• Herausgeber: Goldmann
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2014
Beschreibung

In Edinburgh werden im Kellerraum eines alten Hauses die entsetzlich zugerichteten Gebeine eines jungen Mädchens entdeckt. Ringsum befinden sich sechs Wandnischen – darin sechs Schmuckstücke und die konservierten Organe des Opfers. Die Polizei misst dem Fall keine besondere Bedeutung bei, geschah der Mord doch vor mehr als 60 Jahren. Nur Detective Inspector Anthony McLean lässt das schreckliche Schicksal des Mädchens keine Ruhe. Bald stößt er auf eine Verbindung zu einer blutigen Mordserie, die seit Kurzem die Stadt erschüttert, und kommt auf die Spur einer unvorstellbar bösen Wahrheit ...

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Seitenzahl: 622

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Buch

Ein altes Haus in einem trostlosen Stadtteil von Edinburgh wird zum Schauplatz eines grausigen Fundes. Beim Durchbruch einer Mauer stoßen Bauarbeiter im Keller auf einen verborgenen Raum, in dem die entsetzlich zugerichteten Gebeine eines jungen Mädchens liegen. Ringsum befinden sich sechs Wandnischen – darin sechs Schmuckstücke und die konservierten Organe des Opfers. Als jedoch erste Untersuchungen des Tatorts ergeben, dass der Mord vor über sechzig Jahren geschah, messen die Verantwortlichen bei der Polizei dem Fall keine besondere Bedeutung mehr bei. Und so überträgt man die Ermittlungen Detective Inspector Anthony McLean, der sich in letzter Zeit bei seinen Vorgesetzten mit seiner ganz eigenen Auslegung der Dienstvorschriften nicht gerade beliebt gemacht hat. McLean allerdings lässt das schreckliche Schicksal des Mädchens keine Ruhe. Bald stößt er auf eine Verbindung zu einer blutigen Mordserie, die seit Kurzem die Stadt erschüttert, und kommt auf die Spur einer unvorstellbar bösen Wahrheit …

Weitere Informationen zu James Oswald sowie zu lieferbaren Titeln des Autors finden Sie am Ende des Buches.

James Oswald

Das Mädchenopfer

Thriller

Aus dem Englischen

von Sigrun Zühlke

Die englische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »Natural Causes« bei Penguin Books Ltd, London.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung August 2014

Copyright der Originalausgabe © James Oswald 2012

All rights reserved.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe / Translation copyright 2014

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagmotiv: Getty Images/Harry Taylor; FinePic®, München

Redaktion: Eva Wagner

KS ∙ Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-13153-1

www.goldmann-verlag.de

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Meinen Eltern, David und Juliet.

Ich wünschte, ihr wärt hier, um dies mit mir zu teilen.

1

Er hätte nicht anhalten sollen. Es war nicht sein Fall. Er war nicht einmal im Dienst. Aber die Blaulichter, die Transporter der Spurensicherung und die Uniformierten, die Absperrungen errichteten, hatten etwas an sich, dem Detective Inspector Anthony McLean noch nie hatte widerstehen können.

Er war in dieser Gegend aufgewachsen, diesem wohlhabenden Teil der Stadt mit seinen einzeln stehenden Häusern, die von großen Gärten hinter hohen Mauern umgeben waren. Altes Geld lebte hier, und altes Geld wusste sein Hab und Gut zu schützen. Es war sehr unwahrscheinlich, hier auf den Straßen einen Obdachlosen zu Gesicht zu bekommen, ganz zu schweigen von einem Kapitalverbrechen. Nichtsdestotrotz blockierten jetzt zwei Streifenwagen der Polizei die Einfahrt zu einem begüterten Anwesen, und ein Officer in Uniform war damit beschäftigt, blau-weißes Absperrband abzuwickeln. McLean fischte seinen Dienstausweis aus der Tasche, während er näher herantrat.

»Was ist hier los?«

»Es hat einen Mord gegeben, Sir. Das ist alles, was man mir gesagt hat.« Der Constable zurrte das Band fest und fing eine neue Rolle an.

McLean blickte die breite, mit Kies bedeckte Auffahrt zum Haus entlang. Auf halbem Wege stand rückwärts ein Transporter der Spurensicherung, die Türen weit aufgerissen. Uniformierte bewegten sich Schritt für Schritt auf breiter Linie über den Rasen, den Blick gesenkt auf der Suche nach Hinweisen. Es würde sicher nicht schaden, einen Blick hineinzuwerfen und zu sehen, ob er irgendwie behilflich sein konnte. Außerdem kannte er die Gegend. Er duckte sich unter dem Absperrband hindurch und ging die Auffahrt hinauf.

Hinter dem verbeulten weißen Transporter glänzte ein schwarzer Bentley im Abendlicht. Daneben trübte ein rostiger alter Mondeo das Bild. McLean kannte den Wagen und auch seinen Besitzer nur allzu gut. Detective Chief Inspector Charles Duguid gehörte nicht zu seinen Lieblingsvorgesetzten. Wenn das einer seiner Fälle war, dann musste der Verstorbene wichtig gewesen sein. Das würde auch die hohe Anzahl von Uniformierten erklären, die hier hinzugezogen worden waren.

»Was zur Hölle machen Sie denn hier?«

McLean drehte sich zu der vertrauten Stimme um. Duguid war deutlich älter als er, mindestens Mitte fünfzig. Sein einst rotes Haar war inzwischen dünn geworden und ergraute, sein Gesicht war gerötet und faltig. Den weißen Schutzanzug hatte er sich auf die Hüfte heruntergeschoben und die Ärmel unter seinem hängenden Bauch zusammengeknotet. So sah er aus wie ein Mann, der sich kurz hinausgestohlen hatte, um eine Zigarette zu rauchen.

»Ich war zufällig in der Gegend und habe die Streifenwagen auf der Straße gesehen.«

»Und da dachten Sie, Sie stecken mal kurz Ihre Nase rein, was? Was haben Sie hier zu suchen?«

»Ich wollte mich nicht in Ihre Ermittlung einmischen, Sir. Ich dachte nur … na ja, wo ich hier im Viertel aufgewachsen bin, könnte ich vielleicht behilflich sein.«

Duguid stieß einen vernehmlichen Seufzer aus und ließ theatralisch die Schultern sinken.

»Ah, na gut. Wo Sie nun mal da sind, können Sie sich genauso gut auch nützlich machen. Gehen Sie rein und reden Sie mit Ihrem Freund, dem Rechtsmediziner. Hören Sie sich mal an, zu welch wunderbaren Erkenntnissen er inzwischen gekommen ist.«

McLean wollte schon zur Haustür gehen, als Duguid ihn fest am Arm packte und aufhielt.

»Und sehen Sie zu, dass Sie mir einen Bericht liefern, wenn Sie fertig sind. Ich will nicht, dass Sie sich vom Acker machen, bevor wir das hier in trockenen Tüchern haben.«

Das Innere des Hauses war beinahe schmerzlich hell nach der sanften Dunkelheit der Stadt, die sich draußen herabsenkte. McLean trat durch eine kleine, aber dennoch geräumige Vorhalle in eine große Eingangshalle. Drinnen wuselten überall Kollegen der Spurensicherung in weißen Schutzanzügen herum, stäubten auf der Suche nach Fingerabdrücken alles ein, fotografierten. Bevor er mehr als ein paar Schritte machen konnte, drängte ihm eine junge Frau ein eingerolltes weißes Bündel auf. Er erkannte sie nicht – eine Neue im Team.

»Den sollten Sie sich lieber überziehen, wenn Sie da reingehen wollen, Sir.« Sie deutete mit einer schnellen Daumenbewegung hinter sich auf eine offene Tür auf der anderen Seite der Halle. »Es ist eine schreckliche Sauerei. Sie werden sich nicht den Anzug ruinieren wollen.«

»Oder irgendwelche Spuren kontaminieren.« McLean dankte ihr, streifte den weißen Overall über und stülpte sich die Plastikfüßlinge über die Schuhe, bevor er auf die Tür zuging, wobei er sich auf dem leicht erhöhten Steg hielt, den das Team der Spurensicherung auf dem gebohnerten Holzfußboden ausgelegt hatte. Von drinnen war Stimmengemurmel zu hören, also trat er ein.

Es war ein altmodisches Herrenzimmer. Ledergebundene Bücher in dunklen Mahagoniregalen säumten die Wände. Zwischen zwei hohen Fenstern stand ein antiker Schreibtisch, seine Arbeitsfläche leer bis auf die Schreibunterlage und ein Handy. Zu beiden Seiten eines verzierten Kamins stand je ein hochlehniger Armsessel, der erkalteten Feuerstelle zugedreht. Der linke war leer, abgesehen von ein paar säuberlich zusammengefalteten Kleidungsstücken, die über der Armlehne lagen. McLean durchquerte den Raum und trat um den anderen Sessel herum. Sofort wurde seine ganze Aufmerksamkeit von der darin sitzenden Gestalt gefesselt. Er rümpfte die Nase angesichts des üblen Gestanks, der sie umgab.

Der Mann sah beinahe ruhig aus. Seine Hände lagen leicht auf den Armlehnen, die Füße standen ein wenig auseinander. Sein Gesicht war bleich, die Augen starrten glasig geradeaus. Schwarzes Blut quoll aus dem geschlossenen Mund, tröpfelte über das Kinn und auf etwas, von dem McLean erst noch dachte, es sei eine Art Mantel aus dunklem Samt. Dann sah er die Gedärme, die sich blaugrau glänzend bis nach unten auf den Perserteppich am Boden ergossen. Kein Samt, kein Mantel. Zwei weiß gekleidete Gestalten hockten daneben, anscheinend nicht gewillt, ihre Knie auf dem blutgetränkten Teppich aufzustützen.

»Heilige Scheiße!« McLean schlug sich die Hand vor Mund und Nase angesichts des metallischen Blutgeruchs und des noch durchdringenderen Gestanks menschlicher Exkremente. Eine der Gestalten sah auf, und er erkannte den städtischen Rechtsmediziner, Angus Cadwallader.

»Ah, Tony. Auch zur Party hier, was?« Er stand auf und reichte seiner Assistentin etwas Glitschiges. »Nehmen Sie das, ja, Tracy?«

»Barnaby Smythe.« McLean trat näher.

»Ich wusste nicht, dass du ihn kanntest«, sagte Cadwallader.

»Oh doch. Ich kannte ihn. Nicht gut, meine ich. Ich war noch nie hier im Haus. Aber, Himmelherrgott, was ist denn mit ihm passiert?«

»Hat Dagwood dich denn nicht informiert?«

McLean schaute sich um, erwartete fast, Chief Inspector Duguid direkt hinter sich stehen und zusammenzucken zu sehen, weil sein Spitzname so beiläufig fiel. Doch abgesehen von der Assistentin und dem Verstorbenen waren sie allein im Raum.

»Er war nicht allzu erfreut, mich zu sehen, um ehrlich zu sein. Denkt, ich wollte ihm wieder den Ruhm stehlen.«

»Und willst du?«

»Nein. Ich war nur auf dem Weg zum Haus meiner Granma. Hab die Autos gesehen …« McLean sah das Lächeln des Rechtsmediziners und hielt den Mund.

»Wie geht’s denn Esther? Irgendeine Besserung?«

»Nicht wirklich, nein. Ich besuche sie nachher noch. Das heißt, wenn ich nicht hier hängenbleibe.«

»Nun, ich frage mich, was sie zu dieser Sauerei sagen würde.« Cadwallader wedelte mit dem blutverschmierten Handschuh in Richtung der Überreste dessen, was einst ein Mensch gewesen war.

»Ich habe keine Ahnung. Irgendwas Grausiges, da bin ich mir sicher. Ihr Rechtsmediziner seid doch alle gleich. Also, dann erzähl mir mal, was hier passiert ist, Angus.«

»Soweit ich sagen kann, ist er nicht gefesselt oder sonstwie festgehalten worden, was darauf hindeuten würde, dass er schon tot war, als es geschah. Aber hier ist zu viel Blut. Sein Herz muss noch geschlagen haben, als der erste Schnitt angesetzt wurde, also ist er höchstwahrscheinlich unter Drogen gesetzt worden. Das werden wir wissen, sobald wir den toxikologischen Bericht haben. Das meiste Blut stammt von hier.« Er zeigte auf einen losen roten Hautlappen, der um den Hals des Toten hing. »Wenn man irgendwie danach urteilen kann, wie das Blut auf die Beine und an die Seite des Sessels gespritzt ist, dann wurde dieser Schnitt gesetzt, nachdem die Gedärme entnommen worden sind. Ich schätze, der Mörder wollte sie aus dem Weg haben, damit er ungestört innen herumstochern konnte. Die wichtigsten inneren Organe scheinen alle an ihrem Platz zu sein – bis auf ein Stück Milz, das fehlt.«

»Da steckt etwas in seinem Mund, Sir«, sagte die Assistentin, deren Knie protestierend knackten, als sie sich aufrichtete. Cadwallader rief nach dem Fotografen, dann beugte er sich vor, zwang seine Finger zwischen die Lippen des Toten und drückte den Kiefer nach unten. Er griff hinein und zog eine schleimige, rote, weiche Masse heraus. McLean spürte, wie Übelkeit in ihm aufstieg, und versuchte, nicht zu würgen, als der Rechtsmediziner das Organ ins Licht hochhielt.

»Ah, da ist es ja. Ausgezeichnet.«

Als McLean es aus dem Haus heraus schaffte, war die Nacht angebrochen. Es wurde nie ganz dunkel in der Stadt. Zu viele Straßenlampen ergossen ihr Licht in die dünnen Schleier der verschmutzten Luft und verfärbten sie zu einem höllenartigen orangefarbenen Glühen. Aber wenigstens hatte die erstickende Augusthitze endlich nachgelassen und einer Frische Platz gemacht, die eine willkommene Erleichterung nach dem heftigen Gestank im Haus bot. Seine Schritte knirschten auf dem Kies, während er in den Himmel hinaufstarrte, vergeblich nach Sternen Ausschau hielt und nach einem Grund suchte, warum jemand einem alten Mann die Gedärme herausreißen und ihm seine Milz in den Mund stopfen sollte.

»Und?« Der Ton war unmissverständlich und vom sauren Geruch abgestandenen Tabakrauchs begleitet.

McLean drehte sich zu Chief Inspector Duguid um. Er hatte den Overall abgestreift und trug wieder den übergroßen Anzug, der zu seinem Markenzeichen geworden war. Selbst im Halbdunkel konnte McLean die glänzenden Stellen sehen, wo der Stoff über die Jahre blankgescheuert worden war.

»Sehr wahrscheinlich war die Todesursache ein massiver Blutverlust, der Hals war von einem Ohr zum anderen aufgeschnitten. Angus … Dr. Caldwallader schätzt den Zeitpunkt des Todes auf irgendwann am späten Nachmittag bis frühen Abend. Zwischen vier und sieben. Das Opfer wurde nicht gefesselt, also muss es wohl unter Drogen gesetzt worden sein. Nach dem toxikologischen Screening wissen wir mehr darüber.«

»Das weiß ich alles, McLean. Ich habe Augen im Kopf. Erzählen Sie mir was über Barnaby Smythe. Wer hätte ihn so aufschlitzen können?«

»Ich kannte Mr Smythe nicht besonders gut, Sir. Er war ziemlich verschlossen. Ich war heute zum ersten Mal überhaupt in seinem Haus.«

»Aber Sie haben doch wohl als Kind Äpfel aus seinem Garten geklaut.«

McLean schluckte die Antwort herunter, die er am liebsten gegeben hätte. Er war an Duguids Spott gewöhnt, aber er wusste nicht, warum er ihm jetzt ausgesetzt war, wo er doch nur versuchte zu helfen.

»Also, was wissen Sie über den Mann?«, fragte Duguid.

»Er war Investmentbanker, muss aber inzwischen längst im Ruhestand gewesen sein. Irgendwo habe ich gelesen, dass er einige Millionen für den neuen Trakt des Nationalmuseums gespendet hat.«

Duguid seufzte und massierte sich die Nasenwurzel. »Ich habe auf etwas gehofft, das ein bisschen nützlicher ist als das. Wissen Sie denn gar nichts über sein Privatleben? Seine Freunde und Feinde?«

»Nicht wirklich, Sir. Nein. Wie ich schon sagte, er ist im Ruhestand, muss mindestens achtzig sein. Ich verkehre nicht viel in diesen Kreisen. Meine Großmutter kannte ihn sicher, aber sie kann uns im Moment auch nicht wirklich helfen. Sie hatte einen Schlaganfall, wissen Sie.«

Duguid schnaubte verächtlich. »Dann sind Sie also zu überhaupt nichts nütze, verdammt noch mal. Also raus hier mit Ihnen. Gehen Sie zurück zu Ihren reichen Freunden und genießen Sie Ihren freien Abend.« Er drehte sich um und stolzierte auf eine Gruppe Uniformierter zu, die rauchend beisammenstanden. McLean war froh, ihn gehen zu sehen. Dann fiel ihm wieder die Warnung des Chief Inspectors ein, von wegen Sich-vom-Acker-machen.

»Möchten Sie, dass ich Ihnen einen Bericht schreibe?«, rief er Duguids Rücken nach.

»Nein, will ich verdammt noch mal nicht.« Duguid machte auf dem Absatz kehrt und kam zurück. Sein Gesicht lag im Schatten, seine Augen glitzerten im reflektierenden Licht der Gartenbeleuchtung. »Das ist mein Fall, McLean. Und jetzt verpissen Sie sich von meinem Tatort!«

2

Das Western General Hospital roch nach Krankheit – diese Mischung aus Desinfektionsmitteln, warmer Luft und ausgetretenen Körperflüssigkeiten, die einem in den Klamotten hängenblieb, wenn man mehr als zehn Minuten hier verbrachte. Die Schwestern am Empfang erkannten ihn, lächelten und gestatteten ihm schweigend und mit einem leichten Nicken hindurchzugehen. Eine von ihnen hieß Barbara und die andere Heather, aber er konnte sich beim besten Willen nicht merken, welche welche war. Sie schienen nie lange genug voneinander getrennt zu sein, um es herausfinden zu können, und auf diese viel zu kleinen Schildchen an ihrer Brust zu starren war einfach zu peinlich.

McLean ging so leise, wie es der quietschende Linoleumboden ermöglichte, durch die seelenlosen Flure. Vorbei an Männern, die in fadenscheinigen Klinikkitteln durch die Gänge schlurften und sich mit arthritischen Klauen an fahrbare Gestelle klammerten, an denen ein intravenöser Tropf hing, vorbei an geschäftigen Krankenschwestern, die von einer Krise zur nächsten eilten, und an bleichen Assistenzärzten, die aussahen, als würden sie gleich vor Erschöpfung umfallen. Das alles schreckte ihn schon längst nicht mehr ab. Er kam schon so lange hierher.

Die Abteilung, zu der er unterwegs war, lag in einem ruhigen Flügel des Krankenhauses, weitab von der hektischen Geschäftigkeit. Es war ein hübscher Raum, dessen Fenster einen Ausblick über den Firth of Forth hinweg bis in die Grafschaft Fife hinein boten. Es kam ihm immer ziemlich absurd vor. Dieser Flügel hier wäre besser geeignet für Patienten, die sich von größeren Operationen erholten oder so etwas. Stattdessen beherbergte er Patienten, denen die Aussicht oder die Ruhe hier nicht gleichgültiger sein könnten. Er verkeilte die Tür mit einem Feuerlöscher, sodass das geschäftige Summen in der Entfernung weiter zu ihm hineindrang, dann trat er ins Halbdunkel.

Sie lag auf mehrere Kissen gestützt da, ihre Augen waren geschlossen, als schliefe sie. Kabel flossen von ihrem Kopf zu einem Monitor neben dem Bett, der in einem langsamen, gleichförmigen Rhythmus tickte. Durch einen Schlauch tropfte eine klare Flüssigkeit in ihren faltigen und altersfleckigen Arm, und an einem ihrer welken Finger war ein schmaler weißer Pulsmesser angeklemmt. McLean zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, nahm die freie Hand seiner Großmutter und starrte in ihr einst so stolzes und lebendiges Gesicht.

»Vorhin habe ich Angus getroffen. Er hat nach dir gefragt.« Er sprach leise, war sich nicht mehr sicher, ob sie ihn hören konnte. Ihre Hand war kühl, Zimmertemperatur. Abgesehen von dem mechanischen Heben und Senken des Brustkorbes regte seine Großmutter sich nicht.

»Wie lange liegst du jetzt hier? Eineinhalb Jahre, oder?« Ihre Wangen waren noch mehr eingesunken, seit er sie das letzte Mal besucht hatte, und jemand hatte ihr das Haar schlecht geschnitten, was ihren Schädel noch skelettartiger aussehen ließ.

»Ich dachte immer, eines Tages würdest du aufwachen, und es würde alles wieder so wie früher. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Wofür solltest du denn noch aufwachen?«

Sie antwortete nicht. Er hatte ihre Stimme seit mehr als eineinhalb Jahren nicht mehr gehört. Nicht mehr, seit sie angerufen und ihm gesagt hatte, dass sie sich nicht wohlfühlte. Er erinnerte sich an den Krankenwagen, die Rettungssanitäter, daran, wie er das leere Haus abgeschlossen hatte. Aber er konnte sich nicht mehr erinnern, wie ihr Gesicht ausgesehen hatte, als er sie fand, bewusstlos in ihrem Sessel am Kamin. Sie war immer weniger geworden in all den Monaten, und er hatte zugesehen, wie sie verschwand, bis er nur noch diesen Schatten der Frau vor sich hatte, die ihn aufgezogen hatte, seit er vier Jahre alt war.

»Wer war das denn? Also wirklich!«

McLean sah sich um, erschrocken von dem Lärm. Eine Schwester stand in der Tür und rüttelte an dem Feuerlöscher. Sie polterte herein, schaute sich um und erblickte ihn dann schließlich.

»Oh, Mr McLean. Tut mir leid. Ich habe Sie gar nicht gesehen.«

Ein weicher Western-Isles-Akzent, ihr blasses Gesicht umrahmt von einem Bob aus flammend rotem Haar. Sie trug die Uniform einer Stationsschwester, und McLean war sicher, dass er wusste, wie sie hieß. Jane oder Jenny oder so was. Er dachte, dass er fast alle Schwestern des Krankenhauses mit Namen kannte, entweder aufgrund der Arbeit oder durch seine Besuche auf dieser kleinen, ruhigen Station. Aber als sie so dastand und ihn unverwandt ansah, wollte ihm ihr Name um alles in der Welt nicht einfallen.

»Ist schon okay«, sagte er und stand auf. »Ich wollte sowieso gerade gehen.« Er drehte sich zu der komatösen Gestalt um und ließ ihre kalte Hand los. »Ich komme dich bald wieder besuchen, Gran. Ich verspreche es.«

»Wissen Sie, dass Sie der Einzige sind, der regelmäßig hier zu Besuch kommt?«, fragte die Schwester.

McLean sah sich im Raum um und betrachtete die anderen Betten mit ihren stillen, reglosen Bewohnern. Es war unheimlich auf eine gewisse Art und Weise. In Reih und Glied standen sie an für die Leichenhalle. Warteten geduldig darauf, dass sie bei Gevatter Tod an die Reihe kamen.

»Haben die denn keine Verwandten?«, fragte er mit einem Nicken in Richtung der anderen Patienten.

»Doch natürlich, aber sie kommen nicht zu Besuch. Oh, anfangs schon. Manchmal sogar täglich, so ein, zwei Wochen lang. Sogar einen Monat. Aber mit der Zeit werden die Abstände länger und länger. Mr Smith da drüben hat seit Mai keinen Besuch mehr gehabt. Aber Sie kommen jede Woche her.«

»Sie hat ja sonst niemanden.«

»Na ja, trotzdem. Ist nicht selbstverständlich, was Sie da machen.«

McLean wusste nicht, was er sagen sollte. Ja, er kam zu Besuch, wann immer er konnte, aber er blieb nie lange. Nicht wie seine Großmutter, die dazu verurteilt war, den Rest ihrer Tage in dieser stillen Hölle zu verbringen.

»Ich muss gehen«, sagte er und ging zur Tür. »Tut mir leid, das mit dem Feuerlöscher.« Er bückte sich, nahm ihn hoch und hängte ihn zurück in seine Halterung an der Wand. »Und danke.«

»Wofür?«

»Dass Sie sich um sie kümmern. Ich denke, sie hätte Sie gemocht.«

Das Taxi setzte ihn unten an der Auffahrt ab. McLean blieb eine Weile in der abendlichen Kühle stehen und beobachtete, wie sich die Abgase in Luft auflösten. Eine einsame Katze schlenderte kaum zwanzig Meter entfernt selbstbewusst über die Straße, dann blieb sie plötzlich stehen, als merkte sie, dass sie beobachtet wurde. Geschmeidig drehte sie den Kopf von einer Seite zur anderen, mit scharfen Augen musterte sie die Umgebung, bis sie ihn entdeckte. Kaum hatte sie die Bedrohung entdeckt und eingeschätzt, setzte sie sich mitten auf der Straße hin und begann, sich die Pfote zu lecken.

Er lehnte sich gegen den nächsten Baum in einer ganzen Reihe von Bäumen, die durch die Platten des Bürgersteigs brachen, als wollten sie vom Ende der Zivilisation künden, und beobachtete weiter. Die Straße war schon zu ihren besten Zeiten ruhig, und um diese Uhrzeit war es fast vollkommen still hier. Nur das leise Brummen der Stadt im Hintergrund erinnerte ihn daran, dass das Leben weiterging. Der entfernte Schrei eines Tieres ließ die Katze im Lecken innehalten. Sie starrte McLean an, um zu sehen, ob er das Geräusch von sich gegeben hatte, dann trabte sie davon und verschwand mit einem mühelosen Satz über eine Mauer in einen nahegelegenen Garten.

Als McLean sich wieder zur Auffahrt umdrehte, stand er vor dem ausdruckslosen Gebäude, dass das Haus seiner Großmutter war. Die dunklen Fenster in der nie ganz dunklen Nacht schienen ebenso leer wie das im Koma eingesunkene Gesicht der alten Dame, die Fensterläden geschlossen wie ihre Augen. Die Besuche im Krankenhaus waren eine Verpflichtung, die er gerne auf sich nahm, aber hierherzukommen empfand er als unangenehme und lästige Aufgabe. Das Haus, in dem er aufgewachsen war, war längst vergangen, das Leben war so endgültig aus dem Gebäude herausgesickert, wie es aus seiner Großmutter gesickert war, bis nichts mehr übrig war als sein steinernes Skelett und bitter gewordene Erinnerungen. Halb wünschte er, die Katze würde zurückkommen, nur um ausgerechnet jetzt nicht allein sein zu müssen. Aber er wusste, dass es in Wirklichkeit nur eine Ablenkung war. Er war hergekommen, um etwas zu erledigen, also konnte er genauso gut auch einfach damit anfangen.

Der Windfang war mit Werbesendungen von einer Woche verstopft. McLean raffte sie zusammen und trug sie in die Bibliothek. Die meisten Möbel waren mit weißen Laken bedeckt, was das Aus-der-Welt-gefallen-Sein dieses Hauses noch unterstrich, aber der Schreibtisch seiner Großmutter war noch frei. Er sah nach, ob auf dem Anrufbeantworter Nachrichten hinterlassen worden waren, und löschte die Werbeanrufe, ohne sich die Mühe zu machen, sie vorher abzuhören. Wahrscheinlich sollte er das Gerät einfach ausschalten, aber man konnte ja nie wissen, ob nicht irgendein alter Freund der Familie versuchte, Kontakt aufzunehmen. Die Werbepost wanderte direkt in den Papierkorb, der, wie er bemerkte, auch bald geleert werden musste. Zwei Rechnungen waren gekommen. Er durfte nicht vergessen, sie an den Notar weiterzuleiten, der sich um die Angelegenheiten seiner Großmutter kümmerte. Nun nur noch der Rundgang, und er konnte nach Hause fahren. Vielleicht sogar ein bisschen schlafen.

McLean hatte nie wirklich Angst vor der Dunkelheit gehabt. Vielleicht weil die Monster schon zu ihm gekommen waren, als er vier war, und ihm seine Eltern weggenommen hatten. Das Schlimmste war bereits geschehen, und er hatte es überlebt. Seitdem barg die Dunkelheit keinen Schrecken mehr. Und doch ertappte er sich dabei, wie er jetzt überall die Lampen einschaltete, sodass er keinen dunklen Raum durchqueren musste. Das Haus war groß – weitaus größer, als es die alte Dame benötigte. Die meisten Nachbarhäuser waren inzwischen so umgebaut worden, dass mehrere Wohnungen darin Platz fanden, dieses hier jedoch blieb immer noch standhaft und war überdies von einem weitläufigen Garten umgeben. Gott allein wusste, was es wert war. Noch etwas, worüber er sich würde Gedanken machen müssen, wenn es so weit sein würde. Solange seine Großmutter nicht alles irgendeiner Katzenschutzorganisation hinterlassen hatte. Was ihn nicht wirklich überraschen würde.

Er blieb stehen, die Hand nach dem Lichtschalter ausgestreckt, und ihm wurde klar, dass dies das erste Mal war, dass er darüber nachgedacht hatte, was es bedeuten würde, wenn sie tot war. Die Möglichkeit, dass sie sterben könnte. Sicher, der Gedanke war immer da gewesen, lauerte im Hintergrund seines Bewusstseins. Aber all die Monate, in denen er sie im Krankenhaus besucht hatte, hatte er das in der Überzeugung getan, dass es ihr irgendwann wieder bessergehen würde. Heute, aus welchem Grund auch immer, hatte er endlich akzeptiert, dass dies nie geschehen würde. Es war zugleich traurig und seltsam erleichternd.

Und dann nahm er wahr, wo er sich befand.

Das Schlafzimmer seiner Großmutter war nicht das größte im Haus, aber es war wahrscheinlich immer noch größer als McLeans gesamte Wohnung in Newington. Er trat ein, strich mit der Hand über das Bett, das noch immer mit der Bettwäsche bezogen war, in der sie in der Nacht vor ihrem Schlaganfall geschlafen hatte. Er öffnete die Schränke und erblickte Kleider, die sie nie wieder tragen würde, dann ging er durchs Zimmer zu dem seidenen japanischen Morgenmantel, der über dem Stuhl vor ihrer Ankleidekommode hing. In einer Haarbürste, die mit den Borsten nach oben darauf lag, waren noch ein paar Strähnen ihres Haars. Die langen weißen Fäden glänzten in dem harten weiß-gelblichen Schein der Deckenbeleuchtung, die von dem antiken Spiegel reflektiert wurde. Ein paar Parfümflakons standen daneben auf einem kleinen Silbertablett zusammen, auf der anderen Seite ein paar Fotografien in üppig verzierten Rahmen. Dies war der privateste Bereich seiner Großmutter. Natürlich war er schon früher hier gewesen, wenn er als kleiner Junge nach oben geschickt worden war, um etwas zu holen, oder wenn er kurz hindurchgehuscht war, um ein Stück Seife aus dem Badezimmer zu stibitzen. Aber er hatte sich nie lange hier aufgehalten, hatte den Raum nie wirklich wahrgenommen. Er fühlte sich etwas unwohl – einfach nur, weil er hier war –, und war gleichzeitig fasziniert.

Die Ankleidekommode war das Zentrum des Raumes, viel wichtiger als das Bett. Hier hatte seine Großmutter sich für die Welt da draußen zurechtgemacht, und McLean fand es schön, dass eine der Fotografien ihn zeigte. Er erinnerte sich noch an den Tag, an dem sie gemacht worden war, an die Abschlussfeier am Tulliallan-College, der schottischen Polizeihochschule. So sauber war seine Uniform wahrscheinlich nie wieder gewesen. Police Constable McLean, ganz sicher auf dem Sprung zu einer großen Karriere, von dem aber dennoch erwartet wurde, Streifendienst zu leisten wie alle anderen Cops auch.

Auf dem anderen Foto waren seine Eltern zu sehen, ihr Hochzeitsfoto. Die beiden Bilder nebeneinander zeigten deutlich, dass er sein Aussehen größtenteils von seinem Vater geerbt hatte. Seine Eltern mussten auf dem Foto etwa im gleichen Alter gewesen sein wie er auf dem anderen, und abgesehen von den Unterschieden in der Aufnahmequalität hätten sein Vater und er beinahe Brüder sein können. McLean schaute eine Weile das Bild an. Er kannte diese Leute kaum, dachte kaum mehr an sie.

Andere Fotos standen überall verstreut im Raum herum. Einige hingen an den Wänden, andere standen in Rahmen auf einer breiten, niedrigen Kommode, die zweifellos Unterwäsche enthielt. Auf manchen war sein Großvater zu sehen, der mürrische alte Herr, dessen Porträt unten im Esszimmer über dem Kamin hing, wo er über dem Kopfende des Tisches residierte. Die Bilder zeichneten sein Leben in schwarz-weißen Momentaufnahmen nach, vom jungen Mann bis ins hohe Alter. Andere Bilder zeigten seinen Vater und dann auch seine Mutter, nachdem sie in sein Leben getreten war. Es gab auch ein paar von seiner Großmutter als einer beeindruckend schönen jungen Frau in den modischsten Kleidern der Dreißigerjahre. Das letzte aus dieser Serie zeigte sie flankiert von zwei lächelnden Gentlemen, ebenfalls in zeitgenössischer Kleidung, vor dem Hintergrund der vertrauten Säulen des National Monuments auf dem Calton Hill.

McLean starrte lange auf das Foto, bevor ihm klar wurde, was ihn daran beunruhigte. Zur Linken seiner Großmutter stand sein Großvater, William McLean. Ziemlich offensichtlich derselbe Mann, der auf so vielen anderen Bildern zu sehen war. Aber es war der Mann zu ihrer Rechten, der einen Arm um ihre Taille gelegt hatte und in die Kamera lächelte, als gehörte ihm die Welt: Er sah aus wie das Ebenbild des frisch Verheirateten und des soeben aus dem College entlassenen Police Constables gleichermaßen.

3

Was fehlt denn genau, Mr Douglas?«

McLean versuchte, sich auf dem unbequemen Sofa zurechtzufinden. In den Kissen waren Klumpen, die sich anfühlten wie Steine. Er gab es auf und schaute sich um, während sich neben ihm Detective Sergeant Bob Laird – Grumpy Bob unter Freunden – in wirrem Gekritzel mit ausladenden Bögen Notizen machte.

Es war ein gut eingerichteter Raum, trotz des klobigen Sofas. Ein Adam-Kamin dominierte die eine Wand, eine Sammlung geschmackvoller Ölgemälde bedeckte die anderen. Zwei weitere Sofas standen sauber vor dem Kamin Spalier, auch wenn der angesichts der glühenden Sommerhitze nur mit einem hübschen Arrangement aus Trockenblumen gefüllt war. Mahagoni herrschte vor, der Duft der Möbelpolitur wetteiferte mit einem schwachen Geruch nach Katze. Alles hier war alt, aber wertvoll. Sogar der Mann, der ihm gegenübersaß.

»Hier ist nichts gestohlen worden.« Eric Douglas fasste nervös mit dem Finger an seine schwarzgerahmte Brille und schob sie die lange Nase hoch. »Die sind direkt zum Safe durchgegangen. Fast als hätten sie genau gewusst, wo er ist.«

»Vielleicht sollten Sie uns das mal zeigen, Sir.« McLean stand auf, bevor seine Beine einschliefen. Er mochte wertvolle Informationen gewinnen, indem er sich den Safe ansah, aber noch viel dringender musste er sich bewegen.

Douglas führte sie durch das Haus in ein kleines Arbeitszimmer, das aussah, als sei ein Tornado hindurchgefegt. Auf einem ausladenden antiken Schreibtisch türmten sich Bücher, die aus einem Eichenregal gerissen worden waren. Dahinter war die Tür eines Safes zu sehen. Sie stand weit offen.

»Das ist noch ziemlich genau so, wie ich es vorgefunden habe.« Douglas blieb in der Tür stehen, als könnte alles zur Normalität zurückkehren, wenn er nur den Raum nicht beträte. McLean drängte sich an ihm vorbei und suchte sich sorgsam seinen Weg hinter den Schreibtisch. Verräterischer gräulicher Staub auf den Regalböden und um den Rahmen des einen großen Fensters herum zeigte an, dass die Fingerabdruckspezialistin schon hier gewesen und wieder gegangen war. Sie arbeitete immer noch irgendwo im Haus, bestäubte Türrahmen und Fensterbretter. Trotzdem angelte er ein paar Einweghandschuhe aus seiner Jackentasche und streifte sie über, bevor er nach dem kleinen Papierstapel griff, der immer noch auf dem Boden des Safes lag.

»Sie haben nur den Schmuck mitgenommen. Die Aktienzertifikate haben sie dagelassen. Die sind aber sowieso nichts wert. Heutzutage ist ja alles elektronisch.«

»Wie sind sie reingekommen?« McLean legte die Papiere zurück und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Fenster. Es trug dicke Lackschichten und machte nicht den Eindruck, als wäre es innerhalb des letzten Jahrzehnts geöffnet worden, ganz zu schweigen von den letzten vierundzwanzig Stunden.

»Als ich von der Beerdigung zurückkam, waren alle Türen abgeschlossen. Und die Alarmanlage war immer noch eingeschaltet. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie jemand hier hereingekommen sein könnte.«

»Beerdigung?«

»Meine Mutter.« Ein Stirnrunzeln wanderte über Mr Douglas’ Gesicht. »Sie ist letzte Woche gestorben.«

McLean verfluchte sich im Stillen selbst dafür, dass er nicht besser aufgepasst hatte. Mr Douglas trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte. Und das ganze Haus fühlte sich leer an. Es hatte diese schwer in Worte zu fassende Ausstrahlung eines Ortes, an dem vor Kurzem jemand gestorben war. Er hätte von dem Trauerfall wissen müssen, bevor er hier hereinplatzte und Fragen stellte. Er ging im Kopf das Gespräch bis hierhin noch einmal durch, versuchte sich zu erinnern, ob irgendetwas, was er gesagt hatte, taktlos gewesen war.

»Mein Beileid, Mr Douglas. Sagen Sie mal, war die Beerdigung öffentlich angezeigt?«

»Ich weiß nicht ganz, was Sie meinen. Es gab eine Anzeige in der Zeitung. Zeit und Ort, so etwa … Oh.«

»Es gibt böse Menschen, die Kapital aus Trauerfällen schlagen, Sir. Die Leute, die das hier getan haben, lesen wahrscheinlich aufmerksam Zeitung. Können Sie uns die Alarmanlage zeigen?«

Sie verließen das Arbeitszimmer, durchquerten wieder die Eingangshalle. Mr Douglas öffnete eine kleine Tür, die sich unter der breiten Treppe befand. Sie gab den Blick auf eine Steintreppe frei, die nach unten in den Keller führte. Direkt hinter der Tür blinkten grüne Lämpchen an einem kleinen weißen Schaltpult. McLean musterte es eine Weile und notierte sich den Namen der Wartungsfirma. Penstemmin Alarms, ein angesehenes Unternehmen, und zudem ein technisch anspruchsvolles System.

»Wissen Sie, wie man das richtig einstellt?«

»Ich bin kein Dummkopf, Inspector. In diesem Haus gibt es viele wertvolle Gegenstände. Ein paar Gemälde sind eine sechsstellige Summe wert, aber für mich sind sie unschätzbar. Ich habe die Alarmanlage selbst eingeschaltet, bevor ich nach Mortonhall aufgebrochen bin.«

»Entschuldigen Sie, Sir. Reine Routinefrage.« McLean steckte sein Notizbuch ein. Die Technikerin der Spurensicherung kam die Treppe heruntergestapft. Er fing den Blick der jungen Frau auf, aber sie schüttelte nur den Kopf, ging durch die Halle und verschwand zur Tür hinaus.

»Wir werden Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen. Aber wenn Sie uns noch eine Liste geben könnten mit detaillierten Beschreibungen der gestohlenen Gegenstände, wäre das sehr hilfreich.«

»Meine Versicherung hat eine umfassende Inventarliste. Ich lasse Ihnen eine Kopie zukommen.«

Draußen ging McLean zu der Kollegin der Spurensicherung, während sie sich gerade aus dem Overall schälte und ihre Ausrüstung in den Kofferraum ihres Wagens warf. Es war die Neue, die er auch am Smythe-Tatort gesehen hatte. Ziemlich beeindruckend mit ihrer hellen Haut und dem ungebärdigen schwarzen Haarschopf. Ihre Augen waren mit irgendeinem dunklen Make-up umrahmt, so sah es jedenfalls aus – oder sie war auf einem ernsthaften Besäufnis gewesen.

»Irgendwas gefunden?«

»Nicht im Arbeitszimmer. Da ist es so sauber wie im Geist einer Nonne. Im Rest des Hauses sind massenweise Abdrücke, aber nichts Außergewöhnliches. Wahrscheinlich überwiegend vom Bewohner. Ich brauche noch ein Set Vergleichsabdrücke.«

McLean fluchte. »Sie ist heute Morgen eingeäschert worden.«

»Na ja, wir können da sowieso nicht viel machen. Es gibt keinerlei Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen in dem Zimmer mit dem Safe, weder Fingerabdrücke noch andere Spuren.«

»Besorgen Sie mir, was Sie können, ja?« McLean nickte ihr zum Dank zu und sah ihr nach, als sie davonfuhr.

Er drehte sich zu dem zivilen Dienstwagen um, den Grumpy Bob heute Morgen gebucht hatte, als ihm der Fall übertragen worden war. Sein erster richtiger Fall, seit er zum Inspector befördert worden war. Es war nichts Besonderes, nicht wirklich. Ein Einbruch, der verdammt schwer aufzuklären sein würde, wenn sie nicht viel Glück hatten. Warum konnte es nicht einfach irgendein Fixer gewesen sein, der den Fernseher hatte mitgehen lassen, um sich den nächsten Schuss zu finanzieren? Andererseits wäre so etwas natürlich einem Sergeant zur Ermittlung überlassen worden. Mr Douglas musste über einen gewissen Einfluss verfügen, um für solch ein eher harmloses Verbrechen einen Inspector zu bekommen, ganz egal wie neu der in seiner Position sein mochte.

»Was willst du als Nächstes machen?« Grumpy Bob blickte McLean vom Fahrersitz aus an, als er ins Auto stieg.

»Zurück ins Büro. Fangen wir damit an, diese Notizen in irgendeine Art von Ordnung zu bringen. Mal sehen, ob bei den ungelösten Fällen irgendwas Ähnliches zu finden ist.«

Er machte es sich auf dem Beifahrersitz bequem und sah die Stadt vorbeifließen, während sie durch die verkehrsreichen Straßen zurückfuhren. Sie waren erst fünf Minuten unterwegs, als sich Grumpy Bobs Funkgerät meldete. McLean nahm ab und fummelte an den Knöpfen herum, mit denen er sich nicht auskannte, bis er es schaffte, den Anruf entgegenzunehmen.

»McLean.«

»Ah, Inspector. Ich hab’s auf Ihrem Handy probiert, aber es scheint nicht eingeschaltet zu sein.« McLean erkannte die Stimme von Pete, dem Sergeant vom Dienst. Er zog sein Telefon aus der Tasche und schaltete es ein. Als er heute Morgen aus dem Haus gegangen war, war es frisch aufgeladen gewesen, aber jetzt, nur ein paar Stunden später, war es so tot wie die alte Mrs Douglas.

»Tut mir leid, Pete. Der Akku ist leer. Was kann ich denn für Sie tun?«

»Ich hab einen Fall für Sie – das heißt, wenn Sie nicht gerade zu viel zu tun haben. Die Chief Superintendent meinte, der wäre genau das Richtige für Sie.«

McLean stöhnte und fragte sich, was für ein belangloses Vergehen ihm jetzt noch aufgehalst würde.

»Schießen Sie los, Pete. Worum geht’s?«

»Farquhar House, Sir. Draußen in Sighthill. Eine Baufirma hat angerufen, sie hätten eine Leiche entdeckt.«

4

McLean starrte durch das Autofenster an hell erleuchteten Industrieanlagen, Fabrikverkaufseinrichtungen, Läden und schmuddeligen Lagerhäusern vorbei zu den Türmen, die in einiger Entfernung über einem Schleier aus graubraun verschmutzter Luft aufragten. Sighthill war einer dieser Stadtteile, die in den Reiseführern nicht vorkamen: eine Vorstadt, deren Sozialwohnungsblocks sich bis zur Umgehungsstraße entlang der alten Kilmarnock Road ausbreiteten, dominiert von dem eindrucksvollen, monumentalistischen Bau des Stevenson College.

»Wissen wir sonst noch irgendwas hierüber, Sir? Du hast gesagt, es wäre eine Leiche gefunden worden.«

McLean konnte sich immer noch nicht daran gewöhnen, dass Grumpy Bob ihn mit »Sir« ansprach. Der Detective Sergeant hatte fünfzehn Dienstjahre mehr auf dem Buckel als er, und es war noch nicht allzu lange her, dass sie denselben Rang innegehabt hatten. Aber von dem Moment an, als McLean zum Inspector befördert worden war, hatte Grumpy Bob aufgehört, ihn Tony zu nennen, und war zum »Sir« übergegangen. Streng genommen war das natürlich nur korrekt, aber es fühlte sich dennoch seltsam an.

»Ich weiß selbst nichts Genaueres. Nur dass auf einer Baustelle eine Leiche gefunden wurde. Anscheinend hat die Chief Superintendent was gesagt von wegen, das sei genau der richtige Fall für jemanden wie mich. Ich bin mir nicht sicher, dass sie das als Kompliment gemeint hat.«

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