Das Lied vom Honig - Ralph Dutli - E-Book
Beschreibung

Eine vergnügliche Einladung, sich an die tragende Rolle der Honig schaffenden Hautflüglerin in der Weltkultur zu erinnern. Wer weiß schon, dass die Bienen für die alten Ägypter aus den Tränen des Sonnengottes entstanden? Dass der hinduistische Gott Vishnu, der Bewahrer der Welt, als Blaue Biene neben dem Liebesgott in einer Lotusblume schläft? Dass die ganze Antike hindurch der Wunderglaube sich hielt, dass Bienenvölker aus Stierkadavern geboren werden? Dass Christus im Mittelalter als himmlische Biene galt, die Muttergottes Maria - als Bienenstock? Dass der Honig als Symbol für die Süße göttlicher Wahrheit stand und als erotische Metapher für die Freuden irdischer Liebe? Dass seit der Antike eine geheime Beziehung bestand zwischen Bienen und Küssen? Dass zahlreiche Geistesmenschen, von Vergil bis zu Sylvia Plath, passionierte Bienenzüchter(innen) waren? Dass sich die Dichter von Pindar und Horaz bis Mandelstam und García Lorca mit der Biene verglichen haben, dass Rilke die Dichter als die »Bienen des Unsichtbaren" bezeichnete? Die Biene gab Anlass zu religiösen Riten, Aberglauben und Wundergeschichten. Sie stand für Gemeinschaftssinn, Selbstaufopferung, Zukunftsvorsorge, durchdachte Ordnung, Reinheit, Fleiß und Fülle. Aber auch: für Magie und Prophetie, Seele und Inspiration. Ralph Dutli erzählt davon mit kenntnisreicher Gewitztheit und Poesie.

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Ralph Dutli

Das Lied vom Honig

Ralph Dutli

Das Lied vom Honig

Eine Kulturgeschichte der Biene

Für Boris

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2012www.wallstein-verlag.deVom Verlag gesetzt aus der Stempel GaramondUmschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf, unterVerwendung des Gemäldes »Venus und Amor als Honigdieb«von Lucas Cranach d. Ä.Die Bienen-Vignetten im Innenteil wurden von Thomas Müller,Leipzig, gestaltet.Druck und Verarbeitung: Friedrich Pustet, RegensburgISBN (print) 978-3-8353-0972-2ISBN (eBook, pdf) 978-3-8353-2259-2ISBN (eBook, epub) 978-3-8353-2270-7

Der Gott der Bienen ist die Zukunft.

Maurice Maeterlinck

Es ist besser, sagte ich mir, zur Biene zu werden und sein Haus zu bauen in Unschuld, als zu herrschen mit den Herren der Welt.

Friedrich Hölderlin

Die Bienen haben einen Friedhof unten in meiner Heimat, in Patagonien, dahin kehren sie heim mit ihrer Honigfracht, um zu sterben vor Süße.

Pablo Neruda

Astronaut im Zukunftslook

Es war eine reine Zufallsbegegnung, wie vieles, was einem im Leben zustößt. Erst im Rückblick erscheint einem so manches weniger zufällig, als man zunächst annehmen wollte. Ein Gespräch über einen Drahtzaun hinweg. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, im Frühjahr, gegen Abend, nach einem kurvenreichen Schreibtag. Nicht weit von hier, nördlich der Stadt, wo die Wege verlockend »Obstgartenweg« und »Blütenweg« heißen. Ringsum blühten tatsächlich Bäume, Sträucher und Blumen in einer solchen Pracht, dass man davon leicht berauscht werden konnte. Ich weiß noch genau: Es roch unwahrscheinlich gut. Ich hatte Lust, vom Rad zu steigen und dieses Duftkonzert nicht zu schnell an mir vorbeihuschen zu lassen. Die Bienenkästen standen in einiger Entfernung, im hinteren Teil seines Grundstücks. Distanz ist empfehlenswert, die Bienen wissen sie zu schätzen. Und den Respekt, der einen hindert, als Unbefugter diesen bunten Kästen allzu nah zu kommen. Wir kamen also am Drahtzaun ins Gespräch.

Ich war neugierig, er war freundlich. Ich fragte ihn aus über sein Bienenwesen, er gab gerne Antwort, schien sich sogar zu freuen, dass sich jemand für seine Völker interessierte. Imker hielt ich schon immer für besonnene, gelassene Leute, die einen ruhigen, komplizenhaften Umgang mit der Natur pflegen. Sie sind für mich – ein wenig Bienenhumor kann nicht schaden – Hobby-Priester im Tempel der Natur, stille Philosophen, faszinierende Eigenbrötler. Und gleichsam Teilhaber einer weltweiten Verschwörung, die eine Art Geheimwissen verwalten, festgehalten in Imkerbüchern mit sieben Siegeln, vertieft durch jahrelange Erfahrung. Ihre Handlungen sind ohne Hast. In einer Zeit, wo sogar Kurse zur Entschleunigung unseres kopflosen Alltags angeboten werden, muss das auffallen. Dass der Honig vor Genuss »geschleudert« werden muss, gibt dem Ganzen dann doch wieder etwas ironisch Rasantes.

Dass ihr Tun und Wirken wohl seit über viertausend, vielleicht sogar fünftausend Jahren mehr oder weniger das Gleiche ist, macht sie für die Phantasie noch sonderbarer und attraktiver. Als seien sie Botschafter aus einer längst vergangenen Zeit, aber gewissermaßen im Zukunftslook. In ihrer merkwürdigen Schutzkleidung samt Hut und Netz – und manchmal Rauch vor dem Gesicht, der die Stechbereitschaft der Bienen herabsetzt – sind sie mir schon wie Astronauten vorgekommen, wie Abkömmlinge von einem anderen Planeten. Dass sie strenggenommen auch Diebe sind, ist ziemlich klar. Sie stibitzen den fleißigen Bienchen den süßen Überfluss, die mühsam zusammengetragenen Wintervorräte. Gewiss lassen sie schon noch etwas zurück, das halten hochherzige Diebe genauso. Um die Sache fürsorglich ein wenig zu beschönigen, heißt der Imker auch »Bienenvater«. Und tatsächlich hilft er seinen Schützlingen mit lauwarmem Zuckerwasser über den nahrungsarmen Winter …

Sind Imker nicht nur antike Botschafter, Philosophen und verkleidete Astronauten, sondern auch noch überaus freundliche Zeitgenossen? Er war es. Sein Akzent verriet eine fremdländische Herkunft. Balkan? Nach seinem Namen hatte ich ihn nicht gefragt. Bienenhöflichkeit. Ich nannte ihn heimlich Mister Beekeeper und Monsieur l’Apiculteur. Aber sein kleines Gelände am Obstgartenweg lag an meiner Abendroute, und ich hatte durchaus vor, dort wieder anzuhalten.

Kurz nach dem ersten Gespräch am Drahtzaun hatte ich einen Traum. Ich ging im Astronautenanzug auf die summenden bunten Kästen zu, an meinen Ellenbogen irgendwelche Luftblasen oder Ballons, und er stand diesmal außerhalb, auf der anderen Seite des Zauns, sprach in ein merkwürdig altertümliches Megaphon hinein und rief mir gestikulierend und irgendwie verzweifelt ob meiner Ungeschicklichkeit etwas zu, das ich beim besten Willen nicht verstehen konnte. Ein Gefühl von Verlegenheit und Scham überkam mich, ich wusste nicht, wie ich an den Honig in den Kästen herankommen sollte. Ich wusste überhaupt nichts von diesen summenden Hautflüglern, stapfte nur hilflos in der mir plötzlich schwer vorkommenden Verkleidung durchs Gelände. Um mich herum eine Wolke aus Bienen, eine musikalische Bedrohung, aber keine stach mich. Als ich aufwachte, war ich erleichtert. Ich wusste, dass ich nie Bienenzüchter werden wollte.

Aber die Neugier blieb. Manchmal traf ich ihn wieder, fragte ihn aus, bekam schon auf der anderen Seite des Drahtzauns Obstschnäpse angeboten. Und ich fragte weiter, hatte aber auch vor, eine kleine Schuld abzutragen, kuriose Dinge zu sammeln, die vielleicht nicht jeder Imker kennt. Die er vielleicht nicht kannte. Ich wollte gleichsam selber Sammelbiene werden, aber nicht einzig zu Ihrer Verblüffung, Mister Beekeeper, sondern zu Diensten lesender Zeitgenossen.

Die Biene ist nicht nur Honiglieferantin, sondern auch eine uralte Kulturbotschafterin. Ein französischer Parlamentarier, Martial Saddier, machte im Jahr 2009 tatsächlich den Vorschlag, die Honigbiene Apis mellifera in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen. Ein prächtiges Anliegen, vermutlich wunderbar wirkungslos, aber doch nicht ganz so abwegig, wie es scheinen könnte. Bescheidene Vorhaben sind nicht zwingend sinnlos. Viele heillos verworrene Dinge auf dieser Welt brauchen ein homöopathisches kulturelles Gegengift.

Auf meinem Schreibtisch begann eine bunte Kartonmappe anzuwachsen – oder soll ich schon »Wabe« sagen? Ich sammelte Mythen und Geschichten um die Honigbiene und ihre vielfältige Präsenz in den menschlichen Kulten und Kulturen. Es sollte eine kleine Umschau in der Bienenwelt werden, eine zarte Hommage an die Honigbiene in der Zeit ihrer höchsten Gefährdung, eine schlichte Wabe aus kulturellen Zellen. Thema: das Leben der Honigvögelchen – so nannten die Barockdichter das Insekt – im Bienenstock der Kultur.

Es ist ein winziges Tier, aber mit Leistungen von erstaunlicher Tragweite. In der Bibel, im apokryphen Buch Jesus Sirach, steht zu lesen: »Du sollst niemand rühmen um seines großen Ansehens willen, noch jemand verachten um seines geringen Ansehens willen. Denn klein unter den geflügelten Tieren ist die Biene und doch bringt sie den besten Ertrag ein.« Vielleicht geht uns das ganze Bienenwesen so nahe, weil wir dunkel ahnen, dass eine besondere Beziehung zwischen Menschen und Bienen besteht. Der römische Naturforscher Plinius der Ältere (23 bis 79 n. Chr.) war überzeugt, dass die Bienen die »einzigen nur um des Menschen willen geschaffenen Insekten« seien.

Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803) nennt in seinen Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit auch diese Tierchen geradewegs »die älteren Brüder des Menschen«. Mensch und Biene als Geschwister? Herder hatte gewiss einen originellen Familiensinn. Entwicklungsgeschichtlich scheint die Biene galaxienweit vom Menschen entfernt zu sein. Unsere letzten gemeinsamen Vorfahren dürften vor ungefähr 600 Millionen Jahren gelebt haben. Als aber 2006 in der Zeitschrift Nature das Bienen-Genom veröffentlicht wurde, fanden sich trotzdem interessante Gemeinsamkeiten. Der Weimarer Kulturhistoriker und Religionsphilosoph Herder hatte also doch etwas geahnt.

Halten wir jenseits aller mysteriösen Genetik fest: Die Biene bedeutet uraltes Weltkulturgut. Denn das kleinste aller Nutztiere schenkt dem Menschen nicht nur sein bestäubendes Mitwirken bei der Entstehung von Früchten und Gemüsen, sondern auch Nahrung, Süßstoff und Kerzenlicht in Honig und Wachs, wirksame Heilmittel in vielfältiger Form, reiche Symbole und tiefgründige Gedanken. Die Wunder der Natur scheinen sich exemplarisch an der Honigbiene zu enthüllen. Lautet nicht ein altes Sprichwort: »Willst du Gottes Wunder sehn, musst du zu den Bienen gehn«?

Die Symbolkraft der Honigbiene ist eine Menschheitskonstante. Sie gab Anlass zu religiösen Riten, Aberglauben und Wundergeschichten. Sie steht für Gemeinschaftssinn, Selbstaufopferung, Zukunftsvorsorge, durchdachte Ordnung, Reinheit, Fleiß und Fülle. Aber auch: für Magie und Prophetie, Seele und Inspiration. Mag der Leser – er muss kein Imker sein! – auf einen Ausflug in die erstaunliche Kulturgeschichte der Biene und des Honigs entführt werden. Keine Flügel sind nötig, nur ein wenig Phantasie. Aber das ist vielleicht ohnehin dasselbe.

Lady Macbeth und die Drohnen

Mein Gesprächspartner vom Obstgartenweg hatte mir sofort ein paar Vorurteile geraubt. Die Honigbiene mit ihrem verblüffenden sozialen Instinkt ist eine Ausnahme, nicht die Regel. Die Mehrzahl der Bienenarten lebt nämlich solitär, bildet keine Staaten. Es sind Einsiedlerbienen, die unscheinbar Mauer-, Mörtel- oder Mohnbiene heißen. Letztere ist eine richtige Künstlerin und Innenausstatterin: Sie schlägt ihr Nest mit Klatschmohn aus. Aber Zuschauer kennt sie nicht. Sie ist eine stille Macherin, die kein Publikum braucht. Einsiedlerbienen sind die schlichten Unsichtbaren, bei weitem nicht so spektakulär wie die gewaltig produzierenden, summenden Honigvölker. Nur die staatenbildende Honigbiene Apis mellifera hat die menschliche Phantasie seit jeher tief beeindruckt.

Vor dem Abheben in die luftigen Räume der Weltkultur aber führt der Weg nach innen. Wie soll man die Symbolkraft des winzigen Tiers verstehen, wenn man nicht weiß, was sich im Innern des Bienenstocks an Dramen abspielt. Und wer spielt da, in welchen Rollen? Ein Blick auf die Akteure des Bienenstaates. Nummer eins ist natürlich: eine Königin. Der Status wird ihr schon im Larvenstadium durch eine besondere Nahrung verliehen. Sie wird ausgiebig gefüttert mit dem wahrlich königlich betitelten Nährextrakt Gelée Royale. Die Ammenbienen, die dafür viel Pollen fressen müssen, produzieren diese Kraftnahrung in der Futtersaftdrüse. Und wo? In ihren Köpfen. Diese Kopfnahrung alias Gelée Royale ist ein sagenhaftes Energiepaket – zehn Vitamine, zweiundzwanzig Aminosäuren, sieben Spurenelemente! Ein Zuckeranteil von 35 Prozent führt schnurstracks zum Königtum (die Arbeitsbiene wird sich mit 10 Prozent begnügen). Sa Majesté la Reine ist also in erster Linie eine frühzeitig Wohlgenährte, mit Designerfood Versorgte.

Als erste von sechs bis acht Konkurrentinnen ist sie ausgeschlüpft, schon nach 16 Tagen, die kürzeste Frist im Bienenstock. Sofort stürzt sie sich auf die anderen Weiselzellen (so werden die Wiegen der Königinnen genannt), bricht sie auf, sticht ihre Rivalinnen tot. Ihre Karriere beginnt mit blindem Morden. Ein Königsdrama, wie von Shakespeare erfunden. Lady Macbeth kennt keine Hemmungen, wenn es um die Macht geht.

Nur manchmal schützen Wächterbienen die übrigen königlichen Wiegen, weil eine zweite oder sogar dritte Auswanderung (das Schwärmen) möglich werden könnte, wozu weitere Königinnen gebraucht würden. Dann stößt die beleidigte Erstgeborene ihren markanten Kriegsruf aus, ein Tuten, einen »hellen silbernen Trompetenton«, der die Imker entzückt.

Die Königin ist das einzige fruchtbare Weibchen im Bienenstaat. Sie lebt im Dunkeln, verlässt den Stock im Prinzip nur zwei Mal. Zunächst eine Woche, nachdem sie geschlüpft ist, für ihren imposanten Hochzeitsflug. Hoch oben am blauen Himmel wird sie in einer Horde rasender Drohnen von sechs bis zehn Exemplaren befruchtet – was genetische Vielfalt im Bienenstock gewährleistet. Darauf legt sie vom Frühjahr bis September 1 500 bis 2 000 Eier pro Tag, über eine halbe Million insgesamt. Sie ist eine gigantische Reproduktionsmaschine mit hochaktiven Eierstöcken!

Stößt die Bienenkolonie gegen Sommerbeginn zahlenmäßig an ihre Grenzen, schwärmt die »alte Königin« mit etwa siebzig Prozent der Bienen aus und sucht sich eine neue Unterkunft, überlässt den Bienenstock drei Tage vor deren Ausschlüpfen der Jungkönigin. Die Nachfolgerin wird ihrerseits das Hochzeits- und Eierlegegeschäft fortsetzen. Die Monarchin kommt auf fünf bis sechs Lebensjahre, dem nachhaltig wirkenden Energiepaket der Gelée Royale sei’s gedankt. Sie wird nur ein einziges Mal befruchtet, auf Lebenszeit.

Von wem? Von den männlichen Drohnen. Sie stammen aus unbefruchteten Eiern einer Königin. Die von den Arbeitsbienen gebauten Drohnenzellen sind leicht größer, die Königin erkennt es, indem sie das Zellenformat mit ihren Vorderbeinen ertastet. Dann legt sie ihr Ei. Die Männlein bringt sie also quasi-jungfräulich ohne Samen zustande. Die Eier künftiger Arbeitsbienen aber befruchtet sie, drückt durch eine bestimmte Krümmung ihres Hinterleibes auf die seit dem Hochzeitsflug prall gefüllte Samentasche unter ihren Eierstöcken. Die Zahlenverhältnisse im Bienenvolk: eine Königin, 500 bis 2 000 Drohnen, 40 000 bis 80 000 Arbeitsbienen.

Drohnen haben weder Sammelwerkzeuge am Leib (kein »Bürstchen«, kein »Körbchen«) noch einen Giftstachel. Sie sind etwas größer, breiter und behaarter als die Arbeitsbienen. Aber außer für das Begattungsgeschäft sind sie zu nichts zu gebrauchen, weshalb sie sprichwörtlich wurden für Müßiggang, Unproduktivität, Schmarotzertum. Langschläfer sind sie schon im Larven- und Puppenstadium: Drohnen brauchen 24 Tage bis zum Ausschlüpfen. Sie sind unfähig, sich zu ernähren, laben sich an Vorräten, die die fleißigen Arbeiterinnen bereitstellen. In Wilhelm Buschs vergnüglichem Buch Schnurrdiburr oder die Bienen (1869) ist ihr Porträt zu finden: »Und nur die alten Brummeldrohnen, / Gefräßig, dick und faul und dumm, / Die ganz umsonst im Hause wohnen, / Faulenzen noch im Bett herum.«

Und doch kommen sie zum Einsatz. Durch Duftdrüsen am Hinterleib der Königinnen, aber auch durch deren »Mundgeruch«, wird die Paarungsbereitschaft signalisiert. Doch nie im Innern des Bienenstocks, wo die Monarchin den Drohnen gleichgültig ist – was die Natur zur Inzuchtvermeidung so eingefädelt hat. Völlig uninteressiert stolzieren die Drohnen am Superweibchen vorbei. Nur der Außeneinsatz zählt.

Die Drohnen fliegen also zum Sammelplatz im Freien, wo sie die Königinnen aus verschiedenen Völkern zum himmelhohen Begattungsgeschäft erwarten. Nur eine Drohne – fachsprachlich auch: ein Drohn, der Drohn, was das wahre Geschlecht grammatikalisch ins richtige Licht rückt – von tausend wird eine Königin begatten können. Und bezahlt für die eine Minute Paarungsglück mit dem Leben. Ihr Körper platzt hoch in der Luft bei dem ekstatischen Treiben auf, die Organe werden herausgerissen, die leere Hülle sinkt zu Boden. Der Endophallus bleibt in der Königin stecken und gilt als Zeichen vollzogener Begattung, das erst im Bienenstock von Arbeiterinnen entfernt wird.

Die Natur möchte es aber bitte gründlich haben. Ist die Samenvorratsblase noch nicht randvoll mit Spermien gefüllt, kann es rasch hintereinander zu mehreren weiteren Paarungsflügen kommen. Jene Drohnen, die nicht zum Zuge kamen, aber auch nicht erschöpft beim hochathletischen Hochzeitsflug verendet sind, kehren zum Bienenstock zurück – für eine gewisse Zeit. Denn vor dem Herbst müssen alle überflüssigen Esser entsorgt werden. Die jungfräulichen Arbeitsbienen lassen die männlichen Mitbewohner dann Feindseligkeit spüren, füttern sie nicht mehr, zwicken sie, bugsieren sie zum Ausgang, stoßen sie zum Flugloch hinaus. Die Kerle wissen nicht, wie ihnen geschieht (ihr Gehirn ist ohnehin markant kleiner), und wollen noch einmal herein zum Honigschlecken. Jetzt kommt es zur »Drohnenschlacht«, bei der ein hilfloser Männerverein von unerbittlichen Jungfrauen zu Tode gestochen und zerhackt wird.

Niemand soll behaupten, das Geschehen im Bienenstock sei eine Daueridylle! Mord und Totschlag gehören zum befremdlichen Rhythmus der Natur. Die Überreste der Drohnen werden aus dem Bienenstock gekehrt – ein männlicher Abfallhaufen. Ist die Samentasche der Königin gefüllt, verkörpert sie fortan beide Geschlechter, in selbstherrlichem, monarchischem Befruchtungsgeschäft.

Im Gegensatz zu den Geschlechtstieren (Königin und Drohnen), deren Wirken auf die Reproduktion beschränkt ist, hat die in der absoluten Mehrzahl existierende jungfräuliche Biene eine unglaubliche Vielzahl an Rollen zu übernehmen. Nur ein Geschlechtsleben hat sie nicht: Die Königin sondert ein Pheromon ab, die »Königinnensubstanz«, einen Wirkstoff, der die Eierstöcke der andern Bienen verkümmern lässt. Ihre Majestät will um jeden Preis die Einzige sein.

Die Arbeitsbiene hat schon ihrem Namen nach anderes im Sinn als Sex. Der Reihe nach: Nach ihrem Ei-, Larvenund Puppenstadium ist sie am 21. Tag geschlüpft und geht sofort an die Arbeit. Sie putzt sich gründlich, wärmt mit ihrem durch Flugmuskelzittern aufgeheizten Körper die Brut in den Zellen und füttert als Amme alte und junge Larven mit der »Schwesternmilch«, die in der Futtersaftdrüse in ihrem Kopf produziert wird. Sie ist Königsmacherin, wenn sie mit dem Energy-Drink Gelée Royale noch üppiger die »Weiselzellen« versorgt, aus denen die nächste Monarchin schlüpfen wird. Also bereits Agentin der Zukunft. Sie nimmt Nektar von sammelnden Kolleginnen ab, stampft Pollen, deckelt Vorratszellen ab. Sie produziert Wachs mit ihren Wachsdrüsen und baut Waben, hält als Stockbiene die Behausung sauber oder gehört zum hätschelnden Hofstaat der Königin.

Darauf versieht sie in der Nähe des Fluglochs den Wächterinnendienst und hält Eindringlinge fern. Dann macht sie Flugübungen. Erst in fortgeschrittenem Alter – nach drei Wochen Brutpflege, Wabenbau, Innendienst – fliegt sie aus, um Nektar und Pollen zu sammeln, und stirbt nach all der Plackerei nach nur fünf bis sechs Wochen Lebenszeit. Doch auch im Herbst werden noch Bienen geboren. Ihre Aufgabe ist es schlicht, energiesparend den Winter zu überstehen, um im Frühjahr – nach einem Reinigungsflug – für den neuen Beginn der Brutpflege zur Verfügung zu stehen. Sie halten keinen Winterschlaf, sondern drängen sich dicht zu einer schützenden Kugel, die Königin in der Mitte, wärmen sich gegenseitig und bewahren die Temperatur im Bienenstock, fliegen nicht aus, vermeiden jede unnötige Bewegung. Das Überwintern gelingt nicht allen Völkern. Winterverluste sind des Imkers Qual.

Jede Tätigkeit entspricht also einer bestimmten Lebensphase. Als Nektar- und Pollensammlerin legt die Sommerbiene in ihrem kurzen noch verbleibenden Leben rund 8 000 Kilometer zurück. Also auch noch Flugmeilensammlerin.

Die Sprache der Bienen

Ihr Sinn für die Gemeinschaft ist in ihren Körper eingeschrieben. Sie hat einen ihrem Darm vorgeschalteten Sozialmagen, die Honigblase, in der sie den Nektar aus den Blütenkelchen sammelt. Im Bienenstock angekommen, übergibt sie ihn tröpfchenweise den Kolleginnen vom Innendienst. Aber das ist noch kein Honig. Die Bienen würgen den Nektar hervor, erbrechen ihn gleichsam und verwandeln das Gemisch durch ein Speichelenzym in Honig, füllen den neuen, haltbar gemachten Stoff in die Wabenzellen ab.

Honig ist also nicht mehr Nektar, sondern ein Fruchtzucker-Traubenzucker-Speichelgemisch. Er ist gleichsam himmlisch Erbrochenes, vom Bienenspeichel Veredeltes, Eingemachtes, Haltbargemachtes. Aus einem Liter Nektar entstehen 300 Gramm reinen Honigs. Kein Wunder, ist der Bienenfleiß sprichwörtlich geworden: Um ihren kleinen Honigmagen mit Nektar zu füllen, muss eine Biene zum Beispiel 1 500 Kleeblüten anfliegen. Für ein Pfund Honig müssen Arbeitsbienen rund 40 000 Mal ausfliegen und dabei 4 bis 7 Millionen Blüten besuchen. Für ein einziges Glas Honig! Das der diebische Mensch von ihrer Arbeit abzwackt.

Die Biene arbeitet konsequent, sie fliegt nicht planlos allerlei Blümchen an, sondern ist blüten-stet: Beginnt sie morgens mit Birnenblüten, fliegt sie den ganzen Tag nur Birnenblüten an. Auch die Vorräte im Bienenstock sind streng sortiert. Sie weiß, was sie wo unterbringt. Außer Nektar wird auch Pollen gesammelt, der Blütenstaub, der die Proteine und Vitamine für den ganzen Bienenstock liefert. Zwecks besseren Transports lässt die Biene ihn an ihren Hinterbeinen haften, so entsteht das »Pollenhöschen«.

Die Honigbiene ist bekanntlich wehrhaft und lässt in gewissen Belangen nicht mit sich spaßen. Mit ihrem Giftstachel kann sie sich gegen Eindringlinge und Räuber wehren, gegen stockfremde Bienen, Käfer, Motten, Menschen. Sie ist kein zahmes Haustier, sondern bewahrt sich gern ihre ursprüngliche Wildheit. Mit potentiell tödlicher Wirkung – wehe dem, der ihr zu nahe tritt. Wenn Königin, Brut oder Vorräte in Gefahr sind, sticht sie erbarmungslos zu – und bezahlt oft mit ihrem Leben.

Hat der Feind eine elastische Haut, ist er etwa Wirbeltier oder Mensch, sieht es schlecht aus für sie, weil sie den mit Widerhaken versehenen Stachel nicht mehr herausziehen kann. Ein Teil des Unterleibs, der ganze Stechapparat samt Giftdrüse reißen aus: Die Biene muss sterben. Ist der Gegner ebenfalls Insekt und hat einen Chitinpanzer, zieht sie den Stachel wieder heraus und überlebt den Kampf. Aus einer kleinen Drüse sondert die bedrohte Biene ein Alarm-Pheromon ab, um die Schwestern zu mobilisieren. Es hat den Geruch reifer Bananen. In der Nähe des Bienenstocks bringt Bananengenuss dem Menschen sicheren Verdruss: Er löst geradewegs einen Massenalarm aus. Mister Beekeeper meidet wohlweislich Bananen.

Vieles im Wesen der Biene ist rätselhaft, und der Mensch versuchte mit Mythen und Fabeln, den mysteriösen Dingen Sinn zu verleihen. Was nützt eine Stichwaffe zur Verteidigung, wenn sie sich selbstmörderisch gegen die Biene selber wenden kann, wenn sie die Kämpfende das Leben kostet? Der griechische Dichter Äsop (um 620 bis 560 v. Chr.) schrieb die Fabel Die Bienen und Zeus, die erklären will, was der Mensch nicht begreifen kann. Laut Äsop waren die Bienen unzufrieden, dass der Mensch sich ungestraft an ihrem Honigschatz, am Gewinn aus mühseliger Arbeit, vergreifen durfte. Sie flogen zu Zeus und erbaten sich eine wirksame Waffe. Der aber wurde zornig über ihren Neid und ihre Kleinlichkeit, gab ihnen zwar die gewünschte tödliche Waffe, ließ sie jedoch den Besitzerinnen zum Verhängnis werden. Grausamer Zeus! Der die Bienen nur dieses eine Mal bestrafte, ihnen sonst zahlreiche Gaben zugestand. Der Göttervater wird noch von sich hören lassen.

Die Biene hat in Jahrmillionen hochdifferenzierte sensorische und kognitive Fähigkeiten entwickelt. Ein Vorurteil besagt, dass ein winziges Hirn – kleiner als ein Stecknadelkopf – einfach strukturiert sein muss, nur über schematische Problemlösungen verfügen kann. Die Biene aber besitzt ein erstaunliches Gehirn, das ihr ermöglicht, komplexe Informationen zu speichern und abzurufen und sich in riesigen Gebieten zielsicher zurechtzufinden. Das Bienenhirn – zehntausendmal kleiner als das des Menschen! – ist fähig, Aufgaben zu erlernen, von denen man bislang annahm, dass sie ein wesentlich größeres Gehirnvolumen erfordern. Also auch hier lag Herr Herder aus Weimar nicht ganz falsch, als er in den Bienen die »älteren Brüder des Menschen« vermutete.

Sensationell waren im 20. Jahrhundert die Entdeckungen des in Wien geborenen Zoologen Karl von Frisch (1886 bis 1982), der vorwiegend in München lehrte und 1973 gleichzeitig mit dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz den Nobelpreis bekam. Seine Forschungen betrieb er ab 1912 über Jahrzehnte. Zunächst erkundete er das Farbsehen der Bienen, entdeckte, dass die Biene eine Nahrungsquelle an reichen Farb- und Blühmustern erkennt. Zwar ist sie rotblind, verwechselt Rot mit der Nicht-Farbe Schwarz, doch unterscheidet sie die drei Grundfarben Gelb, Blau und Ultraviolett, das für den Menschen unsichtbar, für sie aber die leuchtendste Farbe des ganzen Spektrums ist. Dazu gibt es exotische Mischungen wie »Bienenpurpur« und »Bienenviolett« im Grenzbereich zum Ultraviolett. Zwar sieht sie mit den 6 000 Facetten ihres Auges weniger scharf als der Mensch, die Formen weniger deutlich, dafür Bewegungen markant schneller. Vor ihr entsteht ein Mosaik aus kleinsten Bildteilchen. Einen Gehörsinn hat man bis heute nicht nachweisen können, aber Bienen vermögen Vibrationssignale, Schwingungen zu empfangen. Sie spüren Schall am ganzen Körper mit ihren feinen Sinneshärchen, mit denen sie auch das Magnetfeld der Erde, die Schwerkraft spüren.

Ab 1920 kam von Frisch dann jenem Bereich auf die Spur, dessen aufsehenerregende Entdeckung seither mit seinem Namen verbunden ist: die Tanzsprache der Bienen. Irrtümer und vorerst falsche Schlüsse gehörten zum gewundenen Weg der Erkenntnis, doch 1946 veröffentlichte er seine revidierten, vertieften Einsichten, die in Fachkreisen zunächst ungläubig aufgenommen wurden. Man hielt den Mann schlicht für einen Phantasten. Seine These: Bienen kommunizieren lebhaft untereinander, sie haben eine Sprache mit abstrakten Symbolen – genau das, worüber sonst nur intelligente, »höhere« Wesen verfügen.

Mittels Glaswänden konnte Karl von Frisch das seltsame Geschehen beobachten. War eine Kundschafterin in den Bienenstock zurückgekehrt, hatte den Nektar hervorgewürgt und abgeliefert, begab sie sich auf eine der senkrecht hängenden Waben, um zu »tanzen«. Sie bringt mit ihrer Flugmuskulatur die Zellenränder zum Vibrieren und verkündet so: Der Tanz beginnt. Weitere Bienen kommen jetzt als interessiertes Publikum hinzu. Zunächst der »Rundtanz«: einmal im Kreis herum, dann in die Gegenrichtung, dann noch einmal von vorn tänzelt die Heimgekehrte auf den Wachsrändern der Wabenzellen. Die herbeigeeilten Bienen laufen der Tänzerin hinterher und berühren in diesem Bienenballett immer wieder mit den Fühlern deren Körper.

Oder dann ein anderes Muster, der »Schwänzeltanz«. Er vollzieht sich in Form einer Acht: erst ein Kreis, dann ein Stück geradeaus, dann ein zweiter Kreis in Gegenrichtung. Und auf dem geraden Weg in der Mitte der Acht schwänzelt das Insekt mit dem Hinterleib. Das hört sich wunderbar albern an. Von Frisch spekulierte zunächst über eine Unterscheidung zwischen Nektar und Pollen bei den beiden Tanzarten. Ein Irrtum, zu dessen Behebung er nochmals Jahre einsetzte. Es geht bei den Bienentänzen um eine ganze Reihe von Informationen: Qualität der Futterquelle, Art und Ort der Blüten, Richtung in Bezug auf den Sonnenstand, genaue Distanz. Die aufmerksamen Bienen im Publikum kapieren schnell, fliegen sofort los und finden zielsicher den Futterschatz. Als weitere Navigationshilfe dient eine Duftdrüse am Hinterleib der vorausfliegenden Entdeckerin. Getanzt wird nur, wenn eine ergiebige Nahrungsquelle entdeckt wurde. Ohne Blütenmeer kein Ballett!

Der Rundtanz meldet einen einschlägigen Fund im Nahbereich, innerhalb von fünfzig Metern vom Bienenstock. Die Nachtänzerinnen erfahren am Körper der Heimgekehrten den genauen Duft der Blüte – durch Berühren des Hinterleibes. Denn Geruchswahrnehmung ist bei ihnen an den Tastsinn gekoppelt, sie »riechen plastisch«, die Fühler sind Träger des Geruchsorgans. Unglaublich: Bienen können den spezifischen Duft unter rund 750 anderen herausriechen. Ein phänomenales Duft-Sensorium!

Für längere Distanzen bis zu zehn Kilometer braucht es zusätzliche Informationen, kommuniziert durch den Schwänzeltanz. Die Biene tanzt ihn so, dass der gerade Mittelgang zwischen den Kreisen der gezeichneten Acht zur senkrechten Wabe einen bestimmten Winkel bildet, der präzise den Winkel zwischen dem Sonnenstand und der Richtung der begehrten Nahrung wiedergibt. Die Biene benutzt die Sonne als Kompass. Die Distanz wird ebenfalls in der Schwänzelphase der Tanzfigur kodiert. Bei einem Abstand von 100 Metern zur Futterquelle folgen die Wendungen rasch aufeinander, die Tänze sind hastig. Je größer die Entfernung, desto gemessener und nachdrücklicher wird die Schwänzelsprache.

Was ist, wenn die Sonne nicht sichtbar ist? Dann orientieren sich die Bienen am polarisierten Himmelslicht, dessen Schwingungsrichtung sie wahrnehmen können. Ein kleines Stück blauen Himmels genügt ihnen zur Feststellung des Sonnenstandes. Ist der Himmel dick mit Regenwolken verhangen, fliegen sie heute mal lieber nicht aus. Bienen haben einen erstaunlich präzisen Zeitsinn, eine »innere Uhr«. Auch im dunklen Bienenstock wissen sie, »wie spät es ist«. Ihre innere Sonnenuhr läuft immer mit. Kennen sie die Richtung der am Morgen angeflogenen Futterquelle, finden sie deren Ort anhand des Sonnenstandes auch am Nachmittag wieder. Sie finden den Futterplatz, auch wenn sie einen Berg umfliegen müssen. Lauter summende kleine Hautflügler-Kompässe, gelenkt vom Sonnenstand. Im Flug werden auch Landmarken registriert, Waldränder, markante Einzelbäume.

Im Jahr 1988 verblüffte ein Forscherteam mit der Entdeckung, dass Bienen bei ihren Flügen eine geistige Landkarte