von 1215 erneuert und erst kürzlich wieder ausdrücklich von unserem Erzbischof ausgesprochen…«

Während der Kanzler diese Verbote aufzählte, fühlte sich Suger, als würde er über kleiner Flamme geröstet. Ein leichtes Gefühl von Übelkeit stieg in seinem Magen auf, während die Wände des Raumes immer näher zu kommen schienen. Es sah nicht gut aus für ihn. Bis vor einigen Jahren hatte man geduldet, dass Magister Naturphilosophie unterrichteten und sich auf Aristoteles beriefen. In Toulouse war das auch immer noch erlaubt. Aber nicht hier in Paris, wo der vorherrschende Traditionalismus in der Philosophie immer noch die Magd der Theologie sah, die geopfert werden musste, sobald sie unbequem wurde.

»In Ausübung des Amtes, das ich bekleide«, sagte Philippus gerade abschließend, »darf ich keinesfalls zulassen, dass ein Dozent in Paris den Aristotelismus verbreitet. Ihr werdet verstehen, sollte dies dem Papst zu Ohren kommen…«

»Ehrwürdiger Vater, ich verstehe das nur zu gut«, wiegelte der Arzt ab. »Doch offen gesagt glaube ich, dass die Sache schlimmer gemacht wird, als sie ist.«

Roland von Cremona griff ihn wütend an. »Aristoteles über die Bibel zu stellen ist für Euch also eine Kleinigkeit? Es wundert mich, dass Euch überhaupt die facultas docendi verliehen wurde.«

»Die Ihr mir nicht absprechen könnt«, verteidigte sich Suger, der ihm am liebsten dafür an die Gurgel gesprungen wäre.

»Ich dagegen könnte Euch schon die Lehrerlaubnis entziehen«, warnte ihn der Kanzler. »Ließe ich Euch gegenüber Milde walten, würde ich den Eindruck vermitteln, auf der Seite derer zu stehen, die die Naturphilosophie verbreiten. Allzu oft schon habe ich das durchgehen lassen. Allzu oft habe ich weggesehen!«

Der Arzt starrte ihn bestürzt an. Er hatte sich noch nie so gedemütigt gefühlt. Sein Titel und seine Fähigkeiten wurden herabgewürdigt, seine Ansichten ins Lächerliche gezogen. Er dachte an seinen Vater und an die Opfer, die dieser auf sich genommen hatte, um ihm ein Studium zu ermöglichen. An die Hindernisse, die er in all den Jahren hatte überwinden müssen… Nein, sagte er sich. Er konnte diese Anschuldigungen nicht hinnehmen, ohne wenigstens den Versuch zu machen, für sich zu kämpfen. Und während er die Hand gegen den Bauch presste, um sein Unwohlsein im Zaum zu halten, richtete er den Zeigefinger gegen den Kanzler. »Würdet Ihr Euch auf eine bloße Verleumdung hin mit der Korporation der Lehrenden anlegen?«

»Einer Verleumdung?«, wiederholte Philippus sarkastisch. »Redet doch keinen Unsinn, Magister. Ihr habt Euch ja heute nicht zum ersten Mal auf Aristoteles berufen, das wissen wir sehr gut. Außerdem haben wir Kenntnis darüber, dass Ihr Bücher der Naturphilosophie besitzt. Verbotene Bücher!«

Suger errötete vor Wut und Scham. Jetzt hatte er keine Zweifel mehr, man hatte ihm eine Falle gestellt. »Weshalb genau bin ich eigentlich hier? Wollt Ihr mich demütigen? Wollt Ihr das Primat der Theologie über die Medizin bestätigen?«

»Nein, das ist nur der Anfang.« Der Kanzler erlaubte sich ein schwaches Lächeln, bei dem er einen Teil seiner wahren Persönlichkeit erkennen ließ. Im Vergleich zu ihm war Roland von Cremona nur ein harmloses Kätzchen. »Der eigentliche Grund unserer Unterredung ist es, Euch zu erklären, dass Eure Regelübertretungen zu Eurer Exkommunikation führen können.«

»Ehrwürdiger Vater, das ist unerhört!«, protestierte Suger. »Dies scheint mir eine überzogene Maßnahme.«

»So würde ich das nicht bezeichnen, ich nenne sie vielmehr unvermeidlich.« Philippus legte den Kopf schief und schwieg einen Moment. »Es gäbe allerdings eine glimpflichere Lösung.«

»Das Exil«, setzte Frater Roland sofort nach, seine Worte wirkten auf Suger wie ein Dolchstoß.

Er meinte, ohnmächtig zu werden. »Ihr könnt doch nicht von mir verlangen, das Studium von Paris zu verlassen…«, sagte er mit brüchiger Stimme. Allein bei dem Gedanken daran glaubte er, in einem bodenlosen Abgrund zu versinken, und es fehlte nur wenig, dass er flehend auf die Knie gesunken wäre. »Die Medizin ist mein Leben! Sie bedeutet alles für mich! Begreift Ihr das nicht? Wenn ich diese Stadt verlassen müsste…«

»Euer Jammern wird Euch nichts nutzen«, ermahnte ihn Philippus fast ungerührt.

»Ihr habt recht, aber wenn ich schwören würde, nie mehr Naturphilosophie zu verbreiten…«

»Das habt Ihr bereits einmal getan, als Euch der Lehrstuhl anvertraut wurde. Anscheinend hat es nicht viel geholfen.«

»Und dennoch, wie könnt Ihr verlangen, dass ich ohne eine angemessene Vorankündigung von hier verschwinde, nach all den Jahren harter Arbeit…«

»Überlegt es Euch gut«, unterbrach ihn der Kanzler. »Wenn der Makel der Exkommunikation auf Euch lastet, werdet Ihr niemals wieder eine Anstellung finden, die Eurer Bildung angemessen ist, weder hier in Paris noch anderswo.«

Philippus hatte recht, überlegte Suger. Keine Schule würde einen Magister aufnehmen, den der Bannfluch der Kirche getroffen hatte. Und mochte er noch so genial sein. Er war bestürzt, aber wenn er jetzt weiterredete, würde er alles nur verschlimmern. Denn die Anklage war begründet. Er wusste ganz genau, dass in den Dekreten der Kirche bei Androhung von Exkommunikation kategorisch verboten wurde, Bücher der Naturphilosophie öffentlich oder auch im Verborgenen zu lesen oder zu kommentieren. Vor ihm waren bereits viele andere Lehrmeister gezwungen gewesen, nach Toulouse umzusiedeln, wenn sie weiter Aristoteles unterrichten wollten, ohne dafür verfolgt zu werden. Dennoch ertrug er die Vorstellung nicht, sich dem Kanzler und seinen Speichelleckern geschlagen zu geben. Das Gefühl seiner Ohnmacht brannte in seinem Magen und nährte seine Empörung, aber es war vor allem die Verzweiflung, die ihm das Herz zusammenpresste. Was sollte er jetzt tun? Wohin sollte er sich wenden? Während in seinem Inneren noch die widersprüchlichsten Gefühle tobten, sprang er auf und hieb mit der Faust auf den Schreibtisch.

»Denkt nur nicht, dass die Angelegenheit damit beendet ist!«, zischte er. Dann biss er sich auf die Lippen, da er sich plötzlich an etwas anderes erinnerte. »Außerdem«, rief er aus, »bildet Euch ja nicht ein, dass ich meinen Lehrstuhl abgebe, ehe ich nicht einen meiner Schüler für das Baccalaureat vorbereitet habe.«

»Davon kann keine Rede sein«, zischte Frater Roland durch zusammengepresste Kiefer. »Euer Schüler wird der Obhut von wesentlich kompetenteren Magistern anvertraut werden. Ihr müsst unverzüglich aufbrechen.«

»Aber Vater, habt doch etwas Erbarmen«, beschwichtigte der Kanzler den Dominikaner mit vorgetäuschter Gelassenheit. »Lassen wir unserem Magister doch diesen schwachen Trost. Schließlich wird es in Paris bald keinen Ort mehr geben, an dem man die Lügen von Aristoteles unterrichtet.« Ein zufriedenes Lächeln machte sich auf seinen feisten Wangen breit. »Suger de Petit-Pont ist nur der Erste auf einer langen Liste.«

Am Ende seiner Geduld angelangt, konnte der Arzt sich gerade noch zurückhalten, sich nicht auf seine Ankläger zu stürzen. Dann bemerkte er die beiden Wachen hinter sich.

4

Die Straßen des lateinischen Viertels waren voll wie ein Strom, der Hochwasser führte. In einer Mischung aus ungezügelter Begeisterung und Gewalt tobte die Menge vorwärts wie eine durchgehende Viehherde. Dort, wo es am heftigsten drunter und drüber ging, hielten Wachtrupps Passanten an, um sie zu befragen, und nahmen so viele junge Männer wie möglich fest. Sie verhörten sie, schrien und prügelten auf sie ein. Man sprach von nichts anderem als vom Viertel Saint-Marcel und einem Übergriff durch Studenten. Ein Gasthaus war zerstört worden. Einige Wirte behaupteten, bedroht und misshandelt worden zu sein. Und überall hieß es, das wären Studenten gewesen. Es war schwierig, an gesicherte Informationen zu gelangen, Wahrheit und Lüge zu trennen.

Die Büttel des Propstes suchten die Verantwortlichen in den Studentenquartieren. Ihr brutales Vorgehen, gepaart mit dem rebellischen Temperament der Studenten, führte dazu, dass der Versuch, die Ordnung wiederherzustellen, sich zu einem regelrechten Aufstand entwickelte. Zunächst beleidigte man sich gegenseitig, dann wurde man handgemein. Und schließlich wurde zu den Waffen gegriffen.

Am Ende einer Nebenstraße der rive gauche stand Bernard drei Wachen trotzig gegenüber. Hinter seinem Rücken versteckte sich der ängstlich schlotternde Ramón.

»Also, ihr Abschaum«, grunzte einer der Wachleute, »es heißt, ihr seid an den Verwüstungen in Saint-Marcel schuld.«

Bernard versuchte zu erklären: »Wir hatten gestern Nacht einen Wortwechsel mit einem Wirt, das ist richtig, aber wir haben keine Schäden angerichtet. Wir sind nicht diejenigen, die ihr sucht.«

»Für mich dagegen bist du schuldig«, sagte einer aus der Soldatenschar. »Dieses blaue Auge spricht doch Bände. Wie hast du es dir eingehandelt?«

»Das geht euch nichts an«, gab der junge Mann zurück. »Ich werde alles dem Kanzler erklären.«