Das Meer in Gold und Grau - Veronika Peters - E-Book

Das Meer in Gold und Grau E-Book

Veronika Peters

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Beschreibung

Eine junge Frau auf der Reise. Eine alte Frau, die nicht mehr viel Zeit hat. Eine Begegnung, die ungeahnte Türen öffnet

Katia Werner steht kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag, als sie von einem auf den anderen Tag ihren Job samt Wohnung verliert. In dem Bedürfnis, alles hinter sich zu lassen, macht sie sich kurzerhand auf den Weg zu ihrer alten Tante – einer Halbschwester ihres Vaters, die sie bisher noch nicht kennt. Tante Ruth betreibt das malerisch abgelegene „Strandhotel Palau“ an der Ostsee, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Seine reichlich betagten Bewohner und vor allem die ebenso ruppige wie auf ihre ganz eigene Weise beeindruckende Tante sorgen dafür, dass aus dem spontanen Wochenendbesuch viele Monate werden. Nach chaotischen Beziehungen und zahllosen Fluchten lässt Katia sich zum ersten Mal auf das Wagnis des Bleibens ein – und ahnt doch nicht, dass sie damit die größte Herausforderung ihres Lebens annimmt.

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Seitenzahl: 330

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Inhaltsverzeichnis

1 - Die Insel von PalauCopyright

»Ei was, du Rotkopf«, sagte der Esel,»zieh lieber mit uns fort,wir gehen nach Bremen,etwas Besseres als den Tod findest du überall.«

BRÜDER GRIMM

1

Die Insel von Palau

Früher habe ich ohne zu zögern gesagt: Ich mag alte Leute. Ich habe ihnen die Türen aufgehalten, meinen Sitzplatz im Bus angeboten oder Einkaufstaschen in den vierten Stock getragen.

Meine Großeltern habe ich oft und unaufgefordert besucht. Sie waren lieb zu mir, manchmal geradezu rührend, vor allem wenn sie meinten, mich aufheitern zu müssen. Ich aß Kirschstreuselkuchen, hörte zu, wenn sie von Arztbesuchen, verstorbenen Nachbarn oder vergangenen Urlaubstagen am Comer See erzählten, und wurde dafür ein braves Mädchen genannt. Sie lebten in ihrer Welt, so wie ich in meiner, das bewahrte uns in Zuneigung und vor Missverständnissen. Ab und zu blieb ich für ein oder zwei Stunden, verschwand wieder, und alle waren zufrieden. Bis zu ihrem letzten Tag hat meine Großmutter mit mir den Neid ihrer vereinsamten Tischnachbarinnen geschürt. Ich war die Enkelin, die regelmäßig auftauchte, die auch mit anderen Heimbewohnern ein paar Worte wechselte, an Feiertagen eine Runde Canasta mitspielte. Das hätte ich auch gemacht, wenn nicht die immer gleiche Packung Merci mit dem Geldschein unter der Zellophanhülle auf der Kommode für mich bereit gelegen hätte. Ich war froh, dass die Alten mich mochten, und vermisste die Nachmittage, als Großmutter gestorben war. Sie waren so etwas wie ein Rückzugsraum gewesen, ein Platz, an dem ich nichts weiter tun musste als jung und zuvorkommend sein.

Dass ich aber mit Leuten über siebzig leben, arbeiten, sie zu Freunden haben könnte, so ein Gedanke wäre mir nie gekommen. Hätte mir jemand den Vorschlag unterbreitet, wäre, bei allem Respekt, die Antwort klar gewesen: »Danke, das nun doch nicht!«

»Zu kompliziert, zu anstrengend, zu umständlich für jemanden, der nicht zur Selbstaufgabe neigt«, hätte ich gesagt, »eine klare Trennung der Wohnbereiche und kein unnötiges Durcheinander, was mich und die ältere Generation angeht: Jeder lebt dort, wo er hingehört, das erhält die Freundschaft.«

Ein Glück, dass ich vorher nicht gefragt worden bin.

Was nicht heißen soll, dass das Zusammensein mit Tante Ruth und ihrem eigenartigen Hausstand keine Überforderung gewesen wäre, für alle Beteiligten. Es war kompliziert, anstrengend und umständlich, aber vor allem war es … Schwer zu sagen, wie es »vor allem« gewesen ist. Das Einzige, was mir einfällt, um es zu beschreiben, sind diese Wörter aus den Fernsehzeitungen für den Mittwochsfilm. Und damit hatte die Zeit dort nun wirklich gar nichts zu tun.

Jetzt sitze ich hier, beobachte, wie im Südosten Wolkenfelder aufziehen, die Sturm bedeuten können, und frage mich, wie am besten von Ruth zu erzählen ist. Knapp oder ausufernd, sorgfältig rekonstruiert oder als improvisierte Erinnerung? Wie ich es auch drehe: Ich werde ihr nicht gerecht werden. Nicht weil sie so großartig gewesen wäre, das war sie gar nicht. Sie war einfach und schwierig, geradlinig schräg und verlässlich launisch, Letzteres manchmal sehr, und ich kann mir bis heute keinen Reim auf sie machen.

Sie war meine alte Tante, eine, die mir einen Ort gegeben hat und Menschen, bei denen ich eine Zeit lang sein konnte; sie hat meine Sicht auf ein paar Dinge verändert, aber vielleicht trifft es auch das nicht genau. Sie hat eine Spur hinterlassen, von der ich gerne einen Gipsabdruck hätte. So ist das.

»Irgendwann ist alles Vergangenheit«, sagte sie oft, wenn die Nachrichten liefen, »c’est la vie.«

Ich habe ihr jedes Mal widersprochen. Ruth hielt es für Unsinn, sich dagegen aufzulehnen, wie es in der Welt zugeht. Menschen sterben, Häuser brennen ab, dagegen hatte sie im Großen und Ganzen nichts einzuwenden.

Ich schon.

Jetzt ist sie tot und das Palau ein Haufen Asche.

Ich kann ohne sie. Aber ich will nicht, dass sie verschwindet.

Ruth sagte: »Man wird nie jemandem gerecht.«

Wenn das stimmt, ist es mir egal.

»Was erzählt worden ist, bleibt.«

Noch so ein Spruch.

Dass man sich seine Verwandten nicht aussucht, trifft in unserem Fall nicht zu.

Als ich Ruth kennenlernte, war sie dreiundsiebzig, ich neunundzwanzig, eine Differenz von vierundvierzig Jahren. Es stand also reichlich Lebenszeit zwischen ihr und mir. Aber ihr bot man nicht ungestraft den Sitzplatz an, ihr hielt man die Tür besser nur dann auf, wenn sie keine Hand frei hatte, und man nahm ihr höchstens etwas ab, wenn sie ausdrücklich den Befehl dazu erteilt hatte.

Tante Ruth war eine Halbschwester meines Vaters, aus der ersten Ehe des Großvaters, und ich war überzeugt, dass niemand unseres Zweigs der Familie sie vorher kennengelernt hatte. Mein Vater wusste, dass sie existierte, seit Großvaters Tod auch, dass sie ein Hotel an der Ostsee betrieb. Bei der Hochzeit eines Vetters hatte er es mir nach dem siebten Glas Sekt erzählt. Nein, da war kein dunkles Geheimnis, versicherte er, nur ein blutjunger, ratloser Witwer, der sein Kind in die Obhut der Schwägerin gegeben hatte und später seine neue Familie nicht mit einem weiteren Mitglied belasten wollte. Dem Kind ging es gut dort, wo es war, es liebte seine Pflegeeltern, daran hatte der Großvater nicht rühren wollen und in eine Adoption eingewilligt. Fortan wurden die familiären Stränge in gegenseitigem Einvernehmen auseinandergehalten, auch finanziell. Das war alles.

Ob der Großvater es sich da nicht ein bisschen einfach gemacht habe, fragte ich meinen Vater, und ob er selbst nie neugierig gewesen sei auf die unbekannte Schwester, zumindest auf eine mögliche andere Version der Geschichte, aber er zuckte mit den Schultern, sagte, nein, und das sei nur eine von Tausenden solcher Geschichten aus dieser Zeit. Ich kannte meinen Papa gut genug, um ihn nicht weiter zu bedrängen, und so nahm ich mir vor, der Sache irgendwann selbst nachzugehen, was ich aber bald wieder vergaß, weil ich mich verliebt hatte und glaubte, Wichtigeres herausfinden zu müssen.

Bis mir dann eines Tages wieder einfiel, dass es diese vergessene Tante gab, und ich mich auf den Weg machte, einfach so. Na ja. So einfach auch wieder nicht.

Es gefiel mir zu sagen: »Ich fahre zum Palau.«

Nicht dass mich jemand danach gefragt hätte. Ich erzählte es dem Bäcker, der Zeitungsfrau, meiner Freundin Manu, die ihr Gästezimmer anderweitig benötigte. »Macht mir nichts aus, dann fahre ich eben so lange ins Palau«, sagte ich und probierte den Satz noch ein, zwei Mal, bis ich ihn selbst glaubte. Es klang weit weg, und da wollte ich hin, auch wenn es nur ein Wochenende und bloß die Ostsee war. Zu diesem Zeitpunkt wäre ich überallhin gefahren, wo nicht Hamburg auf dem Ortsschild stand, am liebsten ans Meer, und für die Reise nach Halsung reichte mein Budget gerade noch. Eine Tante im Hotelgewerbe könnte interessant sein, unter Umständen eine Chance, dachte ich, Hauptsache, erst einmal weg von hier.

Ursprünglich war es vielleicht ein Mangel an Alternativen, eine Verlegenheitslösung, eine Laune, wenn man so will, aber trotzdem: Ich habe sie mir ausgesucht.

Ausgerechnet Palau. Vor der Abreise hatte ich in Manus Computer nachgeschaut und eine Unmenge von Einträgen gefunden. Ich schaute mir ungefähr die ersten fünfzig an, Texte, Bilder, Videos. Es war alles dabei: Amateurtaucherfilme, Palmenstrände, Wasserfall, Südseeidyll, Moosgrün auf Azur, hübsch anzusehen. Ein One-Way-Ticket nach Palau, Mikronesien, Ende des Regenbogens, kostete anderthalbtausend Euro. Abgesehen davon hätte ich mir mit Freude eins gebucht, auf der Stelle. Den gelben Sonnenball auf himmelblauer Flagge wehen sehen, im lauwarmen Türkis schnorcheln und Delphine vorbeigleiten lassen, dagegen hätte ich wirklich nichts gehabt. Ich verbrachte eine Stunde mit Südseefantasien, bis mir wieder einfiel, was ich eigentlich suchte.

Es gab aber keine Informationen über ein deutsches Hotel mit Namen Palau.

Warum sollte jemand, der nicht einmal über eine Homepage verfügte, sein Haus nach einem südpazifischen Inselstaat nennen, wenn es am Rand eines Fischerdorfs an der holsteinischen Ostseeküste lag? Andererseits: Warum nicht? Der Name wirkte: Palau. Ein Wort, das sich um die Zunge dreht, wenn man es mehrmals hintereinander spricht: Palau, Palau, Palau, man kann kaum wieder damit aufhören.

Sie hatte es aus einem Gedichtband von Gottfried Benn:

Rot ist der Abend auf der Insel von Palau.

In der Schule war meine Freundin Manu wegen der Weigerung, einen seiner Texte zu interpretieren, einmal beinahe nicht versetzt worden. »Mit jemandem, der sich von den Nazis vor den Karren spannen ließ, muss ich mich nicht beschäftigen!« , hatte Manu der Deutschlehrerin entgegen geschleudert.

Ruth hatte gelacht, als ich ihr davon erzählte, und gesagt: »Alles in einen Topf werfen und durcheinanderbringen ist vielleicht ein Vorrecht der Jugend, aber glaub mir: So erhält man kein Menü, und niemand wird satt!« Ich starrte sie verständnislos an, aber sie lachte schon wieder ihr unverwechselbares Ruth-Gelächter: Laut und anfallartig, eher ein Gebrüll. Elisabeth sagte, sie habe ein Holzhackerlachen, das traf es.

Sosehr mir Ruth auch gelegentlich auf die Nerven gegangen ist, es gibt vieles, das ich vermissen werde.

»Die trunkenen Fluten fallen. Um die Insel von Palau«, hatte sie ein anderes Mal Herrn Benn zitiert, nachdem lediglich die Frage nach dem Wetterbericht gestellt worden war. Erst vor kurzem habe ich auch dieses Gedicht gefunden, dank eines aus Franks Bücherstapelwald herausragenden Lesezeichens: Die Fluten, die Flammen, die Fragen – und dann auf Asche sehn, steht da, und es erschreckt mich ein wenig, wenn ich daran denke, dass nicht einmal die Erwähnung eines Grabspruchs fehlt. Aber: Tu sais – du weißt, die Zeile steht da auch, und das hätte Ruth bestimmt nicht von sich behauptet.

Am Ende sind es nicht die Fluten gewesen, derentwegen das Palau gefallen ist.

Der Tod, die Trauer und das Feuer sind gekommen, wenn man es in Benn’scher Feierlichkeit sagen möchte, »bis auf die Grundmauern«, stand später in der Zeitung.

Und trotzdem: Es wird mehr bleiben als ein Haufen Erinnerungen, viel mehr als Zorn und Traurigkeit. Aus und vorbei sieht anders aus.

Ruth hätte gesagt: »Das liegt an dir.«

Eine Stunde Bahnfahrt bis Kiel, zwei weitere in diversen Bussen, den letzten verpasste ich in Halsung knapp.

Jetzt stand ich da im Aprilregen, den Rucksack geschultert, und fragte mich, was als Nächstes passieren würde. Schlimmstenfalls ein verregneter Tag am Meer mit Strandspaziergang, Fischbrötchen, frischer Luft. Das war auch nicht zu verachten. Zigaretten und Lesestoff hatte ich ausreichend. Der letzte Bus zurück fuhr um kurz nach sieben, mir blieb genug Zeit, zu prüfen, ob die Tante eine sein wollte und mit welcher Form von Gastfreundschaft sie das zeigen würde. Vielleicht lebte sie gar nicht mehr dort. Die Informationen meines Vaters über sie waren etliche Jahre alt, da konnte einer Frau, die über zehn Jahre älter sein musste als er, alles Mögliche geschehen sein, aber daran hatte ich nicht gedacht, als ich losgefahren war. Über ihren Tod hätte man uns wahrscheinlich informiert. Längst jenseits des Rentenalters, konnte die Tante sich aber zur Ruhe gesetzt haben und vom Hotelbetrieb nur noch die monatlichen Überweisungen an das Seniorenheim zur Kenntnis nehmen, oder gar nichts mehr. Ich wusste nicht einmal, ob sie Kinder hatte.

Ein Motorengeräusch ertönte, um die Ecke bog ein grauer Lieferwagen, auf den fröhliche Obststücke in Rot und Grün gemalt waren. Eine Birne grinste schräg zu der Sprechblase über ihr: LECKER! FRISCH! SAFTIG!

Mehr aus Gewohnheit hielt ich den Daumen raus.

»Ja, klar«, der Fahrer lachte, das Strandhotel kenne er, er liefere dort Montag und Donnerstag. »Steigen Sie ein.«

Die Art, wie er Strand-ho-tel betonte, musste nichts bedeuten, eine Eigenheit des hiesigen Dialekts vielleicht, oder er war schlicht ein launiger Typ oder das Anwesen seinem Geschmack nach zu protzig. Hauptsache, ich würde im Palau ankommen, noch heute, das mochte gut sein oder nicht, jedenfalls war ich nicht zum falschen Dorf unterwegs gewesen. Ich bedankte mich fürs Mitnehmen, wich der Frage, ob ich schon der erste Feriengast sei, mit einer Bemerkung übers Wetter aus und überlegte etwas zu lange, wie ich ihn unauffällig nach den Besitzern fragen könnte. Mitten auf der Landstraße stoppte der Wagen. Da Freitag sei, müsse er mich hier bei der Abzweigung rauslassen, es sei aber nicht mehr weit bis zum Hotel, immer der Nase nach, fünf Minuten maximal, viel Gepäck hätte ich ja nicht dabei, ich solle herzlich grüßen.

»Von wem denn?«

»Rufen Sie einfach in Richtung Küche: Grüße vom LFS. Die wissen dann schon.«

STRANDHOTEL PALAU 800 m, Pfeil nach rechts. Ich folgte ihm, ging auf einem asphaltierten Weg, mit dem der nicht allzu große Lieferwagen bei entgegenkommendem Verkehr seine Probleme gehabt hätte. Hier war nichts außer Weiden, vereinzelten Sträuchern, rechter Hand eine Baumgruppe, ein halb verfallener Schuppen, Hufspuren am Wegrand, feuchte Kälte, menschenleer.

Ein Aquarell im Haus meines Großvaters fiel mir ein, ich schob es beiseite. Landschaften wie diese gab es überall, ein begnadeter Aquarellist war der Großvater nie gewesen, und für Mutmaßungen oder Verschwörungstheorien hatte ich keine Nerven. Was die Tatsache, dass ich gerade durch den Nieselregen irrte, um mir eine unbekannte Halbschwester meines Vaters anzusehen, nicht eben vernünftiger machte. Schnapsidee, dachte ich, aber wenn ich schon mal hier bin.

Hinter dem Deich wurde das Meer sichtbar. Grau und regenverhangen näherte es sich, die Grenze zwischen Wasser und Himmel verschwamm. Als ich um eine Kurve bog, blies mir der Wind hart ins Gesicht, wehte die Kapuze vom Kopf, machte das Anzünden einer Zigarette unmöglich.

Hinter einer weiteren Biegung entdeckte ich das Haus.

Das Erste, was ich dachte, war: klein. Sehr klein, wenn man ein stattliches Hotel erwartet hatte. Es begann mit einem Stück Reetdach, aus dem im Weitergehen Gauben wuchsen, blaue Fensterläden, weißgetünchte Mauern, ein kleiner Parkplatz, Büsche, Wildrosen, nirgends die Aufschrift STRANDHOTEL, auch nicht, als ich direkt davor stand. Aber weit und breit keine Alternative zu diesem Gebäude: Es musste sich um das Palau handeln. Aus einem der Fenster im oberen Stockwerk hing ein Federbett bedenklich weit herunter, eine Männerstimme sang »Ich hab noch Sand in den Schuhen aus Hawai.«

Was sich als Eingangstür anbot, schien mir arg unscheinbar für den Zugang zu etwas, das den Namen Lobby verdiente. Hinter den Butzenscheiben war kein Licht auszumachen, niemand zu sehen.

Drei Klingelknöpfe übereinander, eingedrungene Feuchtigkeit hatte die Beschriftung aufweichen lassen, nur auf dem untersten war etwas zu entziffern: VON KROIX, das war nicht ihr Name. Meine Tante hieß nach ihrem Adoptivvater, Schuhmann, das stand aber nirgends. Sie hatte das Hotel verkauft, auch das konnte sein, man würde mir vielleicht dennoch etwas über die Vorbesitzerin erzählen können.

Ganz in der Nähe bellte ein Hund, die Männerstimme schmetterte jetzt »Mit meiner Balalaika war ich der König auf Jamaika.«

Ich ging weiter um das Gebäude herum, hoffte, dass sich noch ein Flügel dahinter anschloss, ein Anbau mit Suiten oder Ferienwohnungen, auf deren Holzveranden man die Aussicht auf das Meer genießen konnte, in verlassenen Liegestühlen die Rückkehr fürsorglicher Tanten erwarten.

Büsche wucherten bis dicht ans Haus, ich hörte Geschirr klappern, jemand brüllte »Tür zu!«, eine Radiostimme verkündete Sturmwetter zwischen Kiel und Fehmarn. Weiter entfernt die Töne einer Klaviermelodie, durchsetzt von anbrandendem Meeresrauschen. An der Seitenwand lehnte ein altes, tomatenrot gestrichenes Fahrrad mit brüchigem Ledersattel, daneben eine Plastikkiste, gefüllt mit verstaubten Kakteen, Stapeln von Blumentöpfen, den Resten eines Ficus, der grob vernachlässigt worden war. Ich drängte mich daran vorbei, vermutete, auf dem Pfad zum Personaleingang zu sein, was mir nicht unpassend vorkam. »Personal« war ich bis vor einigen Tagen auch noch gewesen, jedenfalls war ich als solches von der Steuer abgesetzt worden, soweit man den Aussagen meiner Arbeitgeberin glauben mochte. Ex-Arbeitgeberin. Zugegeben, sie war nicht zu Unrecht wütend gewesen, als sie brüllte: »Mit einer vom Personal! Und ich zahle auch noch die Unfallversicherung!«

Aber fairerweise hätte ihr Zorn eher ihn treffen müssen und, was mich betraf, weniger herablassend ausfallen können. Selbst schuld und saublöd, das Personal, dachte ich, saublöd.

Der fiese Geruch einer Industriespülmaschine war der erste Hinweis, dass es sich tatsächlich um einen Hotelbetrieb handeln könnte, verwehte aber gleich wieder. Zwei Milchglasscheiben mit verschwommener Durchsicht auf eine Batterie Dosen und Flaschen sprachen dafür, dass ich die Außenwand der Küche passierte. Als ich erwartungsvoll um die Hausecke bog, befand sich dahinter kein weiterer Gebäudeteil, kein Seitenflügel, keine Ferienanlage. Hier war Palau zu Ende.

Auf einer grünen Rasenfläche standen zehn bis zwölf Strandkörbe vor weißen Plastiktischen, dazu war das gleiche Modell Gartenstuhl gruppiert, wie es von Kopenhagen bis Kairo in jedem zweiten Haushalt zu finden ist. Mittig lagerte ein kniehoher Felsblock, an den ein Blechschild gelehnt war: GESCHLOSSEN.

»Na super«, murmelte ich und ließ die Schultern hängen, bis mir mit einer Windböe die Aussicht entgegenschlug: ein riesiges flaches Halbrund Küste, in wabernden Schattierungen von Grau bis Silber, die ganze Bandbreite satte Ostsee, ein bisschen Gischt und jede Menge Panorama.

»Eigener Strandzugang« wäre untertrieben gewesen; ich stand, obwohl noch in buchstäblich greif barer Nähe zum Haus, direkt am Meer. Das Rauschen übertönte alles, knallte mit dem Wind durch den Gehörgang direkt ins Hirn.

Das, dachte ich, das ist mal wirklich ein weiter Horizont! Für nicht einmal zwanzig Euro.

Wenige Meter hinter den Strandkörben befand sich die Uferböschung. Ein Wall aus Felsbrocken, durchsetzt von Wildrosensträuchern und Grasbüscheln, hielt die Wellen davon ab, die Sitzgruppen fortzuspülen, sich in die Fundamente des Hauses zu graben. Eine Treppe aus Felsplatten teilte den Wall, endete direkt im Wasser, das klatschte und spuckte und vor einer weiteren Annäherung warnte. Dies war das exakte Gegenteil von Südseeidyll.

Aber einer der besten Orte, an denen ich je gelandet war, und der angemessene Rahmen für meine reichlich angeschlagene Person. Ich atmete durch, nickte und war zufrieden wie lange nicht mehr, obwohl ich nicht wusste, warum.

Und plötzlich hatte ich keine Lust mehr, das zu gefährden.

Alte Tanten taugten als Grund für gar nichts, und der Scherbenhaufen der letzten Wochen musste auch nicht höher werden. Der Anblick des Strandhotel Palau ließ weder einen Wellnessbereich noch eine potentiell finanzkräftige Wohltäterin vermuten, und was hier umsonst zu kriegen war, hatte ich vermutlich bereits erhalten. Es hätte schlimmer kommen können. Ein oder zwei Stunden, so lange würde ich die Aussicht für die Wiederherstellung meiner Balance zu nutzen versuchen, Nässe, Wind und Kälte trotzen, mich dann auf die Suche nach einem geöffneten Café oder einer Imbissbude machen. Abends würde ich den Bus nehmen und weitersehen. Ich hätte einen Ausflugstag gehabt, an den ich gerne zurückdenken würde.

Ich ließ mich in einen der Strandkörbe fallen, zog den Schal fester um den Hals, holte mein Buch aus dem Rucksack, winkelte die Knie an und stellte erfreut fest, dass das Feuerzeug wieder mitarbeitete. Mir würde schon etwas einfallen, wo ich das Wochenende verbringen könnte, das hatte jetzt keine Eile, niemand würde mich hier vermuten, fürs Erste war ich so weit fort wie schon lange nicht mehr.

»Sie müssen die Fahne hissen!«

Der alte Mann war von den Knien an aufwärts zu sehen, er kam die Felstreppe herauf, als sei er den Wellen entstiegen. Das Wort »schaumgeboren« fiel mir ein, ich hatte Mühe, nicht zu grinsen.

»Wie bitte?«

Er fuchtelte wild mit einem Stock herum und schrie gegen die Brandung an, während er sich mir näherte: »Die Fahne! Sie müssen die Fahne hissen, wenn Sie etwas bestellen möchten. Da kommt sonst keiner.«

Ich sah mich um, ratlos, was der Alte meinen könnte, zuckte mit den Schultern, vielleicht ein Kriegstrauma.

»Sie befinden sich in einem Café«, fauchte er, inzwischen direkt vor mir. »Da können Sie nicht einfach herumsitzen und jemandem den Platz wegnehmen, ohne etwas zu konsumieren!« Er legte den Kopf schräg und schaute mit zusammengekniffenen Augen auf das Buch in meinem Schoß. »Na, immerhin lesen Sie.« Er räusperte sich. »Trotzdem!«

Nichts ist umsonst, dachte ich, nickte ergeben und deutete auf das Blechschild: »Tut mir leid, aber es ist geschlossen. Und außer mir ist hier doch keiner.«

Der Alte blickte von mir zu dem Felsblock und schüttelte den Kopf. »Immer dasselbe!« Er ging auf das Schild zu, klemmte es unter den Arm, schlurfte zum Haus, kramte einen alten Eisenschlüssel aus seiner Hosentasche und verschwand in einer Tür, die scheppernd hinter ihm zuschlug. Keine Minute später tauchte er wieder auf, das Schild unter dem anderen Arm, schlurfte zum Stein und lehnte es dagegen:

CAFÉ GEÖFFNET!

Er trat einen Schritt zurück, betrachtete sein Werk, rückte das Schild gerade und warf einen undefinierbaren Blick über die Schulter in meine Richtung, bevor er wieder zur Tür schritt.

»Hissen Sie die Fahne!«

Es schepperte noch einmal.

Ich schaute mich erneut um und sah einer großen Möwe bei der Landung auf dem Nachbarstrandkorb zu. Erst jetzt bemerkte ich, dass auf jedem der Körbe ein Rundholz angebracht war, antennenartig, mit einer Kordel versehen, die sich daran entlangspannte und durch ein kleines rechteckiges Stück Stoff gezogen war. Ein Wimpel in Blau-Weiß-Rot, mehr war es nicht, aber er ließ sich zweifellos mittels der Schnur hoch-und runterbewegen, »hissen« war also möglich. Nur wollte ich gar nicht, dass jemand kam.

Die Möwe sperrte ihren Schnabel auf, gab einen schrillen Laut von sich. »Hiss selber die Fahne, Vogelviech!« Sie legte den Kopf schief, dem Alten verblüffend ähnlich, und sah mich an, als würde sie vergeblich auf etwas warten, das sie sich von meiner Anwesenheit versprochen hatte. Ich seufzte, stand auf, schulterte meinen Rucksack, der Vogel erhob sich kreischend und verschwand.

Bei einem halb verfallenen Jägerzaun am Ende des Grundstücks sah ich ein weiteres Schild, kleiner, aber im gleichen Blau mit weißer Schrift gemalt wie die anderen beiden. Dieses war jedoch angeschraubt:

PRIVATWEG!

BETRETEN WIDERRUFLICH AUF EIGENE GEFAHR.

STEINE SAMMELN VERBOTEN!

DIE EIGENTÜMERIN.

Es las sich herrschaftlich-aristokratisch: »Die Eigentümerin«. Ihre Durchlaucht, Gräfin von und zu Kroix, gibt sich die Ehre, die Grenzen ihrer Besitztümer zu markieren: Hände weg von meinen Ländereien, hier gibt es nichts zu holen, die Steine werden täglich nachgezählt! Mir fiel ein, was Markieren im Tierreich bedeutete. Die Methode hier roch wenigstens nicht.

Der schmale Pfad drückte sich an der Uferböschung entlang, weiter hinten war eine kleine Ansammlung von Häusern zu erkennen, das Dorf, wie ich vermutete. Ich hob einen Kiesel mit zweifarbigen Einsprengseln auf. Er lag gut in der Hand.

Nach einigen hundert Metern passierte ich einen weiß-roten Schlagbaum, nahe dem ein Holzhaus, eigentlich mehr eine Hütte stand. Sie schien bewohnt zu sein. In den Fenstern standen Tontöpfe mit Kräutern, auf der Eingangsstufe lag, achtlos hingeworfen, ein Paar schmutzige Lederstiefel mit Schnalle am Schaft, wie man sie auf alten Motorrädern trug. Die Läden waren im gleichen Blauton gestrichen wie die vom Palau. Im Vorgarten lag ein hölzernes Ruderboot zwischen gepflegt aussehenden Gemüsebeeten. Hinter dem Schlagbaum wandelte sich der holprige Strandpfad in einen gepflasterten, säuberlich mit Randsteinen befestigten Weg. Ich wollte bis Halsung laufen, man konnte sich, das Meer zur Linken, nicht verirren, und Zeit hatte ich ja, mehr als mir lieb war.

Was, wenn ich einfach immer weiterliefe, über Halsung und seine Bushaltestelle hinaus, an Fehmarn vorbei, der Küste entlang, runter bis zur Lübecker Bucht? Anheuern, dachte ich, das wäre keine schlechte Idee. Die Hafengesellschaft würde schon jemanden zum Gemüseputzen brauchen, auf einem Frachter Richtung Helsinki, wo der dicke, gelbe Kümmelschnaps hilft, das Vergessen zu beschleunigen. Mein alter Traum von der Reise als Lebensform würde wahr werden, jetzt oder nie, stellte ich mir vor, ins immerwährende Verschwinden, ohne Erklärung, ohne Abschied, ohne Spur. Wenn schon Palau nicht ging, dann das. Wie lange bräuchte man für rund hundert Kilometer Fußmarsch bis zum Hafen, überlegte ich, vier, fünf Tage? An Bahnhöfen schlafen, mit niemandem sprechen, eine stumme Landstreicherin, auf dem Weg ins finnische Nirgendwo.

Lächerlich.

Ein trauriger alter Traum mit neunundzwanzig, wenn das kein Indiz war.

Mädchen, die mit mir zur Schule gegangen waren, verfügten inzwischen über akademische Abschlüsse, ein bis zwei Kinder, sie bewohnten Doppelhaushälften oder Altbauwohnungen mit Stuck, waren längst keine Mädchen mehr, hatten Träume verwirklicht und einige bereits aufgegeben, aber statt ihnen nachzutrauern buchten sie tröstliche Flüge auf die Malediven, vom Urlaubsgeld, das hatten sie sich verdient, sie malochten und sparten und gingen planvoll mit ihren Finanzen um, wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause. Ihre Kinder waren süß, ihre Männer scharf: auf sie und nicht aufs Kindermädchen.

Man kann sagen, dass ich an diesem Tag in keiner optimistischen Grundstimmung war. Wie es aussah, würde ich an meinem dreißigsten Geburtstag arbeitslos, alleinstehend und auf Wohnungssuche sein und komplett selbst daran schuld.

Eine, die in der Abiturzeitung als »Katia, unser Kauz« bezeichnet worden war und in den folgenden zehn Jahren nichts dazu beigetragen hatte, diesen blödsinnigen Titel loszuwerden, im Gegenteil. Man würde beim silbernen Klassentreffen auf mein Foto zeigen, fragen »was ist aus der eigentlich geworden?«  – »Ach, die Katia«, würde einer über den Rand seines Proseccoglases ätzen, »sie wurde zuletzt gesehen mit einem Rucksack am Skandinavienkai in Lübeck. Gab es damals nicht so eine Affäre?« Und alle würden schauen, als hätten sie es immer schon geahnt, dass diese Katia es nicht bringen würde.

Nach der Beerdigung habe ich Elisabeth von diesem ersten Tag an der Küste erzählt und dass ich eigentlich schon wieder weg war. Wir überlegten, wie Ruth meinen Wunsch nach einsam-obdachloser Wanderung ins Verschwinden kommentiert hätte. Ich vermutete, sie hätte nur »Papperlapapp!« geblafft, begleitet von der gleichen energischen Geste, mit der sie die großen Fenster im Frühstücksraum putzte, einmal hin, einmal her, wisch und weg, der Radius erstaunlich groß für eine so kleine Frau. »Alte Träume und Nirgendwo«, hätte sie geknurrt, »glaubste ja selber nicht, den Quatsch!« Sie hätte es mir noch nachträglich aus dem Kopf gegrantelt, ihre spitzen Fingerknochen auf meinen Schädel knallen lassen, »Herrgott, werd mal erwachsen, Hasenhirn«, und wir hätten uns gemeinsam über meine Albernheit amüsiert. »Ja«, sagte Elisabeth, »so wäre es gewesen.«

Eigentlich bin ich schon wieder weg gewesen, schätzungsweise einen Kilometer.

Ein schwarz-weißer Vogel mit leuchtend rotem Schnabel flog auf und gab einen schrillen Triller von sich, der mich erschreckte. Meine Jacke zeigte sich dem Wind nicht gewachsen, ließ mir die Kälte auf die Haut und darunter kriechen. Ich überlegte, wen ich zuerst anrufen könnte, stellte fest, dass mein Akku leer war und nicht mal mehr ein schwaches Aufleuchten zustande brachte. Ich nahm mir vor, mit dem Bus bis Kiel zu fahren, von da aus den Zug nach Berlin zu nehmen, zu meinem Vater, bevor ich mir auf der Wanderschaft noch eine Lungenentzündung holte, davon hatte auch niemand was.

Wie es dazu kam, dass ich an diesem Tag schließlich doch das Palau betrat, kann ich nicht genau erklären. Es wurde zunehmend kälter, der Regen hatte wieder eingesetzt, vielleicht war es die Aussicht auf einen Kaffee, für den ich meine Identität nicht unbedingt preisgeben müsste, oder der Gedanke an die Erklärung, die ich meinem Vater schuldig wäre, wenn ich am späten Abend unangemeldet mit der Bitte um einen Schlafplatz bei ihm klingelte. Möglicherweise hatte ich auch bereits eine Ahnung von der Eigenartigkeit dieses Ortes und wollte schauen, was innerhalb der Mauern daraus wurde.

Die Tür, durch die der Alte ins Haus verschwunden war, fand sich unverschlossen. Dahinter sah es auf den ersten Blick nicht nach Hotel aus, bestenfalls ein wenig und sehr anders als in meiner von den Erfahrungen eines gelegentlich mitreisenden Kindermädchens geprägten Vorstellung. Aber es war geheizt, angenehm warm, das reichte für den Augenblick. Meine Augen benötigten eine Weile, um sich an das Dämmerlicht im Inneren zu gewöhnen. Ich befand mich in einem nicht allzu großen Raum, von dem einige Türen abgingen. Dielen aus dunklem Holz, teilweise belegt mit orientalisch aussehenden Teppichen, gaben dem Ganzen etwas von der Atmosphäre eines Wohnzimmers, es knirschte gedämpft unter den Füßen. Eine breite Holztreppe wand sich ins obere Stockwerk, auf dem Absatz stand eine antike Truhe mit Metallbeschlägen, für die ich als Kind notfalls gemordet hätte. Seeräuberbeute, Schrumpfköpfe, Gold und Edelsteine, blinde Passagiere, ich selbst, alles wäre in dieser Kiste versteckt worden. Ich hätte sie auf einer Südseeinsel in Opas Garten verbuddelt und genau im richtigen Moment wieder ausgegraben: einen vergessenen Schatz, der es der Heldin möglich machen würde, fortan unbehelligt und frei zu leben. Wie sich später herausstellte, war Bettwäsche drin.

Das Gebilde an der Seitenwand mochte früher als Schrank mit vorspringender Anrichte gedient haben, jetzt waren zwischen gewundenen Säulen und Schnitzereien, statt Seitenwänden und Türflügeln, Glasscheiben und ein Tresen eingebaut, was sich erstaunlich gut zu einem kleinen Empfangsbereich zusammenfügte: eigenwillig, aber sicher tauglich als Rezeption. Auf einem Tischchen stand ein Plexiglasbehälter mit Postkarten, Prospekten der Ostsee-Touristik, Wanderkarten, kopierten Faltblättern, Willkommen im Strandhotel Palau.

Ich schaute neben dem Empfang durch die Butzenscheiben, die ich vorher nicht als Eingang hatte gelten lassen wollen. Jemand hatte sich hier der Kunst des Malens von Botschaften verschrieben: TÜR BITTE FESTHALTEN! DURCHZUG!

In der blankpolierten Rezeptionsklingel spiegelte sich die Schnauze einer imposanten getigerten Katze. Sie lag lang ausgestreckt auf dem Empfangstresen und schlief, ohne mich zu bemerken. Wo früher die hintere Schrankwand gewesen sein musste, führte eine offene Tür von der Rezeption in einen kleinen Büroraum. Mit Schreibtisch, Drehstuhl, Zetteln und Papieren war er mehr als voll, aber nicht chaotisch. Es wirkte straff organisiert, was sich da verteilte und bündelte, als hätte jemand aus dem Minimum an Platz das Maximum an Ordnung herausgeholt: Stapel in verschiedenen Größen auf Kante, Ablagen, Fächer, Klebenotizen, alles unter der Herrschaft des rechten Winkels. Es wirkte trotzdem nicht pedantisch, was an sich schon bemerkenswert war. Einige Sekunden dauerte es, bis mir auffiel, was an dem Anblick nicht stimmte: Der Computerbildschirm fehlte. Es gab auch nicht den kleinsten Hinweis auf elektronische Datenverarbeitung. Nicht einmal die Schreibmaschine sah aus, als ob sie einen Stecker hätte. Eine Art schwarzes Brett füllte die Wand über dem Schreibtisch, dort konnte man mit kleinen farbigen Steckkärtchen die Zimmerbelegungen kenntlich machen. Auch wenn sich mir das System nicht auf Anhieb erschloss, merkte ich, dass derzeit nicht ausgebucht war, eher das Gegenteil. Ich zählte zwölf Zimmer. Unter den einzelnen Nummern stand handgeschrieben etwas, das ich auf die Entfernung nicht entziffern konnte. Ein langer vergilbt-grauer Kartonstreifen blockierte Zimmer elf für den gesamten April, Mai und Juni. Ein Langzeitgast oder Renovierungsarbeiten, dachte ich, jetzt war ja bestenfalls Vorsaison. Auf der Innenseite des Tresens lag ein Stapel Post, den ich vorher nicht bemerkt hatte, sieben oder acht Briefe. Ich trat einen Schritt heran, um die Adresse auf dem obersten Etikett zu entziffern. Die Katze hob den Kopf, fixierte mich mit senfgelben Augen, in denen das Wort Sicherheitsabstand geschrieben stand. Zum Glück bin ich weitsichtig.

Absender: Barmer ErsatzkasseAn Frau Ruth SchuhmannHOTEL PALAUSeestraße 23

Bis dahin war sie nur eine Geschichte aus dem Mund meines angetrunkenen Vaters gewesen, jetzt gab es sie, die Tante: Da lag der schriftliche Beweis. Wer von einer Krankenversicherung angeschrieben wurde, existierte. Und wenn ihr eventuell vorhandene Söhne oder Töchter nicht die Post ins Heim brachten, dann wohnte sie noch hier und konnte jederzeit vor mir stehen. Auf einmal fand ich das ziemlich beunruhigend.

Was würde mein Vater zu der Aktion sagen? Womöglich könnte er es für Initiative meinerseits halten, und darüber würde er sich in jedem Fall freuen. Hunger hatte ich auch.

Als ich mich der Rezeption weiter zu nähern versuchte, begann der Schwanz der Katze sich hektisch hin und her zu bewegen und fegte ein kleines Stück Pappe zu Boden, das an der Glasscheibe gelehnt haben musste. Das Tier legte die Ohren zurück und gab einen knurrenden Laut von sich, der mich davon absehen ließ, die Hand in seine Richtung auszustrecken, die Klingel zu betätigen oder mich nach der vermeintlichen Botschaft zu bücken.

»Hallo? Ist jemand da?«

Sachte ließ ich den Rucksack zu Boden gleiten.

»Können Sie nicht lesen?«, brüllte es von irgendwoher. »In der Kajüte gibt’s heißen Tee.«

Ich schreckte hoch, die Katze fauchte bösartig.

KOMBÜSE/KAJÜTE stand in Großbuchstaben aus Bronze über einem der Türstürze. Zwei Stufen, ein verwinkelter Flur mit Garderobe, links eine weiß gestrichene Tür, rechts eine in dunklem Holz. Hinter der Holztür dudelte Musik. Sanfte Trompetenklänge, begleitet von Flöte und Klavier, wanden sich trübsinnig um eine Melodie, die mir bekannt vorkam. Ich blieb stehen, lauschte, jetzt ein Saxofon: If you could see me now. Mein Vater liebte solches Zeug. Dieser Trompeter, Baker, hatte sich in Amsterdam aus einem Hotelfenster zu Tode gestürzt, Drogenrausch, Nervenkrankheit oder sonst etwas Schreckliches, ich hatte nicht danach fragen wollen. Es war das erste Mal, dass ich meinen Vater weinen sah: Er saß über die Zeitung gebeugt, Tränen liefen seine Wangen hinunter, und ich stand klein und hilflos vor ihm, bis er sich mit dem Ärmel durchs Gesicht wischte und zur Stereoanlage ging. My funny valentine. Jeden Sonntagnachmittag hatte sich das Stück von seinem Arbeitszimmer aus im ganzen Haus breit gemacht, und spätestens mit dreizehn war er mir damit unsäglich auf den Geist gegangen. Einmal hatte ich Musik dagegengeknallt, die Boxen auf den Treppenabsatz gestellt, aufgedreht, The Notwist bis zum Anschlag. Mein Vater war die Treppe heraufgestürzt, schrie etwas; ich deutete mit dem Finger auf meine Ohren, auf die Boxen, zuckte bedauernd mit den Schultern. Er machte drei große Schritte durch mein Zimmer, drehte am Lautstärkeregler und stöhnte auf: »Was soll das denn?«

»Think for yourself.«

»Wie bitte?«

Er sah ärgerlich aus.

»Das Lied«, sagte ich, »das heißt so. Think for yourself, ich kann nichts dafür.«

Das Gesicht meines Vaters entspannte sich, ein breites Grinsen erschien neben seinem erhobenen Zeigefinger. Dann haben wir uns vor Lachen nicht mehr eingekriegt. Zwei Tage später kam er abends gutgelaunt mit einer großen roten Plastiktüte nachhause, zwei Kopfhörer darin. »Mit extra langem Kabel, für jeden einen«, triumphierte er und streckte mir die Hand entgegen, »auf dass Friede sei.«

Papas Wochenend-Jazz kam hier so unerwartet, dass es fast tröstlich war. Ich drückte gegen die Tür mit der Aufschrift KAJÜTE. Ein Schankraum mit Holzstühlen, rot gepolsterten Sitzbänken, Kerzen in alten Messingleuchtern auf rustikalen Tischen. Die Wände inklusive Decke waren mit Holz verkleidet, als befände man sich tatsächlich unter Deck. Bilder hingen rundum, in jeder Größe und Machart: Ölskizzen, Zeichnungen, Stillleben, Urkunden, gerahmte Notizzettel, signierte Fotos. Dazwischen Gegenstände, die nautisch anmuteten: Seile mit Knoten, Navigationsgerät, Muscheln, Strandgut, eine verstaubte Lampe in der Form eines Störtebeckerschiffs, flankiert von Glühbirnen in Kerzengestalt. Das Sammelsurium als Gestaltungsprinzip zeugte nicht gerade von vornehmer Zurückhaltung, war aber abwechslungsreich, was in einer Kneipe ja nicht schadet.

Draußen erschien die Strandkorbgruppe vor dem Hintergrund eines Streifens Ostsee unter zunehmend verregnetem Himmel, beides zwei Graustufen dunkler als noch vor zwanzig Minuten. Auf den Fensterbänken lagen vereinzelt Bücher, gebundene Ausgaben, die an den Rücken mit Nummern versehen waren, als handelte es sich hier um den Leseraum einer Bibliothek. Die Theke wurde von zylinderförmigen Glaslampen in Orange beleuchtet, für die man in Hamburg sicher einen Haufen Geld hinlegen müsste. Der brüchige Zustand der Kabel ließ eher auf hängen gebliebene Originale als auf retrodesignte Stücke aus dem »Live & Style« schließen, wie sie im Haus meiner letzten Arbeitgeber hingen.

Das Ostholsteinische Tagblatt titelte einen Unfall mit Sachschaden beim Eckernförder Drachenfest, die Kieler Nachrichten und die FAZ hatten andere Sorgen.

Über der Zapfanlage wartete die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in Gestalt eines Bootsrumpfs, dessen Geldschlitz für normal gewachsene Mitteleuropäer unerreichbar war, auf Spenden. Eine Glocke baumelte neben Plaketten für BECKS Spitzen-Pilsener von Welt oder Haake-Beck naturtrübe Spezialität vom untersten der Regalbretter, auf dem sich Schnapsflaschen an eine Reihe Einmachgläser mit verschiedenen Früchten und Kräutern in durchsichtiger Flüssigkeit anschlossen. Eine Lage darüber: bunte Packungen mit Erdnüssen, Käsecrackern und Salzstangen.

Auf diesem Schiff ist der Kälte gut trotzen, dachte ich, Bücher, Bier, Schnaps, ÜLTJE- Tüten en masse und die Heizung voll aufgedreht.

Es roch nach etwas, das ich nicht identifizieren konnte, obwohl mir die Komponenten vertraut vorkamen: Küchendunst versetzt mit Räucherwerk, Möbelpolitur, Frittierfett, Alkohol, keine Ahnung. Dazu Papamusik. Ich fiel aus der Zeit bei solchen Mixturen, sie kamen von viel zu weit her.

Originalausgabe

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2011 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

eISBN 978-3-641-09752-3

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