Das Mädchen auf der Treppe - Margareta Simm - E-Book

Das Mädchen auf der Treppe E-Book

Margareta Simm

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14,99 €

Beschreibung

Es ist das Jahr 1952. Der achtzehnjährige Leo verliebt sich in seine junge Stiefmutter Irma, die seine leidenschaftliche, ungestüme Zuneigung erwidert. Obwohl er seinem Vater gegenüber dadurch in einen unerträglichen Konflikt gerät, will er seine Liebe zu Irma nicht aufgeben. Auch diese leidet unter der Zerrissenheit ihrer Gefühle, will keinen verlieren, weder ihren Ehemann noch Leo. Und so bleibt vieles unausgesprochen. In dieser Familienkonstellation wächst das junge Mädchen Greta heran. Fremd und unverstanden zieht sie sich immer wieder auf die Treppe zurück, wo sie in ihrer eigenen Fantasiewelt lebt. Erst als sie längst erwachsen ist, begibt sie sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit – und entdeckt ein lang gehütetes Geheimnis.

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Seitenzahl: 234

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© für die Originalausgabe und das eBook: 2014 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung

GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagsgestaltung: Wolfgang Heinzel

Umschlagfoto: privat

eBook-Produktion: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten

ISBN 978-3-7766-8201-4

Bescheid wissen bringt Verständnis.

Meinen Kindern

Moritz, Maresa, Antonia

■ LEO

1952

Leo lag wieder in seinem Bett in Schlafsaal drei und konnte nicht einschlafen. Vor einer Stunde etwa hatte er sich mit seinem Bettnachbarn etwas zu laut unterhalten und sie waren beide zur Strafe von Präfekt Johannes aus dem Bett geholt worden. Sie mussten in ihren dünnen Schlafanzügen in der Kälte des Korridors mit den nackten Füßen auf dem Marmorboden stehen. Die Fliesen fühlten sich an wie Eis. Eine Türe öffnete sich und Leo sah die Silhouette von Pater Bernhard, der die Hand hob, wie er sie zuletzt zum Segen in der Abendandacht gehoben hatte. Die Hand deutete jetzt auf Leo und winkte ihn zu sich ins Zimmer. Leos Füße folgten der Hand. Im Internat musste man folgsam sein. Die Füße fühlten einen kratzigen Teppich und wurden aus der Eisstarre erlöst. Sie gingen über den langen Teppich zum Ohrenbackensessel, in den sich Pater Bernhard gesetzt hatte.

Schuldbewusst für seine Störung der Nachtruhe stand Leo vor ihm. Mit einer einzigen Bewegung des Paters hing Leos Schlafanzughose in seinen Kniekehlen. Leo erstarrte und traute sich nicht, die Hose wieder hochzuziehen. ›Ich war unschamhaft, allein, mit anderen‹, ging es durch seinen Kopf. Leo konnte nichts tun, er fühlte die Hand des Paters. Sie segnete seine schamhafteste Stelle. Sie segnete sie dreifach und jedes Mal mit festerem Griff. ›Ich war unschamhaft mit anderen.‹ Von Pater Bernhards Segen hatte Leos Schlafanzughose nun nasse Flecken. Morgen Nachmittag erst konnte Leo beichten. Könnte die Beichte ihn wirklich von seiner Schuld befreien? Könnte er dann wieder schlafen?

›Ich war unschamhaft, in Gedanken.‹ Leo schreckte hoch, jetzt war er kurz eingeschlafen und sogar im Schlaf sündigte er weiter. Seine Träume waren mehr als nur Gedanken, sie waren wie verbotene Filme. Im Traum war er gerade dicht neben der Geliebten seines Vaters gesessen und hatte seinen Kopf an ihre Schulter gelegt, ganz nah am weiten Ausschnitt ihres Sommerkleides.

Leo war nun das siebte Jahr im Internat. Niemand fragte ihn, wie es ihm hier eigentlich ging. Im Gegenteil. Immer hatten die anderen schon eine Antwort für ihn bereit, bevor sie fragten. Immer wieder hörte er, was es für ein Glück sei, hier eine besondere Ausbildung zu bekommen. Wie gut, dass sein Vater für das Kloster arbeiten durfte und so der Platz im Internat für ihn gesichert war. Ja, er hatte einen Platz, aber er hatte kein Zuhause. Ein Zuhause hatte er nur als Kind gehabt. Bis er zehn Jahre alt war, waren ihm Vater und Mutter immer nah gewesen und er hatte sich als Mittelpunkt gefühlt.

Besonders auf ihren Sonntagsspaziergängen, an seiner linken Hand die Mutter und an seiner rechten Hand der Vater. Bis er in die Schule gekommen war, konnte er an diesen Händen hoch hinauffliegen.

Nach dem Fliegen kam das Entdecken, das die Spaziergänge so besonders machte. In der Stadt, in der sie lebten, gab es viel zu entdecken. Leo durfte immer entscheiden, wohin sie gingen. So hatte er viel gelernt, als Entdecker zwischen seinen Eltern. Egal was Leo angeschaut hatte, der Vater konnte ihm etwas dazu erzählen. Wenn sie auf ihrem Weg an einer Kirche vorbeikamen, schob der Vater die Türe auf und zog Leo mit hinein. Er zeigte ihm die Bilder an der Decke und an den Wänden und half ihm, alles zu erkennen, was in den Bildern verborgen war.

In der Internatskapelle gab es ähnliche Bilder und Leo sah die Heiligen wie alte Vertraute. Er erinnerte sich genau an die Symbole, die ihm sein Vater gezeigt hatte, um die Bilder zu verstehen. Aber jetzt machte das Entdecken keinen Spaß mehr. Entdecken war immer etwas Gemeinsames gewesen. Hier war er allein.

1945

In seiner Erinnerung aber hatten die wunderbaren Spaziergänge mit seinen Eltern auch eine dunkle Seite. Lange Zeit schon waren die Sonntagsspaziergänge nicht mehr ungestört gewesen. Immer wieder gab es Bombenalarm und die Sirenen unterbrachen jedes Tun. Seine Eltern liefen mit ihm dann schnell zu ihrem Haus zurück oder stellten sich in fremden Häusern in einem Schutzraum unter.

Während des größten Angriffs waren sie nicht in der Stadt, sondern in einem kleinen Dorf. Der Vater brachte einen Koffer voller Werkzeug zu einem befreundeten Bauern und versteckte ihn in der Tenne im Heu. Er ahnte damals, wie er Leo später immer wieder erzählte, dass noch Schreckliches bevorstand. Falls er alles überleben sollte, wollte er weiterarbeiten können und seine Familie mit seiner Arbeit ernähren. Vor dem Krieg gehörte er zu den bekanntesten Gold- und Silberschmieden der Stadt.

Jetzt im Krieg war er verpflichtet worden, in einer Waffenfabrik zu arbeiten. Täglich musste er winzige Teilchen zusammenfügen, die für sich alleine wie filigrane Kunstwerke aussahen, die aber zusammengebaut zu gefährlichen Waffen wurden. Immer wieder stellte er sich vor, dass sie einen Menschen töten würden. Er fühlte sich schuldig. In seiner Ohnmacht schlug er mit der Faust auf seinen Arbeitstisch und schleuderte mit einer Armbewegung alles auf den Boden. Glasgefäße zerbrachen, Säure verätzte seine Hose, Öl verbreitete sich langsam über alle Teile. Nur die Lötflamme war auf dem Tisch stehen geblieben und brannte weiter. Wie ein Ewiges Licht.

Sofort wurde der Vater mit festen Griffen von seinem Arbeitstisch gezerrt. Der sensible Künstler, der sich vor Weihnachten einen Tannenzweig und eine Kerze an sein Fenster stellen wollte, jetzt war er zu weit gegangen: Arbeitsverweigerung und Zerstörung von Kriegsmaterial. Dafür musste er angezeigt und bestraft werden. Vorläufig wurde er in einen Kellerraum der Fabrik gesperrt. Er kam jedoch wieder heraus, bevor er der nächsten Instanz vorgeführt werden konnte. Oben stagnierte die Produktion, denn keiner hatte die Fingerfertigkeit wie er, um die Arbeit an seinem Platz zu übernehmen.

Während des größten Angriffs also waren Leo und seine Eltern außerhalb der Stadt gewesen und hatten aus der Ferne den hellen Schein der brennenden Stadt gesehen. Nach zwei Tagen gingen sie zurück. Es gab sie nicht mehr, die Stadt, in der sie spazieren gegangen waren. Es gab ihr Haus nicht mehr, nur noch einen Zugang zum Luftschutzkeller. Die Eltern gingen voran in den Keller, wurden im dunklen Raum erkannt und von einigen Personen stumm umarmt. Ein Loch in der Decke ließ einen trüben Lichtschein in den Raum fallen. Am Ende der Lichtspur setzte die Mutter sich mit Leo zu einem Nachbarn auf eine Bank.

Schon wieder waren die Sirenen zu hören. Der Vater wollte wieder hinausgehen, blieb aber an der Treppe stehen. Plötzlich waren Schüsse auf der Straße zu hören. Zwei Mädchen stürmten die Treppe hinunter und schrien: »Sie erschießen alle auf der Straße.«

Dann waren die Schüsse im Keller. Blitzschnell und zugleich zeitlupenlangsam. Die Mutter packte Leo, warf ihn auf den Boden und fiel über ihn. Schwer lag sie auf ihm. Leo konnte sich nicht bewegen.

»Sie ist getroffen, hier am Kopf!«, hörte Leo jemanden sagen. Sie wurde hochgehoben und Leo stand unsicher auf. »Der Kleine hat nichts abbekommen.« Es herrschte Totenstille.

Die Schüsse waren vorbei, als wären sie nie gewesen. Aber sie hatten seine Mutter getroffen. Die anderen legten sie auf eine Decke und trugen sie weg. Der Nachbar hielt Leo fest, er sollte zu seiner Sicherheit im Keller bleiben. Seinen Vater sah er nicht. Leo spürte einen krampfenden Schmerz und musste sich übergeben. Der Nachbar stieß ihn weg und schlug ihm auf den Rücken. »Musst du hier jetzt auch noch kotzen.«

Leo stolperte zur Treppe, versuchte das Würgen aufzuhalten, kroch auf allen vieren die Stufen hinauf und fiel neben dem Ausgang über einen Steinhaufen. Er lag da, bekam keine Luft und es würgte ihn wieder im Hals. Alles war verätzt, die Luft verbrannt, seine Gedanken ausgelöscht.

Von weit her hörte Leo »der Bub atmet noch« und langsam merkte er, dass jemand ihn damit meinte. Er hörte die Männerstimme sagen, seine Mutter hätte ihn gerettet, weil sie sich auf ihn geworfen hatte. Sonst hätte es ihn erwischt.

Leo wollte seine Mutter sehen und rannte los. Obwohl alles in Schutt lag, erkannte er den Weg zu seiner Schule. Vor Wochen schon hatte man dort ein Lazarett eingerichtet. Ein Teil des Schulgebäudes war nicht zerstört und seine Mutter war tatsächlich hierhergebracht worden. Leo konnte sie kaum erkennen, ihr Kopf war mir Tüchern abgedeckt und ihr Gesicht nur wenig zu sehen.

»Mein kleiner Entdecker, ich wusste, dass du kommst! Mir geht es so schlecht. Mach alles gut, mein Kind, vergiss mich nicht und pass auf deinen Vater auf.«

Leo warf sich zu ihr auf das Lager und spürte ihre Hand auf seinem Rücken. Ihre Hand gab ihm das Gefühl, dass alles wieder gut werden würde. Fest drückte er sich an seine Mutter, seine Augen brannten, er zitterte. Es wird alles wieder gut. Da rutschte die Hand von seinem Rücken und seine Mutter antwortete ihm nicht mehr.

»Sei nicht traurig, sie war über deine Geburt sowieso nicht glücklich, weil sie dabei beinahe gestorben wäre.«

Immer wieder hatte Leo diesen Satz im Kopf. Sein Vater hatte ihn zu ihm gesagt. Irgendwann in diesen endlosen Stunden, die er hinter oder neben dem Vater herlief und sie »auf der Flucht« waren. Zuvor hatten sie seine Mutter begraben. Sein Vater hatte mit einem Mann auf dem alten Friedhof ein Grab ausgehoben. Leo hatte seine Mutter nicht mehr gesehen, nur durch die Ritzen der groben Kiste hatte er geschaut und er war sich sicher, er hatte ihre Hand gesehen. Ganz hell und leuchtend. Es wird alles wieder gut. Auch ein Kreuz hatte der Vater zusammengenagelt und es auf das zugeschüttete Grab gestellt. Zu Leos Überraschung hatte der Vater noch ein kleines Schild aus seiner Jackentasche gezogen, auf dem er den Namen seiner Mutter eingraviert hatte. Das Blech dafür hatte er im Schutt gefunden. ANNA stand darauf, ganz gleichmäßig und in Großbuchstaben. Leo ließ die Schrift mit zusammengekniffenen Augen verschwimmen und konnte MAMA lesen. Gestorben am 25. März 1945. Kurz nach seinem 10. Geburtstag. Geboren war sie 1910 und Leo rechnete, dass sie jetzt 35 Jahre alt war. Dann war sie 25, als er geboren wurde. Es freute ihn, dass alle Zahlen aus dem Fünfer-Einmaleins waren, denn er und seine Mutter waren sich einig gewesen, dass das Fünfer-Einmaleins das schönste, das ordentlichste sei. Fünf oder Null. Entweder oder. Alles endet gut.

›Es endet alles gut‹ – das war sein Laufrythmus geworden. Immer hinter seinem Vater her, alle vier Schritte und wieder von vorne. ›Es endet alles gut.‹ Als sie Rast machten, fiel Leo heraus aus seinem Rhythmus und aus seinem Satz.

Nichts war gut, seine Mutter war nicht mehr da. Sein Magen zog sich zusammen, es würgte ihn. Immer wenn er seine Mutter vermisste, wurde ihm schlecht. In dieser Situation war es gewesen, dass der Vater ihm den schrecklichen Satz gesagt hatte. Er hatte ihn trösten wollen, aber für Leo fühlte es sich an, als wollte der Vater seine Mutter ermorden. Ging es, jemanden, der schon tot war, noch mehr umzubringen? Leo wollte es nicht zulassen. »Pass auf deinen Vater auf«, hatte seine Mutter zuletzt zu ihm gesagt. Hatte sie zum Vater gesagt, er solle Leo sagen, sie hätte ihn nie gemocht? Das konnte nicht sein, sie hatte ihn doch gerettet. Vielleicht hätte er besser sterben sollen, vielleicht mochte ihn sein Vater auch nicht. Hätte sein Vater lieber LEO auf das Kupferschild geschrieben? Dann wären sie ihn los gewesen und die Eltern, die dann keine Eltern mehr wären, würden jetzt zusammen auf der Flucht sein. Leo versuchte einige Male zurückzubleiben, vom ›Hinter-den-Busch-müssen‹ einfach nicht zurückzukommen. Aber der Vater wartete immer und suchte sogar nach ihm. »Dich darf ich jetzt nicht auch noch verlieren!«

›Auf der Flucht, auf der Flucht.‹ Leo merkte, dass er seinen Schritten neue Worte gegeben hatte. Und je öfter er den Schritt ›Flucht‹ machte, umso eigenartiger kam ihm dieses Wort vor. Er ließ am Ende das ›t‹ weg und war überzeugt, nun die eigentliche Bedeutung dieses ewigen Dahinlaufens entdeckt zu haben, von dem er nicht einmal wusste, wo es eigentlich hinführen sollte. Der Vater sprach immer von einem Hof, wo es Platz für sie gäbe.

Auf einem Hof waren sie schon gewesen. Das war der Hof, bei dem der Vater seinen Koffer mit dem Werkzeug versteckt hatte. Dort hatte es aber keinen Platz für sie beide gegeben. Stattdessen nur drei schrumpelige Äpfel, die er jetzt in seinem Rucksack trug. Mit dem Vierer-Einmaleins stellte er Gedanken an, wie lange sie reichen würden, wenn er alle in vier Stücke teilen würde und nur jeden Mittag einen Schnitz essen würde und einen seinem Vater geben würde. Am Mittag einen Schnitz zu essen, war besser als bereits einen am Morgen, denn dann konnte er am Vormittag gut mit der Vorfreude auskommen. Wenn er dann am Mittag doch nur einen Biss, also den halben Schnitz, nehmen würde und ihn auch nicht gleich zerbeißen, sondern lutschen würde, mit dem Speichel im Mund Apfelsaft herstellen würde, dann könnte er mit der zweiten Hälfte des Viertels am Nachmittag, eigentlich den ganzen Tag über Apfel essen.

Gegen einen Silberlöffel, den der Vater in einer seiner vielen Manteltaschen versteckt hatte, hatte er einen alten Leiterwagen eingetauscht. So musste er den schweren Koffer nicht schleppen. Das rechte Hinterrad war schon nach kurzer Zeit von der Achse gesprungen und der Vater hatte den kaputten Bolzen notdürftig mit einem Nagel ersetzt. Leo lief hinter dem Wagen her, und wenn er sah, wie das Rad eierte, wusste er, dass er nicht zu fragen brauchte, ob er im Wagen sitzen dürfte. ›Auf der Flucht‹ – Schritt um Schritt. Der Vater hatte sicher nicht den Mut, ihm den wahren Grund zu sagen, die Flucht ohne ›t‹. Denn wovor waren sie denn auf der Flucht? Warum gingen sie weg vom Grab seiner Mutter? Dort wäre er gerne geblieben. Würde er das Grab überhaupt wiederfinden, wenn sie immer weiter weggingen? Der Weg war für Leo ein Fluch.

Vier Tage waren sie bereits unterwegs, als sie in einen Ort kamen, an dessen Hauptstraße ein Schild stand, auf dem Leo lesen konnte, dass es vierzig Kilometer bis zur Stadt waren, in der sie losgegangen waren. Er war erstaunt, denn er dachte, sie wären mindestens hundert Kilometer gegangen. Aber gleichzeitig war er froh, vierzig Kilometer waren nicht so weit und vierzig war eine gute Zahl, denn sie ließ sich durch vier und durch fünf teilen. Also ein gutes Zeichen. Außerdem war es beruhigend, dass sie in einer Gegend waren, in der der Name ihrer Stadt noch auf den Wegweisern stand.

Der Vater hatte herausgefunden, dass die zerbombte Zugstrecke sogar schon wieder hergestellt war und ein Zug am Morgen in die Stadt und einer am Abend in das Dorf zurückfuhr.

Auf dem Hof, von dem der Vater immer gesprochen hatte, hatten sie tatsächlich ein Zimmer bekommen. Ein Zimmer mit einem Tisch, zwei Stühlen, einer Truhe und einem Vorhang. Hinter dem Vorhang stand ein Bett, in dem sie beide, dicht nebeneinander, schlafen konnten. Der Tisch war abwechselnd Vaters Werkstatt, Küche oder Esszimmer. Leo stellte sich einen Stuhl in die Fensternische und nannte ihn Bibliothek. Hier las er immer wieder in dem Buch, das er aus der Schulbücherei ausgeliehen hatte und es nie mehr zurückgeben konnte. Seit dem letzten Familienausflug war es in seinem Rucksack.

Leo wäre gerne in die Schule gegangen, aber der Vater hatte gehört, dass es hier keinen Unterricht gab, da der Lehrer des Dorfes noch nicht aus dem Krieg zurück sei. So gab Leo sich in der Bibliothek am Fenster selbst Unterricht. Auf die leeren Vorsatzpapiere seines einzigen Buches hatte er sich feine Tabellen aller Einmaleinsreihen von zwei bis zwanzig angelegt. Dafür hatte er mit dem Metallwinkel und dem Meterstab des Vaters gearbeitet. So hatte er die Seiten exakt aufgeteilt. Die unbedruckten Ränder einer Zeitung, die in der Truhe gelegen hatte, hatte er abgeschnitten und sich daraus kleine Zettel gemacht, mit Rechenaufgaben auf der Vorderseite und den Lösungen auf der Rückseite. Zu Beginn seines Unterrichts legte er sich die Zettel gut gemischt auf die Fensterbank und zog sich fünf heraus, die er dann lösen musste. Wenn er sich Deutschunterricht gab, musste er die Seite im Buch laut vorlesen, die gerade von selbst auffiel. Wenn es eine traf, die er schon gelesen hatte, musste er fünf Seiten vor oder fünf zurück.

So waren einige Tage vergangen, als sein Vater den alten Leiterwagen aus dem Schuppen holte und das kaputte Rad fachmännisch reparierte. Nun lief es wieder rund. Das sei wichtig, meinte der Vater, denn nun wollten sie ihren Weg fortsetzen. Nach Süden, bis an den Alpenrand. Dann nahm er aus seiner Brusttasche einen Brief und sagte Leo, dieses Schreiben sei das Allerwichtigste, denn das sei eine bischöfliche Empfehlung, wodurch er in verschiedenen Klöstern Aufträge bekommen und Leo in eine Klosterschule aufgenommen werden könnte. Er würde also wieder in eine Schule gehen. Leo freute sich.

Die Reise in den Süden ging schneller als der Weg der Flucht. Immer wieder nahmen sie streckenweise einen Zug. Leo schämte sich, wenn sie den Leiterwagen in einen Zug hoben, denn er fand es nicht richtig, ein Fahrzeug in einem Fahrzeug zu befördern. Eigentlich musste der Leiterwagen doch selbst fahren.

Zweimal übernachteten sie in einem Heustadel neben einem Bauernhof und einmal, nachdem der Vater sein Schreiben hergezeigt hatte, ganz besonders schön in einem weichen Bett in einem Kloster. Leo verstand nun, dass es ein sehr wirkungsvolles Schreiben war, das sein Vater in der Brusttasche seines Mantels hatte. Leo nannte den Mantel des Vaters den Zaubermantel, denn wie oft hatte er nun schon erlebt, dass sein Vater immer genau das Richtige aus einer seiner Manteltaschen hervorholte. Ein Fläschchen echtes Zauberwasser hatte er auch dabei – zusammen mit einem Stein benutzte es der Vater, um anderen zu beweisen, ob etwas aus echtem Gold oder nur mit trügerischem Glanz überzogen war.

Leo fragte sich, ob der Mantel immer schon so viele Verstecke hatte oder ob sie der Vater zusätzlich eingenäht hatte. Er fragte den Vater, der aber fragte zurück: »Welche Taschen?«

Leo merkte, dass er manche Sachen wohl wissen kann, aber nicht danach fragen darf.

Als sie im angekündigten Dorf eintrafen, benutzte der Vater wieder seine Geheimfächer. Zuerst war es ein kunstvoll gefalteter Zettel mit einer Adresse für eine Wohnung, den der Vater am Bahnhof herausholte. Er erklärte Leo, dass er die Adresse von einer Arbeitskollegin bekommen hätte, die auch hierher »geflohen« war und die Leute im Dorf bereits von früher kannte. Leo konnte auf dem Zettel das Wort »Bäckerei« in Großbuchstaben erkennen. Es kam Leo vor, als würde dort »Paradies« stehen. Die Vorstellung, er würde in einem Haus wohnen, in dem es immer nach frischem Brot oder Butterkuchen riechen würde, machte Leo froh. Das hätte seiner Mutter auch gefallen, denn sie ergänzten sich so gut mit ihrem Lieblingsessen: Leo liebte das ganz frische Brot und seine Mutter liebte das ganz harte, alt gewordene, das sie in heißer Milch einweichte. Aber jetzt musste er ja selbst das alte Brot in Milch essen – oder nie eines alt werden lassen. Und als sie in der Bäckerei ankamen, erhielten sie tatsächlich ein Zimmer, direkt über der Backstube.

Die Empfehlungsgrüße auf dem gefalteten Zettel hatten gewirkt. Oder vielleicht hatte das weinrote Samtkästchen mit einer wunderschönen Kette, die Leos Vater gemacht hatte, das Wunder bewirkt. Nachdem die Goldwasserprobe abgeschlossen war, nahm die Bäckersfrau den Schmuck mit verklärtem Lächeln entgegen und drückte ihn mit beiden Händen an ihre Brust.

Der Leiterwagen wurde im Hof abgestellt und der Einzug in das neue Zimmer ging schnell. Es war ähnlich wie das Zimmer auf dem Bauernhof. Aber es gab zwei Betten. Kaum hatten sie das Zimmer besichtigt, gingen sie wieder hinunter auf die Straße und ein Junge aus dem Dorf wurde geschickt, das Fräulein »Verlobte« zu holen. Wieso sagte der Vater das? Es gab keine Verlobte. Seine Mutter war doch gerade gestorben.

Als er seinen Vater fragte, wieso er die Frau aus der Fabrik seine Verlobte nannte, verzog er entschuldigend sein Gesicht und meinte: »Wegen der Leute im Dorf!«

Für Leo war das keine wirkliche Erklärung, aber die Frau schien ihm sehr freundlich. Sie hatte Sommersprossen und rötliche Haare. Als sie zum dritten Mal zu Besuch kam, sprach sie mit ihm über den langen Weg von der Stadt bis in das Dorf. Und er zeigte ihr seine Schulbücher mit den selbstgemachten Lernzetteln. Sie lobte ihn und nahm ihn dafür ein wenig in den Arm. Das war schön. Aber eigentlich sollte das seine Mutter tun. Es würgte Leo und er machte sich schnell frei von den Händen, die er auf seinem Rücken spürte. Es waren nicht die Hände seiner Mutter. Beinahe wollte er es glauben: Alles wird gut. Nein. Lüge. Es war nicht gut. Seine Mutter war tot.

Leo sah, wie der Vater seine Hand auf den Rücken der jungen Frau aus der Fabrik legte. Er konnte seinen Vater nicht verstehen, nur weil die Bekannte aus der Fabrik ihm ein Zimmer vermittelt hatte, verriet er seine Mutter.

Leo schlief nur sieben Mal im eigenen Bett, dann forderte ihn sein Vater auf, seinen Rucksack zu nehmen, denn er würde ihn nun in eine Schule bringen, in der er auch schlafen würde. In ein Internat.

Leo wusste nicht, was ihn erwartete. Er freute sich, dass er wieder in die Schule gehen durfte, aber er stellte es sich schrecklich vor, dort ohne seinen Vater bleiben zu müssen. Wollte sein Vater ihn also doch los sein?

Warum konnte er nicht da bleiben, sie hatten doch jetzt ein Zimmer mit zwei Betten?

1976

Es ist Abend und Leo war auf der Heimfahrt von der Kaserne in »seine Bude«. Obwohl er nun bereits einundvierzig war und sich eine 90-Quadratmeter-Wohnung eingerichtet hatte, dachte er immer noch im Soldatenjargon und fuhr nach Dienstschluss eben heim in »seine Bude«. Leo hatte das Autoradio angestellt und die »Schlager der Woche« übertönten das Motorengeräusch seines geliebten Käfers. Leo ist gut gelaunt und klopft mit dem Zeigefinger den Rhythmus auf dem Lenkrad mit. Er hatte gar nicht auf den Text gehört, als ihn plötzlich die Worte des Sängers erreichten: »Ich war sechzehn und sie war einunddreißig.« Leo fühlte sein Blut in seinen Ohren pulsieren. »Und es war Sommer.« Nein, es war Frühjahr und es war sein achtzehnter Geburtstag. Leo war völlig irritiert von dem Text und hörte »Ich war kein Kind mehr, als Mann sah ich die Sonne aufgehen«. Seine leichte Stimmung war verschwunden. Verdammt, wieso darf hier irgendein Sänger einfach herausplärren, was er seit mehr als zwanzig Jahren in sich begraben hatte?

Leo krampfte seine Hände um das Lenkrad. Nie hatte er mit irgendjemandem darüber geredet. Leo konnte nur schwer atmen, bekam nicht genug Luft. Er lenkte sein Auto auf den Seitenstreifen und kam zwischen zwei Straßenpfosten zum Stehen. Er fühlte einen stechenden Schmerz in seinem Brustkorb. Der Schmerz stieg brennend heiß hoch bis in seinen Kopf. Er stöhnte laut und fiel nach Luft ringend auf sein Lenkrad. Dunkelheit umgab ihn.

Blitze durchzucken das Schwarz. Rasende Geschwindigkeit fegt durch das Dunkel in eine Richtung, die Leo nicht kennt. Tonnenschwer und unbenennbar schnell. Begleitet von einem hohen Ton. Leo fleht den Ton an, ihn nicht zerspringen zu lassen. Er möchte ankommen und sich nicht in dieser unendlichen Dunkelheit verlieren. Er sinkt schneller. Er muss es schaffen, hinunter. Nur die Tiefe kann ihn retten. Er blickt nach unten. Warum ist die Tiefe nicht dunkel? Er braucht die Dunkelheit, um die Höhe der Töne zu dämpfen. Von dort unten kommen die Blitze. Sie fliegen auf ihn zu und ziehen ihn mit großer Kraft nach unten. Weichheit und Aprikosensüße. Leiser Atemwind. Menschen kommen auf ihn zu.

»Können Sie mich hören?«

Leo kennt den Ort nicht, an dem er liegt. Ein sehr heller Ort mit einer Glaskugel über ihm. Leo schließt die Augen wieder, die Helligkeit ist ihm unangenehm. Eine dunkle Stimme weckt ihn auf. Leo sieht auf einen Mann und hört, dass er sich als sein Arzt vorstellt. Er hört ihn wie von weit her sprechen, dass er einen Herzinfarkt überlebt habe, da er zufälligerweise von einer Polizeistreife am Straßenrand entdeckt worden ist. Dass er Glück hatte, da er bei den ersten Anzeichen wohl seinen Wagen noch zum Stehen bringen konnte und dadurch einen Unfall vermieden habe.

Leo fällt ein, dass er gerade Dienstschluss hatte und auf dem Heimweg war. Aber irgendwie war das hier alles ein Umweg.

Berufliche Überlastung, ungesunde Lebensführung, seelische Probleme. Die Erklärungen des Arztes zu seinem Herzinfarkt gingen Leo durch den Kopf. Er liebte seinen Beruf und empfand ihn nie als Belastung. Er war Nichtraucher, also konnte seine Lebensführung in diesem Punkt schon nicht ungesund sein. Sein liebstes Getränk war Milch. Alkohol war immer nur ein Zugeständnis, wenn es um das Anstoßen bei irgendwelchen Geburtstagsfeiern ging. Ansonsten konnte er sich als Antialkoholiker bezeichnen. Dreimal in der Woche machte er einen Geländelauf von mindestens einer halben Stunde. Leo lebte gesund. Und seelische Belastungen? Konnte etwas, das mehr als zwei Jahrzehnte zurücklag, ihn heute noch so belasten, dass es einen Infarkt auslöste?

In den Tagen, die er nun hier in der Klinik lag, dachte er immer wieder an die seltsame Koinzidenz von seinem Infarkt und dem Lied im Radio, an das er sich als Letztes erinnerte. Er nahm sich vor, kommenden Freitag wieder »die Schlager der Woche« zu hören. Wenn das Lied nicht mehr in der Hitparade sein sollte, würde er zu seinem Musikalienhändler gehen und nachfragen. Er würde dann vorgeben, den Titel für jemanden als Geschenk zu suchen, denn sein geschätzter Berater in Jazzfragen würde sich ansonsten über seine triviale Geschmacksverirrung wundern.

Etwas zu beichten, aufrichtig zu bereuen und anschließend nicht mehr darüber zu sprechen, das machte jedes Vergehen wie ungeschehen. Nach diesem Leitsatz seiner Internatserziehung hatte er gelebt. Jetzt war auf einmal alles wieder in seinem Kopf, was längst gebeichtet und sonst nie ausgesprochen worden war. Jedoch auch nie bereut. Vielleicht lag es daran.

Wie konnte er nur in solch einen emotionalen Strudel gekommen sein? Er fühlte sich aus der Bahn geworfen. So etwas war ihm nicht einmal beim Tod seines Vaters vor vier Jahren passiert. Seine Erinnerungen beherrschten ihn und es gelang ihm nicht mehr, sie auszublenden. Erinnerungen an größtes Vergehen und größte Erfüllung zugleich. Erinnerungen an das Jahr vor seinem Abitur.

1953

Leos Vater hatte geheiratet: die »Bekannte aus der Fabrik«. Leo wollte keine Stiefmutter und den Platz seiner Mutter neben dem Vater sollte niemand einnehmen. Das hatte sich seine Mutter doch kurz vor dem Sterben von ihm gewünscht, als sie zu ihm gesagt hatte, er solle auf den Vater aufpassen. Was sonst hätte sie gemeint haben können bei ihrer Bitte: »Halte meinen Platz in Ehren!« Leo hatte die Hochzeit nicht verhindern können, denn er hatte nichts davon gewusst. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als diese Heirat für sich zu ignorieren. »Vielleicht«, dachte Leo, »ist sie sogar ungültig, da die beiden evangelisch geheiratet haben und der Vater doch katholisch ist!«

Leo nannte die Frau seines Vaters »die Geliebte«. Sie so zu nennen behagte ihm, denn es klang für ihn, als wäre es ihre besondere Eigenschaft, Geliebte zu sein. An dieser Eigenschaft wollte er teilhaben. Die vertrauten Kinderspiele mit ihr, die Kitzelüberfälle, waren für Leo eines Tages umgeschlagen von atemlosem Lachen in wohlige Erregung. Leo hatte ihre Hand genommen, um das Kitzeln zu beenden. Sie hatte innegehalten und sich gleichzeitig sachte an ihn gelehnt. Sie erlebten einen Augenblick gemeinsamer Nähe. Von da an war sie in seiner Fantasie zu seiner Geliebten geworden und er konnte sie nicht aus seinem Denken und Fühlen verbannen. Ständig war er beherrscht von einem Sehnen nach ihr.

Um abends im Schlafsaal in seinen Gedanken ungestört mit ihr zusammen sein zu können, hatte er sich angewöhnt, mit dem Kopf unter dem Kopfkissen zu schlafen. Das schwere Federbett schirmte alle Geräusche von außen ab und gab ihm einen Raum, in dem er nichts anderes hörte als ihre Stimme, die ihm Sachen sagte, die Leo außerhalb des Kopfkissens niemals auszusprechen wagte.

Da er unter seinem Bettenberg als schlafend galt, wurde er nie mehr als Unruhestifter auf den kalten Korridor gestellt und auch nicht in wärmere Zimmer geholt. So schützten Leo seine unschamhaften Gedanken vor den unschamhaften Übergriffen anderer.