Das Lied der Sonnenfänger - Julie Peters - E-Book

Das Lied der Sonnenfänger E-Book

Julie Peters

4,5
9,99 €

Beschreibung

Man schreibt das Jahr 1894:
Massenhaft wandern Familien aus dem von Hunger und Not geplagten Irland in die Fremde aus. Auch die O’Briens wollen sich in Neuseeland eine neue Existenz als Schafzüchter aufbauen.
Doch das ferne Land hat seine eigenen Gesetze, die alles außer Kraft setzen, was die Auswanderer aus der Heimat kennen. Besonders die Frauen bekommen das zu spüren: Emily O’Brien, die Tochter der Familie, die eigentlich viel zu klug ist, um nur Hausfrau und Mutter zu sein. Aus Verzweiflung lässt sie sich auf eine Ehe ein, die sie ins Unglück stürzt.
Siobhan, ihre zarte und empfindliche Schwägerin. Sie leidet ebenfalls in einer unglücklichen Ehe und gibt dem Werben eines «Wilden», eines Maori, nach. Doch Liebe kann auch zerstören ...
Über allem steht der Überlebenskampf in der Fremde, die Gründung einer Existenz. Missernten, Unwetter und dann auch noch der Erste Weltkrieg erschüttern die drei Generationen der O’Briens.
Es ist der Kraft der Frauen zu verdanken, dass die Familie nicht zerstört wird. Und schließlich bricht eine neue Zeit an in der Wildnis Neuseelands – eine Zeit der Frauen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 604




Julie Peters

Das Lied der Sonnenfänger

Ein Neuseeland-Roman

Für Gordon

TEIL 1

1.Kapitel

QUEENSTOWN, NEUSEELAND OKTOBER 1894

Das Auge des Vogels blinkte träge.

Emily blinzelte zurück.

Er machte einen Satz auf sie zu, legte den Kopf schief und hämmerte dann mit seinem gebogenen Schnabel auf den Deckel ihrer Trinkflasche ein, die sie vor ihren Füßen auf dem Boden abgestellt hatte. Emily brach ein Stück von ihrem Brot ab und warf es ihm zu. Er nahm den Brocken auf und schlang ihn herunter, hüpfte zur Seite und beäugte sie aus sicherer Entfernung misstrauisch.

«Kea.» Rawiri hockte sich neben sie auf den Boden und nickte zu dem Vogel hinüber. «Kea», wiederholte er.

«Heißt der Vogel so? Ein Kea?»

Rawiri nickte begeistert. «Nicht füttern. Lässt nicht in Ruhe e hine.»

«Ein Bergpapagei. Lästige Viecher, wenn Sie mich fragen, Miss.» Dean Gregory, ein Engländer, der ihre Familie nach Queenstown führte, trat zu ihnen. Als sein Schatten auf Rawiri fiel, duckte sich der Junge und sprang auf. Genau wie der Kea hüpfte er seitwärts und verschwand zwischen den Rücken der beladenen Maulesel, die dichtgedrängt am Flussufer standen und ihren Durst stillten.

Emily beschattete ihre Augen mit der Hand und blickte zu Mr.Gregory auf. «Er macht aber einen ganz zahmen Eindruck.»

Er schob sich den Schlapphut in den Nacken. «Tja, das ist das Problem mit den Biestern. Sie sind einfach zu niedlich. Gibt manche Dame, die schon darauf reingefallen ist. Lassen Sie sich von dem da bloß nicht so weit einwickeln, dass Sie ihm Brot oder Nüsse geben. Ruckzuck hat er Ihnen den Hut vom Kopf gerissen und zerfetzt die Lederschnur. Oder Schlimmeres. Hab schon von Leuten hier oben gehört, die ihre Schuhe abends vor die Tür stellten und am nächsten Morgen zerfetzte Lederlappen vorfanden, die sie nur noch wegwerfen konnten.»

«Danke für die Warnung.»

«Nichts für ungut, Miss. Will ja nur, dass es Ihnen gutgeht. Is’ ja mein Job, dass Sie sicher in Glenorchy ankommen.»

Er tippte an seinen Hut und ging.

Emily seufzte. Sie beobachtete den Kea, der vor ihr hin und her sprang, als wollte er sie zum Tanz auffordern. Schnell blickte sie sich um, ob auch niemand in ihre Richtung schaute. Wenn Siobhan oder ihre Mutter sie dabei ertappten, wie sie sich mit einem Bergpapagei anfreundete, würden die beiden vermutlich nicht schimpfen. Aber sie würden missbilligend schauen, so wie immer, wenn Emily etwas tat, das so gar nicht damenhaft war, und das reichte aus, dass sie sich unwohl fühlte. Mutter bekam dann immer eine steile Falte zwischen den dunklen Augenbrauen. Und Siobhans Miene wurde ganz ausdruckslos, so als könne sie einfach nicht glauben, was ihre Schwägerin da gerade anstellte.

«Komm! Komm, Kea, komm!», lockte Emily den Bergpapagei.

Das ließ sich dieser nicht zweimal sagen. Er legte den Kopf schief, hüpfte seitwärts auf sie zu und flatterte dann plötzlich auf. Emily hatte gerade noch Gelegenheit, die orangefarbenen Federn an seiner Flügelunterseite zu bewundern, die einen interessanten Kontrast zu seinem olivgrünen Federkleid boten. Aber im nächsten Moment hatte der Kea auch schon ihr Stück Brot gepackt und es ihr aus der Hand gezerrt. Verblüfft starrte sie dem frechen Papagei nach, der ein paar Meter weiter flog, ehe er wieder landete und begann, genüsslich seine Beute zu verspeisen.

«Schließt du gerade Freundschaft mit der heimischen Tierwelt?»

Finn hockte sich neben sie auf den Baumstamm und reichte ihr die Hälfte seines Brotes. Emily nahm den Kanten und biss hungrig hinein. Zum Glück hatte nur ihr Bruder ihre Schmach beobachtet und nicht Mam. Vorsichtshalber schaute sie sich nach allen Seiten um. Mam hatte sich von Mr.Gregory einen Klappstuhl aufstellen lassen, den sie bei Rast stets für sich beanspruchte. Völlig überflüssig, fand Emily. In den kurzen Mittagspausen konnte man doch viel besser auf einem Baumstamm sitzen, oder man lief auf und ab, um die vom Reiten verkrampften Muskeln zu lockern.

Sie legte den Kopf in den Nacken und ließ ihren Blick schweifen. Seit sie von Dunedin aufgebrochen waren, überwältigte sie der Anblick der gewaltigen, schroffen Berge immer wieder. Es war hier so ganz anders als in ihrer irischen Heimat, wo weiche Hügel in tausend satten Grüntönen die Landschaft prägten. Hier wirkte alles so karg, die Berge ragten in den Himmel, und manches Mal, wenn die Luft besonders klar war, konnte sie die schneebedeckten Gipfel der neuseeländischen Alpen im Westen ausmachen.

«Aber klug ist er, das musst du zugeben.»

«Na ja, nur weil er dich ausgetrickst hat? Das ist doch keine Kunst», neckte Finn sie.

Emily boxte ihm die Linke in die Seite. Er griff sich theatralisch an den Bauch, stöhnte und kippte hintenüber vom Baumstamm. Sie lachte, lachte laut und herzhaft, bis sie den Blick ihrer Mutter spürte, die zu ihnen herüberschaute. Tadelnd, wie meist.

Der Tadel galt nur ihr, nicht ihrem Bruder. Weil sie eine Frau war. Auch wenn sie sich mit ihren 17Jahren noch nicht erwachsen fühlte, sondern oft die ganz und gar unfrauliche Lust verspürte, in wilder Jagd über eine Wiese zu rennen, erwartete ihre Mutter von Emily ein tadelloses Verhalten. Ein Anspruch, dem sie so gern gerecht geworden wäre. Aber es gab so vieles, das in ihrem Kopf herumwirbelte, Gedanken und Ideen, die sie immer wieder vergessen ließen, dass sie eine junge Dame war und sich auch so zu verhalten hatte.

«Schwesterchen, du wirst langsam zu stark für mich.» Finn kämpfte sich wieder hoch und klaubte sein Brot aus dem Dreck. Jetzt tat es ihr schon wieder leid, dass sie ihn geschubst hatte. Immerhin hatte er sein Brot mit ihr geteilt. Sie hielt ihm ihren Kanten hin, aber Finn grinste nur, zupfte ein paar Blätter und Dreck von seinem Stück und biss herzhaft hinein. «Sand scheuert den Magen», bemerkte er mit vollem Mund. «Kannst mir ja dein Stück Braten abgeben heute Abend.»

«Du bist unmöglich.»

«Das macht die frische Bergluft. Deine Wangen sind auch schon ganz rosig. Als hättest du…» Er sprach nicht weiter. Siobhan kam in ihre Richtung geschlendert, einen Becher mit Wasser in der Hand.

«Mr.Gregory sagt, wir erreichen heute Abend Queenstown. Morgen können wir mit dem Schiff nach Glenorchy fahren», sagte sie. Ihr Haar, das die zarte Farbe von Honig hatte, war fein, aber jede einzelne Strähne saß an ihrem Platz, und nicht mal der Wind, der hier oben in den Bergen wehte, wagte es, ein Härchen aus ihrer Frisur zu zupfen. Immer wenn die Sonne tanzend hinter den dahinrasenden Wolken hervorkam, brachte sie Siobhans Haar zum Leuchten. So strahlend war die Schwägerin auch nach Monaten auf Reisen, dass Emily sich in ihrem dunklen Rock, auf dem stets ein Grauschleier aus Staub zu liegen schien, schäbig vorkam. Zudem trug sie heute das Korsett lockerer, weil es eng geschnürt einfach zu unbequem war, wenn man den ganzen Tag im Damensattel saß. Hoffentlich ertappte Mam sie nicht dabei. Dann setzte es bestimmt wieder einen dieser Blicke, die schlimmer waren als jede laut ausgesprochene Rüge.

Ganz anders Siobhan. Die Frau ihres ältesten Bruders Walter war in allem ein Vorbild. Sie schwatzte nicht, sie lachte nicht, sie ergriff nur selten das Wort. Ihre Haut war auch nach zwei Wochen, in denen sie Wind, Wetter und vor allem der Frühlingssonne ausgesetzt war, zart und hell, weil sie ununterbrochen ihren Hut trug und ihn sich nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit vom Kopf riss. Bestimmt hatte sie noch nie auch nur eine Sommersprosse auf der Nase gehabt – ganz im Gegensatz zu Emily.

Sie zog die gesprenkelte Nase kraus. «Dann kommen wir morgen Abend an?»

«Wenn wir uns beeilen, sei das gut möglich, sagte er. Er möchte die Pause verkürzen und bald weiterreiten.»

«Von mir aus jederzeit», bemerkte Finn. Er spülte den letzten Bissen mit dem Wasser herunter und blinzelte in die Sonne. «Es ist so ein herrliches Wetter, um über Land zu reiten, findet ihr nicht?»

Siobhan lächelte nur sanft. Dann nickte sie und wandte sich ab.

«Habe ich was Falsches gesagt?», fragte Finn.

Emily seufzte. Wie sollte sie ihm das erklären? «Nein, bestimmt nicht.» Aber ein mehrwöchiger Ritt über steile, schmale Bergpfade war nun mal nicht jedermanns Sache. Sie hatten kleine Bäche überquert, die vom Schmelzwasser zu reißenden Flüssen angeschwollen waren, und mehr als ein Mal hatten Mr.Gregory und seine Männer die Frauen hinübertragen müssen, weil die Maultiere schon ohne ihre Last schwer zu kämpfen hatten, um sicher das andere Ufer zu erreichen. Sie waren bei Regen geritten und einmal sogar in einen Schneesturm geraten, der spät im Jahr in die steilen Täler gefahren und so dicht war, dass man kaum das Hinterteil des vorangehenden Maultiers ausmachen konnte. Nein, das hier war nicht die Form des Reisens, die Siobhan oder ihrer Mutter behagte.

Emily aber fand Gefallen daran. Sie genoss es, ihr Gesicht in die warme Frühjahrssonne zu halten, wenn sie den Kopf in den Nacken legte, um den Maorifalken nachzublicken, die hoch über ihren Köpfen dahinschossen.

Manches Mal beneidete Emily ihre Schwägerin, weil sie so ganz in ihrer Aufgabe aufging. Weil sie so ganz Ehefrau war und dabei zufrieden wirkte. Gerade ging sie zu Walter hinüber, der den Sattelgurt seines Ponys nachzog und den Sitz der Satteltaschen kontrollierte. Sie legte die Hand auf seinen Arm und sprach leise mit ihm.

So glücklich zu sein mit dem Mann, dem sie angetraut war… beneidenswert.

Finns Blick war ihrem gefolgt. «Sie ist wirklich kaum zu ertragen», bemerkte er.

«Ach», machte Emily nur.

Manchmal sagte Finn Dinge, die so ganz ihren eigenen Gedanken glichen, die auszusprechen sie aber nie gewagt hätte. Sie wollte Siobhan bewundern, weil sie ein so perfektes Bild abgab. Und er zerriss dieses Bild einfach.

«Und jetzt? Nimmst du ihn mit?» Finn stand auf, streckte seine langen Glieder und zeigte auf den Kea, der noch immer auf dem Boden seine Seitwärtssprünge vollführte, den Kopf schief legte und leise gurrte, fast als wollte er Emily zum Tanz auffordern.

«Mam wird begeistert sein, wenn ich so ein Biest anschleppe.»

«Wie ich dich kenne, wirst du aus genau diesem Grund das Biest mitnehmen.» Sein freches Schuljungengrinsen nahm den Worten die Schärfe.

«Da könntest du recht haben.» Sie lachte. «Nur: Wie nehme ich ihn mit?»

«In Ermangelung eines Vogelbauers schlage ich vor, du nimmst ihn auf die Hand, wie ein Falkner seinen Vogel. Und gib ihm nur rasch einen Namen, damit du ihn immer zu dir rufen kannst.»

Finn feixte; er glaubte wohl nicht, dass es ihr gelingen könnte, den Bergpapagei so schnell zu zähmen. Das stachelte ihren Ehrgeiz erst recht an, und sie hielt dem Tier ihre Hand hin.

Doch der Kea legte den Kopf schief, hüpfte näher und sprang dann mit zwei Flügelschlägen auf ihre Hand. Sie erschrak. Damit hatte sie nicht gerechnet, und seine Krallen gruben sich schmerzhaft in ihre Haut.

«Ich glaube, den wirst du brauchen.» Finn lachte jetzt nicht mehr und half ihr, seinen Lederhandschuh über die freie Hand zu streifen. Emily schob den Vogel darauf. Perfekt! Das Auge des Keas blinkte, der Kopf drehte sich in alle Richtungen. Ihm schien zu gefallen, was er sah.

«Wenn das mal gutgeht. Ich wette, der entwischt dir bei der nächsten Gelegenheit.»

Und wenn schon. Ihr gefiel, wie er sie anblinzelte und wild auf und ab wippte. Vorsichtig, damit er sich nicht erschreckte, ging sie zu den Maultieren hinüber. Siobhan und ihre Mutter saßen bereits wieder in den Damensätteln und ordneten ihre Röcke. Als Walter sie kommen sah, lachte er.

«Wen bringst du denn da mit?», fragte er.

«Emily, das ist nicht dein Ernst! Du kannst doch unmöglich dieses Biest mitnehmen!» Auf Mams Stirn erschien wieder diese steile Falte, an der sich ihr Unmut so vortrefflich ablesen ließ. Und auch Siobhan runzelte die Stirn, schwieg aber.

«Das ist Aeneas», verkündete Emily, einer spontanen Eingebung folgend. Auf dem Weg von Dunedin hierher hatte sie Abend für Abend Vergil gelesen, und es war der erste Name, der ihr einfiel. Aeneas klang edel. Es passte gut zur stolzen Haltung des Kea.

«Na, dann hinauf mit euch beiden.» Walter half ihr in den Damensattel. Mit der freien Hand ordnete Emily ihr Kleid, dann griff sie die Zügel und lenkte ihr Maultier neben Siobhans.

Die Augen ihrer Schwägerin weiteten sich. «Bleib mir bloß vom Leib mit diesem Vieh!» Sie wedelte mit der Hand, als wollte sie den Kea verscheuchen. Der plusterte sich auf, ehe er seine Schwingen ausbreitete und einen markerschütternd lauten Schrei ausstieß.

Siobhan duckte sich, als fürchtete sie, der Vogel könne im nächsten Augenblick auf sie losgehen.

«Er tut dir nichts», versicherte Emily. «Nicht wahr, Aeneas? Du bist brav.» Sie streichelte sein olivbraunes Gefieder. Der Kea senkte seinen Kopf und knabberte zärtlich an ihrem Finger.

Emily lächelte. Sie hatte ihren ersten Freund in der Fremde gewonnen.

Hoffentlich würde er nicht der letzte bleiben.

Die kühle Abendluft strich sanft über Siobhans Gesicht. Fröstelnd zog sie das Tuch enger um ihre Schultern und bahnte sich einen Weg durch die Reihen der Maulesel, die geduldig warteten, dass man ihnen die Kisten und Pakete vom Rücken schnallte. Tag um Tag trotteten sie gehorsam über die engen Bergpfade und trugen ihre Lasten zum nächsten Gasthof. Heute Abend hatten sie endlich Queenstown erreicht, kaum mehr als eine Ansammlung von Baracken und geduckten Häusern, die sich zwischen die steil aufragenden Berge und den Wakatipusee schmiegten. Von hier aus würden sie morgen Früh mit dem Schiff weiterreisen, denn nach Glenorchy führte keine Straße.

Der Gasthof wirkte von außen kaum größer als die anderen Häuser in diesem Ort. Der Innenhof war eng, und die Gebäude warfen lange Schatten. Die Arbeiter luden schweigend die Kisten ab und führten die Maulesel auf eine Weide hinter dem Haus. Siobhan hoffte, dass die Menschen besser untergebracht wurden als die Tiere, denn auf der Weide war der Boden schwer von den langanhaltenden Regenfällen, und die Hufe der Lasttiere versanken im Schlamm.

Sie beschloss, nach Walter zu suchen, der ihr versprochen hatte, sich um die Zimmer zu kümmern. Die anderen hatten sich bereits in den Gastraum begeben, eine stinkende, verrauchte Höhle mit niedriger Decke, in die Siobhan nicht hatte eintreten wollen, weil sie das Gefühl hatte, darin Beklemmungen zu bekommen. Sie wartete lieber draußen, auch wenn das bedeutete, dass sie die Gesellschaft der Maulesel noch ein wenig länger ertragen musste.

Einer der Maulesel trat zurück. Siobhan versuchte, dem Tier auszuweichen, denn sie hatte schreckliche Angst vor den Biestern, fast so sehr wie vor diesem Bergpapagei mit dem scharfen Schnabel, den Emily heute bei der Rast aufgegriffen hatte.

Im Zurückweichen stieß sie an einen zweiten Maulesel, der verschreckt den Kopf warf und damit einem Maorijungen unters Kinn schlug, der gerade eine Kiste ablud. Vor Schreck ließ der Junge die Kiste fallen. Es schepperte ohrenbetäubend.

«Aroha mai! Aroha mai!», rief der Junge sofort und hielt sich ängstlich die Ohren zu. Das helle Klirren ließ Siobhan das Blut in den Adern gefrieren. Ihre Hand krampfte sich vor ihrer Brust um das Schultertuch. Dann schrie der Maulesel und versuchte verschreckt das Weite zu suchen. Mit rollenden Augen zerrte er am Halfter.

Sie zog den Kopf zwischen die Schultern, als könne sie so dem Lärm entgehen. Sie war schon immer sehr schreckhaft gewesen, und die neue Umgebung, die mit jedem neuen Tag so viele Sinneseindrücke brachte, schärfte ihre Sinne nur noch mehr.

Ihr Herz raste. In der Kiste waren wahrscheinlich ihre wertvollen Kristallgläser, Teil ihrer Aussteuer. Sie hatte darauf bestanden, sie auf die Reise in ihre neue Heimat mitzunehmen. Alle Beteuerungen Walters, man könne das Kristall und das Porzellan doch genauso gut auch später nachholen, hatte sie nicht hören wollen: Ihre Sachen mussten mit. Das feine Leinen, das Porzellan, die Gläser, auch einen Teil ihrer Möbel hatte sie auf die Wagen verladen lassen, sodass man zusätzliche Maulesel anmieten musste, um all ihre Besitztümer ins Landesinnere zu schaffen.

Sie stand da wie erstarrt. Nein, das durfte nicht sein. Bestimmt hatte die Holzwolle das Schlimmste verhindert.

Walter drängte sich an ihr vorbei und strich ihr sanft über den Arm. «Lass mich das machen», murmelte er.

Der Maorijunge hatte die Kiste außer Reichweite des tänzelnden Maulesels gezogen, der sich gegen den Strick wehrte, mit dem sein Halfter am Gatter festgebunden war.

Walter trat zu dem Jungen und redete kurz mit ihm. Dieser nickte, packte den Strick des Maulesels und führte ihn zu der Koppel, auf der die Tiere über Nacht blieben. Walter beugte sich inzwischen über die Kiste und versuchte, sie zu öffnen. Da sie fest zugenagelt war, schien das gar nicht so leicht zu sein. Er hob den Kopf und blickte sich suchend um. Außer Siobhan und dem Maorijungen stand niemand mehr im Innenhof des Gasthauses. Die anderen Familienmitglieder und die Männer, die ihre Reisegruppe unter der Leitung von Mr.Gregory hierherbegleitet hatten, waren im Gastraum verschwunden, um sich aufzuwärmen. Bald würde es Abendessen geben; es wurde langsam dunkel.

«Ich brauche eine Zange.»

Siobhan nickte nur und blickte Walter nach, der zum Haupthaus eilte. Er war so ein stattlicher Mann, und er wusste immer, was zu tun war! Aber nicht nur deshalb hatte sie sich in Walter O’Brien verliebt. Nein, es war sein sandfarbenes Haar, in dem ihre Hand so gern wühlen würde – besonders jetzt, da es seit einigen Wochen nicht geschnitten worden war. Sie liebte seine hellen, blaugrauen Augen, aber vor allem gefielen ihr seine Hände. Die zarten, hellen Haare auf dem Handrücken, die gebräunte Haut, die Adern, die sich darunter deutlich abzeichneten.

Morgen würden sie endlich Glenorchy erreichen. Keine steilen Pfade mehr, keine reißenden Bergbäche, nur noch eine Überfahrt mit dem Schiff.

In Glenorchy wartete Walters Vater Edward auf sie. Er war bereits vor knapp einem Jahr hergekommen, um für die Ankunft der Familie alles vorzubereiten. Er hatte Siobhan beim Abschied versprochen, ihr ein Haus zu bauen, das ähnlich groß und schön sein würde wie das Haus ihrer Eltern daheim in Irland.

Und sie freute sich darauf, in wenigen Tagen ein großes, herrschaftliches Haus zu beziehen.

Sie raffte das Schultertuch enger und beugte sich zur Kiste hinab, die aus groben Brettern gezimmert war. Siobhan traute sich nicht, sie zu berühren, um sich keinen Splitter in den Finger zu ziehen. Mit dem Zeigefinger ihrer freien Hand tippte sie auf einen blanken Nagelkopf. Ihr war kalt.

Inzwischen war es im Innenhof dämmrig, und schon bald würde die nächtliche Dunkelheit die Gebäude verschlingen. Hoffentlich kam Walter bald.

«Kann ich Ihnen helfen?»

Sie fuhr herum und hätte beinahe vor Schreck geschrien.

Eine große Gestalt ragte vor ihr auf.

Die Person machte zwei Schritte auf sie zu und hob eine Laterne. Die Flamme tanzte und beleuchtete das dunkle Gesicht eines Maori. Die typischen Tätowierungen zogen sich über seine linke Gesichtshälfte. Doch er trug europäische Kleidung, und als sie zu ihm aufblickte, lüpfte er seinen Schlapphut und nickte. «Guten Abend, Ma’am», sagte er freundlich. Seine Stimme war tief, der Akzent kaum herauszuhören.

«Guten Abend.» Sie blickte sich suchend um. Ach, wäre sie doch vorhin nur schon mit ihrer Schwägerin und ihrer Schwiegermutter ins Haus gegangen! Jetzt stand sie hier im Dunkeln in einer überaus kompromittierenden Situation mit einem Fremden beisammen.

«Kann ich helfen?», wiederholte er seine Frage.

Sie spürte, wie sie rot wurde. «Ich… mein Mann holt gerade eine Zange. Die Kiste ist heruntergefallen, und ich fürchte, mein Kristall…»

«Ah, das haben wir gleich.» Er stellte die Lampe neben der Kiste auf den Boden und zückte ein Klappmesser. Geschickt schob er die Klinge unter den Deckel und hebelte ihn auf. Nach wenigen Sekunden stand die Kiste offen vor Siobhan.

Sie beugte sich vorsichtig vor und versuchte, in die Kiste zu spähen. Der Maori spürte wohl ihre Unsicherheit, denn er klappte das Messer wieder zu und erhob sich. Aber erst nachdem er etwas zurückgetreten und mit der Dunkelheit verschmolzen war, wagte es Siobhan, sich vor die Kiste zu knien.

Vorsichtig teilten ihre Finger die leise raschelnde Holzwolle.

«Nehmen Sie ruhig meine Laterne, wenn Sie damit besser sehen können», sagte seine Stimme aus der Dunkelheit. Siobhan antwortete nicht. Ihre Hände wühlten in der Holzwolle, und sie versuchte zu ertasten, was sich in der Kiste befand. Ihre linke Hand stieß auf den Griff einer großen Schüssel – die Bowlenschale! Vorsichtig versuchte sie, die Schale herauszuheben. Ein leises Knacken, dann hielt sie nur noch den Griff in der Hand.

«Verdammt», fluchte sie und biss sich sogleich auf die Unterlippe. Es gehörte sich nicht zu fluchen. Es gehörte sich ja auch nicht, in der Dunkelheit im Dreck zu hocken und von einem Maori beobachtet in einer Kiste zu wühlen. Sie spürte, wie etwas an ihrer Handfläche entlangschrappte. Ein überraschter Schmerzenslaut entfuhr ihr, und sie riss die Hand abrupt zurück.

«Vorsicht.» Er hockte sich ihr gegenüber vor die Kiste und nahm ihre Hand in seine. Einen Moment lang staunte sie, wie hell ihre Haut gegen seine wirkte, dann überwältigte sie der Schmerz, und sie schnappte nach Luft. Aber ihr Korsett war so eng geschnürt, dass Sterne vor ihren Augen tanzten und sie kurz die Augen schloss, bis das Schwindelgefühl verflog.

Sein Daumen strich über ihre Handfläche, und er ließ sie nicht aus den Augen. «Sie brauchen einen Arzt.»

Siobhan kam wieder zu sich. Unwillig entzog sie ihm ihre Hand. «Das weiß ich.» Abrupt stand sie auf. Schade um die zerstörte Bowlenschale. Siobhan konnte Walters Standpauke schon hören: Alles, weil sie an diesem Plunder, wie er es nannte, unbedingt hatte festhalten müssen.

Aber jetzt musste sie sich erst einmal um ihre Hand kümmern. Und sie musste von diesem schrecklichen, dunklen Mann fort, der nach der Laterne griff und sich jetzt ebenfalls erhob. Als er versuchte, seine freie Hand unter ihren Ellenbogen zu legen, machte sie sich mit einer heftigen Bewegung von ihm los.

«Lassen Sie das. Bitte», fügte sie hinzu, denn sie hörte selbst, wie ruppig ihre Worte klangen. Himmel, wenn das so weiterging, würde dieses Land sie innerhalb kürzester Zeit zu einer ebenso Wilden machen wie den Mann, der vor ihr stand. Dabei sah er gar nicht so aus, wie sie sich die Wilden bisher immer vorgestellt hatte. Auf der Südinsel Neuseelands, das hatte Walter ihr versichert, gab es auch gar nicht so viele Wilde wie im Norden. Er hatte damit ihre Sorge zu zerstreuen versucht. Außer diesem Mann gab es noch einen Jungen in ihrer Reisegruppe, der zu Mr.Gregory gehörte und sich auf jede nur erdenkliche Weise nützlich machte. Seine Haut war fast schwarz, und sie schien in der Sonne sogar schwärzer zu werden. Er stellte sich ganz anständig an, nur wenn er aufgeregt war, plapperte er in seiner Muttersprache los, und dann war er Siobhan noch fremder als die wenigen Maori, denen sie auf der Reise begegnete.

Hoffentlich hatte sie diesen Mann nicht verärgert. Wer wusste schon, was diese Wilden als Beleidigung empfanden und wie sie reagierten, wenn man sie zurechtwies.

«Sie sind sehr stolz.» Aber er ließ sie los und ging in angemessenem Abstand mit ihr zum Gasthof. Er leuchtete ihr den Weg. Siobhan presste ihre Hand in das Schultertuch und versuchte, den pochenden Schmerz zu ignorieren, der sich von ihrer Handfläche bis hoch in den Unterarm ausbreitete. Oh Gott, hoffentlich gab es hier wenigstens ein Mindestmaß an medizinischer Versorgung! Wenn sich die Wunde entzündete, dann würde sie sterben, bevor sie ihr neues Zuhause erreichte…

«Siobhan?» Walter trat aus dem Haus. Er eilte ihr entgegen, und sie schluchzte auf, als sich seine Arme um ihren schmalen Körper legten. Sie war so erleichtert, ihn zu sehen! Die wenigen Minuten allein in der Kälte hatten sie schmerzlich daran erinnert, wie einsam sie sich in diesem fremden Land fühlte. Walter war ihr einziger Schutz, ihr einziger Trost.

Ihr geliebter Ehemann.

«Ihre Dame hat sich am Glas geschnitten.» Der Maori hob die Laterne, sodass Walter ihm ins Gesicht sehen konnte. Es wirkte wie eine geschnitzte Maske. Sie schmiegte ihren Kopf an Walters breite Brust.

«Bitte, ich brauche einen Arzt», flüsterte sie.

«Lass mal sehen.» Walter schob sie sanft von sich und nahm ihre Hand, wie schon zuvor der Fremde. Er hatte sie berührt! Beim Gedanken daran wurde ihr ganz schwindelig, und sie wimmerte leise, als Walter die Wunde untersuchte. Der Maori stand neben ihm und hielt die Lampe hoch. Der Lichtschein flackerte gespenstisch, und kurz glaubte Siobhan, sie müsste das Bewusstsein verlieren.

«Das haben wir bald. Komm, die Wunde muss nur gereinigt und verbunden werden.»

Walter führte sie ins Haus. Der Fremde blieb draußen zurück.

«Ich bin so froh, dass du da bist», flüsterte Siobhan mit erstickter Stimme. «Es war so unheimlich. Er hat mich so merkwürdig angeschaut…»

«Der Maori? Ich kenne ihn nicht, aber auf mich macht er einen recht zivilisierten Eindruck. Komm, Liebste. Ich bin sicher, nach einem heißen Bad und dem Abendessen geht es dir schon viel besser.»

«Wir können hier baden?» War das die Überraschung, von der Walter gesprochen hatte?

«Du kannst im Badewasser liegen, bis deine Haut ganz schrumpelig wird.» Er küsste sie sanft auf den Scheitel, ehe er sie in den Vorraum schob. Aus dem Gastraum klang Gelächter zu ihnen herüber. «Wir haben auch ein privates Speisezimmer. Ich habe für alles gesorgt.»

«Wie hast du das nur geschafft?», murmelte Siobhan und lächelte erschöpft.

Er lachte. «Ich habe telegrafiert.»

Seine Fürsorge tat ihr gut. Sie ließ sich die schmale Treppe hinaufgeleiten und folgte ihm in das Zimmer, das sie für diese letzte Nacht vor ihrer Ankunft in Glenorchy bezogen. Walter schob sie auf einen Stuhl und verschwand im angrenzenden Salon, wo er sein Gepäck abgestellt hatte. «Ich fürchte aber, das Bad wird bis nach dem Essen warten müssen», rief er zu ihr herüber, «Mutter und Emily warten bereits ungeduldig auf uns.»

Siobhan seufzte leise. Sie erinnerte sich wieder an die Episode am Nachmittag, als Emily den Bergpapagei gefunden und angefüttert hatte. «Ist dieses Vieh eigentlich noch bei Emily?», fragte sie und warf verstohlen einen Blick zur Tür, als fürchtete sie, Emily könne jeden Augenblick mit dem Kea auf der Hand hereingestürzt kommen.

Walter kam mit der Blechschachtel zurück, in der er eine kleine Notfallapotheke für die strapaziöse Reise verwahrte.

«Ich vermute, sie wird ihn in ihrem Zimmer lassen. Aber Rawiri hat sich auch sehr für den Kea interessiert. Vielleicht passt er auf den Vogel auf, während Emily mit uns isst.»

Rawiri, genau. So hieß der Maorijunge, der sich ihnen in Dunedin angeschlossen hatte. Der Name war Siobhan entfallen.

Walter öffnete den Kasten und breitete neben sich auf dem Tisch das Verbandszeug aus. «Gib mal her.»

Seine Hand konnte fest zupacken, doch bei ihr war er immer ganz sanft und zärtlich. Gehorsam öffnete sie die Hand und nahm den blutdurchtränkten Zipfel ihres Tuchs hoch, um ihm die Wunde zu zeigen. Walter schüttelte den Kopf. «Du hättest es besser mir überlassen, die Kiste zu untersuchen.»

Sie senkte den Kopf. «Ich weiß», flüsterte sie. «Aber der Mann, er hat mir geholfen, und…»

«Hattest du denn gar keine Angst vor ihm?», neckte Walter sie. Ihre Angst vor allem Fremden kannte er ja. Vorsichtig begann er, mit der Pinzette winzige Glassplitter aus der Wunde zu entfernen. Siobhan jammerte leise und versuchte, ihm ihre Hand zu entziehen, doch Walter hielt sie unerbittlich fest. Der Stuhl knarrte leise, als sie sich schließlich zurücklehnte und erschöpft die Augen schloss.

Walter arbeitete schnell und geschickt, und das Puckern in ihrer Hand wurde leiser. Dafür liebte sie ihn – er wusste immer, was zu tun war. Sie hätte sich keinen besseren Ehemann wünschen können.

«Das wird jetzt ein bisschen wehtun», murmelte er, und im nächsten Moment drückte er ein mit Jodtinktur getränktes Stück Watte auf die Wunde. Siobhan keuchte überrascht auf.

«Es tut mir leid. Hoffentlich ist es nicht zu schlimm.» Er wandte den Kopf und kramte in der Blechkiste. Siobhan ließ ihre offene Hand auf dem Schoß ruhen. Es rührte sie zu sehen, wie sehr es ihn schmerzte, ihr wehtun zu müssen.

Ungeschickt hob sie ihre Linke und strich über sein sandblondes Haar. Er verharrte einen Moment lang mitten in der Bewegung und schien diese Liebkosung zu genießen. Viel zu selten hatten sie in den letzten Wochen Zeit gefunden, ganz für sich allein zu sein. Wenn sie abends in ihr Gastzimmer gingen, waren sie zu müde, um noch miteinander zu reden. Meist war Siobhan schon eingeschlafen, sobald ihr Kopf das Kissen berührte, und wenn sie morgens aufwachte, war Walter schon aufgestanden und kümmerte sich um die Lasttiere, die Wagen und all die anderen Aufgaben, die ihr großer Tross nun mal mit sich brachte. Er war ein vorbildlicher Ehemann, der sie auf der Reise nicht bedrängte, ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen. Seit der Hochzeitsnacht kurz vor ihrer Abreise nach Neuseeland war es nicht mehr zu dieser unaussprechlichen Sache gekommen, die von ihr selbstverständlich erwartet wurde und die zu erfüllen sie gerne bereit gewesen wäre – wenn es nur nicht so wehtun würde!

«Lass das.» Er schüttelte ihre Hand ab, und seine Stimme klang plötzlich rau. Er wickelte den Verband fest um ihre Hand. Zu fest, aber sie sagte nichts dazu.

«Wir haben lange nicht mehr…» Sie biss sich auf die Unterlippe. Nein, das durfte sie nicht aussprechen.

«Was?» Seine hellen Augen musterten sie prüfend. «Was haben wir lange nicht mehr gemacht?»

Sie errötete. «Das… also…» Sie räusperte sich. «Das Bett geteilt.»

Walter lächelte. «Aber wir teilen doch jede Nacht das Bett, Liebste.» Er verschloss den Verband und räumte den Blechkasten wieder ein. «Den Verband wechseln wir am besten täglich. Morgen sind wir zum Glück mit dem Schiff unterwegs nach Glenorchy, da brauchst du keine Zügel zu halten. Bald sind wir daheim», fügte er hinzu.

«Ich meine nicht, in einem Bett zu schlafen.» Siobhan berührte Walter an der Schulter. Er wandte ihr gerade den Rücken zu. «Ich meine… wie Mann und Frau…» Ihre Stimme verlor sich in der Stille.

Sie sah, dass Walter erstarrte. Seltsam. War ihm etwa der Gedanke, mit ihr das Bett zu teilen, zuwider? Hatte er ihr deshalb seit Wochen Nacht für Nacht den Rücken zugewandt?

«Das habe ich dir doch schon erklärt, Siobhan.» Ungeduldig stopfte er Mullbinden, Pinzette und das Jodfläschchen in den Blechkasten und knallte ihn schließlich mit einem Ruck zu. Bei dem Geräusch zuckte sie zusammen. «Es wäre nicht gut gewesen, wenn du unterwegs nach Neuseeland in anderen Umständen gewesen wärst», fuhr er fort. «Schon jetzt war diese Reise eine Strapaze, die ich dir nur sehr ungern zugemutet habe.» Er stand auf und verließ das Schlafzimmer. An der Tür zum kleinen Salon drehte er sich noch einmal zu ihr um. «Du solltest dich wenigstens kurz waschen, bevor wir zum Essen gehen. Und es ist wohl besser, wenn du dich umziehst, dein Kleid ist ja voller Blut.»

«Ja, Walter», flüsterte sie und blieb regungslos auf dem Stuhl sitzen, ihre Rechte ruhte in der linken Hand. Das Puckern war einer seltsamen Hitze gewichen, und als sie ihre Finger bewegte, kehrte auch der Schmerz zurück. Doch diesen Schmerz zu spüren war allemal besser als das, was sie eben erlebt hatte. Walter hatte sie zurückgewiesen. Sie konnte nicht anders, als die Gedanken immer und immer wieder darum kreisen zu lassen.

Warum hatte er sie geheiratet, wenn er sie so verabscheute? War es ihm nur um ihr Geld gegangen? Hatte er darum um ihre Hand angehalten? Seine Familie war verarmt, sein Vater hatte nur mit knapper Not das kleine Landgut über Wasser halten können, und doch waren die O’Briens stets stolz gewesen – zu stolz, um ihr Scheitern anzuerkennen. Als Walter begann, ihr den Hof zu machen, hatte sie sich von diesem schneidigen Mann geschmeichelt gefühlt – damals, vor zwei Jahren, als sie gerade 19 geworden und von vielen Männern umschwärmt worden war. Aber sie hatte sich immer gefragt, welchem der zahllosen Verehrer es tatsächlich um sie ging und wer nur auf das Geld schaute, das sie nach dem Tod ihres Vaters geerbt hatte.

Daher hatte sie auf ihr Herz gehört. Und ihr Herz hatte seit ihrer ersten Begegnung mit Walter heftig geklopft, sobald sie nur an ihn dachte. Er war anders. Ein ernster, nachdenklicher Mann, mit dem sie sich über so vieles unterhalten konnte. Sie hatte auf ihr Herz gehört – ihr Vater hätte es nicht anders gewollt – und Walters Werben schließlich nachgegeben.

Als Walter sie fragte, ob sie mit ihm nach Neuseeland auswandern würde, hatte sie nach kurzem Zögern zugestimmt. Schon bald hatte sie ihren Entschluss bereut, als sie nämlich erfuhr, dass seine ganze Familie die lange Reise auf die andere Seite der Welt antreten würde, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Schafzucht, so hatte Walters Vater Edward O’Brien immer wieder doziert, wenn sie mit ihrer Mutter zum Abendessen ins Haus der O’Briens kam, sei das Geschäft der Zukunft, denn frieren würden die Menschen immer. Die Merinoschafe Neuseelands waren für ihre feine Wolle berühmt, die in alle Teile der Welt exportiert wurde. Nun, in fast alle, scherzte Edward O’Brien dann meist. In Afrika fror bestimmt niemand.

Dass all das – die Schafherden, das Land, das Haus, die Überfahrt – von Siobhans Erbschaft bezahlt wurde, hatte sie nur am Rande interessiert. Das Geld war ihr nicht wichtig. Es war Walters Familie, die ihr Sorgen bereitete. Wäre nicht Walter stets an ihrer Seite gewesen, hätte sie sich sehr unwohl gefühlt.

Sie hoffte, das Gefühl von Fremdheit würde abklingen, sobald sie ihr neues Zuhause erreichten. Sobald sie das Haus bezogen, das zu bauen Edward O’Brien ihr versprochen hatte.

«Bist du so weit, Liebste?» Sie schrak aus ihren Gedanken, als Walter zu ihr trat.

«Entschuldige, ich komme sofort.»

Sie stand auf und trat hinter den Paravent. Auf einem Waschtisch stand ein Krug mit kühlem Wasser und eine Waschschüssel, neben die ein guter Geist einen Waschlappen und ein Handtuch bereitgelegt hatte. Darauf lag ein Stück gräuliche, muffig riechende Seife, die Siobhan ignorierte.

Rasch wusch sie das Blut von ihrer linken Hand und inspizierte das Schultertuch. Es war ruiniert. Sie konnte es genauso gut zu Putzlappen zerschneiden, sobald sie endlich in Glenorchy ankamen. Sie legte es auf den Waschtisch und folgte Walter, der bereits ungeduldig an der Tür wartete. Es blieb keine Zeit, sich umzuziehen, und sie hoffte, dass niemand die Blutflecken bemerkte, die sich dunkel auf ihrem moosgrünen Reisekleid abzeichneten.

Sie stiegen die schmale Treppe hinunter, ließen den Gastraum links liegen und betraten durch eine Tür das Speisezimmer, das den zahlungskräftigen Gästen vorbehalten war. Hier herrschte eine saubere und gediegene Stille, nur leise hörte man das brüllende Gelächter der Arbeiter, die sich im Schankraum vergnügten.

Am festlich gedeckten Tisch saßen bereits die anderen Familienmitglieder. Die schlanke Gestalt von Walters Mutter Helen fiel Siobhan sofort ins Auge. Zwischen ihren dunklen Brauen zeichnete eine steile Falte ihre Missbilligung nach, dass Siobhan und Walter zu spät kamen. Eines der ungeschriebenen Gesetze, denen sich alle Familienmitglieder beugen mussten, war Pünktlichkeit, und zwar eine Pünktlichkeit, die sich allein nach Helen O’Briens innerer Uhr zu richten hatte.

Zappelig und kaum zu bändigen saß Emily zur Linken der Mutter, ihr Haar zum ersten Mal an diesem Tag glatt gekämmt. Schon in wenigen Minuten würde es wieder wie ein rotglühender Heiligenschein um ihr blasses Gesicht wirbeln. Finn, der sich neben sie gesetzt hatte, spielte unruhig mit dem Dessertlöffel. Ansonsten wirkte er wie unbeteiligt, sein Blick ging in die Ferne. Das dunkle Haar, das ähnlich widerspenstig war wie Emilys kastanienrote Locken, hatte er streng gescheitelt. So wirkte der Neunzehnjährige beinahe erwachsen, obwohl sein Gesicht noch kindlich rund und seine Nase winzig klein wie die eines Babys war.

«Entschuldige, Mutter.» Walter nahm Siobhans Hand, zog sie zum Tisch und rückte für sie den Stuhl zurecht, ehe er sich neben seiner Mutter niederließ. «Es gab einen kleinen Zwischenfall, bei dem Siobhan sich verletzt hat. Ich habe ihre Wunde versorgt.»

Helen O’Briens Mund war nur ein schmaler Strich, und ihr Nicken war so knapp und sparsam wie jede ihrer Handlungen. «Gut», sagte sie nur und winkte dem Mädchen, das an der Tür gewartet hatte, bis alle da waren. «Dann lasst uns jetzt essen.»

Das Mädchen trug die Suppe auf, und über der Tafel lag das Schweigen, das Siobhan Abend für Abend fürchtete. Helen war eine ruhige und besonnene Frau, die ihrem Ältesten auf dem Weg nach Neuseeland die Leitung der Reisegruppe mit aller damit verbundenen Verantwortung übertragen hatte. Doch behielt sie sich vor, Abend um Abend mit leiser Stimme nach Dingen zu fragen, die Siobhan, selbst wenn sie sich alle Mühe gab, nie aufgefallen wären. Und solange Helen nicht sprach, hatten ihre Kinder zu schweigen – obwohl sie alle schon fast erwachsen und Emily mit 17 die Jüngste der drei O’Brien-Geschwister war.

«Einer der Maulesel lahmt», sagte Helen jetzt.

«Ja, Mutter. Ich habe Mr.Gregory darauf aufmerksam gemacht. Er kümmert sich darum», antwortete Walter.

«Sieh nachher nochmal, ob er seine Aufgabe gewissenhaft erfüllt hat.»

Walter senkte den Kopf. «Natürlich, Mutter.»

Nur das Klappern der Löffel war zu hören. Siobhan hob den Kopf und warf ihrer Schwiegermutter einen flüchtigen Blick zu: Helen kniff die Lippen zusammen, als wäre schon das leise Besteckklappern auf Porzellan zu laut.

Das Mädchen trug die Teller ab und kehrte zurück, um die Terrine zu holen. In der Tür stieß es mit dem dicken Schankwirt zusammen. Es schepperte laut, und Siobhan zuckte zusammen.

«Mr.O’Brien, Sir, da is’ jemand, der Sie sprechen möchte.» Der Dicke drängelte sich an dem Küchenmädchen vorbei in den Raum. In den Händen hielt er ein schmuddeliges Geschirrtuch, an dem er sich unablässig die Hände abtrocknete.

«Hat dieser Jemand auch einen Namen?», kam Helen ihrem Sohn zuvor.

«Nein, Mrs.O’Brien, den hat er nicht gesagt. Hat mir nur gesagt, er sei auf der Suche nach Mr.Walter O’Brien.»

«Hat das nicht Zeit bis nach dem Essen?»

Es missfiel Walters Mutter sichtlich, dass sie beim Essen gestört wurden.

«Ich geh schon, Mutter. Bitte lasst euer Essen nicht kalt werden.» Walter stand hastig auf, legte seine Serviette neben das Gedeck und eilte nach draußen, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, als fürchte er, seine Mutter könnte ihm einen Nackenschlag verpassen.

Und tatsächlich rief sie ihm nach: «Ich hoffe, es ist was Dringliches!», ehe sie sich wieder den anderen am Tisch zuwandte.

Ihr Blick fiel auf Siobhan. «Hast du Schmerzen, meine Liebe?», fragte sie, und ihre Stimme klang beinahe besorgt.

Siobhan schüttelte den Kopf. Ihre Finger zupften an dem Verband. Der Schmerz war inzwischen zu einem dumpfen Pochen verklungen; Walter hatte gute Arbeit geleistet. Sie lauschte, ob er zurückkam.

«Emily, sitz still.» Helen O’Brien sprach sehr leise, dennoch hielt sich Emily sofort kerzengerade und hob den Kopf. Sie lächelte krampfhaft und legte die Hände in den Schoß, bemüht, in allem ihre Mutter nachzuahmen. Finn hingegen lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Seine Finger spielten schon wieder mit dem Dessertlöffel, der leise klirrend an sein Weinglas stieß.

«Nach dem Essen wirst du dieses unsägliche Federvieh freilassen», fuhr Helen an ihre Tochter gewandt fort. «Es kann nicht sein, dass du ein wildes Tier in deinem Schlafzimmer hältst.»

«Aber Aeneas ist handzahm», protestierte Emily.

«Handzahm oder nicht, für eine Dame schickt sich derlei nicht.»

Das war das Argument, dem Emily sich stets beugte, diese Beobachtung hatte Siobhan in den letzten Monaten immer wieder gemacht. Emily, die Wilde. Die Unbezähmbare, die dennoch jedem Wort der Mutter gehorchte, als wäre es Gesetz. Die aber immer wieder versuchte, ihre Grenzen auszutesten.

Oft hatte Helen betont, dass Emily sich ein Beispiel an Siobhan nehmen solle. Die Schwägerin sei eine tugendhafte, junge Frau, die wisse, was sich gehört.

Siobhan hatte sich darüber gefreut; zeigte es doch, dass Helen es nicht bedauerte, dass sie in die Familie getreten war. Jetzt aber schämte sie sich fast dafür. Es gehörte sich gewiss nicht, den eigenen Mann zu bedrängen. Sie senkte den Blick. Im Nachhinein und im hellen Licht des Speisezimmers betrachtet, hatte sie sich vorhin sehr ungehörig benommen. Wieso nur?

Weil sie sich nach Walter sehnte. Weil sie glaubte, es könne schön sein, ihm nahe zu sein. Vielleicht gab es ja wirklich mehr, und vielleicht war das sogar noch schöner. Außerdem hatte ihre Mutter ihr versichert, es tue nur beim ersten Mal weh.

Sie spürte, wie ihr Hitze in die Wangen stieg. Dies hier war kaum der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken. Ob es überhaupt einen richtigen Zeitpunkt gab, über diese Dinge nachzudenken?

«Heißa, meine Lieben!»

Die Tür sprang auf, und der Neuankömmling, der das Zimmer betrat, war Siobhan in der steifen Atmosphäre hochwillkommen.

«Papa!» Emily sprang auf, ihr Stuhl polterte zu Boden, doch das kümmerte sie nicht. Sie rannte zu ihrem Vater und warf sich ihm an die Brust. Auch Finn stand auf, wenn auch nicht so eilig, und er beschränkte seine Begrüßung darauf, seinem Vater die Hand zu reichen. Doch das genügte Edward O’Brien nicht, er schloss Finn in die Arme und klopfte ihm auf die Schultern. Dann erst wandte er sich an Helen, die mit gemessenen Bewegungen ihre Serviette beiseitegelegt hatte, ehe sie langsam aufstand und auf ihren Mann zuschritt. Siobhan schloss sich ihr an und wartete, bis sich die Eheleute umarmt hatten. Es war interessant zu beobachten, wie behutsam Edward O’Brien seine Frau berührte, wohingegen er seine Kinder so heftig herzte, dass sie prusteten und lachten. Finn und Emily strahlten glücklich, und kaum hatte Helen sich von ihrem Mann gelöst, da hing Emily schon an seinem Rockärmel und bettelte: «Ich habe einen Bergpapagei gefunden, darf ich ihn behalten, Paps? Er ist so zahm und hübsch, und er heißt Aeneas!»

Edward O’Brien lachte. «Darüber sprechen wir später, Kleines.» Seine raue, abgearbeitete Hand zauste ihre roten Locken. «Jetzt lass mich zunächst die junge Mrs.O’Brien begrüßen.»

Er trat zu Siobhan und verneigte sich knapp. «Siobhan. Ich hoffe, die Reise war angenehm.»

Sie lächelte und streckte ihm die Hand hin. Doch dann zog sie sie hastig zurück, als ihr bewusst wurde, dass ihre Rechte kaum geeignet war, um sie von einem hart zupackenden Schafzüchter schütteln zu lassen.

«Ach, komm her, mein Mädchen, gehörst ja auch zur Familie.» Er nahm ihr die Verlegenheit mit einer Umarmung. Siobhan fühlte sich an seine breite Brust gedrückt. Sie roch die Feuchtigkeit, die in seinem dicken Pullover haftete, das Wollfett und den Rauch der Herdfeuer. Ein leichter Hauch Alkohol umgab ihn – wie immer. Er hatte sich keinen Deut geändert in den letzten neun Monaten.

Und gerade darum mochte Siobhan ihn so sehr – weil er der raubeinige, wilde Ire war, der ihr mit einer gehörigen Portion Respektlosigkeit begegnete und außer Walter der Einzige war, der ihr das Gefühl vermittelte, wirklich zur Familie zu gehören.

«Lass dich anschauen.» Er hielt sie auf Armeslänge von sich und musterte sie von oben bis unten. Sie lächelte ihn an. Edward O’Brien war etwas größer als sie, hatte ein von der Sonne gebräuntes Gesicht und blonde, zerzauste Haare, die er seinen Söhnen vererbt hatte. Der dunkelgraue Pullover spannte sich über eine breite Brust und muskulöse Schultern, er trug eine abgewetzte Arbeitshose und grobe Stiefel. Wäre er nicht das Haupt der Familie gewesen, hätte Helen ihn bestimmt vor die Tür gesetzt. Aber da war er nun: knapp fünfzig Jahre alt, bereit für einen Neuanfang und froh, seine Familie nach der monatelangen Trennung endlich wieder um einen Tisch versammelt zu sehen.

«Ich lass dir die Suppe aufwärmen.» Helens Hand strich zart über seinen Ärmel, und er nickte abwesend. Dann wies er mit dem Finger auf Siobhans Verband. «Du scheinst in dieser rauen Welt schon angekommen zu sein.»

Siobhan lächelte. Ach, seine Gegenwart war so erfrischend! «Das war meine Bowlenschüssel. Sie ist zerbrochen.»

«Zu schade. Ich habe mich schon auf unsere Gartenfeste im Sommer gefreut, bei denen wir die feinste Bowle der ganzen Südinsel servieren. Ich kauf dir eine neue», versprach er. «Mit passenden Gläsern und allem, was du dir sonst noch wünschst.» Er wandte sich an Walter. «Wie ich sehe, hast du meine Familie heil hergebracht. Ich hatte ohnehin heute in Queenstown zu tun, und in diesem Kaff bleibt ja nichts ein Geheimnis, da hat’s sich schnell rumgesprochen, dass die O’Briens mit Sack und Pack und einem Haufen teurer Möbel Einzug gehalten haben.» Kurz runzelte er die Stirn. «Ich habe dir doch geschrieben, du solltest nur das Nötigste mitbringen und den Rest in Dunedin einlagern.»

«Es ist meine Schuld», mischte Siobhan sich eilig ein, ehe ihr Schwiegervater zu hart mit Walter ins Gericht gehen konnte. «Ich hatte gehofft, vor dem Wintereinbruch das Haus einrichten zu können.»

«Wintereinbruch? Wir haben gerade mal Oktober, meine Liebe!» Edward lachte und setzte sich an den Tisch. Das Küchenmädchen huschte herein und legte ein sechstes Gedeck auf. «Bis zum Wintereinbruch hat’s noch sieben Monate Zeit.»

Siobhan sank auf ihren Stuhl. Ach, wie hatte sie das nur wieder vergessen können! Walter hatte es ihr ja erklärt, dass auf der Südhalbkugel die Jahreszeiten verdreht waren, er hatte sogar versucht, es ihr anhand einer Zitrone und einer Orange zu erklären, doch sie hatte nur lachend abgewunken. Und sogleich wieder vergessen, dass hier der Sommer von Dezember bis März reichte. Emily wäre das bestimmt nicht passiert, sie war ja fast so schlau wie ein Mann.

«Aber bis zur Schafschur sind es nur noch wenige Wochen, darum ist es gut, dass ihr hier seid. Wir können jede helfende Hand gebrauchen.» Edward kratzte sich am Kopf. «Morgen nehmen wir das Schiff nach Glenorchy, und ab übermorgen beginnt die Arbeit.»

Helen betrat das Speisezimmer. Sie legte ihre Hand auf Edwards Schulter. «Und nun lasst uns essen. Später ist genug Zeit, um zu reden.»

«Du hast recht, meine Liebe.» Der zärtliche Blick, mit dem Edward seine Frau bedachte, versetzte Siobhan einen Stich. Sie schaute zu Walter herüber, der sich wieder neben sie gesetzt hatte und nach seiner Serviette griff.

Alle am Tisch plapperten munter. Edward erzählte von der Farm, erzählte von den großen Ländereien, die er erworben hatte, und natürlich von den großen Schafherden, die auf den saftigen Wiesen grasten, bis sie dick und rund waren, und so fiel es gar nicht auf, wie still sie war. Walter beteiligte sich lebhaft an der Unterhaltung. Fast war es, als hätte er seine Frau vergessen, die stumm neben ihm saß und an ihrem Essen würgte, das von ihren krampfhaft geschluckten Tränen ganz salzig schmeckte.

2.Kapitel

Als Emily am nächsten Morgen früh den kleinen Innenhof betrat, herrschte dort bereits ein reges Treiben. Die Maultiere wurden von der Weide geholt, die Kisten aufgeladen und festgezurrt. Ein Maultier schrie, ein anderes wehrte sich wild gegen die Zügel. Der kleine Rawiri zog mit einem grimmigen Gesichtsausdruck drei Tiere hinter sich her in den Innenhof, in dem es vor Menschen und Tieren nur so wimmelte.

«Emily, hier sind wir!»

Sie kämpfte sich erleichtert zu Finn und Walter durch, die in einer Ecke standen und mit Mr.Gregory redeten. Dieser blickte finster zu dem kleinen Maorijungen herüber, und just in dem Moment, als Emily sich zu ihnen gesellte, schoss er vor und versetzte Rawiri eine Ohrfeige.

Emily zuckte zusammen.

Es war ihr schon auf der Reise aufgefallen, dass Mr.Gregory kein gutes Haar an Rawiri ließ. Der kleine Junge war höchstens acht oder neun Jahre alt, und anders als die wenigen Maori, denen Emily bisher begegnet war, wirkte er so dürr, als müsse er hungern. Mr.Gregory ging nicht gerade zimperlich mit dem Jungen um. Er schlug ihn, wenn er etwas falsch machte, aber manchmal schlug er auch dann zu, wenn ihm Rawiris Gesichtsausdruck nicht passte.

«Diese Wilden muss man mit harter Hand anpacken.» Mr.Gregory stellte sich wieder zu ihnen und grinste. «Wenn ich schon sehe, wie mürrisch er dreinschaut. Das vergrault mir doch die Kunden!»

Emily senkte den Kopf. Finn verschränkte die Arme, und Walter räusperte sich unbehaglich, ehe er mit Mr.Gregory wieder über all die kleinen Dinge sprach, die ihre Reise mit sich brachte.

Heute ging es mit dem Schiff nach Glenorchy. Von dort waren es nur noch wenige Stunden Weg bis zu ihrem neuen Zuhause. Emily freute sich darauf. Bei aller Reiselust war der Gedanke an ein Zuhause doch verlockend.

Ihr fiel der Kea ein, den sie vor einer halben Stunde aus dem kleinen Fenster ihres Zimmers herausgelassen hatte. Sie beschattete die Augen und suchte den Dachfirst nach seinem olivgrünen Gefieder ab.

«Suchst du die Sonne?»

Sie fuhr herum. «Paps!»

Edward O’Brien grinste zufrieden. «Immer noch meine kleine Träumerin, die mich nicht hört, wenn ich herumstapfe.»

«Ich hab nach meinem Kea geschaut.»

«Deine Mutter ist nicht so begeistert…»

«Darf ich ihn behalten? Bitte, Paps! Bestimmt lässt er sich erziehen.»

«Da du ihn gestern ja schon mitgenommen hast, werde ich den Teufel tun, dir heute zu sagen, dass du ihn zurücklassen sollst.» Er wuschelte ihr mit der Hand durchs Haar, genau wie er es oft bei ihren Brüdern tat. Emily quiekte auf, weil er ihre Frisur ganz durcheinanderbrachte. «Paps! Ich bin doch kein kleines Mädchen mit Rattenschwänzen mehr!»

«Schade», bemerkte er. Ehe er etwas hinzufügen konnte, gellten Schreie über den Hof.

Aber diesmal waren es keine Maultiere, die vor Empörung über die schweren Lasten auf ihren Rücken schrien.

Es war das Schreien eines Kinds. Und es klang, als sei das Kind in höchster Not.

Edward drängte sich an Emily vorbei. Er eilte zur hinteren Ecke des Innenhofs. Die Flügeltüren zum kleinen Lagerhaus, in dem über Nacht die Kisten abgestellt worden waren, standen halb offen und versperrten Emily die Sicht.

Aber sie brauchte gar nicht hinzusehen, denn sie wusste ganz genau, dass es Rawiri war, der da schrie.

«Vermutlich hat Mr.Gregory entdeckt, dass Rawiri die Kiste mit der Bowlenschale fallen gelassen hat.» Walter trat neben sie und vergrub die Hände in den Hosentaschen.

Emily sagte nichts. Es stand ihr nicht zu. Es wäre Walters Aufgabe gewesen einzugreifen. Walter war auf der Reise ihr Familienoberhaupt gewesen, und er hatte nie auch nur ansatzweise seinen Unmut über die Behandlung des Maorijungen gezeigt.

«Walter!»

Das war Paps’ Stimme, und wenn er so klang, verlangte er Gehorsam. Auch von seinem Ältesten. Der warf Emily einen letzten Blick zu, dann schlenderte er über den Hof.

Sie folgte ihm.

In der Scheune hatte sich Edward vor Dean Gregory aufgebaut, und obwohl Mr.Gregory ihren Vater um mehr als einen Kopf überragte, war es ihr Vater, der sein Gegenüber mit jedem Wort zurückdrängte.

«Wie können Sie es wagen, diesen unschuldigen Jungen», er legte bei diesen Worten die Hand auf Rawiri, der zwischen ihnen stand, «für etwas zu schlagen, das zu bestrafen allenfalls uns zustünde? Immerhin gehörte die Bowlenschale meiner Schwiegertochter.»

«Bitte! Wenn Sie wollen, vermöbeln Sie ihn halt. Aber bestraft werden muss er!» Mr.Gregory streckte Emilys Vater eine Peitsche entgegen. Sie schnappte unwillkürlich nach Luft, als sie die Lederriemen sah. Dünn und hart. Genau richtig, um tief ins Fleisch zu schneiden.

«Ich denke nicht daran, ein unschuldiges Kind auszupeitschen.» Edward riss Mr.Gregory die Peitsche aus der Hand. «Und Sie werden es auch nie wieder tun!»

«Ach! Was wollen Sie tun? Wollen Sie mir den Jungen etwa wegnehmen? Er gehört mir!»

«Ihnen gehört gar nichts mehr, wenn Sie nicht bald Ihr Maul halten!», schrie Edward. «Komm, Junge.»

Rawiri zuckte zusammen, als Edward die Hand auf seine Schulter legte. Er zog ängstlich den Kopf zwischen die Schultern, als erwarte er weitere Schläge.

Aber dann verstand er, dass Edward ihn nicht schlagen würde. Er drängte sich an den Leib des Mannes, der ihn rettete. Ein Leuchten glomm in seinen dunklen Augen auf.

Hoffnung.

Er hoffte, dem Leben zu entrinnen, das ihm so übel mitspielte.

«Und eh Sie auch noch meine Maultiere zuschanden peitschen, entlasse ich Sie aus meinen Diensten. Ich kann auf Ihre Dienste verzichten, Gregory, wenn Sie Kinder quälen!»

«Sie werden mir den Jungen bezahlen! Zusätzlich zu meinem Geld!»

Edward erwiderte nichts darauf. Er drehte sich einfach um und ging, den Jungen dicht an seiner Seite. Als er an Emily vorbeikam, hielt sie ihn am Ärmel fest.

«Lass mich das machen», sagte sie leise.

Edward nickte knapp. Sie legte den Arm um Rawiris nackte Schultern, doch zuckte sie augenblicklich zurück. Der ganze Rücken war mit hellem Narbengewebe bedeckt. Darüber zeichneten sich neue, blutige Striemen ab.

«Komm, Rawiri. Hast du Hunger?»

Er nickte schüchtern.

Wie alt mochte er sein? Neun? Vielleicht sogar zehn, aber er war so mager, dass sie das kaum glauben konnte. Später wäre genug Zeit, ihn zu fragen.

«Das wirst du mir büßen, O’Brien! Deine Familie wird’s hier schwer haben, wenn ihr mit jedem Wilden Mitleid habt!», grollte Mr.Gregory. Emily blickte über die Schulter zu ihm herüber. Wie er unter dem Torbogen stand, halb im Schatten, wirkte er bedrohlich. Jetzt trat er gegen eine der Kisten, und es schepperte gefährlich.

«Hast du davon gewusst?» Edward blickte seinen Sohn prüfend an.

«Ich wusste nicht, dass es so schlimm war», antwortete Walter. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, das spürte Emily. Er ahnte wohl, dass er schon viel eher hätte handeln müssen.

«Und das soll ich glauben, ja?» Paps schnaubte. Er warf Walter die Peitsche zu. «Sorgt dafür, dass der Kleine alles bekommt, was er braucht. Er kommt mit uns nach Glenorchy.»

«Und dann?», fragte Walter.

«Was und dann? Meinst du nicht, wir haben was wiedergutzumachen?»

Er stapfte zum Haupthaus. Emily folgte ihm mit Rawiri. Sie spürte das Zittern des Jungen an ihrer Seite.

«Darf ich bleiben? Bei euch?», fragte er.

«Ja. Du gehörst jetzt zu uns, Rawiri. Und bei uns schlägt dich keiner.» Sie strich ihm über den Kopf.

«Hast du jetzt zwei Tiere. Hast du Kea und Rawiri.»

Sie spürte Tränen in den Augen brennen. «Ach nein», flüsterte sie. «Du bist kein Tier.»

Das Tier war Dean Gregory. Er war schlimmer: eine Bestie.

Sie spürte seinen hasserfüllten Blick, der sich in ihren Rücken bohrte, als sie den Hof überquerte.

«Seht ihr da vorne die Hütte? Die sich zwischen den Bäumen versteckt?»

Edward trat neben Siobhan und Walter. Er wies ans östliche Ufer. Steil ragten links und rechts die Berge auf, zwängten den Wakatipusee zwischen sich ein, der sich schmal nach Westen erstreckte, ehe er einen Knick machte und direkt nach Norden führte, ein riesiges L aus Wasser. An den Hängen der Berge breiteten sich Wälder aus, die immer wieder von großzügigen Weideflächen abgelöst wurden.

«Da beginnt unser Land.»

Die Hütte war kaum mehr als ein Unterstand, in dem Jäger sich über Nacht aufwärmen konnten, wenn sie von der Dunkelheit überrascht wurden. Nach Westen konnte Siobhan weit hinter der hohen Bergkette die schneebedeckten Gipfel der neuseeländischen Alpen ausmachen. Sie fröstelte. Auch wenn die Sonne an diesem Morgen erstaunlich rasch an Kraft gewonnen hatte, war es auf dem Schiff doch recht kalt. Die Gischt spritzte vom Bug auf und legte sich eisig auf ihr Gesicht.

«Komm, Liebes.» Walter hatte ihr Frösteln bemerkt und wollte sie wieder in das Innere der Kajüte führen, wo Helen und Emily auf einer Bank saßen. Emily hatte sich wie so oft in ihr Buch vertieft, das sie auf der monatelangen Reise selten aus der Hand gelegt hatte. Neben ihr saß der Maorijunge Rawiri. Auf seinem Schoß hockte der Bergpapagei und wiegte sich hin und her.

«Lass mich ruhig noch ein wenig hier draußen bleiben», sagte sie zu Walter.

Auch wenn der Wind schneidend war und die Wassertropfen eisig, genoss sie die frische Luft. Und sie musste nachdenken, das gelang ihr hier draußen besser als neben Helen, die sie ständig fragte, ob es ihr gutginge und ob sie noch Schmerzen habe. Dabei klang ihre Schwiegermutter weniger besorgt als vielmehr etwas vorwurfsvoll, als sei Siobhan an ihrer Verletzung selbst schuld.

Was ja auch stimmte, wenn sie ehrlich war.

«Sei vorsichtig», ermahnte Walter sie. Seine Hand legte sich kurz auf ihren Unterarm. Sie nickte abwesend und schaute wieder zur Küste hinüber.

Wie sie sich nach Einsamkeit sehnte! Ihre Finger zupften an dem Verband, den Walter am Morgen fürsorglich erneuert hatte. Danach waren sie zum Hafen geritten und hatten beobachtet, wie Kisten und Koffer auf das Schiff verladen wurden, das sie nach Glenorchy bringen sollte. Von dort, so erfuhr sie von Edward, war es noch ein dreistündiger Ritt hinauf in die Berge, ehe sie ihr neues Heim erreichen würden.

Es war nicht mehr weit…

An diesem Gedanken hielt sie sich fest. Sie blickte zu dem Aufbau herüber, der für Fahrgäste errichtet war: Walter stand in der Tür und schaute zu ihr herüber, als könne er nicht glauben, dass sie wirklich in der nassen Kälte allein sein wollte.

Aber genau das wollte sie.

Der Einzige, dessen Gegenwart ihr einigermaßen willkommen war, war ihr Schwiegervater. Edward würde sich sowieso nicht von ihr vertreiben lassen. Er lehnte in einigen Metern Entfernung mit den Ellenbogen auf der Reling, schmauchte sein Pfeifchen und schien ganz und gar eins zu sein mit sich und seiner Welt.

Aber das hier war nicht Siobhans Traum vom neuen Leben.

Es war Edward O’Briens Traum einer goldenen Zukunft. Für diesen Traum hatte er die ganze Familie entwurzelt, hatte Walter um Siobhans Erbschaft gebeten, um Land am anderen Ende der Welt zu kaufen. Er hatte ihnen allen keine Wahl gelassen – Walter nicht, der ohnehin stets dem Vater gehorchte, obwohl er mit seinen 25Jahren langsam beginnen sollte, eigene Entscheidungen zu treffen. Finn nicht, der mit seinen 19Jahren wie ein Kind von den unzähligen Abenteuern schwärmte, die ihn in der neuseeländischen Wildnis erwarteten. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit träumte er laut davon, das Elternhaus hinter sich zu lassen und sich einem Vagabundenleben hinzugeben. Er wollte jagen und mit den Maori nach Paua-Muscheln tauchen.

Emily, die zu jung war, um für sich selbst zu entscheiden, hatte erst recht niemand gefragt.

Nur Siobhan hatte man nicht übergehen können. Als Edward den Landkauf in Neuseeland beschloss, hatte er sie kurz angeblickt. Es war ein dunkler Abend in der Küche der O’Briens gewesen, Siobhan hatte Socken gestrickt und Helen Flickarbeiten erledigt. Die Männer hatten derweil über den Plänen gebrütet. «Ist’s dir recht?», hatte er so knapp gefragt, dass sie im ersten Augenblick nicht gewusst hatte, ob er wirklich sie mit dieser Frage meinte und nicht Helen.

Sie hatte überrascht genickt.

Und so war es beschlossen worden.

Sie fragte sich, ob ihr Widerspruch etwas geändert hätte – an jenem Abend oder zu einem späteren Zeitpunkt. Aber im Grunde war es ihr egal, wo sie leben durfte, Hauptsache, es war an Walters Seite. Nur dass ihr dieser Wunsch erfüllt war, zählte.

«Gefällt es dir?», fragte Edward. Er trat näher und klopfte den Pfeifenkopf auf die Reling, sodass die Asche herausrieselte. Dann zog er einen Beutel mit Tabak aus der Jacke und stopfte mit bloßem Finger nach.

«Es ist so… menschenleer.»

Edward glaubte, sie beruhigen zu müssen. «Du wirst in Glenorchy bestimmt bald ein paar Freundinnen finden. Mrs.Wright ist eine sehr nette Person, sie organisiert viele Basare und ist stets um uns Neuankömmlinge bemüht. Sie ist hier geboren. Du wirst sie mögen, ganz bestimmt. Und sieh mal!» Wieder zeigte er auf das andere Ufer, diesmal mit der Pfeife.

Siobhans Blick folgte seinem ausgestreckten Arm. Hier waren die Berge nicht mehr so schroff und reichten nicht bis ans Wasser heran. Stattdessen breiteten sich auf den sanft zum Wasser hin abfallenden Wiesen weiße Tupfen aus. Auf die Entfernung wirkten sie winzig, doch als Siobhan lauschte, konnte sie über das Rauschen des Wassers und das Dröhnen des Schiffsmotors das Blöken der Schafe hören.

«Merinoschafe. Die feinste Rasse, die man sich vorstellen kann. Nächsten Monat werden wir sie scheren. Und danach haben wir genug Geld, um mit dem Bau deines Hauses zu beginnen.»

«Mein Haus?» Sie wandte sich ihm zu.

«Na ja, du hast es dir doch gewünscht. Aus Stein erbaut und groß genug für die ganze Familie, nicht wahr?»

«Ich dachte, das Haus sei längst fertig…» Sie fröstelte. Es war schon unangenehm genug gewesen, zwei Wochen lang quer über die Südinsel zu reisen und jede Nacht in einem anderen Gasthaus zu übernachten. Und jetzt gab es nicht mal ein Haus? Wo sollten sie denn leben, wo ihre Habseligkeiten unterstellen?

«Fertig? Längst nicht. Aber ich habe schon einen Plan, wie’s aussehen wird. Pass auf.» Er klopfte suchend seine Jackentaschen, zog dann ein schmuddeliges Stück Papier hervor und breitete es auf der Reling aus. Siobhan beugte sich interessiert vor. Edwards blaue Augen strahlten, als er ihr ganz genau beschrieb, was er plante.

«Eine große Küche, das wird Helen gefallen. Salon, Speisezimmer, Arbeitszimmer für Walter und mich, dann noch die Schlafzimmer und Gästezimmer, eine Bibliothek für unsere büchervernarrte Emily…»

Er zeigte, sie lauschte. Oh ja, das war das Haus, von dem sie geträumt hatte, seit sie das erste Mal von Neuseeland gehört hatte. Ein raues, wildes Land, so hatte man es ihr beschrieben. Dünn besiedelt, im Landesinnern noch nicht vollständig erforscht, von Wilden bewohnt. All das machte ihr Angst, und trotzdem: Hier wollte sie glücklich werden.

Aber wie sollte sie dieses Glück finden, wenn sie unter freiem Himmel nächtigen musste und die Steinmauern ihres Hauses sich in dem Tempo aus dem Fundament hoben, in dem die feine Wolle der Merinoschafe wuchs?