Verlag: Oetinger Taschenbuch Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Das Lächeln des Panthers - Johannes Groschupf

Ein altes Hotel in Berlin, mysteriöse Gäste und eine große, schwarze Katze - Katinka und Finley haben das Gefühl, dass ihr Hotel ein Geheimnis birgt. Hat der eigenartige Skripnik etwas damit zu tun, der das Gemälde Das Lächeln des Panthers so genau mustert? Je weiter Katinka der spektakulären Geschichte des Hotels auf die Spur kommt, desto mehr erfährt sie auch über ihre eigene Vergangenheit - und entdeckt dabei Unglaubliches … Berliner Flair, ein Panther und ein verborgener Kunstschatz - der neue spannende und äußerst atmosphärische Roman von Johannes Groschupf

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E-Book-Leseprobe Das Lächeln des Panthers - Johannes Groschupf

 

 

 

 

komm, schwarzer panther, lach noch mal

dann geht die sonne unter

ob sie noch einmal aufgehn wird?

ich glaube nicht an wunder –

 

komm, schwarzer panther, lach noch mal

vielleicht kann ich dann weinen

um zu vergessen, was mal war

die scherben neu zu leimen

nur noch dein lachen will ich sehn …

RUDOLF KLEHR

Prolog

Die Schlüterstraße ist eine kleine Seitenstraße am Kurfürstendamm in Berlin. Dort steht ein altes und mächtiges Haus mit grauer Fassade. Ein Schild mit der Leuchtschrift Hotel Marabu hängt senkrecht am Haus. Über dem Eingang wölbt sich ein gelber Baldachin, zwei Stufen führen hinauf zum Eingang. Die Lobby ist holzgetäfelt und still.

Draußen fahren Autos vorbei, es sind nicht viele, um drei Uhr nachts schläft die Stadt.

Alle schlafen.

Fast alle.

Jemand geht den engen Flur im dritten Stock des Hotels entlang. Vor Zimmer 318 endet der Weg. Eine Hand legt sich auf die Klinke und drückt sie nieder. Die Tür öffnet sich nicht. Sie ist von innen abgeschlossen.

Der Nachschlüssel passt perfekt ins Schloss.

Jetzt gibt die Tür nach und öffnet sich, doch nur einen Spalt breit.

Von innen ist eine Kette vorgelegt.

Der Blick wandert durch den Türspalt ins Zimmer hinein, ein katzenhafter Blick, der durch die Dunkelheit tastet. Ein geduldiger Blick, unter dem die Schemen allmählich Gestalt gewinnen.

Hinten ein Schreibtisch und ein Kleiderschrank. Über dem Stuhl hängen Jeans, Bluse, Shirt, Pullover. In der Mitte steht ein großes Bett, und darin schläft ein siebzehnjähriges Mädchen, das eben den Kopf hebt, weil es sich gestört fühlt. Kraftvoller Körper, etwas stämmig. Sportlerin. Die dunklen Haare sind zerwühlt, die Augen öffnen sich nur widerwillig.

Dieses Mädchen ist Katinka Schwartz, und während sie erwacht, begegnet sie dem fremden Blick.

Sie weicht zurück, bis ihr Rücken die Zimmerwand berührt. Ihre Beine schieben sie mit aller Kraft weiter hinauf. Ihre Hände halten sich an der rauen Tapete fest. Rückwärts, wie eine Spinne, tastet sie sich die Wand hinauf, bis sie die Zimmerdecke berührt. Sie möchte schreien.

»Sei leise«, sagt eine Stimme, der sie nicht trauen kann. »Alles ist gut. Es wird dir nichts passieren, wenn du erzählst, was du weißt. Lass uns reden.«

Kapitel 1

Der Anruf kam am Nachmittag. Seit Tagen hatten Regen, Wind und Sonne gewechselt, eine typische Woche in Schottland, Ende März.

Es war noch so kalt, dass den Spielerinnen während des Trainings die Atemwolken vor dem Mund standen. Trotzdem waren sie draußen und übten Angriffszüge und Verteidigungsläufe. Das Mädchen-Rugbyteam des Internats war berühmt für seine athletischen Spielerinnen, und eine von ihnen war Katinka.

Sie rannte eben los, um Kimberley abzufangen. Katinka spielte in der Defensive und hätte sie decken müssen, als der Pass kam, doch sie war ihr entwischt, und jetzt musste sie sehen, dass sie Kimberley einholte. Sie hatte einen Haken geschlagen, um ihr auszuweichen, als Katinka sie rammen wollte. Sie war wendig und leichtfüßig, aber das würde ihr nicht helfen, denn Katinka war zäh. Sie gab niemals auf.

Kimberley hatte sich den Ball in den Arm gelegt und lief der unteren Torlinie entgegen, sie hatte noch einen weiten Weg vor sich. Außer Katinka folgte ihr niemand mehr. Sie war nicht besonders schnell, außerdem war der Boden vom endlosen Regen aufgeweicht. Katinka rutschte dauernd weg, doch sie rannte sich die Lunge aus dem Leib, um Kimberley einzuholen.

»Lauf, Kat, lauf!«, riefen sie hinter ihr. Katinka tat, was sie konnte, während ihr der Regen kalt ins Gesicht schlug. Das Spielfeld verschwamm vor ihren Augen. Irgendwo da vorn musste ihre Gegnerin sein, Katinka hörte sie rennen.

An der Seitenlinie standen ein paar Zuschauer unter riesigen Regenschirmen und feuerten sie an. Katinka lief quer über das Spielfeld, um ihr den Weg abzuschneiden, unter ihren Füßen spritzte das Wasser der Pfützen auf. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, die Arme arbeiteten an der Seite, verzweifelt wie verkümmerte Flügel. Aber sie erreichte Kimberley.

Die Stürmerin war langsamer geworden, vielleicht aus Leichtsinn oder aus Erschöpfung. Oder sie wollte auf den letzten Metern nicht riskieren, den Ball zu verlieren. Deshalb lief sie die letzten zehn Meter locker aus, und zwei Meter vor dem Malfeld holte Katinka sie ein. Als Kimberley merkte, dass sie hinter ihr war, war es zu spät. Katinka griff nach ihr und umschlang mit beiden Armen ihr Becken, um sie zu Boden zu reißen.

Ein perfektes Tackling.

Kimberley ging mit einem Schrei zu Boden und verlor den Ball sofort aus der Hand, er kullerte über den rutschigen Rasen und blieb irgendwo liegen, während Kimberley und Katinka in eine kalte Regenpfütze rutschten, immer noch ineinander verhakt.

Miss Cunningham pfiff den Spielzug ab.

Die Spielerinnen umarmten sich. Nach dem Training war jedes Tackling vergeben und vergessen, sie waren wieder die besten Freundinnen. Katinka spuckte ihren Mundschutz aus.

»Du warst unglaublich schnell«, sagte sie zu Kimberley.

Kimberley grinste. Ihr Gesicht sah großartig aus, wild und lebendig, zur Hälfte vom Schlamm verschmiert. Grashalme auf der Stirn. Die Haare klatschnass.

»Hätte nicht gedacht, dass du mich noch kriegst«, sagte sie.

»Ich kriege euch alle«, sagte Katinka.

Die anderen klopften ihr auf die Schultern. »Fett, fett, fett, Kat! Unsere Beste.«

Katinka war die einzige deutsche Internatsschülerin, und sie liebte Rugby. Sie liebte diese kalten, verregneten Märztage, den aufgeweichten Rasen des Spielfelds, die erhitzten Gesichter der anderen, die nassen Trikots in den Schulfarben, sie mochte den Geruch nach Regen und Gras. Der Winter war endlich vorbei, man spürte, dass die Tage wieder länger wurden. Noch war der Frühling nicht da, aber es konnte nicht mehr lange dauern. Die beste Zeit des Jahres kündigte sich an.

Die Sekretärin des Internats kam aus dem Verwaltungsgebäude gelaufen. Sie hielt eine Zeitung über ihren Kopf und winkte ihnen von Weitem zu.

»Katinka Schwartz! Ein Anruf für Sie! Aus Berlin!«

»Okay«, sagte Katinka und wollte sich nicht hetzen lassen. »Ich rufe gleich zurück.«

Aber die Sekretärin ließ nicht locker. Sie lief auf ihren Stöckelschuhen am Spielfeldrand entlang, bis sie vor Katinka stand. Die Zeitung über ihrem Kopf hing nass herunter.

»Es klingt wirklich wichtig«, sagte sie. »Ihre Mutter ist am Telefon, sie wartet.«

Ihre Mutter rief nicht gern auf dem Handy an, weil sie glaubte, dass es zu teuer war. Ihr war es am liebsten, dass sie skypten, aber das mochte Katinka nicht, weil sie sich dann die ganze Zeit auf dem Bildschirm anschaute und Grimassen schnitt, während sie ihre Mutter reden ließ. Auf jeden Fall war es seltsam, dass sie im Sekretariat anrief.

»Bitte, Katinka«, sagte die Sekretärin. »Es ist sehr dringend.«

In diesem Moment verstand Katinka, was sie ihr sagen wollte, und sie rannte los. Sie lief über den Kiesweg zum Verwaltungsgebäude, drückte die Tür auf, rannte den Flur entlang. Ihre Stollenschuhe gaben ein klapperndes und schmatzendes Geräusch. Sie erreichte den Schreibtisch der Sekretärin. Im warmen Schein der Schreibtischlampe lag der Telefonhörer.

Katinka nahm ihn auf und horchte.

Ihre Mutter rauchte. Katinka hörte ihre hastigen Atemzüge.

»Ich bin’s«, sagte sie endlich. »Was ist los?«

Dann erfuhr sie es.

Sie stand vor dem Schreibtisch der Sekretärin, während ihre Mutter ihr alles erzählte, und ihr Trikot tropfte. Aus ihren Haaren rann das Regenwasser. Sie konnte gar nichts sagen, sie hörte nur zu. Unter ihr bildete sich eine Pfütze. Sie blickte, während sie in den Hörer lauschte, hinaus auf den Gang und sah ihre eigenen Fußspuren. Sie hatte ungefähr das halbe Rugbyfeld mitgebracht.

Die Sekretärin kam durch die Tür und nickte ihr zu, während Katinka den altmodischen, schweren Telefonhörer in der Hand hielt und die Stimme ihrer Mutter aus dem fernen Berlin vernahm. Sie verstand nur undeutlich, was vorgefallen war. Ihr Vater hatte einen Unfall gehabt. Von einem unglücklichen Sturz war die Rede, von einem Blutgerinnsel im Hirn. Er läge seit drei Tagen im Krankenhaus auf der Intensivstation. Er wäre ansprechbar, aber man wüsste nicht, ob sich sein Zustand noch verbessern würde. Es könnte auch bald vorbei sein.

»Du musst kommen«, sagte ihre Mutter schließlich. »Jetzt sofort. Bitte. Wir brauchen dich hier. Dein Vater braucht dich.«

Kapitel 2

Am selben Abend packte Katinka. Sie hatte eine Liste mit Dingen, die sie packen musste, und obwohl sie jedes Jahr zweimal nach Hause fuhr, las sie sich die Liste sorgfältig durch und hakte die Sachen in Gedanken ab. Dabei ging sie langsam und methodisch vor.

Portemonnaie, Ausweis, Jeans, Pullover, Tops, Strümpfe, Unterwäsche, Zahnbürste, Zahnpasta, Shampoo, Adapter, Ladekabel, Schuhe. Zwei Bücher. Und Stifte, weil sie manchmal Lust bekam zu zeichnen, auch wenn ihre Skizzen immer schrecklich aussahen und niemand sie sehen durfte. Und Haarspangen. Und ihr Telefon. Und den Kopfhörer!

Sie ging alles noch mal durch, um sich von einem Moment zum nächsten zu hangeln. Dabei versuchte sie, nicht zu blinzeln, denn sonst fing sie garantiert an zu weinen.

Als sie fertig war, stand sie eine Stunde lang allein vor dem Internat und schaute in den finsteren Himmel, als könnte sie dort irgendetwas entdecken. Sie wünschte sich, die Stimme ihres Vaters zu hören. Der Regen hatte aufgehört, und die Wolken zogen stumm über den Himmel. Sie fühlte sich ganz allein, und dieses Gefühl hatte sie seit Jahren nicht mehr gehabt. Sie war fast von Anfang an glücklich gewesen in ihrem Internat, hatte hier Freundinnen gefunden, eine neue Heimat und stand kurz vor dem Abschluss.

Jetzt musste sie zurück nach Berlin, und es kam ihr vor, als wäre ihre Jugend plötzlich und unwiderruflich vorbei. Sie hätte so gern ihren Vater gefragt, wie sie sich nun verhalten sollte. Doch sie bekam keine Antwort und hatte plötzlich eine namenlose Angst, dass sie ihren Vater jetzt schon verloren hatte.

Beim Abendessen waren alle besorgt um sie. Sie kamen an ihren Tisch und fragten, wie es ihr ging. Wie es ihrer Familie ging. Katinka konnte nichts erzählen, ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie brachte kaum den Kräutertee herunter. Die Schülerinnen fragten auch nicht endlos nach, sondern umarmten sie einfach.

»Alles Gute, Kat«, sagten sie. »Komm bald wieder.«

Sie nickte. Auf jeden Fall wollte sie wiederkommen, so schnell wie möglich. Wenn sie ehrlich war, wollte sie nicht nach Berlin. Aber dann dachte sie an ihren Vater, und sie wusste, dass sie hinfahren musste.

Später saßen sie zu fünft in ihrem und Allies Zimmer und tranken Bier. Zwei rauchten am Fenster, Allie spielte auf der Gitarre und sang die schottische Abschiedshymne, die sie sonst nur am letzten Tag des Jahres sangen:

 

Should auld acquaintance be forgot

And never brought to mind?

Should auld acquaintance be forgot,

And days of auld lang syne?

 

For auld lang syne, my dear

For auld lang syne

We’ll take a cup o’kindness yet

For auld lang syne

 

Die Mädchen sangen alle mit, sie liebten dieses Lied.

»Aber ich gehe doch gar nicht wirklich weg«, sagte Katinka. »Ich bin bald wieder da.«

»Das will ich schwer hoffen«, sagte Allie. »Du gehörst hierher. Wir brauchen dich. Wer erklärt mir sonst Mathe?«

»Wer bringt mich sonst zum Lachen?«, fragte Katinka zurück. Sie hatte in den drei Jahren, die sie hier im Internat war, so viel gelacht wie in den vierzehn Jahren vorher nicht.

»Die Berliner bestimmt nicht, die gehen zum Lachen in den Keller.«

»Die gehen auch zum Weinen in den Keller«, sagte Katinka.

»Nein, die gehen in den Keller, weil sie immer noch die britischen Bomber fürchten.«

Plötzlich redeten alle durcheinander.

»Nein, die gehen in den Keller, weil sie da noch eine Leiche haben«, behauptete Kimberley.

Allie sagte nach einem Schluck Bier: »Wenn du nicht rechtzeitig zu den Play-offs zurück bist, dann bist du tot, Kat. Wir kommen nicht ins Finale ohne dich. Und das ist alles, was mich interessiert. Glaubst du, ich kriege eine anständige Defensive zusammen mit diesen Seekühen hier?«

»Seekuh, ich geb dir gleich Seekuh, mein Herzchen«, sagte Kimberley vom Fenster her.

»Das sagt die Richtige«, erwiderte Allie und grinste sie herausfordernd an. Sie hielt ihr die geballte Faust hin: »Willst du schnuppern? Riecht nach Friedhof. Kostenlose Begräbnisse für Seekühe.«

Kimberley kicherte und griff nach einem Kopfkissen, um es Allie an den Kopf zu werfen.

Katinka schaute von einer zur anderen. Sie vermisste ihre Freundinnen jetzt schon. In Gedanken entfernte sie sich bereits vom Internat, von ihrem Leben hier. Sie hatte sich einen Zug herausgesucht, der frühmorgens von Aberdeen nach London ging. Zudem hatte sie mit viel Glück für den frühen Abend einen Flug nach Berlin bekommen. Schrecklich teuer, musste aber sein.

»Leute, ich bin müde, ich muss morgen früh raus«, sagte sie.

Während die anderen noch leise weiterredeten und auf der Gitarre zupften, rollte sie sich in ihrem Bett zusammen und versuchte einzuschlafen.

Kapitel 3

»Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen«, sagte Miss Cunningham am nächsten Morgen. »Wir freuen uns, wenn Sie wiederkommen. Wir sind hier wirklich für Sie da.«

»Ich werde nicht lange weg sein«, sagte Katinka.

»Das hoffe ich auch«, sagte Miss Cunningham. »Vielleicht geht es Ihrem Vater bald besser. Es wäre sehr gut für Sie, wenn Sie im April zurück sind. Sie werden sich auf die Abschlussklausuren vorbereiten wollen.«

Katinka wusste, was die Schulleiterin ihr zu verstehen geben wollte. Ihre Noten waren nicht so großartig, dass sie den Abschluss sicher hatte.

»Ich komme so schnell wieder, wie es mir möglich ist«, sagte sie.

Allie brachte sie zum Bahnhof. Sie umarmten sich fest.

»Grüß Berlin«, sagte sie und stupste Katinka in die Seite. »Man sagt, die Stadt sei nicht so übel.«

Dabei schaute sie Katinka mit glitzernden grauen Augen an. Kein Wort über ihren Vater im Krankenhaus. Britische Mädchen neigen nicht zu emotionalen Ausbrüchen.

Während der Zug durch den schottischen Morgen fuhr – der Himmel war immer noch grau und diesig –, lehnte Katinka sich zurück und schloss die Augen. In diesem Moment kam ihr das Marabu wieder ganz nah, als wäre sie nie davor geflohen.

Als kleines Mädchen hatte sie das Hotel geliebt, denn es schien ein Zauber in diesem Haus zu liegen, ein besonderer Glanz, der dunkle und furchtbare Zeiten überlebt hatte. Was genau es war, konnte sie nicht sagen, und niemand erzählte ihr etwas, wenn sie danach fragte. Sie hatte ihrem Großvater oft an der Rezeption geholfen, es war ihre glücklichste Zeit gewesen. Der alte Herr Schwartz stellte Katinka einen Hocker hin, damit sie die Gäste bedienen konnte. Die Gäste waren natürlich entzückt, wenn das fröhliche kleine Mädchen ihnen die Schlüssel aushändigte.

»Vielen Dank, Madame!«, sagten sie dann und gaben ihr eine Münze als Trinkgeld. Die durfte Katinka behalten.

»Hast du dir selbst verdient«, sagte ihr Großvater und zwinkerte ihr zu.

Für Katinka war das Hotel eine riesige Puppenstube, deren Chefin sie war, mit einem freundlichen alten Herrn in ihrem Rücken.

Sie verbrachte die sieben Stunden im Zug von Aberdeen nach London, indem sie träumend aus dem Fenster starrte und tief in ihre Vergangenheit eintauchte. Auf eigenartige Weise trösteten die Erinnerungen. Katinka wollte nicht ankommen, sondern weiterfahren, immer nur weiter, wohin auch immer.

Dörfer zogen vorbei.

Steinmauern.

Industriestädte mit hässlichen Parkplätzen.

Kleine Bahnsteige, an denen Leute mit Golfausrüstung warteten.

Verlassene Landschaften.

Ein schmaler Fluss schimmerte silbrig im Nebel, die Konturen der Häuser, Felder und Bäume waren verwischt. Katinka war es, als läge ein Schleier über ihren Augen. Ein Schleier des Trostes und der Trauer, der die Welt in Grauschattierungen zeigte.

Sie kannte England kaum, nur den Flughafen und zwei oder drei Ecken in London, wo es hektisch und laut gewesen war. Ihr Zuhause war Schottland, das Internat. Das kleine Zimmer, das sie mit Allie teilte und das seit drei Jahren ihre Zuflucht war.

Dann die Einfahrt nach London. Menschengewühl, Lautsprecherdurchsagen mit ironischem Unterton.

Umsteigen nach Heathrow.

Im Flughafen stand sie in der Warteschlange vor dem Check-in. Dann in der Schlange der Personenkontrolle. Nachdem ihr Handgepäck geprüft worden war, ging sie auf die Toilette und legte die Perlenkette an, die ihre Eltern ihr zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt hatten.

Sie setzte sich auf eine Bank und beobachtete die Touristen aus Pakistan und Irland, aus Afrika und China, die Familien und Geschäftsreisenden. Parfümschleier aus den Luxusboutiquen wehten vorbei. Flirrende Bildschirme, Durchsagen, die zum Boarding an Gate siebzehn aufriefen, Kaffeegeruch. Letzte Aufrufe für Nachzügler, die Namen waren kaum verständlich.

Auf der Wartebank schräg gegenüber saß eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Das Mädchen spielte mit einem Tablet, auf dem offenbar ein Karaoke-Programm lief. Die Kleine sang lauthals mit und wiegte sich in selbstvergessener Eleganz.

Katinka dachte an ihre frühen, glücklichen Jahre im Marabu und an ihren Vater im Krankenhaus. Dann kamen ihre Tränen so plötzlich und so heftig, dass sie sich eine Zeitschrift vor das Gesicht hielt.

Kapitel 4

Der Taxifahrer am Berliner Flughafen warf seine halb gerauchte Zigarette weg, als Katinka auf ihn zuging. Er öffnete den Kofferraum und nahm ihr das Gepäck ab. Dabei wurde er von einem rasselnden Husten durchgeschüttelt.

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