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Der erste Fall für Profilerin Sasza Załuska
Nach einem Aufenthalt im Ausland kehrt die Profilerin Sasza Załuska zurück in ihre Heimatstadt Danzig. Sie hat beruflich und privat viel durchgemacht. Eine verdeckte Ermittlung endete in einer Katastrophe. Verbrennungen und das Trauma einer Geiselnahme blieben zurück. Nun soll Schluss sein mit Verbrechen und unstetem Leben. Sasza erhofft sich ein ruhiges Dasein an der Seite ihrer kleinen Tochter. Doch kaum in Danzig angekommen, erhält sie einen lukrativen Auftrag: Der Inhaber eines Musikclubs bittet sie, die Hintergründe von wiederholten Erpressungen und Morddrohungen aufzudecken. Für die Ermittlerin eine vermeintlich einfache Aufgabe. Kurz darauf gibt es einen Anschlag auf den Club, bei dem ein Mensch stirbt. Sasza Załuska beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen. Eine Entscheidung, die sie bald bereut.
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Seitenzahl: 786
Veröffentlichungsjahr: 2017
Zum Buch
Nach einem Aufenthalt im Ausland kehrt die Profilerin Sasza Załuska zurück in ihre Heimatstadt Danzig. Sie hat beruflich und privat viel durchgemacht. Eine verdeckte Ermittlung endete in einer Katastrophe. Verbrennungen und das Trauma einer Geiselnahme blieben zurück. Nun soll Schluss sein mit Verbrechen und unstetem Leben. Sasza erhofft sich ein ruhiges Dasein an der Seite ihrer kleinen Tochter. Doch kaum in Danzig angekommen, erhält sie einen lukrativen Auftrag: Der Inhaber eines Musikclubs bittet sie, die Hintergründe von wiederholten Erpressungen und Morddrohungen aufzudecken. Für die Ermittlerin eine vermeintlich einfache Aufgabe. Kurz darauf gibt es einen Anschlag auf den Club, bei dem ein Mensch stirbt. Sasza Załuska beschließt, sich der Sache anzunehmen. Eine Entscheidung, die sie bald bereut.
Zur Autorin
Katarzyna Bonda, 1977 in Hajnówce geboren, arbeitete nach ihrem Studium der Publizistik an der Universität Warschau mehrere Jahre als Journalistin und Dokumentarfilmerin, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 2007 debütierte sie mit dem Roman Sprawa Niny Frank (Der Fall Nina Frank), für den sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Weitere Romane sowie zwei Sachbücher folgten. Katarzyna Bonda zählt heute zu den meistverkauften Autorinnen Polens. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Warschau.
K A T A R Z Y N A
B O N D A
DAS
MÄDCHEN
AUS DEM
NORDEN
THRILLER
Aus dem Polnischen von Paulina Schulz
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
Pochłaniacz bei Muza, Warschau
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Copyright © 2014 by Katarzyna Bonda
Copyright © 2017 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Leena Flegler
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Motivs von shutterstock/Velishchuk Yevhen
Satz: Leingärtner, Nabburg
e-ISBN 978-3-641-19080-4V001
www.heyne.de
Nach Empedokles besteht die Schöpfung aus vier Wurzeln aller Dinge, auch Urstoffe, Grundsubstanzen oder Elemente genannt: Feuer, Wasser, Erde, Luft.
Diese Elemente sind ewig existierend, unentstanden und unveränderlich, denn das, was ist, vergeht nicht. Andererseits existiert die Wandlung, der ewige Kreislauf, denn es entsteht nichts, das anfangs sterblich wäre, und der Tod ist kein Ende aller Dinge. Es gibt lediglich das Vermischen und den Austausch dessen, was vermischt ist. Durch die Mischung entsteht die Vielfalt der Stoffe.
Most things may never happen: this one will.
PHILIP LARKIN, AUBADE
Denn die Menschen konnten die Augen zumachen vor der Größe, vor dem Schrecklichen, vor der Schönheit und die Ohren verschließen vor Melodien oder betörenden Worten. Aber sie konnten sich nicht dem Duft entziehen. Denn der Duft war ein Bruder des Atems.
PATRICK SÜSKIND, DAS PARFUM
Prolog
Winter 2013, Huddersfield
»Sasza?«
Die Stimme – rau, herrisch – gehörte einem Mann. Sie durchforstete ihre Erinnerungen nach Gesichtern, die zu der Stimme passen könnten, als der Mann beschloss, ihr auf die Sprünge zu helfen.
»Sasza Załuska? Hast du dir das selbst ausgedacht?«
Vor ihren Augen flackerte eine Bildersequenz auf. Sie sah das Gesicht eines Offiziers vor sich.
»Das ist mein richtiger Name.«
»Schade. Dabei bist du so ein feines Mädchen.«
Sie hörte, wie er an einer Zigarette zog.
»Ich arbeite nicht mehr«, sagte sie entschieden. »Weder für dich noch für sonst jemanden.«
»Du hast vor, bei einer polnischen Bank anzufangen.« Der Mann lachte kurz auf. »Du gehst im Frühling nach Polen zurück. Ich weiß alles über dich.«
»Ganz sicher nicht.«
Sie hätte auflegen sollen, doch er hatte ihre Neugier geweckt, und sie ließ sich auf das Spielchen ein. Wie immer.
»Was stört dich daran? Ich will nur auf ehrliche Art und Weise meinen Lebensunterhalt verdienen.«
»Oh, so kämpferisch? Und? Glaubst du allen Ernstes, dass dein Gehalt für eine Wohnung in der Nähe des Grand Hôtel ausreicht? Was musst du dafür hinlegen? Zweitausend? Woher willst du denn die Kohle nehmen?«
»Geht dich nichts an.«
Sie spürte, wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten. Woher konnte er das alles wissen? Abgesehen von ihrer Familie hatte sie niemandem davon erzählt.
»Außerdem – nachdem du ja offensichtlich meine Nummer kennst, weißt du bestimmt sowieso, wo ich wohne und wo ich demnächst hinziehe. Mir war klar, dass irgendjemand das rausfinden würde. Wie auch immer, meine Antwort lautet Nein.«
»Und wovon willst du deine Tochter ernähren?« Er hatte offenbar vor, sie zu provozieren. »Was für eine Überraschung! Unser Däumelinchen ist Mutter geworden – wer hätte das gedacht! Und wer ist der Vater? Dieser Professor? Aber was die Bank angeht: Ich wär mir nicht so sicher, dass sie dich tatsächlich nehmen. Kommt drauf an, ob du mit uns zusammenarbeitest …«
Sasza biss die Zähne zusammen und zwang sich zur Ruhe.
»Was willst du?«
»Bei uns ist eine Stelle frei.«
»Ich hab’s doch gerade gesagt: Ich arbeite nicht mehr für euch.«
»Wir sind größer geworden. Die Ansprüche sind jetzt höher. Und die Arbeit ist sauberer. Bei uns musst du keine Bankkunden bedienen.« Dann wurde er wieder ernst. »Ein Kollege hat mich gebeten, ihm jemanden mit Erfahrung und mit Englischkenntnissen zu empfehlen, und da musste ich an dich denken …«
»Ein Kollege?« Sie holte tief Luft, zählte bis zehn – und hatte urplötzlich Lust auf einen Wodka. Sie scheuchte den Gedanken beiseite. »Unser Kollege … oder deiner?«
»Keine Sorge, du wirst zufrieden sein.«
Sasza legte das Handy beiseite und trat an die angelehnte Kinderzimmertür. Karolina lag bis zum Hals unter der Decke, hatte die Arme ausgebreitet und atmete durch den Mund. Jetzt würde nicht einmal mehr laute Musik sie aufwecken.
Sachte zog Sasza die Tür wieder zu. Dann griff sie nach der Zigarettenschachtel und machte das Wohnzimmerfenster auf. Mit der Zigarette in der Hand nahm sie die menschenleere Straße in Augenschein, konnte aber niemanden entdecken. Nur die Katze der Nachbarn huschte durch das offene Tor in den Garten.
Sie ließ die Jalousie herunter und stellte sich mit dem Rücken ans Fenster, griff wieder zum Telefon und blies den Rauch direkt in den Hörer. Der Mann am anderen Ende schwieg, doch insgeheim war sie davon überzeugt, dass er selbstgerecht grinste.
»Du stehst natürlich unter Schutz, nicht so wie damals«, versicherte er ihr.
Eine Weile herrschte Stille. Als Sasza endlich weitersprach, war ihre Stimme scharf und ließ keinen Raum für Zweifel.
»Sag dem Kollegen schönen Dank, aber ich bin nicht inter-essiert.«
»Bist du dir sicher? Weißt du, was das für dich bedeutet?«
Sasza schwieg. Dann gab sie sich einen Ruck.
»Ruf mich nie wieder an.«
Sie wollte schon auflegen, als der Mann erneut das Wort ergriff. Diesmal klang er beinahe sanft.
»Du weißt, dass ich jetzt bei der Mordkommission bin?«
»Wie kommt’s? Dafür hast du dich doch wohl kaum selbst gemeldet. Wurdest du degradiert?« Sie konnte ihre Genugtuung nicht verhehlen.
»Spielt keine Rolle«, erwiderte er ausweichend. »Noch zwei Jahre, und ich gehe in Pension.«
»Das hast du doch schon mal gesagt. Ich weiß nicht mal mehr, wann das war – irgendwann. Ewig her.«
»Du hast wie immer recht, Milena.«
»Vergiss Milena. Eine Milena hat es nie gegeben.«
»Däumelinchen ist am Ende bei ihrem Maulwurf gelandet – und du? Wie auch immer … Ich würd mich freuen, wenn du zurückkämst. Es gibt hier Leute, die dich echt vermissen. Sogar ich hab ein paar Tränchen vergossen. Aber ich hab drauf gewettet, dass du wiederkommst.«
»Und was war dein Wetteinsatz? Wie viel war ich dir wert? Eine Flasche Whisky? Oder mehr als das?«
Sie schluckte. Sie sollte schleunigst etwas essen. Hunger, Wut, Überarbeitung. Das musste sie vermeiden.
»Einen ganzen Kasten. Wodka.«
»Du hast Frauen noch nie zu schätzen gewusst«, sagte sie, obwohl es ihr in Wahrheit schmeichelte. »Ich geh jetzt schlafen. Diese Telefonnummer gibt es ab sofort nicht mehr.«
»Das Vaterland wird bittere Tränen vergießen, Kaiserin.«
»Pech für das Vaterland. Ich nicht.«
Winter 1993
Als der Wasserdampf sich allmählich verzog, tauchten nach und nach die Körper der Turnerinnen auf. Oberschenkel, Hintern. Hier und da konnten sie sogar einen Blick auf knospende Brüste erhaschen. Allerdings würden sie nicht lange auf dem Mauervorsprung stehen bleiben können: Die Beine schliefen ihnen ein, und es gab dort nichts, woran sie sich hätten festhalten können. Deswegen unternahmen sie diese Ausflüge auch immer zu zweit: um einander abzustützen.
Heute hatten sie ausnahmsweise einen Dritten dabei. Nadel. Wie immer er in Wahrheit hieß. Allerdings durfte er nicht mitgucken. Er musste Schmiere stehen und konnte sich freuen, dass er überhaupt mit ihnen herumziehen durfte. Immerhin war Nadel ein Jahr jünger.
Jedes Mal zogen sie Streichhölzer, wer als Erster schauen durfte. Dann suchten sie sich eine Favoritin aus und schwiegen anschließend die halbe Nacht darüber, während Marcin nebenher Gitarre spielte, nicht sonderlich gut und eigentlich auch nur eine Handvoll Songs: »Rape me«, »In Bloom«, »Smells Like Teen Spirit« von Nirvana oder eine Ballade von My Dying Bride. Nach einer Weile legte er das Instrument zur Seite und summte irgendetwas vor sich hin, eine eigene Komposition, eine Mischung aus Gedicht und Lied. Die Pillen mit dem Asterix-Bild und ein bisschen Gras halfen ihm dabei, kreativ zu sein.
Heute waren sie zum genau richtigen Zeitpunkt aufgetaucht. Bevor die Turnerinnen in der Tür zum Duschraum erschienen waren, hatten die Jungs draußen schon das vergnügte Kichern hören können. Marcin hatte einen Kloß im Hals gehabt. In die Erregung hatte sich die Befürchtung gemischt, dass jemand sein Gesicht im Fenster hinter dem löchrigen Fliegengitter erkennen könnte. Die Scheibe hatten sie bereits vor Wochen ausgeschlagen, und bisher hatte noch niemand ihr Fehlen bemerkt. Nicht mal die Hausmeisterin, die sie in der vergangenen Woche vom Sportplatz gescheucht hatte, weil sie dort geraucht hatten. Die Schläge mit dem Besen spürte er noch immer. Aber es hätte deutlich schlimmer kommen können. Sie hatten es geschafft, über den Stacheldraht zu klettern und das Weite zu suchen, dabei hätten sie ebenso gut im Büro des Direktors des Conradi-Gymnasiums oder sogar auf dem Revier landen können. Die Löcher in ihren Jacken trugen sie wie Wunden nach einer Schlacht stolz zur Schau.
Aufgeregt plappernd strömten die Mädchen in den Duschraum. Ihr Geschnatter füllte die Luft wie das eines ganzen Vogelschwarms. Ihre Stirnen waren feucht vom anstrengenden Training, die Wangen gerötet, die Augen glänzten. Sie lachten, riefen durcheinander. Die meisten zogen sich bereits im Gehen aus, warfen die verschwitzten Trikots auf die Bänke oder auf den Boden vor den Duschen. Träge zogen sie die Haargummis von den Zöpfen.
Zu zweit oder zu dritt gingen sie unter die Dusche, seiften sich gegenseitig ein, zeigten ihre jungen Brüste oder griffen einander zum Spaß an den Po.
Nur eine von ihnen – fast noch ein Kind – stand nach wie vor vollständig bekleidet an der Tür. Als Einzige aus der Gruppe trug sie lange Leggings. Die Arme hatte sie vor dem Bauch überkreuzt. Sie wirkte unsicher, fluchtbereit. Auch sie hatte sich das Haar zu einem Zopf gebunden, nur ein paar lose Strähnen klebten auf den Wangen. Marcin hatte sie noch nie gesehen.
»Komm jetzt runter!«
Przemek schlug ihm so heftig gegens Bein, dass Marcin auf dem Mauervorsprung ins Taumeln geriet.
»Hör auf, du Penner«, raunte Marcin in Przemeks Richtung.
»Eh, Staroń, was ist? Ich bin dran!«
Als Przemek losließ, stand Marcin plötzlich ohne Stütze da. Er wankte kurz, ging leicht in die Knie. Noch ein letzter Blick durchs Fenster. Gierig nahm er die letzten Momente in sich auf.
Sie duschte mit geschlossenen Augen, hatte sich von den anderen abgewandt. Sie hatte zwar das Trikot abgelegt, war aber nicht vollständig nackt. Die weiße Unterhose klebte nass auf ihren Pobacken. Sie war einfach perfekt: dünn, der Bauch beinahe eingefallen, mit deutlich hervorstehenden Rippen. Sie sah aus, als würde sie gleich auseinanderbrechen, als sie sich vorbeugte, um nach der Seife zu tasten. Ihr Becken allerdings war breit: Die Knochen ragten über dem Rand des Slips hervor. Er fand sie großartig. Auch wenn Przemek ihn losgelassen hatte – nein, im Gegenteil: jetzt zerrte er an ihm, um ihn zum Absteigen zu bewegen –, stand Marcin wie vom Donner gerührt da, konnte sich nicht bewegen.
Plötzlich drehte sich das Mädchen zu ihm um. Sah ihn. Aus einem Reflex heraus hob sie die Arme vor den Körper und machte in der Duschkabine einen Schritt zurück. Doch es nutzte nichts – er konnte sie immer noch sehen. Und er war sich sicher, dass er diesen Anblick nie mehr vergessen würde. Den Schwung ihres Arms. Die knochigen Füße. Die langen Zehen. Die schmalen Knöchel. Sie sah verunsichert zu ihm hinauf – und machte dann einen fast tänzelnden Schritt nach vorn. Schloss die Augen, öffnete die Lippen und fuhr sich mit dem eingeseiften Schwamm über den Körper.
Przemek hatte inzwischen vollends die Geduld verloren. Er schlug Marcin so hart gegen die Kniekehlen, dass der Mühe hatte, richtig aufzukommen. Er stolperte, verdreckte sich im Schlamm die neuen Schuhe, die ihm sein Onkel Czesiek aus Hamburg geschickt hatte, dachte aber keinen Augenblick darüber nach, dachte nur noch daran, dass Przemek seine Erektion nicht sehen durfte.
Sein Freund war kaum auf die Mauer geklettert und hatte durchs Fenster gespäht, als er auch schon wie von der Tarantel gestochen heruntersprang.
»Weg hier!« Er war bereits ein Stück gelaufen, als er sich noch einmal umdrehte, und als er sah, dass Marcin immer noch wie angewurzelt dastand, zischte er: »Los jetzt, Mann!«
»Und Nadel?«
»Der kommt alleine klar.«
Przemek lief mit gesenktem Kopf weiter. Erst nachdem sie sich am Ende der ulica Liczmańskiego in Sicherheit gebracht hatten, fragte Marcin: »Was war denn auf einmal los?«
Doch Przemek schüttelte bloß den Kopf.
»Haben sie dich gesehen?«
»Wir gehen da nicht mehr hin.«
Er angelte mit zitternden Händen eine zerknautschte Zigarettenschachtel aus der Hosentasche, und Marcin kicherte nervös.
»Komm, wir holen die Gitarre und machen ein bisschen Musik. Ich hab da noch was Nettes für den Abend.« Er gab seinem Kumpel einen freundschaftlichen Klaps auf den Arm. »Mach, was du willst, aber ich geh definitiv wieder dort hin. Ich hab da ein Schätzchen entdeckt – Tittchen wie kleine Äpfel, dunkle Haare … Voll mein Typ, die Kleine. In die könnt ich mich glatt verlieben, glaub ich zumindest.«
»Du Arschloch, das ist meine Schwester!«
Mit einem groben Stoß holte Przemek Marcin beinahe von den Füßen.
Er war größer und kräftiger als Marcin, viel besser gebaut, und trotzdem himmelten die Mädchen nicht ihn an, sondern Marcin Staroń, den Blonden mit dem verträumten Blick und der Gitarre.
»Sie ist erst sechzehn! Wenn ich dich noch ein einziges Mal bei den Duschen sehe, Mann, dann bist du tot! Komm ihr nicht zu nahe, sonst …«
Er hielt inne, als Marcin zurück in Richtung Turnhalle wies. Auf ihrem Geheimposten, auf dem Mauervorsprung, stand Nadel und beobachtete die Mädchen.
»Verdammt!«, brüllte Przemek. »Der sollte doch bloß Schmiere stehen!«
Sie sahen einander für einen Moment an, dann sprinteten sie zurück, kletterten über den Zaun und liefen direkt auf das Kabuff der Hausmeisterin zu. Beim Anblick der beiden griff die Frau nach ihrem Besen, wetzte dann aber, nachdem die Jungs sie auf den Spanner hingewiesen hatten, sofort erbost in Nadels Richtung. Er klebte immer noch am Fenster der Turnhalle. In Erwartung eines größeren Spektakels ließen Marcin und Przemek sich auf einem Haufen alter Holzbretter nieder.
Nadel versuchte noch wegzulaufen, doch die Hausmeisterin war schneller. Sie packte ihn am Kragen und schleifte ihn davon. Garantiert zum Direktor. Sie wollten lieber gar nicht wissen, in was sie ihn hineingeritten hatten.
»Armes Schwein«, brummte Marcin und kramte seine Blättchen aus der Jackentasche, drehte sich einen Joint und reichte ihn einen Augenblick später an Przemek weiter, doch der Kumpel lehnte ab.
»Wir wären dort sowieso nicht noch mal hingegangen«, meinte Przemek. Dann zog er seine Walther – eine Holzattrappe, an der er seit geraumer Zeit schnitzte. Marcin fand, dass das Ding längst wie eine echte Pistole aussah, aber Przemek arbeitete wie besessen an immer weiteren Details. Gerade brachte er irgendwelche Zahlen an, bestimmt die Modellnummer.
»Wie heißt sie überhaupt?«, fragte Marcin bemüht gleichgültig.
Przemek sah für einen Moment verwirrt von seiner Schnitzarbeit auf.
»Wer?«
»Deine Mutter! Na, wer schon?«
»He, lass meine Mutter aus dem Spiel!«, zischte Przemek, hielt Marcin die Holzpistole an die Schläfe, und Marcin hob gespielt entsetzt die Hände. Dann ließ er die Rechte wieder sinken und tippte auf die Waffe.
»Mein Alter hat in seiner Werkstatt alle möglichen Farben. Wenn du willst, bearbeite ich die Knarre mit der Spritzpistole, dann kannst du damit die Bullen ärgern.«
Przemek dachte kurz darüber nach. Dann stand er auf und sagte nüchtern: »Monika. Ich hab meinem Vater versprochen, dass ich auf sie aufpasse. Diese Idioten sind doch alle scharf auf sie …«
»Ich helf dir«, bot Marcin ihm an. »Ich lass nicht zu, dass einem solchen Engel was passiert.«
»Jepp. Und jetzt komm, du Penner.«
Przemek warf ihm die Walther zu.
»Schwarz oder Chrom?«, fragte Marcin.
Über den Strand liefen sie zurück in Richtung Brzeźno. Der Wind hatte merklich aufgefrischt.
Als Marcin zu Hause ankam, fielen bereits die ersten Schneeflocken. Er zog einen Handschuh aus und fing mit der bloßen Hand einige Flocken auf. Es war etwa null Grad. Ganz gleich wie stark es schneien würde, der Schnee würde nicht liegen bleiben, erst recht nicht bis Weihnachten.
Über die ulica Zbyszka z Bogdańca hatte sich bereits die Nacht gelegt. Nur hinter ein paar wenigen Fenstern konnte Marcin das bläuliche Flackern von Fernsehern erkennen. Über den meisten Balkongeländern und Gartentoren hingen blinkende bunte Lämpchen – die neueste Mode aus dem Westen. Manche hatten die Nadelbäume in ihren Vorgärten mit Weihnachtsbaumschmuck dekoriert; bestimmt hatten sie so was in irgendeiner amerikanischen Serie gesehen. Marcin selbst war kein bisschen festlich zumute.
Die Straßen waren nass und schmutzig, und der Himmel über ihm glich dem ausgebreiteten Flügel eines schwarzen Vogels. Kein einziger Stern weit und breit – allerdings hatte er in den vergangenen Stunden im Rausch genügend Sterne gesehen, redete er sich ein. Er lief um den Kohlenhaufen herum, den der Nachbar immer noch nicht in den Keller geschafft hatte, und blieb vor der Hausnummer siebzehn stehen: vor dem einzigen Gebäude entlang der ulica Zbyszka z Bogdańca, über dem keine schwarze Wolke schwebte. Überall sonst wurde noch mit Kohle geheizt.
Den alten Schuppen mit Grundstück hatten Marcins Eltern vor Jahren der Gemeinde abgekauft. Den Schuppen hatten sie abgerissen und stattdessen eine regelrechte Hazienda angelegt. Die Kachelöfen, die sie stehen gelassen hatten, dienten ausschließlich der Dekoration. Für Marcin und seinen Zwillingsbruder Wojtek waren es Tresore. Darin bewahrten sie ihre Schätze auf.
Der Vater hatte den Hof gepflastert, die Auffahrt zur Garage mit Beton ausgegossen und um das Haus herum eine Hecke aus Nadelhölzern angepflanzt, die ihnen der Onkel aus Deutschland besorgt hatte.
Marcin schob einen Zweig zur Seite. In der Werkstatt brannte Licht, und augenblicklich war er wieder klar im Kopf. Er klopfte sich den Schmutz von der Jacke und schob den Gitarrengurt auf seiner Schulter zurecht. Die Wirkung der Droge war verflogen. Niemand würde ihm noch etwas anmerken. Allerdings hatte er mit einem Mal einen Bärenhunger.
Er drückte die Klinke des Gartentors nach unten und schlich so leise wie möglich auf das Haus zu, um nicht bemerkt zu werden. Hoffentlich schlief seine Mutter schon; sie fürchtete er am meisten. Wann immer er in ihrer Reichweite war, suchte sie seinen Blick, checkte die Pupillen. Sie wusste, dass er Drogen nahm, auch wenn sie ihn nie darauf ansprach.
Noch im Gehen zog Marcin seine Daunenjacke aus, damit sie nicht raschelte, während er am Schlafzimmer der Eltern vorbeilief. Er fröstelte leicht in der kalten Winterluft, als er an der Werkstatt mit der Neonaufschrift »Sławomir Staroń – Automechaniker« vorbeimarschierte.
»Dreizehntausendvierhundert Dollar!«, hörte er eine derbe Stimme hinter der Tür. »Nein, knapp vierzehntausend! Kannst du nicht rechnen? Bernstein ist wirklich eine feine Sache … Waldemar, du magst vielleicht ein passabler Chauffeur sein, aber ein Mathematiker wird aus dir nicht.«
Marcin atmete erleichtert auf. Der Vater hatte Besuch, womöglich Interessenten für den Audi, der seit einer Woche in der Werkstatt stand. Oder für den schwarzen 6er BMW. Was der schluckte! Marcin war ein einziges Mal damit gefahren. Von null auf hundert in nicht einmal sieben Sekunden – ein Traum! Allerdings importierte sein Vater solche Wagen nicht offiziell. Irgendwelche Leute brachten sie vorbei, meistens mitten in der Nacht. Dann werkelte Sławomir Staroń bis zum Morgengrauen daran herum, und wenn Marcin aufstand, war das Auto wieder weg. Ganz gleich wer diese Leute heute Abend waren: Auf keinen Fall durfte er sie stören. Der Vater war beschäftigt – und damit war Marcin auf der sicheren Seite.
Er betrat das Haus, zog im Flur die Schuhe aus und wandte sich in Richtung Treppe. Er und sein Bruder hatten ihr Zimmer unterm Dach.
»Marysia?«, hörte er plötzlich eine tiefe, angenehme Stimme aus der Küche, dann das Zufallen der Kühlschranktür. »Das Hühnchen in Aspik ist wirklich klasse! Da konnte ich nicht widerstehen.«
Die Stimme kam näher. Marcin war die Treppe schon halb hochgesprungen, schaffte es dann aber doch nicht ganz, ehe ein dicker, glatzköpfiger Mann im Rollstuhl in den Flur fuhr und erfreut rief: »Wojtek?«
Der Junge gähnte, legte behutsam Jacke und Gitarre ab und tat so, als würde er gerade von oben kommen.
»Nein, ich bin’s, Marcin. Guten Abend, Onkel«, begrüßte er ihn, artig wie ein kleines Kind. »Ich bin eingenickt und dann vom Hunger wach geworden.«
»Es ist kaum noch was da, mein Großer. Deine Mutter macht wirklich das weltbeste Hühnchen in Aspik.«
»Schläft sie schon?«
Der Mann zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung. Und hör auf, mich ›Onkel‹ zu nennen – ich bin Jerzy. Oder nenn mich Elefant, wie alle anderen auch.« Er streckte dem Jungen die Pranke hin. Marcin trat auf den Rollstuhl zu und gab dem Mann die Hand. Sein Griff war eisern.
»Groß bist du geworden!«
»Ja …«
Marcin trat an den Kühlschrank, angelte mehrere Behälter daraus hervor und stellte sie auf den Tisch. Erst nachdem er den schlimmsten Hunger gestillt hatte, bemerkte er, dass an seiner Schuluniform einer der Ankerknöpfe fehlte. Stumm verfluchte er seinen nächtlichen Ausflug. Seine Mutter würde ihm den Kopf abreißen. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als sich Wojteks Jacke auszuleihen. Er zog erst Sakko, dann Krawatte und Hemd aus und streckte auf dem Küchenstuhl die Beine aus. Unter dem Schuluniformhemd war ein T-Shirt mit einem Kurt-Cobain-Porträt zum Vorschein gekommen.
Das halblange blonde Haar fiel Marcin ins Gesicht. Vergnügt betrachtete der Elefant den Neffen, und als der Junge sich gerade Nachschlag nehmen wollte, sagte er: »Hau rein, Junge – du hast den richtigen Appetit aufs Leben, wie ich sehe.«
Sie saßen eine Weile schweigend da und aßen. In der Küche war es dämmrig, nur das Kontrolllämpchen der Dunstabzugshaube leuchtete rot.
»Wie können eure Eltern euch eigentlich unterscheiden?«
Neugierig sah der Onkel Marcin ins Gesicht.
»Na ja, wie … Normal halt.« Marcin zuckte mit den Schultern und nickte auf das Hühnchen hinab. »So was würde Wojtek zum Beispiel niemals anfassen. Er ekelt sich vor Fleisch. Außerdem bin ich der Einzige, der hin und wieder mal den Mund aufmacht. Das vereinfacht die Sache, nehm ich an.«
»In drei Tagen werdet ihr achtzehn. Wer von euch ist gleich wieder der Ältere?«
»Ich. Um eine Minute dreißig. Aber eine Party gibt’s erst nach Neujahr. Mama will erst noch zum Elternabend gehen.«
»Gibt’s einen über den Schädel?«
Marcin schüttelte erstaunt den Kopf. Er war noch nie geschlagen worden.
»Eigentlich gibt’s bloß Probleme in Chemie. Die Mathenote konnte ich verbessern. Allerdings hat Wojtek die Arbeit für mich geschrieben … Mathe ist sozusagen sein Hobby.«
Der Elefant lachte.
»Aber du sagst Mama nicht, dass Wojtek mir geholfen hat, oder?«
»Quatsch!« Der Elefant hielt kurz inne. »Dabei wäre Chemie gar nicht so schlecht … Halt dich da mal ran, ich könnte in der Firma was für dich organisieren. Wir wollen eine neue Produktion eröffnen, eine Marktnische …«
Marcin nickte, allerdings eher aus Höflichkeit. Bei allem Respekt, aber mit Chemie würde er sich in diesem Leben nicht mehr beschäftigen.
»Und, hast du eine Freundin?«
Marcin spürte selbst, wie er rot wurde.
»Ha, klar hast du eine!« Der Elefant legte den Kopf schief. »Bestimmt hübsch, was?«
»Und wie!«
»Lass bloß nicht zu, dass sie dich rumkommandiert. Sie muss dich respektieren.«
»Na ja, wir kennen uns noch nicht besonders lange …« Marcin zögerte. »Eigentlich haben wir uns gerade erst kennengelernt.«
»Aus Frauen wirst du niemals schlau, das sag ich dir. Versuch es gar nicht erst.«
»Okay, Onkel, klar. Ich meine, Jerzy.«
Der Elefant sah ihn nachdenklich an.
»Schön, dass wir uns mal wieder sehen. Eure Mutter hat euch ja regelrecht vor mir versteckt. Komm doch mal bei mir vorbei – bring deinen Bruder mit, lass uns bei Gelegenheit über die Zukunft reden. Ich weiß nicht, wie lange ich noch lebe. Die Ärzte machen mir nicht mehr viel Hoffnung. Marysia und ihr Jungs seid alles, was von meiner Familie noch übrig ist.«
Der Elefant drückte auf einen Knopf am Rollstuhl, fuhr zum Kühlschrank und holte eine Flasche Essig heraus, schraubte sie auf und schnupperte daran.
»Onkel, du sollst doch nicht so reden«, stammelte Marcin. Er wusste nicht, was er sonst darauf hätte erwidern sollen.
Jerzy rollte zurück, kippte einen ordentlichen Schuss Essig auf das Hühnchen, schnitt ein großes Stück ab und schob es sich in den Mund.
»Eines Tages wirst du mich verstehen – komm erst mal in mein Alter«, erwiderte er. »Wir haben nicht unendlich Zeit. Jeder von uns wird sich früher oder später die Radieschen von unten ansehen.« Er kicherte. »Und? Kommst du mal vorbei?«
Marcin nickte, auch wenn er nicht vollends überzeugt war. Immerhin hatte die Mutter ihnen verboten, Onkel Jerzy zu besuchen. Aber mal sehen, vielleicht machten sie es eines Tages trotzdem.
Der Elefant legte das Besteck zur Seite.
»Bringst du mich in die Werkstatt? Dein Alter hat hier wirklich alles andere als behindertengerecht gebaut …«
»Jetzt gleich?«
Der Onkel nickte. Marcin sprang sofort auf, auch wenn er mittlerweile müde war. Er würde den Onkel in die Werkstatt bringen und sich dann aufs Ohr hauen. Am Morgen stand eine Mechanikklausur an, und die Note war entscheidend. Er hoffte inständig, dass er erneut mit seinem Bruder würde tauschen können. Wojtek konnte so etwas mit links, und er würde ihm schon aushelfen. Alles eine Frage des Geldes. Für lau machte Wojtek keinen Finger krumm. Von wegen Geschwisterliebe. Bei ihm hatte alles seinen Preis. Das Geld wanderte in eine Dose, die unter Wojteks Bett stand. Im Juni hatte Marcin sich daraus ein kleines Sümmchen »geliehen«, doch der Bruder hatte es gemerkt und schrieb seitdem die Seriennummern der Geldscheine in ein Notizbuch. Zwar hatte Marcin seine Schulden bis zum letzten Groszy abbezahlt, aber Wojtek hatte ihm einen saftigen Zins mit draufgepackt und außerdem verkündet, dass er den Zinssatz im neuen Jahr würde anpassen müssen. »Inflation«, hatte er mit seinem üblichen Pokerface gesagt.
Marcin hatte keine Ahnung, worauf sein Bruder sparte. Mit Wojtek zu reden fiel ihm alles andere als leicht; um ehrlich zu sein, wusste er kaum etwas über seinen Zwillingsbruder. Bestimmt war es irgendwas Praktisches, eine neue Uhr oder ein Motorroller. Wojtek rauchte nicht, trank nicht, war grässlich ordentlich – und es nervte kolossal, dass ihre Eltern und die Lehrer Marcin in einem fort vorhielten, er solle sich an seinem Bruder doch ein Beispiel nehmen. Allerdings konnte man sich auf ihn verlassen, auch wenn man ihn nicht mochte … Marcin war sich sicher, dass Wojtek die Mechanikarbeit für ihn schreiben würde, ohne ein Wort darüber zu verlieren – da würden sie ihn schon foltern müssen.
Er würde nur dann ablehnen, wenn Marcin ihn nicht dafür bezahlte. Zwar würde Wojtek ihm einen Kredit einräumen, aber seine Dienste waren nicht billig. Dass sie Brüder waren, spielte für ihn keine Rolle. Allerdings war Marcin gerade pleite. Wie gut, dass ihnen schon bald Weihnachtsgeld ins Haus stand. Seit ein paar Jahren brachte der Nikolaus statt Geschenken Umschläge mit Bargeld. Ihr Vater Sławomir war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und wollte, dass seine Söhne von klein auf lernten, mit Geld umzugehen. Wojtek hatte das offenbar von Anfang an gekonnt, war überhaupt immer schon die Kopie des Vaters gewesen: ein zuverlässiger, kleinlicher Langweiler. Marcin konnte mit Geld kein bisschen umgehen, wusste aber immerhin, wie man an welches rankam.
»Charmeur«, zog ihn der Vater manchmal auf und fügte dann nicht ohne Spott hinzu: »Du wirst immer irgendein Mädchen finden, das dich aus deinen Schwierigkeiten rettet.«
»Oder ihn in welche bringt«, fügte die Mutter gern hinzu.
Marcin war ihr Liebling, obwohl sie stets beteuerte, beide Söhne gleichermaßen lieb zu haben. Ihr Mann ging mit den Zwillingen eher nüchtern um; seine väterliche Zuneigung war von Strenge und Konsequenz geprägt. Er ließ ihnen nichts durchgehen. Mitunter warf er Marcin vor, er sei ein Muttersöhnchen; anfangs hatte der Junge dagegen rebelliert, irgendwann jedoch hatte er gelernt, daraus Profit zu schlagen.
Wie zum Beispiel jetzt gerade: Sein Dealer war hinter ihm her, weil er sich die letzten Pillen auf Kredit geholt hatte und der Zahlungstermin bereits vergangene Woche verstrichen war. In ein paar Tagen würde Marcin von seiner Mutter Geld für die Nachhilfe bekommen. Den Nachhilfelehrer hatte er zuletzt vor einem halben Jahr gesehen. Das Geld investierte er stattdessen in Pillen und Dope. Ein Junkie war er trotzdem nicht – er mochte einfach den veränderten Bewusstseinszustand, wie er es nannte. Die Drogen machten ihn kreativ. Wenn er breit war, fielen ihm die besten Songs ein. Nur schade, dass er dann meistens nicht geistesgegenwärtig genug war, um sie auch aufzuschreiben.
All das wäre an sich kein Problem, wenn sein Dealer Waldemar vor einer Weile nicht vor seiner Schule aufgetaucht wäre und Wojtek für Marcin gehalten hätte. Erst nachdem Wojtek ihm seinen Schülerausweis gezeigt und glaubwürdig beteuert hatte, nicht Marcin, sondern dessen Zwillingsbruder zu sein, hatte sich der Typ halbwegs beruhigt. Trotzdem hatte Wojtek zahlen müssen. Deshalb hatte Marcin jetzt umso größere Schulden bei seinem Bruder, und die Zinsen wuchsen von Tag zu Tag. Was allerdings dann doch ganz witzig gewesen war: Wojtek hatte bei dieser Gelegenheit von Waldemar erfahren, wie man mit dem Dealen Geld verdienen konnte. Er hatte sich nur deswegen nicht anwerben lassen, weil das Fälschen von Schecks, mit dem er sich über Wasser hielt, letztendlich mehr einbrachte.
»Außerdem ist Dealen das größere Risiko. Man ist draußen unterwegs und hat mit Leuten zu tun«, hatte er Marcin in seiner typisch einschläfernden Art erzählt, währenddessen den Polizeifunk abgehört und dann schon bald wieder das Interesse an seinem Bruder verloren, als über Funk ein Streit zwischen zwei Streifenbeamten ausgebrochen war. Wojtek hatte sich deren Namen und Spitznamen notiert.
Marcin war klar, dass der Bruder Höllenqualen leiden würde, wenn er Kunden bedienen müsste. Konversation zu betreiben lag ihm nicht, er war alles andere als gesellig. Er ging einsam seiner Wege und brauchte niemanden zu seinem Glück. Erstaunlich, dass er überhaupt eine Handvoll Freunde hatte.
Es war tatsächlich Wojtek gewesen, der Marcin eines Tages Nadel vorgestellt hatte. Der Bruder hatte den um ein Jahr jüngeren Berufsschüler als Boten für seine Scheckgeschäfte engagiert. Er selbst hatte nicht riskieren wollen, damit aufgegriffen zu werden. Wojtek zahlte Nadel einen Hungerlohn, aber offenbar war das für den Jungen schon in Ordnung. Er musste aus ziemlich üblen Verhältnissen stammen: Marcin hatte ihn schon öfter gesehen, wie er spätabends durch die Stadt gestreift war. Hin und wieder hatte er ihm ein bisschen was von seinem Gras abgegeben.
Marcin wusste, dass Nadel ihn als Musiker bewunderte; er selbst war weder an der Zuneigung des Jungen noch an den Geschäften seines Bruders interessiert – obwohl er seinen Zwilling insgeheim um dessen zahlreiche Begabungen beneidete und jedes Mal schier explodierte, wenn ihr Vater davon faselte, welch großartiger Geschäftsmann Wojtek eines Tages werden würde.
»Und du, du wirst als Obdachloser enden«, hatte er seinem anderen Sohn prophezeit. »Es sei denn, dein Bruder erbarmt sich und stellt dich in seinem Unternehmen ein.«
Genau deshalb sah man die Zwillinge auch nur selten zusammen. Sie sahen einander ähnlich wie Klone; die Leute verwechselten sie andauernd. Doch auch wenn sie das mitunter irritierte – sie wussten es doch clever einzusetzen. Vor allem in der Kirche: Der Charmeur Marcin zog die Aufmerksamkeit der Gottesdienstbesucher auf sich, und Wojtek räumte das Geld vom Kollektenteller ab. Nach der Messe machten sie dann halbe-halbe, auch wenn Wojtek in Anbetracht von Marcins Schulden meist die gesamten Einnahmen einsackte.
Als der Elefant sah, dass sein Neffe sofort aufgesprungen war, ließ er sich bequem in seinen Rollstuhl zurückfallen, sodass die Lehne quietschte. Dann hob er sein lebloses Bein auf die Stütze. Mit dem anderen ging es nicht ganz so leicht; da musste Marcin mit anpacken.
»Ach, gib mir doch noch ein bisschen was von dem Gemüsesalat mit«, bat der Onkel. »Der Geschmack meiner Kindheit, Junge!«
Als Marcin erneut an den Kühlschrank trat, fischte der Mann die Lederbörse aus der Innentasche seines Jacketts; sie war abgewetzt, mit eingerissenen Kanten, kaputtem Reißverschluss – und zum Bersten voll mit Geldscheinen.
Als Marcin sich wieder zu ihm umdrehte, blieb er mit der Salatschüssel in der Hand wie angewurzelt stehen. Der Elefant leckte sich kurz über die Fingerkuppen und zog dann erst einen, dann weitere vier Geldscheine heraus und schob dem Jungen ganze fünfhundert Dollar zu. Marcin spürte, wie Hitze in ihm aufstieg und sich ihm die Kehle zuschnürte.
»Onkel, ich …«
»Doch, doch, nimm! Und gib deinem Bruder was davon ab. Am besten die Hälfte.«
Der Elefant grinste. Kurz hatte Marcin den Eindruck, als würde der Mund des Onkels von einem Ohr zum anderen reichen. Dem Charme des hässlichen alten Kauzes konnte man sich einfach nicht entziehen.
»Nimm schon, als Geschenk zum Achtzehnten. Nur gib es nicht für Drogen aus! Das ist das Einzige, was ich nicht durchgehen lasse.« Er hob zur Warnung den Zeigefinger. »Und kein Wort zu deinem Vater oder zu deiner Mutter – sonst musst du es am Ende zurückgeben.«
Marcin rollte seinen Onkel hinaus. Sie hatten in der Küche heilloses Chaos hinterlassen, und Marcin nahm sich vor, gleich noch ein bisschen aufzuräumen – wenigstens das wollte er seiner Mutter ersparen. Er war sich sicher, dass sie noch nicht schlief. Bestimmt wollte sie warten, bis die Gäste gegangen waren, oder hatte aus irgendeinem anderen Grund das Schlafzimmer nicht verlassen.
Maria sprach seit Jahren nicht mehr mit ihrem Bruder. Er sei in zwielichtige Geschäfte verwickelt, behauptete sie, und der familieneigene Juwelierladen sei bloß ein Deckmäntelchen für seine üblen Machenschaften. Wenn es stimmte, was sie sagte, dann hatte Jerzy das Familienunternehmen zugrunde gerichtet. Hätte sie sich mit Juwelierarbeit und mit Bernstein ausgekannt, hätte sie das Geschäft übernommen. Nur hatten in ihrer Familie die Frauen keine Ausbildung genießen dürfen. Stattdessen hatten sie gut geheiratet, Kinder bekommen und sich um Heim und Herd gekümmert. So war das Leben sämtlicher Popławski-Schwestern verlaufen. Eine von ihnen lebte seit Jahren in Deutschland – sie hatte zu Zeiten des kommunistischen Regimes hin und wieder Päckchen mit Lebensmitteln, Kleidung und Reinigungsmitteln geschickt.
Früher hatte Maria sich redlich Mühe gegeben, zu ihrem Bruder Kontakt zu halten. Sie hatte gehofft, er würde sich irgendwann ändern und auf den rechten Weg zurückkehren, doch irgendwann hatte sie die Hoffnung aufgegeben. All ihre Bemühungen hatten ja doch nur zur Folge gehabt, dass er mit Sławomir einen neuen Sklaven rekrutiert hatte – denn so nannte Maria die Rolle des Automechanikers in der Organisation. Als sie erfahren hatte, dass ihr Mann im Auftrag des Elefanten unterwegs gewesen war, um auf dem Gelände einer neu eröffneten Raffinerie Erdöl abzuzweigen, und später dann überdies losgezogen war, um in den Wäldern illegal Bernstein zu fördern, hatte sie ihm sogar mit der Scheidung gedroht. Sie hatte Sławomir ausdrücklich verboten, sich weiter mit der »Bernsteinmafia« abzugeben, wie die Clique des Elefanten von der Polizei genannt wurde, und hatte sich gegenüber seinen Argumenten taub gestellt, dass das kostbare Mineral allen, nicht nur dem Staat gehöre. Maria war sich im Klaren darüber gewesen, dass er gerade Wort für Wort Jerzys Argumente wiederholte.
Marcin war davon überzeugt, dass seine Mutter genau wusste, welche Rolle ihr Mann in der Organisation des Elefanten spielte. Aus irgendeinem Grund drückte sie mittlerweile allerdings ein Auge zu, und beide taten so, als wäre nichts – so war es wohl am einfachsten. Womöglich hatte sie gespürt, dass sie keine Wahl hatte, und ihren Mann am Ende einfach machen lassen. Außerdem wusste sie den Komfort, den das Geld mit sich brachte, durchaus zu schätzen.
Erst in der vergangenen Woche hatte sie sich einen neuen Silberfuchs beim Kürschner bestellt.
Marcin indes wollte doch bloß seinen Spaß haben. Er wollte sich keine Gedanken darüber machen müssen, was mit seiner Familie passierte, wenn irgendwer jemals genauer hinsähe. Er wollte ein schönes Leben haben, Gitarre spielen und ein nettes Mädchen kennenlernen. Sein Onkel hatte ihm immer schon gewaltig imponiert. Als er noch klein war, hatten seine Eltern immer Schauergeschichten von Onkel Jerzy erzählt: wie böse und unberechenbar er sei. Und genau so galt er in der ganzen Stadt. Für die beiden Brüder war er allerdings immer nur der behinderte, mitleiderregende, hässliche Kauz mit den abstehenden Elefantenohren gewesen. Das hatte ihm auch seinen Spitznamen eingebracht. Und obwohl jeder in Danzig wusste, was der Juwelier in Wahrheit trieb, hatte ihm nie jemand etwas nachweisen können. Der Elefant war einfach immer allen entschlüpft. Mal ums Mal waren Leute aus seiner Organisation im Knast gelandet, doch Jerzy selbst schien stets eine weiße Weste gehabt zu haben. Zumindest nach außen hin.
»Nicht klopfen! Ich will wissen, wie wachsam sie sind«, erklärte der Onkel leise und rief dann ohne Vorwarnung: »Überraschung!« Im selben Moment riss Marcin die Garagentür auf.
Drei Männer sprangen von ihren Stühlen auf. Einer von ihnen, ein Glatzkopf in Jogginganzug und mit einer schweren Goldkette um den Hals, griff sofort an seine Hosentasche.
»Bully, du dämlicher Affe, das ist doch nur ein Kind!«, krächzte der Elefant und lachte.
Paweł Bławicki, Bully genannt, gab einem kleinen, dicken Typen in einem bunt gemusterten Pullover ein Zeichen, woraufhin der begann, irgendwelche Gegenstände in eine Sporttasche zu werfen.
»Scheiße, verdammt!«, brüllte er auf Russisch, als ihm eine Pistole aus der Tasche rutschte.
Die Männer fingen an, einander anzuschreien, doch Marcin hörte nicht einmal mehr hin. Wie hypnotisiert starrte er einen orangefarbenen Lamborghini mit deutschem Kennzeichen an. Die Motorhaube des Wagens war eingedrückt, rechts baumelte der Scheinwerfer an Kabeln, und statt der Frontscheibe war Plastikfolie eingesetzt worden. Doch die Schäden ließen Marcin kalt. Er hatte auf einen Blick erkannt, was für ein Schmuckstück er da vor sich hatte. Bisher hatte sein Vater nur ein einziges Mal so einen Wagen in der Werkstatt gehabt – aber da hatte Marcin ihn nicht anfassen, geschweige denn fahren dürfen. Diesmal, schwor er sich, würde er alles tun, um einmal hinter dem Steuer dieser Rakete zu sitzen.
Erst als er sich wieder halbwegs eingekriegt hatte, warf er einen Blick auf den von einer Lampe beleuchteten Drechseltisch, um den die Gäste gerade noch gesessen hatten. Darauf lagen ungeschliffene Brocken Bernstein – einer so groß wie ein halber Laib Brot – und daneben bogenweise nicht zugeschnittenes Falschgeld: Dollar und Rubel. Sein Vater versuchte noch, Marcin den Blick zu versperren, doch es war bereits zu spät. Er lief rot an, und auf der Stirn pulsierte eine Vene.
»Marcin, sofort in dein Zimmer!«
Der Elefant hob eine Hand.
»Er kann bleiben, wenn er will. Er ist erwachsen.«
Marcin hatte seinen Vater noch nie so wütend erlebt.
»Erst in drei Tagen! Dann kann er selbst entscheiden.«
Der Vater und der Elefant starrten einander für einen Moment an, bis der Invalide zu guter Letzt den Kopf senkte. Er fuhr zum Werkzeugschrank, vor dem ein halb voller Kasten Wodka stand, zog eine Flasche heraus, schlug kurz gegen den Boden, schraubte sie auf und goss eine Handvoll Gläser ein. Sie waren zwar nicht sauber, doch das schien niemanden zu stören. Jeder bekam eins – nur Sławomir und ein untersetzter Dunkelhaariger in einem hellen Sakko nicht. Obwohl er schick angezogen und gepflegt aussah wie ein italienisches Model, schien ihm die Dummheit regelrecht ins Gesicht geschrieben. Er war ein paar Jahre älter als Marcin, aber einen Kopf kleiner.
»Du kriegst nichts, Waldemar. Umso mehr bleibt für uns übrig. Wenigstens dafür bist du zu gebrauchen«, gluckste der Elefant.
Der Mann im Sakko schluckte die Beleidigung ohne Widerworte hinunter.
»Sie wissen doch, Chef, dass mein Arzt mir das sowieso verboten hat«, erwiderte er nur, woraufhin alle lachten.
Er warf Marcin einen Blick zu und verzog den Mund zu einem halben Grinsen. Er hatte dem jungen Staroń regelmäßig Marihuana und Acid verkauft, manchmal sogar stärkere Sachen, ließ sich hier vor den anderen jedoch nichts anmerken.
»Ich fahre gerne – das ist das Einzige, was ich gut kann«, fuhr er dann fort. »Und ich fahre besser als jeder andere.«
»Das stimmt nicht, Kleiner – noch besser kannst du Weiber aufreißen. Und sie werden immer jünger. Das hast du von mir.« Der Elefant prostete in die Runde und leerte sein Glas in einem Zug.
»Einen feinen Sohn hast du«, wandte er sich wieder an seinen Schwager. »Er wird es noch weit bringen.«
»Hoffentlich nicht so weit wie deine Söhne«, gab Sławomir bissig zurück.
Die Stille, die daraufhin einsetzte, hätte man fast mit dem Messer zerschneiden können. Niemand traute sich, etwas zu sagen, ehe der Boss selbst auf die Attacke reagierte. Doch der saß bloß eine gefühlte Ewigkeit reglos und schweigend da.
Drei Jahre zuvor waren Jerzy Popławskis Frau und beide Söhne ums Leben gekommen. Ihr Auto war explodiert, kaum dass der Elefant den Motor angelassen hatte. Angeblich war es ein Anschlag gewesen, doch es waren nirgends Spuren von Sprengstoff gefunden worden. Die offizielle Erklärung hatte gelautet: Fehlfunktion der Zündung. Seitdem saß Jerzy im Rollstuhl. Er war von der Taille abwärts gelähmt und litt seit jenem Tag an posttraumatischer Epilepsie. Nur deswegen war ihm das Gefängnis erspart geblieben, obwohl er wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt worden war. Allerdings hatte ein gewiefter Arzt ihm ein Attest ausgestellt, das besagte, dass Jerzy Popławski weder in Untersuchungshaft einsitzen noch beim Prozess anwesend sein dürfe. Monate später war das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt worden.
Der Elefant hatte einen jungen Fahrer eingestellt, Waldemar, der von da an immer als Erstes in den Wagen steigen und den Motor noch bei offener Tür anlassen musste, während Popławski in sicherer Entfernung wartete. Nicht selten witzelte er, er zahle eigens einen dressierten Hund, um selbst nicht in Stücke gerissen zu werden.
Er bedachte Marcins Vater aus halb geschlossenen Augen mit einem langen Blick und grinste schief.
»Beim nächsten Mal, wenn du dir so was erlaubst, Schwager, schlepp ich dich in den Wald. Reiß die Fresse nie wieder so weit auf!«
Doch Staroń hatte nicht vor zurückzurudern. »Die Wahrheit tut weh, nicht wahr?« Dann kletterte er in die Grube, um weiter an dem orangefarbenen Lamborghini zu schrauben.
Der Elefant presste die Lippen zusammen.
»Du hast Glück, dass wir verwandt sind. Aber auch deine Zeit wird kommen.«
Die anderen schwiegen. Die Luft sirrte regelrecht vor Spannung.
»Kennt ihr den?«, ergriff Bully schließlich das Wort, um von dem schwelenden Konflikt abzulenken. »Ein Kumpel fragt den anderen: Was ist denn bitte schön passiert, dass dich deine Alte heute in die Kneipe gelassen hat? – Ich hab ihr ein bisschen Schaum in die Wanne gelassen. – Badeschaum? – Nee, Bauschaum.«
Der Elefant brüllte vor Lachen, und die anderen stimmten mit ein. Die Erleichterung der Männer war förmlich greifbar.
Marcin sah zu dem Lamborghini hinüber. »Geiles Teil … Was ist das für ein Motor?«
»Egal, der wird sowieso umgebaut. Hast du schon ein eigenes Auto?«
Der Junge schüttelte den Kopf.
»Hättest du gern eins?«
Ein Lächeln breitete sich auf Marcins Gesicht aus.
»So eins vielleicht? Könntest damit Mädels rumkutschieren.« Die Perspektive war verlockend, doch der Onkel machte sie sofort zunichte. »Es ist sein Auto«, meinte der Elefant und nickte hinüber zu Waldemar. »Würd dein Alter dich lieb haben, würd er dir genau so einen Wagen schenken. Aber wie auch immer. Dein lieber Onkel wird schon dafür sorgen, dass Waldemar dir seinen Lamborghini leiht. Aber erst in einer Woche, wegen der Reparaturen. Auch wenn dein Herr Papa ein Spießer ist – er ist und bleibt der beste Schrauber in der ganzen Stadt. Nur müssen wir das Schätzchen erst noch offiziell anmelden, damit es keinen unnötigen Ärger gibt.«
Dann befahl er Waldemar, ihm Papiere und Autoschlüssel auszuhändigen. Marcin wollte schon protestieren, doch erneut hielt ihn der Onkel zurück.
»Wenn du willst, nimm deine Freundin am Freitag mit auf eine kleine Spritztour durch Danzig. Mach dir mal keine Gedanken wegen des Führerscheins – ich sag jemandem bei der Polizei Bescheid. Allerdings musst du im Stadtbereich bleiben, verstanden?«
Wenn Blicke töten könnten, wäre Marcin im selben Moment tot umgefallen, so scharf sah Waldemar ihn mit seinen blitzblauen Augen an.
»Wenn ich auch nur einen einzigen Kratzer sehe, bist du dran«, zischte er und marschierte raus zum Rauchen.
Amüsiert hatte der Elefant die Szene mit angesehen.
»Aus dir wird noch mal etwas, lieber Neffe. Du isst ja gerne – und Menschen, die gern essen, haben auch einen großen Appetit aufs Leben.«
Dann rief er den muskelbepackten Glatzkopf mit der Halskette zu sich, flüsterte ihm etwas ins Ohr, und Bully nickte.
»So, jetzt reicht’s allmählich.« Sławomirs Kopf war an der Kante zur Grube aufgetaucht. »Der Junge muss morgen in die Schule. Ihr hattet euren Spaß.«
»Entspann dich, Staroń!« Dann wandte sich der Invalide lachend an Marcin: »Geh schlafen, Kleiner. Und wenn die Bullen dich rauswinken, rufst du nicht deinen Papa, sondern diesen Herrn hier an.« Er nickte hinüber zu Bully. »Der gute Herr Bławicki boxt dich aus jeder blöden Lage raus. Das ist mein Mann! Und du bist mein Neffe – mein Fleisch und Blut!«
Marcins Vater kletterte aus der Grube.
»Wo wollt ihr ihn reinreiten?«
»Geh nur«, sagte der Onkel ungerührt. »Das Sandmännchen ruft.«
Als Marcin die Tür hinter sich zuzog, konnte er hören, wie sein Vater und der Onkel miteinander stritten, aber es war ihm egal. Mit einem Mal kam ihm der Tag wie der glücklichste seines gesamten Lebens vor. Er war noch zu jung, um zu begreifen, dass er gerade einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte. So großes Glück war nun einmal nicht umsonst.
Er träumte von einem Elefanten, der am Strand von Heubude tot im Sand lag. Würmer hatten sich in dem Kadaver breitgemacht, und darüber kreisten Möwen. Die Strandbesucher bedachten ihn mit keinem Blick, legten achtlos ihre Handtücher aus, stellten Liegestühle und Sonnenschirme neben ihm auf. Der Eismann kam, platzierte sich mit seinem Wagen direkt neben dem toten Vieh und bemerkte nicht einmal, dass Schmeißfliegen in seine Eisbehälter krochen, während die Kinder vor seinem Wagen Schlange standen. Er verkaufte beinahe die gesamte Ware und zog dann ein Stück weiter.
Erst da bemerkte Marcin das dunkelhaarige Mädchen, das ihm schon im Duschraum aufgefallen war. Sie stand bis zur Taille im Wasser, lief tiefer hinein, versank darin nach einer Weile bis zum Hals. Marcin spurtete los, hielt auf sie Kurs – doch die Wellen waren zu hoch. Er rief nach ihr, aber sie hörte ihn nicht. Dann verschwand sie unter Wasser.
Und mit einem Mal war auch der Elefant verschwunden. Am Strand waren nur mehr die Sonnenanbeter und der Eismann zurückgeblieben, der seine Ware feilbot.
Marcin wachte schweißgebadet auf und sprang sofort aus dem Bett. Er hatte verschlafen – wie so oft – und zog sich eilig an. Das Bett seines Bruders war wie immer vorbildlich gemacht. Marcins Schuluniform hing über dem Kleiderhaken am Spiegel, das frisch gewaschene Hemd war ordentlich gebügelt. Offenbar hatte die Mutter ihnen noch in der vergangenen Nacht die Klamotten hochgebracht. Der Knopf fehlte noch immer.
Er schob die Erinnerung an den Albtraum beiseite und stellte sich vor, wie er Monika mit dem orangefarbenen Lamborghini beeindrucken würde. Zudem hatte er fünfhundert Dollar in der Tasche – die würde er in einer Wechselstube umtauschen und endlich seine Schulden bei Waldemar begleichen. In Danzig wusste selbst der letzte Junkie, dass dieser Lackaffe nun mal den besten Stoff hatte. Wer offenbar nicht wusste, welcher Nebentätigkeit sein Fahrer nachging, war Jerzy Popławski. Marcin fand das sogar halbwegs amüsant.
Noch ehe er zur Schule aufbrach, holte er Przemeks Waffenattrappe hervor und lackierte das Holz. Er hatte sich für Schwarz entschieden, Chrom wäre zu sehr aufgefallen. Dann legte er die Holzpistole zum Trocknen beiseite. Sie sah täuschend echt aus, wie die Waffe eines echten Geheimagenten. Er konnte es kaum erwarten, sie Przemek zu überreichen.
Auf der Treppe kehrte er noch einmal um, lief zurück ins Zimmer und versteckte die Waffe im Kachelofen hinter Wojteks Bett. Hier würde ihr Vater sie nicht finden. Sonst hätte er womöglich angenommen, dass Marcin sich heimlich der Organisation des Elefanten angeschlossen hätte. Bei Wojtek, dem Mustersöhnchen, würde er gar nicht erst auf die Idee kommen, nach etwas Illegalem zu suchen.
Monika Mazurkiewicz packte die Bücher der Größe nach in ihre Schultasche, daneben das Mäppchen, die Tüte mit den Frühstücksbroten, Mädchenkram. Der Erdkundelehrer hatte gerade noch irgendetwas ins Klassenbuch geschrieben, dann war sein Blick über die Brille hinweg zu dem Mädchen gewandert. Als Monika sich vorbeugte, rutschte ihr Rock ein Stück nach oben. Er schlug die Augen nieder.
»Wiedersehen«, rief Monika und wandte sich zum Gehen.
Die kleine Mazurkiewicz ging meistens als Letzte. Während der Tests und Klassenarbeiten beobachtete er sie immer: Sie überlegte lange, ehe sie auch nur ein einziges Wort zu Papier brachte. Sie lutschte an ihrem Bleistift, spielte mit den Haarspitzen, biss sich auf die Lippen. Ihre Handschrift hätte er unter Tausenden wiedererkannt – diese runden Buchstaben, das volle »a«, das »g« mit der fantasievollen Schleife. Monika Mazurkiewicz kam ihm deutlich reifer vor als sechzehn, keine Ahnung, warum. Nie hatte sie es eilig, sie war keine Streberin, saß in der letzten Reihe und sah manchmal die ganze Stunde über aus dem Fenster. Anfangs hatte er gedacht, sie würde nicht aufpassen, aber wann immer er sie aufrief, konnte sie ausführlich Antwort geben. Sie sprach zwar langsam, beinahe phlegmatisch, doch ihre Antworten waren korrekt, wenn auch nicht jedes Mal brillant.
Manche Lehrer hielten Monika für dümmlich, aber der Erdkundelehrer wusste, dass sie einfach jemand war, an den man schwer herankam. Sie lebte in ihrer eigenen Welt, wie hinter einer Glasscheibe, doch dumm war sie keineswegs. Im Gegensatz zu ihren zahlreichen Geschwistern, den Brüdern vor allem.
»Monika – auf ein Wort?«, rief er ihr nach.
Sie kam zurück, atmete schnell, war offenbar nervös. Stumm sah sie ihn an.
»Ich würde gerne …«, hob er an und wusste dann auf einmal nicht mehr, wie er fortfahren sollte. Er hatte nicht darüber nachgedacht, es war einfach ein Impuls gewesen. Winzige Brüste zeichneten sich unter ihrem Oberteil ab. Er räusperte sich und fuhr fort: »Es geht um Arek. In der Schule läuft es nicht besonders gut für ihn … Könntest du ihm vielleicht helfen? Ihr seid sechs Kinder, oder?«
»Sieben«, korrigierte sie ihn. »Mein ältester Bruder, Przemek, ist allerdings schon auf der Schifffahrtsschule.«
»Ach ja, jetzt erinnere ich mich wieder … Ich hab ihn damals in der Grundschule unterrichtet.« Er sah den muskelbepackten Jungen mit dem Spatzenhirn noch immer vor sich. Unwillkürlich fragte er sich, wie Przemek es auf eine so renommierte, traditionsreiche Bildungsstätte wie das Conradinum geschafft hatte. Damals hatte er ihn nur aus Mitleid in die nächsthöhere Klassenstufe versetzt, ähnlich wie Arek heute. »Hilf Arek, wenn du kannst, lies mit ihm Texte, macht gemeinsam seine Hausaufgaben, frag ihn ab. Eure Mutter hat sicher viel zu tun – du solltest sie entlasten.«
»Ich kann’s versuchen.«
Sie klang erschöpft.
»Du weißt wahrscheinlich, dass Areks Versetzung gefährdet ist. Wenn es auf Dauer nicht besser wird, muss er die Klasse wiederholen. Ich sag es lieber dir, bevor ich deine Eltern herbestelle. Ich verstehe natürlich, dass sie sich keine Nachhilfestunden leisten können. Aber wenn es irgendwelche Probleme geben sollte, egal welcher Art« – er räusperte sich wieder –, »wende dich an mich, ja? Jederzeit.«
Er spürte, wie seine Ohren heiß wurden, und schob sich die Brille auf der Nase zurecht. Das Mädchen hatte seine Anspielung offenbar nicht verstanden, starrte ihn lediglich verwirrt an.
»Kann ich jetzt gehen?«
Mit rundem Rücken marschierte sie davon. Der Mann blickte ihr nach, bis sie hinter der Tür verschwand. Dann stand er auf, trat ans Fenster und sah auf den Schulhof hinab. In wenigen Minuten müsste sie unten ankommen. Erdkunde war ihre letzte Stunde gewesen.
Sein Blick fiel auf einen Sportwagen, der gegenüber der Schule parkte. Er war orange und stank förmlich nach Illegalität. Als Monika das Schultor erreichte, schob der Fahrer die Tür auf und lief ihr entgegen. Der Lehrer kniff die Augen zusammen – er kannte diesen Typen. Er hatte ihn vor Jahren unterrichtet. Einer der Staroń-Zwillinge – Söhne dieses Automechanikers …
Monika wollte zunächst wortlos an dem blonden Jungen vorbeigehen, doch der packte sie am Arm und hielt sie auf. Sie sah ihm streng ins Gesicht, und er ließ los. Fasziniert beobachtete der Erdkundelehrer die beiden und fragte sich, was sie wohl verband. Zumindest sahen sie nicht wie ein Pärchen aus.
Sie unterhielten sich eine Weile, dann öffnete der Junge die Beifahrertür, und Monika stieg ein. Der Motor dröhnte auf, und dann verschwand das Auto um die Ecke. Eifersucht loderte in dem Mann auf. Ob wegen des Autos oder wegen des Mädchens, war ihm nicht klar. Irgendwann war auch er jung gewesen, hatte Träume gehabt. Allerdings hatte er keinen Vater gehabt, der mit kriminellen Banden zusammenarbeitete und gestohlene Autos frisierte.
Monika faltete die Hände und presste die knochigen Knie fest zusammen. Zwischen ihren Schenkeln bildete sich ein halbmondförmiger Spalt. Marcin überlegte fieberhaft, wie er das Gespräch eröffnen sollte, doch vor allem war er darauf konzentriert, den Lamborghini auf der Spur zu halten. Gleichzeitig produzierte er sich vor dem Mädchen, drückte wahllos Knöpfe auf dem Armaturenbrett, drehte am Lautstärkeregler des Radios und schaltete versehentlich die Sitzheizung ein. Monika musste die Wärme gespürt haben, enthielt sich aber jeden Kommentars. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.
»Wohin fahren wir überhaupt?«, fragte sie schließlich.
»Das ist eine Überraschung.«
»Ich mag keine Überraschungen.«
»Genauso siehst du auch aus.«
»Hast du überhaupt einen Führerschein?«, wollte sie wissen.
Um seine Nervosität zu kaschieren, lachte er nur.
»Bist du immer so?«, gab er zurück.
»Wie denn?«
»Ich weiß nicht. So … stachelig, so sperrig.«
Sie sah ihn von der Seite an.
»Der Wagen ist von meinem Onkel, mach dir also keine Gedanken. Ich hab ihn mir geliehen, nicht gestohlen.«
Er bog von der Hauptstraße auf eine schmale, asphaltierte Seitenstraße ab, die parallel zu den Bahngleisen verlief. Jenseits davon tauchte der Wald vor ihnen auf wie eine grüne Wand.
»Ich weiß, wohin du mich bringst. Nach Heubude, zum Strand«, verkündete sie. »Das ist unser Strand!«
»Euer Strand?«
»Ja, unser Familienstrand! Dort haben meine Eltern sich kennengelernt. Przemek hat dich dort hingebracht, nicht wahr? Aber bestimmt hat er dir nicht von ihrer Romanze erzählt.« Zum ersten Mal lächelte sie, ein aufrichtiges, offenes Lächeln. »Als Papa aus dem Wasser auftauchte, hat Mama sich auf den ersten Blick in ihn verliebt. Aus dieser Liebe sind sieben Kinder entstanden: Przemek, Arek, ich und unsere vier Schwestern.«
»Das werden wir unseren Kindern auch erzählen – dass wir uns am Strand von Heubude kennengelernt haben. Obwohl es eigentlich ja genau umgekehrt war: Du bist aus dem Wasser aufgetaucht, und ich …« Marcin grinste verlegen. »Du hast mich neulich gesehen, oder?«
Sie wurde rot. Verlegen sah sie gleich noch süßer aus.
»Aber ich will gar keine Kinder.«
»Ich eigentlich auch nicht.« Kinder zu haben kam ihm noch abstrakter vor als sterben.
»Ich weiß genau, was du im Sinn hast«, sagte sie unvermittelt. »Komm nie wieder an meine Schule!«
»Werde ich schon nicht.«
Wojtek – er musste sich vor ihrer Schule herumgetrieben haben. Das würde später Dresche geben, das war mal sicher. Nur konnte er sich überhaupt nicht daran erinnern, dem Bruder von Monika erzählt zu haben. Woher hatte er es also gewusst? Przemek hatte ihm sicher nichts gesagt.
»Fahr mich jetzt zurück«, bat Monika.
Er gab Gas, der Motor heulte auf.
»Halt sofort an!«
Sie hatte die Stimme nicht einmal gehoben, doch ihr Tonfall war so unmissverständlich, dass er sofort auf die Bremse stieg. Die Reifen quietschten, und nur mit Mühe bekam er den Wagen unter Kontrolle. Hektisch lenkte er auf einen Waldweg, dann starb der Motor ab.
»Es sind nur noch ein paar Minuten, bis wir da sind«, versuchte Marcin, das Mädchen zu überzeugen, gab dann aber auf.
Sie hatte ja recht. Er wollte ohnehin nur das eine. Es war das Erste gewesen, woran er heute früh gedacht hatte. Allerdings war es jetzt anders; er spürte, dass ihm wirklich etwas an ihr lag, dass er sie mochte. Sie imponierte ihm – die Ruhe, diese innere Kraft. Er wünschte sich, mit Monika zusammen zu sein. Allerdings war ihm klar, dass er ihr das nicht würde sagen können. Sie würde es ihm ohnehin nicht glauben. Gerade erst wenige Tage zuvor hatte er sie erstmals zu Gesicht bekommen, er hatte sie dort in der Umkleide nackt gesehen – und heute wollte er ihr ewige Liebe schwören? Das würde peinlich klingen. Dumm gelaufen, dachte Marcin.
»Ich werd dir nichts tun«, stammelte er unbeholfen.
Monika schnaubte verächtlich, und dann starrte sie eine Weile vor sich hin.
Sie hatte das perfekt symmetrische Gesicht einer Puppe. Er betrachtete ihre halb geöffneten Lippen und die langen, ungetuschten Wimpern. Dann drehte er den Zündschlüssel im Schloss herum. Der Motor sprang augenblicklich an, grollte gleichmäßig und rhythmisch, und dieser Rhythmus gab Marcin neuen Mut. Er versuchte zu wenden, bemerkte aber erst im letzten Moment einen Lkw, der sich in hohem Tempo näherte. Der Fahrer hupte, und Marcin schaffte es in letzter Sekunde, das Auto herumzureißen. Für einen Augenblick stand er förmlich unter Schock, fragte sich, was geschehen wäre, wenn sie gerade einen Unfall gehabt hätten. Er hatte allen Ernstes Angst um Monika – und sie musste das gespürt haben. Denn im nächsten Moment drehte sie sich zu ihm um und sah ihm sanft ins Gesicht.
»Ich hab keine Angst«, sagte sie ganz ruhig. »Vor nichts und niemandem.«
Wieder saßen sie schweigend nebeneinander. Marcin hätte in diesem Moment alles für einen Joint gegeben, aber er traute sich nicht, sich vor dem Mädchen einen zu drehen.
Dann fragte sie in schärferem Ton: »Fährst du mich jetzt nach Hause, oder muss ich trampen?«
»Wir fahren gleich los«, erwiderte er. »Gib mir nur noch eine Minute.«
Das Mädchen drehte sich wieder zum Fenster und schien leicht in sich zusammenzusinken.
»Die Minute ist um«, sagte sie nach einer Weile. Dann schüttelte sie den Kopf und lachte auf. »Du bist echt sonderbar.«
Marcin sollte sich später nicht mehr daran erinnern können, warum er es getan hatte. Wären sie direkt losgefahren, wäre es niemals so weit gekommen. Alles wäre anders verlaufen – nicht nur sein Leben, sondern auch das vieler anderer Menschen.
Doch in diesem Augenblick hatte er nur noch einen Gedanken: dass er das Leben auskosten wollte. Er durfte diese einmalige Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Der Elefant hatte recht gehabt – er liebte das Leben, hatte einen wilden Appetit darauf. Er saß in dieser unfassbar geilen Karre – wie irgend so ein reicher Typ –, hatte ein tolles Mädchen neben sich – was hatte er denn zu verlieren? Er streckte die Hand aus und berührte den Ringfinger ihrer linken Hand. Sie sah ihn nicht mal an, sondern blieb reglos sitzen. Dann berührte er die restlichen Finger, griff danach. Ihre Haut war unfassbar zart, die Finger lang und schlank.
»Mein Vater findet es nicht gut, dass Przemek mit dir befreundet ist«, sagte sie leise, machte sich aber nicht von ihm los.
Marcin runzelte die Stirn, wartete auf eine Fortsetzung.
»Er sagt, dass du ein Junkie bist und der Sohn eines Verbrechers. Stimmt das?«
Sie sah ihn von der Seite an, als wollte sie überprüfen, ob er sich provozieren ließe. Statt zu antworten, gab er ihr einen Kuss. Er hatte den Verdacht, dass sie ganz und gar jungfräulich war – dass sie zuvor nicht mal geküsst hatte. Der Gedanke, dass er ihr erster Mann sein könnte, gefiel ihm außerordentlich. Mit der Zungenspitze berührte er ihre zusammengepressten Lippen, hielt sich dann aber zurück, um nicht zu weit zu gehen. Sie saß bloß da, mit geschlossenen Augen. Als er die Hand hob, um ihr übers Gesicht zu streicheln, rutschte sie ein Stück von ihm weg.
»Meine Eltern suchen bestimmt schon nach mir«, sagte sie und entzog ihm die Hand.
»Ich bin kein Junkie. Und kein Verbrecher«, versicherte er ihr. »Und ich werd mir alle Mühe geben, dass dein Vater seine Meinung über mich ändert. Erst dann frag ich dich nach einem Date. Aber jetzt bring ich dich erst einmal nach Hause. Willst du mich denn wiedersehen?«
»Mein Vater wird es nicht erlauben. Er meint, dass ich erst achtzehn sein muss, bevor wir das Thema Jungs überhaupt anschneiden.«
»Ich kann warten«, verkündete Marcin feierlich. »Wenn ich dich nicht haben kann, will ich auch kein anderes Mädchen.«
»Du bist echt sonderbar«, wiederholte sie, diesmal allerdings mit einem Kichern.
Im Radio lief »Seide« von Róż Europy.
»Ich liebe dieses Lied«, flüsterte Monika.
