Beschreibung

Keine Gnade vor Recht – der große Justizthriller von Bestseller-Autor Jeffrey Archer Die Justiz kennt kein Erbarmen mit dem jungen Danny Cartwright: Obwohl er auf »nicht schuldig« plädiert, soll er über zwanzig Jahre lang hinter Gitter – für den Mord an seinem besten Freund. Aber die Zeugen der Anklage ahnen nicht, dass Häftling Cartwright nur zwei Dinge im Sinn hat: Flucht – und Rache. Wenn der junge Handwerker Danny Cartwright seiner Beth den Antrag nur einen Tag früher oder später gemacht hätte, wäre er nicht verhaftet und wegen Mordes an seinem besten Freund angeklagt worden. Und wenn die vier Zeugen der Anklage ein Rechtsanwalt, ein Schauspieler, ein Aristokrat und ein Unternehmer sind, wer wird dann wohl Dannys Version der Geschichte glauben? Die Justiz kennt kein Erbarmen: Danny wird zu 22 Jahren Haft im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh Prison verurteilt, aus dem noch nie jemand entkommen ist. Aber Spencer Craig, Lawrence Davenport, Gerald Payne und Toby Mortimer unterschätzen allesamt Dannys Entschlossenheit zur Rache: Gemeinsam mit seiner Verlobten kämpft er für eine Gerechtigkeit, die die Zeugen das Fürchten lehren wird.

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Seitenzahl: 762


Jeffrey Archer

Das letzte Plädoyer

Roman

Aus dem Englischen von Tatjana Kruse

FISCHER E-Books

Inhalt

Für Jonathan und MarionPrologDie Verhandlung12345678910111213141516Das Gefängnis171819202122232425262728293031323334353637Die Freiheit38394041424344454647484950Die Rache515253545556575859606162636465666768697071Die Erlösung727374757677Das endgültige Urteil7879Danksagung

Für Jonathan und Marion

Prolog

»Ja«, sagte Beth.

Sie versuchte, überrascht auszusehen, brachte das aber nicht wirklich überzeugend zuwege, da sie bereits in der Schule beschlossen hatte, dass sie beide eines Tages heiraten würden. Dennoch war sie etwas überrumpelt, als Danny mitten im übervollen Restaurant auf die Knie fiel.

»Ja«, wiederholte Beth und hoffte, er würde aufstehen, bevor alle Anwesenden ihr Essen unterbrachen und sie anstarrten. Aber er rührte sich nicht. Danny blieb auf Knien und zog wie ein Verschwörer eine winzige Schachtel aus dem Nichts. Er öffnete sie, und zum Vorschein kam ein schlichter goldener Ring mit einem einzigen Diamanten, der weitaus größer war, als Beth es erwartet hatte – obwohl ihr Bruder ihr bereits erzählt hatte, dass Danny zwei Monatsgehälter für den Ring ausgegeben hatte.

Als Danny endlich aufstand, überraschte er sie erneut, indem er sofort eine Nummer in sein Handy eintippte.

»Bernie! Sie hat Ja gesagt!«, verkündete Danny jubelnd. Beth lächelte, hielt den Diamanten ins Licht und betrachtete ihn genauer. »Warum feierst du nicht mit uns?«, schlug Danny vor, bevor Beth ihn aufhalten konnte. »Prima. Wir treffen uns in der Weinstube an der Fulham Road – wo wir letztes Jahr nach dem Chelsea-Spiel waren. Bis gleich, Kumpel.«

Beth legte keinen Widerspruch ein. Schließlich war Bernie nicht nur ihr Bruder, sondern auch Dannys ältester Freund, und wahrscheinlich hatte er ihn längst gefragt, ob er Trauzeuge werden wollte.

Als Danny den vorbeieilenden Kellner um die Rechnung bat, kam der Oberkellner angelaufen.

»Das geht auf’s Haus«, meinte er mit einem herzlichen Lächeln.

 

Als Beth und Danny ins Dunlop Arms schlenderten, saß Bernie bereits mit einer Flasche Champagner und drei Gläsern an einem der Ecktische.

»Das sind ja tolle Neuigkeiten«, sagte er, noch bevor sie sich gesetzt hatten.

»Danke, Kumpel.« Danny schüttelte ihm die Hand.

»Ich habe schon Mum und Dad angerufen«, verkündete Bernie, während er die Flasche entkorkte und die drei Champagnergläser füllte. »Sie schienen gar nicht sehr überrascht, aber es war ja auch das offenste Geheimnis von ganz Bow.«

»Sag nicht, dass sie auch gleich kommen«, flehte Beth.

»Aber nein.« Bernie hob sein Glas. »Dieses Mal müsst ihr euch mit mir begnügen. Auf ein langes Leben und dass West Ham den Pokal gewinnen möge!«

»Na ja, wenigstens eins davon liegt im Bereich des Möglichen«, scherzte Danny.

»Ich glaube, du würdest lieber West Ham heiraten, wenn das ginge.« Beth lächelte.

»Er könnte es schlimmer treffen«, meinte Bernie.

Danny lachte. »Ich werd’ den Rest meines Lebens mit beiden verheiratet sein.«

»Außer an Samstagnachmittagen«, rief ihm Bernie in Erinnerung.

»Und selbst von denen wirst du einige opfern müssen, sobald du die Werkstatt von Dad übernimmst«, warf Beth ein.

Danny runzelte die Stirn. Er hatte sich in seiner Mittagspause mit Beths Vater getroffen und ihn um die Hand seiner Tochter gebeten – im East End starben die Traditionen nur langsam. Mr.Wilson hätte gar nicht begeisterter sein können, Danny als Schwiegersohn zu bekommen, aber er sagte ihm gleich, dass er seine Meinung in einem Punkt geändert habe, von dem Danny gedacht hatte, der sei bereits geklärt.

»Aber wenn du glaubst, dass ich dich Chef nenne, sobald du den alten Herrn abgelöst hast, dann hast du dich getäuscht«, unterbrach Bernie seine Gedankengänge.

Danny erwiderte nichts darauf.

»Ist das der, für den ich ihn halte?« Beth schaute zur anderen Seite des Raumes.

Danny sah sich die vier Männer an der Bar genauer an. »Auf jeden Fall sieht er so aus.«

»Wie wer?«, fragte Bernie.

»Wie der Schauspieler, der in The Prescription den Dr.Beresford spielt.«

»Lawrence Davenport«, flüsterte Beth.

»Warum gehe ich nicht einfach zu ihm und bitte ihn um ein Autogramm?«, sagte Bernie.

»Auf keinen Fall«, erklärte Beth. »Obwohl Mum ihn heiß und innig liebt.«

»Ich glaube, das trifft eher auf dich zu.« Bernie füllte ihre Gläser erneut.

»Tut es nicht!«, widersprach Beth ein wenig zu laut, woraufhin sich einer der Männer an der Bar umdrehte. Beth lächelte ihren Verlobten an. »Außerdem sieht Danny viel besser aus als dieser Lawrence Davenport.«

Bernie lachte laut auf. »Nur weil Danny sich ausnahmsweise rasiert und die Haare gewaschen hat. Aber ich glaube nicht, dass ihm das zur festen Gewohnheit wird, Schwesterherz. Nie und nimmer. Denk dran, dass dein künftiger Mann im East End arbeitet, nicht in der City.«

»Danny könnte alles tun, was er will.« Beth nahm seine Hand.

»Woran genau denkst du, Schwesterherz? Wirtschaftsmagnat oder Wichser?« Bernie schlug Danny auf die Schulter.

»Danny hat Pläne für die Werkstatt, da würdest du …«

»Pst«, sagte Danny und füllte das Glas seines Freundes erneut auf.

»Die sollte er auch haben, es kostet nämlich Geld, einen gemeinsamen Hausstand zu gründen«, meinte Bernie. »Zuerst einmal müsst ihr euch eine Wohnung suchen.«

»Gleich um die Ecke steht eine Souterrainwohnung zum Verkauf«, sagte Danny.

»Hast du denn genug für die Anzahlung?«, wollte Bernie wissen. »Souterrainwohnungen sind nicht billig, nicht mal im East End.«

»Zusammen haben wir genug für eine Anzahlung gespart«, erklärte Beth. »Und sobald Danny die Werkstatt von Dad übernommen hat … –«

»Lasst uns darauf trinken!«, unterbrach Bernie sie, musste aber feststellen, dass die Flasche leer war. »Ich bestelle besser noch eine neue.«

»Nein«, erklärte Beth entschieden. »Ich muss morgen früh pünktlich bei der Arbeit sein, was offenbar auf dich nicht zutrifft.«

»Zur Hölle damit«, meinte Bernie. »Meine kleine Schwester verlobt sich nicht jeden Tag mit meinem besten Freund. Noch eine Flasche!«, rief er. Der Barkeeper lächelte und zog eine zweite Flasche Champagner aus dem Kühlschrank unter der Theke. Einer der Männer an der Bar sah auf das Etikett. »Pol Roger«, sagte er und fügte unüberhörbar hinzu: »Ist an die doch verschwendet.«

Bernie sprang auf, aber Danny zog ihn sofort wieder auf den Stuhl.

»Ignorier sie«, sagte er. »Sie sind die Luft nicht wert, die sie atmen.«

Der Barkeeper kam rasch auf sie zu. »Macht keinen Ärger, Jungs«, sagte er und entkorkte die Flasche. »Einer von denen feiert Geburtstag und die haben schon zu viel getrunken.«

Beth sah sich die vier Männer genauer an, während der Barkeeper ihre Gläser füllte. Einer der Männer starrte sie an. Er zwinkerte, öffnete den Mund und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Beth wandte sich abrupt ab und war erleichtert, als sie feststellte, dass Danny sich mit ihrem Bruder unterhielt.

»Wohin fahrt ihr in den Flitterwochen?«

»Saint Tropez«, sagte Danny.

»Das reißt aber ein ganz schönes Loch in die Kasse.«

»Und dieses Mal kommst du nicht mit!«, erklärte Beth.

»Die Tussi sieht ganz passabel aus, sie darf nur nicht den Mund aufmachen«, ertönte eine Stimme von der Bar.

Bernie sprang erneut auf. Zwei der Männer starrten ihn trotzig an.

»Die sind betrunken«, beruhigte ihn Beth.

»Ach, ich weiß nicht so recht«, sagte der andere Mann. »Manchmal sollte eine Tussi den Mund schon weit aufmachen.«

Bernie packte die leere Flasche, und es erforderte Dannys ganze Kraft, um ihn wieder nach unten zu ziehen.

»Ich möchte jetzt gehen«, erklärte Beth. »Ich will nicht, dass mir ein Haufen Snobs mit Internatsausbildung meinen Verlobungsumtrunk ruiniert.«

Danny sprang sofort auf, aber Bernie blieb sitzen und trank seinen Champagner aus. »Komm schon, Bernie, lass uns gehen«, bat Danny. Schließlich erhob sich Bernie und folgte widerstrebend seinem Freund, aber dabei sah er die vier Männer an der Bar ununterbrochen an. Beth freute sich, dass die vier ihnen mittlerweile den Rücken zukehrten und in ein Gespräch vertieft schienen.

Doch kaum öffnete Danny die Hintertür der Bar, wirbelte einer von ihnen herum und sagte: »Na, gehen wir schon?« Er zog seine Geldbörse heraus. »Wenn ihr Jungs mit ihr fertig seid, dann hätten meine Freunde und ich gerade noch genug für einen flotten Fünfer übrig.«

»Ihr seid ein Haufen Scheiße«, rief Bernie.

»Komm doch her, dann klären wir die Sache.«

»Nur zu gern, Arschloch«, sagte Bernie, aber Danny schob ihn durch die Tür hinaus, bevor er die Gelegenheit hatte, zu kontern. Beth schlug die Tür rasch hinter ihnen zu und schritt die Gasse entlang. Danny packte Bernie am Ellbogen, aber kaum hatten sie ein paar Meter zurückgelegt, schüttelte ihn Bernie ab. »Ich will zurück und die Sache klären.«

»Nicht heute Abend.« Danny packte seinen Freund erneut und zog ihn weiter.

Beth war bereits kurz vor der Hauptstraße und sah dort plötzlich den Mann, den Bernie als Arschloch tituliert hatte. Eine Hand hielt er auf dem Rücken. Er musterte sie anzüglich und leckte sich wieder über die Lippen. In diesem Moment kam sein Freund um die Ecke gelaufen, leicht außer Atem. Beth drehte sich um und sah ihren Bruder breitbeinig dastehen. Er lächelte.

»Lass uns wieder reingehen«, rief sie Danny zu, aber dann sah sie, dass die beiden anderen Männer aus der Bar vor der Tür standen und den Weg blockierten.

»Scheiß drauf«, sagte Bernie. »Es ist Zeit, diesen Mistkerlen eine Lektion zu erteilen.«

»Nein, nein«, flehte Beth, als einer der Männer durch die Gasse auf sie zukam.

»Du übernimmst das Arschloch«, sagte Bernie zu Danny, »ich kümmere mich um die anderen drei.«

Beth sah entsetzt zu, wie das Arschloch zuschlug und Danny am Kinn erwischte, woraufhin sein Kopf zur Seite gerissen wurde. Aber er erholte sich rechtzeitig, um dem nächsten Schlag auszuweichen, anzutäuschen und dann einen Treffer zu landen. Der andere fiel auf die Knie, war aber rasch wieder auf den Beinen und schlug erneut nach Danny.

Da die beiden anderen Männer an der Tür anscheinend nicht mitmachen wollten, hoffte Beth, dass die Prügelei schnell beendet sein würde. Sie konnte nur zusehen, wie ihr Bruder dem anderen Mann einen Aufwärtshaken versetzte, dessen Wucht ihn beinahe ausknockte. Während Bernie darauf wartete, dass er wieder auf die Beine kam, rief er Beth zu: »Tu uns einen Gefallen, Schwesterherz. Besorge uns ein Taxi. Das hier dauert nicht mehr lange und dann müssen wir von hier weg.«

Beth rührte sich erst, als sie sicher war, dass Danny die Oberhand über das Arschloch gewann. Das Arschloch lag mittlerweile mit ausgebreiteten Gliedmaßen auf dem Boden. Danny stand über ihm und hatte ihn eindeutig unter Kontrolle. Beth warf beiden einen letzten Blick zu, bevor sie ihrem Bruder widerwillig gehorchte. Sie rannte die Gasse entlang, und als sie auf die Hauptstraße kam, hielt sie Ausschau nach einem Taxi. Sie musste nur wenige Minuten warten, bis sie ein vertrautes, gelbes FREI-Schild entdeckte.

Beth winkte den Wagen gerade zu sich heran, als der Mann, den Bernie zu Boden geschlagen hatte, an ihr vorbeiwankte und in die Nacht verschwand.

»Wohin, Schätzchen?«, fragte der Taxifahrer.

»Bacon Road in Bow«, sagte Beth und öffnete die hintere Wagentür. »Es kommen gleich noch zwei Freunde und fahren mit.«

Der Taxifahrer sah über ihre Schulter in die Gasse. »Ich glaube nicht, dass Sie ein Taxi brauchen, Schätzchen«, meinte er. »Wenn das meine Freunde wären, würde ich einen Krankenwagen rufen.«

Die Verhandlung

1

»Nicht schuldig.«

Danny Cartwright spürte, wie seine Beine zitterten, was sie manchmal vor einem Boxkampf taten, von dem er wusste, dass er ihn verlieren würde. Der beisitzende Richter vermerkte den Antrag auf der Anklageschrift und sah zu Danny. »Sie dürfen sich setzen.«

Danny kollabierte förmlich auf dem kleinen Stuhl in der Mitte der Anklagebank, erleichtert, dass die erste Runde vorbei war. Er sah zum vorsitzenden Richter, der am anderen Ende des Gerichtssaals auf einem grünen Lederstuhl mit hoher Rückenlehne saß, einem Thron nicht unähnlich. Vor ihm stand eine lange Eichenbank, übersät mit Papieren in Ringordnern und einem Notizbuch, das auf einer leeren Seite aufgeschlagen war. Richter Sackville sah zu Danny, sein Gesichtsausdruck verriet weder Zustimmung noch Ablehnung. Er nahm seine Lesebrille mit Halbglas von der Nasenspitze und erklärte mit autoritärer Stimme: »Führen Sie die Geschworenen herein.«

Während alle auf die zwölf Männer und Frauen warteten, versuchte Danny, den unvertrauten Anblick und die fremden Geräusche von Gerichtssaal vier in Old Bailey in sich aufzunehmen. Er sah zu den zwei Männern, die zu beiden Seiten der Verteidigerbank saßen. Sein junger Anwalt, Alex Redmayne, sah auf und lächelte ihn freundlich an, aber der ältere Mann am anderen Ende der Bank, den Mr.Redmayne immer als Anklageberater bezeichnete, würdigte ihn keines einzigen Blickes.

Danny ließ seinen Blick in die Zuschauerreihen wandern. Seine Eltern saßen in der ersten Reihe. Die kräftigen, tätowierten Arme seines Vaters ruhten auf dem Geländer, der Kopf seiner Mutter war gesenkt. Gelegentlich hob sie den Blick, um ihren einzigen Sohn anzuschauen.

Danny richtete seine Aufmerksamkeit auf die andere Seite des Gerichtssaals, wo die leeren Geschworenenbänke auf die zwölf Männer und Frauen warteten, die ausgewählt worden waren, um über sein Schicksal zu entscheiden. Es hatte mehrere Monate gedauert, bis der Fall Die Krone gegen Daniel Arthur Cartwright endlich vor Old Bailey verhandelt wurde. Plötzlich, ohne Vorwarnung, wurde die Tür in der Ecke auf der anderen Seite des Gerichtssaals geöffnet und der Gerichtsdiener tauchte wieder auf. Ihm folgten sieben Männer und fünf Frauen, die ein Urteil fällen sollten. Sie setzten sich in freier Platzwahl auf die Geschworenenbänke – sechs vorn, sechs hinten. Fremde, die nichts weiter gemeinsam hatten, als zufällig für diesen Prozess ausgewählt worden zu sein. Zwei oder drei von ihnen sahen sich im Gerichtssaal wie Tiere um, die in eine Falle geraten waren und nach einem Fluchtweg suchten.

Als sie sich gesetzt hatten, erhob sich der beisitzende Richter von seinem Platz und wandte sich an die Geschworenen. »Meine Damen und Herren Geschworene«, sagte er. »Der Angeklagte vor Ihnen, Daniel Arthur Cartwright, wird des Mordes beschuldigt. Er hat nicht schuldig plädiert. Es ist nun Ihre Aufgabe, sich die Beweise anzuhören und zu entscheiden, ob er schuldig ist oder nicht.«

2

Richter Sackville sah zu der Bank unter ihm. »Mr.Pearson, bitte eröffnen Sie den Fall für die Krone.«

Ein kleiner, dicklicher Mann erhob sich langsam von der Bank der Anklage. Staatsanwalt Arnold Pearson schlug die dicke Akte auf, die auf dem vor ihm stehenden Rednerpult lag. Er berührte sich an der oft getragenen Perücke, fast so, als ob er sicherstellen wollte, dass er sie auch wirklich aufgesetzt hatte, dann krallte er sich in das Revers seines Anwaltstalars; eine Angewohnheit, die er seit nunmehr dreißig Jahren pflegte.

»Mit freundlicher Erlaubnis Eurer Lordschaft«, fing er langsam und gewichtig an, »übernehme ich diesen Fall als Vertreter der Krone, während mein hochverehrter Herr Kollege …« – er suchte in den Papieren vor ihm nach dem Namen – »… Mr.Alex Redmayne die Verteidigung übernimmt. Es handelt sich um einen Fall von Mord, Euer Lordschaft. Um den kaltblütigen und berechnenden Mord an Mr.Bernard Henry Wilson.«

Die Eltern des Opfers saßen in der hintersten Reihe des Zuschauerraumes, ganz in der Ecke. Mr.Wilson sah zu Danny, unfähig, die Enttäuschung in seinen Augen zu kaschieren. Mrs.Wilson starrte mit glasigem Blick ins Leere, das Gesicht totenbleich, wie eine Trauernde auf einer Beerdigung. Obwohl die tragischen Ereignisse um den Tod von Bernie Wilson das Leben von zwei Familien im East End, die seit mehreren Generationen eng befreundet gewesen waren, für immer verändert hatte, war das außerhalb von etwa zwei Dutzend Straßen rund um die Bacon Road in Bow kaum bemerkt worden.

»Im Laufe dieser Verhandlung werden Sie erfahren, wie der Angeklagte«, fuhr Pearson fort und fuchtelte in Richtung der Anklagebank, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, Danny anzuschauen, »das Opfer Mr.Wilson in ein Schanklokal in Chelsea lockte, am Abend des 18. September 1999, wo er seinen brutalen, vorsätzlichen Mord beging. Zuvor hatte er die Schwester von Mr.Wilson …« Wieder nahm er Zuflucht zu seinen Papieren. »… Elizabeth Wilson, in das Restaurant Lucio in der Fulham Road ausgeführt. Das Gericht wird erfahren, dass Cartwright Miss Wilson die Ehe angetragen hat, als er erfuhr, dass sie schwanger war. Anschließend rief er auf seinem Mobiltelefon Mr.Bernard Wilson an und lud ihn ins Dunlop Arms ein, ein Schanklokal an der Hambledon Terrace in Chelsea, um dort gemeinsam zu feiern. Miss Wilson hat bereits schriftlich ausgesagt, dass sie dieses Schanklokal noch nie zuvor aufgesucht hatte, während Cartwright sich dort offenkundig gut auskannte, wie die Krone belegen wird, denn er hatte es nur aus einem einzigen Grund ausgesucht: weil die Hintertür in eine stille Gasse führt, ein idealer Ort für jemanden, der einen Mord beabsichtigt, einen Mord, den Cartwright später einem völlig Fremden anlastete, der zufällig in dieser Nacht ebenfalls Gast im Schanklokal war.«

Danny starrte zu Mr.Pearson. Wie konnte er nur mit solcher Sicherheit von den Ereignissen jener Nacht erzählen, wo er doch gar nicht dort gewesen war? Aber Danny machte sich keine allzu großen Sorgen. Schließlich hatte ihm Mr.Redmayne versichert, dass seine Version der Geschichte während der Verhandlung ans Licht kommen würde. Trotz der wiederholten Versicherungen seines Anwalts gab es zwei Dinge, die Danny Kummer bereiteten: Alex Redmayne war sogar noch jünger als er und dies war erst sein zweiter Fall.

»Doch Cartwright hat Pech«, fuhr Pearson fort, »die anderen vier Gäste, die sich an diesem Abend im Dunlop Arms aufhielten, widersprechen seiner Darstellung. Ihre Zeugenaussagen sind nicht nur lückenlos, sondern werden auch von dem Barkeeper untermauert, der an diesem Abend Dienst hatte. Die Krone wird alle fünf Zeugen vorführen, die Ihnen erzählen werden, dass es einen Streit zwischen den beiden Männern gab, die später gemeinsam durch den Hinterausgang das Schanklokal verließen, nachdem Cartwright gesagt hatte ›Komm doch her, dann klären wir die Sache.‹ Alle fünf sahen, wie Cartwright durch die Hintertür ging, gefolgt von Bernard Wilson und seiner Schwester Elizabeth, die sich eindeutig in aufgeregtem Zustand befand. Wenige Augenblicke später hörte man einen Schrei. Mr.Spencer Craig, einer der Gäste, verließ seine Begleitung und rannte in die Gasse hinter dem Dunlop Arms, wo er Cartwright vorfand, der Mr.Wilson am Hals gepackt hielt und ihm wiederholt ein Messer in die Brust rammte. Mr.Craig wählte daraufhin umgehend die Notrufnummer auf seinem Handy. Der Zeitpunkt dieses Gesprächs, Euer Lordschaft, sowie das Gespräch selbst wurden vom Polizeirevier Belgravia aufgezeichnet. Einige Minuten später trafen zwei Streifenbeamte am Tatort ein und fanden Cartwright vor, der über dem Leichnam von Mr.Wilson kniete, das Messer noch in der Hand – ein Messer, das er im Schanklokal eingesteckt haben musste, denn Dunlop Arms war in den Griff eingraviert.«

Alex Redmayne schrieb Pearsons Worte mit.

»Meine Damen und Herren Geschworene«, fuhr Pearson fort und hielt sich wieder an seinem Revers fest, »jeder Mord hat ein Motiv, und in diesem Fall werden wir auf der Suche nach dem Motiv schon im ersten aktenkundigen Mord der Geschichte fündig, Abel gegen Kain: Neid, Gier und Ehrgeiz waren die verabscheuungswürdigen Beweggründe, die in ihrer Kombination Cartwright dazu brachten, den einzigen Rivalen zu beseitigen, der ihm im Weg stand. Meine Damen und Herren Geschworene, sowohl Cartwright als auch Mr.Wilson arbeiteten in Wilsons Werkstatt in der Mile End Road. Die Werkstatt gehört Mr.George Wilson, dem Vater des Verstorbenen, der auch die Geschäftsführung innehat. George Wilson plante, am Ende des Jahres in Ruhestand zu gehen und wollte die Werkstatt seinem einzigen Sohn Bernard übergeben. Mr.George Wilson hat dies in seiner schriftlichen Aussage festgehalten, die auch die Verteidigung akzeptiert hat, weshalb wir ihn nicht als Zeugen aufrufen werden. Meine Damen und Herren Geschworene, Sie werden im Laufe dieser Verhandlung feststellen, dass die beiden jungen Männer schon sehr lange Konkurrenten und Gegner waren, schon seit ihren gemeinsamen Schultagen. Nachdem Bernard Wilson aus dem Weg geräumt war, wollte Cartwright die Tochter des Besitzers heiraten und die florierende Werkstatt übernehmen. Doch es lief nicht alles so, wie Cartwright es geplant hatte, und als man ihn verhaftete, versuchte er, die Schuld einem unschuldigen Zuschauer anzulasten, ebenjenem Mann, der in die Gasse gelaufen war, um zu sehen, warum Miss Wilson geschrien hatte. Pech für Cartwright, er hatte nicht eingeplant, dass noch vier weitere Menschen Zeugen des Vorfalls würden.« Pearson lächelte die Geschworenen an. »Meine Damen und Herren Geschworene, sobald Sie deren Zeugenaussagen gehört haben, werden Sie keinerlei Zweifel mehr daran hegen, dass Daniel Cartwright des abscheulichen Verbrechens des Mordes schuldig ist.« Er wandte sich an den Richter. »Hiermit endet die Anklageeinführung der Krone, Euer Lordschaft. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich meinen ersten Zeugen aufrufen.« Richter Sackville nickte und Pearson verkündete mit fester Stimme: »Ich rufe Mr.Spencer Craig.«

Danny Cartwright sah nach rechts und beobachtete, wie der Gerichtsdiener am hinteren Ende des Gerichtssaals eine Tür öffnete, in den Flur trat und »Mr.Spencer Craig« rief. Einen Augenblick später betrat ein großer Mann, nicht viel älter als Danny, in einem blaugestreiften Anzug, weißem Hemd und mauvefarbener Krawatte den Gerichtssaal. Wie anders er aussah als bei ihrer ersten Begegnung.

Danny hatte Spencer Craig in den letzten sechs Monaten nicht gesehen, aber es war kein Tag vergangen, an dem er ihm nicht deutlich vor Augen gewesen war. Jetzt starrte er den Mann trotzig an, aber Craig warf keinen einzigen Blick in Dannys Richtung – es war, als ob er gar nicht existierte.

Craig schritt durch den Gerichtssaal wie ein Mann, der genau wusste, was er tat. Als er in den Zeugenstand trat, griff er sofort nach der Bibel und legte den Eid ab, ohne ein einziges Mal auf die Karte zu schauen, die ihm der Gerichtsdiener vorhielt. Mr.Pearson lächelte seinen Hauptzeugen an, dann sah er nach unten auf die Fragen, die er einen Monat lang vorbereitet hatte.

»Sie heißen Spencer Craig?«

»Ja, Sir«, kam als Antwort.

»Und Sie wohnen in Hambledon Terrace 43, London SW3?«

»Ja, Sir.«

»Welchen Beruf üben Sie aus?«, fragte Mr.Pearson, als ob er das nicht wüsste.

»Ich bin Anwalt.«

»Ihr Fachgebiet?«

»Strafrecht.«

»Dann sind Sie also mit der Straftat des Mordes vertraut?«

»Leider ja, Sir.«

»Ich möchte Sie jetzt zum Abend des 18. September letzten Jahres zurückführen, als Sie und eine Gruppe von Freunden im Dunlop Arms zu Gast waren. Vielleicht können Sie berichten, was genau an jenem Abend geschah.«

»Meine Freunde und ich haben Geralds 30. Geburtstag gefeiert …«

»Gerald?«, unterbrach Mr.Pearson.

»Gerald Payne«, erläuterte Craig. »Er ist ein alter Freund aus meinen Cambridge-Tagen. Wir haben einen heiteren Abend zusammen verbracht, bei einer Flasche Wein.«

Alex Redmayne machte sich eine Notiz – er musste wissen, wie viele Flaschen.

Danny hätte am liebsten gefragt, was Craig unter ›heiter‹ verstand.

»Leider endete der Abend dann alles andere als heiter«, lieferte Pearson das Stichwort.

»Es war das genaue Gegenteil«, erwiderte Craig, der immer noch nicht in Dannys Richtung schaute.

»Bitte erzählen Sie dem Gericht, was als Nächstes geschah«, bat Pearson und sah auf seine Notizen.

Craig drehte sich um und sah zum ersten Mal die Geschworenen an. »Wie ich schon sagte, wir feierten bei einem Glas Wein Geralds Geburtstag, als ich plötzlich laute Stimmen hörte. Ich drehte mich um und sah einen Mann, der mit einer jungen Dame am anderen Ende des Raumes an einem Tisch saß.«

»Sehen Sie diesen Mann jetzt auch?«, fragte Pearson.

»Ja«, erwiderte Craig und zeigte auf Danny.

»Was geschah dann?«

»Der Mann sprang auf«, fuhr Craig fort, »und brüllte und zeigte mit dem Finger auf einen anderen Mann, der sitzen blieb. Ich hörte einen von ihnen sagen: ›Wenn du glaubst, dass ich dich Chef nenne, sobald du den alten Herrn abgelöst hast, dann hast du dich getäuscht.‹ Die junge Dame versuchte, ihn zu beruhigen. Ich wollte mich wieder meinen Freunden zuwenden – schließlich hatte der Streit nichts mit mir zu tun –, als der Angeklagte rief: ›Komm doch her, dann klären wir die Sache.‹ Ich nahm an, dass sie einen Scherz machten, aber der Mann, der das gesagt hatte, holte sich ein Messer von der Theke …«

»Darf ich Sie hier unterbrechen, Mr.Craig – Sie sahen, wie der Angeklagte ein Messer von der Bar nahm?«, fragte Pearson.

»Ja.«

»Was geschah dann?«

»Er marschierte zur Hintertür, was mich überraschte.«

»Warum hat Sie das überrascht?«

»Weil das Dunlop Arms meine Stammkneipe ist und ich den Mann noch nie zuvor gesehen hatte.«

»Ich bin nicht ganz sicher, ob ich Ihnen folgen kann, Mr.Craig«, sagte Pearson, der jedem einzelnen Wort folgen konnte.

»Der Hinterausgang ist nicht zu sehen, wenn man in dieser bestimmten Ecke der Kneipe sitzt, aber er schien genau zu wissen, wohin er ging.«

»Aha, ich verstehe«, sagte Pearson. »Bitte fahren Sie fort.«

»Einen Augenblick später stand der andere Mann auf und jagte dem Angeklagten hinterher. Die junge Dame folgte ihm auf den Fersen. Ich hätte gar nicht weiter darüber nachgedacht, aber wenige Augenblicke später hörten wir alle einen Schrei.«

»Einen Schrei?«, wiederholte Pearson. »Was für eine Art von Schrei?«

»Einen sehr hohen Schrei, den Schrei einer Frau«, erwiderte Craig.

»Was haben Sie daraufhin getan?«

»Ich ließ meine Freunde sofort stehen und rannte raus auf die Gasse, falls sich die Frau in Gefahr befand.«

»Befand sie sich in Gefahr?«

»Nein, Sir. Sie schrie den Angeklagten an. Flehte ihn an, aufzuhören.«

»Womit aufzuhören?«

»Den anderen Mann anzugreifen.«

»Sie kämpften?«

»Ja, Sir. Ich sah, wie der Mann, der zuvor mit dem Finger gezeigt und gebrüllt hatte, den anderen Mann gegen die Hauswand drückte, den Arm an seinen Hals gepresst.« Craig wandte sich an die Geschworenen und hob den Arm, um die Haltung zu demonstrieren.

»Versuchte Mr.Wilson, sich zu verteidigen?«, wollte Pearson wissen.

»So gut er konnte, aber der Angeklagte rammte ihm immer und immer wieder ein Messer in die Brust.«

Danny wollte aufspringen, quer durch den Gerichtssaal laufen und die Wahrheit aus Craig herausschütteln, aber Mr.Redmayne hatte ihn davor gewarnt, Emotionen zu zeigen, egal, wie sehr er provoziert wurde. »Ihre Zeit wird kommen«, hatte er ihm wiederholt in Erinnerung gerufen, »aber jeder Zornesausbruch hinterlässt bei den Geschworenen einen schlechten Eindruck.«

»Was taten Sie als Nächstes?«, erkundigte sich Pearson leise.

»Ich habe die Notrufnummer gewählt, und man versicherte mir, dass umgehend Polizei und Notarzt verständigt würden.«

»Hat man noch etwas anderes zu Ihnen gesagt?«, fragte Pearson mit Blick auf seine Notizen.

»Ja«, erwiderte Craig, »man sagte mir, ich solle mich unter gar keinen Umständen dem Mann mit dem Messer nähern, sondern in die Kneipe zurückkehren und auf die Polizei warten.« Er schwieg kurz. »Was ich getan habe.«

»Wie reagierten Ihre Freunde, als Sie in die Kneipe zurückkehrten und ihnen erzählten, was Sie gesehen hatten?«

»Sie wollten nach draußen und schauen, ob sie helfen konnten, aber ich sagte ihnen, was mir die Leute vom Notruf gesagt hatten, und ich hielt es unter diesen Umständen auch für besser, wenn sie nach Hause gingen.«

»Unter diesen Umständen?«

»Ich war ja der Einzige, der den ganzen Vorfall beobachtet hatte, und ich wollte nicht, dass sie in Gefahr gerieten, falls der Mann mit dem Messer in die Kneipe käme.«

»Sehr löblich«, sagte Pearson.

Der Richter sah den Staatsanwalt stirnrunzelnd an. Alex Redmayne machte sich weitere Notizen.

»Wie lange mussten Sie warten, bis die Polizei eintraf?«

»Es dauerte nur wenige Augenblicke, da hörte man eine Sirene. Und ein paar Minuten später trat ein Polizist in Zivil durch den Hintereingang in die Kneipe. Er wies sich aus und stellte sich als Detective Sergeant Fuller vor. Er dankte mir für meine Hilfe, dann teilte er mir mit, dass sich das Opfer auf dem Weg in das nächstgelegene Krankenhaus befinde.«

»Was geschah dann?«

»Ich machte meine Aussage, und dann sagte Detective Sergeant Fuller, ich könne nach Hause gehen.«

»Was Sie auch taten?«

»Ja, ich kehrte in meine Wohnung zurück, die nur etwa einhundert Meter vom Dunlop Arms entfernt liegt, und ging zu Bett, aber ich konnte nicht schlafen.«

Alex Redmayne notierte: etwa einhundert Meter.

»Nur zu verständlich«, kommentierte Pearson.

Der Richter runzelte erneut die Stirn.

»Also stand ich wieder auf, ging in mein Arbeitszimmer und schrieb alles auf, was sich an diesem Abend ereignet hatte.«

»Warum haben Sie das getan, Mr.Craig? Sie hatten doch schon eine Aussage gemacht.«

»Meine berufliche Erfahrung, wenn ich dort stand, wo Sie jetzt stehen, Mr.Pearson, hat mir bewusst gemacht, dass Zeugenaussagen vor Gericht häufig lückenhaft, bisweilen sogar inkorrekt sind, wenn erst mehrere Monate nach der Tat die Verhandlung beginnt.«

»Sehr richtig.« Pearson blätterte eine weitere Seite in seiner Akte um. »Wann haben Sie erfahren, dass Daniel Cartwright des Mordes an Bernard Wilson angeklagt wird?«

»Ich las darüber am darauffolgenden Montag im Evening Standard. Dort stand, dass Mr.Wilson auf dem Weg ins Chelsea and Westminster Hospital verstorben war und man Cartwright des Mordes angeklagt habe.«

»Was Sie selbst anging, hielten Sie das für das Ende dieser Angelegenheit?«

»Ja, obwohl ich natürlich wusste, dass man mich bei einem Prozess als Zeugen aufrufen würde, sofern Cartwright auf ›nicht schuldig‹ plädieren sollte.«

»Aber dann trat eine Wendung ein, die nicht einmal Sie dank Ihrer Erfahrung mit hartgesottenen Kriminellen hätten vorausahnen können.«

»Allerdings«, erwiderte Craig. »Am folgenden Nachmittag kamen zwei Polizeibeamte in meine Kanzlei, um eine zweite Befragung durchzuführen.«

»Sie hatten Detective Sergeant Fuller doch bereits eine mündliche und schriftliche Aussage gegeben«, sagte Pearson. »Warum wollte man Sie erneut befragen?«

»Weil Cartwright jetzt mich des Mordes an Mr.Wilson beschuldigte. Er behauptete sogar, ich hätte das Messer aus der Kneipe mitgehen lassen.«

»Sind Sie Mr.Cartwright oder Mr.Wilson vor diesem Abend jemals begegnet?«

»Nein, Sir«, erwiderte Craig wahrheitsgemäß.

»Ich danke Ihnen, Mr.Craig.«

Die beiden Männer lächelten einander an, dann sagte Pearson: »Keine weiteren Fragen, Euer Lordschaft.«

3

Richter Sackville richtete seine Aufmerksamkeit auf den Verteidiger am anderen Ende der Bank. Den renommierten Vater von Alex Redmayne kannte er, aber der junge Mann selbst hatte noch nie vor ihm gestanden.

»Mr.Redmayne«, intonierte der Richter, »möchten Sie den Zeugen ins Kreuzverhör nehmen?«

»Das möchte ich allerdings«, erwiderte Redmayne und sammelte seine Notizen ein.

Danny fiel wieder ein, wie ihm kurz nach seiner Verhaftung ein Polizeibeamter geraten hatte, sich einen Anwalt zu nehmen. Das hatte sich als schwierig erwiesen. Rasch musste er feststellen, dass Anwälte ebenso wie Automechaniker pro Stunde bezahlt wurden, und man bekam nur, was man sich leisten konnte. Er konnte sich 5000 Pfund leisten: die Summe, die er in den letzten zehn Jahren angespart hatte. Er hatte sie als Anzahlung für die Souterrainwohnung in Bow gedacht, in der Beth, er und das Baby nach ihrer Heirat leben würden. Doch lange bevor der Fall vor Gericht kam, war jeder Penny davon aufgebraucht. Der Rechtsbeistand, den er sich nahm, Solicitor Mr.Makepeace, verlangte 5000 Pfund Anzahlung im Voraus, noch bevor er überhaupt seinen Füllfederhalter aufschraubte, und weitere 5000 Pfund, nachdem er Barrister Alex Redmayne instruiert hatte, den Prozessanwalt, der Dannys Fall vor Gericht vortragen würde. Danny verstand nicht, warum er zwei Anwälte für ein und dieselbe Aufgabe brauchte. Wenn er einen Wagen reparierte, bat er doch auch keinen anderen Mechaniker, unter die Kühlerhaube zu schauen und sich den Motor anzusehen, bevor er selbst das tat, und er hätte auch keine Anzahlung verlangt, noch bevor er nach seinem Werkzeugkasten griff.

Aber Danny mochte Alex Redmayne vom ersten Moment an und nicht nur, weil der auch ein Fan von West Ham war. Alex hatte eine vornehme Ausdrucksweise und hatte in Oxford studiert, aber er behandelte ihn kein einziges Mal von oben herab.

Sobald Mr.Makepeace die Anklageschrift verlesen hatte und die Beweise durchgegangen war, hatte er Danny geraten, sich auf Totschlag zu bekennen. Er war zuversichtlich, einen Handel mit der Staatsanwaltschaft schließen zu können, dann käme Danny nach sechs Jahren frei. Danny hatte dieses Angebot abgelehnt.

Alex Redmayne bat Danny und seine Verlobte Beth immer und immer wieder, die Geschehnisse dieser Nacht zu erzählen. Er suchte nach Unstimmigkeiten in der Geschichte seines Mandanten. Aber er fand keine, und als Danny das Geld ausging, war er dennoch bereit, weiter die Verteidigung zu übernehmen.

»Mr.Craig«, begann Alex Redmayne. Er hielt sich nicht an seinem Revers fest und zupfte auch nicht an seiner Perücke. »Ich bin sicher, ich muss Sie nicht daran erinnern, dass Sie immer noch unter Eid stehen, und auch nicht an die zusätzliche Verantwortung, die Sie als Barrister tragen.«

»Vorsicht, Mr.Redmayne«, unterbrach ihn der Richter. »Denken Sie daran, dass Ihr Mandant unter Anklage steht, nicht der Zeuge.«

»Wir wollen sehen, Euer Lordschaft, ob Sie das auch noch denken, wenn die Zeit für Ihre Zusammenfassung gekommen ist.«

»Mr.Redmayne«, erklärte der Richter mit scharfer Stimme, »es ist nicht an Ihnen, mich an meine Rolle in diesem Gericht zu erinnern. Ihre Aufgabe besteht darin, den Zeugen zu befragen, meine ist es, mich um alle rechtlichen Punkte, die sich ergeben, zu kümmern. Wir wollen es beide den Geschworenen überlassen, zu einem Urteil zu kommen.«

»Wie es Euer Lordschaft belieben.« Redmayne wandte sich wieder an den Zeugen. »Mr.Craig, um wie viel Uhr trafen Sie und Ihre Freunde an diesem Abend im Dunlop Arms ein?«

»Ich kann mich nicht an den genauen Zeitpunkt erinnern«, erwiderte Craig.

»Lassen Sie mich versuchen, Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. War es 19 Uhr? Halb acht? Acht?«

»Eher gegen acht, würde ich meinen.«

»Dann hatten Sie also schon drei Stunden getrunken, als mein Mandant, seine Verlobte und sein bester Freund in die Kneipe kamen.«

»Wie ich dem Gericht bereits mitteilte, habe ich sie nicht kommen sehen.«

»Sehr richtig«, sagte Redmayne und imitierte dabei Pearsons Tonfall. »Wie viel hatten Sie bis, sagen wir, 23 Uhr getrunken?«

»Ich habe keine Ahnung. Es war Geralds 30. Geburtstag, darum hat keiner mitgezählt.«

»Tja, wir haben eben festgestellt, dass Sie über drei Stunden lang getrunken haben. Sollen wir uns auf ein halbes Dutzend Flaschen einigen? Oder vielleicht sieben oder acht?«

»Höchstens fünf«, entgegnete Craig. »Und das ist bei vier Personen wohl kaum zu viel zu nennen.«

»Normalerweise würde ich Ihnen da zustimmen, Mr.Craig, hätte nicht einer Ihrer Freunde in seiner schriftlichen Aussage erklärt, dass er nur Diät-Cola getrunken habe, und ein anderer, der noch fahren musste, er habe nicht mehr als ein oder zwei Glas Wein gehabt.«

»Aber ich musste nicht fahren«, sagte Craig. »Das Dunlop Arms ist meine Stammkneipe, und ich wohne nur hundert Meter entfernt.«

»Nur hundert Meter entfernt?«, wiederholte Redmayne. Als Craig darauf nichts erwiderte, fuhr er fort: »Sie haben dem Gericht erzählt, dass Sie sich der anderen Gäste in der Kneipe erst bewusst wurden, als Sie einen lauten Wortwechsel hörten?«

»Das ist korrekt.«

»Sie behaupten weiterhin, Sie hätten gehört, wie der Angeklagte sagte: ›Komm doch her, dann klären wir die Sache.‹«

»Das ist ebenfalls korrekt.«

»Aber es entspricht nicht der Wahrheit, Mr.Craig! Denn Sie selbst haben den Streit entfacht, als Sie meinem Mandanten beim Verlassen des Lokals eine ziemlich unvergessliche Bemerkung hinterherschickten …« Er sah auf seine Notizen. »›Wenn ihr Jungs mit ihr fertig seid, dann hätten meine Freunde und ich gerade noch genug für einen flotten Fünfer übrig.‹« Redmayne wartete, ob Craig etwas erwidern würde, aber der blieb stumm. »Darf ich aus dem Ausbleiben einer Antwort schließen, dass ich richtig liege?«

»Sie dürfen gar nichts schließen, Mr.Redmayne. Ich hielt Ihre Frage einfach keiner Antwort für würdig«, entgegnete Craig verächtlich.

»Ich hoffe doch sehr, Mr.Craig, dass Sie meine nächste Frage einer Antwort für wert erachten, denn ich möchte hiermit erklären, dass Sie es waren, der sagte: ›Komm doch her, dann klären wir die Sache‹, nachdem Mr.Wilson Sie als ›ein Haufen Scheiße‹ bezeichnet hatte.«

»Ich finde, das klingt eher wie die Art von Sprache, die man von Ihrem Mandanten erwarten würde«, erwiderte Craig.

»Oder von einem Mann, der zu viel getrunken hat und sich vor seinen betrunkenen Freunden aufspielen will?«

»Darf ich Sie erneut daran erinnern, Mr.Redmayne, dass wir über Ihren Mandanten zu Gericht sitzen und nicht über Mr.Craig.«

Redmayne deutete gegenüber dem Richter eine Verbeugung an, aber als er den Blick hob, bemerkte er, dass ihm die Geschworenen an den Lippen hingen. »Ich erkläre außerdem, Mr.Craig«, fuhr er fort, »dass Sie das Lokal durch den Haupteingang verließen und zum Hintereingang liefen, weil Sie auf eine Prügelei aus waren.«

»Ich ging erst in die Gasse, als ich den Schrei hörte.«

»War das der Moment, in dem Sie das Messer von der Theke nahmen?«

»Das habe ich nicht getan«, fauchte Craig. »Ihr Mandant hat das Messer auf dem Weg zur Tür eingesteckt, wie ich es in meiner Aussage klar festgehalten habe.«

»Ist das die Aussage, die Sie so sorgfältig entwarfen, als Sie in jener Nacht keinen Schlaf fanden?«, fragte Redmayne.

Craig antwortete wieder nicht.

»Vielleicht ist das noch ein Beispiel für etwas, das Ihrer Betrachtung unwürdig ist?«, schlug Redmayne vor. »Ist Ihnen einer Ihrer Freunde in die Gasse gefolgt?«

»Nein, keiner.«

»Dann hat auch keiner die Prügelei sehen können, die Sie mit Mr.Cartwright hatten?«

»Wie denn, wo ich doch keine Prügelei mit Mr.Cartwright hatte?«

»Waren Sie während Ihres Studiums nicht Mitglied der Boxer-Auswahl von Cambridge, Mr.Craig?«

Craig zögerte. »Doch, ja.«

»Und während Sie in Cambridge waren, wurden Sie da nicht zeitweilig relegiert, weil Sie …«

»Ist das relevant?«, verlangte Richter Sackville zu wissen.

»Ich überlasse die Entscheidung darüber nur zu gern den Geschworenen, Euer Lordschaft«, erklärte Redmayne. Er wandte sich wieder an Craig. »Wurden Sie nicht zeitweilig von der Universität relegiert, nachdem Sie in betrunkenem Zustand eine Auseinandersetzung mit einigen Einwohnern begannen, die Sie später den Behörden gegenüber als ›ein Haufen Halbstarker‹ bezeichneten?«

»Das war vor vielen Jahren. Ich war damals noch im Vorstudium.«

»Und fingen Sie nicht, Jahre später, in der Nacht des 18. September 1999 einen weiteren Streit mit einem weiteren ›Haufen Halbstarker‹ an und bedienten sich dabei eines Messers, das Sie aus einer Kneipe haben mitgehen lassen?«

»Wie ich Ihnen bereits sagte, war nicht ich es, der das Messer einsteckte. Ich habe außerdem gesehen, wie Ihr Mandant Mr.Wilson in die Brust stach.«

»Und dann haben Sie die Polizei angerufen?«

»Ja, genau.«

»Ich erkläre hiermit, Mr.Craig, dass Sie die Polizei nur deshalb angerufen haben, weil Sie Ihre Version der Geschichte als Erster anbringen wollten.«

»Glücklicherweise gibt es noch vier weitere Zeugen, die meine Version der Geschichte bestätigen können.«

»Und ich freue mich schon darauf, jeden Einzelnen Ihrer engen Freunde ins Kreuzverhör zu nehmen, Mr.Craig. Ich möchte zu gern erfahren, warum Sie ihnen nach Ihrer Rückkehr in die Kneipe rieten, nach Hause zu gehen.«

»Meine Freunde hatten ja nicht mitangesehen, wie Ihr Mandant Mr.Wilson erstach, darum waren sie auch in keiner Weise beteiligt«, erwiderte Craig. »Und ich fürchtete, sie könnten in Gefahr kommen, wenn sie blieben.«

»Aber wenn jemand in Gefahr war, dann doch wohl der einzige Zeuge für den Mord an Mr.Wilson? Warum sind Sie nicht zusammen mit Ihren Freunden gegangen?«

Craig blieb wieder stumm und dieses Mal nicht, weil er die Frage keiner Antwort für wert erachtete.

»Vielleicht ist der wahre Grund, warum Sie Ihre Freunde zum Gehen aufforderten, der, dass Sie sie aus dem Weg haben wollten, damit Sie nach Hause laufen und Ihre blutverschmierte Kleidung wechseln konnten, bevor die Polizei eintraf?«, sagte Redmayne. »Schließlich haben Sie selbst zugegeben, nur ›hundert Meter entfernt‹ zu wohnen.«

»Sie scheinen vergessen zu haben, dass Detective Sergeant Fuller nur wenige Minuten nach der Tat eintraf, Mr.Redmayne«, meinte Craig verächtlich.

»Der Detective Sergeant traf sieben Minuten nach Ihrem Anruf am Tatort ein. Aber er verbrachte beträchtliche Zeit damit, meinen Mandanten zu befragen, bevor er dann die Kneipe betrat.«

»Glauben Sie, ich hätte es mir leisten können, ein solches Risiko einzugehen, wenn ich doch wusste, dass die Polizei jeden Moment eintreffen konnte?« Craig spuckte es förmlich aus.

»Ja, das glaube ich«, antwortete Redmayne. »Die Alternative bestand nämlich darin, den Rest Ihres Lebens im Gefängnis zu verbringen.«

Im Gerichtssaal brach lautes Murmeln aus. Die Augen der Geschworenen waren nun auf Spencer Craig geheftet, aber der erwiderte wieder einmal nichts. Redmayne wartete noch einen Moment, bevor er hinzufügte: »Mr.Craig, ich wiederhole, ich freue mich darauf, Ihre Freunde einen nach dem anderen ins Kreuzverhör zu nehmen.« Er wandte sich an den Richter. »Keine weiteren Fragen, Euer Lordschaft.«

»Mr.Pearson?«, sagte der Richter. »Sie wollen den Zeugen doch sicher erneut befragen?«

»Ja, Euer Lordschaft«, bestätigte Pearson. »Es gibt da eine Frage, auf die ich unbedingt eine Antwort möchte.« Er lächelte den Zeugen an. »Mr.Craig, sind Sie Superman?«

Craig wirkte perplex, aber da er wusste, dass Pearson ihm helfen wollte, erwiderte er: »Nein, Sir. Warum fragen Sie?«

»Weil nur Superman, nachdem er einen Mord gesehen hat, in das Lokal hätte zurückkehren, seine Freunde instruieren, nach Hause fliegen, duschen, sich umziehen, ins Lokal zurückfliegen und lässig an seinem Tisch hätte sitzen können, bevor Detective Sergeant Fuller auftauchte.« Einige Geschworene versuchten, ein Lächeln zu unterdrücken. »Oder vielleicht war passenderweise eine Telefonzelle in der Nähe?« Aus dem Lächeln wurde Gelächter. Pearson wartete, bis es verstummte, bevor er weitermachte. »Mr.Craig, erlauben Sie mir, die Phantasiewelt von Mr.Redmayne zu verlassen und Ihnen eine ernsthafte Frage zu stellen. Als die Gerichtsmediziner von Scotland Yard die Mordwaffe untersuchten, wurden da Ihre Fingerabdrücke auf dem Griff des Messers gefunden? Oder die des Angeklagten?«

»Es waren ganz sicher nicht meine«, sagte Craig. »Sonst würde ich jetzt auf der Anklagebank sitzen.«

»Keine weiteren Fragen, Euer Lordschaft«, sagte Pearson.

4

Die Zellentür öffnete sich, und ein Beamter reichte Danny ein Plastiktablett mit abgetrennten Bereichen voller Plastikgerichte, in denen Danny herumstocherte, während er darauf wartete, dass die Verhandlung am Nachmittag fortgesetzt würde.

Alex Redmayne ließ das Mittagessen aus, damit er noch einmal seine Notizen durchgehen konnte. Hatte er den Zeitrahmen unterschätzt, der Craig zur Verfügung stand, bevor Detective Sergeant Fuller die Kneipe betrat?

Richter Sackville nahm das Mittagessen in seinen Büroräumen zu sich, gemeinsam mit einem Dutzend anderer Richter. Keiner von ihnen sprach über seine Fälle, während sie ihr Fleischgericht mit zwei Gemüsesorten verspeisten.

Mr.Pearson aß allein in der Gerichtskantine im obersten Stock. Er fand, dass sein hochverehrter Herr Kollege einen bösen Fehler gemacht hatte, was den Zeitrahmen anging, aber es war nicht an ihm, ihn auf diesen Fehler hinzuweisen. Er schob eine Erbse von einer Seite des Tellers auf die andere, während er über die möglichen Konsequenzen nachdachte.

Als es ein Uhr schlug, fing das Ritual von neuem an. Richter Sackville betrat den Gerichtssaal und schenkte den Geschworenen die Andeutung eines Lächelns. Er nahm seinen Platz ein und sah zu den Anwälten hinunter. »Meine Herren! Mr.Pearson, rufen Sie bitte Ihren nächsten Zeugen auf.«

»Danke, Euer Lordschaft.« Pearson erhob sich. »Ich rufe Mr.Gerald Payne.«

Danny sah zu, wie ein Mann den Gerichtssaal betrat, den er nicht sofort erkannte. Er musste um die 1,73 Meter groß sein, mit vorzeitig schütterem Haar. Sein gutgeschnittener, beigefarbener Anzug konnte den Umstand nicht verbergen, dass er fast zehn Kilo abgenommen hatte, seit Danny ihm das letzte Mal begegnet war. Der Gerichtsdiener führte ihn zum Zeugenstand, reichte ihm ein Exemplar des Neuen Testaments und nahm ihm den Eid ab. Obwohl Payne von der Karte ablesen musste, stellte er dieselbe Überheblichkeit zur Schau wie Spencer Craig am Vormittag.

»Sie sind Gerald David Payne, wohnhaft Wellington Mews 62, London W2?«

»Das ist korrekt«, erwiderte Payne mit fester Stimme.

»Welchen Beruf üben Sie aus?«

»Ich bin Immobilienberater.«

Redmayne schrieb Makler neben Paynes Namen.

»Für welche Firma arbeiten Sie?«

»Ich bin Partner von Baker, Tremlett & Smythe.«

»Sie sind für einen Partner einer so renommierten Firma noch sehr jung«, meinte Pearson unschuldig.

»Ich bin der jüngste Partner in der Geschichte der Firma«, erwiderte Payne.

Für Redmayne war offensichtlich, dass jemand Payne lange, bevor er in den Zeugenstand getreten war, instruiert hatte. Er wusste, dass es aus ethischen Gründen nicht Pearson gewesen sein konnte, darum gab es nur einen einzigen möglichen Kandidaten.

»Ich gratuliere«, sagte Pearson.

»Fahren Sie fort, Mr.Pearson«, mahnte der Richter.

»Entschuldigen Sie, Euer Lordschaft, ich wollte den Geschworenen nur die Glaubwürdigkeit dieses Zeugen demonstrieren.«

»Das ist Ihnen gelungen«, meinte Richter Sackville kurz angebunden. »Jetzt machen Sie weiter.«

Pearson führte Payne geduldig durch die Ereignisse der fraglichen Nacht. Ja, er könne bestätigen, dass Craig, Mortimer und Davenport an jenem Abend im Dunlop Arms gewesen seien. Nein, er habe sich nicht auf die Gasse hinausgewagt, als er den Schrei hörte. Ja, sie waren nach Hause gegangen, als ihnen Spencer Craig dazu riet. Nein, er habe den Angeklagten noch nie zuvor in seinem Leben gesehen.

»Danke, Mr.Payne«, schloss Pearson. »Bitte verbleiben Sie im Zeugenstand.«

Redmayne erhob sich langsam von seinem Stuhl und ließ sich Zeit bei der Neuordnung seiner Notizen, bevor er seine erste Frage stellte – ein Trick, den ihm sein Vater beigebracht hatte, als sie zur Übung Verhandlungen geprobt hatten. »Wenn du mit einer Überraschungsfrage anfangen willst, mein Junge«, hatte sein Vater zu sagen gepflegt, »dann lass den Zeugen erst einmal schwitzen.« Redmayne wartete, bis der Richter, die Geschworenen und Pearson ihn erwartungsvoll ansahen. Es dauerte nur wenige Sekunden, aber er wusste, für jemanden, der sich im Zeugenstand befand, schien es eine Ewigkeit.

»Mr.Payne«, sagte Redmayne schließlich und sah zum Zeugen auf, »gehörten Sie während Ihres Studiums in Cambridge einer Gruppe an, die unter dem Namen ›Die Musketiere‹ bekannt war?«

»Ja«, erwiderte Payne, sichtlich verwirrt.

»Und das Motto dieser Gruppe war ›Alle für einen und einer für alle‹, oder?«

Pearson war auf den Beinen, bevor Payne etwas erwidern konnte. »Euer Lordschaft, ich frage mich, wie die längst vergangene Mitgliedschaft zu einer studentischen Gruppe irgendeinen Belang für die Ereignisse des 18. September letzten Jahres haben kann?«

»Ich bin geneigt, mich Ihrer Verwunderung anzuschließen, Mr.Pearson«, erwiderte der Richter. »Aber zweifellos wird uns Mr.Redmayne diesbezüglich gleich erhellen.«

»In der Tat, das werde ich, Euer Lordschaft«, erwiderte Redmayne und lächelte Payne an. »Lautete das Motto der Musketiere nicht ›Alle für einen und einer für alle‹?«, wiederholte er.

»Ja, das stimmt«, erwiderte Payne mit leichtem Zögern.

»Was zeichnete die Mitglieder dieser Gruppe sonst noch aus?«, fragte Redmayne.

»Ihre Wertschätzung für Dumas, die Gerechtigkeit und eine Flasche guten Wein.«

»Oder vielleicht für mehrere Flaschen guten Wein?«, hielt Redmayne dagegen und zog eine hellblaue Broschüre aus seinem Stapel an Notizen. Er hielt sie hoch, damit alle im Gericht sie sehen konnten, dann blätterte er langsam um. »War es nicht eine der Regeln dieser Gruppe, dass alle Mitglieder die Pflicht hatten, einem anderen Mitglied zu Hilfe zu eilen, sollte sich dieses in Gefahr befinden?«

»Ja«, erwiderte Payne. »Ich fand immer, dass Loyalität die Latte ist, an der man einen Mann messen sollte.«

»Ach, tatsächlich?«, sagte Redmayne. »Gehörte Mr.Spencer Craig ebenfalls den Musketieren an?«

»Ja, er war sogar einmal unser Vorsitzender«, erwiderte Payne.

»Und sind Sie und die anderen Mitglieder ihm in jener Nacht des 18. September des vorigen Jahres zu Hilfe geeilt?«

»Euer Lordschaft!« Pearson sprang wieder auf die Beine. »Das ist unerhört.«

»Ich finde es unerhört, Euer Lordschaft«, warf Redmayne ein, »dass Mr.Pearson immer dann, wenn es den Anschein hat, dass einer seiner Zeugen in Schwierigkeiten gerät, um Ihre Hilfe ersucht. Gehört er womöglich ebenfalls den Musketieren an?«

Einige Geschworene lächelten.

»Mr.Redmayne«, entgegnete der Richter ruhig. »Wollen Sie damit andeuten, dass der Zeuge einen Meineid leistet, nur weil er zu seiner Universitätszeit einer bestimmten Gruppe angehörte?«

»Wenn die Alternative darin besteht, dass sein bester Freund lebenslang hinter Gitter muss, Euer Lordschaft, ja, dann glaube ich, ist ihm dieser Gedanke durchaus nicht fremd.«

»Das ist unerhört«, wiederholte Pearson.

»Nicht so unerhört, wie einen Mann lebenslang ins Gefängnis zu schicken für einen Mord, den er gar nicht begangen hat«, erklärte Redmayne.

»Euer Lordschaft, wir werden jetzt zweifelsohne gleich zu hören bekommen«, höhnte Pearson, der immer noch stand, »dass auch der Barkeeper ein Mitglied der Musketiere war.«

»Nein, keineswegs«, erwiderte Redmayne, »aber wir werden erfahren, dass der Barkeeper der einzige Mensch war, der in jener Nacht das Dunlop Arms nicht verlassen hat.«

»Ich denke, Sie konnten Ihren Standpunkt veranschaulichen«, sagte der Richter. »Bitte fahren Sie mit Ihrer nächsten Frage fort.«

»Keine weiteren Fragen, Euer Lordschaft.« Redmayne fand, er hatte seinen Standpunkt sehr gut präsentiert.

»Möchten Sie den Zeugen erneut befragen, Mr.Pearson?«

»Ja, Euer Lordschaft«, sagte Pearson. »Mr.Payne, können Sie bestätigen, dass Sie Mr.Craig nicht nach draußen gefolgt sind, als Sie den Schrei der Frau hörten? Nur damit die Geschworenen diesbezüglich Klarheit haben.«

»Ja, das kann ich«, sagte Payne. »Ich war dazu ja auch gar nicht mehr fähig.«

»Ganz genau. Keine weiteren Fragen, Euer Lordschaft.«

»Sie dürfen den Gerichtssaal verlassen, Mr.Payne«, sagte der Richter.

Alex Redmayne fiel auf, dass Payne nicht mehr so überheblich wirkte, als er den Saal verließ.

»Möchten Sie Ihren nächsten Zeugen aufrufen, Mr.Pearson?«, fragte der Richter.

»Ich hatte die Absicht, Mr.Davenport in den Zeugenstand zu rufen, Euer Lordschaft, aber möglicherweise sind Sie ja der Ansicht, dass es besser wäre, wenn er erst morgen früh aussagt.«

Der Richter schien nicht zu bemerken, dass die meisten Frauen im Gerichtssaal den Wunsch hegten, er möge Lawrence Davenport ohne weitere Verzögerung in den Zeugenstand rufen. Er sah auf seine Uhr, zögerte und meinte dann: »Vielleicht wäre es wirklich besser, wenn wir ihn morgen früh gleich als Ersten rufen.«

»Wie Euer Lordschaft belieben«, sagte Pearson, entzückt von der Wirkung, die die Aussicht auf seinen nächsten Zeugen bereits jetzt auf die fünf Frauen unter den Geschworenen hatte. Er hoffte, dass der junge Redmayne dumm genug war, Davenport auf dieselbe Weise anzugreifen wie Gerald Payne.

5

Am nächsten Morgen ging ein erwartungsvolles Raunen durch den Gerichtssaal, schon bevor Lawrence Davenport seinen Auftritt hatte. Als der Gerichtsdiener seinen Namen ausrief, tat er das mit verhaltener Stimme.

Lawrence Davenport betrat die Gerichtsbühne von rechts und folgte anschließend dem Gerichtsdiener zum Zeugenstand. Er war ungefähr einen Meter achtzig groß, aber so schlank, dass er größer wirkte. Er trug einen marineblauen Maßanzug und ein cremefarbenes Hemd, das aussah, als sei es an diesem Morgen aus der Verpackung genommen worden. Davenport hatte beträchtliche Zeit mit der Überlegung verbracht, ob er eine Krawatte umbinden sollte, und hatte sich am Ende an Spencers Rat gehalten, dass es den falschen Eindruck erweckt, wenn man vor Gericht allzu lässig aussieht. »Lass sie denken, du seist Arzt, kein Schauspieler«, hatte Spencer gesagt. Davenport hatte sich für eine gestreifte Krawatte entschieden, die er sonst nur trug, wenn er vor einer Kamera stand. Aber es lag nicht an seiner Oberbekleidung, dass die Frauen ihm nachschauten. Es waren die stechenden, blauen Augen, das dichte, wellige, blonde Haar und der hilflose Ausdruck, der in so vielen von ihnen den mütterlichen Drang weckte, ihn zu beschützen. Nun ja, zumindest in den älteren unter ihnen. Die jüngeren Frauen hatten andere Phantasien.

Lawrence Davenport hatte seinen Ruhm als Herzchirurg in The Prescription begründet. Jeden Samstagabend verführte er eine Stunde lang ein Publikum von über neun Millionen Menschen. Seine Fans schien es nicht zu kümmern, dass er mehr Zeit damit verbrachte, mit den Krankenschwestern zu flirten, als Bypassoperationen durchzuführen.

Nachdem er in den Zeugenstand getreten war, reichte ihm der Gerichtsdiener eine Bibel, und während Davenport den Eid sprach, verwandelte er Gerichtssaal Nummer vier in sein Privattheater. Alex Redmayne fiel auf, dass alle fünf Frauen unter den Geschworenen den Zeugen anlächelten. Davenport erwiderte ihr Lächeln, als ob er Applaus entgegennahm.

Mr.Pearson erhob sich gemächlich von seinem Stuhl. Er hatte die Absicht, Davenport so lange wie möglich im Zeugenstand zu belassen, um mit ihm sein Publikum, bestehend aus zwölf Menschen, zu manipulieren.

Alex Redmayne lehnte sich zurück und wartete darauf, dass sich der Vorhang hob. Ihm fiel ein weiterer Ratschlag ein, den ihm sein Vater gegeben hatte.

Danny fühlte sich auf der Anklagebank isolierter denn je. Er starrte den Mann an, den er aus jener Nacht in der Kneipe noch so gut in Erinnerung hatte.

»Sie sind Lawrence Davenport?«, fragte Pearson und strahlte den Zeugen an.

»Das bin ich, Sir.«

Pearson wandte sich an den Richter. »Euer Lordschaft, ob Sie mir erlauben würden, Mr.Davenport nicht nach seiner Privatadresse zu fragen?« Er schwieg kurz. »Aus offensichtlichen Gründen.«

»Das kann ich akzeptieren«, erwiderte Richter Sackville. »Aber der Zeuge muss bestätigen, dass er in den letzten sieben Jahren dieselbe Adresse in London hatte.«

»Das ist in der Tat der Fall, Euer Lordschaft«, sagte Davenport, seine Aufmerksamkeit zum Regisseur gewandt. Er deutete eine Verbeugung an.

»Können Sie darüber hinaus bestätigen, dass Sie am Abend des 18. September 1999 im Dunlop Arms waren?«, fragte Pearson.

»Ja, das war ich«, erwiderte Davenport. »Ich traf mich dort mit einigen Freunden, um Gerald Paynes 30. Geburtstag zu feiern. Wir waren alle zusammen in Cambridge«, fügte er mit dem schleppenden Tonfall hinzu, der seine letzte Zuflucht gewesen war, als er den Heathcliff im Tourneetheater gegeben hatte.

»Und haben Sie an jenem Abend den Angeklagten gesehen?«, fragte Pearson und wies zur Anklagebank. »Saß er auf der anderen Seite des Lokals?«

»Nein, Sir. Zu diesem Zeitpunkt war er mir noch nicht aufgefallen«, sagte Davenport an die Geschworenen gerichtet, als ob er vor Matinéegästen spielte.

»Ist Ihr Freund Spencer Craig im Laufe dieses Abends von seinem Stuhl aufgesprungen und durch die Hintertür des Lokals nach draußen gelaufen?«

»Ja, das ist er.«

»Und das geschah nach dem Schrei einer Frau?«

»Das ist korrekt, Sir.«

Pearson zögerte, erwartete fast, dass Redmayne aufspringen und gegen eine solch offensichtliche Einflussnahme auf den Zeugen Protest einlegen würde, aber er rührte sich nicht. Mutiger geworden, fuhr Pearson fort: »Und einige Minuten später kehrte Mr.Craig in das Lokal zurück?«

»Genau«, erwiderte Davenport.

»Hat er Ihnen und Ihren beiden Freunden geraten, nach Hause zu gehen?« Pearson übte weiter Einfluss auf den Zeugen aus – aber Alex Redmayne rührte immer noch keinen Muskel.

»Das ist richtig«, sagte Davenport.

»Hat Mr.Craig Ihnen erklärt, warum Sie das Lokal verlassen sollten?«

»Ja. Er sagte, dass sich zwei Männer in der Gasse geprügelt hätten und dass einer von ihnen ein Messer hatte.«

»Wie haben Sie reagiert?«

Davenport zögerte, war sich nicht ganz sicher, wie er auf die Frage antworten sollte, da sie nicht zu seinem vorbereiteten Text gehörte.

»Vielleicht hatten Sie das Gefühl, dass Sie nachschauen sollten, ob sich die junge Dame in Gefahr befand?«, lieferte Pearson hilfreich das Stichwort.

»Ja, genau«, erwiderte Davenport, den allmählich das Gefühl beschlich, dass er nicht so gut ankam, wenn er keinen Teleprompter zu seiner Unterstützung hatte.

»Dennoch folgten Sie dem Rat von Mr.Craig und verließen das Lokal«, sagte Pearson.

»Ja, genau«, bestätigte Davenport. »Ich folgte dem Rat von Spencer, schließlich ist er ja …« Er hielt inne wegen der Wirkung. »… ein Rechtsgelehrter. Ich glaube, das ist die korrekte Bezeichnung.«

Absolut textsicher, dachte Alex, dem klar war, dass sich Davenport jetzt wieder sicher in seinem Manuskript befand.

»Sie sind selbst nicht rausgegangen?«

»Nein, Sir, nicht nachdem die Notrufleute Spencer geraten hatten, wir sollten uns unter gar keinen Umständen dem Mann mit dem Messer nähern.«

Alex blieb sitzen.

»Sehr richtig«, sagte Pearson und blätterte zur nächsten Seite seiner Akte. Er starrte auf ein leeres Blatt Papier. Früher als gedacht, war er ans Ende seiner Fragen gekommen. Er verstand nicht, warum sein Gegner nicht versucht hatte, ihn zu unterbrechen, während er so überdeutlich Einfluss auf seinen Zeugen genommen hatte. Zögernd ließ er die Akte zuklappen. »Bitte bleiben Sie im Zeugenstand, Mr.Davenport«, sagte er. »Ich bin sicher, mein hochverehrter Herr Kollege möchte Sie ins Kreuzverhör nehmen.«

Alex Redmayne sah nicht einmal in die Richtung von Lawrence Davenport, während der Schauspieler mit der Hand durch sein langes, blondes Haar fuhr und weiterhin die Geschworenen anlächelte.

»Möchten Sie den Zeugen ins Kreuzverhör nehmen, Mr.Redmayne?«, fragte der Richter und klang, als würde er sich darauf freuen.

»Nein danke, Euer Lordschaft«, erwiderte Redmayne, wobei er kaum seine Haltung veränderte.

Nur wenige Zuschauer waren in der Lage, ihre Enttäuschung zu verbergen.

Alex verharrte reglos, erinnerte sich an den Rat seines Vaters, niemals einen Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen, der den Geschworenen gefiel, schon gar nicht, wenn sie alles glaubten, was er sagte. Vielmehr müsse er den Zeugen so schnell als möglich aus dem Zeugenstand bekommen in der Hoffnung, dass die Erinnerung der Geschworenen an den Auftritt des Zeugen – und in diesem Fall war es wirklich ein Auftritt gewesen – bis zum Zeitpunkt der Urteilsfindung verblasst sein würde.

»Sie können den Zeugenstand verlassen«, meinte Richter Sackville zögerlich.

Davenport ließ sich Zeit, versuchte, aus seinem kurzen Abgang durch den Gerichtssaal in die Seitenkulisse das meiste herauszuholen. Doch sobald er in den vollen Flur kam, eilte er direkt zu der Treppe, die ins Erdgeschoss führte, und das in einem Tempo, dass kein verblüffter Fan Zeit hatte, ihn um ein Autogramm zu bitten.

 

Davenport freute sich sehr, das Gebäude verlassen zu können. Ihm hatte diese Episode gar nicht gefallen, und er war froh, dass sie viel schneller vorbei war, als er gedacht hatte; es war mehr ein Vorsprechen als ein Auftritt gewesen. Er hatte sich keine Sekunde lang entspannen können und sich ständig gefragt, ob man merkte, dass er in der Nacht zuvor nicht geschlafen hatte. Als Davenport die Stufen hinunter auf die Straße eilte, sah er auf seine Uhr; er war früh dran für seinen 12-Uhr-Termin mit Spencer Craig. Davenport wandte sich nach rechts und ging in Richtung Inner Temple, zuversichtlich, dass Spencer erfreut sein würde, wenn er erfuhr, dass Redmayne ihn nicht ins Kreuzverhör genommen hatte. Davenport hatte schon befürchtet, der junge Anwalt könnte ihn zu dem Thema seiner sexuellen Ausrichtung befragen, was, wenn er die Wahrheit gesagt hätte, am nächsten Tag die einzige Schlagzeile in der Regenbogenpresse geworden wäre – außer natürlich, er hätte die ganze Wahrheit gesagt.

6

Toby Mortimer grüßte Lawrence Davenport nicht, als er an ihm vorüberschlenderte. Spencer Craig hatte ihn gewarnt, dass man sie erst nach dem Ende der Verhandlung zusammen in der Öffentlichkeit sehen sollte. Er hatte in jener Nacht, gleich als er zu Hause war, alle drei angerufen, um ihnen zu sagen, dass Detective Sergeant Fuller am kommenden Tag Kontakt aufnehmen würde, um einige Punkte zu klären. Was als Geburtstagsfeier für Gerald begonnen hatte, war für alle vier zu einem Albtraum geworden.

Mortimer senkte den Kopf, als Davenport vorbeiging. Er fürchtete sich schon seit Wochen vor seinem Auftritt im Zeugenstand, trotz Spencers ständiger Zusicherung, dass Redmayne niemals über Mortimers Drogenproblem sprechen würde, falls er es überhaupt herausfand.

Die Musketiere waren loyal geblieben, aber keiner von ihnen tat so, als könne ihre Freundschaft je wieder so sein wie zuvor. Was sich in jener Nacht abgespielt hatte, verstärkte Mortimers Sucht nur noch. Vor dem Geburtstagsfest war er unter den Dealern als Wochenendjunkie bekannt gewesen, aber als die Verhandlung immer näher rückte, brauchte er zwei Schuss pro Tag – jeden Tag.

»Denk nicht mal daran, dir einen Schuss zu setzen, bevor du in den Zeugenstand gehst«, hatte Spencer ihn ermahnt. Aber wie konnte Spencer auch nur im Ansatz verstehen, was er durchmachte, wo er doch selbst nie diese Sucht gekannt hatte: ein paar Stunden der Seligkeit, bis die Wirkung langsam nachließ, gefolgt von Schweißausbrüchen und dann dem Zittern und schließlich das Ritual der Vorbereitung, damit er diese Welt rasch wieder hinter sich lassen konnte – das Einführen der Nadel in eine frische Vene, wie die Flüssigkeit ihren Weg in den Blutstrom fand, wie sie rasch Kontakt zum Gehirn herstellte und dann endlich das überirdische Loslassen, bis der Kreislauf von neuem begann. Mortimer schwitzte bereits. Wie lange noch, bevor das Zittern einsetzte? Hoffentlich wurde er gleich als Nächster aufgerufen. Eine Welle aus Adrenalin schoss durch seine Adern.

Die Tür zum Gerichtssaal öffnete sich, und der Gerichtsdiener erschien. Mortimer sprang erwartungsvoll auf. Er grub die Fingernägel in die Handflächen, fest entschlossen, seiner Pflicht nachzukommen.

»Reginald Taylor!«, rief der Gerichtsdiener und ignorierte den großen, hageren Mann, der aufgesprungen war.

Der Barkeeper des Dunlop Arms folgte dem Gerichtsdiener in den Saal. Noch ein Mann, mit dem Mortimer in den letzten sechs Monaten nicht gesprochen hatte.

»Überlass ihn mir«, hatte Spencer gesagt, der sich schon damals in Cambridge all der kleinen Probleme von Mortimer angenommen hatte.

Mortimer sank wieder auf die Bank und packte die Lehne mit festem Griff, als er spürte, wie das Zittern kam. Er war nicht sicher, wie lange er es noch aushalten würde – die Angst vor Spencer Craig wurde rasch von dem Bedürfnis verdrängt, die Sucht zu befriedigen. Als der Barkeeper wieder aus dem Gerichtssaal trat, waren Mortimers Hemd, Hose und Socken schweißgetränkt, obwohl es ein kalter Märzmorgen war. Reiß dich zusammen, hörte er Spencer sagen, auch wenn der eine Meile weit weg in seiner Kanzlei saß und wahrscheinlich gerade mit Lawrence darüber sprach, wie gut bislang alles gelaufen war. Sie würden dort auf ihn warten. Er war das letzte Teil im Puzzle.