Verlag: Atlantik Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Das Mädchen, das eine Wolke so groß wie der Eiffelturm verschluckte E-Book

Romain Puértolas  

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E-Book-Beschreibung Das Mädchen, das eine Wolke so groß wie der Eiffelturm verschluckte - Romain Puértolas

Wenn Liebe Flügel verleiht: Providence Dupois ist eine Pariser Briefträgerin mit großem Herzen. Das hat sie an Zahera verloren, ein kleines marokkanisches Mädchen. Zahera hat "eine Wolke verschluckt", die ihr die Luft zum Atmen nimmt. Im Krankenhaus in Marrakesch wartet sie darauf, dass ihre Adoptivmutter Providence vom Himmel fällt, um sie zu retten. Aber am Flughafen Orly erfährt Providence, dass alle Flüge gestrichen wurden, denn in Island ist ein Vulkan ausgebrochen. Providence ist verzweifelt: Die Zeit wird knapp, und Zahera wartet. Was bleibt Providence da anderes übrig, als selber fliegen zu lernen? Ein modernes Märchen - komisch, phantasievoll und berührend.

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E-Book-Leseprobe Das Mädchen, das eine Wolke so groß wie der Eiffelturm verschluckte - Romain Puértolas

Romain Puértolas

Das Mädchen, das eine Wolke so groß wie der Eiffelturm verschluckte

Roman

Aus dem Französischen von Maja Ueblere-Pfaff

Atlantik

Für Patricia,

mein einziger Fixpunkt im Universum

Diese Geschichte ist vollkommen wahr, weil ich sie von Anfang bis Ende erfunden habe.

Boris Vian

Das Herz, das ist so etwas wie ein prallgefüllter Briefumschlag.

Providence Dupois

Erster TeilEine Briefträgerin und ihre ganz spezielle Einstellung zur Mayonnaise und zum Leben

Das erste Wort, das der alte Friseur von sich gab, als ich seinen Salon betrat, war eine knappe, herrische Anweisung, die von einem NS-Offizier hätte kommen können. Oder eben von einem alten Friseur:

»Setzen!«

Gehorsam leistete ich seinem Befehl Folge. Bevor er mit der Schere nachhalf.

Sofort fing er an, um mich herumzutänzeln, ohne auch nur zu fragen, mit welcher Frisur ich den Salon denn wieder verlassen wollte oder aber mit welcher Frisur ich den Salon auf gar keinen Fall verlassen wollte. Hatte er es überhaupt jemals zuvor mit einer widerspenstigen karibischen Afrokrause zu tun gehabt? Er würde schon noch merken, was da auf ihn zukam.

»Soll ich Ihnen eine unglaubliche Geschichte erzählen?«, fragte ich, um das Eis zu brechen und ein freundlicheres Klima zu schaffen.

»Nur zu, solange Sie dabei den Kopf nicht bewegen. Sonst schneide ich Ihnen ein Ohr ab.«

Ich betrachtete dieses »nur zu« als großen Fortschritt, quasi als Einladung zu Dialog, Frieden auf Erden und echter Brüderlichkeit, und versuchte, durch die symbolische Verbrüderungsgeste ermutigt, so schnell wie möglich die drohende Amputation meines Hörorgans zu vergessen.

»Also Folgendes: Eines Tages stand mein Briefträger, der eigentlich eine Briefträgerin ist, übrigens eine ganz reizende Briefträgerin, im Kontrollturm vor mir – ich arbeite als Fluglotse – und sagte: ›Monsieur Machin (so heiße ich), Sie müssen mir die Starterlaubnis erteilen. Meine Bitte mag Ihnen ungewöhnlich erscheinen, aber daran lässt sich nun mal nichts ändern. Stellen Sie sich nicht zu viele Fragen. Ich stelle mir auch keine Fragen mehr, seit das alles angefangen hat. Erlauben Sie mir bitte einfach, von Ihrem Flughafen aus zu starten.‹

Ihre Bitte klang zunächst einmal gar nicht so abwegig. Ich bekomme hin und wieder Besuch von Leuten, die ihr letztes Geld in den Flugschulen der Umgebung gelassen haben und auf eigene Kappe weiter Flugstunden nehmen möchten. Ich wunderte mich allerdings, dass sie mir noch nie von ihrer Flugleidenschaft erzählt hatte. Gut, wir hatten kaum Gelegenheit gehabt, uns zu unterhalten, und begegneten uns nur sehr selten (ich übernehme abwechselnd Tag- und Nachtschichten) – aber dennoch. Gewöhnlich beschränkte sie sich darauf, mir mit ihrem klapprigen gelben R4 die Post zu bringen. Bei meiner Arbeit hatte sie mich noch nie besucht. Schade, denn die Frau war eine Granate. ›Normalerweise‹, erwiderte ich, ›würde ich Sie bei einem solchen Anliegen an die Flugverkehrskontrolle verweisen, Mademoiselle. Doch heute gibt es ein Problem – der Luftverkehr ist wegen dieser verflixten Aschewolke völlig durcheinander geraten und Privatflüge können wir leider nicht berücksichtigen.‹

Als ich ihr enttäuschtes Gesicht sah (und es war ein sehr hübsches enttäuschtes Gesicht, das einem richtig zu Herzen ging), heuchelte ich Interesse an ihrem Fall. ›Was fliegen Sie denn? Eine Cessna? Eine Piper?‹

Sie schwieg lange. Ganz offensichtlich brachte meine Frage sie in Verlegenheit. ›Genau deshalb ist meine Bitte ja so ungewöhnlich. Ich habe kein Flugzeug. Ich fliege allein.‹

›Ja, das habe ich verstanden. Sie fliegen ohne Fluglehrer.‹

›Nein, nein, ganz allein, das heißt, ohne Maschine, so ungefähr.‹ Sie hob die Arme über den Kopf und drehte sich wie eine Ballerina einmal um sich selbst. Habe ich eigentlich erwähnt, dass sie einen Badeanzug trug?«

»Dieses kleine Detail haben Sie bisher ausgelassen«, antwortete der Friseur, der sich mittlerweile ganz dem Kampf gegen meinen Afro verschrieben hatte. »Ich habe mir schon immer gedacht, dass Fluglotsen ein lässiges Leben haben, aber damit schießen Sie den Vogel ab.«

Der Mann hatte recht. Als Fluglotse in Orly hatte man nicht viel Grund zur Klage. Nicht dass uns diese Tatsache daran gehindert hätte, von Zeit zu Zeit einen kleinen Überraschungsstreik auszurufen. Nur damit uns die Leute an den Feiertagen nicht ganz vergaßen.

»Also, sie trug einen geblümten Bikini«, fuhr ich fort. »Eine sehr schöne Frau … Und sie sagte zu mir: ›Ich will Ihren Flugverkehr nicht stören, Monsieur, betrachten Sie mich doch einfach als zusätzliches Flugzeug. Ich werde nicht so hoch fliegen, dass die Aschewolke mich beeinträchtigt. Wenn ich Flughafensteuern zahlen muss, ist das auch kein Problem. Hier, nehmen Sie.‹

Und sie streckte mir einen Fünfzig-Euro-Schein entgegen, den sie irgendwo herausgezogen hatte, wer weiß woher. Jedenfalls nicht aus ihrer großen Ledertasche, denn die hatte sie nicht dabei. Ich staunte nur noch. Von ihrer Story verstand ich kein Wort, aber sie wirkte sehr entschlossen. Wollte sie allen Ernstes behaupten, dass sie fliegen konnte? Wie Superman oder Mary Poppins? Einen kurzen Moment lang glaubte ich, meine Briefträgerin sei nicht ganz bei Trost.

»Lassen Sie mich zusammenfassen. Ihr Briefträger, der eine Briefträgerin ist, dringt eines schönen Tages in Ihren Tower ein, im Badeanzug, obwohl der nächste Strand Hunderte von Kilometern entfernt ist, und bittet Sie um die Erlaubnis, von Ihrem Flughafen abzuheben, und zwar flatternd wie ein Huhn.«

»Ja, Sie haben es auf den Punkt gebracht. Gar nicht schlecht.«

»Und mir bringt der Briefträger immer nur Rechnungen …!«, seufzte der Friseur, während er den Kamm an seiner Schürze abwischte und ihn dann wieder in meinem strubbeligen Haarschopf versenkte.

Die Schere, die er in der anderen Hand hielt, klickte unaufhörlich, das Geräusch erinnerte mich an Hundepfoten auf Parkettboden oder Hamsterkrallen im Hamsterrad.

Seine ganze Körperhaltung verriet, dass er mir kein einziges Wort glaubte. Man konnte es ihm nicht verdenken.

»Und was haben Sie dann gemacht?«, fragte er, zweifellos um zu ergründen, in welche Sphären sich meine ausschweifende Phantasie noch versteigen würde.

»Was hätten Sie an meiner Stelle gemacht?«

»Das weiß ich nicht, ich bin nicht in der Luftfahrt tätig. Und außerdem kreuzen in aller Regel keine attraktiven, leicht bekleideten Frauen in meinem Friseursalon auf.«

Ich ignorierte die launige Bemerkung des alten Griesgrams. »Ich war fassungslos.«

»Ich dachte immer, Fluglotsen lassen sich durch nichts aus der Fassung bringen«, gab der Friseur zurück. »Werdet ihr nicht genau dafür bezahlt?«

»Da haben Sie vielleicht doch etwas übertriebene Ansprüche. Wir sind schließlich keine Roboter! Aber wie auch immer, sie sah mich aus ihren strahlenden Augen an und sagte: ›Ich heiße Providence. Providence Dupois.‹ Dann wartete sie die Wirkung ihrer Worte ab, als hätte sie den letzten Pfeil aus ihrem Köcher verschossen. Ich glaube, sie nannte mir ihren Namen, damit ich sie nicht länger für eine simple Briefträgerin hielt. Ich war so neben der Spur, dass ich ein paar Sekunden lang sogar glaubte, sie … na ja, ich dachte, sie wäre vielleicht eine Frau, mit der ich mal was hatte und die ich jetzt nicht wiedererkannte. In meiner Jugend hatte ich nämlich durchaus meine kleinen Erfolge … Aber es bestand kein Zweifel: Auch ohne ihre Kappe und die altmodische marineblaue Weste war diese Schönheit eindeutig meine Briefträgerin.«

Der Friseur hatte den Kamm und die Schere aus meinen krausen Locken gezogen und hielt sie wie erstarrt über meinem Kopf.

»Sagten Sie Providence Dupois? Also DIE Providence Dupois?«, rief er aus und legte langsam seine Werkzeuge auf der Glasplatte vor mir ab, als hätte ihn plötzlich eine abgrundtiefe Müdigkeit überfallen. Zum ersten Mal seit dem Beginn unseres Gesprächs, oder besser gesagt, meines Monologs, ließ er ein irgendwie geartetes Interesse erkennen. »Meinen Sie tatsächlich die Frau, über die alle Zeitungen geschrieben haben? Die Frau, die davongeflogen ist?«

»Genau die.« Ich war verblüfft, dass er sie kannte. Aber natürlich, für mich war sie immer nur meine Briefträgerin gewesen. Die Granate mit dem gelben R4.

Der Friseur ließ sich in den leeren Sessel neben mir sinken. Er sah aus, als würde auf einmal eine ganze Raumstation auf seinen Schultern lasten.

»Dieser Tag ruft bei mir schlimme Erinnerungen wach«, sagte er, und sein Blick verlor sich in den schwarzen und weißen Fliesen des Salons. »Ich habe meinen Bruder bei einem Flugzeugabsturz verloren. Genau an dem Tag, an dem diese verwünschte Providence Dupois mit ihrem Bravourstück von sich reden machte. Paul, mein älterer Bruder. Er wollte nur für ein paar Tage in die Sonne fliegen. Ein Kurzurlaub. Er konnte ja nicht ahnen, dass dieser Urlaub so … lang werden würde. Ferien ohne Ende … Einhundertzweiundsechzig Passagiere. Kein einziger Überlebender. Ich hatte immer angenommen, dass Gott in jedem Flugzeug zwischen den Passagieren sitzt. An jenem Tag muss er zu spät zum Check-in gekommen sein.«

Nach einer Weile hob er langsam den Kopf und ein Funke Zuversicht glomm in seinen Augen auf.

»Aber reden wir über angenehmere Dinge. Sagen Sie mal, ist sie wirklich geflogen? Ich meine, haben Sie sie fliegen sehen, diese Providence Dupois? In der Zeitung habe ich etwas darüber gelesen, aber die schreiben so viel Blödsinn … Ich würde gern die Wahrheit erfahren, nichts als die Wahrheit.«

»Die Medien waren nicht dabei. Sie haben sich erst später darauf gestürzt, alles aufgebauscht und die wildesten Gerüchte gestreut. Irgendwo habe ich sogar gelesen, dass Providence mit ihrem gelben R4 bis nach Marokko geflogen und dabei gegen eine Wolke geprallt sei! Völlig an den Haaren herbeigezogen ist das zwar nicht, aber eben auch nicht richtig. Ich werde Ihnen wahrheitsgetreu erzählen, was an jenem Tag in Orly passiert ist. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, glauben Sie mir! Wie meine Briefträgerin zu mir in den Kontrollturm kam und was anschließend passierte, ist vielleicht noch beeindruckender und hat mein beschränktes, vernunftgetriebenes Weltbild ganz schön ins Wanken gebracht. Wollen Sie die Geschichte hören?«

Der Friseur deutete mit einer ausladenden Gebärde auf seinen leeren Salon.

»Wie Sie sehen, stehen die Leute Schlange«, sagte er, »aber ein Päuschen kann ich mir trotzdem gönnen. Immerhin eine willkommene Abwechslung zu den ewigen Geschichten von Hochzeiten und Taufen, die mir meine Kundinnen auftischen, sobald sie Haare lassen müssen.« Der Alte gab sich betont gleichgültig, dabei brannte er in Wahrheit darauf, alles haarklein zu erfahren.

Und ich brannte darauf, alles zu erzählen …

Bereits an dem Tag, an dem Providence laufen lernte, wusste sie, dass es dabei nicht bleiben würde. Dass sie nach Höherem strebte und dass diese Großtat – denn das war es – eine lange Reihe weiterer folgen würde. Laufen, springen, schwimmen. Der menschliche Körper, diese großartige Maschine, barg erstaunliche Fähigkeiten, die es Providence ermöglichten, im Leben vorwärtszukommen, und zwar im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Schon mit sieben Monaten, als sie gerade achtundsechzig Zentimeter maß, beseelte sie das übermächtige Verlangen, die Welt mit eigenen Augen (besser gesagt, auf eigenen Füßen) zu entdecken. Ihre Eltern, beide Ärzte an Frankreichs renommiertester Kinderklinik, staunten nicht schlecht. So etwas war ihnen in ihrer langen medizinischen Laufbahn noch nicht untergekommen. Und nun warf ausgerechnet ihr eigenes Kind mit all der frühkindlichen Energie eines Säuglings, der einen Turm aus Klötzchen umstößt, all ihre schönen Theorien über das Erlernen des aufrechten Gangs über den Haufen. Wie war es möglich, dass ihre einzige Tochter schon so früh ihre ersten Schritte machte? Wie konnten die Beinknochen ihren kleinen lächelnden Buddha mitsamt seinen Speckpölsterchen tragen? Hing es etwa mit den sechs Zehen an ihrem rechten Fuß zusammen? So viele Fragen, auf die Nadia und Jean-Claude keine Antworten fanden, damals nicht und später genauso wenig. Sie konnten es sich nicht erklären und nahmen es schließlich einfach hin. Die Mutter hatte Providence sofort gründlich untersucht. Der Vater hatte sogar ihr Gehirn geröntgt. Aber sie hatten nichts herausgefunden. Alles sah normal aus. Es war eben einfach so, mehr gab es dazu nicht zu sagen. Ihre kleine Providence konnte mit sieben Monaten laufen. Punkt. Providence war nun mal ein ungeduldiges kleines Mädchen.

Aber die gemischten Gefühle, mit denen Providence’ Eltern ihre Tochter in jener merkwürdigen Phase beobachteten, waren gar nichts im Vergleich zu all den Empfindungen, die sie wie ein Tsunami überrollten, als ihre Tochter es sich eines schönen Sommertags fünfunddreißig Jahre später in den Kopf setzte, fliegen zu lernen.

Position: Flughafen Orly (Frankreich)

Herz-O-Meter1:2105 Kilometer

 

Ihnen dürfte nicht entgangen sein, dass Providence zum Zeitpunkt ihres unglaublichen Abenteuers fünfunddreißig Jahre und sieben Monate alt war. Sie war eine absolut normale Frau, wenn auch mit sechs Zehen am rechten Fuß und einem Vornamen, der für eine Person, die nicht aus den Vereinigten Staaten stammte, eher ungewöhnlich war. Sie wohnte in einer ganz normalen kleinen Ortschaft südlich von Paris und übte einen Beruf aus, der normaler nicht hätte sein können.

Sie war Briefträgerin.

 

Und angesichts ihres Berufs passte ihr Vorname – abgeleitet von der Göttin der Vorsehung – doch erstaunlich gut.

Als sie an jenem Morgen am Schalter der Grenzpolizei am Flughafen Orly ihren Einreiseantrag für Marokko ausfüllte, schrieb sie in die Spalte für den Beruf ›Briefträger‹.

Das gefiel nun der phlegmatischen Beamtin, die das Formular begutachtete, ganz und gar nicht. Ihre Missbilligung zeichnete sich sofort auf ihrem mit billigem Make-up zugekleisterten Gesicht ab. Die Polizistin, die einen Schnurrbart wie ein Dorfpolizist ihr Eigen nannte, hatte an jenem Morgen vergessen, sich die Oberlippe zu rasieren, was ihre Weiblichkeit gehörig schmälerte.

»Sie haben hier Briefträger geschrieben.«

»Ja, das ist mein Beruf.«

»Sie hätten Briefträgerin schreiben sollen.«

»Ist schon in Ordnung so.«

»Ich sage Ihnen das, weil es verdächtig ist, wenn man als Frau Briefträger schreibt. Wer das Formular liest, erwartet einen Mann, aber dann sieht man Sie und hat eine Frau vor sich. Das verwirrt. Und wir von der Polizei haben es nicht gern, wenn man uns verwirrt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich will nur Ihr Bestes. Ich würde Sie ja ausreisen lassen, aber ich möchte nicht, dass Sie bei der Einreise nach Marokko aufgehalten werden, weil sie Briefträger anstatt Briefträgerin hingeschrieben haben. Das wäre doch dumm. Die sind dort speziell, wissen Sie. Mit Gleichberechtigung haben sie es da unten nicht so. Sie stehen eher auf Keramik-Aschenbecher und Leder-Sitzkissen.«

Red du nur, dachte Providence. Und wenn einer Frau lange, schwarze Haare auf der Oberlippe wachsen, verwirrt das nicht, oder wie? Unglaublich! Diese Bartnelke erlaubte es sich, ihr Lektionen in puncto Weiblichkeit zu erteilen! War der Schnurrbart bei der französischen Polizei zur Pflicht geworden, wie in den dreißiger Jahren? Oder wollte die Beamtin sich einfach nur dem Modetrend anschließen, der auf eine berühmte bärtige Siegerin beim Eurovision Song Contest von 2014 zurückging?

»Ja, das wäre dumm«, entgegnete Providence kurz angebunden, schnappte sich gereizt das Formular und einen Kugelschreiber und korrigierte den Stein des Anstoßes.

Ihr war daran gelegen, dass alles reibungslos lief. Nachdem sie den Irrtum aus der Welt geschafft hatte, reichte sie das Blatt an die uniformierte Conchita Wurst zurück.

»So ist es besser. Sie werden durch die Kontrolle schlüpfen wie ein Brief durch den Briefschlitz«, scherzte die Polizistin munter. »Aber ich weiß sowieso nicht, warum wir uns streiten, denn wie Sie dort hinkommen wollen, ist mir ein Rätsel.«

»Warum?«

»Wegen der Aschewolke wird gerade ein Flug nach dem anderen annulliert.«

»Eine Aschewolke?«

»Ja, haben Sie denn nicht davon gehört? In Island ist ein Vulkan ausgebrochen. Wenn Island schon mal in die Schlagzeilen gerät – dann ausgerechnet, um uns mit seinem Vulkan zu nerven!«

Mit diesen Worten knallte die Frau geräuschvoll den Stempel auf den Einreiseantrag, sodass ihr Schnurrbart erzitterte, und gab ihn (den Antrag, nicht den Schnurrbart) Providence zurück.

»Wissen Sie, wann er zum letzten Mal ausgebrochen ist?«, fragte die Polizistin aufgebracht.

»Nein, weiß ich nicht. Vor fünfzig Jahren?«, versuchte Providence ihr Glück.

»Mehr.«

»Vor sechzig?«

»Mehr.«

»Vor hundert?«, stieß die Briefträgerin hervor, die sich vorkam wie bei »Der Preis ist heiß«.

Die Beamtin gluckste verächtlich, als wolle sie andeuten, dass ihr Gegenüber eine realitätsferne Träumerin sei.

»Im Jahr 9500 vor Christus!«, verriet sie schließlich, um Providence nicht länger auf die Folter zu spannen. »Das haben sie in den Nachrichten gebracht! Können Sie sich das vorstellen? Und dann bricht er einfach so aus, ganz plötzlich. Also ehrlich, die wollen uns doch verarschen! Und noch dazu dieser Name, den haben sie sich doch auch nur ausgedacht, um sich über uns lustig zu machen. Theistareykjabunga oder so. Glauben Sie nicht auch, dass diese Isländer die ganze Welt für blöd halten?«

»Er liegt in Island, dieser Tatakabunga?«

»Ja. Finden Sie nicht auch, dass das überhaupt nicht isländisch klingt?«

»Zugegeben, für mich klingt das eher afrikanisch.«

»So ging es mir auch, aber afrikanisch oder nicht, ich hoffe, Sie haben Glück. Und dass der Dingsdabunga Sie nicht am Fliegen hindert.«

»Ich muss unbedingt noch heute Vormittag nach Marrakesch.«

Die Briefträgerin hätte hinzufügen können, dass es sich um eine Angelegenheit auf Leben und Tod handelte, aber sie beherrschte sich. Der Polizistin wäre eine solche Aussage zweifellos verdächtig vorgekommen.

Von Paulo Coelho gibt es einen Roman mit dem Titel Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte. Und in einem Winkel des Terminal Orly Süd saß Providence auf ihrem rosaroten Samsonite-Koffer und weinte.

Noch heftiger schluchzte sie, als sie merkte, dass sie statt ihrer Handtasche eine mit Abfall vollgestopfte Carrefour-Tüte am Arm trug – eine beredte Mahnung, dass man sich nicht ungestraft früh um 4 Uhr 45 aus dem Schlaf reißen lässt. Die Briefträgerin verzog angewidert das Gesicht, hopste wie ein Springteufelchen in die Höhe und entsorgte die Tüte im nächstgelegenen Mülleimer, als wäre sie eine Bombe. Wie hatte sie nur mit dieser ekelhaften Plastiktüte am Arm herfahren können, ohne es zu merken? Ihr außergewöhnlicher Geruchssinn war offenbar durch die Müdigkeit völlig lahmgelegt. Wenn wir müde sind, machen wir merkwürdige Sachen, dachte sie und erschrak. Hatte sie etwa stattdessen ihre Handtasche in den Müll geworfen? Sie war sehr erleichtert, als sie sie am anderen Arm baumelnd entdeckte. Da will man nur mal eben den Müll runterbringen und nimmt ihn dann mit auf Reisen.

Providence setzte sich wieder hin und versank in der Pose des Rodin’schen Denkers auf rosarotem Samsonite.

Die schnurrbärtige Polizistin hatte recht gehabt. Die Hälfte aller Flüge war wegen der verdammten Aschewolke annulliert worden, die ein isländischer Vulkan am Vortag ausgespuckt hatte. Die reinste Unverschämtheit in einer Zeit, in der alle Welt gegen die Nikotinsucht kämpfte! Und die Lage war noch lange nicht geklärt. Womöglich wurde in ein paar Stunden der gesamte Flughafen geschlossen. Und damit würden sich Providence’ Hoffnungen in Rauch auflösen (kein Wortspiel beabsichtigt).

Wie kann eine Wolke bloß so bedrohlich sein?

Wie konnte ein großer Wattebausch, wie konnte eine pummelige Staubfluse so ausgeklügelten Maschinen gefährlich werden? Allem Anschein nach war sie genauso gefährlich wie die radioaktive Wolke, die vor ein paar Jahren von Tschernobyl aus über den europäischen Himmel gewandert war, bis sie wie durch ein Wunder unmittelbar vor der französischen Grenze zum Stillstand kam. Vielleicht, weil sie kein Visum hatte?

Die Moderatoren der Nachrichtensendungen, die auf den Bildschirmen im Terminal liefen, bestätigten, dass Flugzeuge, die das Pech hatten, in diesen Aschehaufen zu geraten, Gefahr liefen abzustürzen, das heißt, so schnell vom Radar zu verschwinden wie Damenhöschen auf den Partys von Larry Flint. Das Grauen des Bermudadreiecks zeigte seine hässliche Fratze. Gewaltige Kolosse, vernichtet von kleinen Staubpartikeln. Verrückt. David gegen Goliath. Die Aschepartikel setzten sich in den Triebwerken fest und brachten sie zum Stillstand. Im schlimmsten Fall kam es zu einer Explosion. Im Fernsehen reduzierte man diese Vorgänge auf einen Maßstab, den Normalsterbliche begreifen konnten, man verglich sie mit weitaus alltäglicheren Unfällen: dem defekten Filter der nagelneuen Espressomaschine oder der Silbergabel, die die Schwiegermutter in der Mikrowelle vergessen hat. Rumms! Kein Kaffee mehr, keine Mikrowelle mehr, kein Flugzeug mehr!

Eine Minderheit von selbsternannten Experten jedoch, als deren Brutstätte manchen Leuten gewisse einflussreiche Beratungsfirmen oder schlichtweg irgendeine Kanzlei galten, behaupteten, Luftfahrzeuge hätten von einer solchen Wolke nicht das Geringste zu fürchten. Die Bedrohung werde übertrieben, wie üblich. Doch die Luftfahrtgesellschaften waren nicht bereit, ihre Flotte und die Sicherheit der Fluggäste wegen einer Bande von Phantasten aufs Spiel zu setzen. Es ging um ihr finanzielles Überleben. Es hatte keinen Sinn, jahrelang bei den Erdnüssen und den Oliven zu sparen, nur um dann das Risiko in Kauf zu nehmen, dass die hübschen Spielzeuge (zu 149 Millionen Euro das Stück) zu Bruch gingen, als wären sie von Schülern aus den Fenstern geworfene Papierflieger. Nein, hier war Vernunft gefragt.

Und da niemand mit dem Feuer spielen wollte, rührte sich niemand vom Fleck. Die Devise der Generaldirektion für zivile Luftfahrt klang wie die Anweisung eines Bankräubers: »Alle auf den Boden!« Verspätungen häuften sich. Das Bodenpersonal wagte es kaum noch, weitere Annullierungen bekannt zu geben. Diese unerquickliche Aufgabe überließen sie lieber den Anzeigetafeln. Einem Computer würde wohl kaum jemand an die Gurgel gehen. Im Abstand von wenigen Minuten verschwand ein Flug nach dem anderen von der Anzeige, wie durch einen boshaften Zaubertrick von David Copperfield.

 

Man konnte nichts tun außer warten.

Aber Providence konnte nicht länger warten.

Mit jeder Sekunde, die verging, verrann eine Sekunde von Zaheras Leben. Denn die Krankheit näherte sich mit Riesenschritten einer Krise, und die Klinik in Marokko besaß nicht die technische Ausrüstung, um dem kleinen Mädchen zu helfen. Dass Zahera noch lebte, verdankte sie ganz allein ihrem eisernen Willen und der Hoffnung, dass ihre Mama sie so schnell wie möglich zu sich holen würde.

Providence befingerte das blaue Dokument mit der offiziellen Unterschrift. Der magische Schlüssel. Das Ergebnis eines monatelangen Papierkriegs, den sie geführt hatte, um dieses Kind nach Frankreich zu holen. Und nachdem sie die bürokratische Dampfwalze überstanden hatte, verschworen sich nun die Elemente gegen sie. Warum bereitete es der ganzen Welt ein so gemeines Vergnügen, ihrem alten Post-Renault Knüppel zwischen die Räder zu werfen? Jede Sekunde, die verstrich, war eine Sekunde, in der man sie von ihrer Tochter fernhielt. Das war so ungerecht! Zum Schreien ungerecht. Zum Fensterscheibeneinwerfen ungerecht!

Um sich zu beruhigen, griff Providence in ihre Handtasche und holte einen kleinen MP3-Player hervor. An dem Tag, an dem die Regierung beschlossen hatte, Fotos von kranken Lungen und Lebern auf die Verpackung zu drucken, hatte sie ihre Zigarettenschachteln gegen das kleine Gerät eingetauscht. Musik war sowieso gesünder, und bisher waren sie noch nicht auf die Idee gekommen, die Player mit Bildern von Gehörlosen zu bekleben! Mit zittrigen Händen steckte sie sich die Stöpsel in die Ohren und drückte auf Play. Sie legte den Kopf in den Nacken, als säße sie beim Friseur und käme gleich in den Genuss einer wunderbar entspannenden Kopfhautmassage.

Als der Song von U2 an der Stelle wieder einsetzte, wo sie ihn bei ihrer Ankunft am Flughafen gestoppt hatte (In a little whiile, in a little whiiile, I’ll be theeere), sah Providence in dem großen Glasfenster des Terminal Zaheras lächelndes Gesicht vor sich. Ja, was Bono sang, stimmte: Nicht mehr lange, dann wäre sie dort. Bei ihr. Man musste die Dinge relativ sehen, es war sowieso ein Wunder, dass die Kleine bis heute durchgehalten hatte. Sieben Jahre, obwohl man ihr eine Lebenserwartung von drei vorausgesagt hatte! Sie würde auch noch a little while länger durchhalten. Man dreams one day to fly, a man takes a rocketship into the skies. Ach, hätte sie doch nur eine Rakete …

»Ich komme dich holen, mein Liebling«, murmelte Providence vor sich hin, ohne auf die spöttischen Blicke der vorübergehenden Touristen zu achten. Egal, was es kostet, egal, wie ich es anstelle, nichts wird mich daran hindern, dich heute noch abzuholen. Halte durch, mein Engel. Wenn der Mond aufgeht, bin ich bei dir. Das verspreche ich dir. Und wenn ich lernen muss, wie ein Vogel zu fliegen.

Niemals hätte sich Providence träumen lassen, wie nah sie der Wahrheit kam, als sie diese Worte aussprach.

Zur gleichen Zeit, Tausende Kilometer von Orly entfernt, betrachtete Zahera, deren Kinn über der Bettdecke hervorschaute wie Kapitän Haddocks Bart in Kohle an Bord, das phosphoreszierende Sternbild, das an ihrer weißen, wolkenlosen Zimmerdecke klebte. Sie hatte über ihrem Kopf das Sternbild des Großen Bären aus lauter winzig kleinen Plastik-Leuchtsternen angebracht, und wenn man das Licht löschte, funkelten sie wie tausend blank geputzte Sheriffsterne.

Echte Sterne funkelten nicht. Das wusste Zahera, weil Rachid ihr einmal ein Stückchen von einem Stern geschenkt hatte, über das er zufällig in der Wüste gestolpert war. Anscheinend war es von irgendwo runtergefallen. War das graue Gestein einmal ins Dunkel gestürzt, strahlte es kein Licht mehr aus. Rachid, ihr Krankengymnast, meinte, das habe mit der Strahlung zu tun. Abgespalten und fern von seinen molekularen Artgenossen mochte das Sternenbröckchen nicht mehr blinken. Als Zahera eines Tages wieder einmal den Stein bewunderte, der nicht größer als ihre Hand war, entdeckte sie an einer Stelle seiner scharfkantigen, unregelmäßigen Oberfläche eine geheimnisvolle Inschrift: Made in China.

»Was bedeutet das?«, fragte sie Rachid bei nächster Gelegenheit.

»Das? Ach, das ist Englisch«, antwortete der Krankengymnast verlegen. »Das heißt, sie werden in China hergestellt.«

Er hatte die Fälschung in einem kleinen Basar in der Innenstadt gekauft. Das Mädchen, das nie aus der Klinik herausgekommen war und sich deshalb in der Welt nicht auskannte, hatte ihm geglaubt, weil es Erwachsenen üblicherweise vertraute.

»Ach so, die Sterne werden in China hergestellt«, sagte Zahera, und Rachid musste verwundert feststellen, dass sein Geständnis nicht die erwartete Wirkung hatte.

Gerührt von diesem schönen Zeugnis der Unschuld fand er nicht die Kraft, ihr zu widersprechen. Ganz im Gegenteil. Er fabulierte sogar noch ein bisschen weiter.

»Die chinesische Flagge besteht übrigens aus fünf gelben Sternen auf rotem Grund. Daran sieht man, welche Bedeutung die Sternenindustrie dort hat!«

Von da an war Zahera der Überzeugung, dass die Chinesen tonnenweise Sterne produzierten, die sie in den Himmel schossen, um für die Menschen in der marokkanischen Wüste das Weltall zu illuminieren, und sie dankte ihnen jeden Abend vor dem Einschlafen in Gebeten, die sie eigens für sie erfunden hatte. Sie dankte ihnen dafür, dass sie ihr Volk so großzügig bedachten.

Eines Tages würde sie dieses armselige Krankenhaus am Stadtrand von Marrakesch verlassen und eine phantastische Reise unternehmen. Sie würde in den Orient-Express steigen und in das Land reisen, in dem Männer und Frauen mit schmalen Augen wie wohl organisierte, emsige Ameisenarmeen mit Hilfe mächtiger Kanonen leuchtende, apfelsinengroße Steine in den Weltraum schossen, die mit ihren scharfen Kanten Löcher in das marineblaue Tuch des Nachthimmels bohrten.

Zu dieser Morgenstunde leuchteten die Sterne schon nicht mehr, aber bei ihrem Anblick konnte sie sich noch ein bisschen aus dem tristen Schlafsaal fortträumen. Die kleine Marokkanerin hatte fast ihr ganzes Leben zwischen den grauen Wänden verbracht. Seit Providence ihr die Leuchtsterne geschenkt hatte, ebenfalls Made in China, hob sie bei Einbruch der Nacht den Blick zur Decke und sah dort den Himmel. Und sie sah vor allem viele, viele Augen, die schelmisch blitzten und funkelten wie die ihrer neuen Mama, der einzigen Mama, die sie je gehabt hatte, denn die andere war bei ihrer Geburt gestorben. Es kam ihr vor, als würden ihr all die kleinen Leuchtpunkte verschwörerisch zublinzeln.

Der große Bär.

Providence hatte ihr erzählt, dass die Franzosen das Sternbild auch La Grande Casserole, den Großen Kochtopf, nannten. Sie mochte diesen Namen sehr, weil er ihre beiden Leidenschaften verband, das Kochen und den Weltraum. Sie wollte später einmal Weltraumkonditorin werden, das hatte sie sich fest vorgenommen. In der Schwerelosigkeit wäre es viel leichter, Soufflés zu backen und Eischnee zu schlagen. Aber diese Idee behielt sie vorläufig für sich. Sie war ihr Geheimnis. Ihr schien das alles völlig logisch, aber anderen Leuten kam so etwas anscheinend nicht in den Sinn. Das Problem war nur, dass es dieses »später einmal« möglicherweise nie geben würde. Und noch mehr bedrückte sie, dass die Welt sie, falls der Tod früher kam als vorgesehen, nicht als erste Weltraumkonditorin in Erinnerung behalten würde, sondern als krankes kleines Mädchen, das eines schönen Sommertags unter einer mit Plastiksternen beklebten Zimmerdecke in einem schäbigen marokkanischen Krankenhaus gestorben war.

Also versuchte sie, die Ärzte und die Krankheit Lügen zu strafen, und wehrte sich tapfer. Sicher, ihre Arme waren dünn wie junge Zweige, aber ihr Geist war wie von einer unzerstörbaren Eisenlegierung umgeben. Denn ihr Geist war stärker als ihr Körper, und ihre gute Laune war unverwüstlich. Wenn sie lächelte oder lachte, walzte sie damit wie ein Bulldozer alle Widerstände platt, sie demolierte die Krankheit, sie eliminierte die Traurigkeit. Wenn wir Menschen Arme oder Beine verlieren und aussehen wie kaputte Puppen, wenn das Leben uns wie mit einer scharfen Schere gewaltsam das Gesicht zerschneidet und das Herz aus dem Körper reißt, wenn Männer ihr Geschlecht verlieren und Frauen ihre Haare und Brüste, wenn wir alles verlieren, was uns zu Menschen macht, unsere Augen, Ohren oder Lungen, wenn wir uns in Neugeborene zurückverwandeln und wieder ins Bett machen, wenn man uns Windeln anlegt und Unbekannte uns frühmorgens die Scheiße abwischen, die sich nachts in unseren Klinikbetten angesammelt hat, wenn wir uns nicht mehr selbst waschen können, wenn kochend heißes Wasser uns das letzte Restchen Haut verbrüht, das uns noch geblieben ist, wenn uns das Alter die Knochen bricht, uns Tränen in den Augen brennen und wir trotz allem noch nicht den Verstand verloren haben, dann tut es gut zu lächeln oder zu lachen und zu kämpfen. Lachen ist das Schlimmste, was man einer Krankheit antun kann. Man muss ihr ins Gesicht lachen. Nie die Hoffnung verlieren. Sich nie aufgeben. Denn das Abenteuer ist noch nicht zu Ende. Man sollte nie aufstehen und das Kino verlassen, bevor der Film vorbei ist, denn am Ende erlebt man oft Überraschungen. Erfreuliche Überraschungen. Ein Happy End. Es kommt vor, dass uns das Leben ans Bett fesselt. Aber solange noch ein paar Tropfen Zuversicht durch unsere Adern rinnen, solange ein hauchzarter Faden, nicht viel dicker als das Gespinst einer Seidenraupe, uns ans Dasein bindet, sind wir lebendig. Lebendig und stark. Stark sind wir sogar dann, wenn wir schwach sind, denn wir gehören zur schönen Gattung der Lebenden. Auch Zahera kämpfte aus genau diesem Grund: Sie wollte das Ende des Films sehen. Das glückliche Ende. Dafür kämpfte sie wie eine erwachsene Frau, eine starke, schöne Frau. Eine außergewöhnliche Frau, die nicht aufgab und auf das Glück, lebendig zu sein, nie freiwillig verzichtet hätte.

In einem Buch, das Providence ihr einmal geschenkt hatte (es trug den Titel Der unermessliche Einfluss, den Ihr Vorname auf Ihr Leben ausübt) hatte sie gelesen, dass »die Zaheras sich beherzt für ihr eigenes Glück und das Glück der Menschheit einsetzen. Sie sind geduldig und überaus treue Freundinnen.«

Davon war sie hundertprozentig überzeugt.

Sie würde der ganzen Welt beweisen, dass man noch träumen konnte, selbst wenn man eine Wolke verschluckt hatte. Eines Tages würde sie die erste Weltraumkonditorin aller Zeiten sein.

»Du hast eine Wolke verschluckt« – so nannte Providence Zaheras Krankheit, die Mukoviszidose. Es traf die Sache ziemlich gut. Das kleine Mädchen spürte in ihren Lungen eine Art nebulösen, hinterhältigen Schmerz, der