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Dr. Colin Wallace ist Leiter der Abteilung 'Klinische Neurophysiologie und Psychiatrie' der University of San Francisco. Plötzlich taucht ein alter Studienkollege auf und bittet ihn bei der Suche nach einem 50 Jahre alten Geheimdossier um Hilfe. Noch bevor Wallace Einzelheiten erfährt, wird sein Freund ermordet und auch auf Wallace beginnt eine gnadenlose Hetzjagd. Verzweifelt versucht er, seinem unsichtbaren Feind zu entkommen. Aber mit jedem Schritt gerät er tiefer in einen Sumpf aus Intrige, Mord und Korruption. In dieser Verschwörung, in die scheinbar nicht nur der CIA, das FBI und das Militär verwickelt sind, bleibt ihm nur ein Ausweg: Er muss das Rätsel um die geheimen Unterlagen lösen. Gemeinsam mit der Journalistin Susan Barett sucht er nach Antworten und sie stoßen auf das 'Majestic-12 Dokument'. Es informiert über eine Regierungskommission, zu deren Aufgaben die Unter-suchungen eines abgestürzten Ufos gehörten – und eines lebendig geborgenen Aliens. Doch ist diese TOP-SECRET-Akte echt? Sollte tatsächlich ein außerirdisches Raumschiff abgestürzt sein? Oder geht es in Wirklichkeit doch um etwas ganz anders. „Es ist ihm gelungen, eine Welt zwischen Fakten und Fiktion zu kreieren. Mein aufrichtiges Kompliment: Marc Linck hat mich von Anfang an mit seinem Opus gefesselt, (.) von der ersten Seite bis zum brillant konzipierten und umgesetzten Finale.“ Walter-Jörg Langbein
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Seitenzahl: 513
Veröffentlichungsjahr: 2012
Marc Linck: DAS MAJESTIC-12 DOKUMENT
© Periplaneta - Verlag und Mediengruppe
Edition Totengräber, September 2011
Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin
www.periplaneta.com - [email protected]
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, mechanische, elektronische oder fotografische Vervielfältigung, eine kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Ungekürzte, digitale Ausgabe der Printausgabe (ISBN 978-3-940767-58-5).
E-Book-Version: 1.2 ISBN: 9783943876154
Lektorat: Marion Alexa Müller
Satz, Konvertierung: Thomas Manegold, Johannes Schönfeld
Covergestaltung: Marc Linck
Marc Linck
Das Majestic-12 Dokument
TOTENGRAEBER
»Manche Dinge sind streng geheim,
weil sie schwer zu erfahren sind,
andere, weil sie nicht geeignet sind,
sie auszusprechen.«
Francis Bacon (1561-1626)
Die »Majestic-12«-Dokumente
Vorwort von Walter-Jörg Langbein
Scheinbar stoßen in den USA grenzenlose Freiheit einerseits und präsidiale Macht andererseits aufeinander. Misstrauen gegen »die Mächtigen« entsteht. Und das nicht ohne Grund. Man denke nur an die mehr als merkwürdigen Begleitumstände bei der Ermordung von Präsident John F. Kennedy, ganz zu schweigen von den mysteriösen Machenschaften im Zusammenhang mit dem »Roswell-Absturz«.
Für mich gibt es keinen Zweifel: Die Regierung vertuscht unliebsame Fakten, die Öffentlichkeit wird hinters Licht geführt. Aber gibt es solche Verschwörungen auch in Sachen UFOs? Meiner Meinung nach kann diese Frage nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantwortet werden. Allerdings existieren Hinweise, die auf eine Verschwörung schließen lassen könnten.
1994 wurden zum Beispiel dem UFO-Forscher Don Berliner geheime Dokumente zugespielt. Staunend stellte der Fachautor fest: Ihm lag die fotographische Reproduktion eines Schulungsbuches der ganz besonderen Art vor: »Extraterrestrische Wesen und Technologie, Bergung und Lagerung«. Angeblich ist dieser »Leitfaden« am 7. April 1954 verfasst worden. Der Inhalt mutet phantastisch an! Die Anweisung ist für »Majestic-12-Einheiten« gedacht: Wie sollen abgestürzte Raumschiffe behandelt und geborgen werden.
In erschreckend kalter Bürokratensprache wird ein zentraler Aufgabenbereich von »Majestic-12« genannt: »Die Einrichtung und Verwaltung besonderer Hochsicherheitseinrichtungen an geheimen Orten innerhalb der Kontinentalgrenzen der Vereinigten Staaten zum Zwecke der Aufbewahrung, Auswertung und Analyse und wissenschaftlichen Untersuchung aller Materialien und Wesenheiten, die von der Gruppe oder den Spezialteams als von außerirdischer Herkunft klassifiziert werden.«
Man stelle sich vor: Außerirdische Wesen kommen nach Über-brückung unvorstellbarer Distanzen zur Erde und werden – tot oder lebendig (?) – aufbewahrt und analysiert. Wen wundert es da, dass kosmische Besucher den Kontakt mit Menschen nicht gerade anstreben? Wir lesen weiter im »Majestic-12«-Handbuch: »Mit Gewissheit reicht die Technologie, die diese Wesen besitzen, weit über alles hinaus, was der modernen Wissenschaft bekannt ist, doch scheint ihre Anwesenheit hier friedliche Motive zu haben, und offenbar vermeiden sie Kontakt mit unserer Spezies, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt.« oder »Zahlreiche tote Wesenheiten wurden zusammen mit einer beträchtlichen Anzahl von Wracks und Gerätschaften von abgestürzten Raumschiffen geborgen, die an verschiedenen Orten untersucht werden.«
Offenbar war »Majestic-12« im Lauf der Jahre sehr erfolgreich - nicht nur in Fragen der Vertuschung.
Am 11. Dezember 1984 beginnt die offizielle Erforschung des Geheimnisses von »MJ 12«. An jenem Tag fand der amerikanische Filmproduzent Jaime Shandera einen Kodak-35-mm-Film in seinem Briefkasten. Acht Bilder zeigten darauf »Geheimdokumente«. Michael Hesemann wertet diese mysteriösen Unterlagen in seinem Bestseller »Jenseits von Roswell« (Neuwied 1996, S. 103) als »die vielleicht sensationellsten Geheimdokumente aller Zeiten«.
Sollten die Geheimakten echt sein, dürften sie in der Tat von höchster Bedeutung sein! Sollte tatsächlich ein außerirdisches Raumschiff in New Mexico abgestürzt sein? Sollte das Wrack geborgen worden sein? Sollten US-Behörden in den »Besitz« außerirdischer Leichen gelangt sein? Sollte gar ein lebender Außerirdischer aus den Trümmern gerettet worden sein? Sollten US-Geheimdienste so Informationen von höchster Brisanz erhalten haben ... nämlich über außerirdische Technologie, die der irdischen haushoch überlegen ist?
Genau das behaupten die »Majestic-12«-Papiere. Sind sie echt? Wurden sie im Auftrag von US-Präsident Harry S. Truman zu Papier gebracht, um den neu gewählten Präsidenten Dwight D. Eisenhower über das womöglich größte Geheimnis der Geschichte der USA, ja der Menschheit, zu informieren?
Die mysteriösen Dokumente werden nach wie vor in der »UFO-Szene« heiß diskutiert. Manche Forscher schwören auf ihre Echtheit. Skeptiker bestreiten das empört. Wirkliche Gewissheit gibt es nicht. Wer sich mit der Frage »Wird die Erde von Außerirdischen besucht?« auseinandersetzt, der kommt an diesen »Majestic-12«-Dokumenten nicht vorbei. Wer wissen will, ob wir Menschen allein sind im Uni-versum, kann in den »Majestic-12«-Dokumenten eine klare Antwort finden.
Wer – wie der Verfasser dieses Vorworts – Antworten auf derlei Fragen zu finden versucht, wird mit immer wieder neuen Fragen konfrontiert. Als Sachbuchautor stößt man bald an seine Grenzen. Was ist Fakt? Was ist Fiktion?
Man kann nur mögliche Antworten anbieten. Wo die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Albtraum, zwischen nüchterner Analyse und kühner Spekulation verschwimmen, da ist der Romanautor gefordert.
Marc Linck hat diese Herausforderung angenommen und mit Bravour gemeistert. Es ist ihm gelungen, eine Welt zwischen Fakten und Fiktion zu kreieren. Mein aufrichtiges Kompliment: Mark Link hat mich von Anfang an mit seinem Opus gefesselt. Dabei bin ich wirklich kein großer »Romanfreund«. Ich gebe es gerne zu: Das Manuskript habe ich von der ersten Seite bis zum brillant konzipierten und umgesetzten Finale förmlich verschlungen.
Doch so abenteuerlich das Geschehen des Romans auch anmutet, es könnte der Wahrheit näher kommen als uns lieb ist! Die Zukunft könnte höchst Unerfreuliches in petto haben! Es sei denn, die »Majestic-12«-Papiere sind verantwortungsvollen Menschen vorbehalten, die das Wohl der Menschheit im Auge haben, nicht die eigene Macht! Ob das der Fall ist? Geheimdienstlern wird eher selten nachgesagt, dass sie ausschließlich humanistischen Zielen folgen!
Marc Linck hat nicht nur einen packenden Roman über die legendär-ominösen »Majestic-12«-Dokumente verfasst. Er richtet auch, und das ohne mahnend erhobenen Zeigefinger, eine wichtige Botschaft an uns alle. Es geht um den verantwortungsvollen Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie können missbraucht werden und zu einer unmenschlichen Diktatur führen. Oder sie können zum Wohle der Menschheit eingesetzt werden. Diese Entscheidung sollte nicht einzelnen Geheimdienstlern, Wissenschaftlern oder Regierungen vorbehalten bleiben. Die Wissenden müssen sich der Öffentlichkeit stellen. Damit aber demokratisch entschieden werden kann, muss der Geheimniskrämerei in Sachen »Majestic-12« ein Ende gesetzt werden.
Walter-Jörg Langbein
Professor Lear schaute in das vor Anstrengung verzerrte Gesicht seines Angreifers. Nie zuvor hatte er eine derart vernunftlose Wut in zwei Menschenaugen gesehen. Der feste Griff um seinen Hals schnürte ihm die Luft zum Atmen ab, während er am ausgestreckten Arm des Killers zum Rand der Galerie gedrückt wurde. Er wusste, dass er jeden Augenblick den Boden unter den Füßen verlieren und vierzig Meter in die Tiefe stürzen würde. Mutlos wich er, über seine eigenen Beine strauchelnd, zurück. In einem letzten verzweifelten Versuch packte er den Mantelkragen des viel jüngeren Mannes und stemmte sich gegen dessen drahtigen Körper. Doch es war zu spät. Gerade als er sich vom Sims abstoßen wollte, trat sein linker Fuß ins Leere. Er rutschte ab und fiel mit dem Knie hart auf den Vorsprung. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Köper und Tränen schossen ihm in die Augen. Trotzdem hielt er mit eisernem Willen den Kragen seines Angreifers fest, zwang sich gegen das Unvermeidliche anzukämpfen. Vergeblich. Der wesentlich kräftigere Mann bog Lears knochige Finger ohne Mühe auseinander und befreite sich aus der lästigen Umklammerung des Todgeweihten.
»Der große Professor Lear«, sagte der Killer mit einem verächtlichen Grinsen. »Am Ende sind Sie doch nur ein Greis mit schütterem Haar. Aber vor allem: ein nutzloser Greis. Ich denke, es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen. Ich wünsche Ihnen einen guten Flug.«
Die schmalen Lippen des Killers verzogen sich unangenehm. Dann versetzte er dem Professor den entscheidenden Todesstoß. Es war vorbei. Lear fühlte, wie er das Gleichgewicht verlor und hintenüber kippte: Er fiel. Der Zugwind riss an seiner Strickjacke und seine Hosenbeine begannen leise zu flattern. Sein weißes Haar wehte ihm beinahe sanft ins Gesicht. Er hatte keine Angst. Jetzt nicht mehr. Er stellte sich nur eine einzige Frage: War es richtig, seinem alten Freund diese Last aufzubürden? Aber wer sonst wäre als Wächter dieses Geheimnisses geeignet gewesen? Im gleichen Moment schlug er mit einem dumpfen Geräusch auf dem Marmorboden auf.
Wallace wälzte sich auf seinem Bett hin und her - in der steten Hoffnung, endlich wieder einschlafen zu können. Aber er wusste es besser: Er war jetzt hellwach. Verärgert starrte er auf das Faxgerät, welches ihn mit lautem Surren und Knattern aus seinem ohnehin unruhigen Schlaf gerissen hatte. ›Fax erhalten‹ blinkte unermüdlich eine rote Anzeige, und ein etwa zwanzig Zentimeter langer Papierstreifen hing schlaff wie Toilettenpapier aus dem Schacht des Gerätes. Wallace warf einen flüchtigen Blick auf seinen Radiowecker: 5.02 Uhr. Das hieß, er hatte kaum zwei Stunden geschlafen.
Seufzend knipste er die Nachttischleuchte an, schlurfte in die Küche, stellte eine Tasse mit Milch in die Mikrowelle und nahm einen Löffel Honig aus dem Gefäß, das schon seit Tagen auf der Küchentheke stand. Mit der warmen Honigmilch schlich er zurück ins Schlafzimmer, trank einen Schluck und ließ sich matt auf sein Bett fallen. Er war todmüde, aber sobald er seine Lider schließen würde, würden sich seine Gedanken wie ein unermüdliches Karussell wieder und wieder um Judith drehen. Um all die Jahre an ihrer Seite und um die immergleiche Frage, ob es richtig war, ihren Scheidungsstreit heute so kampflos beigelegt zu haben. Noch immer hatte er seine Anwälte vor Augen, wie sie beunruhigt auf ihren Stühlen herumrutschten, als er sich nicht mehr an ihre Strategie hielt, die sie doch so mühevoll ausgearbeitet hatten. Aber er war es leid. Er hatte diese ständigen taktischen Manöver einfach nur satt. Wer bekommt die Wohnung? Wer das Auto? Und wer das Kaffeeservice? Die letzten Monate waren, als hätte man ihn über einen marokkanischen Wochenmarkt mit feilschenden Händlern und verschrobenen Gauklern geschubst: Rechtsverdreher, Versicherungen, Ämter und noch mehr Anwälte. Er hasste es. Er hasste diese ganze, verfluchte Scheidung. Alles, was er wollte, war, diese Geschichte endlich hinter sich zu bringen. Er drehte sich auf die Seite und schaute aus dem großen Fenster vor seinem Bett hinab auf die San Francisco Bay. Damals hatte er diesen Ausblick genossen. Unzählige Male hatte er hier mit Judith gelegen, auf die Lichter der Stadt geschaut, die Schiffe beobachtet, die in der Ferne wie Glühwürmchen durch die Bay huschten. Heute sah er nur sein Spiegelbild in der Glasscheibe. Er betrachtete den erschöpften Mann mittleren Alters. Sein schwarzbraunes Haar war im Laufe des letzten Jahres von grauen Strähnen durchzogen worden. Und seine sonst so wachen Augen schauten ihn jetzt traurig und auf eine erschreckende Weise leer an. Langsam verschwammen all die ungeordneten Eindrücke: Judiths Vorwürfe, ihr erstaunter Blick, als er ihren Forderungen bedingungslos nachgab. Alles verblasste, und schließlich gewann seine Müdigkeit die Oberhand.
Das war knapp, dachte er. Fast wäre ihm der Alte entwischt. Der Killer betrachte den reglosen Körper fünfzehn Stockwerke unter ihm. Seine Hände zitterten leicht und eine Ader pulsierte auf seiner Stirn. Noch immer sah er den angsterfüllten Blick des Professors, als dieser begriffen hatte, was mit ihm geschah. Aber hatte er wirklich nur die nackte Todesangst gesehen? Im Großen und Ganzen: sicherlich ja. Doch für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, noch etwas anderes in Lears Augen gelesen zu haben. Eine sonderbare Form der Zuversicht. Ja, geradezu Optimismus. Der Killer zögerte einen Moment lang, dann riss er sich von dem ekelhaften Anblick des zerschmetterten Körpers los, strich seinen Kragen glatt, zog einen schmalen silbernen Flachmann aus der Innentasche seines Mantels und nahm einen kräftigen Schluck. Das würde ihn beruhigen. Das musste ihn beruhigen. Heute Nacht brauchte er einen kühlen Kopf. Sein Auftrag war noch nicht erfüllt.
Das schrille Klingeln des Telefons durchdrang unbarmherzig die morgendliche Stille. Einmal. Zweimal. Dreimal.
»Welcher Idiot ruft denn jetzt schon an?«, fluchte Wallace in sein Kissen und zog sich die Decke über den Kopf. Endlich sprang der Anrufbeantworter an: »Hallo, Sie haben den Anschluss von Colin und Judith Wallace gewählt. Wir sind nicht zuhause, Sie können uns nach dem Signalton eine Nachricht hinterlassen.«
Ein Knacken in der Leitung, dann eine vertraut quäkende Stim- me: »Hey Colin. Hier ist Frank. Ich will ja nicht drängeln. Aber wo bleibst du, verdammt? Wir müssen los!«
Wallace warf einen Blick auf seine Uhr und schrak wie vom Blitz getroffen hoch. »Ach du Scheiße! Halb zehn!« Er schwang sich aus dem Bett, schlüpfte schwankend in seine Jeans, stülpte einen Pulli über und stürmte ins Bad. Während er sich die Zähne putzte, rasierte er sich oberflächlich und ging sich rasch mit den Fingern durch sein wirres Haar. Das Telefon läutete erneut. »Ja doch«, schrie Wallace in die leere Wohnung. »Ich komme ja schon.« Hastig griff er seine braune Ledermappe und verließ Hals über Kopf das Appartement.
Frank wartete vor dem Haus bei laufendem Motor in seinem smaragdgrünen Ford Mustang, seinem ganzen Stolz. Er war Anfang zwanzig, seine Rastalocken waren auch mit festen Bändern kaum zu bändigen, und außer Wallace schien niemand zu glauben, aus ihm würde einmal ein gescheiter Wissenschaftler werden.
Es war für ihn völlig überraschend gewesen, als Wallace ihm vor knapp einem Jahr eine Stelle als Forschungsassistent angeboten hatte. Wallace meinte jedoch, er sei neugierig, verschroben und dickköpfig: drei elementare Voraussetzungen, um sich in der Welt der Wissenschaft zu behaupten. Frank tat dieser unverhoffte Zuspruch gut und innerhalb der letzten Monate war er zum gewissenhaftesten Assistenten avanciert, den Wallace je hatte. Und mehr noch: Frank wurde Wallace ein guter Freund.
»Colin, Colin, Colin...«, empfing Frank Wallace mit verständnislosem Kopfschütteln. Wallace ließ sich matt auf den Beifahrersitz fallen.
»Was?«
»Gar nichts. Außer, dass ich bereits eine Viertelstunde warte, du gleich einen Vortrag vor den wichtigsten Neurologen der Welt halten musst - die übrigens auch alle auf dich warten - und du Zahnpasta am Mund hast.«
Wallace klappte die Sonnenblende mit dem kleinen Schmink-spiegel herunter und kratzte sich die vertrocknete Paste vom Mund-winkel. »Na dann fahr endlich! Oder wollen wir die Herren noch länger warten lassen?«
»Ay, Ay, Sir.«
Mit quietschenden Reifen rasten sie los, ein Kickstart, den sich Frank nicht nehmen ließ, seitdem er sein ›Grünes Juwel‹ besaß, wie er seinen Ford liebevoll nannte. Als sie den Highway erreichten, fiel Wallace auf, dass ihn Frank unentwegt aus dem Augenwinkel musterte. Zunächst versuchte er die penetranten Seitenblicke zu ignorieren, was jedoch auf Dauer kaum möglich war.
Nach zwei weiteren Meilen ertrug Wallace die durchbohrenden Stielaugen seines Freundes nicht länger. »Hab ich noch immer Zahnpasta am Mund?« Er bemühte sich nicht, eine gewisse Gereiztheit in seiner Stimme zu verbergen.
»Nein. Alles in Ordnung.« Frank zuckte mit einer Schulter und wandte sich wieder der Fahrbahn zu.
»Gut. Und warum glotzt du mich dann so an?«
»Tue ich gar nicht.« Frank konzentrierte sich einige Sekunden stumm auf die Straße, dann platzte es aus ihm heraus: »Also gut: Jetzt sag schon, Colin!«
»Was?«
»Na, was hat die Verhandlung gestern ergeben. Ist die Scheidung durch?«
Wallace schluckte. »Ich denke schon. Und um deine nächste Frage gleich zu beantworten: Ich habe verloren.«
»Verloren?« Frank legte seine Stirn in Falten. »Aber Judith hat dich verlassen?! Welche Forderung konnte sie da durchboxen?«
»Alle«, entgegnete Wallace scharf und wandte sich demonstrativ ab. Es sollte selbst für Frank offensichtlich sein, dass er nicht darauf erpicht war, eine Unterhaltung über seinen Scheidungskrieg zu führen.
»Alle?«, hakte Frank dessen ungeachtet nach.
Wallace verdrehte die Augen und seufzte. »Also gut: Ich habe freiwillig ihren Forderungen nachgegeben. Ich hoffe, Judith macht´s glücklich. Damit ist die Sache für mich erledigt.«
Frank stand der Mund offen. »Wieso? Das ist doch … - Warum hast du das gemacht?« Wallace hob die Schultern und starrte angestrengt aus dem Fenster. Tränen stiegen ihm in die Augen. War es, weil er Judith hasste? Oder liebte er sie immer noch? Vielleicht war es auch nur die pure Erschöpfung? Nach einer Weile resümierte Frank knapp: »Naja. Im Leben gibt es eben Berge und Täler.«
»Zurzeit wohl mehr Täler als Berge«, korrigierte Wallace matt.
»Hast du die Folien dabei?«, fragte Frank mit einem gekünstelten Lächeln und sichtlich bemüht, das Gespräch auf ein neues Thema zu lenken. Wallace musterte ihn mürrisch, obwohl er genau wusste, worauf Frank hinauswollte. »Die Folien, Colin! Für den Vortrag! Also manchmal machst du mich echt wahnsinnig. Wie willst du einen Vor-trag halten, wenn du ...«
»Ja, ja. Ich hab alles dabei«, beruhigte ihn Wallace und musste nun doch über seinen hysterischen Chauffeur schmunzeln.
Franks plumper Versuch, ihn auf andere Gedanken zu bringen, war zwar leicht zu durchschauen, hatte jedoch ebenso leicht funktio-niert. »Und was ich nicht in der Tasche habe«, er machte eine Pause und lächelte, »habe ich im Kopf. – Du kannst dich also entspannen.«
»Leichter gesagt als getan. Du solltest dich mal sehen. Seit du von Judith getrennt bist, siehst du aus wie ein Schluck Wasser in der Kurve.«
»Besten Dank.«
»Gern geschehen. Aber das Allerbeste ist …«
»Frank! Ich will es nicht hören! Wir haben heute einen wichtigen Tag. Tue wenigsten so, als wärst du mein treuer Assistent, meine gute Seele …«
»… und dein stummer Kutscher. Schon klar. Aber später behaupte nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Für den Fall, dass du dich weiter so fertig machst, wird dich weder Judith noch sonst eine Frau haben wollen, und dann …«
»Fra-ank! Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du uns einfach nur zur Uni fährst.«
Die Vorlesung ›Das Prionen-Prinzip‹ verlief zur größten Zufrie-denheit der Hörerschaft. Souverän wie immer stand Wallace im abgedunkelten Hörsaal an seinem Rednerpult und stellte seinen Kollegen und interessierten Pressevertretern die Ergebnisse seiner jüngsten Forschungen auf dem Gebiet der Neurobiologie vor.
»… Und damit bestätigt sich die Theorie, dass BSE-Krank-heitserreger durchaus Proteine sein können. Ich erinnere mich noch an die allgemeine Skepsis, als unser Institut behauptete, nicht nur Viren und Bakterien würden die Infektionen auslösen. Heute führen wir den wissenschaftlichen Beweis, dass auch Prionen für Gehirnerkrankungen wie Rinderwahnsinn oder Creutzfeldt-Jakob verantwortlich sind.«
Die Tür am hinteren Ende des Saals öffnete sich einen Spalt, eine hagere Gestalt schlich herein und setzte sich in eine der obersten Reihen des Hörsaals.
»In langwierigen Versuchsreihen haben wir Mäusen Prionen-Fibrillen ins Gehirn gespritzt: Zusammenlagerungen eines in seiner Struktur krankhaft veränderten Proteinmoleküls. Bereits nach 350 Tagen erkrankten die ersten Tiere. Mit Gewebeproben der kranken Nager wurden in der zweiten Phase gesunde Tiere infiziert. Diese Generation erkrankte in der Hälfte der Zeit an einem gänzlich neu gebildeten Prionen-Stamm. Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der Beweis des Prionen-Prinzips ein Meilenstein für die Wissenschaft ist.«
Wallace machte eine kleine Pause und gab Frank das Zeichen, den Tageslichtprojektor auszuschalten und die Jalousien im Vorlesungs-saal hochzufahren.
»Wenn Sie noch Fragen haben sollten?« Er ließ seinen Blick durch den Saal schweifen und blieb an dem in sich zusammengesunken Schatten auf der hintersten Sitzbank hängen. In der ersten Reihe erhob sich ein dicklicher Mann mit massigem Brustkorb.
»Mein Name ist Professor Keusch, vom Zentrum für Neuropathologie und Prionenforschung, Washington.«
Wallace nickte ihm auffordernd zu.
»Dr. Wallace, sicher ist es erstaunlich, was in Ihrer Zellkultur gelingt und was Sie mittels Fluoreszens-Markierung in den Versuchen sichtbar machen konnten ...«
Wallace versuchte, sich auf Keusch zu konzentrieren, aber aus irgendeinem Grund wurde sein Blick von dem Fremden am anderen Ende des Hörsaals angezogen. Die Jalousien fuhren höher und erhellten mittlerweile die Hälfte des Saals, doch das Gesicht des Fremden lag nach wie vor im Dunkeln. Dennoch kam ihm dieser Mann seltsam bekannt vor.
»Wie ich es sehe«, sagte Keusch und strich sich eine störrische Haarsträhne aus der Stirn, »fehlen jegliche Beweise auf die Übertragbarkeit Ihrer Ergebnisse auf den Menschen.« Der Professor straffte sich und suchte Blickkontakt zu Wallace. Es verunsicherte ihn, dass Wallace unentwegt an ihm vorbei sah. »Am Menschen können wir das noch nicht testen, aber wie sieht es zum Beispiel mit einem Lebend-Test am Affen aus?«
Wallace hörte Keusch kaum noch zu. Seine Aufmerksamkeit galt ausschließlich dem sonderbar Vertrauten in der obersten Sitzreihe. Er kannte ihn. Da war er sich ziemlich sicher. Aber das war unmöglich. Oder doch?
Als die Jalousien hoch genug gefahren waren und das Tageslicht das Gesicht des Fremden erfasste, trafen sich ihre Blicke, und jetzt zweifelte Wallace nicht länger.
Es waren jene immer fragenden Augen, die er seit über zehn Jah-ren nicht mehr gesehen hatte. Es musste Ethan sein. Ethan McGillis. Er war dünn geworden, aber ohne Zweifel war er es.
»Dr. Wallace?«, fragte Keusch ungehalten. »Hören Sie mir überhaupt zu?«
Wallace zuckte zusammen und räusperte sich. »Nun«, sagte er langsam und ordnete hastig seine Gedanken. »Wir haben in der Prionenforschung einen wichtigen Durchbruch erzielt ...«
»So ein Unsinn. In Washington haben wir bereits …«
»Falls es Ihnen nicht aufgefallen sein sollte: Wir sind nicht in Washington!«, unterbrach Wallace den Professor barsch. Keusch errötete und schaute verunsichert zu den übrigen Kollegen. Wallace bemerkte, dass er etwas zu weit gegangen war, und lenkte in gemäßigtem Tonfall ein. »Es sollte jetzt unsere gemeinsame Aufgabe sein, die jüngsten Entdeckungen auf eine solide wissenschaftliche Ebene zu bringen, um die Erfahrungen schnellstmöglich für Diagnostik und Therapie nutzen zu können.« Er atmete tief durch, setzte seine Lesebrille ab und faltete sie in sein Etui. Er wusste, dass zu viele Fragen offen geblieben waren, um die Fragestunde hier zu beenden, aber für den Augenblick brauchte er eine Pause. Mit einem aufgesetzten Lächeln schaute er abschließend in die Runde. »Meine Herren. Ich danke Ihnen für Ihr Kommen.«
Verdutzt sah Frank zu ihm hinüber. Für gewöhnlich pflegte Wallace sich mit bewundernswerter Geduld den Kreuzverhören der Kollegen und Neidern zu stellen. Der wissenschaftliche Austausch machte Wallace zuweilen regelrecht Spaß. Jedenfalls erheblich mehr, als die nachfolgenden Pressekonferenzen. Wallace erwiderte Franks Blick und begann demonstrativ seine Tasche zu packen. Professor Keusch murmelte etwas von ›Unverschämtheit‹ und stapfte aus dem Hörsaal. Andere ignorierten den offensichtlichen Rausschmiss und nutzten die Gelegenheit, Wallace mit Glückwünschen oder Fragen zu bombardieren. Mehr schlecht als recht beantwortete er die eine oder andere, während er ohne Unterlass seine Unterlagen in die Aktentasche stopfte.
Nachdem die letzten Hörer, und auch Frank mit einem Stapel Informationsmaterial unterm Arm, den Saal verlassen hatten, stand der Mann in der obersten Sitzreihe auf und kam die Stufen des Auditoriums heruntergeschlendert. Er trug eine graue Sportjacke, einen schwarzen Rollkragenpullover und eine dunkle Hose. Über seiner Schulter hing ein ausgebeulter Rucksack.
»Der berühmte Dr. Colin Wallace – du hast Karriere gemacht.« Ethan McGillis Stimme klang dünn, aber nicht unangenehm, und während er sprach, ließ er Wallace nicht aus den Augen. »Autor der Branchenbibel ›Prionen‹. Studium der Medizin und Philosophie. Als Drittbester die Prüfung der United States Medical Licensing Examination abgelegt. Doktorarbeit in der Schmerzforschung, Neuro- und Sinnesphysiologie. Und schließlich wissenschaftlicher Leiter der Abteilung ›Klinische Neurophysiologie und Psychiatrie‹. Hier, an unserer guten alten Nobelpreis-Schmiede UCSF.« Auf der untersten Stufe hielt er inne, dann fügte er mit einem Lächeln hinzu: »Und noch immer der smarte Collegeboy mit seiner braunen Ledermappe. Manche Dinge ändern sich nie.«
Andere schon, dachte Wallace. Er erkannte seinen Freund kaum wieder. Als er Ethan das letzte Mal gesehen hatte, war er ein stattlicher junger Mann gewesen. Er hatte diese besondere Unrast ausgestrahlt, die Menschen auf der steten Suche nach einem ›Mehr‹ innewohnt. Ethan wollte die Welt entdecken. Erobern. Heute sah er in Ethans Gesicht ein ganzes Universum verpasster Gelegenheiten. »Du bist dünner geworden, Ethan. Und älter.«
»Oh, danke, Colin. Aber auch du hast graue Haare bekommen, mein Guter.« Ethan grinste. Die beiden schauten sich schweigend an, so, als suchten sie nach etwas Vertrautem. Irgendetwas, was sie an ihre Jugend erinnerte. Wallace schossen unzählige Bilder aus ihrer gemeinsamen Zeit an der Universität durch den Kopf, doch all seine Erinnerungen passten nicht zu dem gebrochenen Mann vor ihm. Was war mit Ethan geschehen? Wo war er all die Jahre gewesen? Und warum verflucht war Ethan damals so spurlos verschwunden? Seine anfängliche Verwunderung und aufkeimende Freude, seinen alten Kommilitonen und Freund wiederzusehen, wich aufwallender Verbitterung. Er versuchte, seinen Unmut herunterzuschlucken und brach das Schweigen, bevor die Situation ins Peinliche abzurutschen drohte. »Schön dich zu sehen, Ethan.«
»Finde ich auch.«
»Und? - Wie geht´s?«
»Beschissen. Sonst wäre ich nicht hier.« Ethan lächelte.
»Und was ist los? Soll ich dir einen Gehirntumor wegzaubern?«
Ethans Miene verhärtete sich. Wallace stockte augenblicklich der Atem. War ein Tumor der Grund für Ethans ausgemergelten Körper, für das augenscheinliche Erlöschen dieser früher schier unbändigen Lebensfreude, für den kalten, beinahe seelenlosen Ausdruck seiner Augen? Nach einer theatralischen Pause hellte sich Ethans Gesicht ein wenig auf. »Keine Sorge, so beschissen geht´s mir noch nicht.«
»Du Vollidiot!«, fluchte Wallace. »Das ist nicht komisch!«
»Entschuldige. Aber ich brauche in der Tat deine Hilfe als Wissenschaftler. Und als Freund.«
›Als Freund?‹, schoss es Wallace durch den Kopf. ›Wo war denn dieser Freund die letzten zehn Jahre gewesen?‹
»Ich bin da an einer Story dran, Colin. Ich weiß, dass klingt jetzt sehr klischeehaft, aber es ist nicht irgendeine, sondern DIE Story. Du weißt schon, was ich meine?! Aber ich brauche dein Gespür und vor allem dein Fachwissen, um all die Details der Geschichte richtig zu verstehen, und …«
Die Tür zum Vorlesungssaal sprang auf. Frank kam herein. »Äh, Colin?«, setzte Frank leicht verunsichert an, als er den verängstigten Ausdruck in Ethans Gesicht sah. »Ich will ja nicht stören, aber wir müssten dann langsam. Die Leute von der Presse warten auf dich.«
»Ja. Gleich.« Wallace hasste diesen Teil seiner Arbeit. Aber die Presse gehörte nun einmal zum Geschäft. Gute Publicity bedeutete mehr Geld für das Institut. Und das konnte er gut gebrauchen. Er wandte sich wieder an Ethan. »Du siehst ja, ich habe jetzt wirklich keine Zeit. Wir müssen uns ein andermal treffen…«
Ethan schüttelte energisch den Kopf und packte Wallace am Arm. »Colin! Ich tauche hier nicht zum Spaß auf und bitte dich nach zehn Jahren um einen Gefallen. Es ist wichtig. Sehr wichtig!« Sein Blick wurde ernst und er senkte die Stimme. »Es geht nicht allein nur um diese Story. Die ist gut. Wahrscheinlich sogar zu gut. Ich vermute, ich habe da ein paar Herren empfindlich auf die Füße getreten. Und das sind Herrschaften, mit denen man sich lieber nicht anlegen sollte. Verstehst du?«
»Klar«, sagte Wallace und löste sich aus Ethans Griff. »Du hast Mist gebaut.«
Ethan musterte Wallace eindringlich, dann strafften sich seine Schultern. »Wenn du es so willst: ja. Aber nicht irgendeinen, sondern richtigen Bockmist. Ich habe in ein Wespennest gestochen, und wenn ich diese verfluchte Geschichte nicht aufdecke und damit an die Öffentlichkeit gehe, bin ich geliefert. Und ich meine nicht, dass mir jemand auf die Finger klopft. Hier geht es um mehr. Um viel mehr.«
»Brauchst du Geld?«
»Geld? Nein verdammt!« Er lachte hysterisch auf.
Dann machte er eine längere Pause. Er wirkte geradezu geistesabwesend. Schien immer wieder in Gedanken durchzuspielen, ob er fortfahren und Wallace in sein Geheimnis einweihen oder einfach verschwinden sollte. Schließlich fasste er einen Entschluss und zog Wallace von der Tür weg, sodass Frank ihr Gespräch nicht mithören konnte. »Hast du mein Fax bekommen?«
»Welches Fax?«
»Ich habe es dir gestern Nacht geschickt!?«
Erneut stieg Verärgerung in Wallace auf. Er erinnerte sich allzu gut an diese unliebsame nächtliche Störung. »Ach du warst das. Ja, ich hab´s erhalten, aber noch nicht gelesen! Es kam ja mitten in der Nacht. Und hat mich geweckt«, fügte er mürrisch hinzu.
Ethan ignorierte diesen Seitenhieb. »Heb es gut auf, hörst du? Ich habe dir aufgeschrieben, was du wissen musst. Nur für den Fall, dass mir etwas zustößt!«
»Dir was?«
»Ich erkläre dir alles später!« Wieder warf er einen raschen Blick auf Frank, der nach wie vor wartend in der Tür stand, dann kramte er einen Stift aus den Tiefen seines Rucksacks hervor und kritzelte Wallace eine Adresse auf einen Block. »Hier, ich habe mich im Lakeside einquartiert. Das kennst du ja?!« Wallace nickte und setzte gerade an, etwas zu erwidern, als Ethan bestimmend hinzufügte: »Gut, wir treffen uns um 22.00 Uhr! Ich habe das Zimmer 303 gemietet.« Ohne eine Antwort abzuwarten, klopfte er Wallace zum Abschied auf die Schulter. »Kümmere du dich jetzt um deine Karriere, ›Geschichte‹ schreiben wir heute Abend!« Er lachte aufmunternd, aber sein Lachen drang nicht in seine Augen. Unübersehbar verrieten diese nur Angst. Eine unbeschreibliche Angst. Dann verschwand er ohne ein weiteres Wort.
»Wer zum Teufel war denn das?«, fragte Frank, der noch immer verwirrt auf der Türschwelle stand.
Wallace betrachtete den Zettel in seinen Händen. »Ein Freund.«
Nach einer schier endlosen Pressekonferenz nahm Wallace den Bus nach Hause. Frank hatte sich ihm als Fahrer angeboten, doch Wallace wollte ihn nicht schon wieder als Chauffeur missbrauchen. Zudem war ihm nicht nach Gesellschaft. Er zog es vor, einen Augenblick für sich haben, um in Ruhe die Ereignisse des Tages Revue passieren zu lassen. Der Bus verließ North San Francisco Richtung San Rafael. Wie oft war er damals diesen Weg mit Ethan gefahren? Ein wenig wehmütig erinnerte er sich an ihre Studienzeit zurück.
Er hatte Ethan im ersten Semester seines Medizinstudiums an der University of California kennengelernt. Während er selbst einer jener wissbegierigen Erstsemestler mit gestärktem Hemd und grün-weiß gestreifter Baumwollweste war, gehörte der mühselige Vorgang des ›Lernens‹ nicht zu Ethans herausragendsten Stärken. Er vertiefte seinen Blick lieber in die Ausschnitte der Kommilitoninnen als in seine Bücher. Sein Interesse galt Mädchen, lauter Rockmusik, gutem Whiskey, Autos und allem voran dem Müßiggang.
Wallace schmunzelte, als er daran dachte, dass sie den Campus oftmals gar nicht erst erreicht hatten. Stattdessen hatten sie allzu gern einen Zwischenstopp am Golden Gate Park eingelegt, um den Tag mit Freunden zu verbringen. Seit Jahren war er nicht mehr dort gewesen. Ob es das Planetarium noch gab? Das kleine viktorianische Gewächshaus? Besonders gut erinnerte er sich an die ›Freistunden‹, die sie mit ihrem alten Professor in dem japanischen Teegarten verbracht hatten - und in denen sie einfach nur nichts taten. Im Grunde konnte Wallace diesem sinnlosen ›Herumsitzen‹ nicht unbedingt etwas Gutes abgewinnen. Ganz anders als Ethan.
Noch heute spürte er das leichte Kribbeln im Bauch, wenn die nächste Vorlesung bereits drängte und Ethan in stoischer Ruhe neben Professor Lear saß, und die beiden, Zeit und Raum vergessend, ihre Gesichter in die Sonne hielten. Meistens endeten ihre ausgedehnten Pausen damit, dass er ungeduldig mit seiner Mappe unter dem Arm auf- und abging und der Professor irgendwann seinem wortlosen Drängen nachgab, stets mit der Mahnung: »Du musst lernen, dich zu entspannen, Colin. Nur wer seinem Geist die nötige Ruhe gönnt, dem gelingt es, zu den Tiefen des menschlichen Verstandes vorzudringen – und eben dort liegt das eigene Genie verborgen, mein Junge.«
Wallace schloss die Augen. Einfach nur nichts tun, dachte er. Heute klang das gut. Und er wünschte sich in die Zeit zurück, als sie bis tief in die Nacht am Lincoln Boulevard gesessen und den freien Blick entlang der Küste genossen hatten. Schweigend hatten sie beobachtet, wie der Lincoln Park von der Dunkelheit verschluckt wurde und am North Beach die italienischen Restaurants, traditionellen Café-Bars und Musikclubs von Little Italy die Nacht zum Tage machten. Rückblickend gehörten jene Momente wohl zu den schönsten seines Lebens.
Früher war alles anders gewesen. Mit Ethan war alles anders gewesen. Wallace seufzte. Wo waren all die Jahre geblieben? Wo war Ethan all die Zeit gewesen? Und wohin war er damals so spurlos verschwunden? Ohne ein Wort des Abschieds. Ohne einen Brief, eine Karte oder sonst ein Lebenszeichen. Und plötzlich war er wieder zurück.
Der Killer betrachtete den silbernen Flachmann, in dem sich das trübe Licht der Nachttischleuchte brach. Gleich daneben lag sein Revolver, ein Manurhin MR-93. Mittlerweile hatte er sich an das Tragen dieser Waffe gewöhnt. Sie verlieh ihm ein Gefühl von Sicherheit. Von Stärke. Und die konnte er jetzt gebrauchen. Nach dem Desaster der vergangenen Nacht durfte er sich keine Fehler mehr erlauben. Er gönnte sich einen letzten Schluck Whiskey, griff sein Handy und wählte die Nummer, die man ihm gegeben hatte.
»Ja?«, meldete sich eine ruhige, eindringliche Stimme. Er kannte diesen höflichen, jedoch ganz und gar emotionslosen Tonfall allzu gut, doch noch immer bekam er eine Gänsehaut, wenn er sie hörte. Ein Gesicht dazu gab es für ihn nicht.
»Ich bin´s. Ich wollte nur sagen, dass es losgeht.«
Eine kurze Pause entstand. »Ich hoffe, Sie wissen, dass wir keine weiteren Rückschläge dulden!?«
»Natürlich.«
»Gut. Andernfalls müssten wir davon ausgehen, dass Sie Ihr Geld nicht wert sind - und ein Risiko für uns darstellen.«
Ein Knacken in der Leitung. Das Gespräch war beendet. Er schaltete das Handy aus und ärgerte sich darüber, dass seine Hände zitterten. Ein bitterer Geschmack nach Magensäure lag ihm auf der Zunge. Die knappe Botschaft dieses gesichtslosen Monstrums war ebenso deutlich wie erbarmungslos gewesen: Den nächsten Fehlschlag würde er mit seinem Leben bezahlten. Er blieb noch einige Sekunden regungslos sitzen und wartete darauf, dass sich sein Magen beruhigte. Dann verstaute er seinen silbernen Freund in der Tasche, steckte den Revolver in das Halfter und warf sich sein Jackett über. Es war Zeit, sich auf den Weg zu machen.
Wallace war spät dran, als er sich zum Lakeside-Hotel aufmachte. Zuhause hatte er kaum Zeit gehabt, sich frisch zu machen, geschweige etwas zu essen. Und so rächte sein Magen für diese Vernachlässigung seit 15 Minuten mit lautstarkem Knurren. Das Hotel lag ein paar Meilen südlich der Stadt. Damals war es ein begehrtes Ausflugsziel für Angler gewesen. Es hieß, es gäbe im San Andreas Lake die dicksten Karpfen des Landes, und bereits Wallace´ Vater hatte unzählige Wochenenden damit zugebracht, dies zu beweisen. Er selbst hatte nie die notwendige Ruhe für das Angeln aufgebracht, im fortgeschrittenen Alter aber die Stille des Waldes zu schätzen gelernt. Früher hatte er die Ausflüge vor allem wegen Giuseppe de Medici geliebt. Giuseppe hatte einen winzigen Eisstand direkt auf der Veranda des Hotels betrieben. Er hatte behauptet, er sei in einem kleinen Vorort Roms aufgewachsen, und die Rezeptur seines Eises sei seit Generationen eines der bestgehüteten Geheimnisse Italiens gewesen. In Wirklichkeit war Giuseppe in Denver geboren, und sein Name war Peter Stanfort. Aber alle hatten ihn im Glauben gelassen, ihn und sein Eis für echt italienisch zu halten. Und tatsächlich hatte das Medici-Eis irgendwie einzigartig geschmeckt. Jedenfalls besonders genug, um die Fahrt zum Lakeside in Kauf zu nehmen.
Wallace verließ San Francisco auf der 101. Richtung San Bruno. Nach und nach verschwanden die beleuchteten Werbetafeln, das Dickicht aus Schildern, Ampeln und Straßenlaternen lichtete sich, und der hektische Lärm der Großstadt verstummte. Schließlich fuhr er alleine auf dem dunklen Highway stadtauswärts. Nach ein paar Meilen tauchte die grelle Scheinwerferfront eines aufgemotzten Pick-Ups hinter ihm auf. Der Wagen näherte sich rasch, und die Lichter bohrten sich hartnäckig in Wallace´ Rückspiegel. Genervt drehte er den Spiegel ein – allerdings ohne Erfolg. Er nahm den Gang heraus und ließ sich ausrollen, um diesen Idioten vorbeifahren zu lassen. Aber anders als erwartet, tat ihm diese fahrende Lichterkette den Gefallen nicht. Stattdessen verringerte auch sein Hintermann die Fahrt und hielt beharrlich rund 50 Meter Abstand. »Jetzt überhol schon!« Wallace drosselte weiter sein Tempo, doch die weiß-blauen Xenon-Lichter blieben unbeirrt in seinem Spiegel kleben.
»Dann eben nicht!«, fluchte Wallace und gab Gas. Zu seiner Überraschung beschleunigte auch sein Verfolger ebenfalls. Wallace erhöhte seine Geschwindigkeit drastischer und fuhr mittlerweile deutlich über der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit. Nach einer ausgedehnten Kurve verschwanden die Lichter endlich und Wallace atmete erleichtert auf. »Na also.« Er drehte den Spiegel zurecht und konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn. Die Abfahrt 82ste musste jeden Augenblick auftauchen.
Und dann, urplötzlich, dröhnte ein markerschütterndes Horn unmittelbar hinter seinem Wagen, und eine gewaltige Batterie aus Scheinwerfern blendete direkt an seiner Stoßstange auf. Reflexartig riss Wallace das Lenkrad herum, und ehe er seinen Fehler begriff, geriet sein Saab gefährlich ins Schlingern. Staub wirbelte auf. Es roch nach verbranntem Gummi, als er mit quietschenden Reifen über den Seitenstreifen schleuderte. Mit aller Kraft lenkte er gegen die Fliehkraft, im Stakkato versuchte er, den Höllenritt abzubremsen. Dennoch vergingen vier, fünf endlose Sekunden, bis es ihm endlich gelang, den Wagen zurück auf den Highway zu lenken. Er kroch jetzt mit kaum noch 40 Meilen die Stunde, dafür raste sein Puls in erschreckend hoher Frequenz und stieß ihm das Blut förmlich in die Schläfen. Sein ganzer Körper zitterte, und Wallace brauchte einen Moment, bis er realisierte, was soeben geschehen war: Dieser Wahnsinnige hätte ihn beinahe zu Tode gefahren. Es hatte geradezu den Anschein, als würde dieser Freak Jagd auf ihn machen. Er hatte von solchen Geschichten gehört: Durchgedrehte Fernfahrer, die sich von einem nicht gesetzten Blinker belästigt fühlten, unternahmen mit ihren Monstermaschinen eine irrwitzige Hatz auf ihre vermeintlichen Peiniger.
Wut stieg in Wallace auf. »So ein verfluchtes Arschloch!« Er drehte den Rückspiegel ein, um diesen hirnlosen Affen hinter sich besser erkennen zu können, doch dieser hielt wieder Abstand. Viel war von ihm nicht auszumachen. Es war ein Pick-Up, vermutlich schwarz, mit einer Antenne und mehreren riesigen Scheinwerfern auf dem Dach. »Also gut, du Spinner! Zeig mal, was du drauf hast.« Entschlossen drückte Wallace das Gaspedal seines Saabs bis zum Anschlag durch. Der Motor jaulte gequält auf, und kurz darauf preschte er mit weit über Hundert den Highway hinunter. Nach jeder Kurve vergrößerte sich die Distanz zu seinem Verfolger. Dann flog plötzlich das Hinweisschild ›Abfahrt Millbrae Avenue / 82ste‹ an ihm vorüber. Ohne nachzudenken, schoss er mit Vollgas auf die Ausfahrt zu und verließ mit quietschenden Reifen und aufheulendem Motor die 101. Mit einem heftigen Ruck rumpelte der Wagen über eine Bodenwelle, die Sitzfederung schleuderte Wallace unsanft gegen das Wagendach, und mit aufheulendem Motor verschwand er hinter einer Bergkuppe im Nachtschwarz.
Wallace atmete schwer und beobachtete die Straße hinter ihm im Rückspiegel. Aber bis auf die von seinen Rückleuchten erhellten paar Meter, verlor sich die Fahrbahn rasch im Dunkel der Nacht. Vielleicht hatte er seinen Verfolger abgehängt? Er schaltete vorsichtshalber das Fernlicht aus und schlich mit Abblendlicht abgelegene Wege, die er noch aus seiner Jugend kannte. Vorbei am Schultz Park, dann den Morningside Drive entlang. Immer wieder drehte er sich um. Niemand war zu sehen. Nach knapp einer Meile erkannte er das verwitterte Straßenschild »WELCOME! LAKESIDE HOTEL« im trüben Kegel seiner Scheinwerfer. Ein Pfeil wies in die Richtung eines ungepflasterten Waldweges. Hier hatte man gänzlich auf die ohnehin spärliche Straßenbeleuchtung verzichtet, und die Waldschneise erinnerte ihn mit einem Mal an ein grotesk aufgerissenes Maul eines riesigen Urzeittieres.
Er zögerte einen Moment, schließlich bog er langsam in die klaffende Wunde des Waldes ein. Nach etwa 80 Metern hielt er an und schaltete das Licht aus. Ein undurchdringliches Schwarz umgab ihn. Doch diese Dunkelheit war ihm im Augenblick nur recht. Solange nicht mehr als dieses Nichts zu sehen war, hatte er keine geisteskranken Pick-Up-Fahrer zu fürchten. Er wollte gerade die Scheinwerfer wieder einschalten, als in der Ferne Lichter zwischen den Bäumen aufblitzten. Ein Fahrzeug näherte sich. Gebannt verfolgte Wallace, wie der Wagen an den Bäumen vorbei schlich und schließlich an der Kreuzung stehen blieb. Wallace drehte sich der Magen um. Dort oben, an der Zufahrt zum Lakeside Hotel, stand der schwarze Pick-Up. Für einen Moment hoffte er, dieser Typ würde ihn nicht entdecken! Vielleicht würde er einfach weiterfahren? Er wusste, dass er auf diesem holprigen Weg keine Chance gegen einen Geländewagen hatte. Nicht mit seinem Saab. Dieser lag viel zu flach auf der unebenen Fahrbahn. Langsam rollte der Pick-Up einen Meter vor und Wallace´ Herz begann mit unbändigem Drang in seiner Brust zu schlagen. Fahr weiter! beschwor er den Schatten an der Weggabelung. Fahr bitte weiter! Und gerade als er glaubte, seine Gebete seien erhört worden, sprangen die gigantischen Scheinwerfer des Pick-Ups an. Dann schoss der gewaltige Wagen wie ein Raubtier auf der Jagd die Böschung zu ihm herab.
»Scheiße!« Wallace gab Gas. Die Reifen drehten durch. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!« Er schaltete in den zweiten Gang und drückte das Gaspedal bis zum Anschlag. Endlich setzte sich sein alter Saab in Bewegung und kurz darauf raste er mit 50, mit 60 Meilen den mit Löchern und Grasnarben übersäten Pfad entlang. Immer dicht gefolgt von dem Pick-Up, der wie ein böser Schatten an ihm zu kleben schien. Plötzlich schlitterte er einen steilen Hang hinunter. Mit einem heftigen Knall schlug der linke Vorderreifen in ein riesiges Schlagloch. Für eine Zehntelsekunde glitt ihm das Lenkrad aus den Händen, und er rutschte seitwärts vom Schotterweg ab. Panisch riss Wallace das Steuer herum. Die Beifahrertür schrammte lautstark ächzend einen Baumstumpf, dann fassten die Räder wieder Boden, und er donnerte tiefer in den Wald hinein. Schweiß trat ihm auf die Stirn.
Nach einer halben Ewigkeit tauchten die Umrisse eines Hauses vor ihm auf: das Lakeside-Hotel. Viel zu schnell steuerte er geradewegs auf das kleine Gebäude zu. Mit beiden Füßen stieg er auf die Bremse und eine Wolke aus Schotter und Staub wirbelte auf, als er auf dem leeren Parkplatz zum Stehen kam. Wallace bekam kaum noch Luft. Seine Brust brannte wie Feuer, und sein Hemd klebte vom Schweiß durchnässt an seinem Rücken. Den Blick hielt er gebannt auf die Waldschneise vor dem Hotelparkplatz gerichtet. Aber da war nichts. Nichts, bis auf das heimtückisch friedliche Dunkel des Waldes. Langsam legte sich der Staub. Es wurde still um ihn herum. Alles, was er hörte, war das Blut, das in heftigen Schüben durch seine Ohren rauschte. Mit zittrigen Händen kramte er ein Plastiktütchen mit der Aufschrift ›GHB‹ aus seiner Jackentasche. Er schüttete eine winzige Brise des weißen Pulvers in seine Handfläche, nahm eine Wasserflasche aus dem Handschuhfach, die er dort für Notfälle aufbewahrte und spülte das starke Beruhigungsmittel mit einem einzigen Schluck hinunter. Noch immer starr vor Angst saß er da und schaute auf das schwarze Loch in der Wand aus Bäumen. Wo war dieser Pick-Up geblieben? Und warum hatte er es auf ihn abgesehen? Vielleicht war es ein blöder Teenager-Streich? Mal Papas Monster-Truck ausprobieren?
Er fühlte, wie ihm etwas Warmes in die Augen lief. Blut. »So ein Spinner!«, fluchte er und verzog schmerzerfüllt das Gesicht, als er eine aufgeplatzte Beule oberhalb der linken Schläfe ertastete.
Die Scheiben des Wagens beschlugen allmählich, und ebenso benebelte auch das Medikament Wallace´ Sinne ein wenig, sodass sich seine Anspannung löste und sich der Pulsschlag beruhigte. Als das Rauschen in seinen Ohren nachließ, stieg er mit weichen Knien aus und begutachtete den Schaden auf der Beifahrertür. »Mist.« Kopfschüttelnd ging er zum Lakeside hinüber und er fragte sich, ob dieser Abend noch beschissener werden könne.
Vor dem Eingang des Lakesides standen zwei Streifenwagen. Wallace war es recht, dass die Polizei vor Ort war. Sie gab ihm ein Gefühl von Sicherheit. Auf den Stufen zur Veranda entdeckte er einen Softeisautomaten. Mehr war also von Giuseppe nicht übrig geblieben.
Der Empfang des Hotels war nicht besetzt. Vielleicht weil es schon zu spät war oder man Personal einsparte. Wallace störte sich nicht daran, er kannte sich noch von früheren Tagen gut im Lakeside aus und augenscheinlich hatte sich in den letzten Jahrzehnten auch nicht viel verändert. Die Schwingtüren zum Speiseraum waren nach wie vor mit billiger Goldfarbe verziert, unechter Marmor auf dem Boden und goldener Stuck an der Decke, ja sogar die wuchtige braune Sitzgarnitur in der Ecke und darüber das Panoramabild der Seelandschaft hatten die Jahre überlebt. Es schien bald so, als wäre hier die Zeit stehen geblieben, und als würde jeden Augenblick sein Vater mit einem Anglerkoffer und zwei Angeln in den Händen in die Empfangshalle treten und ihn drängen, ihm beim Tragen zu helfen.
Wallace ging zum Fahrstuhl hinüber. Zimmer 303 lag im dritten Stock. Ein schwerer Bronzepfeil oberhalb der Fahrstuhltür drehte sich gemächlich Richtung Erdgeschoss und mit einem dezenten ›Ping‹ glitten die Türen auf. Wallace betrachtete erschrocken sein Abbild im Spiegel der Fahrstuhlkabine. Mein Gott. Ich seh ja noch schrecklicher aus als heute Morgen, dachte er unwillkürlich und wischte sich mit einem feuchten Taschentuch das Blut aus der Stirn. Für einen Moment war er geneigt, einfach umzudrehen und wieder nach Hause zu fahren. Aber dann atmete er tief durch und betrat mit einem Seufzen die Kabine: »Bringen wir es hinter uns.«
Der mit Mahagoni-Imitat ausgekleidete Aufzug setzte sich in Bewegung und schwebte sanft nach oben. Man hörte nichts, außer dem leisen Surren der Kabeltrommel auf dem Kabinendach. In Wallace Kopf wirbelten Bilder von Ethan und dem Pick-Up im Wald durcheinander. Er dachte mit Bedauern daran, dass er Judith nicht erzählen konnte, was er erlebt hatte. Er hatte den Entschluss gefasst, Ethan zu sagen, dass er mit der ganzen Sache nichts zu tun haben wolle. Schließlich machte ihm sein eigenes Leben genug zu schaffen. Da hatte er weder Lust noch Zeit, sich mit den Hirngespinsten von Ethan auseinanderzusetzen. Ethan schrieb schon sein ganzes Leben an DER Story. Er hatte sein Studium geschmissen, weil er angeblich DIE Story entdeckt hatte. Noch heute war es ihm unbegreiflich, wie Ethan es überhaupt zur Washington Post geschafft hatte. Und je mehr er über Ethan, über den Pick-Up, über Judith nachdachte, desto heftiger ärgerte er sich über sich selbst. Was hatte er in dieser Pampa überhaupt zu suchen? Er raste wie ein Bekloppter durch den Wald, fuhr sein Auto zu Schrott - und das alles, um nach zehn Jahren Funkstille sich mit Ethan zu treffen. Er rieb sich mit den Fingern die Augen. Sie tränten. Seit fast vierzehn Stunden war er schon wieder auf den Beinen und die Nacht zuvor hatte er kaum geschlafen.
Leise drang dumpfes Gemurmel in die Kabine, und Wallace hielt überrascht in seinen Überlegungen inne. Er hatte nicht geglaubt, dass sich hier draußen noch weitere Gäste einquartiert haben könnten, geschweige zu so später Stunde durch die Korridore geistern würden. Er beobachtete die polierte Messinganzeige, während die Stimmen lauter wurden. Drittes Obergeschoss. Der Fahrstuhl stoppte, und kurz darauf öffneten sich die vertäfelten Türen. Erstaunt schaute Wallace in einen Flur voller Menschen. Ein alter Mann im Bademantel schüttelte entgeistert den Kopf. Er umarmte seine Frau, in deren Gesicht blankes Entsetzen geschrieben stand. Hinter dem Pärchen stand der Hotelwart. Aschfahl und mit einem Ausdruck in den Augen, als wäre ihm der Antichrist erschienen. Er kaute nervös auf einem Zahnstocher herum, hielt seinen Schlüsselbund fest umklammert und sprach ohne Unterlass auf einen jungen Polizisten ein. Zögernd trat Wallace in den Korridor und ging ein paar Schritte den schmalen Flur entlang.
»Darf ich mal?« Ein kräftiger Mann in weißem Overall drückte sich unwirsch an Wallace vorbei.
»Was ist passiert?«, fragte Wallace, aber der Mann in weißem Overall schüttelte nur genervt den Kopf. »Bitte gehen Sie doch wieder auf Ihr Zimmer, Mister.« Er schaute Wallace verständnislos an und drängte sich zwischen zwei weiteren Hotelgästen hindurch. Wallace überkam das ungute Gefühl, dass sich der Mann im Overall bis zu dem Zimmer 303 durchkämpfen würde. Wallace folgte ihm. Zimmer 306, Zimmer 305. Wie in Trance schlich er den Flur hinauf, schob sich an einer Gruppe tuschelnder Frauen vorbei. Dabei schnappte er Wörter wie »grausam« und »bestialisch« auf und mit jedem Schritt spürte er, wie sein Adrenalinspiegel stieg. Wie befürchtet, steuerte der Mann im Overall zielstrebig auf die Nummer 303 zu, vor der ein zusätzlicher Polizist dafür Sorge trug, dass Unbefugte nicht weiter vortraten, als es das rot-weiße Absperrband zuließ. Der Mann im Overall nickte dem Beamten zu und öffnete die Tür des Appartements. Als die Zimmertür aufschwang, sah Wallace es. Fassungslos starrte er durch den Spalt in das Zimmer seines Freundes. Batteriebetriebene Scheinwerfer erhellten den Raum auf eine unnatürliche, ehrliche Art und Weise und leuchteten die Szenerie, wie von Meisterhand inszeniert, bis in die letzten Winkel der Wahrheit aus: umgeworfene Stühle, ein zerbrochener Tisch, bunte Scherben einer Lampe oder Blumenvase - und dann dieses Blut. Überall dieses Blut. Auf den Dielen. Sogar an den Wänden waren scharlachrote Handabdrücke verteilt. Aber das Entsetzlichste dieser grauenhaften Schaubühne lag direkt vor ihm auf dem Fußboden: Eine gelbe Plastikfolie war über einen sonderbaren Haufen geworfen worden. Ein Arm ragte unter der Folie heraus, seltsam verdreht und grotesk vom Leichnam abgewinkelt. Und dann erkannte er das nur halb abgedeckte Gesicht des Toten: Es war Ethan. Wallace stieß einen unterdrückten Schrei aus. Er taumelte ein paar Schritte zurück und rang nach Luft.
»Mister?«, hörte er eine Stimme in weiter Ferne. »Sie sind ja kreidebleich! Kannten Sie das Opfer?«
Wallace´ Hände verkrampften sich zu Fäusten, und er zwang sich, den Blick von Ethan abzuwenden. Er folgte der ausgestreckten Hand seines Freundes und blieb an einem Schriftzug neben dem leblosen Körper haften. Anscheinend hatte Ethan mit letzter Kraft etwas in sein eigenes Blut geschrieben: S-4. 21, 1-3 / 18-19.
»Mister? Hören Sie mich?« Wie durch einen Schleier nahm er einen dicken Mann mit kräftigem schwarzen Schnurrbart wahr, der unmittelbar vor ihm stand. Er trug einen abgewetzten Trenchcoat und hatte seinen Velours-Hut weit aus der Stirn geschoben, sodass dieser förmlich an seinem Hinterkopf klebte. Langsam löste sich Wallace aus seiner Erstarrung und der dicke Mann grinste selbstgefällig. »Ahh! Jetzt sehen Sie mich also doch! Schön.« Er schenkte Wallace ein schmales Lächeln und hob seinen Hut kurz an. Diese friedfertige Geste hatte allerdings nichts Vertrauenerweckendes. Wallace´ Intuition sagte ihm, dass hinter dieser albernen Fassade ein Mann von überaus finsterem Wesen lauerte.
»Mein Name ist Leutnant Wiskin. San Francisco Police Depart-ment. Jetzt, da Sie so gütig sind und mir Ihre Aufmerksamkeit schenken, stelle ich Ihnen noch einmal meine Frage: Kennen Sie das Opfer?«
Wallace Blick huschte unwillkürlich von Neuem zu Ethans Leiche. »Kennen? Ich?« Aus einem Impuls heraus fügte er rasch hinzu: »Nein. Nie gesehen.«
Der Leutnant taxierte Wallace. »Sind Sie sich da sicher?«
»Absolut!«, erwiderte Wallace und bemühte sich, möglichst gleichgültig auszusehen. Dann drehte er sich zum Gehen um. Nach ein paar Schritten hörte er die helle Stimme Wiskins erneut: »Wenn ich Ihren Namen haben dürfte?«
»Meinen Namen? Warum? Ich sagte doch bereits, dass ich diesen Mann nicht kenne«, fuhr Wallace den Leutnant in einem schroffen Tonfall an, den er sogleich bereute. Leutnant Wiskin hob amüsiert eine Augenbraue, schließlich grinste er noch breiter. »Reine Routine, Mister.« Abermals glitzerten seine Augen bedrohlich. »Sie haben doch nichts zu verbergen, oder?«
Bleich saß Wallace auf seiner Couch und betrachtete das unberührte Glas Scotch neben sich. Das fahle Licht aus dem Wohnungsflur warf lange Schatten in das dunkle Wohnzimmer und brach sich in der goldbraunen Flüssigkeit. Er hatte sich nach der Trennung von Judith geschworen, keinen Alkohol mehr anzurühren. Lächerlich! Heute wäre sicher ein guter Zeitpunkt, das Versprechen zu brechen. Er fühlte, wie ihn ein Kälteschauer durchfuhr, wenn er an all das Blut in Ethans Appartement dachte, an den Pick-Up und an die schaulustigen Menschen, die sich den Flur entlang drängten, um einen Blick in das Zimmer 303 zu erhaschen. Und noch immer konnte er es nicht glauben: Ethan war tot. Erst vor wenigen Stunden war er wie aus heiterem Himmel erneut in sein Leben getreten, und nun war sein Freund tot.
Dabei gingen Wallace unentwegt die gleichen Fragen durch den Kopf: In welche Geschichte war Ethan da hineingeraten? Was konnte derart bedeutsam sein, dass jemand dafür mordete? Und vor allem: Was hatte er selbst mit dieser Angelegenheit zu tun? Gab es eine Verbindung zwischen Ethan und ihm? Und wenn ja: War dann sein eigenes Leben in Gefahr? Wahrscheinlich war er einer der letzten Personen, die Ethan lebend gesehen hatten. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er versuchte, all die grässlichen Bilder und die noch beängstigenderen Schlussfolgerungen, die mit ihnen einhergingen, zu verdrängen. Ohne Erfolg. Je länger er über Ethan nachdachte, desto sicherer wurde er, dass auch sein Leben bedroht war. Was er brauchte, war Polizeischutz. Entschlossen griff er zum Telefonhörer und wählte den Notruf. Eine gelangweilte Frauenstimme meldete sich am anderen Ende: »Mein Name ist Officer Ford, was kann ich für Sie tun?«
»Hallo …« Er richtete sich auf und knipste die Tischlampe an. Neben dem Fuß der Lampe blinkte die rote Anzeige des Faxgerätes: ›Fax erhalten‹. Er wusste jetzt, wer ihm diese Nachricht vergangene Nacht geschickt hatte.
»Sir?«, fragte der Officer. »Wie ist Ihr Name?«
Wallace zog das Blatt aus der Halterung und überflog die erste Zeile. Handschriftlich hatte Ethan die Zeichen ›S-4‹ notiert. Sogleich fiel Wallace die dunkle Blutlache ein, in welche Ethan mit letzter Kraft genau diese Botschaft hinterlassen hatte.
»Wo befinden Sie sich gerade, Sir?«, hakte die Stimme am Telefon nach. »Hatten Sie einen Unfall?«
Wallace reagierte nicht. Er starrte unverwandt auf das Fax und fragte sich, was ›S-4‹ zu bedeuten hatte. Dieses Kürzel musste für Ethan einen außerordentlichen Stellenwert gehabt haben. Es war ihm derart wichtig, dass er unmittelbar vor seinem Tod lieber diese Zeichen als den Namen seines Mörders in sein Blut geschrieben hatte. Er wusste, dass Wallace ihn an diesem Abend besuchen würde. Möglicherweise galt die verschlüsselte Nachricht allein ihm? Ethan hatte ihm gesagt, alles, was er zu diesem Fall wissen müsste, stünde auf dem Fax. Enthielt es auch einen versteckten Fingerzeig auf den Killer?
»Mister, brauchen Sie nun Hilfe, oder nicht?«, wiederholte die Stimme am Telefon deutlich ungeduldiger. Wallace Gedanken rasten. Was sollte er dem Officer sagen? Dass er Leutnant Wiskin belogen hatte? Dass er das Opfer sehr wohl kannte? Dass er in diesem Augenblick Ethans Todesnachricht in Händen hielt? Was war, wenn dieser Wiskin auf die Idee kam, Ethan wollte mit der Botschaft einen Hinweis auf Wallace geben? Stand er plötzlich selbst unter Mordverdacht? Und wer würde ihm glauben, wenn er behauptete, er hätte Ethan seit zehn Jahren nicht gesehen, dann hätte ihm dieser ein Fax mit überaus wichtigen Informationen geschickt, die er allerdings nicht deuten kann - und kurz darauf sei Ethan am ausgemachten Treffpunkt ermordet worden. Ach ja: Er selbst hätte mit der ganzen Geschichte natürlich nichts zu tun. Wer, in Gottes Namen, würde ihm das abkaufen? Auf jeden Fall würden eine Menge unangenehme Fragen auf ihn zukommen.
»Mister, dies ist eine Notrufleitung! Wenn Sie keine Hilfe brauchen, muss ich die Leitung freigeben!«, sagte die Stimme am Telefon - mittlerweile ziemlich verärgert.
»Ja, entschuldigen Sie. Ich habe mich verwählt.« Hastig legte er auf. Er war überzeugt, den richtigen Entschluss gefasst zu haben. Wenn Ethan ihm diese Botschaft zurückließ, dann würde sie alle oder doch zumindest die meisten seiner Fragen beantworten. Irgendwie fühlte er sich bei dem Gedanken wohler, zunächst herauszufinden, worum es hier eigentlich ging, bevor er die Polizei informierte. Er zog ein zweites Blatt aus dem Schacht des Faxgerätes. Auf beiden Zetteln standen nur wenige Zeilen, handschriftlich geschrieben. Auf der ersten Seite befand sich ein einziger Satz:
S-4 - Der Albtraum der Schwarzen Welt liegt am Ursprung des Goldenen Sees begraben. Gönne deinem Geist ein wenig Ruhe und dringe zu den Tiefen deines Genies vor!
Wallace nahm die andere Seite zur Hand, in der Hoffnung, etwas Aufschlussreicheres vorzufinden, aber auch diese ergab keinen Sinn. Hier hatte Ethan anscheinend wahllos Buchstaben aneinandergereiht:
S.B., E.McG., C.W., S.M.G.
Wallace setzte seine Brille auf und las die Botschaft ein weiteres Mal. Langsam sprach er jedes einzelne Wort vor sich hin: »Der Albtraum der Schwarzen Welt«. Er wiederholte die Zeile immer und immer wieder. Aber trotz dieser gebetsmühlenartigen Wiederholung erschloss sich ihm der Sinn der Worte nicht.
Plötzlich riss ihn ein Klopfen an der Wohnungstür aus seinen Gedanken. Wallace zuckte zusammen. Er hielt den Atem an und lauschte angestrengt in die Dunkelheit. Aber im Hausflur war es wieder still geworden. Er glaubte schon, er hätte sich das Geräusch nur eingebildet, doch kurz bevor sich die Automatik der Hausbeleuchtung ausschaltete, erkannte er den Schatten einer Person vor seiner Tür. Er schnappte nach Luft und unwillkürlich tastete sich sein Blick nach einem Versteck suchend durch die Wohnung. Nachdem sich das Hämmern in seiner Brust ein wenig beruhigt hatte, hielt er nach einer geeigneten Waffe Ausschau. In seiner Verzweiflung griff er seine Lesebrille und schlich, die Brille wie ein Messer umklammert, zur Tür hinüber. Auf halbem Wege entdeckte er die Scotchflasche neben der Couch. Rasch ging er zurück, bewaffnete sich mit dieser und näherte sich erneut der Wohnungstür. Im Hausflur war es nach wie vor ruhig. Stille, wurde ihm bewusst, konnte genauso bedrohlich sein wie ein grauenvoller Schrei. Er atmete tief ein und umfasste die Flasche in seiner Hand kräftiger, um das Gefühl der Angst abzuschütteln, und schob so leise wie möglich den Sichtschutz des Türspions beiseite. Visionen aus Horrorfilmen schossen ihm durch den Kopf: Killer, die ihre Opfer mit einem gezielten Schuss durch die Tür erledigten. Er zögerte, dann schaute er hinaus.
»Frank?«, flüsterte Wallace erstaunt durch die geschlossene Tür. »Was zum Henker machst du hier? Es ist mitten in der Nacht.«
»Ach was. Darf ich trotzdem rein kommen?«
Wallace öffnete die Tür einen Spalt, zog Frank mit einem Ruck in die Wohnung, warf rasch einen Blick nach links und rechts und verriegelte die Tür.
»Geht es dir gut, Colin?«
»Warum?«
»Ich hab´s im Polizeifunk gehört. Es soll im Lakeside einen Vorfall gegeben haben.«
»Im Polizeifunk?« Er legte die Stirn in Falten. »Seit wann hörst du den Polizeifunk ab?«
»Man muss doch wissen, was in der Stadt passiert?«
»Aha. Und woher weißt du, dass ich im Lakeside war? Hörst du mich auch ab?«
»Quatsch. Ich hab´s in der Uni mitbekommen. Als du mit diesem Typen gesprochen hast. Er hat euer Treffen ja lautstark verkündet.«
»Lautstark verkündet?«
»Na ja, jedenfalls laut genug, dass ich es hören konnte. Ohne es zu wollen!«, ergänzte er rasch. »Is´ ja auch egal. Ich hab mir echt Sorgen gemacht. – Es gab einen Toten, hab ich recht?«
Wallace nickte widerwillig.
»Mensch, Colin, hättest ja auch du sein können. Ist das Opfer der Typ von heute Nachmittag?« Wallace nickte abermals. Einen Moment lang schwiegen sie, schließlich zeigte Frank auf die Scotchflasche, die Wallace noch immer wie eine Keule in der Faust hielt. »Willst du mich damit erschlagen oder trinken wir lieber einen?«
»Hier, trink du.« Wallace drückte ihm die Flasche an die Brust und ging zum Kühlschrank, holte eine Milchtüte heraus und nahm einen kräftigen Schluck.
Frank setzte sich indes auf die Couch und schaute sich in der Wohnung um. »Hat das was mit eurem Treffen zu tun? Also dieser Mord?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Na ja, immerhin warst du am Tatort.«
»Deshalb muss der Mord noch lange nichts mit mir zu tun haben!«
»Aber ganz sicher mit deinem Freund! Und mit diesem Fax!? Ist es das?« Frank zeigte auf die Blätter auf dem Tisch. Wallace warf Frank einen äußerst missbilligenden Blick zu. Anscheinend hatte Frank jedes Wort des Gesprächs belauscht. Frank schien Wallace Gedanken zu lesen und schaute einen kurzen Moment lang schuldbewusst zu Boden. Schließlich siegte seine Neugier. »Darf ich´s mal sehen?«
»Da steht nichts drin. Ich hab´s schon tausend Mal gelesen.«
»Vier Augen sehen mehr als zwei!«
»Um Himmelswillen, lies dieses verfluchte Fax. Ich wünschte, ich hätte das Ding nie bekommen.« Frank nahm die beiden Seiten und studierte sie aufmerksam. Er hielt sie gegen das Licht, drehte die Blätter hochkant, quer und auf den Kopf. Mit einem Stirnrunzeln lehnte er sich seufzend zurück und murmelte: »Das ist ein Rätsel.«
»Ach was, Hercule Poirot! Ich dachte schon, Ethan wollte mir einfach nur seine Einkaufsliste schicken.«
Frank ließ sich nicht irritieren. »Nein, nein. Das ist ganz sicher ein Rätsel. Ein schwieriges, aber durchaus zu lösendes Rätsel.«
»So? Dann lass mal hören«, forderte ihn Wallace in einem unüberhörbar sarkastischen Ton auf. Frank rieb sich das Kinn, bevor er antwortete. »Also gut«, begann er zögerlich, richtete sich auf und deutete auf den ersten Zettel. »Hier steht ›Schwarze Welt‹ und ›Goldener See‹.« Er zeigte auf die entsprechenden Textstellen.
»Ja und?«
»Ich denke, es ist offensichtlich!« Frank blickte auf und seine Augen glänzten. »Hier geht es um Öl!«
»Öl?«
»Richtig. Mit ›Schwarze Welt‹ könnte Öl gemeint sein, ›Schwarzes Gold‹, wie man es gemeinhin nennt. Daher auch der ›Goldene See‹: Reichtum. Flüssiger Reichtum, um genau zu sein. Und ›Ursprung‹ bedeutet eine Quelle. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir. Es geht um Öl.«
Wallace weigerte sich zwar, in Franks Begeisterungstaumel zu verfallen, doch sein Interesse war geweckt. Auch wenn er es nicht zugeben wollte: Franks Schlussfolgerungen klangen zwar irrwitzig, aber irgendwie logisch. Jedenfalls war es ein Anfang. Er setzte seine Brille auf und rückte neben Frank. »Zeig mal.« Wallace brummelte eine Weile vor sich hin, schließlich schaute er verblüfft auf. »Du könntest recht haben.«
Frank grinste zufrieden. »Ich vermute, es geht um ein gewaltiges Ölvorkommen.«
Wallace nahm ein neues Blatt und begann sich Notizen zu machen. »Nehmen wir einmal an, wir liegen richtig - dann könnten die Kürzel auf dem zweiten Zettel Hinweise auf den Ort sein, wo dieses Öl zu finden ist.«
»Vielleicht eine Stadt oder ein Land?«
Wallace legte die zweite Seite vor sich auf den Tisch und strich sie glatt. »S.B., E.McG., C.W., S.M.G. - Das sagt mir gar nichts.«
