Verlag: Mozaika LLC Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Das Mädchen, das sieht (Sasha Urban Serie: Buch 1) E-Book

Anna Zaires  

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E-Book-Beschreibung Das Mädchen, das sieht (Sasha Urban Serie: Buch 1) - Anna Zaires

"Ich bin eine Illusionistin, keine Hellseherin. Im Fernsehen aufzutreten, soll meine Karriere vorantreiben, aber die Dinge laufen schief. Schief, wie Vampire und Zombies, die irgendwie fehl am Platz sind. Mein Name ist Sasha Urban, und so habe ich erfahren, was ich bin. "

Meinungen über das E-Book Das Mädchen, das sieht (Sasha Urban Serie: Buch 1) - Anna Zaires

E-Book-Leseprobe Das Mädchen, das sieht (Sasha Urban Serie: Buch 1) - Anna Zaires

Das Mädchen, das sieht

Sasha Urban Serie: Buch 1

Dima Zales

Aus dem Amerikanischen vonGrit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Contents

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Auszug aus Schwarzseherin

Auszug aus Die Gedankenleser - The Thought Readers

Über die Autorin

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen, Ereignissen oder Schauplätzen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2018 Dima Zales

www.dimazales.com/book-series/deutsch/

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung.

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von Mozaika LLC.

www.mozaikallc.com

Lektorat: Fehler-Haft.de

Cover von Orina Kafe

www.orinakafe-art.com

e-ISBN: 978-1-63142-414-4

Print ISBN: 978-1-63142-415-1

Kapitel 1

»Ich bin keine Hellseherin«, sage ich zur Visagistin. »Was ich tun werde, ist Mentalismus.«

»Wie dieser verträumte Typ in der Fernsehshow?« Die Visagistin fügt meinen Wangenknochen noch eine Prise Make-up hinzu. »Ich wollte schon immer sein Make-up machen. Kannst du auch hypnotisieren und Menschen lesen?«

Ich atme tief und beruhigend ein. Es hilft nicht viel. Die kleine Garderobe riecht, als ob Haarspray einen Krieg gegen Nagellackentferner geführt, gewonnen und einige Dämpfe gefangen genommen hätte.

»Nicht ganz«, sage ich, als ich meine Angst und die damit verbundene Reizbarkeit unter Kontrolle habe. Sogar mit Valium im Blut treibt mich das Wissen um das, was kommen wird, an den Rand der Vernunft. »Ein Mentalist ist eine Art Bühnenmagier, dessen Illusionen sich mit dem Verstand beschäftigen. Wenn es nach mir ginge, würde ich mich einfach als ›mentale Illusionistin‹ bezeichnen.«

»Das ist kein sehr guter Name.« Sie blendet mich mit ihrer Lampe und betrachtet sorgfältig meine Augenbrauen.

Ich erschaudere innerlich; das letzte Mal, als sie mich so ansah, wurde ich danach mit einer Pinzette gefoltert.

Allerdings muss ihr jetzt gefallen, was sie sieht, denn sie wendet das Licht von meinem Gesicht ab. »›Mentale Illusionistin‹ klingt wie eine hellsehende Zauberin«, fährt sie fort.

»Deshalb nenne ich mich einfach ›Illusionistin‹.« Ich lächele und bereite mich darauf vor, dass das Make-up wie eine Maske abfällt, aber es bleibt an Ort und Stelle. »Bist du bald fertig?«

»Mal sehen«, sagt sie und winkt einem Kameramann zu.

Der Typ lässt mich aufstehen, und das Licht an seiner Kamera geht an.

»Das ist es.« Die Visagistin zeigt auf den nahegelegenen LCD-Bildschirm, auf den ich bisher extra nicht geschaut habe, weil er die laufende Show zeigt – die Quelle meiner Panik.

Der Kameramann tut, was er tun muss, und die Angst auslösende Show ist vom Bildschirm verschwunden und wird durch ein Bild unseres winzigen Zimmers ersetzt.

Das Mädchen auf dem Bildschirm ähnelt mir vage. Die Absätze lassen meine üblichen eins achtundsechzig viel größer erscheinen, ebenso wie das dunkle Lederoutfit, das ich trage. Ohne schweres Make-up ist mein Gesicht auch symmetrisch, aber durch meine prägnanten Wangenknochen sehe ich eher hübsch als schön aus – ein Effekt, der durch mein starkes Kinn verstärkt wird. Das Make-up jedoch macht meine Gesichtszüge weicher, hebt das Blau meiner Augen und den Kontrast zu meinen schwarzen Haaren hervor.

Die Visagistin hat es übertrieben – man könnte meinen, ich werde gleich in einer Shampoo-Werbung auftreten. Ich bin kein großer Fan von langen Haaren, aber ich habe sie trotzdem, da mich die Leute immer für einen Teenager gehalten haben, als ich sie kurz trug.

Das ist ein Fehler, den niemand heute Abend machen wird.

»Ich mag es«, sage ich. »Lassen wir es einfach so. Bitte.«

Der Kameramann schaltet den Bildschirm zurück auf die Live-Übertragung der Sendung. Ich kann es nicht verhindern, daraufzuschauen, und mein bereits hoher Blutdruck erreicht unbekannte Höhen.

Das Make-up-Mädchen schaut mich von oben bis unten an und rümpft ihre Nase. »Du bestehst auf dieses Outfit, oder?«

Das wirklich coole – meiner Meinung nach – Borderline-Domina-Outfit, das ich heute angezogen habe, ist ein Mittel, um meiner Bühnenpersönlichkeit Mystik hinzuzufügen. Jean Eugène Robert-Houdin, der berühmte französische Zauberer des 19. Jahrhunderts, der Houdini zu seinem Künstlernamen inspirierte, sagte einmal: »Ein Zauberer ist ein Schauspieler, der die Rolle eines Zauberers spielt.« Als ich Criss Angel in der Grundschule im Fernsehen gesehen habe, hat sich meine Meinung darüber gebildet, wie ein Magier aussehen sollte, und ich bin nicht allzu stolz, zugeben zu müssen, dass ich Einflüsse seines Gothic-Rockstars in meinem eigenen Outfit wiederfinde, besonders in der Lederjacke.

»Wie wundervoll«, sagt eine bekannte Stimme mit einem sexy britischen Akzent. »So haben Sie im Restaurant nicht ausgesehen.«

Ich drehe mich auf meinen hohen Absätzen um und stehe Darian gegenüber, dem Mann, den ich vor zwei Wochen in dem Restaurant kennengelernt habe, wo ich von Tisch zu Tisch zaubere – und wo ich ihn genug beeindruckt habe, um diese unvorstellbare Gelegenheit zu bekommen.

Darian Rutledge, Senior Producer der beliebten Evening with Kacie Show, ist ein schlanker, schick gekleideter Mann, der mich an eine Mischung aus einem Butler und James Bond erinnert. Obwohl er im Studio ein Senior ist und ausgeprägte Sorgenfalten auf der Stirn hat, würde ich sein Alter auf Ende zwanzig schätzen – auch wenn das Wunschdenken sein könnte, da ich erst vierundzwanzig bin. Nicht nur, dass er im traditionellen Sinn gut aussieht, er hat auch einen gewissen Reiz. Außerdem ist er mit seiner starken Nase der seltene Typ, der einen Spitzbart gut tragen kann.

»Im Restaurant trage ich Doc Martens«, entgegne ich ihm. Die zusätzlichen Zentimeter meiner Schuhe heben mich auf seine Augenhöhe, und ich kann nicht anders, als mich in diesen grünen Tiefen zu verlieren. »Und das Make-up wurde mir aufgezwungen«, füge ich ungeschickt hinzu.

Er lächelt und reicht mir ein Glas, das er die ganze Zeit über gehalten hat. »Und das Ergebnis ist wunderschön. Prost.« Dann schaut er auf die Visagistin und den Kameramann. »Ich möchte mit Sasha unter vier Augen sprechen.« Sein Ton ist höflich, aber unmissverständlich fordernd.

Das Personal schießt aus dem Raum. Darian muss noch viel mehr Einfluss haben, als ich dachte.

Wie ferngesteuert nehme ich einen Schluck von dem Getränk, das er mir gegeben hat, und zucke wegen des bitteren Geschmacks zusammen.

»Das ist ein Sea Breeze.« Er schenkt mir ein strahlendes Lächeln. »Der Barkeeper muss zu viel Grapefruitsaft hineingetan haben.«

Ich nehme höflich einen zweiten Schluck und stelle den Drink auf den Schminktisch hinter mir, weil ich mir Sorgen mache, dass die Kombination von Wodka und Valium mich noch benebelter machen könnte, als ich es schon bin. Ich habe keine Ahnung, warum Darian mit mir allein sprechen will; die Angst hat mein Gehirn bereits in Brei verwandelt.

Darian betrachtet mich für einen Moment schweigend, dann zieht er ein Telefon aus seiner engen Jeanstasche. »Es gibt etwas Unangenehmes, was wir besprechen müssen«, sagt er und streicht über den Bildschirm des Telefons, bevor er es mir reicht.

Ich nehme ihm das Telefon ab und ergreife es fest, damit es nicht aus meinen verschwitzten Händen rutscht.

Auf dem Telefon ist ein Video zu sehen.

Ich betrachte es in verblüffender Stille, und eine Welle der Angst überrollt mich trotz des Medikaments.

Das Video enthüllt mein Geheimnis – die versteckte Methode hinter der unmöglichen Nummer, die ich bei Evening with Kacie aufführen werde.

Ich bin erledigt.

»Warum zeigen Sie mir das?«, schaffe ich zu sagen, nachdem ich die Kontrolle über meine gelähmten Stimmbänder wiedererlangt habe.

Darian nimmt das Telefon sanft aus meinen zitternden Händen. »Wissen Sie, was Sie im Restaurant gemacht haben? Wie Sie vorgeben, ein Hellseher zu sein und dass es alles nur Tricks sind?«

»Richtig.« Ich runzele vor Verwirrung die Stirn. »Ich habe nie gesagt, dass ich wirklich etwas tue. Wenn es darum geht, mich als Betrügerin bloßzustellen …«

»Sie verstehen das falsch.« Darian schnappt sich mein weggestelltes Getränk und nimmt einen großen, aber irgendwie eleganten Schluck. »Ich habe nicht die Absicht, dieses Video irgendjemandem zu zeigen. Ganz im Gegenteil.«

Ich blinzele ihn nur an, da mein Gehirn vom Adrenalin und Schlafmangel eindeutig überhitzt ist.

»Ich weiß, dass Sie als Zauberer es nicht mögen, wenn Ihre Methoden aufgedeckt werden.« Sein Lächeln erinnert mich jetzt an ein Raubtier.

»Richtig«, sage ich und frage mich, ob er im Begriff ist, mir einen als Erpressung getarnten unmoralischen Antrag zu machen. Wenn er es täte, würde ich es natürlich ablehnen, aber aus Prinzip, und nicht, weil es undenkbar ist, etwas Unmoralisches mit einem Kerl wie Darian zu tun.

Wenn man so lange nichts in dieser Richtung gemacht hat wie ich, wirbeln einem regelmäßig alle möglichen verrückten Szenarien durch den Kopf.

Darians grüner Blick wird distanziert, als wolle er durch die nahegelegene Wand bis zum Horizont blicken. »Ich weiß, was Sie nach der großen Enthüllung sagen wollen«, sagt er und konzentriert sich wieder auf mich. In einer unheimlichen Parodie meiner Stimme sagt er: »›Ich bin keine Hellseherin. Ich benutze meine fünf Sinne, die Täuschung und das Schauspiel, um die Illusion zu schaffen, eine zu sein.‹«

Ich ziehe meine Augenbrauen so sehr in die Höhe, dass mein kräftiges Make-up abzuplatzen droht. Er hat nicht ungefähr das ausgesprochen, was ich sagen wollte – er hat es Wort für Wort getroffen, einschließlich der Betonungen, die ich geübt hatte.

»Oh, schauen Sie nicht so überrascht.« Er stellt das jetzt leere Glas wieder auf die Kommode. »Sie haben genau das auch im Restaurant gesagt.«

Ich nicke, immer noch unter Schock. Habe ich ihm das wirklich schon einmal gesagt? Ich erinnere mich nicht daran, aber ich muss es getan haben. Woher sollte er es sonst wissen?

»Ich habe etwas genommen, was ein anderer Mentalist gesagt hat«, platze ich heraus. »Geht es darum, ihn zu erwähnen?«

»Überhaupt nicht«, sagt Darian. »Ich will nur, dass Sie diesen Unsinn weglassen.«

»Oh.« Ich starre ihn an. »Warum?«

Darian lehnt sich nach hinten gegen den Schminktisch und überkreuzt seine Beine an den Knöcheln. »Welchen Spaß macht es, einen falschen Hellseher in der Show zu haben? Niemand will einen Hochstapler sehen.«

»Sie wollen also, dass ich mich wie ein Betrüger verhalte? Ein Betrüger, der so tut, als sei er echt?« Zwischen dem Lampenfieber, dem Video und dieser unsinnigen Forderung bin ich fast bereit, den Schwanz einzuziehen und wegzulaufen, auch wenn ich das für den Rest meines Lebens bereuen würde.

Er muss spüren, dass ich dabei bin, durchzudrehen, weil der raubtierhafte Zug aus seinem Lächeln verschwindet. »Nein, Sasha.« Sein Ton ist übertrieben geduldig, als ob er mit einem kleinen Kind spricht. »Ich will einfach, dass Sie nichts dazu sagen. Behaupten Sie nicht, ein Hellseher zu sein, aber leugnen Sie es auch nicht. Vermeiden Sie dieses Thema einfach komplett. Sicher können Sie damit leben.«

»Und wenn nicht, werden Sie den Leuten das Video zeigen? Werden Sie meine Methode enthüllen?«

Schon allein der Gedanke macht mich wütend. Ich möchte vielleicht nicht, dass die Leute denken, ich sei eine Hellseherin, aber wie die meisten Magier arbeite ich hart an den geheimen Methoden für meine Illusionen, und ich beabsichtige, sie mit ins Grab zu nehmen – oder ein Buch nur für Magier zu schreiben, das posthum veröffentlicht wird.

»Ich bin sicher, dass es nicht dazu kommen wird.« Darian macht einen Schritt auf mich zu, und der Bergamottenduft seines Parfüms dringt in meine bebenden Nasenlöcher ein. »Wir wollen dasselbe, Sie und ich. Wir wollen, dass die Menschen von Ihnen begeistert sind. Aber nehmen Sie keine Stellung zu diesem Thema, das ist alles, worum ich Sie bitte.«

Ich gehe einen Schritt zurück, da seine Nähe zu viel für meinen ohnehin schon fragwürdigen Geisteszustand ist. »In Ordnung. Wir haben einen Deal.« Ich schlucke belegt. »Sie zeigen das Video nicht, und ich nehme keine Stellung.«

»Es gibt da eigentlich noch eine Sache«, sagt er, und ich frage mich, ob das unmoralische Angebot bald stattfinden wird.

»Was?« Ich befeuchte nervös meine Lippen, als ich bemerke, dass er mich anschaut, und mir wird klar, dass ich einen unangebrachten Annäherungsversuch nur wahrscheinlicher mache.

»Woher wussten Sie, an welche Karte meine Begleitung gedacht hat?«, fragt er.

Ich lächele und bin endlich wieder in meinem Element. Er muss über mein Markenzeichen, meinen Herzkönigintrick, sprechen – denjenigen, der jeden an seinem Tisch umgeworfen hat. »Das wird Sie etwas mehr kosten.«

Er zieht als stumme Frage eine Augenbraue in die Höhe.

»Ich will das Video«, sage ich. »Schicken Sie es mir per E-Mail, und ich gebe Ihnen einen Tipp.«

Darian nickt und wischt einige Male über sein Handydisplay.

»Gesendet«, sagt er. »Haben Sie es?«

Ich nehme mein eigenes Telefon heraus und zucke zusammen. Es ist Sonntagnacht, kurz vor der größten Chance meines Lebens, und ich habe vier Nachrichten von meinem Chef.

Ich beschließe, später herauszufinden, was der manipulative Bastard will, gehe in meinen persönlichen E-Mail-Account und schaue nach, ob ich das Video von Darian bekommen habe.

»Ich hab’s«, sage ich. »Nun zu der Sache mit der Herzdame … Wenn Sie so aufmerksam und klug sind, wie ich denke, könnten Sie heute Abend mein Vorgehen erraten. Vor dem Hauptakt werde ich den gleichen Effekt für Kacie vorführen.«

»Sie hinterhältiges Biest.« In seinen grünen Augen leuchtet Belustigung auf. »Also werden Sie es mir nicht sagen?«

»Eine Magierin muss ihrem Publikum immer mindestens einen Schritt voraus sein.« Ich schenke ihm das unnahbare Lächeln, das ich über die Jahre perfektioniert habe. »Haben wir einen Deal oder nicht?«

»In Ordnung. Sie haben gewonnen.« Er sitzt anmutig auf dem Drehstuhl, auf dem ich meine Augenbrauenfolter durchlebt habe. »Und jetzt verraten Sie mir, warum Sie so erschrocken ausgesehen haben, als ich reinkam?«

Ich zögere, dann entscheide ich, dass es nicht schadet, die Wahrheit zuzugeben. »Es war deswegen.« Ich zeige auf den Bildschirm, auf dem die Live-Übertragung der Show noch läuft. In diesem Moment schwenkt die Kamera auf die vielen Menschen, die im Publikum sitzen, und die alle wegen irgendetwas klatschen, was die Gastgeberin gesagt hat.

Darian sieht amüsiert aus. »Kacie? Ich dachte nicht, dass dieser Muppet jemandem Angst machen könnte.«

»Nicht sie.« Ich wische meine feuchten Handflächen an meiner Lederjacke ab, und mir fällt auf, dass das nicht die saugfähigste aller Oberflächen ist. »Ich habe Angst, vor Leuten zu sprechen.«

»Haben Sie wirklich? Aber Sie haben gesagt, dass Sie Fernsehzauberin werden wollen. und treten ständig im Restaurant auf.«

»Im Restaurant gibt es höchstens drei oder vier Personen an einem Tisch«, sage ich. »In dem Studio dort sind es etwa hundert. Die Angst kommt auf, wenn die Zahlen zweistellig werden.«

Darians Belustigung scheint sich zu vertiefen. »Was ist mit den Millionen von Menschen, die Sie von zu Hause aus sehen werden? Machen Sie Ihnen keine Angst?«

»Das Studio-Publikum flößt mir mehr Angst ein, und ja, ich verstehe die Ironie.« Ich gebe mein Bestes, um nicht defensiv zu klingen. »Für meine eigene TV-Show würde ich mit einem kleinen Kamerateam Straßenzauber machen – das würde mir nicht allzu viel Angst einflössen.«

Angst ist eigentlich eine Untertreibung. Mein Problem mit Reden in der Öffentlichkeit bestätigt die vielen Studien, die zeigen, dass diese spezielle Phobie tendenziell tiefgreifender ist als die Angst vor dem Tod. Natürlich würde ich lieber von einem Hai gefressen werden, als vor einer großen Menschenmenge aufzutreten.

Nachdem Darian mich wegen dieses Angebots angerufen hatte und ich erfuhr, wie groß das Studiopublikum der Show ist, konnte ich drei Tage lang nicht schlafen – deshalb fühle ich mich wie eine Gefangene in Guantanamo Bay auf dem Weg zu einem erweiterten Verhör. Es ist noch schlimmer als damals, als ich eine ganze Reihe von Nachtschwärmern für meinen dämlichen Tagesjob finden musste, und zu dieser Zeit dachte ich, das wäre das stressigste Ereignis meines Lebens gewesen.

Meine Mitbewohnerin Ariel hat mir ihr Valium nicht einfach so gegeben; ich musste meine ganze Überredungskunst aufbringen, und sie hat erst dann nachgegeben, als sie es nicht mehr ertragen konnte, mein elendes Gesicht anzusehen.

Darian lenkt mich von meinen Gedanken ab, indem er wieder an seinem Handy herumfummelt.

»Das sollte Sie inspirieren«, sagt er, als beruhigende Klavierakkorde aus dem blechernen Telefonlautsprecher erklingen. »Es ist ein Lied über einen Mann in einer ähnlichen Situation wie Sie.«

Ich brauche einen Moment, um die Melodie zu erkennen. Da ich es das letzte Mal gehört habe, als ich klein war, erhöhe ich Darians von mir geschätztes Alter um ein paar Jahre. Der Song ist Lose Yourself aus dem Film 8 Mile, in dem Eminem eine Chance bekommt, Rapper zu werden. Ich schätze, meine Situation ist ähnlich, weil das meine große Chance auf das ist, was ich am meisten will.

Völlig unerwartet beginnt Darian, mit Eminem mitzurappen, und ich kämpfe gegen ein unwürdiges Kichern an, während ein Teil der Anspannung meinen Körper verlässt. Sprechen alle britischen Rapper so reines Englisch wie die Queen?

»Endlich ein Lächeln«, sagt Darian, ohne zu wissen, dass mein Grinsen auf seine Kosten geht – oder es ist ihm egal. »Behalten Sie es bei.«

Er schnappt sich die Fernbedienung und dreht die Lautstärke rechtzeitig hoch, damit ich Kacie sagen hören kann: »Unsere Herzen sind bei den Opfern des Erdbebens in Mexiko. Um an das Rote Kreuz zu spenden, rufen Sie bitte die Nummer unten auf dem Bildschirm an. Und jetzt eine kurze Werbung …«

»Sasha?« Ein Mann steckt seinen Kopf in die Garderobe. »Wir brauchen dich auf der Bühne.«

»Hals- und Beinbruch«, sagt Darian und bläst mir einen Luftkuss zu.

»In diesen Schuhen könnte das passieren.« Ich fange den Kuss auf, werfe ihn auf den Boden und zerquetsche ihn mit meinem Stiletto.

Darians Lachen wird leiser, während mein Begleiter und ich den Raum verlassen und einen dunklen Korridor hinuntergehen. Als wir uns unserem Ziel nähern, scheinen unsere Schritte lauter zu werden, sind im Einklang mit meinem sich beschleunigenden Herzschlag. Schließlich sehe ich ein Licht und höre das Gebrüll der Menge.

So müssen sich die Leute vor einem Erschießungskommando fühlen. Wenn ich nichts genommen hätte, würde ich wahrscheinlich abhauen und auf meine Träume pfeifen. So wie es ist, muss meine Begleitung meinen Arm ergreifen und mich zum Licht ziehen.

Anscheinend ist die Werbepause gleich vorbei.

»Geh und setz dich auf die Couch neben Kacie«, flüstert mir jemand laut ins Ohr. »Und atmen nicht vergessen.«

Meine Beine scheinen schwerer zu werden, jeder Schritt ist eine monumentale Willensanstrengung. Hyperventilierend trete ich auf die Bühne, auf der sich die Couch befindet, und mache kleine Schritte, während ich versuche, das Studiopublikum zu ignorieren.

Meine Angst ist so extrem, dass die Zeit seltsam vergeht; in einem Moment laufe ich noch, im nächsten stehe ich an der Couch.

Ich bin froh, dass Kacie ihre Nase über dem Tablet hat. Ich bin nicht bereit, Höflichkeiten auszutauschen, wenn ich etwas so Schwieriges tun muss wie mich hinzusetzen.

Mit zitternden Knien lasse ich mich auf die Couch sinken wie ein Fakir auf ein Nagelbett – was übrigens nicht auf übernatürlicher Schmerzresistenz, sondern der Anwendung wissenschaftlicher Druckprinzipien beruht.

Die Zeitverzerrung muss wieder geschehen sein, denn die Musik, die die Werbepause kennzeichnet, geht abrupt zu Ende, und Kacie schaut von ihrem Tablet auf, wobei ihre übermäßig vollen Lippen sich zu einem Lächeln formen.

Mein Puls schlägt so laut in meinen Ohren, dass ich ihren Gruß nicht hören kann.

Jetzt kommt es.

Ich bin kurz davor, eine Panikattacke im nationalen Fernsehen zu bekommen.

Kapitel 2

»Tagsüber arbeitet Sasha für den berüchtigten Nero Gorin in seinem Hedgefonds«, sagt Kacie und rezitiert das Intro, das ich vorbereitet habe. Die Worte erreichen mich wie in einem unterirdischen Bunker. »Bei Nacht tritt sie in der prunkvollen, von Zagat bewerteten …«

Die Schlucke des Sea Breeze wirbeln schmerzhaft in meinem Magen. In ein paar Sekunden ist es an mir, das Wort zu ergreifen.

Die Menge sieht mich bedrohlich an.

Das Klischee, sie mir in Unterwäsche vorzustellen, bringt mich nur dazu, dass ich Lust bekomme, mich zu übergeben, also stelle ich sie mir vor, wie sie schlafen – was auch nicht funktioniert.

Ohne Ariels Medikamente wäre ich vielleicht schreiend hinausgerannt.

Ich scanne das Publikum noch einmal und gestehe mir etwas ein, was keine Überraschung sein sollte: Meine Mutter ist nicht gekommen. Als ich ihr die Einladung geschickt habe, wusste ich, dass das wahrscheinlich sein würde, aber auf einer gewissen Ebene muss ich immer noch darauf gehofft haben, dass sie auftaucht. Ich hatte nur eine Einladung, und ich wünschte, ich hätte sie jemand anderem gegeben. Mama hat meine Leidenschaft für »dumme Tricks«, wie sie es ausdrückt, nie gebilligt, wahrscheinlich weil sie sich Sorgen macht, dass mein Einkommen drastisch sinken könnte, wenn ich die Magie als Beruf ausüben würde. Und da sie von diesem Einkommen profitiert …

»Sasha?«, wiederholt Kacie, und ihr Lächeln reicht fast bis zu den Ohren. »Willkommen zu meiner Show, meine Liebe.«

Ich schlucke und stoße hervor: »Danke für die Einladung, Kacie.« Wenn ich ihn nicht eine Million Mal geübt hätte, hätte ich sogar diesen einfachen Gruß versaut. »Ich hoffe, ich kann jedem ein kleines Rätsel aufgeben.«

»Ich bin wirklich fasziniert.« Kacie schaut von mir in die Kamera und zurück. »Ich glaube, Sie werden heute die Zukunft voraussagen. Stimmt das, Sasha?«

Verdammter Darian. Warum hat er mich in diese Situation gebracht? Bevor er mich bat, die Show nicht mit einer Richtigstellung zu beenden, hatte ich meinen Auftritt und meine Rede perfekt geplant. Jetzt muss ich vorsichtig vorgehen und nur noch die »sicheren« Sätze aus der Vorlage auswählen, die ich so oft geprobt habe.

Kacie schaut mich erwartungsvoll an, also nicke ich und mache weiter, indem ich meine Stimme beruhige, während ich sage: »Mein Hauptjob beim Hedgefonds verlangt von mir, dass ich voraussagen kann, wie sich der Markt und die einzelnen Anlagen verhalten. Ich tue dies, indem ich viele finanzielle und politische Daten sammele und sie für meine Prognosen verwende. Wie sich gezeigt hat, bin ich sehr gut darin.«

Obwohl Magier oft lügen, ist jedes Wort, das ich gerade gesagt habe, die Wahrheit. So sehr ich meinen Job auch hasse, ich bin sehr gut darin, Vorhersagen zu treffen. Ich bin so erfolgreich darin, dass mein Boss Nero mich erträgt.

Der einzige Grund, warum ich meinen Job überhaupt erwähne, ist, dass jedes Buch für Magier den Magier anweist, seine Show persönlich zu gestalten. Komiker benutzen den gleichen Trick. Und da nichts für mich persönlicher ist als mein jetziges Fegefeuer, passt es ja.

»Na dann.« Kacie dreht sich zur Kamera. »Das klingt, als sei eine Demonstration fällig.«

»Definitiv«, sage ich, und in der Hoffnung, dass niemand das Zittern meiner Hände bemerkt, krempele ich beiläufig meine Ärmel hoch – eine Bewegung, die jede Magierin, die ihr Geld wert ist, tut, bevor sie auftritt, um den Verdacht auf eine »Etwas im Ärmel haben«-Erklärung auszuschließen.

Ich schlucke, um meine trockene Kehle zu befeuchten, und sage zu Kacie: »Vor zwei Tagen haben Sie und ich telefoniert, und ich habe Sie gebeten, an eine Spielkarte zu denken. Haben Sie sich eine ausgesucht?«

Ich halte den Atem an, und mein Herz schlägt spürbar in meiner Brust. Was sie als Nächstes sagt, wird bestimmen, wie gut mein erster Trick bei Millionen von Menschen ankommen wird.

»Natürlich«, antwortet sie. »Ich habe eine Karte im Kopf.«

Ich atme erleichtert aus, und meine Nervosität schwindet langsam. Sie hat mich nicht aus Versehen sitzen lassen – was bedeutet, dass ich ihr Gedächtnis wie beabsichtigt durcheinandergebracht habe. Was ich ihr am Telefon gesagt habe, war: »Denken Sie an eine Karte aus dem Spiel, die Sie repräsentiert, oder eine, die sich für Sie persönlich anfühlt.«

Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen »denken Sie an eine zufällige Karte« und »denken Sie an eine Karte, die Sie repräsentiert«. Die eine ist eine freie Wahl, die andere eine gelenkte Wahl.

Aus meiner Erfahrung werden die meisten Frauen an die Herzkönigin denken, wenn sie mit meiner sorgfältig formulierten Anweisung konfrontiert werden. Dieser psychologische Trick funktioniert doppelt so gut bei Extrovertierten wie Kacie, besonders für diejenigen, die so viel roten Lippenstift verwenden wie sie.

»Es ist sehr wichtig, dass die Zuschauer verstehen, dass Sie die absolut freie Wahl hatten«, sage ich ihr. Ich genieße es wirklich, diesen Satz zu sagen, wenn man bedenkt, wie unglaublich falsch er ist. »Bitte bestätigen Sie allen, dass ich Ihnen eine Chance gegeben habe, Ihre Meinung zu ändern, hätten Sie das gewollt.«

Der zweite Teil stimmt. Ich habe ihr gesagt, dass sie die Karte tauschen kann, aber ich habe es ihr spontan nachträglich gesagt, damit die Chancen, dass sie es sich wirklich überlegt, sehr gering sind. Es war natürlich ein Risiko, aber die Leute ändern fast nie ihre Meinung, nachdem sie eine Karte ausgewählt haben, besonders dann nicht, wenn sie verinnerlicht haben, dass die ursprüngliche Karte sie repräsentiert.

»Genau das hat sie gesagt.« Kacie ist kurz davor, aufgeregt mit ihren sorgfältig manikürten Händen zu klatschen. Es ist erstaunlich, wie Magie diese vollkommene Frau wieder in ein kleines Mädchen verwandeln kann.

Ich vertraue darauf, dass das Glück mit den Mutigen ist, und sage: »Das ist Ihre letzte Chance, Ihre Meinung zu ändern. Wenn Sie wollen, können Sie das jetzt tun.«

Kacie schüttelt den Kopf, offensichtlich hat sie es eilig, zu wissen, was als Nächstes passiert.

Perfekt.

Sie bleibt bei ihrer Wahl.

»Bitte nennen Sie Ihre Karte zum ersten Mal laut.« Mit meiner rechten Hand ermutige ich sie mit einer schwungvollen Geste, fortzufahren, und bereite mich darauf vor, nicht enttäuscht auszusehen, falls ich auf Plan B zurückgreifen muss.

»Die Herzdame«, verkündet Kacie triumphierend.

Ich schlucke ein Grinsen hinunter. Meine Freude zu zeigen könnte auf den Trick hinweisen, genauso wie es offene Enttäuschung tun würde.

Langsam drehe ich meinen ausgestreckten Arm zu Kacie. »Denken Sie daran, Sie hätten Ihre Meinung jederzeit ändern können.«

Sie keucht, und ihre spinnenbeinartigen Wimpern flattern, weil sie so schnell blinzelt.

»Ist das echt?« Ihre Stimme ist voller Ehrfurcht. Sie hat offensichtlich den Auswahlprozess vergessen und glaubt, dass sie wirklich die freie Wahl einer Karte hatte.

»Ich habe das vor ein paar Monaten machen lassen«, sage ich und halte meinen Arm still, um sicherzustellen, dass er in Sichtweite bleibt.

Jemand im Publikum flüstert einen meiner Lieblingssätze: »Das ist unmöglich.«

Die Kamera zoomt auf meinen Unterarm.

Die große Leinwand hinter uns zeigt meine blasse Haut und das verschnörkelte Tattoo, das sie schmückt.

Die Herzdame.

»Möchten Sie es anfassen?« Ich rutsche bis zum Rand der Couch und halte Kacie das Tattoo hin. »Überprüfen Sie, dass es nicht nur aufgemalt ist.«

Kacies kühle Finger massieren das Tattoo, und sie schüttelt langsam den Kopf, während sie erstaunt vor sich hin flüstert.

Jetzt erlaube ich mir ein breites Grinsen. Jedes Mal, wenn ein Trick wie dieser gelingt und ich die Ehrfurcht auf den Gesichtern der Menschen sehe, bekomme ich einen Kick.

Deshalb verfolge ich diese Karriere der ehrlichen Täuschung trotz meiner Angst, in der Öffentlichkeit zu sprechen.

Als ich einen Blick in die Menge riskiere, stelle ich fest, dass sie noch beeindruckter ist als Kacie – genau so, wie es sein sollte. Soweit das Publikum weiß, habe ich Kacie gesagt, sie solle an irgendeine Karte denken.

»Und das ist natürlich das einzige Tattoo, das ich auf meinem Körper habe.« Ich drehe meinen untätowierten linken Arm zur Kamera und hebe meine Haare hoch, um meinen Nacken zu zeigen. Ich überlege, auch meinen unbefleckten unteren Rücken zu zeigen, aber da ich mich dafür auf meine noch zitternden Beine stellen müsste, beschließe ich, es nicht zu riskieren und stattdessen zu scherzen: »Zumindest ist das das einzige Tattoo, dass ich im nationalen Fernsehen zeigen kann.«

Der Witz sprengt die aufgestaute Spannung der Offenbarung, und alle lachen.

Ich strahle sie an.

Ich werde mich für immer an diesen Moment erinnern.

Die Show ist perfekt gelaufen.

Natürlich gibt es ein kleines Problem. Die Leute, die mich im Restaurant auftreten sehen haben – wie Darian –, werden vielleicht merken, dass ich immer die Herzdame offenbare.

Ich begegne seinem unergründlichen grünen Blick im VIP-Bereich der ersten Reihe und zwinkere ihm zu. Ist er näher dran, den Trick zu durchschauen, nachdem er ihn zweimal gesehen hat?

Hoffentlich denkt er, dass ich eine geschickte Manipulatorin bin, die die Leute dazu bringen kann, alles zu denken, was ich mir wünsche – was wohl nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist. Die Frage, die sich Darian jetzt stellen sollte, ist: Was, wenn Kacie nicht die Herzdame genommen hätte?

Die Antwort auf diese Frage ist sehr einfach: Ich würde auf Plan B zurückgreifen. Ich habe ein Kartenspiel in meiner rechten Jackentasche – etwas, ohne das ich nie das Haus verlasse. Wenn Kacie die falsche Karte genannt hätte, hätte ich versucht, nicht enttäuscht auszusehen, und würde meine bereits ausgestreckte rechte Hand benutzen, um das Kartenspiel aus meiner Tasche zu holen. Ich würde Kacie bitten, eine Zahl zwischen eins und zweiundfünfzig zu nennen, und diese Zahl von oben bei dem Kartenspiel abzählen, um ihre Karte »magisch« zu enthüllen – ein Effekt, der sich wie eine Vorhersage anfühlt, und für andere Magier wie ein größeres Wunder erscheinen könnte als die Tattoo-Version. Niemandem – außer Darian – würde das auffallen.

Begeistertes Klatschen lenkt meine Aufmerksamkeit zurück zum Publikum.

»Danke.« Ich verbeuge mich leicht und ignoriere den Schweiß, der meine Wirbelsäule hinunterläuft. »Das war nur ein kleines Vorspiel vor dem Hauptakt.«

Kacie, die Menge und sogar Darian – der weiß, was kommen wird – hängen an meinen Lippen. Vielleicht ist es anmaßend, aber ich kann mir bildlich vorstellen, wie die Leute zu Hause näher zu ihren Fernsehbildschirmen rutschen.

Schließlich haben sie gerade gesehen, wie ich durch eine Tätowierung einen freien Gedanken vorausgesagt habe, der in einem menschlichen Gehirn aufgetaucht ist, aber ich nenne das ein Vorspiel.

Mein Puls ist immer noch zu hoch, und ich werde mir eines merkwürdigen Gefühls bewusst – so als würde ich mich mit warmer Energie füllen. Ist das das Valium? Ich hoffe, es ist nicht der Cocktail, der sich mit der Medizin vermischt.

Ich schiebe meine Bedenken beiseite und konzentriere mich auf meine Vorführung.

»Vor einigen Wochen«, sage ich ruhig, »habe ich einen wichtigen Brief an Kacie geschickt.« Eigentlich habe ich ihn an ihre Assistentin geschickt, aber sie korrigiert mich nicht, also mache ich weiter. »Kacie, haben Sie diesen Brief dabei?«

Kacie hebt triumphierend einen großen versiegelten Umschlag hoch.

»Dieser Umschlag war die ganze Zeit im Studio, nicht wahr?«, frage ich und schaue Darian dabei in die Augen.

Ein schrecklicher Gedanke ist mir gerade in den Sinn gekommen.

Was ist, wenn er nicht will, dass ich leugne, eine Hellseherin zu sein, damit er das verfluchte Video abspielen und mich wie eine Betrügerin aussehen lassen kann?

Einen falschen Hellseher zu entlarven könnte für gute Einschaltquoten sorgen.

Ich schiebe diesen schrecklichen Gedanken beiseite und konzentriere mich wieder auf Kacie, während sie sagt: »Ja, und er ist versiegelt. Hier gibt es kein falsches Spiel.«

Ich könnte sie küssen. Jetzt muss ich nicht mehr betonen, wie unangetastet der Umschlag ist und wie unmöglich es für mich war, Zugriff darauf zu bekommen.

»Großartig. Vielen Dank«, sage ich. »Bevor wir zum Umschlag kommen, können Sie bitte die Titelseite der TheNew York Times auf der Leinwand hinter mir anzeigen?«

Auf dem Bildschirm erscheint die vertraute Seite mit der größten Schlagzeile des Tages im Vordergrund. Diese lautet: SCHWERES ERDBEBEN IN MEXIKO; DUTZENDE VON TOTEN. Unter dem Artikel ist das Bild eines hohen Gebäudes, das umgekippt ist, mit Menschen, die in den Trümmern graben.

Das ist mein Moment, aber ich kann nichts gegen meine großen Schuldgefühle tun. Was ich jetzt tun werde, wird aufgrund dieser schrecklichen Tragödie noch viel dramatischer wirken. Natürlich hatte ich keine Kontrolle über die heutigen Schlagzeilen, und ein solches Ergebnis ist bei diesem Trick immer ein Risiko. Ein Mentalist hat Elvis’ Tod versehentlich auf diese Weise vorhergesagt und wird bis heute von Verschwörungstheoretikern verfolgt.

Ich schlucke die Schuldgefühle herunter und sage in meinem autoritärsten Ton: »Kacie, bitte öffnen Sie den Umschlag und zeigen Sie allen, was drin ist.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn öffnen will«, flüstert Kacie, aber ihre Finger reißen schon am Papier vor ihr.

Sie greift so behutsam in den Umschlag, als befände sich Anthrax im Inneren. Sie zieht das große Blatt Papier heraus, schaut es an und erblasst.

Ich will sie noch einmal küssen. Ihre Reaktion steigert die Erwartungshaltung des Publikums.

Schließlich setzt sich die Entertainerin in Kacie durch, und sie dreht das Papier schwungvoll in Richtung Kamera.

Auf dem Papier ist eine handgezeichnete Nachbildung der Zeitung, die noch auf dem Bildschirm hinter uns zu sehen ist. In meiner schönsten Schreibschrift steht dort: STARKES ERDBEBEN IN MEXIKO; DUTZENDE VON TOTEN. Mit meinen schäbigen künstlerischen Fähigkeiten habe ich auch ein großes Gebäude, das umgekippt ist, und ein paar Strichmännchen neben einigen Tintenklecksen gezeichnet, die den Schutt darstellen.

Einer der Grafiker des Studios zeigt meine Prophezeiung Seite an Seite neben der Titelseite der TheNew York Times, und der Anblick ist beeindruckend.

Ich habe eine kleine Rede darüber vorbereitet, wie schwierig Erdbeben vorherzusagen sind, aber ich spreche das Thema nicht an. Das ist nicht nötig. Das Publikum ist in dem seltenen Zustand des stillen Schocks, und ich will ihn nicht mit Worten ruinieren. Das ist die coolste Reaktion, auf die ein Magier hoffen kann – ängstliche Ehrfurcht.

Oder aber das Publikum holt gerade Luft, um mich von der Bühne zu buhen.

Darian bricht den Zauber, indem er langsam zu klatschen beginnt, wie in einem Teeniefilm.

Das Dröhnen des anschließenden Applauses ist das beste Geräusch, das ich jemals gehört habe. Ich springe auf die Füße und verbeuge mich.

»Bravo«, sagt Kacie und ihre Stimme ist immer noch zitterig. In die Kamera sagt sie: »Wir müssen eine kurze Werbepause einlegen und sind gleich wieder da.«

Die Pausenmusik ertönt, und ich bin erleichtert. Wenn ich jetzt ausflippe, wird es zumindest nicht live übertragen.

Das Klatschen des Publikums lässt nach, und ich bemerke ein paar Leute in der Menge, die überhaupt nicht reagiert haben. Einer ist ein kränklich aussehender älterer Herr in der dritten Reihe, und der Rest sind blasse Männer in schwarzen Anzügen mit Fliegerbrille, die mich an Sicherheitskräfte erinnern. Sie sitzen ganz hinten im Studio.

Ich schaue Darian an. Er hat aufgehört zu klatschen und starrt den ungesund aussehenden Mann an. Etwas an ihm muss Darian stören, denn sein Gesicht verdunkelt sich. Er führt seinen Finger ans Ohr, dann sagt er etwas, und einer der Männer in Schwarz wiederholt die Geste.

Spricht er mit dem Sicherheitsdienst des Studios, und wenn ja, warum?

Ich verstecke meine Irritation und schaue Kacie an. Sie fächelt sich mit dem Umschlag Luft zu, offensichtlich erholt sie sich immer noch von meiner Vorhersage.

Ich bleibe stehen und warte darauf, dass der Applaus aufhört. So sehr ich mich durch die Ovationen geehrt fühle, ich hoffe doch, dass sie bald zu Ende sind, da sich meine Knie schwach anfühlen und das seltsame Gefühl der warmen Energie wieder da ist, aber diesmal viel stärker. Es ist, als würde ich damit überflutet, und mein Puls wird schneller, während meine Atmung sich unkontrolliert beschleunigt.

Was passiert hier?

Ist das die Panikattacke, die ich versucht habe zu verhindern?

Meine Nägel graben sich in meine Handflächen. Wenn ich sie nicht so kurz schneiden würde, um mit den Karten zu arbeiten, würde ich bluten.

Ein weiterer Tsunami von seltsam angenehmer Energie strömt durch meinen Körper und lässt meine Arme und Beine prickeln.

Meine Zehen biegen sich in meinen High Heels nach oben. Habe ich gerade vor hundert Menschen einen Orgasmus gehabt?

Das Vergnügen dauert nur einen Moment, denn als die Intensität zunimmt, verwandelt sich das Gefühl in Schmerz.

Die hellen Studiolichter verwandeln sich in Sonnen, und meine Sicht verschwimmt. Ich drücke meine Augen zu, und meine Muskeln verkrampfen sich, während ich anfange, unkontrolliert zu zittern.

Habe ich einen Anfall? Einen Schlaganfall?

Die Intensität der Erfahrung liegt jetzt jenseits des Schmerzes. Ich begebe mich in einen Schockzustand, wie an dem Tag, an dem ich mein Zungenpiercing bekommen habe, nur unendlich schlimmer. Es ist, als ob sich mein ganzer Körper in ein Nervenende verwandelt hat, in das jemand eine Milliarde Volt Strom geschossen hat.

Wenn ich nicht den Boden unter meinen Füßen fühlen würde, wäre ich überzeugt, dass ich wie Highlander mit einem Blitz schwebe, der mich trifft.

Ich ertrage das Gefühl nur für ein paar kurze Momente, bevor etwas in meinem Gehirn kurzgeschlossen wird und ich zusammenbreche, während mein Bewusstsein schwindet.

Kapitel 3

Ich sitze auf der Couch, und mein Bewusstsein ist diamantenscharf.

Die Pausenmusik läuft noch, also war ich nicht lange weggetreten.

Der kränklich aussehende ältere Mann im Publikum springt auf und lenkt die Aufmerksamkeit somit auf sich und seine graue Haut.

»Haltet ihn auf!«, schreit Darian, und ein blasser Mann in Schwarz rennt auf die Bühne zu.

Es ist beinahe schmerzhaft, dem kranken Mann dabei zuzusehen, wie er sich bewegt. Er muss einen Gehirnschaden haben oder unter einer Muskelkrankheit leiden, weil sich seine Gliedmaßen unkoordiniert und ruckartig bewegen. Doch trotz der anscheinend motorischen Schwierigkeiten hat der Typ genug Energie, sich vorwärtszubewegen.

Die Leute schreien, als er den Zuschauern in der zweiten Reihe auf die Schultern springt.

Dann landen seine unscheinbaren schwarzen Schuhe auf zwei Frauen in der ersten Reihe.

Sie schreien, aber der alte Mann benutzt seine Opfer nur, um von ihnen aus auf die Bühne zu springen.

Ich bin zu betäubt, um mich zu bewegen.

Der schwarzgekleidete Sicherheitstyp bewegt sich wie ein Olympiasprinter, aber er liegt zu weit zurück, und die Menge ist ihm im Weg.

Das wäre ein guter Zeitpunkt, um schreiend davonzulaufen, aber ich bin immer noch zu versteinert, um meine Muskeln bewegen zu können.

»Sir«, schreit Kacie mit panischer Stimme. »Sie dürfen nicht hier oben sein!«

Die rheumatischen Augen des Mannes blicken auf Kacie, aber er scheint zu entscheiden, dass sie seine Zeit nicht wert ist, weil sein Blick sofort zu meinem Hals wandert.

Der Mann in Schwarz und einige seiner Kollegen sind fast da, aber es ist offensichtlich, dass sie den grauhäutigen Spinner nicht aufhalten werden, bevor er mich erreicht. Ich habe keine Ahnung, was er will, aber ich mag den leeren Ausdruck auf seinem kränklichen Gesicht nicht. Er könnte auf so etwas wie Meth sein.

Einer der Kameramänner auf der Bühne springt dem Kranken in den Weg. »Sir! Entschuldigung, Sir – bleiben Sie stehen! Sie dürfen nicht hier sein!«

Der grauhäutige Mann schiebt den Kameramann mit schockierender Kraft zur Seite. Ich erhasche einen Blick auf ihn, während er über die Bühne rollt, und falle in einen reinen Kampf-oder-Flucht-Modus, inklusive Tunnelblick und allem Drum und Dran.

Ich habe nur einen kurzen Augenblick, um zu entscheiden, was ich tun soll.

Als relativ kleiner Mensch brauche ich im Idealfall zum Kämpfen eine Waffe.

Ich habe keine konventionellen Waffen, aber ein erfinderischer Magier kann immer improvisieren. Vielleicht kann ich ihm den Dietrich, den ich als Zungenpiercing trage, ins Auge stechen? Oder ich mache als Ablenkung mit dem Kartenspiel in meiner Tasche einen Karten-Wasserfall?

Ich entscheide mich für eine banalere Variante, in der ich hektisch aus meinem rechten Stiletto schlüpfe, den Fuß wieder absetze und zu Buffy werde, indem ich den Absatz wie einen Pflock vor mir halte.

Jetzt stehe ich dem Kerl gegenüber, und ein mehr als widerlicher Geruch belästigt meine Nase. Es riecht so, als ob ich mit dem Gesicht zuerst in ein überfahrenes Tier gefallen wäre. Die Ausdünstungen sind so ekelhaft, dass ich fast ohnmächtig werde.

Anstatt in Ohnmacht zu fallen, schwinge ich meinen provisorischen Pfahl auf sein Gesicht zu und ziele dabei auf sein Auge.

Ich habe bisher nur auf Spielkarten eingestochen, und das nie mit nur einem Absatzschuh an den Füßen. Infolgedessen landet meine Waffe weit weg vom eigentlichen Ziel – mitten in der Brust des Mannes.

Zu meinem absoluten Entsetzen dringt die Ferse ein paar Zentimeter in ihn ein, so als ob da schon ein Loch wäre. Seine Kleidung ist intakt, aber ich höre ein Reißen.

Könnte er eine frisch genähte Wunde in seiner Brust gehabt haben? Er sieht krank genug aus, um gerade erst eine Herzoperation hinter sich zu haben, obwohl er viel zu lebhaft dafür ist.

Der Mann ignoriert den aus seiner Brust herausragenden Schuh, schlingt seine übelriechenden Hände um meinen Hals und beginnt, zuzudrücken.

Meine Hände fliegen nach oben, um sich an seinen würgenden Fingern festzukrallen, aber er ist eigenartig stark, und ich kann mit meinen kurzen Nägeln nicht viel Schaden anrichten. Also jage ich ihm mein Knie mit voller Kraft in die Leiste. Schmerz schießt durch mein Knie, aber ich tröste mich mit dem Wissen, dass kein Mann einem solchen Angriff standhalten kann.

Ich habe mich geirrt.

Die Finger um meinen Hals lösen sich nicht, und durch meine verschwommene Sicht erblicke ich seine glasigen Augen, die mich anstarren, ohne zu blinzeln.

Als Nächstes kralle ich mich in sein Gesicht, aber der Erfolg ist derselbe – nichts passiert. Meine Lungen schreien jetzt nach Luft, und obwohl ich geübt habe, meinen Atem anzuhalten, um eines Tages eine houdiniähnliche Unterwasserflucht zu schaffen, überwältigt mich Panik.

Mein Körper wehrt sich gedankenlos, und mein Kopf fühlt sich an, als würde er durch meine Ohren explodieren, während die Welt sich immer weiter entfernt.

Mit den letzten Überresten meines Bewusstseins wird mir klar: das war’s.

Dunkelheit überwältigt mich, und ich sterbe.

Kapitel 4

Ich keuche, und als die Luft meine nicht explodierten Lungen füllt, merke ich, dass ich gerade einen Alptraum hatte.

Und was für einen seltsamen Alptraum! Mein Herz schlägt immer noch so heftig in meiner Brust, als ob die erdrosselnden Finger gerade das Leben aus mir herausdrücken würden.

Das ist übel. Ich kann auf keinen Fall wieder einschlafen, wenn so viel Adrenalin durch meinen Körper fließt.

Wie spät ist es? Muss ich aufstehen und zur Arbeit gehen?

Moment mal. Bin ich wirklich in meinem Schlafzimmer? Jetzt, da ich ruhiger bin, kann ich helles Licht spüren, das auf meine Augenlider trifft, und ich schließe nachts immer die extra schweren Vorhänge.

Entfernte Stimmen, die irgendetwas sagen, sind ebenso unvereinbar mit der Schlafzimmer-Theorie wie meine halbsitzende Position.

Ich öffne meine Lider einen Millimeter, aber das ist genug, um zu erkennen, dass ich immer noch im Fernsehstudio bin.

Mist.

Bin ich gerade vor diesen ganzen Leuten in Ohnmacht gefallen?

Die betroffenen Gesichter um mich herum unterstützen diese Annahme.

Als ich mich aufrechter hinsetze, kommen langsam Erinnerungen hoch.

Ich hatte eine Art Anfall und bin auf dem Sofa zusammengebrochen. Nachdem ich ohnmächtig wurde, hatte ich einen seltsamen Traum – den lebhaftesten Traum meines Lebens.

Einen Traum vom Sterben.

Ich blinzele mit meinen stark getuschten Augen, um mich neu zu orientieren.

Die Pausenmusik spielt irgendwo, also kann ich nicht lange weg gewesen sein.

Während ich meinen Blick über die Menge gleiten lasse, überkommt mich ein starkes Déjà-vu-Gefühl.

Der kranke Kerl aus meinem Traum springt auf.

Seine Haut hat einen violetten Grauton, seine Augen sind leer, und sein billig aussehender Blazer und sein überstärktes Hemd sehen aus, als würden sie zum ersten Mal getragen werden. Wie in meinem Traum sind seine Bewegungen sehr fahrig.

Ebenso wie in meinem Traum schwenkt die Aufmerksamkeit des Publikums zu dem fremden Mann.

»Haltet ihn auf!«, schreit Darian wieder, und der am nächsten stehende Mann in Schwarz beginnt den Sprint, der mir nicht rechtzeitig geholfen hat.

Jedes Detail des Geschehens ist mir so vertraut, dass ich anfange, an meinem Verstand zu zweifeln. Könnte ich gerade träumen?

Das würde bedeuten, dass der erste Traum ein Traum in einem Traum war, wie im Film Inception.

Das Studio-Publikum reagiert mit dem gleichen Entsetzen, als der grauhäutige Kerl wieder einmal auf die Schultern der Zuschauer in der zweiten Reihe springt.

Traum oder Wahnvorstellung, ich warte nicht darauf, dass er mich erwürgt. Ich ziehe meine Stöckelschuhe aus, aber diesmal mit der Absicht, zu fliehen.

»Sir.« Kacies Stimme ist genauso panisch, wie ich sie in Erinnerung habe. »Sie dürfen nicht hier oben sein!«

Als die rheumatischen Augen des Mannes auf Kacie blicken, springe ich auf meine Füße und rase auf den Gang zu, der auf die Bühne führt. Der Boden ist eisig unter meinen nackten Füßen, aber ich registriere das kaum, da mein Körper wieder komplett im Kampf-oder-Flucht-Modus ist.

Die Tür, durch die ich vorhin hineingekommen bin, ist geschlossen.

Ich ergreife den Türknauf und rüttelte verzweifelt an ihm, als ein widerlicher Geruch meine Nasenlöcher erreicht. Das ist der Gestank aus meinem Traum, und ich würge, da ich mich kaum beherrschen kann, schwungvoll gegen die Tür zu kotzen.

Der Knauf bewegt sich nicht.

Die Tür muss abgeschlossen sein.

Ich drehe mich schnell um.

Mein Angreifer greift bereits nach meiner Kehle – und ich weiß, wie das enden wird. Instinktiv drücke ich meinen Rücken gegen die Tür und rutsche nach unten, wodurch mein Hals schwerer zu erreichen ist.

Seine Hände treffen sich mit einem lauten Klatschen dort, wo er sein Ziel verfehlt hat.

Ich nutze seine momentane Ablenkung, um ihm in die Leiste zu schlagen, die sich gerade auf meiner Augenhöhe befindet. Meine Faust trifft auf schwammartiges Fleisch, aber genau wie in meinem Traum reagiert der Kerl nicht auf das, was für jeden Mann ein lähmender Schlag sein sollte.

Stattdessen geht er einen schweren Schritt zurück und beugt sich über mich, wobei seine Hände immer noch nach meinem Hals greifen.

Ich bin dabei, mich in Verzweiflung auf den kleinen Spalt zwischen seinen Beinen zu stürzen, als ich ein weiteres Paar Beine hinter meinem Angreifer sehe.

Mein Wegrennen war also keine Zeitverschwendung.

Es gab dem schwarzgekleideten Wachmann genügend Zeit, uns einzuholen.

Mit hämmerndem Puls beobachte ich, wie blasse, sauber manikürte Finger die Schulter meines Angreifers ergreifen.

Der grauhäutige Mann hört auf, sich nach vorn zu beugen, und seine Schulter wird zusammengedrückt, als ob die Finger des Wachmannes eine hydraulische Presse wären.

Was als Nächstes passiert, lässt mich die Realität dieses Moments in Frage stellen. Der Wächter hält die Schulter des grauhäutigen Mannes weiter fest, während er mit der freien Hand seinen Arm ergreift und ihn mit einem grässlichen Knirschen aus dem Gelenk reißt.

Der Gestank von verrottendem Fleisch verstärkt sich, aber alles, was ich denken kann, ist, dass nicht genug Blut fließt.

Eigentlich kaum Blut.

Wenn das ein Traum ist, gebe ich Ariel die Schuld. Sie ist ein großer Fan von Kampfspielen, und das hier erinnert mich unheimlich stark daran, wie sie meine Figur in Mortal Kombat letzte Woche getötet hat – ohne die Blutfontänen im Spiel.

Was mein Gefühl von Unwirklichkeit noch verstärkt, ist, dass der grauhäutige Mann auf den Verlust seines Armes mit der gleichen Souveränität reagiert wie auf meinen Tritt in seine Leiste. Er bleibt stehen und versucht, mich mit seinem verbliebenen Arm zu erreichen.

Der schwarzgekleidete Wächter benutzt den Arm, den er in der Hand hält, um seinem Gegner damit auf den Kopf zu schlagen. Es ertönt ein widerliches Geräusch brechender Knochen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es der Schädel oder der Arm ist.

Ich schlage mir die Hand vor den Mund. Ich bin nicht besonders zimperlich, aber das geht über das hinaus, was ich vertragen kann.

Mein Angreifer taumelt, bleibt aber unglaublicherweise stehen, und seine glasigen Augen sind so leer wie immer.

Ein weiterer schwarzgekleideter Wächter mischt sich in den Kampf ein und ergreift den Verwundeten an der einen Seite an seiner noch intakten Schulter und an der anderen Seite den blutigen Rest des abgetrennten Arms. Dann grunzt er vor Anstrengung und reißt meinen Angreifer in der Mitte entzwei.

Buchstäblich.

Mein Magen krampft, und ich beiße in den fleischigen Teil meiner Handfläche, um einen Schrei zu unterdrücken.

Das ist noch unmöglicher, als den Arm herauszureißen. Wäre dies die klassische Bühnenillusion zersägte Jungfrau, könnte ich mir eine Reihe von Möglichkeiten vorstellen, wie man es machen könnte. Aber um es wirklich zu tun, wäre die erforderliche Kraft schwindelerregend.

Das muss ein Alptraum sein.

Aber warum wache ich nicht auf?

Der Wachmann wirft die beiden Hälften des alten Mannes auf den Boden, und der Alptraum geht weiter, als die Hälfte mit dem Kopf zuckt und die Augen wie lebendig blinzeln.

»Beende es«, zischt der andere Wächter seinem Partner zu, und ich beobachte ungläubig, wie der erste Wächter auf den Schädel meines Angreifers tritt und ihn wie ein Ei zerquetscht.

Er trampelt so lange auf den Leichenteilen herum, bis das Zucken aufhört.

Wie betäubt starre ich auf das Gehirn, das auf den Boden spritzt wie ein grausiges Gemälde der modernen Kunst.

Ich brauche einen Moment, um mich zu erinnern, wo ich bin, und als ich zurück auf die Menge schaue, verstreuen sich die Menschen gerade wie Wachteln.

Die Ausgangstüren müssen jedoch alle verschlossen sein, denn ich sehe, wie die Menschen vergeblich mit ihnen kämpfen.

Kacie versteckt sich unter ihrem Tisch, und Darian nähert sich uns mit wutentbranntem Gesicht.

»Macht jetzt sofort die Berichterstattung über das mexikanische Erdbeben«, sagt er in ein Walkie-Talkie. »Wir haben hier im Studio ein kleines Problem.«

Ein kleines Problem?

Ich unterdrücke ein irres Kichern.

»Was ist mit der Magierin?«, fragt die Frau am anderen Ende des Walkie-Talkies mit leicht statischer Stimme. »Sie war noch nicht fertig.«

»Lassen Sie Juan sagen, dass Sasha versucht hat, die mexikanischen Behörden vor dem Erdbeben zu warnen – das sollte die Segmente miteinander verbinden. Dann sag, dass die Politiker, die sie gewarnt hat, einer amerikanischen Hellseherin gegenüber skeptisch waren und mach dann mit dem Bericht über das Beben weiter«, sagt Darian und schaltet den Apparat ab.

Ich bin zu fassungslos, um mich darüber zu ärgern, dass er mich zu einer Hellseherin gemacht hat.