Das Massaker am Lagerberg - Heinz Rieder - E-Book

Das Massaker am Lagerberg E-Book

Heinz Rieder

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Beschreibung

Im Jahr 1992, besser gesagt, in der Nacht vom 15. auf 16. August, kam es auf einem Berg nahe des kleinen Ortes Wallenbach, Landkreis Schwäbisch Haar in Bayern, zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen von Jugendlichen. Die Bilanz dieser Nacht waren sechsundfünfzig Tote und neunzehn zum Teil Schwerverletzte, von denen noch drei wenig später ihren Verletzungen erlagen. Bei einer kurze Zeit später abgehaltenen Untersuchung konnten weder Hintergründe noch Tathergang ermittelt werden, da sich keiner der wenigen Überlebenden erinnern konnte oder wollte. Als Anstifter dieser kaum zu fassenden Gewaltorgie wurde der Anführer des Motorrad- Clubs "Shadows Of The Night" genannt. Er und seine Stellvertreter wurden nie gefunden. Man nimmt an, dass sie sich unter den, zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten, Opfern befanden. Dieser Vorgang ging so als "Ungelöster Fall" mit der Aktennummer 92/1245-2 in die Annalen der Kriminalgeschichte im Raum Schwäbisch Haar ein, in der Bevölkerung besser bekannt als "Das Massaker am Lagerberg" Im Juli 2002, also zehn Jahre später, kam es zu einer Anhäufung von Vorfällen, die viele mit den Ereignissen von damals in Verbindung brachten. Untersuchungen der Polizei sollen angeblich das Geheimnis um dieses Verbrechen aufgedeckt haben. Tatsächlich wurde in einem Nachtrag zur Akte 92/1245-2 der Fall als "bedingt gelöst" eingestuft. Ein erklärender Bericht wurde nicht beigelegt. Warum dies nie geschah, soll hier nachstehend aufgeführt werden... Gerald Preller, er ist Anfang dreißig und Inspektor der Mordkom­mission München, bringt er seine Erlebnisse, im Zusammenhang mit mehreren Morden in eben dieser kleinen Gemeinde, wenige Monate später zu Papier. Er wird in den Fall von damals verwickelt , als nach zehn Jahren drei der tot­geglaubten Rocker wieder auftauchen. Sie sind auf der Suche nach dem Leader der Gang. Auch er hat die Gewaltorgie überlebt.

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Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Heinz Rieder

Das Massaker am Lagerberg

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die offizielle Seite des Falls...

Gerald Preller beginnt seine Aufzeichnungen...

Die Elfhundertjahrfeier des Marktes...

Die Einstandsfeier...

Sie sind wieder da...

Verhängnis...

Das erste Opfer...

Die Ermittlungen beginnen...

Erkannt...

Jürgen Dipolds Verhängnis...

Der Sündenbock...

Der freie Sonntag...

Und es geht weiter...

Manuelas Rückkehr...

Reime und Botschaften...

Im Museum...

Irgendwas stimmt da nicht...

Es beginnt erneut...

Soloth und Navall...

Eine erste Spur...

Auf dem Fest...

Arnolds Erinnerungen...

Hulk...

Jürgen Fürst lebt...

Grillfest...

Eine Party...

So sieht man sich wieder...

Wie alles begann...

Das Fort...

Der Fund und seine Folgen...

Aus Freunde werden Feinde...

Das Unheil nimmt seinen Anfang...

the mob rules...

Die Schlacht...

Und seine Folgen...

Alphas wahres Gesicht...

Sprach der Rabe nimmer...

Noch ein Opfer...

Die Suche am Lagerberg

Die Richtstatt...

Alphas Versicherung...

Eine Versammlung...

Späher...

Der Countdown läuft...

Meeting am Lagerberg...

Epilog

Impressum neobooks

Die offizielle Seite des Falls...

Im Jahr 1992, besser gesagt, in der Nacht vom 15. auf den 16. August, kam es auf einem Berg nahe des kleinen Ortes Wallenbach, Landkreis Schwäbisch Haar in Bayern, zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen von Jugendlichen. Die Bilanz dieser Nacht waren sechsundfünfzig Tote und neunzehn zum Teil Schwerverletzte, von denen noch drei wenig später ihren Verletzungen erlagen. Bei einer kurze Zeit später abgehaltenen Untersuchung konnten weder Hintergründe noch Tathergang ermittelt werden, da sich keiner der Überlebenden erinnern konnte, oder wollte. Als Anstifter dieser kaum zu fassenden Gewaltorgie wurde der Anführer des Motorrad- Clubs »Shadows Of The Night« genannt. Er und seine Stellvertreter wurden nie gefunden. Man nimmt an, dass sie sich unter den, zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Opfern befanden. Dieser Vorgang ging so als »Ungelöster Fall« mit der Aktennummer 92/1245-2 in die Annalen der Kriminalgeschichte im Raum Schwäbisch Haar ein, in der Bevölkerung besser bekannt als »Das Massaker vom Lagerberg« Im Juli 2002, also zehn Jahre später, kam es zu einer Anhäufung von Vorfällen, die viele mit den Ereignissen von damals in Verbindung brachten. Untersuchungen der Polizei sollen angeblich das Geheimnis um dieses Verbrechen aufgedeckt haben. Tatsächlich wurde in einem Nachtrag zur Akte 92/1245-2 der Fall als »bedingt gelöst« eingestuft. Ein erklärender Bericht wurde nicht beigelegt. Warum dies nie geschah, soll hier nachstehend aufgeführt werden. Dieses Buch ist den Opfern und deren Hinterbliebenen, sowie allen Überlebenden des 16. August 1992 gewidmet, in der Hoffnung, sie mögen irgendwann die Ruhe finden, die sie in dieser Nacht verloren.

Gerald Preller beginnt seine Aufzeichnungen...

Private Aufzeichnungen von Gerald Preller, Inspektor des Landeskriminalamtes Bayern, der sich mit den Vorkommnissen im Juli 2002 beschäftigte. November 2002 Vier Wochen Urlaub! Es erschien mir wie ein Wunder, denn es war das Erste mal, dass ich soviel davon an einem Stück bekam. Aber nach der Sache im Sommer hatte ich es mir wohl redlich verdient. Jetzt, Mitte November sind die vier Wochen fast vorbei und wie habe ich die Zeit verbracht? Anstatt irgendwo weit weg an einem weißen Sandstrand Sonne und Meer zu genießen, habe ich (konnte es nicht lassen!) nochmals mit den Beteiligten des letzten Falls, den ich gerne als »Die Rückkehr der Schatten« bezeichne, gesprochen. Zumindest privat waren sie jetzt viel zugänglicher, als in der Untersuchung damals vor zehn Jahren, als ihre Erinnerung ja angeblich ausgelöscht war. Da in der Sache anscheinend kein offizieller Handlungsbedarf mehr besteht (So zumindest meine Vorgesetzten) und vermutlich nie einer bestehen wird, sehe ich es als meine Aufgabe alles von Anfang an bis zum Ende nieder zu schreiben, damit nichts verloren geht, nichts vergessen wird. Alles begann vor zehn Jahren und man sollte es nicht für möglich halten, dass diese, damals gerade siebzehn bis zwanzig Jährigen, die ganze Zeit geschwiegen haben. Während andere ihr Leben erst richtig zu begreifen und zu genießen begannen, ausgingen, sich die ersten Partner suchten, hatten diese jungen Leute bereits Dinge erlebt, die gut und gern zwei Lebensspannen ausfüllen würden, wenn man dies im Hinblick auf die üblen Erfahrungen in dieser Zeit bezieht. Sieht man jedoch genauer hin, so bemerkt man in ihrem Blick eine unerklärliche Traurigkeit, oder sollte ich vielleicht eher Wehmut dazu sagen? Tatsache ist jedoch, dass sie um ihre unbeschwerte Jugend betrogen wurden. Betrogen von anderen jungen Männern ihres Alters. So wie ich heute mit gutem Wissen annehmen kann, waren es ihrer vier. Ich hatte, es war weder Ehre noch Freude, wohl eher die Pflicht drei von ihnen kennenzulernen. Zwei hatten sich schon vor langer Zeit dem Bösen verschrieben. Der Dritte... nun, ich weiß bis heute nicht genau, was ich von ihm halten sollte. Ein Opfer? Irgendwo vielleicht. Aber bestimmt kein unschuldiges. Sicherlich aber Täter. Heute bin ich der Meinung, dass er wohl nicht viel besser als die beiden anderen war, allein, er verstand es nur sich besser zu verkaufen. Dabei fällt mir eine Textzeile aus einem Lied von Peter Maffay ein. »Das Zeichen auf der Stirn ist gut getarnt... und wenn du es erkennst, dann sei gewarnt...«Nun ich glaube, es trifft den Nagel ziemlich genau auf den Kopf. Aber wozu sich noch den Kopf zerbrechen. Die Vier sind tot... und damit erübrigen sich alle weiteren Gedanken an sie. Allerdings ist das einfacher gesagt als getan. Für mich hatte diese Untersuchung letztlich auch private Konsequenzen. Damit meine ich mein Interesse an diesem Fall war zu intensiv geworden und als die Geschichte vorbei war, hielt ich es in meinem Zweizimmer Apartment nahe der Innenstadt Münchens nicht mehr aus. Also zog ich hierher nach Wallenbach. Paradox irgendwie, ausgerechnet hierher zu kommen, da ich über die Bewohner dieses Ortes eine gute Portion mehr wusste als mir eigentlich lieb war. Trotzdem zog es mich an diesen Ort. Vielleicht ist es dieses Flair des mystischen, der über diesem Ort liegt und mich in seinen Bann geschlagen hat. Ich mietete mich also in die Mansarde eines Hauses nahe am Waldrand ein. Zwei Zimmer wie in München, aber eben gerade nicht München. So sitze ich in diesem Moment in meinem kleinen Wohnzimmer und schreibe, während draußen die Nacht herein bricht. Es ist bereits empfindlich kalt und ein böiger Nordwind, der bereits in den frühen Morgenstunden begann, kündigt den nahen Winter an. Nachdem ich alle Aussagen, Erzählungen und Befragungen sortiert habe, beginne ich nun an dem Tag, der vermutlich »Die Rückkehr der Schatten« einläutete...

Die Elfhundertjahrfeier des Marktes...

Es war der 21. Juni 2002. Das Areal des Betriebes lag etwas abseits des etwa viertausend Einwohner zählenden Ortes, der in der Gabelung zweier kleiner Flüsse lag, in der sie sich zu einem etwas größeren, der Waller, vereinigten. Auf einer Landkarte würde man diese sich träge schlängelnden Gewässer nur mit Mühe finden. In grauer Vorzeit jedoch mussten sie einmal gewaltige, reißende Ströme gewesen sein, da beide Täler hinterließen, die sich tief in die Erde gefressen hatten und genau dort, wo sie sich trafen entstand ein gewaltiger Kessel mit mehreren Kilometern im Durchmesser. Hier lag Wallenbach, umgeben von dichten Wäldern. Links der Vogelberg, der durch den seltsamen Wuchs seiner Bäume tatsächlich an ein Vogelnest erinnerte, rechts der Lagerberg, dessen Name eine zweckmäßigere Bedeutung hatte. Als es noch keine Kühlmaschinen gab, wurde dort in den heißen Sommermonaten das Bier einer kleinen Privatbrauerei eingelagert um es kühl und frisch zu halten. Zu diesem Zweck wurden Stollen tief in den Berg gehauen und mancher, der sich noch zu erinnern glaubt erzählt, dass der ganze Berg damit vollkommen durchzogen wäre. Jetzt allerdings, im Zeitalter moderner Kühlanlagen waren diese Stollen schon längst verschlossen worden, um Unfälle durch spielende Kinder zu vermeiden. Diese waren tatsächlich vorgekommen, sogar ein Todesopfer war zu beklagen. Geschichtlich gesehen war der Ort nicht sehr erwähnenswert. Außer einer kleinen Schlacht während des Dreißigjährigen Krieges, die hier mehr zufällig als vorbereitet stattfand und dazu noch mangels Interesse der Kontrahenten unentschieden endete, war Wallenbach wie viele Orte seiner Größe durch das Netz der weltbewegenden Ereignisse gefallen. Bis, ja, bis auf einen Punkt, über den in der Gemeine niemand gerne sprach. Mit dem stillen Einverständnis aller war dieser Punkt eben zum Tabu erklärt worden, obwohl sich die Meldungen damals überschlugen und großes Aufsehen in Presse und Rundfunk erregten. Gemeint ist das »Massaker am Lagerberg«, das nun schon zehn Jahre zurück lag. »Es war eine Horde von üblen Rockern und Banditen, die sich dort oben gegenseitig die Schädel einschlugen.« So jedenfalls der Bürgermeister des Ortes. Mehr dazu war nicht in Erfahrung zu bringen. Bei jedem Ansatz meiner Recherche zu diesem Ereignis wurde sofort abgewunken und plötzlich konnte sich niemand mehr erinnern. Dabei war es irgendwie auch verständlich. Man wollte als aufstrebender Fremdenverkehrsort die Sache endlich vergessen und sich anderen, angenehmeren Dingen widmen. Anlass hierzu bot zum Beispiel das im Jahre 902 verbriefte Marktrecht des Ortes, was die Bürger in diesem, also elf hundertsten Jahr gebührend zu feiern gedachten. Um das Gelingen dieser einwöchigen Feier zu garantieren liefen die Vorbereitungen dazu bereits seit einem Jahr auf Hochtouren und näherten sich langsam ihrem Höhepunkt mit Beginn der Feierlichkeiten am zweiundzwanzigsten Juni. Es war selbstverständlich, dass auch «Die Fabrik», wie alle den größten Arbeitgeber am Ort nannten, hierbei nicht fehlen durfte. Seit immerhin fast hundert fünfzig Jahren gab er, mit seinen 483 Arbeitsplätzen, vielen Familien in Wallenbach ein geregeltes Einkommen. Väter und Großväter hatten hier schon zum Wohle der Sauberkeit ihr Tagewerk geleistet. Sie stellten Seife, Waschmittel, Schaumbäder, kurz gesagt Reinigungsmittel aller Art her und vertrieben diese auch mit gutem Umsatz. Den Grundstein hierfür hatte seinerzeit der »Alte Gruber« gelegt. »Eine Institution des Erfolges«, wenn man den Ausführungen der Werks- Chronik Glauben schenken mochte. Auf jeden Fall hatten seine Nachkommen den Betrieb nicht minder gut geführt und da man stets um ein gutes Verhältnis zwischen Belegschaft und Geschäftsleitung bemüht war, lag es nahe, dass Joachim Gruber Junior, der jetzige Firmeninhaber, eine nicht unbeträchtliche Summe zum Gelingen des anstehenden Jubiläums beigesteuert hatte. An diesem Freitagnachmittag war, wie sollte es auch anders sein, in jeder Abteilung der Fabrik das bevorstehende Fest Hauptgesprächsthema. Lediglich die »Produktkontrolle«, deren Angestellte die Aufgabe inne hatten alle frisch hergestellten Chargen der Produktpaletten auf deren Tauglichkeit zu überprüfen, gab es noch ein anderes Thema. Seit etwa drei Monaten war hier Manuela Böller als Laborantin beschäftigt. Sie hatte zwar hier im Betrieb gelernt, doch nie im Traum daran gedacht, nach Beendigung der Ausbildung hier fest angestellt weiter zu arbeiten. Diese Möglichkeit war ihr erst kurz vor der Abschlussprüfung angetragen worden und nach reiflicher Überlegung sagte sie schließlich zu. Eigentlich hatte sie ein Sprachstudium nach abgeschlossener Berufsausbildung in Erwägung gezogen, aber diese Idee, mit neunzehn Jahren ersonnen, lag drei Jahre zurück. Seitdem war viel geschehen und die Realität des Arbeitstages hatte sie mit seinem Trott einverleibt, so dass sich die junge Frau mit blondem, schulterlangem Haar und Sommersprossen um die Nase, eine ganz zeitliche Rückkehr auf die Schulbank nur noch schwerlich vorstellen konnte. Schließlich war da auch noch Gary. Sie hatten zwar nie von Heirat gesprochen, aber es lag deutlich in der Luft. Sie lächelte angesichts des Bildes, das sie vor dem Traualtar abgeben würden. Er war eins dreiundsiebzig groß und damit gute fünf Zentimeter kleiner als sie. Dies hatte beide jedoch nie gestört und so waren sie bereits seit vier Jahren ein Paar. Manuelas »engste« Freundinnen hatten ihnen nur ein Zehntel dieser Zeit eingeräumt. Es lag wohl eher daran, dass sich nicht wenige von ihnen Gary auch an der eigenen Seite vorstellen konnte. Laute Schritte im Gang der zum Labor führte ließen Manuela aus ihren Träumen, die sie für einen kurzen Augenblick entführt hatten, zurückkehren. »Also, alles klar für heute Abend. Ich habe die Tische reservieren lassen«, kam Norbert Fink, einer ihrer Kollegen, lächelnd auf sie zu. Er war eine Woche vor ihr in diese Abteilung gewechselt und heute wollten die beiden, wie es hier seid »Menschen gedenken« üblich war, ihren sogenannten Abteilungs- Einstand spendieren. Meist wurde dies in der Form eines Frühstücks oder eines Mittagessens während der Arbeitspausen eingelöst. Sie einigten sich jedoch gegen alle Konventionen auf ein gemeinsam zu bezahlendes Abendessen im Gasthof »Zur Post« für die gesamte Abteilung. Auf diese Weise wurde es für keinen der beiden zu teuer und alle kamen auf ihre Kosten. Sie waren insgesamt elf Personen in der Abteilung. Mit Sicherheit würden jedoch nur zehn von ihnen erscheinen. Ein Kollege, Jürgen Fürst, war bis jetzt zu keinem der vergangenen Abteilungstreffen außerhalb der Arbeitszeit gekommen. Auch diesmal standen die Aussichten ziemlich schlecht. Früher hatte er noch Ausreden erfunden, um sich vor diesen »Lästigen, Freizeit raubenden Pflichten«, wie er es nannte, herum zu drücken. Mittlerweile jedoch reichte ein schlichtes »Tut mir leid, aber ich habe leider keine Zeit«, um die Sache abzutun. Es war schade, denn mit ihm arbeitete Manuela die meiste Zeit zusammen. Seltsam, sie mochte ihn, obwohl sie von diesem großen, dunkelblonden Mann mit kurzem Oberlippenbart nicht sehr viel wusste. Nur soviel, dass er wohl nicht verheiratet war und im zehn Kilometer entfernten Nachbarort Selbach wohnte. Er war ein sehr ruhiger, schweigsamer Typ, der die Arbeit strickt von seinem Privatleben trennte und daher auch kaum von diesem sprach. Stellte man ihm diesbezüglich zu viele Fragen, so konnte er ziemlich reserviert reagieren. Dennoch erfuhr sie hie und da etwas über ihn. So hörte sie zum Beispiel, dass er mindestens acht Jahre in Übersee gewesen sei, ehe er sich in Selbach angesiedelt hatte. Es erstaunte sie ein wenig, bedenkt man doch, dass er gerade mal so um die dreißig Jahre alt war. Und da war noch was. Als sie vor ein paar Tagen eine Fahrrad- Exkursion in die weitere Umgebung von Wallenbach mit ihren Freundinnen plante und sich daher mit den Tücken einer hoffnungslos veralteten Wanderkarte konfrontiert sah, half er ihr eine geeignete Stecke auszuwählen. Jürgen kannte nicht nur alle Sehenswürdigkeiten, nein, auch Schleichwege und Abkürzungen, die in keiner Karte verzeichnet waren. Auf seine ausgezeichneten Ortskenntnisse angesprochen, die er sich doch wohl in dieser kurzen Zeit nicht habe aneignen können, zuckte er plötzlich wie elektrisiert zusammen. Es war nur ein kurzer Augenblick; jedoch nahm sie seine Verlegenheit deutlich war. »Ich bin schließlich alleinstehend, da kommt man ziemlich viel herum«, war seine Antwort. »Was ich dir noch sagen wollte...« Sie blickte auf und bemerkte Jürgen, der wohl schon eine ganze Weile neben ihr gestanden haben musste, während ihr diese Dinge durch den Kopf gingen. »Danke, für die Einladung heute Abend, aber ich bin leider verhindert.« »Schade... ich,... ich meine wir hätten uns sehr gefreut, wenn du mal eine Ausnahme gemacht hättest.« »Tja, aber leider geht’ s nun mal nicht.« Als er bereits ein Stück den Gang hinunter war, drehte er sich noch mal um. »Übrigens... seit einer viertel Stunde ist Feierabend. Ich dachte du solltest das wissen, nur für den Fall, dass du dein Nickerchen noch weiter ausdehnen möchtest... deine Einstandsfeier beginnt um sieben in der Post.« Lachend ging er weiter zum Umkleideraum. Erschrocken sah Manuela auf die Uhr. »Verdammt, er hat recht!« Wütend über sich selbst sprang sie auf und rannte ebenfalls zum Umkleideraum für das weibliche Personal, der sich im Keller befand. »Dazu hat er mich auch noch bei Träumen erwischt!«, ging ihr mit geröteten Wangen, immer noch etwas verstimmt durch den Kopf, während sie sich an der Stechuhr abmeldete und nach Hause ging, um sich für den bevorstehenden Abend frisch zu machen.

Die Einstandsfeier...

Gegen sieben Uhr traf sich die Belegschaft der Abteilung Produktkontrolle wie verabredet im Gasthof «Zur Post». Es war das größte und älteste Lokal von insgesamt Vieren in Wallenbach und durfte durchaus als Restaurant bezeichnet werden, was man von den anderen nicht unbedingt behaupten konnte. Die Menüs waren ausgezeichnet, aber auch nicht gerade preiswert. Dafür war aber die Küche für seine erlesenen Wildgerichte weit über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannt. Der Chef des Hauses, selbst ein passionierter Jäger, legte auch auf die Atmosphäre des Lokals großen Wert. Schwere Tische, Stühle mit hohen Lehnen und große Wandteppiche vornehmlich mit Motiven mittelalterlicher Jagdszenen sorgten bei gedämpfter Beleuchtung dafür, dass sich der Gast schnell geborgen fühlte. Die kleine Gruppe nahm am reservierten Tisch im hinteren Eck des großen Raumes Platz. Die anfängliche Zurückhaltung aller nahm bei Rehrücken Jägerart sehr schnell ab und nach dem Essen hatte sich bereits eine recht gesellige Runde gebildet. Dies war nicht zuletzt dem ausgezeichneten Wein zu verdanken; das Haus pflegte auch einen guten Keller. Obwohl jeder bemüht war, nicht über die täglichen Arbeitsgeschäfte zu sprechen, kamen sie doch immer wieder darauf zurück. So war auch einmal kurz über Jürgen Fürst gesprochen worden. Da sich jedoch alle einig waren, dass er irgendwie ein seltsamer Kauz, aber trotzdem ein guter Mitarbeiter und Kollege sei, eine Meinung, die auch Erich Englisch der Chef der Abteilung teilte, war er quasi abgehakt und der feuchtfröhliche Abend nahm seinen weiteren Lauf.

Sie sind wieder da...

Es war zehn Uhr abends, als der Eilzug von München nach Schwäbisch Haar in Wallenbach halt machte und bereits zwei Minuten später wieder in der Dunkelheit verschwand. Auf dem kleinen, um diese Zeit fast menschenleeren Bahnhof, blieben drei junge Männer zurück. Jeder hatte lediglich eine Umhängetasche als Gepäck bei sich. Sie standen da wie Orgelpfeifen und das war wörtlich zu nehmen. In der Tat war der Größte des Trios etwa eins fünfundneunzig groß und wog mindestens hundertzwanzig Kilo. Von der Statur her konnte man ihn leicht für einen Catcher halten. Sein ungepflegtes Aussehen, beginnend beim Dreitagebart über fettiges, schulterlanges Haar bis zur abgetragenen, fleckigen Jeans gaben ihm eine ziemlich unsympathische Note. Aufgrund seiner offensichtlichen Abneigung gegenüber jeglichen Shampoos ließ sich die Farbe seines Haupthaars nur erraten. Im Moment schien es schwarz, konnte aber gewaschen durchaus auch dunkelblond sein. Der mittelgroße war vielleicht eins fünfundachtzig und ebenfalls sehr muskulös. Seine Haare, die ebenfalls schulterlang waren, machten einen wesentlich gepflegteren Eindruck. Er hatte sie zu einem brünetten Pferdeschwanz zusammengebunden, was den großen, rautenförmigen Ring zur Geltung brachte, den er am linken Ohr trug. Auch wirkte seine Kleidung, die aus einem karierten Hemd und Jeans bestand weniger abgetragen und schmutzig. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines Bassets, gemütlich und irgendwie schläfrig. Frisch rasiert machte er fast einen sympathischen Eindruck. Der kleinste Mann der drei war auch ihr größter Kontrast. Vielleicht gerade eins siebzig groß, schmal und zerbrechlich wirkend. Er trug eine dunkle, getönte Brille und kurzes, glattes Haar. Auffällig an ihm war sein bleiches, ja fast weiß wirkendes Gesicht. Dieser Eindruck wurde von seinem nachtschwarzen Haar noch unterstrichen. Alle drei trugen trotz der schwülen Temperaturen jener Nacht Lederjacken. Ihr Alter lies sich wohl so um die dreißig schätzen. Nachdem sie sich etwa zwei Minuten lang in jede Richtung umgesehen hatten, brach der kleine das Schweigen. »Ich hab’ Hunger. Kannst du dich noch erinnern, wo es hier etwas vernünftiges zu essen gibt, Frank?«, murmelte er, ohne dabei einen seiner Kumpane anzusehen. »Die Post... nur in der Post...Ghost«, lächelte der Pferdeschwanz wie in Gedanken versunken. »Dann lasst uns gehen«, sagte der Größte der Trios, dessen Spitzname Hulk war. »Wieder daheim«, flüsterte der kleine als sich das Trio in Bewegung setzte »Endlich wieder daheim...«

Verhängnis...

Es mag gegen halb zwölf gewesen sein, als sich das Lokal langsam zu leeren begann. Außer der kleinen Gesellschaft um Manuela Böller und Norbert Fink waren nur noch drei junge Männer, die am Nachbartisch Platz genommen hatten, anwesend. Obwohl keiner von Manuelas Kollegen vorgehabt hatte, solange zu bleiben, war es nach vielen Witzen, Anekdoten und anderen lustigen Erinnerungen doch spät geworden. Trotzdem waren sie noch damit beschäftigt Trinksprüche aus aller Herrenländer zu zitieren. Begonnen damit hatte Frau Lemmer. Sie war Chefsekretärin, verheiratet und Ende vierzig. Mit letzterem Umstand mochte sie sich jedoch nur wenig anfreunden, obwohl man ihr die Jahre nur zu gut ansah. So hatte sie begonnen jedem Mann der Abteilung, vorausgesetzt er war jünger als sie, eindeutig zweideutige Angebote zu machen. Schließlich bemühte sie sich, wenn auch vergeblich, um Walter Michalski, den mit neunzehn Jahren jüngsten Kollegen für eine Nacht zu gewinnen. Als dieses Unternehmen scheiterte, hielt sie sich an einen, der sich weniger sträubte, den Alkohol. Was mit Trinksprüchen begonnen hatte, artete nun in einer Art »Verse Rundumschlag« aus. Jeder in der Runde sollte irgend einen Vers oder Spruch zum Besten geben. So amüsierten sie sich in mehr oder weniger stark alkoholisiertem Zustand über Bauernregeln, Sprüche zweideutiger und eindeutiger Art und sogar Kinder Reime waren darunter. Als die Reihe zum Vierten mal an Manuela kam, war ihr Repertoire so gut wie erschöpft, ein Umstand den sie den anderen lachend mitteilte. »Na, Irgendwas wird dir doch wohl noch einfallen. Ich hätte noch genügend auf Lager«, grinste Norbert Fink mit etwas getrübtem Blick, der sich zuweilen an Manuelas Oberschenkeln festsetzte, da sich ihr viel zu kurzer Rock während des Sitzens immer wieder nach oben schob. Als sie, seine Blicke bemerkend, das kleine Stück Stoff wieder nach unten zupfte, meine sie: »Einen Spruch kenne ich noch... eine Art Trinkspruch glaub' ich... in Englisch«, fügte sie noch schnell hinzu, in der Hoffnung, ihn dann nicht zitieren zu müssen. Aber sie musste, so jedenfalls das Groß der Anwesenden. »Also dann...

high and might, glory and pride. Wise man and fools,with own rules. Whiskey, no tea, drinking spree. No fear in fights, shadows of the night…

den Rest weiß ich leider nicht mehr.« »Wo hast du denn den das gehört?«, fragte sie Norbert, die Stirn etwas in Falten legend. »Jürgen hat ihn schon öfter vor sich hin gemurmelt. Meist tut er das wenn er wiedermal mit seinem tausend Meter Blick aus dem Fenster sieht. Er kriegt dann noch so einen süß- säuerlichen Gesichtsausdruck. Ich denke mir, er hat den Spruch aus Amerika mitgebracht. Vielleicht mit einer eher unangenehmen Erinnerung, dachte ich mir.« »Dieser Jürgen... Whiskey, no tea ... das gefällt mir.« Norbert prostete Manuela zu und trank, während Manuela unauffällig nach links und rechts blickte. Sie hatte die Verse lauter als beabsichtigt vorgetragen, konzentriert auf die richtige Wiedergabe. Zu ihrer Erleichterung waren jedoch keine Gäste mehr im Lokal. Sie hatte dabei allerdings den Tisch in ihrem Rücken vergessen. Als sie den kurzen Vers von sich gab, zuckten die drei Männer am Nachbartisch, der sich wie gesagt, in Manuelas Rücken befand, wie vom Blitz getroffen zusammen. Hatten sie schon bei ihrem Eintritt nicht besonders freundlich gewirkt, so nahmen ihre Gesichter jetzt einen äußerst düsteren Ausdruck an. Während sie sich langsam Manuela zu wandten, um sie mit schmalen Augen zu fixieren waren ihre Lippen fest zusammen gepresst und zu dünnen Linien geworden. Es schien, als würden die drei ein Gespenst aus längst vergangener Zeit erblicken. Wenige Augenblicke später wandten sie sich fast gleichzeitig einander zu und begannen heftig zu flüstern. Schließlich bezahlten die drei eilig ihre Zeche und verließen das Lokal. Weder Manuela noch einem ihrer Kollegen waren die Vorgänge am Nachbartisch aufgefallen. Einzig der Kellner hatte sie bemerkt. »Was die junge Böller wohl gesagt haben mochte, um diese Typen so sauer aussehen zu lassen?«, dachte er noch, während er sich weiter an seine Arbeit machte. Er wollte sie auf jeden Fall danach fragen, bevor sie das Restaurant verlassen würde. Es war etwa gegen halb eins, als sich die ersten der Gruppe verabschiedeten. Während der Kellner die Rechnung für Manuela und Norbert ausschrieb, drückte sie Norbert plötzlich das Geld in die Hand, der sie daraufhin fragend ansah: »Na, hast du es so eilig nach Hause zu kommen, oder was?« »Nein... ich muss mal«, flüsterte sie ihm zu.

Das erste Opfer...

Der Hinterhof des Restaurants, in dem sich die ehemaligen Stallungen für Pferde aus längst vergangenen Tagen befand, lag im Dunkeln. Hier, zwischen leeren Flaschen und Eimern voller Küchenabfälle, standen die drei jungen Männer. »Das fasse ich nicht«, murmelte Ghost, als er sich eine Zigarette anzündete. »Da hetzt man jahrelang hinter dem Kerl her, zuerst Amsterdam, dann Hongkong, Singapur, über den Teich nach Melbourne, Rio und am Schluss New York. In Rio erwischen wir ihn beinahe und dann nichts, drei Jahre nichts mehr gehört, gesehen.. vielleicht tot... also fahren wir hierher zurück... heim... und was ist das Erste, das wir zu hören kriegen!?... Scheiße!... und damit nicht genug, der Kerl ist anscheinend schon da. Vermutlich die ganzen drei Jahre.« Er schüttelte den Kopf, während er den Rauch seiner Zigarette einsog. »Du hast es doch auch gehört oder habe ich geträumt... sie hat Jürgen gesagt, oder?!« Ghost sah Frank fragend an, obwohl er dessen Antwort schon kannte. Sichtlich betroffen antwortete dieser monoton: »Du hast nicht geträumt... sie hat Jürgen gesagt.« Franks Gesicht wurde plötzlich zu Stein. »Warum hast du auch damals vor zehn Jahren den Kerl nicht gekillt?!«, zischte er Hulk scharf an. »Ja... also nicht so direkt... aber ich war mir damals sicher, dass die Leiche im Graben...« »Lass' es Hulk... Frank, das haben wir jetzt schon mehr als einmal von dir gehört, vielleicht schon hundertmal und ich sage immer wieder das es jetzt auch nichts mehr nützt... ist halt so.«. »Schade...«, murmelte Frank während er Ghost den Glimmstängel aus dem Mund nahm und selbst ein paarmal kräftig daran zog »...dass dein Verstand nicht annähernd so gewachsen ist, wie der Rest von dir!« Mit einer abfälligen Handbewegung warf er den Zigarettenstummel zu Boden und trat ihn heftig aus. »Was sollen wir jetzt tun?«, meldete sich wieder Ghost, der noch etwas bleicher schien, wenn das überhaupt noch möglich war. »Woher soll ich das wissen?!«, reagierte Frank laut. Mit einer Handbewegung deutete er Ghost an, ihm eine neue Zigarette zu geben. »Er kennt unsere Namen... weiß wo wir gewohnt haben... er weiß alles über uns«, murmelte er aus dem Mundwinkel, während er sich die Kippe anzündete. Mit einem hörbaren Geräusch blies er den Rauch gen Himmel. »Glaubst du, er rechnet mit uns, ich meine hier?« »Keine Ahnung, aber wenn nicht, werde ich sicherlich nicht darauf warten bis er es tut. Ich habe die Schnauze endgültig voll von diesem Typen... jetzt bin ich hier und bleibe auch hier... zumindest in der Umgebung. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass er mit uns rechnet.... kannst du dich noch an ihn erinnern?! Er ist ein verdammter Denker und bestimmt alles andere als einfältig... im Gegensatz zu manch' Anderem« Sein missfälliger Blick fiel auf Hulk. »Er spürt so was regelrecht...hat es in der Nase. Verdammt, manchmal dachte ich, er wusste schon was ich denke, bevor ich es gedacht hatte... dazu gerissen und hinterlistig.« »Und charismatisch... ein guter Anführer«, fiel ihm Ghost ins Wort. »Nicht umsonst haben ihn alle nur Alpha genannt.« Frank nickte zustimmend, sich nur zu gut erinnernd. »Aber, er muss doch wissen, dass wir ihn suchen, warum kommt er ausgerechnet hier her zurück?«, warf jetzt Hulk ein. Der Tadel von Frank hatte ihn wiedermal schwer getroffen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit rieb er ihm die Sache von damals unter die Nase. Eigentlich wollte er kontern, aber es schien ihm besser, wie immer, die Sache einfach zu übergehen. »Vielleicht hatte er genug vom Weglaufen... er kam hierher und hat auf uns gewartet. Hat damit gerechnet, dass wir irgendwann wieder auftauchen würden... also hat er gewartet... wenn man lange genug am Ufer eines Flusses sitzt, kann man eines Tages die Leichen seiner Feinde vorbei schwimmen sehen... chinesisches Sprichwort, hat er selber mal zitiert. Vielleicht hat die Ratte das auch von uns gehofft, aber da hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht.« »Aber warum hat ihn niemand erkannt?«, meinte Ghost ungläubig. »Was weiß ich... wir wissen ja nicht, wie lange er schon hier ist, aber du hast recht, irgend jemand hätte ihn mal erkennen müssen... es sei denn, er hat sein Äußeres verändert... vielleicht sogar chirurgisch machen lassen.« »Kein Problem, ich hole einfach nach, was ich damals versäumt habe«, warf Hulk ein. »Schon gut, Hulk«, lächelte Frank versöhnlich, »ich hab 's nicht so gemeint... aber nimm' mal an, es wäre so und er hat sich tatsächlich irgendwie verändern lassen, vielleicht in Amerika, dann könnten nicht mal wir ihn im Moment wiedererkennen und dann ist das mit dem Nachholen nicht drin. Dagegen könnte er uns angehen, bevor wir wissen was Sache ist... sei 's drum, er kann vielleicht sein Aussehen ändern, aber nicht seinen Charakter. Wie ich ihn kenne, hat er sicherlich ein paar Leute um sich geschart... irgend welche Helfershelfer, Zuträger... Arschkriecher... und so werden wir ihn finden.« »Wo fangen wir an?«, wollte Ghost wissen. »Ganz einfach, wir werden die Kleine fragen, wo er sich aufhält, was sonst?«, lächelte Frank, während er den zweiten Stummel in den Staub trat. »Sie kennt ihn... muss ihn kennen und vermutlich auch seine neue Gang. Er hat hier auf uns gewartet, will uns fertig machen... aber das werden wir ihm versalzen... Jürgen Fürst, diesmal erwischen wir dich!« Bei diesen Worten hatte Franks Gesicht einen fast diabolischen Ausdruck angenommen. »Und wenn sie ’s Maul nicht aufmacht?«, wollte Hulk seltsam nervös wissen. »Nun, dann werden wir wohl gezwungen sein etwas intensiver nach zu fragen«, lächelte Frank ironisch. Man hatte sich verstanden. »Also fangen wir dort an, wo wir aufgehört haben. Ich war das ganze eh' schon leid; immer so brav und geleckt zu sein«, kicherte Hulk, während Frank und Ghost ihn von oben bis unten ansahen. »Wie geleckt... so wie du aussiehst?«, meinte Ghost ungläubig. »Na, du weißt schon«, gab Hulk flapsig zurück. »Wo und wann sollen wir die kleine Schlampe denn... befragen?«, wollte Ghost wissen. »Nun, ich würde sagen so schnell als möglich«, gab Frank zurück »Ich hab' das Mädchen beobachtet. Die Kleine ist auf dem Stuhl hin und her gerutscht wie auf glühenden Kohlen. Wenn mich mein Instinkt nicht trügt, und das tut er selten, dann müsste sie innerhalb der nächsten Minuten auf den Topf. Es sei denn es hätte andere Gründe... aber wenn ich mich recht an den besoffenen Typen neben ihr erinnere, kann er wohl dieser Grund kaum sein... nein, ich denke wir versuchen einfach unser Glück!« »Aber, wie kommen wir ungesehen wieder rein«, zischte Hulk. »Und vor allem raus?«, murmelte Ghost. Frank lächelte: »Hast du ’s etwa vergessen?« Er ging ein Stück weiter hinter das große Gebäude und blieb am Absatz einer Treppe stehen, die in der Dunkelheit kaum auszumachen war. Sie führte in die Tiefe. Als seine Kumpane heran waren, stiegen sie gemeinsam im fahlen Licht von Ghost 's Feuerzeug hinunter. Schließlich blieben sie vor einer massiven Metalltüre stehen. Frank drückte langsam und fast geräuschlos die Klinke. Leise ächzend gab die Türe nach und öffnete sich in die alten Kellergewölbe des Gasthauses. »Wie damals vor zehn Jahren«, grinste Frank. »Sie sperren diese Tür immer noch nicht ab.« »Das ist aber sehr, sehr leichtsinnig. Wie einfach könnte da Jemand rein marschieren, der nicht ins Haus gehört«, grinste Hulk. »Moment noch Frank, angenommen die Kleine hat den Spruch nur irgendwo aufgeschnappt... Scheißhausparole, oder so«, flüsterte Ghost. »Nach zehn Jahren?!« »Möglich wäre es.« Frank nickte kurz und meinte dann »Finden wir 's raus.« Manuela lief die Treppen zu den Toiletten hinunter, die sich im Keller des Hauses befanden. Links um eine Biegung die der Gang machte, befanden sich die Örtlichkeiten, die sie aufzusuchen gedachte. Kurz bevor Manuela darin verschwand, bemerkte sie noch einen jungen Mann, der lässig an der Wand gegenüber lehnte und zu warten schien. Er war nicht sehr groß und hatte kurzes Haar. Sie hätte ihn wohl kaum beachtet, hätte er ihr nicht freundlich zugenickt, wobei sie auch seinen extrem blassen Teint bemerkte. »Wie ein Leintuch... mich würde interessieren, auf wenn der hier um diese Zeit noch wartet« dachte sie, während ihr Slip nach unten glitt. Als sie ein paar Augenblicke später erleichtert die Kabine wieder verließ um sich die Hände zu waschen kreisten ihre Gedanken immer noch um den Fremden dort draußen. Ein Gefühl der Beklemmung stieg in ihr hoch. Leise schlich Manuela zur Türe und öffnete sie vorsichtig einen kleinen Spalt. Mit angehaltenem Atem späte sie hinaus, aber der Kerl war nicht mehr da. Nochmal ein kontrollierender Blick, diesmal etwas mutiger die Türe ein Stück weiter öffnend... nein, sie hatte sich nicht geirrt, er war wirklich weg. Erleichtert sog sie die kühle Raumluft ein. Ein Stein fiel ihr vom Herzen. Kopfschüttelnd mit einem Lächeln im Gesicht verließ sie die Toilette. »Wie kann man nur so dumm sein«, ging ihr durch den Kopf, als sie in Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Plötzlich war das miese Gefühl wieder da. Manuela spürte instinktiv die Gefahr, wirbelte auf dem Absatz herum und wollte zurück in die Toilette, die sie gerade verlassen hatte. Fast wäre es ihr geglückt, als ihr die Türe aus der Hand gerissen wurde. Hart wie eine Stahlklammer packte sie etwas im Genickt und schleuderte sie brutal bis zum Ende des Ganges, wo sie strauchelnd hinfiel. Als Manuela sich umdrehte, sah sie den blassen Mann hinter der Türe der Toilette hervorkommen, der Selbe, der zuerst an der Wand gestanden hatte. Was sie gepackt hatte war ein zweiter, allerdings wesentlich größerer, hässlicher Typ mit übler Ausdünstung. »Oh Gott, ein Monster!«, war Manuelas erster Gedanke. Der Angreifer stand etwa drei Meter von ihr entfernt. Das diese Muskeln erarbeitet und nicht antrainiert waren, sah sie sofort. Ihr Freund hatte sich geraume Zeit mit Bodybuilding beschäftigt, daher kannte sie viele dieser Muskelmänner. Nun kam noch ein weiterer hinzu, ein Kerl mit Pferdeschwanz. Manuela hatte das Gefühl, die drei schon mal gesehen zu haben, aber sie wusste nicht wohin mit ihnen. Er schloss die Verbindungstüre zwischen diesem Teil des Ganges und den Treppen, die nach oben führten. Diese Tür war normalerweise immer geöffnet, so das Manuela deren Vorhandensein erst jetzt bemerkte. Da fiel es ihr wieder ein. Die Kerle hatten oben im Gastraum am Tisch hinter ihr gesessen. Der Mann mit Pferdeschwanz kam langsam auf sie zu, lässig an seinen schwarzen Handschuhen zupfend. Sie trugen alle Handschuhe. Seine Augen erinnerten sie an den Blick eines Hundes. Das kalte funkeln darin verriet ihr jedoch, dass man diesem seltsam treuen Blick nicht trauen konnte. Hilfesuchend blickte die junge Frau um sich. Die einzige Möglichkeit hier raus zu kommen war an den dreien vorbei. Ein Unterfangen, das ihr wohl kaum gelingen dürfte. Schreien, sie könnte schreien. Immerhin saßen ihre Kollegen noch oben. »Du kannst schreien so laut du willst, durch diese Türe hört dich keiner.« Ghost schien ihre Gedanken erraten zuhaben. »Kannst du ihm ruhig glauben, wir haben 's schon mal ausprobiert«, fügte Hulk grinsend hinzu. Manuela spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen. Immer wieder sah sie sich um, in der Hoffnung doch noch eine Fluchtmöglichkeit zu finden... vergebens. Kalter Schweiß sammelte sich in kleinen Perlen auf ihrer Stirn und rann jetzt langsam über ihre Schläfe. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie auf Frank. Verzweiflung stieg in ihr auf. Langsam begann sie nach hinten an die Wand zu rutschen, um schließlich am Boden kauernd ihr Gesicht in den Händen zu vergraben. »Das ist doch alles nicht wahr!«, dröhnte es in ihrem Kopf. Vergewaltigung, sicherlich gab es das, in Schwäbisch Haar, in München, aber doch nicht in Wallenbach! Nie hätte sie gedacht, dass ihr so was mal passieren könnte. »Geht weg, last mich!«, schluchzte sie und streckte den Männer zur Abwehr zitternd ihrem offenen Handflächen entgegen, während sie zu weinen begann. Die Männer hatten sich bis jetzt kaum bewegt. Es schien fast, als würden sie sich an der Angst ihres Opfers weiden. Dann ging alles blitzschnell. Mit zwei schnellen Sätzen war Hulk über ihr und riss sie an den Armen hoch. Dabei drehte er sie mit dem Gesicht zur Wand und presste sie mit Kraft dagegen. Manuela wich schlagartig die Luft aus den Lungen. Blitzende Punkte tanzten wie ein Feuerwerk vor ihren Augen und die Umgebung begann zu verschwimmen. Sie drohte bewusstlos zu werden und irgendwo in ihrem Kopf sehnte sie sich sogar danach. Doch dann wurde der Druck wieder etwas gelockert. Die Wand vor ihren Augen wurde klarer und sie vernahm wie aus weiter Ferne eine Stimme. »Guten Abend, schöne Frau.« Manuela sah das Gesicht von Frank seitlich neben dem ihren auftauchen. Sein Atem schlug ihr ins Gesicht. Er roch nach Bier und Zigaretten. Angewidert wollte sie ihren Kopf wegdrehen, aber Hulk ließ das nicht zu. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihre rechte Wange. Sie war an der rauen Mauer des Kellers aufgerissen. Manuela spürte, wie etwas warmes langsam zuerst über ihr Kinn und dann über ihren Hals rann, ihr Blut. »Oh, jetzt hast du dir dein hübsches Gesicht zerkratzt... das solltest du nicht... nicht wenn es doch so unnötig ist... sehr, sehr unbequem was? warte, ich helfe dir.« Er gab Hulk ein Zeichen worauf dieser den Griff etwas lockerte. »Besser so, nicht wahr?!;nun, du solltest wissen, dass wir deinen kleinen Vortrag dort oben sehr genossen haben, wirklich... was uns als Freunde des vorgetragenen Wortes natürlich brennend interessiert ist, woher du dieses Kleinod verbalen Wohlgefallens aufgeschnappt haben könntest, denn verzeih', wenn ich etwas direkt bin, aber du machst mir nicht den Eindruck, als hättest du das selbst ersonnen, mein Süßes.« Franks Grinsen ließ Manuela erschauern. Allerdings hatte sie weniger als die Hälfte von Franks aufgeblasenem Vortrag verstanden. Obwohl Hulk den Griff etwas gelockert hatte, ging das Ganze langsam über ihre Kräfte. »Lange Rede kurzer Sinn... ich hätte da nur ein paar Fragen an dich und wenn du mir die richtigen Antworten gibst, dann kannst du wieder zu diesen Pennern da oben gehen und dich damit brüsten, was dir hier unten Schlimmes widerfahren ist und wie toll du die Sache gemeistert hast. Andernfalls...« Manuela machte sich wenig Hoffnung, die richtigen Antworten auf seine Fragen zu haben, egal wie sie auch lauten mochten. Trotzdem tauchte so etwas wie eine Chance am Horizont auf. »Also, bist du bereit?« Manuela quälte ein gurgelndes »Ja« hervor. »Gut... wie heißt du?« »Man... Manuela Böller« Der Griff wurde auf ein Zeichen von Frank erneut etwas gelockert. Fast hätte Manuela so etwas wie Dankbarkeit diesem Mann gegenüber verspürt, ein Gedanke, der in ihr Übelkeit verursachte. »Und, haben wir schon einen festen Freund?« Sie nickte. »Besorgt er es dir auch richtig gut?« Während sie wiederum nickte, wusste sie, in welche Richtung diese Fragen zielten. »Die Typen machen sich scharf und dann bist du fällig«, schoss es durch ihren Kopf, als die nächste Frage kam. »Und wo finden wir den alten Drecksack Alpha?« Sie stutzte. »Wie...?« »Rede ich nicht deutlich?« Frank blickte Hulk fragend an, der grinsend antwortete »Doch Frank, glasklar« »Dann hat sie vielleicht was an den Ohren, oder? Ich meine, da stellt man eine Frage, klar und verständlich und sie hört nichts« Er griff in Manuelas Haare und riss ihren Kopf brutal nach hinten. »Wo ist Alpha?«, schrie er die junge Frau an. Manuela glaubte ihr Schädel müsse explodieren. Tränen schossen ihr erneut in die Augen, die sie fest zusammengepresst hatte. »Bitte nicht... bitte...« stammelte sie. Frank ließ los. »Also, wo?« Sein Ton war von einem Moment zum anderen wieder freundlich geworden. »Ich kenne keinen Alpha auch keinen Alfred und ich weiß auch nicht wo so einer ist«, antwortete Manuela in einem trotzigen Anflug mit fester Stimme. Plötzlich erhielt sie einen heftigen Schlag von hinten in die Nierengegend. Sie wäre zusammengebrochen, hätte Hulk es nicht verhindert. Rote Sterne zerplatzten vor ihren Augen, als sie wie ein Fisch nach Luft schnappte. »Tja, das war leider die falsche Antwort, Manuela« Frank strich ihr mit dem Handrücken übers Gesicht. »Und du kannst dir gar nicht vorstellen, wo er sich zur Zeit aufhält?« »Ich kenne ihn nicht!«, schrie sie, so laut es eben ging. »Das ist aber schade... na ja, da kann man eben nichts machen« Frank zuckte mit den Schultern. Nun löste sich der Kleine von seiner starren Haltung an der Wand und kam etwas näher. »Na Frank, gibt ’s Probleme?« »Sie kennt ihn nicht«, gab dieser zurück. »Ist das wahr, sie kennt ihn nicht?!« Ghost klang überrascht. »Nein, sie kennt ihn nicht.« Frank lachte. »Nun, dann sollte sie wenigstens uns kennenlernen, meinst du nicht auch Frank?« »Vollkommen...«, nickte dieser. Wieder kam Frank auf Manuela zu. »Und du weißt...« »Nein, verdammt!« schrie die junge Frau mit letzter Kraft. Plötzlich spürte sie, wie sich eine Hand zwischen ihre Schenkel drängte und langsam nach oben glitt. Sie wollte schreien, aber Hulk hielt ihr den Mund zu. »Trotzdem werden wir ihm eine kleine Nachricht zu kommen lassen, falls du ihn doch mal treffen solltest.« Die Tortur, die jetzt über Manuela Böller hereinbrach kann den Polizeiakten entnommen werden. Sie trotz jeder weiteren Beschreibung. Dabei hätten diese drei Idioten nur nach Jürgen Fürst zu fragen brauchen, aber sie taten es nicht. Ob ihre Peiniger allerdings in diesem Fall von Manuela abgelassen hätten ist zu bezweifeln.

Die Ermittlungen beginnen...

Es war Samstag, der 22. Juni, als gegen halb eins in der Nacht das Telefon klingelte. Mein Kollege und Chef, Oberinspektor Arnold Bacher und ich hatten gerade einen Fall aufgeklärt und zu den Akten gelegt. Es war ein Mord aus Eifersucht, der vom Ehemann des Opfer geschickt als Raubmord kaschiert worden war. Leider nicht gut genug, um uns hinters Licht zu führen. Wir waren bereits sechzehn Stunden im Dienst und wollten jetzt endlich nach Hause. Trotzdem hob ich den Hörer ab und meldete mich mit meinem Standartspruch: »Kriminalpolizei München, Mordkommission, Inspektor Gerald Preller am Apparat.« Angesichts der nächtlichen Stunde etwas barscher als sonst. Es war der Polizeichef einer Gemeinde namens Wallenbach, der sich nach meinem Kollegen erkundigte. »Arnold, für dich... ein gewisser Egon Böck, Polizeichef in Wallenbach«, sagte ich, ihm den Hörer reichend. »Bacher, Ja, ist schon gut Egon... wer, die kleine Böller? Klar kenne ich sie... in der Post?!... gut, ich komme... bis gleich!« Er legte auf und atmete bedrückt durch. »Woher kennst du denn diesen Knaben?«, fragte ich ihn. »Der Knabe, wie du ihn nennst«, antwortete er geistesabwesend, »ist fünfundfünfzig und der beste Polizist von Wallenbach. Ich wohne dort«, fügte er hinzu. »Und was ist so wichtig, dass er um diese Zeit hier anruft?« »Bei und im Ort scheint eine scheußliche Sache passiert zu sein. Anscheinend ist eine junge Frau, Manuela Böller heißt sie, in einem Gasthof übel zusammengeschlagen und anschließend vergewaltigt worden.« Sein Gesicht machte einen ernstlich besorgten Eindruck. »Ist sie tot?«, wollte ich wissen. »Nein, das nicht... noch nicht« »Aber, dann ist das nicht unser Bier«, gab ich zurück. »Heute nicht, aber vielleicht schon morgen!« Als ich ihn so ansah, wusste ich, dass diese Nacht gelaufen war. Also unternahm ich einen letzten Versuch. »Aber heute lebt sie noch. Außerdem, du wohnst da, aber wenn wir zusammen fahren, wie um alles in der Welt komme ich zurück?« Mein Körper sehnte sich nach einer heißen Dusche und einem warmen Bett. »Du kannst bei uns schlafen. Mein Haus ist groß genug«, war seine Antwort. »Außerdem kenne ich die kleine Böller schon seit sie ein Kind war. Ihr Vater ist ein Schulkamerad von mir gewesen.« »Ade mein Bett«, flüsterte ich, meine Augen an die Decke des Büros gerichtet. »Also, lass' uns fahren«, sagte ich und nahm meinen Mantel. Wir fuhren im alten Ford meines Kollegen durch die Nacht in Richtung Wallenbach. Es konnte wohl gut dreißig Minuten dauern, bis wir dort sein würden. »Hat ihr den niemand geholfen?«, wollte ich wissen. »Nein, es ist im Keller vor den Toiletten passiert. Eine Verbindungstüre nach oben war geschlossen. Es konnte sie niemand hören.« Dies war der einzige Wortwechsel während der Fahrt. Es begann zu regnen und Arnold schaltete den Scheibenwischer ein, der mit monotonem Geräusch seinen Dienst versah. Ich blickte meinen Chef an und überlegte, was jetzt wohl in ihm vorgehen mochte. Er war Ende vierzig und seit etwa fünfzehn Jahren bei der Kripo. Sein total ergrautes Haar, dessen Farbwechsel sich schon mit fünfunddreißig bemerkbar gemacht hatte, war wie ein Zeugnis der Erlebnisse in unserem Beruf. Er hatte zu oft gesehen, welcher Taten Menschen fähig waren. Seine Frau kam, wie ich von Kollegen erfuhr, vor etwa zehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Seitdem kümmerte er sich allein um seine sechsundzwanzig jährige Tochter, die damals mit im Unfallwagen saß. Sie wurde dabei schwer an Rückgrat und Kopf verletzt und war seitdem an den Rollstuhl gefesselt. Zudem schien sie nichts mehr in ihrer Umgebung wahrzunehmen. Er kümmerte sich rührend um Margit. Es muss eine schwere Zeit für ihn gewesen sein. Wäre seine Tochter nicht gewesen, so munkelt man in der Abteilung, dann hätte er mit Sicherheit Schluss gemacht. Das Meiste habe ich, wie gesagt, nur von anderen erfahren, da meine Versetzung zur Mordkommission erst vier Jahre später erfolgte. Einiges davon hatte er mir dann nach und nach auch selbst erzählt, als wir uns besser kannten. Mittlerweile sind wir ein eingespieltes, erfolgreiches Team und vernünftige Polizeiarbeit ohne ihn zu leisten konnte ich mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen. Vieles was ein guter Polizist wissen musste, habe ich von ihm gelernt. »Wie weit ist es noch?«, wollte ich wissen, um nicht endgültig einzuschlafen. »Etwa fünf Minuten.« Als wir kurz darauf das Ortsschild passierten, bekam ich, außer ein paar Lichtern in der Dunkelheit, von diesem Ort nicht viel zu sehen. Lediglich ein Krankenwagen fuhr mit Blaulicht und Martinshorn in Richtung Kreisstadt. »Wahrscheinlich die kleine Böller«, murmelte Arnold. Wenige Augenblicke später fuhren wir in den Hof des Gasthauses. Die Kollegen des Landpostens hatten die Spurensicherung bereits verständigt, die mit ihren Fahrzeugen die halbe Einfahrt füllten. Blaulicht kreiste geräuschlos an den Wänden des viereckigen Hofes entlang. Der Regen hatte sich mittlerweile etwas gelegt. Wir stiegen aus und ein kleiner dicker Mann kam mit ernstem Gesicht auf uns zu. Grüß’ dich Arnold.« »Guten Morgen Egon«, gab mein Chef zurück und drückte dem Polizisten die Hand. »Wer hat denn die informiert?« Arnold deutete auf ein Reporterteam, des Regionalsenders aus Schwäbisch Haar, die sich anschickten im Licht eines eilig aufgestellten Scheinwerfers im Eingangsbereich des Restaurants einen Bericht aufzuzeichnen. Eine junge Frau mit Mikrofon deutete wild gestikulierend wieder und wieder auf den Gasthof, während ihr Kollege mit der Kamera krampfhaft versuchte ihr zu folgen. »Keine Ahnung... vielleicht haben sie den Polizeifunk abgehört. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten schnurstracks in den Keller zu marschieren.« »Das hätte uns gerade noch gefehlt... sag’ mir, was für eine Sauerei ist hier passiert?« »Viel wissen wir noch nicht«, gab der Beamte schulterzuckend zurück. »Das ist mein Kollege, Gerald Preller«, stellte mich Arnold vor. »Nicht unbedingt glückliche Umstände sich kennen zu lernen. Egon Böck... sie können Egon zu mir sagen, das tut hier eh’ jeder.« Mit einem erzwungenen Lächeln schüttelte er mir die Hand. »Gehen wir rein, dann sage ich euch, was wir bis jetzt wissen.« Wir betraten den Gastraum, legten unsere nassen Mäntel ab und setzten uns an einen der Tische direkt neben der Tür. »Also, sie war mit ihren Kollegen zum Essen hier.« »Wo sind die Herrschaften jetzt?«, warf ich ein. »Dort drüben bei einem meiner Beamten. Ihr Chef und eine Sekretärin waren bereits früher gegangen. Wir wollen sie morgen... später noch aufsuchen.« »Herr Fink!, kommen sie doch einmal her«, rief Egon einem der Leute zu, die gestikulierend und deutend zusammenstanden. »Er hat Manuela gefunden«, erklärte er uns mit gesenkter Stimme. »Das sind Oberinspektor Bacher und sein Kollege Inspektor Preller von der Kripo München«, stellte er uns vor. Während dessen hatte ich Zeit, mir ein Bild von diesem Mann zu machen. Er war ca. dreißig Jahre alt, eins fünfundsiebzig groß, hatte dunkles, gelocktes Haar und trug eine Brille. Seine Nervosität war beinahe ansteckend. Permanent nestelte er mit den Fingern an den Knöpfen seiner Jacke herum. »Guten... nein, ich meine«, stotterte er herum. Der Schock saß ihm sichtlich noch tief in den Gliedern. »Wir wissen, wie sie ’s meinen, Herr Fink. Setzen sie sich doch und beruhigen sie sich erst mal. Wollen sie etwas trinken?« »Nein danke... oder vielleicht doch, einen Cognac, wenn das möglich wäre?!« Arnold bestellte einen Doppelten. »Nun Herr Fink, erzählen sie mal. Sie haben Fräulein Böller gefunden?« Hastig trank der Gefragte aus und starrte in das leere Glas. »Wir hatten hier unseren Einstand gefeiert, also Manuela und ich, dass heißt, Fräulein Böller und ich«, verbesserte er sich. »Als wir zahlen wollten, ging sie noch mal auf die Toilette. Sie gab mir das Geld und ich hab’ mit dem Kellner abgerechnet. Wir, das heißt die anderen und ich, unterhielten uns noch eine Weile. Wir haben erst nach ungefähr zwanzig oder dreißig Minuten bemerkt, dass Manuela immer noch fehlt. Zuerst haben wir uns noch lustig gemacht. Sie wissen schon, ein paar dumme Bemerkungen, nicht böse gemeint. Aber dann bin ich doch nach unten gegangen, um nachzusehen. Da hab’ ich sie dann gefunden.« Er schloss seine Augen und wurde bleich. Dann presste er die Hände vors Gesicht. Ich konnte den Mann gut verstehen. Wenn man so etwas zum Ersten mal sieht, dieses Bild lässt einen kaum mehr los. »Mein Gott... warum?«, stöhnte er. »Nur die Ruhe Herr Fink«, versuchte Arnold auf ihn einzuwirken. »Was taten sie dann?« »Ich rannte schnell nach oben und informierte die anderen. Zwei kamen mit mir nach unten. Frl. Uhl rief die Polizei und den Notarzt, glaube ich.« »Haben sie irgend Jemanden gesehen oder etwas bemerkt, als sie unten waren?«, wollte ich wissen. »Nein, nichts. Aber auch wenn da was gewesen wäre, ich war so in Panik.« »Ist schon gut Herr Fink, sie können jetzt nach Hause gehen. Vielleicht müssen wir sie aber in den nächsten Tagen noch einmal ins Präsidium bitten.« Er nickte und wandte sich zur Tür. »Das werde ich nie vergessen können, niemals!«, hörten wir ihn noch vor sich hin murmeln. »Der schläft heute Nacht auch nicht, soviel steht fest«, bemerkte ich zu Arnold. »Wie wir. Lasst uns runter gehen...« Wir folgten Egon in den Keller. Die Jungs von der Spurensicherung waren mittlerweile fertig und packten gerade ihre Geräte ein. Vor der Damentoilette lagen noch verstreut, aber säuberlich markiert, mehrere blutige Kleidungsstücke. Auch der Boden war blutverschmiert. »Hier müssen sie reingekommen sein.« Egon deutete auf eine Türe, die anscheinend nach draußen führte. »Laut Besitzer des Gasthofes ist diese Tür fast nie abgesperrt. Er müsste es aus Versicherungsgründen eigentlich tun, aber sie wissen ja« Egon zuckte mit den Schultern. »Dort haben sie meine Beamten gefunden.« Er deutete in Richtung Mauer am Ende des Ganges. Dort war auch am meisten Blut zu sehen. »Die Kleine war nackt«, sagte Egon mit unterdrückter Stimme. »Sie rührte sich nicht mehr. Zuerst dachten meine Beamten sie wäre tot, aber dann stöhnte sie plötzlich.« In der Ecke saß ein junger Mann mit blondem, zerzaustem Haar. An seiner Uniform erkannte man den Polizisten. Als ich ihn ansprechen wollte, hielt mich Egon zurück. »Lassen sie 's, er hat sie gefunden.« »Sein erstes Erlebnis dieser Art?« »Nicht nur das, Manuela Böller ist seine Verlobte.« Der junge Beamte hob den Kopf. In seinen Augen standen Tränen. »Ich hab’ sie gefunden... ist meine Verlobte... und ich hab’ sie nur an den Kleidungsstücken erkannt... oh mein Gott!« schrie er, bevor ihn ein Weinkrampf schüttelte. »Er heißt Gary Rößle. Sonst ein guter Mann, aber das.« »Verständlich.« Arnold klopfte dem jungen Mann mitfühlend auf die Schulter. Ich war inzwischen weiter gegangen und betrachtete mir die Wand, an der Fräulein Böller gefunden wurde. Zwischen den einzelnen Blutspritzern hob sich deutlich eine Schrift ab. »Arnold, sieh dir das mal an!«, rief ich meinen Kollegen. »Mit was ist das geschrieben, mit Blut?!« Ich nickte nur, die Zeilen lesend...

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Arnold war blass geworden. »Reime, englische Reime.«, flüsterte er halblaut. Seine Augen waren groß und schienen durch die Wand zu starren. »Arnold, ist dir nicht gut?« Ich machte mir langsam Sorgen um ihn. »Nein, ist schon okay. Es muss ein Zufall sein... sie sind tot, schon lange.« Letzteres murmelte er mehr in seinen nicht vorhandenen Bart, aber es war mir nicht entgangen. »Wer ist tot?«, wollte ich wissen. »Ach’, ein Fall von früher. Ich habe so was ähnliches schon mal gesehen, aber die Verantwortlichen dafür sind lange tot.« Er lächelte etwas erleichtert, schien mir aber nicht unbedingt überzeugt.