Das Mädchen mit den Smaragdaugen - Carla Montero - E-Book

Das Mädchen mit den Smaragdaugen E-Book

Carla Montero

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Beschreibung

Ihre Liebe war stärker als der Hass, der die Welt entzweite

Als der Kunsthistorikerin Ana García Brest ein alter Brief in die Hände fällt, ahnt sie nicht, dass er sie auf die Spur eines sensationellen Kunstfundes führen wird – und zur Geschichte einer unglaublichen Liebe.

Frankreich, 1942. Die junge Sarah Bauer entkommt als Einzige der Deportation ihrer Familie. Auf ihrer Flucht trägt sie einen Mantel, der ein geheimnisumwobenes Bild verbirgt. Dabei handelt es sich um jenes Gemälde, das SS-Sturmbannführer Georg von Bergheim um jeden Preis in seinen Besitz bringen soll. Er ist Sarahs größter Feind – und bald ihre einzige Rettung ...

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Carla Montero

Das Mädchen mit den Smaragdaugen

Roman

Aus dem Spanischen von Alexandra Baisch

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Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »La tabla esmeralda« bei Plaza y Janés, Madrid.

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Carla Montero Manglano/Random House Mondadori, S.A.Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014 by Blanvalet Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.Das folgende Zitat von Anne Frank wird zitiert nach:Anne Frank Tagebuch. Eintragung vom Donnerstag, 6. Juli 1944.Einzig autorisierte und ergänzte Fassung Otto H. Frank und Mirjam Pressler.© 1991 by ANNE FRANK-Fonds, Basel.Alle Rechte vorbehalten S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.Satz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-12038-2V002www.blanvalet-verlag.de

Für meine Kinder Gala, Martina, Luis und Nicolás.Trotz euch, meinen kleinen Zeitdieben,habe ich diese Geschichte zu Ende gebracht. Ich liebe euch.

Wir leben alle, wissen aber nicht, warum und wofür.Wir leben alle mit dem Ziel, glücklich zu werden, wir leben alle verschieden und doch gleich.

Anne Frank

Prolog

FLORENZ, 9. APRIL 1492

Lorenzo de’ Medici ist tot.

Das war nicht der einzige Gedanke, der Giorgio umtrieb. Die Gedanken überschlugen sich geradezu in seinem Kopf. Manche zogen schnell und ungehindert an ihm vorbei wie Wolken am Himmel, andere stoben durcheinander wie Bettler am Eingang einer Kirche. Doch eines war gewiss: All seine Grübeleien begannen und endeten am selben Punkt. Lorenzo de’ Medici ist tot. Sein Leichnam war noch warm. Seine Witwe, seine Kinder und Freunde weinten. Ganz Florenz war erschüttert.

Und dennoch haderte Giorgio nicht mit dem Schicksal von Lorenzo de’ Medici, dessen Familie oder Florenz, sondern mit sich, mit seinem eigenen Schicksal. Er hatte sich die ganze Nacht und den ganzen Tag in seiner Werkstatt eingeschlossen, zunächst wie gelähmt aufgrund der Nachricht, dann darum bemüht, nach einer Lösung für sich zu suchen.

Erst als die Sonne im Begriff war, hinter den Hügeln der toskanischen Landschaft zu verschwinden, kam er zu dem Entschluss, dass es besser wäre, nach Venedig zurückzukehren, wo diese ganze Angelegenheit ihren Anfang genommen hatte. Und er war überzeugt, so schnell wie möglich aufbrechen zu müssen, damit er sich die Schatten der einbrechenden Nacht zunutze machen konnte. Eilig sammelte er seine Habseligkeiten ein, vor allem seine Malutensilien, denn sehr viel mehr persönliche Dinge besaß er nicht. Darüber hinaus stellte sein Arbeitswerkzeug – Pinsel, Spachteln, Leinwände, Rahmen und Dutzende von Ingredienzien, die man zur Herstellung von Ölfarbe benötigte – seinen wertvollsten Besitz dar.

Bei Anbruch der Dunkelheit war seine Werkstatt nahezu leer. Zurück blieb nur noch, in einer Ecke unter dem Fenster, wo der natürliche Lichteinfall am besten war, eine verdeckte Leinwand auf einer Staffelei.

Giorgio trat vor sie und überlegte, wie er sie transportieren sollte. Langsam hob er das Tuch an und betrachtete das Bild, auch wenn er nur zu gut wusste, was er zu sehen bekommen würde, vielmehr noch, er konnte sogar erahnen, was anderen verborgen bliebe: das endgültige Resultat seiner Arbeit, wie er sie sich im Geiste vorgestellt hatte. Dieses Gemälde, das vorläufig nur eine einfache Skizze war, nicht mehr als ein paar farbige Pinselstriche, war das Objekt seiner Sorge.

Er ertappte sich dabei, wie er auf die Leinwand starrte … Es war, als tauchten die Bilder der Vergangenheit nacheinander dort auf. Vielleicht war es auch einfach nur die Angst, die ihn merkwürdige Dinge sehen ließ. Sie waren nur Erinnerungen eines jungen und unbedeutenden venezianischen Malers, der in dunkle Machenschaften verwickelt wurde.

»Vor dir liegt eine Zukunft voller Möglichkeiten und glücklicher Momente, Giorgio. Ich vertraue darauf, dass du deine Gaben und dein Glück zu nutzen weißt und dass du zu jeder Zeit der Ehre und der Tugend treu bleibst. Auf dass Gott dich immer begleiten möge, mein Sohn«, hatte sein Vater vor der Abreise zu ihm gesagt, als er ihm ein Säckchen mit etwas Geld und ein Empfehlungsschreiben für die Hauswirtin, die ihn in Venedig beherbergen würde, in die Hand drückte. Aber das lag nun schon mehrere Jahre zurück … Giorgio erinnerte sich daran, wie nervös er war, er war gerade erst zehn geworden und noch ein Kind, ein Knabe aus Castelfranco, einem kleinen Dorf aus dem Umland von Venedig, wo Gott ihn auf diese Welt geschickt hatte, nicht ohne ihn zuvor mit einem besonderen Talent gesegnet zu haben. Denn Giorgio konnte schon von klein auf wunderbar zeichnen. Seinem Vater war dies an dem Tag aufgefallen, als der Junge ganz unbekümmert ein verkohltes Stück Holz aus dem Feuer geholt und angefangen hatte, damit auf den Fliesen im Wohnraum herumzukritzeln: das Geschick, der Strich, die Bewegung … Dieser Bengel besaß eine Gabe. Deshalb hatte der Vater alles Erdenkliche unternommen, bis es ihm gelungen war, ihn als Lehrling im Atelier von Meister Bellini in Venedig unterzubringen. Dort musste Giorgio viele Pinsel reinigen und die Fußböden fegen, Mörser auf Hochglanz polieren und Leinwände an den Rahmen befestigen. Er musste sogar lernen, wie die Gewürze des Likörs zu mischen waren, den der Meister jeden Abend zu sich nahm, ehe er lernen durfte, wie man die Pigmente der Ölfarben anmischte. Doch zwischen all diesen undankbaren Aufgaben beobachtete Giorgio mit wachen Augen alles, was sich um ihn herum abspielte: wie Bellini die Grundierung des Gemäldes mit Leim aus Lammpergament und Gesso vorbereitete, wie er die Asche von verkohlten Knochen einsammelte, wie er das Oxyd von einem Kupferstück kratzte und wie er einen Malachit oder einen Lapislazuli zu Pulver verarbeitete … Er achtete auf die Menge Leinöl, die sein Lehrmeister den Mischungen beigab, und wie er sie mit Terpentin verdünnte. Ganz hingerissen beobachtete er jedes Mal, wie er die Spitze des Marder- oder Rosshaarpinsels in die ölige Paste tauchte und sie mit sanften Strichen auf der Leinwand auftrug. Begeistert hörte er ihm zu, wenn er von Licht und Formen sprach, von Proportionen und Farben … Auf diese Weise lernte der Junge ganz nebenbei und nahm die Lehren zusammen mit dem Duft der Farbe in sich auf.

Doch Giorgio hatte auch außerhalb des Ateliers eine Schule gefunden. In diesem von Menschen und Kultur brodelnden Venedig, der Stadt der Adligen und der Kaufleute, kam Giorgio mit einer Welt in Berührung, die von seinen Pinseln entdeckt und festgehalten werden wollte. Er liebte es, auf der Suche nach Inspiration für seine Gemälde durch die Straßen zu schlendern, die Paläste, Kirchen und Klöster zu besuchen, durch die engen Gässchen zu bummeln, die nach stehendem Gewässer und Fisch stanken, um schließlich den Blick in der Lagune zu verlieren, in der sich die Dämmerung spiegelte und das Meer die Boote wiegte, während sich ihre Umrisse immer mehr verflüchtigten, bis sie nur mehr Schatten waren.

Häufig stahl sich Giorgio auf die Insel Murano, zum Kloster San Michele, denn dort war das Spektrum des Lichts ganz besonders: Je nach Jahreszeit ließ es die Farben aufleuchten oder verblassen, bis sie kaum mehr wahrnehmbar waren. Manchmal verschmolz es mit dem Nebel der Lagune und ließ alle Silhouetten schemenhaft oder aber, an klaren, wolkenlosen Tagen, gestochen scharf erscheinen. Giorgio hätte gerne dasselbe mit seinen Pinseln erreicht: das Licht einzufangen, das durch die Bogen des Kreuzgangs hereinfiel und unterschiedliche Stimmungen in der immer gleichen Szenerie hervorrief, oder den Nebel auf die Farben auftragen zu können, um sie zu schattieren; in der Lage zu sein, so zu zeichnen, wie die Natur es tat. Der junge Mann dachte, wenn er sie in all diesen Details nachahmte, dann würde es ihm früher oder später gelingen. So verbrachte er Stunden damit, das Wesen seiner Umgebung einzufangen, um es dann in seinen Gemälden widerzuspiegeln.

An einem Sommerabend, an dem die Stadt zwischen den Gewässern der Kanäle zu brodeln schien, hatte Giorgio sich im Schatten des Klosters San Michele niedergelassen und von dort, geschützt durch die Frische des Orangengartens, wie gewöhnlich das Spiel des Lichts betrachtet. Er war so vertieft darin, dass er kaum die schlurfenden, müden Schritte eines alten Mannes wahrnahm, der sich ihm näherte.

»Was beherbergt dieses Kloster Interessantes, dass ein junger Mann wie du so viele Stunden in seinem Gemäuer zubringt?«

Eben erst war ihm die Anwesenheit des Mönchs durch dessen unverkennbaren Geruch bewusst geworden. Ihm war erst aufgefallen, dass er sich neben ihn gesetzt hatte, als ihm dieser undefinierbare Gestank, eine Mischung aus Ausdünstungen von Zwiebelsuppe – die die einzige Nahrung dieser zahnlosen Mönche zu sein schien –, verschwitztem Gewand und Schwefel in die Nase stieg.

Trotz dieses abstoßenden ersten Aufeinandertreffens wurde Bruder Ambrosius zu einem der besten Freunde des jungen Giorgio und nach einiger Zeit auch zu seinem Wegweiser, Ratgeber und Lehrer. Wegweiser in Bezug auf alles Geistige, Ratgeber, was das Materielle betraf, und unbestrittener Lehrmeister, da Bruder Ambrosius einer der weisesten Männer war, die Giorgio jemals getroffen hatte. Bruder Ambrosius führte ihn in die Erkenntnisse des klassischen Wissens ein, in das Vermächtnis der griechischen und lateinischen Kirchenväter. Er wies ihn ein in die Philosophie von Sokrates, Platon und Aristoteles, von Seneca und Epiktet, von Augustinus, von Hippo und Justin dem Märtyrer, von Maimonides und Averroës. Er zerlegte den Kosmos, den Menschen und die Natur für ihn. Er führte ihn außerdem in das geheime Wissen ein, das Magier und Alchemisten seit uralter Zeit bewahrten. Denn Bruder Ambrosius war – insgeheim – ein gelernter und praktizierender Kenner der Alchemie, jener Kunst, welche alles Wissen in sich vereint, zu dem der Mensch allein oder durch göttliche Eingebung Zugang gefunden hat. Bruder Ambrosius war zu unendlich vielen Klöstern in ganz Europa gepilgert, wo ihm das Erbe der großen Alchemisten wie Nicolas Flamel und Roger Bacon zuteilwurde. Doch nicht nur das, er war auch Schüler bei Basilius Valentinus gewesen, dem berühmten benediktinischen Mönch des Klosters in Erfurt. Denn obwohl den Männern der Kirche die Alchemie untersagt war, wurde sie in den Klöstern weiterhin praktiziert.

Darüber hinaus verfügte der Mönch über derartige Kenntnisse der Elemente und der Zusammensetzungen der Natur, dass Giorgio in ihm eine unerschöpfliche Quelle des Wissens gefunden hatte, wenn es darum ging, seine Farben herzustellen, für die er neuartige Formeln anwandte, vielfältigere und dauerhaftere als die bislang im Allgemeinen verwendeten.

Folglich war es für Giorgio zur Gewohnheit geworden, sich auf die Insel Murano zurückzuziehen und viel Zeit in der Gesellschaft des betagten Mönchs zuzubringen, um gemeinsam mit ihm in der Bibliothek des Klosters oder in seiner Zelle den Geheimnissen der Menschheit auf den Grund zu gehen. Und während sich der Mönch das helle Gewand mit Lösungen und Mixturen befleckte, betrachtete Giorgio ihn einfach mit der Aufmerksamkeit des gelehrigen Schülers, oder aber er spielte manchmal die Laute für ihn, ein Instrument, das er erlernt hatte.

Als ihn Meister Bellini einmal früher aus dem Atelier entlassen hatte, überquerte Giorgio wie gewohnt die Lagune in Richtung San Michele. Sobald er das Kloster betrat, sprach Bruder Ambrosius ihn an.

»Zorzi!«, rief er ihn bei dem Spitznamen, den nur diejenigen verwendeten, die ihm sehr nahestanden. Auf dem Gesicht des Mönchs wie auch in den Worten, mit denen er sich an Giorgio richtete, spiegelte sich große Angst: »Ich habe dich schon ungeduldig erwartet, junger Zorzi. Ich muss dir etwas sehr Interessantes zeigen. Beeil dich, mein Junge, gehen wir in meine Zelle.«

Ambrosius’ Zelle, klein, dunkel und kalt, roch genauso schlecht wie der Mönch selbst. Abgesehen von einer Pritsche und einem Kruzifix war der Raum nahezu leer. Es hätte eine Zelle wie jede andere sein können, wäre da nicht der von Flaschen, Mörsern und Destillierkolben überfüllte Tisch gewesen, den der Mönch in einer Ecke stehen hatte. Gemäß den Regeln der Alchemie zählte sogar ein Ofen- oder Drainagerohr dazu sowie ein besonderer Behälter aus Glas, den der Greis das philosophische Ei nannte und das dazu diente, die Mixtur mitzunehmen.

Unübersehbar hastig und aufgeregt stieß der Mönch den Schlüssel in die Tür. Seine Nervosität war auch an seinen ungeschickten Händen zu bemerken und an den unzusammenhängenden Worten, die er mit seinem zahnlosen Mund unablässig vor sich hin murmelte. Wahrscheinlich brummelte er irgendein Gebet, als sollte die Anrufung unseres Herrn dazu beitragen, ihn zu beruhigen.

»Nun hilf mir schon, hilf mir!«, drängte er den Jungen, als er sich abmühte, die Matratze aus Stroh auf seiner Pritsche anzuheben.

Das Licht, das durch die kleine Luke hereinfiel, kaum größer als ein Spalt in der dicken Mauer des Klosters, war spärlich, weshalb Giorgio beschloss, eine Kerze anzuzünden, ehe er der ungeduldigen Bitte des Greises nachkam.

»Herr im Himmel, kümmere dich später um das Licht, und hilf mir mit dem Strohsack. Diese dünnen Gebilde, die meine Finger sein sollen, haben kaum noch Kraft.«

Giorgio hob den Strohsack mühelos hoch, und der Greis streckte die Hand aus, um nach einem Loch zu suchen.

»Da ist es ja! Ich hätte nicht gedacht, dass ich es so tief hineingesteckt habe, du meine Güte. Zieh diese Pergamentrolle heraus, Zorzi.«

Bruder Ambrosius trat zur Seite, um seinem Schüler Platz zu machen, und beobachtete ihn, während er sich gleichzeitig unablässig die Hände rieb.

»Ja, so ist’s gut! Leg es dorthin, auf den Tisch«, wies er Giorgio an und räumte den Tisch leer, indem er alle Werkzeuge mit einem gläsernen Klirren zur Seite schob. »Mal sehen … Hier irgendwo war es doch. Man bemerkt kaum, dass es sich darin verbirgt, als würde das Pergament im Lauf der Zeit darin verschluckt, um es vor neugierigen Blicken zu schützen.«

»Was für ein Pergament ist das, Frater?«

»Ach, die Schriftrolle ist gar nicht so wichtig … Es ist eine Chronik über die Diadochenkriege. Ziemlich mittelmäßig übrigens. Aber die Kopie ist gut: eine schöne Kalligrafie und wunderbare Illustrationen. Ich nehme an, dass es aus diesem Grund beim Verpfänden Geld gebracht hat.«

Giorgio blieb schweigend stehen, auch wenn er die Absichten von Bruder Ambrosius oder den Grund seiner Aufregung nicht nachvollziehen konnte. Der Junge wusste, wenn er sich geduldig zeigte, würde er früher oder später eine Erklärung erhalten. Der Mönch gehörte zu den Menschen, die dann viel redeten, wenn die anderen schwiegen, und schwiegen, wenn die anderen redeten.

»Es ist bestimmt erst seit wenigen Monaten in der Bibliothek, denn ich habe es nie zuvor gesehen, und ich weiß ziemlich genau, was in der Bibliothek steht, anders als viele andere. Laut dem Bibliothekar kam es zusammen mit einem Stapel weiterer Manuskripte, gespendet von einem Pfandleiher. Wucherer machen das manchmal so: Wenn sie spüren, dass die Stunde der Wahrheit näher rückt, wollen sie sich freikaufen und sich mit dem Gerechtesten unter den Gerechten gut stellen. Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass dieses Pergament aus Konstantinopel stammt. Vielleicht aus einer Plünderung während des Kreuzzugs, damals, im Jahr 1204, vielleicht ist es aber auch neueren Datums, als Bruder Aurispa nach Venedig kam mit einer riesigen Sammlung griechischer Manuskripte, von denen er einen Großteil verpfänden musste, um seine Überfahrt zu bezahlen …«

Während er redete, rollte Bruder Ambrosius die Schriftrolle äußerst behutsam auseinander, und das gegerbte Leder knirschte gefährlich, als würde es im nächsten Augenblick brechen.

»Sieh hierher, mein junger Freund!«, rief er plötzlich aus und hob triumphierend einen kleinen Gegenstand in die Höhe, den Giorgio erst erkennen konnte, als er ihn selbst in den Händen hielt.

Es handelte sich um einen rund fünf Zentimeter langen Zylinder von etwa zwei Zentimetern Durchmesser, herausgearbeitet aus einem durchscheinenden Stein in rötlichem Orange, woraus Giorgio schloss, dass es sich um einen Karneol handeln könnte. Das Auffallendste bestand jedoch in dem, was von oben nach unten in den Stein eingraviert war.

»Ein Zylinder aus Karneol«, bestätigte Bruder Ambrosius. »Der Text scheint altgriechisch zu sein, Koine. Nur Gott allein weiß, wie lange er in diesem Pergament gesteckt hat.«

Als er feststellen musste, dass sein schweigsamer Schüler den Zylinder eingehend betrachtete, ohne irgendeinen Kommentar abzugeben, entriss er ihm diesen ungeduldig und stellte ihn neben die Kerze auf den Tisch.

»Karneol ist ein magischer Stein, er vertreibt die Schwäche und verleiht Mut. Er hat viele heilende Eigenschaften: Er ist gut für den Kreislauf, das Zahnfleisch und anderes weiches Gewebe des Körpers. Für die Ägypter hatte er einen starken symbolischen Wert. Es ist der Stein der Jungfrau. Der Stein von Hermes …«

»Hermes?«

»O Junge, Gott muss Fischblut in deine Adern gegeben haben. Ja, Hermes! Hermes Trismegistos! Der dreimal Größte! Der weiseste Weise aller Zeiten! Der Vater der Alchemie und der Hermetik!«

»Das weiß ich, Frater. Ihr habt mich alles über Hermes Trismegistos gelehrt. Ich verstehe nur nicht, welche Verbindung es zwischen dem großen Gelehrten und diesem Stein hier geben soll.«

Der Mönch verzog sein ohnehin faltiges Gesicht, sodass noch tiefere Furchen entstanden, bis seine winzigen Augen zwischen den fleischigen Wulsten verschwanden. »Das weiß auch ich nicht genau, mein Sohn. Doch ich bin überzeugt, dass da eine Verbindung bestehen muss …«, ließ er zu Giorgios Überraschung verlauten.

»Was steht denn dort?«

»Ich muss zugeben, dass ich nicht in der Lage war, es zu interpretieren. Der Stein ist im Lauf der Zeit stark verwittert, und meine alten Augen können die Inschrift nicht mehr gut erkennen. Die wenigen Sätze, die ich übersetzen konnte, ergeben keinen Sinn. Dennoch taucht inmitten dieser Worte ein Name auf, ein sehr wichtiger Name! Magno Makedonio. Der große Makedonier. Alexander der Große selbst! Ich habe jedenfalls den Verdacht, dass wir vor einer großen Entdeckung stehen«, rief der Mönch aufgeregt. Eine Aufregung, die sich jedoch sogleich wieder legte. »Vielleicht aber auch nicht … Vielleicht ist es einfach nur irgendein beliebiger Zylinder. Zu jener Zeit stellte man Tausende davon her, in Mesopotamien galten sie bereits als ganz gewöhnliche Gegenstände, die man als Siegel oder Amulette verwendete. Später dann in Persien, Assyrien, Ägypten … Die Welt ist voll solcher Zylinder, warum sollte ausgerechnet dieser von Alexander stammen?«

Während er nun langsam durch seine Zelle schritt, murmelte Bruder Ambrosius leise vor sich hin, bis er sich schließlich erschöpft auf die Pritsche fallen ließ.

»Ich bin nur noch ein erbärmlicher, unnützer Greis. Schon bei anderen Gelegenheiten habe ich deine Augen und Ohren, deine kräftigen Hände und starken Arme gebraucht, junger Zorzi. Mehr denn je brauche ich dich jetzt, um meinen gebrechlichen Körper zu ersetzen.«

Giorgio lauschte den Worten Bruder Ambrosius’, ohne deren Tragweite ganz zu begreifen.

»Du musst den Zylinder für mich nach Florenz bringen, zur Neuplatonischen Akademie. Dort wirst du dich mit Vater Ficino, Marsilio Ficino, einem alten Freund von mir, unterhalten. Nur er kann uns helfen, die Geheimnisse, die in diesem Gegenstand verborgen sind, zu entdecken – wenn er denn tatsächlich etwas verbirgt.«

»Aber welche Geheimnisse meint Ihr, Frater?«

»Ach! Vermutungen, Vermutungen … Das sind alles nur Vermutungen!« Bruder Ambrosius sah ihm direkt in die Augen. Seinem zahnlosen Mund entwich ein übel riechender Gestank nach Zwiebeln. »Das werde ich dir nicht sagen, Zorzi! Das sind dunkle Geheimnisse, vielleicht ist es sogar ein schlechtes Omen … Die Welt ist vor lauter Sünde ganz verdorben.« Der Mönch bekreuzigte sich. »In der Tat … wenn derartige Geheimnisse ans Licht kommen, dann kann es sich nur um ein schlechtes Omen handeln. Tue, was ich dir aufgetragen habe, und versuche nicht, mehr herauszufinden. Beschwere deine Schultern nicht mit einer Last, die ihre Kraft übersteigt …«

Wie der alte Mönch ihm aufgetragen hatte, war Giorgio, der Junge aus Castelfranco, an einem Frühlingstag nach Florenz aufgebrochen, den Zylinder aus Karneol und einen Brief für Pater Marsilio Ficino im Gepäck. Bruder Ambrosius hatte ihm erzählt, Marsilio Ficino sei einer der größten Philosophen seiner Zeit. Bereits seit dem Zeitalter von Cosimo dem Alten, unter dem Schutz der Medici, sei er einer der Gründer der Neuplatonischen Akademie gewesen, in der Gelehrte, die dem Hof der erlauchten florentinischen Familie nahestanden, sich versammelten, um über Philosophie und Literatur zu sprechen – insbesondere über Platon. Nicht umsonst habe Ficino Platons Dialoge aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt und werde als unnachgiebiger Verfechter der neuplatonischen Strömungen angesehen. Jedoch hatte Bruder Ambrosius in seiner Erzählung die besondere Beziehung Ficinos zur Hermetik betont. »Cosimo der Alte war ein Mann, der sich sehr für Außergewöhnliches interessierte«, hatte er gesagt. »Anscheinend hatte er Gesandte in alle Welt geschickt, um sie nach Handschriften und anderen Schätzen des Altertums suchen zu lassen. Vor einigen Jahren, als Pater Ficino noch sehr jung war, brachte ein Mönch Cosimo ein griechisches Manuskript aus Mazedonien, das sogenannte ›Corpus Hermeticum‹, eine Kompilation aus den wichtigsten Texten des klassischen Wissens und den Grundlagen der modernen Alchemie. Der Patriarch der Medici befahl Marsilio, die Übersetzung der Texte von Platon zu unterbrechen und sich auf den Corpus zu konzentrieren, mit dem brennenden Wunsch, diese Arbeit noch vor seinem Ableben fertiggestellt zu sehen.«

Sobald er in Florenz angekommen war, machte sich Giorgio auf den Weg zur Villa Careggi, dem Sitz der Neuplatonischen Akademie, wo er sich mit Pater Ficino treffen sollte.

Der Priester erwartete ihn im Empfangszimmer, las Bruder Ambrosius’ Brief und schlug dann vor:

»Lass uns etwas spazieren gehen und uns unterhalten. So können wir uns an diesem wunderbaren Geschenk Gottes, der Sonne über der Villa Careggi, erfreuen.«

Giorgio hatte das Gefühl, das Tor zum Paradies durchschritten zu haben, als sie durch die beeindruckende Villa mit ihrem Garten spazierten, der sich an einen Palast anschloss, welcher einer Festung glich und über die Ebene der Toskana wachte. Er hatte den Eindruck, vor diesem Moment noch nie das Licht erblickt zu haben, nicht einmal im Kloster von San Michele. Er war überzeugt, dass das Licht hier, in der Villa Careggi, seinen Ursprung haben musste und sich von dort über die restliche Welt verteilte.

Außerdem war die Kunst in der Villa Careggi zu Hause. Wohin auch immer der Junge den Blick lenkte, tauchte die Kunst in ihrer ganzen Pracht auf, wurde auf unerhörte Weise sichtbar. Donatello, Leonardo da Vinci und Botticelli waren hier gewesen, da die jungen Künstler seit jeher unter dem Schutz von Lorenzo de’ Medici standen. Immer wieder entdeckte Giorgio einen Glücklichen, der im Licht der Villa Careggi mit einem Pinsel über die Leinwand strich. Giorgio selbst spürte ein Kribbeln in den Händen, als drängten sie darauf, seine Farbpalette hervorzuholen und mit dem Mischen der Farben beginnen zu dürfen; sie wollten die Pinsel ergreifen und alles festhalten, was ihn umgab. Doch was seine Aufmerksamkeit ganz besonders fesselte, war eine Szene, die sich am Eingang zu einem Schuppen abspielte: der Kampf eines Mannes gegen einen Stein. Er setzte den Meißel so gekonnt an, dass der Fels sich seinen Schlägen widerstandslos hingab, gerade so als handelte es sich um Ton. Ficino ließ ihn wissen, dass der junge Mann Michelangelo hieß.

All diese Wunderwerke hatten ihn abgelenkt, sodass Giorgio sich nicht voll und ganz auf das Gespräch konzentrierte, das er unterdessen mit Marsilio Ficino führte. Sie hatten verhindert, dass er den ängstlichen Ausdruck in den Augen des Priesters wahrnahm, als dieser den Zylinder aus Karneol in den Händen hielt, oder den verhaltenen Enthusiasmus in seiner Stimme, als er ihn zu einem späteren Treffen mit dem Stadtherrn von Florenz selbst, Lorenzo de’ Medici, bestellte. All diese Details waren ihm entgangen, weil er so sehr vom Licht der Villa Careggi geblendet war.

Am folgenden Tag kam er zurück, gleichermaßen aufgeregt und verängstigt bei der Vorstellung, sich dem großen Lorenzo de’ Medici vorzustellen.

Der Statthalter war nicht nur ein großer Mäzen der Künste und Wissenschaften, er war selbst ein Gelehrter, ein Ästhet, ein Mann, der sich für Philosophie, Poesie, Musik und alle sonstigen Formen der Kunst und des Intellekts begeisterte. Er war praktisch in der Villa Careggi aufgewachsen und erzogen worden, umgeben von den größten Weisen seiner Zeit. Mit ihnen debattierte er auf intellektueller Augenhöhe und nicht nur als ihr Schutzherr.

Giorgio hatte Lorenzo de’ Medici in einem der Räume der Villa kennengelernt, neben einer Büste von Platon, die den Vorsitz bei allen Versammlungen seiner Anhänger innehatte. Da es bereits dunkel war, brannten Öllampen. Lorenzo de’ Medici saß in einem Armsessel, der ihm als Thron diente, die Beine hochgelegt, um die Schmerzen, die ihm die Gicht bereitete, zu mildern. Er war beleibt, bekleidet mit brokatbesetztem Wams und Gehrock, Kleidungsstücke, die ihn nur noch voluminöser erscheinen ließen. Auf dem Kopf trug er einen mazzochio, ein Stück Stoff, das im Stil eines Turbans gewickelt wurde und mit dem einen Ende seitlich herabhing. Sein Erscheinungsbild war beeindruckend, zumindest kam es Giorgio mit seinen gerade einmal sechzehn Jahren und seiner Unerfahrenheit so vor. Auf dem harten Gesicht mit dem grimmigen Ausdruck spiegelte sich eine große Persönlichkeit von starker Entschlusskraft wider. Lorenzo de’ Medici gab ihm das Gefühl, klein und unbedeutend zu sein. Georgio empfand ihm gegenüber ehrerbietige Furcht.

Darüber hinaus standen ihm zwei seiner besten Freunde und Mitarbeiter zur Seite: Marsilio Ficino und Graf Giovanni Pico della Mirandola. Ersterer trug die roten Gewänder der Geistlichen, und die Falten in seinem Gesicht verrieten, dass er hier der Älteste war. Sein Schüler hingegen, Giovanni Pico, lenkte vom ersten Moment an die Aufmerksamkeit des Jungen auf sich. Graf della Mirandola war jung und attraktiv – Schönheit war eine Eigenschaft, die dem Blick des Künstlers Giorgio nicht entging –, vielleicht sogar ein wenig feminin, was nicht zu dem verwegenen und heißblütigen Ruf passte, der ihm vorauseilte. Giorgio war erst seit zwei Tagen in Florenz, hatte aber bereits bei mehreren Gelegenheiten vom Grafen gehört. Trotz seines jugendlichen Alters war Giovanni Pico bereits mehrfach im Gefängnis gewesen. Einmal, weil er die Frau eines Neffen der Medici entführt hatte, ein Skandal, der ihn fast das Leben kostete, hätte Lorenzo ihn nicht gerettet. Und einmal wegen Ketzertums, weil er sich mit verfänglichen philosophischen Thesen gegen die Kirche gestellt hatte. Dessen ungeachtet war Graf della Mirandola einer der angesehensten Gelehrten auf dem Gebiet des klassischen Denkens: Er war Experte für Aristoteles und Platon, Kenner der Kabbala und der Hermetik, Astrologe …

»Giorgio da Castelfranco, zeig mir, was du aus Venedig mitgebracht hast.«

Lorenzo de’ Medicis Befehl riss Giorgio aus seiner Grübelei. Unsicher trat er auf den Statthalter von Florenz zu und überreichte ihm den Zylinder.

Lorenzo betrachtete diesen mit noch stärker zusammengezogenen Augenbrauen als gewöhnlich. Das war jedoch kein Zeichen von Verdruss, sondern von ernsthaftem Interesse. Dann schob er die Hand wortlos zwischen die Falten seines Hemdes und zog einen Gegenstand hervor, der an seinem Hals baumelte. Giorgio hatte den Eindruck, dass er dem Zylinder auffallend ähnelte. Mit einem kräftigen Ruck zerriss Lorenzo die dünne Kordel des Anhängers und hielt beide Zylinder in den Handflächen. Marsilio Ficino und Pico della Mirandola beugten sich über die Schultern ihres Schutzherrn, um die beiden ebenfalls in Augenschein nehmen zu können.

»Madonna mia …«, ließ Ficino verlauten.

»Wo hast du das gefunden, hast du gesagt?«, wollte sich der Statthalter vergewissern.

»Ehrlich gesagt, mein Herr, hat es mein Mentor, der Mönch Ambrosius, in der Bibliothek des Klosters San Michele in Murano entdeckt. Es hat in einer alten Pergamentrolle gesteckt, die Teil eines Manuskriptstapels war, der dem Kloster von einem Pfandleiher gespendet wurde.«

»Eine alte Pergamentrolle? Was für eine Art Pergament?«

»Eine Chronik auf Griechisch über die Diadochenkriege, mein Herr. Bruder Ambrosius glaubt, sie könnte aus Konstantinopel stammen.«

»So wie die Dinge liegen, ist es fast unmöglich, mit Gewissheit zu sagen, woher es stammt, Lorenzo. Was wirklich besorgniserregend ist, ist die Ähnlichkeit zwischen beiden«, bemerkte Ficino.

»Tritt näher, Giorgio, und sieh selbst«, befahl Lorenzo und deutete auf die Gegenstände in seinen Händen.

Der Junge stand staunend da. Beide Zylinder waren nahezu identisch. Giorgio wusste nicht, was er sagen sollte, ohne töricht zu erscheinen, also zog er es vor zu schweigen.

»Dieser Zylinder, der mein Amulett ist, gehörte meinem Großvater Cosimo. Vor vierzig Jahren hatte ein aus Nordafrika kommender Söldner ihm dieses Amulett verkauft. Der Söldner erzählte, er habe es einem Beduinen entrissen, nachdem er diesem den Hals durchtrennt hatte. Bevor er starb, habe der Beduine damit geprahlt, es einem koptischen Mönch während der Plünderung des Paulus-Klosters am Roten Meer geraubt zu haben. Außerdem habe er versichert, es handle sich um eine sehr wertvolle ägyptische Reliquie. Dennoch konnte man die Botschaft darauf bis heute nicht entschlüsseln, nichts, was darauf steht, scheint einen Sinn zu ergeben. Für sich allein genommen ist dieser Zylinder nichts weiter als eine herrliche Reliquie, ein schönes Amulett … Doch jetzt ist er nicht mehr der Einzige, jetzt gibt es zwei Zylinder, und die Legende nimmt Gestalt an.«

»Habt Ihr die Inschrift betrachtet, von der ich gesprochen habe?«

»In der Tat, Marsilio«, antwortete Lorenzo. »Magno Makedonio. Vielleicht hat Alexander der Große das Geheimnis ja doch nicht mit ins Grab genommen …«

Die letzten Worte von Lorenzo de’ Medici verhallten geheimnisvoll.

»Habt Ihr darüber nachgedacht, dass es sich um eine Fälschung handeln könnte?«, durchbrach Graf della Mirandola schließlich das Schweigen.

Lorenzo drehte sich in seinem Sessel um und legte die geschwollenen Beine wieder hoch. Man hätte nicht sagen können, was ihm unangenehmer war, die Beschwerden der Gicht oder die Worte des Grafen. »Beides ist möglich. Aber soll ich es deswegen nicht in Betracht ziehen? Soll ich mir deswegen die Gelegenheit entgehen lassen, selbst die Wahrheit über diese Zylinder und ihre Legende herauszufinden? Vierzig Jahre harrt dieser Zylinder nun schon unter dem Hemd eines Medici aus. Die Zeit ist reif. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass sie das große Geheimnis hüten, gering ist, sehe ich mich gezwungen, diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen. Denn wenn es zutrifft, stehen wir vor der größten Entdeckung aller Zeiten. Und wenn die göttliche Vorsehung gewollt hat, dass diese beiden Zylinder in der Hand eines Medici landen, dann wird auch ein Medici derjenige sein, der ihre Geheimnisse ergründet. Deshalb, meine Freunde, würde ich gerne auf eure Hilfe zählen können.«

»Ihr wisst nur zu gut, Lorenzo, dass Ihr darauf zählen könnt«, beteuerte Marsilio Ficino, und Pico della Mirandola pflichtete ihm mit eifrigem Nicken bei.

Ein selbstgefälliges Lächeln umspielte die Mundwinkel von Lorenzo de’ Medici.

»Euch fällt die Aufgabe zu, die Botschaft der Zylinder zu entziffern. Sobald dies gelungen ist und wir wissen, dass es sich tatsächlich um die Zylinder von Alexander dem Großen handelt, zerstören wir sie.«

»Sie zerstören?« Graf della Mirandola wollte sich vergewissern, richtig gehört zu haben.

»Ja, zerstören. Wenn sie zusammen sind, ist das Geheimnis nicht mehr sicher.«

»Aber wenn wir sie zerstören, dann ist die Botschaft für immer verloren. Auf welches Recht berufen wir uns, um ein Erbe zu zerstören, das der Menschheit gehört?«, fragte der junge Graf.

»Nun sei nicht so sturköpfig, Giovanni. Wieder einmal lässt du dich von deiner Unbesonnenheit leiten. Ich habe nicht davon gesprochen, die Botschaft zu zerstören, sondern die Zylinder. Was die Botschaft betrifft, so müssen wir darüber nachdenken, wie wir sie genauso gut oder noch besser verschlüsseln, wie es Alexander seinerzeit ersonnen hat.«

Nach Lorenzos Worten breitete sich eine unbehagliche Stille im Raum aus.

Bis jetzt hatte Giorgio den Ausführungen der drei eindrucksvollen Persönlichkeiten verständnislos gelauscht. Er brannte darauf, das dahinter verborgene Geheimnis zu erfahren. Schließlich fasste er sich ein Herz und sagte leise: »Entschuldigt, mein Herr …«

Die drei Männer durchbohrten ihn mit dem Blick, als hätten sie vergessen, dass eine weitere Person zugegen war. Giorgios Beine fingen an zu zittern. Schließlich sagte Lorenzo:

»Sei unbesorgt, Giorgio da Castelfranco, ich habe dich nicht vergessen. Bruder Ambrosius und du, ihr werdet einen gerechten Lohn für den Zylinder und euer Vertrauen erhalten …«

»Nein, mein Herr, Ihr versteht mich falsch. Davon wollte ich nicht sprechen …«

Lorenzo sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Wenn Ihr erlaubt, mein Herr, auch wenn mir das Wesen und der Inhalt des Geheimnisses, auf das Ihr Euch bezieht, nicht bekannt sind, so glaube ich doch, eine Möglichkeit zu kennen, wie Ihr die Botschaft verschlüsseln könnt.«

»Sprich, mein Junge«, forderte ihn der Statthalter auf. »Wie soll das möglich sein?«

Und Giorgio trug seine Erläuterungen vor in dem Glauben, in dem sich auch Lorenzo wiegte, dass die hier ausgesprochenen Worte diesen Raum nicht verlassen würden. Keiner hielt sich mit dem Gedanken auf, dass Worte manchmal durch die unvorhergesehensten Ritzen entschwinden. Und davonfliegen.

Seit diesem Aufeinandertreffen war fast ein Jahr vergangen. Ein Jahr, in dem Giorgio sich in der Villa Careggi eingerichtet und zusammen mit Marsilio Ficino und Pico della Mirandola an der Übersetzung der Botschaft der Zylinder und ihrer Verschlüsselung gearbeitet hatte.

Die Erinnerungen des Jungen verblassten, und vor ihm stand wieder das unvollendete Gemälde. Er nahm es von der Staffelei, löste die Leinwand vom Rahmen, rollte sie sorgsam auf und steckte sie in ein ledernes Etui, um sie auf der Reise zu schützen. Dann spürte er zum ersten Mal, wie traurig er war, diesen Ort verlassen zu müssen. Gleichzeitig versicherte er sich, dass es am vernünftigsten war, nach Venedig zurückzukehren. Er würde nur Pater Ficino und Graf Pico eine Nachricht über seinen Aufenthaltsort hinterlassen, und sobald er seine Arbeit beendet hätte, würde er sich erneut mit ihnen treffen.

Unter Umständen hatte das Geheimnis der Zylinder Lorenzo de’ Medici das Leben gekostet … Vielleicht waren alle, die wie er von dem Geheimnis wussten, in Gefahr … »Beschwere deine Schultern nicht mit einer Last, die ihre Kraft übersteigt.« Er hätte auf die Worte von Bruder Ambrosius hören sollen – jetzt war es zu spät. Jetzt hatte er keine andere Wahl, als sich das Gemälde über seine schwache Schulter zu hängen und diese Last auf dem dunklen Weg mit sich zu schleppen, sie bis ans Ende seiner Tage mit sich herumzutragen.

WOLFSSCHANZE, OSTPREUSSEN, 23. AUGUST 1941

Adolf Hitler schloss die Tür hinter dem Letzten, mit dem er an diesem Abend noch etwas besprochen hatte, strich sich mit der Hand über das Haar – mehr, weil es ein Tick war, als um es wirklich zu glätten – und löschte das Licht an der Decke. Die spartanische und funktionelle Kammer, die ihm als Büro diente, wurde nur noch von indirektem Licht beleuchtet. Der Führer machte es sich gemütlich. Er begab sich zum Stuhl hinter dem Schreibtisch und nahm dabei ein Summen in den Ohren wahr. Mit einem Schlag hatte er die Stechmücke zerquetscht, die um sein Gesicht geflogen war. Ohne diese schrecklichen Viecher wäre die Wolfsschanze fast schon ein bezaubernder Ort. Doch da der Bunker in einem dichten, dunklen Wald versteckt lag, fanden sich gegen Abend ganze Schwärme von Stechmücken ein und lauerten ihm auf, ohne dass eines der ausgeklügelten, unpassierbaren Sicherheitssysteme, die ihn schützten, hätte verhindern können, dass sie über ihn herfielen. Hitler schreckte weniger vor den Flugzeugen der Royal Air Force zurück als vor diesen unersättlichen Blutsaugern.

Der Führer hatte sich erst vor wenigen Wochen in die Wolfsschanze begeben, was mit dem Beginn der Invasion der Sowjetunion, die als Unternehmen Barbarossa bekannt war, zusammenfiel. Da die Wolfsschanze sich ganz in der Nähe der Grenze zur Sowjetunion befand, war sie der ideale Kommandoposten, um diese Operation zu leiten, mit der das Dritte Reich die Kommunisten vollends besiegen wollte. Wenn erst die Juden, die Freimaurer und die Bolschewiken vernichtet, die kapitalistischen Regierungen des Westens zum Schweigen gebracht und unterjocht wären, dann würde er die Geschicke der Welt nach seinem Gutdünken lenken … Und wenn der an diesem Morgen eingetroffene Bericht aus Berlin das enthielt, was er hoffte, dann würde sich sein Plan vielleicht sogar früher als vorgesehen verwirklichen lassen.

Als nichts mehr summte, blieb sein Blick an der einzigen Schreibmappe hängen, die er noch bearbeiten musste und die er sich für den Schluss aufgehoben hatte wie ein gutes Glas Cognac, das den krönenden Abschluss eines Festmahls darstellte. Er machte es sich auf seinem Stuhl bequem, legte die Füße auf den Schreibtisch, löste die Krawatte und öffnete die Akte, die ihm von Reichsleiter Rosenberg aus Berlin zugeschickt worden war. Es handelte sich um keine sehr umfangreiche Akte, sie enthielt nur drei Seiten: den Bericht des Experten, der die Ermittlung durchgeführt hatte, sowie einen Brief.

Er beschloss, sich das Schreiben als Erstes vorzunehmen. Die Ermittler des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg hatten es in der Privatbibliothek einer jüdischen Familie auf Kreta gefunden, versteckt zwischen den Seiten eines alten Tagebuchs. Neben dem lateinischen Original befand sich eine Übersetzung ins Deutsche. Es handelte sich um ein wertvolles historisches Dokument aus dem 15. Jahrhundert, dessen Urheberschaft Graf Giovanni Pico della Mirandola zugeschrieben wurde. Darin wandte er sich an seinen Freund und Meister, den jüdischen Philosophen Elia Delmedigo, als Antwort auf ein Schreiben, welches jener ihm zuvor geschickt hatte. Hitler fing an zu lesen: »Villa Careggi, Florenz, 15. November 1492.«

Ein zufriedenes Lächeln huschte über das Gesicht des Führers, als er das Schreiben las. Als er fertig war, griff er unverzüglich zum Hörer seines Telefons und verlangte ein Ferngespräch mit Berlin. Er musste den Kameraden Heinrich Himmler zur Wolfsschanze berufen, um sobald wie möglich eine streng vertrauliche Versammlung abzuhalten.

Der Brief eines Nazis

Während Konrad sich auf das Display seines iPhone konzentrierte, um auf eine Mail zu antworten, richtete ich mich am Tisch auf, um mich genüsslich an dem Kunstwerk zu ergötzen, das soeben vor meinen Augen abgestellt worden war: die Handhabung der Farben und der Struktur, die Volumina und die Proportionen, die dieses Ensemble beherrschten, und die Art, wie sich das Licht auf jeder Oberfläche in einem scheinbar zufälligen Spiel von matt und glänzend spiegelte.

Aber vor allem, der Geruch … Mhmmm, dieses unglaubliche Aroma von Schokolade bester Qualität. Ein Geruch, der den sinnlichsten Teil meines Gehirns ansprach. Ich bin Geisteswissenschaftlerin und könnte noch nicht einmal ungefähr den Namen dieses Teils meiner Anatomie angeben, ich weiß nur, dass der Duft von Schokolade mich auf wirklich beeindruckende Weise erregt. Ein Fondant mit siebzigprozentigem Kakao aus Java und dazu Kardamom-Eis … Nichts, wirklich nichts auf der Welt reicht an diesen Nachtisch heran. Rafa, der Küchenchef, konnte sich noch so viel Mühe geben, die Karte des Aroma, des gastronomischen In-Restaurants von Madrid, je nach Jahreszeit zu variieren, ich bestellte immer denselben Nachtisch.

»Willst du es denn nicht probieren?«, fragte Konrad.

Ohne den Blick vom Teller zu heben, antwortete ich: »Das tue ich bereits. Stell mein Ritual hier nicht infrage. Der Genuss dieses Nachtischs beginnt schon mit den Reizen für die Augen und die Nase. Das wirst du nie verstehen können«, schloss ich arrogant.

Konrad war das Opfer eines Fluchs – ihm lag nichts an einem Nachtisch. Tatsächlich war er es gewohnt, das Essen mit Rotwein zu beenden. Er trank bedächtig ein Glas Gran Reserva, während ich mir die Mundwinkel mit Schokolade, oder was es auch immer an Süßem gab, verschmierte.

»Es wäre wünschenswert, wenn du dieses Ritual heute ein wenig abkürzt. Ich will dir etwas zeigen, aber ich fände es nicht so schön, wenn du es mit Schokolade verschmierst, meine Süße.«

Süße, so nannte Konrad mich, und es war nicht schwer zu erraten, warum.

Es stimmte, er hatte mich vorgewarnt, dass es sich um ein Geschäftsessen handeln würde. Wir hatten sehr früh miteinander telefoniert, während er noch in München darauf wartete, das Flugzeug zu besteigen, das ihn nach Madrid bringen würde. Und wir hatten uns wie jeden Freitag zum Abendessen verabredet. Konrad hatte Alberto angerufen, den Restaurantleiter des Aroma, damit er ihm den üblichen Tisch reservierte – den in der abgelegensten und intimsten Ecke des Restaurants. Alles wie immer also, bloß dass es ein »Geschäftsessen« sein sollte. Natürlich dachte ich, er würde scherzen: Er war Deutscher und hatte einen sehr eigenwilligen Humor.

Es dauerte nicht lange, bis ich mit dem Nachtisch fertig war, und während das Aroma meinen Gaumen noch erfüllte, brachten sie den Kaffee und das Tablett mit den Petits Fours.

»Was machst du da, Ana?«

»Ich packe ein paar für Teo ein. Du weißt doch, wie verrückt er nach den Petits Fours von hier ist.«

»Aber meine Süße, die musst du doch nicht in die Tasche stecken, als wolltest du sie heimlich mitgehen lassen! Ich bitte Alberto, dir ein paar einzupacken. Jetzt lass es gut sein. Hör auf zu essen und sieh zu, dass du deine Finger sauber bekommst.«

Ich tat, was Konrad gesagt hatte, auch wenn ich es schrecklich fand, dass er mich wieder mal wie ein kleines Mädchen behandelte. Er war zwar fast zwanzig Jahre älter als ich, dennoch rechtfertigte das diese Bevormundung nicht. Wenn ich alt genug war, um mit ihm zusammen zu sein, dann war ich auch für alles andere alt genug. Dachte ich zumindest.

»Wirf mal einen Blick da drauf«, bat er mich und zog etwas aus der Innentasche seines Jacketts.

Konrad hielt mir ein zusammengefaltetes Papier hin. Als Erstes fiel mir auf, dass es alt war: Es war gelblich, an den Rändern schon ganz verschlissen und offenbar so oft auf- und zusammengefaltet worden, dass es Gefahr lief, an den Knickstellen zu brechen wie eine viel benutzte Landkarte.

Ich warf einen Blick darauf und stellte fest, dass es sich um einen handgeschriebenen Brief handelte. »Konrad, Liebling, das ist ja Deutsch.«

»Ja, aber du verstehst doch etwas Deutsch.«

»Nicht nach einem Cocktail und einer halben Flasche Wein. Bei aller Liebe, lass es uns kurz machen und sag mir einfach, was da steht.«

»Jetzt sei doch nicht so faul. Ich lese ihn mit dir.«

Zähneknirschend gab ich nach, unter anderem weil ich wusste, wie anstrengend und aussichtslos es war, mit ihm zu diskutieren. Vorsichtig legte ich den Brief auf den Tisch, genau zwischen uns beide. Auf der strahlend weißen Tischdecke wirkte er noch älter und vergilbter.

Wewelsburg,

2. Dezember 1941

Liebe Elsie,

ich hoffe, dass es Dir und der kleinen Astrid gut geht, wenn Du diesen Brief erhältst.

Bedauerlicherweise werde ich im Anschluss an meine Reise nach Italien nicht, wie ich es Dir versprochen hatte, nach Hause zurückkommen können. Die Ereignisse haben sich in den letzten Tagen überstürzt, und die Anforderungen der neuen Mission lassen es nicht zu. Dennoch hoffe ich, über Weihnachten ein paar Tage Urlaub nehmen zu können, um bei Dir zu sein, wenn unser Kind auf die Welt kommt.

Durch meine Nachforschungen zu Der Astrologe von Giorgione in Italien hat Reichsführer Himmler darauf gedrängt, dass ich sobald wie möglich mein neues Amt in den Räumlichkeiten des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg in Paris einnehme. Zuvor muss ich noch nach Berlin reisen, um mich mit Hitler zu treffen, da er von mir persönlich über das Vorankommen meiner Mission unterrichtet werden will. Wieder einmal hoffe ich, das Vertrauen, das unser Führer in mich gesetzt hat, nicht zu enttäuschen.

Morgen früh werde ich von Himmler persönlich ganz offiziell zum Sturmbannführer ernannt. Es hätte mich sehr glücklich gemacht, Dich bei dem feierlichen Akt und dem anschließenden Empfang dabeizuhaben, aber ich verstehe natürlich, dass Du in Deinem Zustand nicht reisen solltest. Ich versichere Dir, dass Du die ganze Zeit in meinen Gedanken sein wirst, geliebte Elsie, so wie immer, ganz besonders in den wichtigsten Momenten meines Lebens.

Sobald ich mich in Paris eingerichtet habe, werde ich Dich anrufen, um Deine liebliche Stimme zu hören. Sei Dir bis dahin gewiss, dass ich Dich liebe und dass ich Dich vermisse. Genau wie die kleine Astrid. Küss und umarme sie für mich und sag ihr, dass sie meine kleine Prinzessin ist. Gebt auf Euch acht und auch auf das Baby. Ich sehne mich danach, meine Hand auf Deinen Bauch zu legen und sein Strampeln zu spüren.

Mit all meiner Liebe

GEORG

PS: Bereite bitte einen Koffer mit etwas Kleidung und den Uniformen vor, die ich zu Hause gelassen habe. Jemand wird ihn abholen und ihn mir zu meinem neuen Bestimmungsort bringen.

Obwohl ich die Lektüre beendet hatte, sah ich mir den Brief noch eine Weile an. Ich fühlte mich unbehaglich, als hätte ich mir angemaßt, mich in einen intimen Moment zwischen zwei Personen zu drängen, als hätte ich mich in das Schlafzimmer eines Ehepaars geschlichen und versteckt ihren Geständnissen gelauscht.

»Und?«, holte Konrad mich in die Gegenwart zurück.

»Woher hast du das?«

Konrad lächelte verschmitzt. »Tja, ich habe da so meine Quellen. Leute, die Trödelmärkte, Dachböden oder Antiquitätengeschäfte durchstöbern oder auf Auktionen von seltenen Dingen für mich bieten. Du weißt doch, dass ich ein zwanghafter Sammler bin.«

Ja, das wusste ich. Konrad war ein regelrechter Kunst- und Antiquitätenbesessener, der sich diese unglaublich kostspielige Sucht darüber hinaus auch noch leisten konnte. Und so besaß er eine der besten Kunstsammlungen in Europa, besonders was Gemälde betraf. Abgesehen davon, dass die Kunst uns letztlich wohl auch zusammengebracht hatte.

Mein Blick fiel wieder auf den Brief. Das Papier, das seine Hände eines Tages berührt hatten, und die mit Tinte geschriebenen Worte, die seinem Nazigeist entsprungen waren. Widerlich. »Das ist der Brief eines Nazis«, lautete mein erstes Urteil, auch wenn ich wusste, dass es nicht das war, was Konrad erwartete.

»Ja, das stimmt.«

»Was genau bedeutet Sturmbannführer?«

»Major. Das ist gleichzusetzen mit einem Comandante, je nach Rang in der spanischen Armee. Comandante der SS.«

»Wow! Nazi und dann auch noch SS. Das ist ja beeindruckend!«

»Ich weiß, worauf du dich beziehst, und ja, es ist wahrscheinlich, dass er ein Fanatiker, ein Krimineller und ein Judenmörder war. Auf die Mehrheit trifft das zu, und die moderne Bildsprache vermittelt uns den Eindruck, dass es bei allen der Fall war: Im Kino, im Fernsehen, in der Literatur … hat man sie allesamt dämonisiert. Dabei war die SS eine sehr viel komplexere Organisation, als man denkt.«

»Willst du sie jetzt etwa entschuldigen?«

»Dafür hätte ich keine Argumente. Ich will dir nur zeigen, dass die Tatsache, dass der Mann ein Mitglied der SS war, ihn nicht automatisch zu einem Kriminellen macht. Die Waffen-SS war zum Beispiel die militärische Organisation: eine Armee, Soldaten, mit allen Tugenden und Fehlern, die dieser Begriff beinhaltet. Es gab brutale Soldaten und Kriminelle und solche, die einfach nur ehrenhaft ihr Land verteidigten – wie in jeder Armee. Während der Nürnberger Prozesse wurden die meisten Offiziere der regulären Truppen der Waffen-SS dank der Zeugenaussagen derjenigen, die auf dem Schlachtfeld ihre Feinde gewesen waren, von jedwedem kriminellen Vorwurf freigesprochen.«

Eine solche Verteidigung erinnerte mich daran, dass Konrad trotz allem Deutscher war und seine beiden Großväter im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten. Seine Haltung war zweifelsohne fraglich, aber verständlich. »Und zu wem gehörte unser Freund Georg? War er ein guter Nazi oder ein schlechter Nazi? Nach diesem Brief hier zu urteilen, hatte er wohl menschliche Gefühle …«

Konrad lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Jetzt komm schon, Ana! Wann gibst du endlich zu, dass das, was dein größtes Interesse geweckt hat, die Erwähnung des Gemäldes von Giorgione ist?«

»Schon möglich.« Ich genoss es, ihn zappeln zu lassen.

»Na gut. Angesichts der Tatsache, dass dir das Schokoladenfondant zu Kopf gestiegen ist, werde ich derjenige sein, der hier einmal ernst wird.«

Und wenn Konrad eines konnte, dann ernst werden. So ganz allmählich fing ich an zu glauben, dass diese Einladung zum Abendessen nicht wie gewöhnlich verlief, sondern tatsächlich ein Geschäftsessen war.

»Du bist die Expertin für Giorgione und weißt besser als ich, dass es auf der ganzen Welt nicht einen Katalog gibt, in dem ein Gemälde von ihm mit dem Titel Der Astrologe verzeichnet ist.«

Er hatte recht, ich war eine Expertin für Giorgione. Meine Doktorarbeit in Kunstgeschichte trug den Titel »Giorgio da Castelfranco, der dunkle Maler der Renaissance«.

»Ja, aber ich weiß auch, dass der Katalog von Giorgione wahrscheinlich einer der unbeständigsten der gesamten Kunstwelt ist. Was gestern noch kein Giorgione war, weil man es für einen Tizian hielt oder weil es sich einfach keinem renommierten Maler zuweisen ließ, ist heute ein Giorgione. Alles aufgrund seines Ticks, kaum eines seiner Werke zu signieren. Er hat wohl nicht bedacht, wie viel Arbeit er den nachfolgenden Generationen damit bereiten würde.«

»Vielleicht befinden wir uns also vor der Entdeckung eines neuen Giorgione. Ist dir klar, was das bedeutet?«

Konrads Enthusiasmus gegenüber war ich äußerst skeptisch. Die berufliche Erfahrung hatte mich gelehrt, dass man zu Beginn jedem Dokument, das einen großen Fund für die Menschheit verspricht, misstrauen sollte. »Vielleicht handelt es sich um ein bereits katalogisiertes Gemälde von Giorgione, dem unser Freund Georg einen anderen Namen gab. So etwas kommt häufig vor: Die drei Philosophen oder Die Weisen aus dem Morgenland, Schlummernde Venus oder Venus von Dresden … Kaum ein Gemälde hat nur einen Namen. Vielmehr«, fiel mir plötzlich wieder ein, »wenn ich mich recht erinnere, dann gibt es ein Gemälde – Die Sanduhr –, das ebenfalls unter dem Namen Der Astrologe bekannt ist und lange Zeit Giorgione zugeschrieben wurde. Allerdings glaubt die Mehrheit der Experten heutzutage, dass es nicht von ihm ist.«

Konrad sah mich wortlos an. Er schien zu überlegen, warum er sich getäuscht hatte und warum dieser Brief mich wider Erwarten so gleichgültig gelassen hatte. »Gib zu, du willst heute den Advocatus Diaboli spielen«, sagte er schließlich.

Zu meiner Überraschung und obwohl Konrad das genaue Gegenteil dessen war, wofür man auch nur das kleinste bisschen Mitleid empfinden konnte, gebührte ihm einen kurzen Moment lang mein Mitgefühl. Er sah unendlich enttäuscht aus. »Tut mir leid, Schatz«, entschuldigte ich mich und streichelte ihm über die Wange. »Wenn etwas gewiss ist, dann, dass die Welt der Künste voller Bluffs ist, voll großer Entdeckungen, die nichts wert sind. Ich habe es so satt, das immer wieder zu erleben.«

Er hielt meine Hand an seiner Wange fest. »Aber trotzdem … Glaubst du nicht, dass es einen Versuch wert wäre?«

Ich warf wieder einen Blick auf den Brief. »Die Informationen sind nicht ausreichend, Konrad. Das Einzige, was wir von diesem Mann wissen, ist, dass er Georg heißt. Es gab bestimmt Tausende Nazis, die Georg hießen!«

Als hätte er meinen Einwand bereits im Voraus geahnt, hielt er dagegen, indem er mir ein Kuvert mit Absender entgegenstreckte.

»Er hieß Georg von Bergheim, SS-Sturmbannführer Georg von Bergheim. Jetzt hast du jemanden mit Vor- und Nachnamen.«

Seufzend gab ich mich geschlagen.

»Überleg doch mal, meine Süße – warum war Hitler an einem einzigen Gemälde derart interessiert, wo er doch eine ganze Organisation hatte, die die großartigsten Kunstwerke aus ganz Europa zusammentrug?«

Ein gewöhnliches Mädchen

In nur vier Jahren hatte sich mein Leben um 180 Grad gewendet. Man könnte sagen, Aschenputtel war zur Prinzessin geworden, oder, um es weniger poetisch auszudrücken, aus einer Fabrikhalle war ein angesagter Schuppen geworden. Verantwortlich für meine Veränderung war kein anderer als Konrad.

Konrad Köller war vermutlich einer der reichsten Männer Europas. In der Presse wurde er als deutscher Industrieller bezeichnet, eine sehr vage Bezeichnung, um jemanden einzuordnen, von dem man tatsächlich nicht genau weiß, womit er sich beruflich beschäftigt, weil er praktisch allem Möglichen nachgeht: Telekommunikation, Verkehrs- und Bauwesen, Tourismus, Bankgeschäfte, Pharmazeutik … Die weniger seriösen Blätter beschrieben ihn mehr durch das, was er besaß, als durch das, was er war: die Autos, die er fuhr und denen man hinterherschaute; die wunderschönen Häuser dort, wo jeder gerne ein solches hätte; das Privatflugzeug, die Jacht, die Kunstsammlungen und, wie könnte es anders sein, die Frauen. Mit seinen etwas über fünfzig Jahren konnte Konrad auf eine lange Liste von Frauen zurückblicken, die – momentan – bei mir endete. Und mit seinen über fünfzig Jahren brach er mit den meisten Klischees, die seinem Alter entsprachen: ledig, athletisch, attraktiv und so unermüdlich wie ein Zwanzigjähriger, vielleicht sogar noch unermüdlicher als viele Zwanzigjährige, die ich kannte. Und das alles verdankte er einer privilegierten Genetik, aber auch einem Personal Trainer und einem Imageberater, die auf gesunde Ernährung, angemessenes Training und eine makellose Garderobe achteten.

Wenn man diese Umstände in Betracht zog, war es mir ein Rätsel, dass ich seit nunmehr vier Jahren seine Freundin war, und für die anderen grenzte es an ein übernatürliches Ereignis. Denn ganz ehrlich, ich war nur ein gewöhnliches Mädchen.

Das fing schon bei meinem Namen an: Ana García. Zumindest so lange, bis meine Mutter, eine Französin mit unglaublichen Flausen im Kopf, beschloss, dass ihre Töchter einen Doppelnamen tragen sollten, weil García-Brest viel schicker und charmanter klang.

Auch mein Aussehen war gewöhnlich: nicht sehr groß, aber auch nicht sehr klein, nicht sehr dick, aber auch nicht sehr dünn, nicht gerade hübsch, aber auch nicht hässlich. Bis Konrad in mein Leben trat, gehörte ich zu den Frauen, die kein Problem damit hatten, ungeschminkt aus dem Haus zu gehen, die sich nicht darum kümmerten, wie ihre Haare aussahen – ich hatte sie einfach zum Pferdeschwanz zusammengebunden, Angelegenheit erledigt –, die sich nicht besonders für Mode interessierten –, ich zog mir einfach irgendetwas an, ohne dabei viel zu experimentieren, um nicht verkleidet auszusehen –, und denen ein Kilo mehr oder weniger keine schlaflosen Nächte bereitete, weil die Freude am Essen nun mal unverzichtbar ist. Seit ich Konrad kenne, habe ich das Haus nicht mehr nur mit frisch gewaschenem Gesicht verlassen, ich trug nun einen sehr modischen, stufigen Haarschnitt und Strähnchen in dreierlei Farben, die der Friseur, den er mir ausgesucht hatte, alle zwei Monate auffrischte; ich trug Markenklamotten aus den Boutiquen der nobelsten Einkaufsmeile von Madrid, wo Konrad mich mit seinem exquisiten Geschmack beriet, und achtete auf mein Gewicht, damit ich mir nicht anhören musste: »Meine Süße, du hast so eine gute Figur. Verdirb sie nicht mit noch einer Praline.«

Meine Intelligenz, meine Ausbildung und mein Beruf waren ebenfalls gewöhnlich. Ich habe Kunstgeschichte studiert, weil meine Familie väterlicherseits dieser Welt schon immer verbunden war: Mein Großvater war Maler und mein Vater Kunsthändler und Galerist. Da mir danach nicht ganz klar war, was ich tun sollte, promovierte ich. Als ich damit fertig war, hatte ich nur die Gewissheit, dass Studieren das war, was ich am besten konnte. Also bereitete ich mich auf die Auswahlprüfungen für den öffentlichen Dienst bei den Konservatoren der staatlichen Museen vor. Nach vier Jahren erhielt ich einen Platz und fing im Nationalmuseum für Keramik und Angewandte Kunst »González Martí« in Valencia an, während ich auf einen Platz in Madrid wartete. Bis Konrad in mein Leben trat … Seitdem arbeitete ich in der Presseabteilung des Prado-Museums. Jetzt war ich nicht mehr den ganzen Tag von Keramik und angewandter Kunst umgeben, die es zu verwahren und zu konservieren galt, sondern von Japanern, Amerikanern, Chinesen oder Vertretern anderer Nationalitäten, die ich unablässig anlächeln musste. Ich trug keine zerschlissenen Jeans, weite T-Shirts und Turnschuhe mehr, sondern einwandfreie Jacketts und unendlich hohe Absätze.

Sogar mein Auto war gewöhnlich. Ein granatroter Renault Clio, der meiner Mutter gehört hatte und den mein Vater mir nach bestandenem Studium schenkte. Bis Konrad in mein Leben trat … und mir zum Geburtstag ein Mercedes SLK Cabrio schenkte.

Konrad hatte viele Dinge an mir verändert. Er hatte mich aufpoliert wie einen alten Silberlöffel, der vergessen hinten in einer Schublade lag. Seinetwegen tauchte mein Name in Hochglanzmagazinen auf und wurde von bösen Zungen neidvoll erwähnt. Er hatte mich davon überzeugt, dass ich etwas Besonderes hatte, das ich nicht im Untergeschoss eines alten Museums vergeuden oder unter mehreren Schichten weit geschnittener, aus der Mode gekommener Kleidung verstecken sollte. Er hatte mich auf die sonnige Seite des Lebens versetzt und mich dort an der Hand genommen, während er in meinen Ohren Hunderte wunderschöner Worte erklingen ließ. Ich liebte ihn, liebte ihn so sehr, wie ich noch nie jemanden geliebt hatte – wie ein von allen bewundertes Werk seinen Künstler verehren muss, denjenigen, der ihm mit sanften Strichen und manchmal auch mit heftigen Meißelhieben seine Form verliehen hat.

Das Einzige, was Konrad bei mir nicht verändert hatte, war meine Wohnung. Sie war zwar nichts Besonderes, aber ich hatte mich erbittert geweigert, sie aufzugeben. Bislang war mir das auch gelungen, obwohl er in den ersten beiden Jahren unserer Beziehung hartnäckig darauf gedrängt hatte, dass ich in sein exklusives, zweihundert Quadratmeter großes Penthouse mit eigenem Swimmingpool in der Calle Velázquez ziehen solle. Konrad konnte nicht verstehen, dass ich meine winzige Mansarde mit Terrasse, die eher ein etwas größerer Blumentopf als eine Terrasse war, an dem für Madrid so typischen Platz Chamberí bevorzugte. Noch dazu, wo man, um dorthin zu gelangen, einen so beschwerlichen wie heldenhaften Aufstieg über ein paar verschlissene, knarzende Holztreppen eines alten Gebäudes ohne Aufzug in Kauf nehmen musste. Doch meine Mansarde war für mich sehr viel mehr als das. Sie war ein Symbol für mich, für das Wenige, das von meinem wahren Wesen noch übrig war. Sie war so ungepflegt und unkonventionell wie mein Geist. Letzten Endes war sie der Ort, an dem ich, sobald sich die Tür hinter mir schloss, wieder ich selbst werden konnte. Ganz abgesehen von den vielen sentimentalen Bezügen, die ich damit verband, schließlich war sie das Atelier meines Großvaters, des Malers, gewesen – er hatte sie mir vermacht. Wenn ich also so manchen Abend lesend neben dem Fenster verbrachte, reichte ein kurzer Blick auf den Boden aus, um mich an die vielen Male zu erinnern, die ich als Kind auf ebendiesem honigfarbenen Holzboden auf unzähligen Blättern herumgekritzelt und mir dabei unter dem liebevollen Blick meines Großvaters die Finger mit Farbe verschmiert hatte. Oder wie wir zusammen am Küchentisch heiße Schokolade mit leckeren Churros gegessen und in Sommernächten bei Neumond auf der Terrasse die Sternbilder am Himmel nachgezeichnet hatten.

Es war ein Sommerabend – ein Spätsommerabend –, und wir hatten Neumond. Und wie so oft aß ich mit meinen Nachbarn Teo und Antonio zu Abend. Kaum ein Tag verstrich, an dem ich nicht bei ihnen aufkreuzte – hauptsächlich aus zwei Gründen: Ihre Terrasse war größer und das Abendessen bei ihnen sehr viel besser als bei mir, denn der aus Getxo stammende Antonio kochte wie ein junger Gott – wie einer der jungen Basken, die meiner festen Überzeugung nach in Bezug auf die Küche einer besonderen Art von Göttern angehören. Sprossensalat mit Ente, kleine Tintenfische im eigenen Saft und ein Apfelsoufflé waren Dinge, die bei Teo und Antonio an einem ganz gewöhnlichen Abend aufgetischt wurden, ohne dass es dafür etwas Besonderes zu feiern gab.

Teo war außerdem einer meiner besten Freunde, vielleicht sogar der beste. Das war schon seit Unizeiten so. Durch mich hatte er Antonio kennengelernt, als dieser die Wohnung kaufte, die direkt an meine angrenzt. Bei ihnen war es Liebe auf den ersten Blick. »Weißt du, Schätzchen, Liebe auf den ersten Blick ist typisch schwul«, hatte mich Teo aufgeklärt. »Obwohl wir viel Aufhebens machen, gibt es nicht so viele von uns, und da darf man dann nicht lange fackeln: Du siehst ihn, und dann schnappst du ihn dir, Ende.« Natürlich wurde bei Teo nicht lange gefackelt – er war der Prototyp des Homosexuellen, den wir Damen als schrecklichen Verlust für unsere Gattung beklagen. Zusammengefasst besaß er eine ganz und gar weibliche Sensibilität, verpackt in einem Körper von Hugh Jackman. »Mein Leben wäre sehr viel einfacher, wenn du nicht schwul wärst und mich geheiratet hättest«, heulte ich mich für gewöhnlich an der Schulter meines Freundes aus.

Bei Antonio verhielt es sich anders. »Ich gehöre ganz offensichtlich zur Schwulenfraktion, aber Toni ist einer der Schwulen, bei denen man es nicht erwartet«, lauteten Teos Worte dazu. Abgesehen davon, dass Antonio aus Getxo kam, hatte er einen sehr heterosexuellen Beruf als Chefingenieur im Straßenbauamt, und mit seinem Bauch, seinem gelben Helm und seinem Bart wäre keiner darauf gekommen, dass er in Männern etwas anderes sah als Kumpel zum Fußballsehen, Biertrinken und um irgendwelchen Tussis vom Gerüst Schweinereien hinterherzurufen. Tatsächlich gaben Teo und Antonio zusammen ein sehr pittoreskes Bild ab: Sie symbolisierten in gewisser Weise Die Schöne und das Biest – in der Schwulenversion.

Jedenfalls hatten wir drei im sechsten Stock so eine Art Kommune errichtet: einen Ort mit offenen Türen, gemeinsamen Räumen und einer einzigen Küche – der von Antonio.

»Ich gehe ins Bett, ich bin erledigt«, verkündete Antonio gähnend, kurz nachdem wir das Essen beendet hatten.

»Sei nicht so lahm, Toni. Heute ist Samstag! Bleib doch noch ein bisschen. Noch ein Limoncello, dann bist du wieder fit«, redete Teo ihm zu.

Ohne darauf einzugehen, stand Toni auf, küsste Teo kurz auf den Mund und mich auf die Wange.

»Gute Nacht, meine Liebe.«

»Das Essen war wunderbar, wie immer, Toni.«

»Danke. Morgen mehr davon. Vergesst nicht, die Gläser in die Spülmaschine zu stellen und sie laufen zu lassen, sonst passt das Frühstücksgeschirr nicht mehr rein.« Er gab uns genaue Instruktionen, als er die Terrasse verließ.

»Du hast so spießige Angewohnheiten«, ärgerte ihn Teo, als er wegging. »Außerdem wirst du so langsam etwas dick!« Und kurz darauf murmelte er mir zu: »Das ärgert ihn ganz besonders.«

»Ich weiß, ich bin spießig, und dick bin ich sowieso«, rief Toni von drinnen. »Gute Nacht, Süßer.«

»Das hört sich jetzt aber nicht sehr verärgert an.«

»Der tut nur so. Bestimmt stellt er sich gerade auf die Waage, und morgen nimmt er meine Spezial-K zum Frühstück, ganz sicher.«

Ich schmunzelte und lehnte mich im Liegestuhl zurück. In dieser Nacht hätte man die Sternbilder auch nachzeichnen können. Eine wunderschöne, frische, ruhige Nacht. Nur schwach hörte man das nächtliche Verkehrsrauschen. Die Terrasse war eingehüllt in den Duft der feuchten Erde der kürzlich bewässerten Blumenkästen und das Aroma der Kräuter, die Antonio in einer Ecke angepflanzt hatte: Basilikum, Rosmarin, Minze …