Das Ministerium der Welten - Band 1: Der Riss - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Die Welt wird von Geistern und Monstern überrannt. Es gibt nur eine Organisation, die sich ihnen entgegenstellt: das Ministerium der Welten. London, 1925: Die junge Detective Melody Hampton wird zu einem Tatort gerufen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, wenn da nicht die äußerst merkwürdige Leiche wäre. Für Melody, die noch nie mit Geistern zu tun hatte, ist klar: Der Fall gehört in die Hände des Ministeriums. Ihr werden River Fields und Norrick Lynch zur Seite gestellt, die beiden besten Jäger des Ministeriums. Gemeinsam versuchen sie, dem unmenschlichen Mörder auf die Spur zu kommen, bevor er außer Kontrolle gerät. Doch Melody muss bald erkennen, dass das Ministerium mit ganz eigenen Regeln spielt.

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Seitenzahl:183

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Beliebtheit


Table of Contents

Titelseite

Prolog

1. Séance

2. Hey-Ho, here we go!

3. The Crack

4. Cold Girl Fever

5. Shifter

6. Dead Man’s Bones

7. Tea With The Devil

8. At Your Door

9. Some Sort of Creature

10. The Accident

11. Redrum

Das Monster-Wiki

Nachrichten aus dem Ministerium

Impressum

Das Ministerium der Welten

Band 1

»Der Riss«

von Luzia Pfyl

 

Prolog

Aus den Archiven des Ministeriums

 

Dies sind die Aufzeichnungen von Bruder Benedikt, Hüter des Bistums Basel, auf dass diejenigen, die nach ihm kommen mögen, diese Worte als Warnung verstehen.

 

Basel, Oktober 1356

 

Es war am Lukastag im Jahre des Herrn 1356, als ich zu später Stunde im Münster eintraf. Der Regen hatte einige Straßen entlang des Rheins unpassierbar gemacht, weswegen sich meine Ankunft um mehrere Tage verzögert hatte. Ich war erschöpft von der langen Reise, doch nun hatte ich die Kathedrale endlich erreicht.

Als ich durch den Kreuzgang der Kathedrale ging, brach die Nachmittagssonne durch die Wolken und flutete die Fenster mit goldenem Licht. Mein Gemüt erhellte sich, denn ich fühlte die Wärme der Sonne auf meinen steifen Gliedern, und ich war von großer Zuversicht erfüllt, dass ich meine neue Aufgabe hier zur Zufriedenheit des Bischofs erfüllen würde.

Im Kreuzgang erwartete mich Vater Anselm. Er war ein von Gicht geplagter, alter Mann, doch er hatte ein freundliches Gesicht und einen festen Händedruck. Wir gingen gemeinsam durch den Kreuzgang hinaus auf die Pfalz, unter der der mächtige Rhein dahinfloss.

»Ihr ward sehr zurückhaltend in Euren Briefen, Vater«, sagte ich.

Anselm verschränkte die Hände auf dem Rücken und schaute über das Wasser. »Briefe können unterwegs geöffnet und gelesen werden, mein Freund«, erwiderte er. Er drehte sich zu mir um. »Folgt mir, Benedikt. Ich zeige Euch Euren Arbeitsplatz.«

Ich war müde von der beschwerlichen Reise, aber so neugierig und aufgeregt, weil ich noch immer nicht wusste, woraus meine neue Aufgabe bestand, dass ich ihm bereitwillig folgte. Im Kloster hatte man mir lediglich gesagt, dass der Bischof in Basel einen neuen Hüter brauche, woraufhin man mich entsandt hatte.

Hüter für was?

Vater Anselm führte mich durch die Galluspforte hinein in das Münster. Der helle Sandstein der massiven Säulen, die die hohe, gewölbte Decke trugen, warf das Sonnenlicht zurück, das durch die schmalen Fenster und die Rosette über der Pforte fiel, die wir gerade durchschritten hatten. Ein herrliches Gebäude! Ein würdiges Haus Gottes! Nicht zu vergleichen mit der kleinen dunklen Kirche, die zum Zisterzienserkloster meiner Heimat gehörte.

Zu meinem Erstaunen öffnete Anselm die Pforte zur Krypta. Die Bewegungen mit seinen gekrümmten Fingern bereiteten ihm ganz offensichtlich Schmerzen. Ich beeilte mich, ihm zur Hand zu gehen und die schwere Tür für ihn aufzustemmen. Er gab mir eine Laterne mit einer Kerze darin und wir stiegen unter den Chor.

Eine kühle Trockenheit lag in der Luft. Das Gewölbte ragte hoch empor, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorzustellen vermögen. Heiligenbilder prangten auf den Rundbögen und zeugten von höchster Handwerkskunst.

»Alles, was ich Euch nun zeige, muss unter uns bleiben«, sagte Vater Anselm. Seine Stimme wurde dumpf von den dicken Wänden zurückgeworfen. »Der Bischof wird einen Eid von Euch verlangen, sobald er aus Straßburg zurück ist, aber für heute reicht mir Euer Wort.«

Ich nickte, auch wenn mir das Herz dabei schwer wurde. Was war so geheimnisvoll, dass ich es niemandem erzählen durfte?

»Ihr seid der neue Hüter«, fuhr Anselm fort, während wir über eine steile Wendeltreppe hinunter auf eine weitere Ebene stiegen. »Als Hüter ist es Eure Aufgabe, die alten Aufzeichnungen zu bewahren und zu kopieren.«

»Alte Aufzeichnungen?« Alle Schriftstücke wurden doch in der Bibliothek des Bischofs aufbewahrt. Warum aber führte mich Vater Anselm durch die Krypta?

Er schaute mich ernst an und räusperte sich. Wir befanden uns mittlerweile tief unter dem Chor. Das Gemäuer wirkte noch älter und die Luft war staubtrocken, als wäre seit Jahrhunderten kein frischer Wind hierher gelangt. Die Laterne in meiner Hand spendete nur spärlich Licht und ein unwillkürlicher Schauer durchfuhr meinen Körper.

»Am besten beginne ich am Anfang, Bruder Benedikt, damit Ihr mir folgen könnt. Bevor es diese Kathedrale gab, standen bereits zwei Kirchen auf diesem Hügel. Der älteste Bau wurde von den Magyaren zerstört und bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Als man sie wiederaufbauen wollte, fand man unter dem Fundament der zerstörten Kirche noch ältere Mauern. Wir befinden uns nun in der alten Krypta jener ersten Kirche.« Er machte eine schwenkende Handbewegung und ging weiter. »Die noch älteren Mauern gehörten zum Kastell der Römer, das einst an genau dieser Stelle gestanden hat.«

»Davon habe ich schon gehört«, antwortete ich. »Gab es nicht auch einen heidnischen Tempel auf dem Hügel?«

Vater Anselm nickte anerkennend und schritt durch einen alten Torbogen, dessen Eisengitter er aufgeschlossen hatte. Erstaunt blieb ich stehen, als sich über mir die Decke plötzlich weit öffnete. Anselm nahm die Kerze aus der Laterne und zündete mit ihr mehrere Fackeln an, die in eisernen Halterungen an den uralten Steinwänden befestigt waren.

»Hinter Euch befindet sich das Kastell, der Boden, auf dem wir gerade gehen, gehörte jedoch zum Tempel«, sagte Anselm. Eilig machte ich ein Kreuz vor der Brust, was dem alten Mann ein Lächeln entlockte. »Keine Sorge, Bruder Benedikt, die heidnischen Götter der Römer sind längst vergessen. Kommt.«

Er ging voran und blieb in der Mitte des erstaunlich großen Raumes stehen. Das flackernde Licht der Fackeln spiegelte sich auf einer ovalen Metallplatte, die in den Boden eingelassen war. Heidnische Motive waren darin eingelassen, Eulen und Schlangen, nackte Kämpfer mit Schwertern und nymphenhafte Frauen mit wallenden Gewändern.

Unauffällig bekreuzigte ich mich ein weiteres Mal, doch mein Blick war wie gefesselt. »Befindet sich darunter ein alter Brunnenschacht?«, fragte ich, obwohl das eiserne Oval eigentlich viel zu groß dafür war.

»In den Aufzeichnungen steht, dass die Römer damals, als sie den Tempel und das Kastell errichtet hatten, auf einen Riss in der Erde gestoßen sind.« Anselm ging zu einem langen Tisch, den ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht bemerkt hatte. Hinter dem Tisch reihten sich lange Regale an der Wand, in denen eine Unmenge an Pergamentrollen lagen. Er zog eine der dicken Rollen heraus, Staub wirbelte auf. Neugierig trat ich näher. »Aus dem Riss trat ein seltsam grüner Nebel, der in der Nacht Geister mit sich brachte. Zuerst bauten die Römer den Tempel, um den Nebel an der Ausbreitung zu hindern, dann versuchten sie, den Riss mit Erde zuzuschütten.«

Vater Anselm entrollte vorsichtig das uralte Pergament. Blasse Zeichnungen waren zu sehen und wieder fuhr mir ein Schauer durch den Körper. Die altlateinischen Worte konnte ich mühelos übersetzen und hastig machte ich wieder ein Kreuzzeichen. Das, was da geschrieben stand, war ganz und gar heidnisch, wenn nicht sogar Hexenwerk!

»Vor neunhundert Jahren, kurz bevor die Römer das Kastell aufgaben, verschloss man den Riss mit dieser Eisenplatte.« Anselm deutete hinter mich auf den Boden. »Die Priester des Tempels gaben die Schlüssel zu diesem Raum an die ersten christlichen Priester weiter, damit sie das Geheimnis bewahrten. Die Römer glaubten, dass dies ein Zugang zur Unterwelt war und dass dieser für die Ewigkeit verschlossen bleiben musste.«

Ich merkte kaum, dass Anselm geendet hatte, denn ich starrte mit Schrecken auf das Pergament, auf die Zeichnungen und die Worte darunter, die von Tod und Verderben sprachen.

»Bruder Benedikt«, sagte Anselm und unterbrach damit die Stille, wodurch er mich aus meiner Starre löste. »Eure Aufgabe ist es, diese alten Aufzeichnungen zu kopieren, damit sie nicht von der Zeit verschlungen werden. Meine Krankheit zwingt mich, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen.«

»Ihr glaubt doch nicht wirklich an diese Geschichte, oder?«, fragte ich ihn in einem Anflug von Zweifel. Die Römer waren zwar ein großartiges Volk gewesen, doch ihr Glaube war heidnisch. »Warum macht Ihr Euch die Mühe, diese Dokumente hier unten aufzubewahren, wenn Ihr doch eine Bibliothek besitzt, in der sich vortrefflich arbeiten lassen würde?«

Anselm schaute mich lange an und ich war mir nicht sicher, ob in ihm der Verdacht keimte, dass das Kloster möglicherweise nicht den richtigen Mann für die Aufgabe geschickt hatte. »Ich habe damals dasselbe gefragt, als ich in Eurem Alter hierherkam und der neue Hüter wurde«, sagte er dann jedoch. »Wenn Ihr lange genug hier unten gearbeitet und Euch mit den Dokumenten befasst habt, werdet Ihr merken, dass ein Funken Wahrheit in dieser Geschichte steckt. Glaubt mir.«

Die letzten Worte sagte er mit solchem Ernst, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten. Auf einmal zweifelte ich selbst daran, ob ich diese Aufgabe annehmen wollte.

»Genug für heute«, sagte Anselm und rollte die Pergamentrolle wieder zusammen. »Ihr müsst sehr erschöpft sein von Eurer Reise, Bruder.«

Ich nickte und wir fingen an, die Fackeln zu löschen, bis das einzige Licht nur noch von meiner kleinen Laterne herrührte.

Wir schritten gerade an der ovalen Platte vorbei, als plötzlich die Erde unter unseren Füßen zu beben begann. Wir wurden von einem heftigen Stoß umgeworfen, die Kerze meiner Laterne erlosch. In der Dunkelheit hörte ich ein Grollen und Donnern, das aus den tiefsten Tiefen der Erde direkt unter uns zu kommen schien.

Ich hörte Anselm schreien und schrie selbst. Das Deckengewölbe stürzte ein und immer noch bebte die Erde. Ich kroch auf Händen und Füßen zurück zum Tisch, der hoffentlich etwas Schutz bieten würde. Steine trafen mich, Staub wurde aufgewirbelt.

Als ich unter dem Tisch kauerte, hörte ich durch das dumpfe Grollen etwas zerbersten. Durch das Licht, das durch das auf einmal offene Deckengewölbe hereindrang, sah ich entsetzt, dass die Metallplatte in der Mitte auseinandergebrochen war.

Das Erdbeben hörte so unerwartet auf, wie es gekommen war. Ich hustete und war völlig orientierungslos. Ein Teil der alten Krypta war komplett eingestürzt, als der Chor darüber zusammengefallen war.

»Vater Anselm!«, rief ich und kroch unter dem Tisch hervor. »Vater Anselm!«

Sein Bein war alles, was unter den Felsbrocken hervorschaute. Der Schutt hatte ihn begraben. Ich sackte in die Knie.

Hinter mir brach die Metallplatte mit einem lauten Krachen endgültig auseinander. Am ganzen Körper bebend drehte ich mich um. Angst packte mich und obwohl ich bisher nicht gänzlich an die Geschichten des alten Mannes geglaubt hatte, trieb die Neugierde mich näher heranzutreten.

Die Platte war nicht in die dunkle Spalte gefallen, die sich unter ihr aufgemacht hatte, sondern hing an den Rändern des Risses. Wie tief dieser war, konnte ich nicht sagen, obwohl ich mich direkt darüber befand.

Was nun geschah, werde ich nie vergessen, denn die Bilder verfolgen mich seither durch alptraumgeplagte Nächte.

Aus den dunklen Tiefen stiegen auf einmal feine Schwaden, wie zu dicke Luft. Sie schimmerten grünlich im Halbdunkel der zerstörten Krypta. Ich fuchtelte mit den Händen und sprang zurück. Die merkwürdigen Nebelschwaden krochen und schraubten sich immer weiter in die Höhe. Sie wickelten sich um meine Glieder und zerrten an mir, bis ich mich schreiend losreißen konnte.

Dann hörte ich ein kreischendes Wehklagen, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Eine weiße Gestalt schwebte mit dem Nebel aus dem Riss an die Oberfläche. Ihr Gesicht war das Schrecklichste, was ich jemals gesehen hatte. Tote, hohle Augen, das Grinsen eines Totenschädels.

Anselms Worte hallten in mir wieder. Die Unterwelt. Geister.

Sie kommen.

 

*

 

Aus den Tagebüchern von Samuel Irving:

 

Antwerpen, Flandern, 16. August 1667

 

Während ich im Hafen von Antwerpen auf das Schiff warte, das mich zurück nach England bringen soll, gehe ich die Dokumente durch, die mir in Köln übergeben worden waren. Sie hatten bereits eine viel weitere Reise hinter sich als ich und viele der Briefe waren lange Zeit im Vatikan verborgen gewesen.

Ein altes, sprödes Stück Pergament erregt meine Aufmerksamkeit besonders. Es handelt sich um den Bericht eines Mönches aus Basel. Die Stadt war damals bei einem verheerenden Erdbeben und einem anschließenden Feuer zu großen Teilen zerstört worden.

Noch während ich die lateinischen Worte versuche zu entziffern – Notiz am Rande: Die Restauratoren müssen einige dieser Dokumente dringend retten – wird mir klar, dass ich einen Augenzeugenbericht des Ersten Ereignisses in den Händen halte.

Meine Hand zittert, während ich das hier schreibe, so aufgeregt bin ich immer noch. Lange Zeit wusste niemand, dass dieses Dokument existiert. Es muss Jahrhunderte in den Tiefen der Archive des Vatikans gelegen haben, ohne dass jemand seinen Inhalt kannte.

Die Leitung des Ministeriums in London wird hocherfreut sein, dass ich dieses Vermächtnis gefunden habe. Wir hatten Glück, dass das große Feuer im letzten Jahr nicht bis in die Keller des Hauptsitzes eingedrungen war. Der Riss und die Archive waren unberührt geblieben. Aber ein paar der besten Sammler sind umgekommen und für uns Übriggebliebenen gibt es immer noch so viel zu tun.

Ich glaube, uns wird die Arbeit nie ausgehen. Auf jedem Feld in Europa gibt es Geister, verlorene Seelen, umgekommen in dem einen oder dem anderen Krieg, während den Pestwellen oder durch die Hungersnöte. In den Städten ist es an manchen Tagen besonders schlimm, vor allem um die Sonnenwenden, wenn sich die Schleier zwischen den Welten verschieben.

Das Ministerium ist noch recht jung, aber wir haben bereits viele Abteilungen in ganz Europa. Diejenige in Rom ist eine der größten, aber die Stadt ist auch sehr alt.

Die Leitung vermutet, dass die Risse dort entstanden sind, wo die Menschen seit Jahrtausenden siedeln und die Natur zu sehr aufgewühlt haben. Andere sind der Meinung, dass der Aether, die Geister und die Dämonen, die seit dem Ersten Ereignis unter uns wandeln, eine Strafe Gottes sind. Mir persönlich behagt keine der Theorien. Ich bin Geisterjäger, mehr nicht. Ich versuche, die armen Seelen der Toten einzusammeln, um sie zurück in die Zwischenwelt zu schicken, damit sie ihren Frieden finden können.

 

Nachtrag, Überfahrt nach England:

Ein weiteres Mal lese ich den Augenzeugenbericht des Mönchs. Wenn damals nur nicht so viel zerstört worden wäre, denke ich einmal mehr.

Die restlichen Dokumente, die ich erhalten habe, waren nicht halb so nützlich, dennoch will das Ministerium alles zusammentragen, was mit dem Ausbruch des Aethers zu tun hatte. Vielleicht findet sich in solchen alten Schriftstücken irgendwann die Lösung zur Behebung des Problems, das seit dreihundert Jahren Europa und Asien heimsucht.

Der letzte Brief war noch ungeöffnet. Ich fragte mich, warum man ihn mir mitgegeben hat. Der Bote aus Rom versicherte mir, dass der Brief direkt vom spanischen Hof kam und an den Papst gerichtet sei. Ein wenig mulmig war mir schon, als ich das Siegel brach. Ein Brief vom spanischen Hof an den Papst ist nichts Ungewöhnliches. Vermutlich ist er bereits mehrfach kopiert und wieder versiegelt worden auf seinem langen Weg nach Rom und ich halte nicht das Original in den Händen, was mich ein wenig beruhigt. Der Bote versicherte mir, dass der Inhalt für uns wichtig sei.

Ich überflog die ersten Zeilen, dann stockt mir der Atem. Nein, das konnte nicht sein, dachte ich entsetzt.

Ein Vizekönig der spanischen Krone, einer der neuen Herren von Südamerika, schrieb, dass man in einer Ruinenstadt mitten im Dschungel einen Riss entdeckt hatte. Es drang nur sehr wenig Aether daraus hervor, dennoch bat der Urheber des Briefes darum, dass man ihm unverzüglich Jäger schicken solle.

Also ist es doch wahr. Überall auf der Welt gibt es die Risse. Nicht nur in den alten Zentren Europas und im fernen Asien, sondern auch in Südamerika.

Weiß die Leitung des Ministeriums bereits davon? Die Nachricht von einem Riss in Kyoto war erst kürzlich über die Niederländer nach London gelangt. Ich glaube nicht, dass man mich miteinbeziehen wird, denn ich bin nur einer der Jäger. Neugierig bin ich dennoch.

Noch einmal sehe ich mir den Augenzeugenbericht des Mönchs an. Es ist gesichert, dass das Erdbeben in Basel das Erste Ereignis ausgelöst hat, doch bisher hat man nur Vermutungen darüber anstellen können. Dieses Dokument verändert alles.

Die letzten Worte des Mönchs verursachen mir Gänsehaut, während ich das hier bei Kerzenschein schreibe. Wir befinden uns zwar auf offener See, doch sogar hier tritt der Aether vereinzelt auf.

Sie kommen.

Ich muss an Deck, man braucht mich. Anscheinend befindet sich ein Poltergeist an Bord.

1. Séance

Die Sitzung

 

River Fields schlenderte durch die Räume in der illustren Stadtvilla von Wilfred Harrington, der in diesem Moment im Begriff war, sein gesamtes Vermögen in die Hände eines Mediums namens Madame d’Esperance zu geben.

Mr. Harrington selbst wusste allerdings noch nichts davon.

Die Party war in vollem Gange. Männer in Smokings und Frauen in schimmernden Fransenkleidern standen in Grüppchen beisammen. Helles Lachen übertönte immer wieder die Jazzmusik, die aus dem Tanzsaal drang. River nippte an seinem Cocktailglas und hielt Ausschau nach Norrick Lynch, seinem Partner.

»Entschuldigen Sie mich, bitte«, sagte er zu den beiden Männern, die schon seit einiger Zeit versuchten, ihn in eine Unterhaltung über Polo zu verwickeln. Er leerte sein Glas und stellte es einem vorbeigehenden Kellner auf das Tablett.

Norrick stand im Durchgang zu einem angrenzenden Raum und gab ihm mit einem schrägen Kopfnicken zu verstehen, dass es soweit war.

»Sie sind bereits drin«, sagte er, als River ihn erreichte. Norrick hatte seine normalerweise nur schwer zu bändigenden kurzen blonden Locken mit viel Wachs hinter die Ohren gekämmt. Es sah beinahe lächerlich aus, aber definitiv ungewohnt.

»Wurde auch Zeit«, murmelte River und zupfte an seinem Jackett. »Dieser Smoking macht mich noch wahnsinnig.«

»Aber er steht dir«, gab Norrick grinsend zurück. »Komm, wir haben Arbeit vor uns.«

»Du bist dir sicher, dass sie die Richtige ist?«, fragte River, während sie eilig durch die Menge gingen.

Norrick nickte. »Das ist schon die dritte Party diese Woche, die sie besucht. Die Gastgeber und einige Gäste sind nach ihren Sitzungen jeweils um einiges ärmer. Die Abteilung in Paris hat uns zudem gestern Bilder geschickt. Sie ist es, eindeutig.«

River brummte und schaute kurz über die Schulter zurück, als sie durch einen zugezogenen Samtvorhang gingen, der die Party von den privaten Räumlichkeiten der Harringtons abtrennte. »Mir wäre es lieber, wenn die Leute in Paris nicht so schlampig gewesen wären und sie durch die Lappen hätten gehen lassen.«

»Franzosen, was willst du machen.« Norrick zuckte mit den Schultern und öffnete eine Tür. Sofort wechselte er in angetrunkene Fröhlichkeit. »Oh, verzeihen Sie, Herrschaften! Wir dachten, hier seien die Toiletten.«

River musste sich ein Grinsen verkneifen, als er die sieben Leute erblickte, die sie überrascht und echauffiert zugleich anstarrten. Mr. und Mrs. Harrington waren wie erwartet unter ihnen. Zwei junge Damen, eine mit grünem und eine mit blauem Kleid und dazu passenden Stirnbändern und Federn in den Haaren, sowie zwei Männer, die Zigarre rauchten. Und das Medium, Madame d’Esperance.

River ließ Norrick dessen Schauspiel weiter aufführen, denn der hatte definitiv mehr Talent dafür als er selbst. Norrick hatte diese spielerische Seite und den manchmal kindlichen Charme, der ihn sofort zum Liebling aller machte. River selbst hingegen sah sich als die eher seriöse Seite ihres Duos.

Norrick trat neugierig näher an den runden Tisch. »Oh, hier findet ein Kartenspiel statt? River, komm, lass uns mitspielen. Wie hoch sind die Einsätze, Gentlemen?« Ohne auf die Proteste von Mr. Harrington einzugehen, holte er zwei Stühle heran und quetschte sich zwischen die Frau mit dem blauen Kleid und Mrs. Harrington.

»Was erlauben Sie sich«, rief Mr. Harrington aus. »Gentlemen, dies ist eine private Séance. Ich muss Sie bitten, zu gehen. Sofort.«

»Eine Séance!« Norrick klang so begeistert, dass River sich diesmal wirklich Mühe geben musste, nicht laut zu lachen. »River, jetzt komm schon! Vielleicht kannst du mit deiner Oma reden.«

»Gentlemen!« Mr. Harrington stand auf, die Fäuste geballt.

»Tu etwas, Wilfred«, zischte Mrs. Harrington aufgebracht. »Sie werden alles verderben!« Ihr Blick schoss zu River und Norrick. Sie war ganz blass geworden, als befürchte sie, dass gleich etwas Schreckliches passieren würde.

»Oh, aber warum denn?«, fragte auf einmal eine der jungen Frauen, die eine schillernde Pfauenfeder im kinnlangen Haar trug. »Wir haben doch Platz am Tisch, oder?« Sie lächelte Norrick interessiert an.

»Die Séance ist nur für ausgewählte Gäste«, schnaubte Mr. Harrington und schaute River und Norrick anklagend an. »Gehen Sie.«

Einen Moment lang herrschte Stille. River überlegte sich bereits, wie sie das Medium abpassen konnten, sollte man sie tatsächlich rauswerfen. Die Alte durfte ihnen auf keinen Fall durch die Lappen gehen.

Dann breitete Madame d’Esperance die Arme aus. »Wir haben Platz«, sagte sie zur Überraschung der Harringtons und sah mehr als zufrieden aus, als sie ihren Blick über River gleiten ließ. River ahnte, dass die Alte nicht an ihm selbst interessiert war, sondern an der goldenen Krawattennadel.

Stühle wurden unter stummem Protest gerückt und River nahm neben Norrick Platz. Die beiden warfen sich kurze Blicke zu. Sie wussten, was sie zu tun hatten.

Die Show konnte beginnen.

Madame d’Esperance zündete mehrere Kerzen an und gab den Anwesenden dann zu verstehen, dass sie sich die Hände geben sollten. River wechselte noch einen Blick mit Norrick und schaute sich dann der Reihe nach die anderen Teilnehmer an. Die Harringtons schienen beleidigt, dass Norrick und ihm erlaubt worden war, an der Séance teilzunehmen, doch sie hatten ihre Proteste eingestellt. Die beiden jungen Damen waren sichtlich aufgeregt, was sicherlich nicht nur am Alkohol lag. Und die beiden Herren gaben sich redlich Mühe, möglichst unbeteiligt auszusehen, doch River kannte die Faszination, die von spirituellen Sitzungen ausging, nur zu gut.

Die Geister waren zwar allgegenwärtig und gehörten zum Alltag, doch selten kam man mit spezifischen Geistern in Berührung. Noch seltener wollten die Geister von sich aus mit den Menschen sprechen. Sie waren einfach da und sie waren eine Plage.

»Schließen Sie die Augen«, verlangte Madame d’Esperance und wartete geduldig, bis alle ihrer Aufforderung nachgekommen waren. Ihr Blick fiel als letztes auf River. Er seufzte innerlich und schloss dann die Augen.

Das Medium verfiel in einen monotonen Sprechgesang. River öffnete wieder vorsichtig die Augen. Die alte Frau wiegte sich im Stuhl sanft hin und her. Ihr Blick ging ins Leere und die Ketten um ihren Hals klimperten.

»Oh, ihr Geister unserer Ahnen«, sagte Madame d’Esperance theatralisch. »Hört unser Rufen! Wir rufen euch zu uns! Gebt uns ein Zeichen, wenn ihr hier seid!«

Ein kalter Luftzug fuhr durch den Raum und ließ die Kerzen flackern. Leise Ausrufe entfuhren den Gästen. River schaute sich vorsichtig um, ohne den Kopf zu sehr zu bewegen. Oh, die Alte war clever.