Das Ministerium der Welten - Band 2: Der Wandler - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Detective Melody Hampton will den Rauswurf aus dem Ministerium der Welten nicht auf sich sitzen lassen. Der Mordfall mit dem Schleimhaufen gehört ihr. Sie beschließt, auf eigene Faust nach der geheimnisvollen Kreatur aus dem Riss zu suchen. Eine einmalige Chance taucht plötzlich vor ihr auf und Melodys Ehrgeiz lässt sie alle Vorsicht vergessen. Erst, als sie sich in den Fängen des Gestaltwandlers wiederfindet, realisiert sie, dass sie ziemlich tief in der Patsche steckt. Melody setzt alles daran, die Jäger River und Norrick zu kontaktieren. Sie ahnt nicht, dass sie dem Wandler damit in die Hände spielt und die Jäger direkt in eine Falle laufen. Die Welt wird von Geistern und Monstern überrannt. Es gibt nur eine Organisation, die sich ihnen entgegenstellt: das Ministerium der Welten.

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Seitenzahl:182

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Table of Contents

Titelseite

Was bisher geschah

Prolog

1. Ghost of a Good Thing

2. Skin Ticket

3. Repetition of Hatred

4. Changes

5. Cockroach – Part 1

6. Destiny wasn’t my plan

7. Cockroach – Part 2

8. Parkour

9. Breaking the Rules

10. Baby, we’ll be fine

11. A new Purpose

12. No Rest for the Wicked

Vorschau

Das Monster-Wiki

Nachrichten aus dem Ministerium

Impressum

Das Ministerium der Welten

Band 2

»Der Wandler«

von Luzia Pfyl

 

Was bisher geschah

 

Die junge Detective Melody Hampton wird von einem Date an einen Tatort gerufen. Doch statt einer Leiche erwartet sie ein merkwürdiger Schleimhaufen aus menschlichen Überresten. Melodys Instinkte sagen ihr, dass dies kein gewöhnlicher Mord ist. Als ihr der Pathologe von Scotland Yard bestätigt, dass sie es wahrscheinlich mit einem übernatürlichen Mörder zu tun haben, wendet sie sich an das Ministerium der Welten.

Die beiden Monsterjäger River Fields und Norrick Lynch sind eigentlich mit einem ganz anderen Fall beschäftigt, als sie von Mr. Dante, ihrem Boss, Melodys Mordfall vorgelegt bekommen. Gemeinsam mit Melody untersuchen sie den Schleimhaufen und kommen schnell dahinter, welche Kreatur dafür verantwortlich ist: Ein Gestaltwandler. Als ein zweiter Schleimhaufen auftaucht, wird den Jägern bewusst, dass sie schnell handeln müssen.

Melody, die unsanft ihren Fall an die Jäger abgeben musste, will den Gestaltwandler auf eigene Faust finden. Damit begibt sie sich auf unbekanntes Terrain, doch als sie dem Wandler gegenübersteht, ignoriert sie alle Warnungen und begibt sich in Gefahr.

Rivers Gedanken sind oft bei seiner Verlobten Siobhan. Deren Freundin Diana Turner ist allerdings gar nicht begeistert von der anstehenden Hochzeit, weil sie einen Groll gegen das Ministerium hegt, das sie für den Tod ihrer Schwester verantwortlich macht. Diana will Vergeltung.

Doch ein Unfall in der Chemiefabrik ihres Vaters löscht ihr bisheriges Leben aus, obwohl sie selbst wie durch ein Wunder überlebt. Und auch Siobhan muss dem Schicksal ins Auge sehen, als ihr Name auf einer Liste des Ministeriums auftaucht, ohne dass sie davon weiß. River kann ihren Tod nicht mehr verhindern.

Prolog

Aus den Archiven des Ministeriums

 

Aus den Tagebüchern von Samuel Irving:

 

Schwarzwald, 21. Februar 1666

 

Die Wärme des Lagerfeuers ist uns sehr willkommen. Die Männer drängen sich um das Feuer und reiben sich die steifgefrorenen Hände. Tee und Kaffee wird herumgereicht. Für eine Mahlzeit reichen unsere Vorräte nicht mehr. Morgen früh müssten wir das nächste Dorf erreichen.

Wir haben den Gestaltwandler von den Vogesen über die Tiefebene bis in den tiefsten Schwarzwald verfolgt. Die Kreatur ist gewitzt und führt uns immer wieder auf falsche Fährten. Mindestens einmal hat er die Haut gewechselt, sodass die Hunde seinen Geruch verloren haben.

Aber wir geben nicht auf. Die beiden Jäger aus Paris haben eine Gruppe lokaler Holzfäller angeheuert, um uns durch das unwegsame Gebirge zu helfen.

Wir sind drei Jäger und fünf kräftige Männer, dazu noch die Jagdhunde. Man könnte meinen, dass wir diesen einzelnen Wandler einholen und töten können, aber dieses Exemplar ist äußerst klug und geschickt.

Henri Moncœur wird die erste Wache übernehmen, während wir unser Nachtlager aufschlagen. Unsere Zelte sind leicht und dünn, praktisch bei so weiten Strecken, schützen jedoch nicht besonders gut vor der beißenden Kälte des Winters. Einer der Holzfäller schaufelt gerade Schnee beiseite, ein anderer ist mit der Axt in den Wald gegangen, um Brennholz zu schlagen. Der zweite Jäger aus Paris, Mathieu Barnasse, betet. Mathieu betet immer. Ich bin mir nicht sicher, ob es bei unserer Jagd nach dem Gestaltwandler etwas nützt.

Die Männer fragen bereits, wie lange wir die Kreatur noch verfolgen wollen. Wir sind bereits zwölf Tage unterwegs, haben die Vogesen überquert und den Rhein. Ich muss gestehen, dass ich selbst mittlerweile geneigt bin, diesen Wandler entkommen zu lassen, und sei es, um endlich wieder ein warmes Dach über dem Kopf zu haben.

 

Schwarzwald, 23. Februar 1666

 

Drei der fünf Holzfäller, die wir als Führer und Helfer angeheuert hatten, haben uns heute verlassen. Sie sagten, dass wir uns dem Höllental näherten und verlangten den Rest ihres versprochenen Geldes, damit sie umkehren konnten.

Im Dorf, in dem wir uns seit diesem Morgen befinden, haben wir erneut eine frisch abgeworfene Haut gefunden. Der Wandler hat also wieder einmal seine Gestalt gewechselt. Die Hunde sind unruhig. Sie wittern, dass er noch in der Nähe ist. Wir sind wachsam und beobachten die Bäume an der Dorfgrenze.

Die Dorfbewohner haben bemerkt, dass wir Jäger sind und baten uns, ihre Geister einzufangen. Die Franzosen wären der Bitte nachgekommen, doch ich habe abgelehnt. Wir haben keine Fallen mehr und der nächste Riss ist weit entfernt, sodass wir die Geister nicht in die Zwischenwelt zurückführen können.

Wir sollten bald wieder aufbrechen. Die Gastfreundschaft hat sichtlich nachgelassen. Der Wandler wird vermutlich weiter nach Westen fliehen.

Direkt auf das Höllental zu.

 

Schwarzwald, 24. Februar 1666

 

In der Nacht hat uns ein Schneesturm überrascht. Ich wurde von der Gruppe getrennt und habe Schutz in einer verlassenen Jagdhütte gefunden. Während ich diese Worte schreibe, tobt draußen der Sturm. Bis zum Morgengrauen werde ich eingeschneit sein und die Spuren meiner Freunde längst vom Schnee bedeckt. Ich hoffe sehr, dass sie ebenfalls einen Unterschlupf gefunden haben.

Der Wind rüttelt stark an dem aus einfachen Brettern gezimmerten Verschlag und zieht eiskalt durch alle Ritzen. Manchmal hört es sich an wie ein Wimmern, ein durch Mark und Bein gehendes Heulen. Gegenstände werden umhergeschoben, als hause ein Poltergeist in der Hütte, aber ich habe bereits alle Tests gemacht. Es gibt hier keinen Poltergeist. Dennoch stellen sich mir die Nackenhaare auf, wenn hinter mir etwas raschelt. Ich werde die Laterne brennen lassen, während ich versuche, etwas Schlaf zu bekommen.

 

Nachtrag:

Ich bin nicht allein.

 

Zweiter Nachtrag:

War es göttliche Fügung oder einfach nur purer Zufall? Der Schneesturm hat nicht nur mich in diese verlassene, halb verfallene Jagdhütte getrieben, sondern auch den Gestaltwandler, den wir nun schon seit Wochen verfolgen.

Er hat sich mit einer Wolldecke in einer der dunklen Ecken versteckt, wo ich ihn zuerst nicht gesehen hatte. Erst war ich der Versuchung nahe, ihn gleich zu erschießen. Wandler können den Menschen sehr gefährlich werden und sind weitaus stärker als wir.

Dann aber sah ich, dass er verletzt war. Er ist mit seinem linken Bein in eine Schlingfalle geraten. Weil er sich nicht befreien konnte, hat er die gesamte Vorrichtung aus der Verankerung gerissen. Der Draht ist so tief in sein Fleisch – das Fleisch des letzten Mannes, den er sich übergestreift hat – eingedrungen, dass auch sein eigenes Fleisch verletzt worden sein muss, denn er konnte sich nicht einmal aufrichten.

Als ich in seine verängstigten Augen sah, die wild und furchtsam im Licht der einzigen Laterne funkelten, legte ich aus einem Impuls heraus die Flinte weg. Ich hob die Hände zum Zeichen, dass ich ihm kein Leid zufügen werde.

»Du bist einer der Jäger«, sagte er, nachdem wir uns eine ganze Weile angeschwiegen haben. »Warum verfolgt ihr mich?«

Ich sah ihm an, dass er starke Schmerzen und Angst hatte. Seine Atmung war oberflächlich. Er atmete flach und schnell. Trotz der eisigen Kälte schwitzte er, als hätte er Fieber. »Weil das unsere Arbeit ist«, antworte ich ihm ehrlich. Warum sollte ich ihn anlügen? »Mein Name ist Samuel Irving, ich bin ein Jäger des Ministeriums der Welten.«

Zorn und Hass entstellten daraufhin sein so menschliches Gesicht. Ich widerstand der Versuchung, die Flinte wieder in die Hand zu nehmen und bewegte mich nicht.

»Warum jagt ihr uns?«, fragte er erneut und ballte dabei die Fäuste.

»Weil das unsere Aufgabe ist. Ihr kommt aus dem Riss«, antworte ich ihm.

»Das ist kein Grund, uns zu töten, als wären wir mit Pest verseuchte Ratten. Wir sind friedlich, solange man uns in Ruhe lässt.«

»Sehr viele Menschen sind da anderer Meinung.«

Er schnalzte abschätzig mit der Zunge und verlagerte sein Gewicht, wobei er zu verbergen versuchte, wie sehr ihm die kleine Bewegung Schmerzen verursachte. Die Schlinge saß so tief in seinem Fleisch, dass der Draht kaum noch sichtbar war. Dunkles Blut verklebte seine Kleidung und die Wolldecke.

»Dann erledige deine Aufgabe, Jäger«, sagte er und sah mich mit ernster Entschlossenheit an.

Ich zögerte. Ein Teil von mir wollte tatsächlich wieder zur Flinte greifen und ihn endlich töten, ein anderer Teil wehrte sich dagegen. Doch warum? Ich habe diese Kreatur von den Vogesen bis hierher in den tiefsten Schwarzwald verfolgt, Entbehrungen und bissige Kälte auf mich genommen, nur, um sie zu töten. Weil das meine Aufgabe ist und ich die Menschen beschützen muss.

»Warum zögerst du?«, fragte er und konnte dabei sein Erstaunen kaum verbergen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich ehrlich und rückte die Laterne ein wenig näher zu ihm heran. Er sah aus wie ein gewöhnlicher Mann. »Darf ich dir eine Frage stellen?« Er nickte und ich lauschte meinen eigenen Worten, als würde sie ein Fremder sprechen. »Warum streift ihr euch menschliche Haut über?«

»Um zu überleben«, erwiderte er, nachdem er mich eine Weile prüfend angesehen hatte.

 

Dritter Nachtrag:

Noch lange Zeit dachte ich über die Worte des Gestaltwandlers nach. Ich habe die Hütte nach dem Schneesturm verlassen, ohne ihn zu töten. Stattdessen habe ich ihm ein Messer dagelassen, damit er sich aus der Schlingfalle befreien konnte. Noch vor dem Morgengrauen habe ich mich auf den Weg gemacht, meine im Sturm verlorengegangenen Freunde zu suchen. Ich weiß nicht, was aus dem Wandler geworden ist, denn wir haben die Jagd nach ihm abgebrochen.

Ist es nicht seltsam? Diese Kreaturen aus dem Riss nehmen unsere Gestalt an, um uns so ähnlich wie möglich zu sehen, damit sie in unserer Welt überleben können. Wir Menschen sehen in ihnen jedoch eine Bedrohung. Wahrscheinlich, weil sie sich so gut anpassen können und uns so ähnlich sehen. Und weil sie uns töten, um an unsere Haut zu gelangen.

Das Ministerium sagt uns nicht, warum wir Gestaltwandler töten müssen, statt sie einzufangen und durch den Riss zurückzuschicken. Es ist seit Jahrhunderten schon so, seit dem Ersten Ereignis, seit die Menschen herausgefunden haben, dass Kreaturen unter ihnen wandeln, die das Nachahmen von uns Menschen perfektioniert haben.

Warum jagen wir sie derart verbissen? Um zu überleben. Die Worte des Gestaltwandlers in der Hütte klingen nach.

1. Ghost of a Good Thing

Plötzlich Geist

 

Ein harter Ruck durchfuhr ihren Körper. Etwas zog an ihr, unnachgiebig und unwiderrflich. Alles um sie herum war schwarz und so still, als befände sie sich in einem luftleeren Raum. Der kraftvolle Zug an ihr wurde immer stärker, fordernder und sie wusste, dass sie loslassen musste.

Die Schwärze um sie herum explodierte in tausend bunte Scherben. Auf einmal fühlte sie sich schwerelos, ballastfrei, als wäre sie für eine halbe Ewigkeit in einem engen Gefäß eingesperrt gewesen und nun endlich frei.

Sie wagte es, die Augen zu öffnen. Schillernde Farben, überall. Energie schlug bunte Funken um sie herum. Es sah aus wie ein Feuer und auch wieder nicht. Als wäre sie in einem Kaleidoskop.

Sie blinzelte, einmal, zweimal, und versuchte zu atmen. Aber da war kein Drang, ihre Lungen mit Luft zu füllen. Sie spürte ihren Körper nicht.

Dann erkannte sie endlich, warum:

»Ich bin ein Geist!«

Siobhan schaute an sich herunter und starrte dann auf ihren Körper, der blutverschmiert neben River auf dem Boden lag. Wie konnte das passieren? Was war überhaupt passiert? Sie konnte sich an nichts erinnern. Eben noch war sie auf dem Weg nach Hause gewesen und jetzt sah sie auf ihren leblosen Körper herab – und war ein Geist.

»River?«

Er reagierte nicht. Schluchzend streichelte er über das Haar der toten Siobhan, seine Finger zitterten.

»River!«

Endlich sah er auf und sie an. Siobhan schwebte – oh Gott, sie konnte schweben! – näher und streckte die Hand, um die bunte Funken tanzten, nach ihm aus. »Warum weinst du denn?«

»Siobhan«, sagte er leise und wischte sich beschämt die Tränen aus dem Gesicht. Er setzte ein verzweifelt wirkendes Lächeln auf. »Ich dachte schon, ich hätte dich verloren.«

»Was ist passiert? Warum bin ich ein Geist?«

Eigentlich kannte sie die Antwort auf ihre Fragen. Sie sah sie in Rivers blauen Augen. Sie war tot. Ihr Körper lag in einer Blutlache in der Gasse, die sie jeden Tag auf ihrem Heimweg als Abkürzung benutzte. Jemand hatte sie getötet.

Jemand hatte sie getötet!

Die Funken um sie herum stoben auf, als eine Welle aus Wut über sie hinweg rollte. Das war nicht fair! Sie hatte noch nicht sterben wollen, und schon gar nicht auf diese Weise! Sie war noch jung und hatte noch ihr ganzes Leben vor sich und verdammt, sie hätte in ein paar Monaten die Liebe ihres Lebens geheiratet!

River wich von ihr zurück und starrte sie mit erschrockenen Augen an. Siobhan erschrak selbst und hob die Hand an den Mund. »Entschuldige«, sagte sie. »Ich weiß nicht, was ich mache.«

Das Seelenflackern verebbte und wurde weniger, als hätte dieser unkontrollierte Wutausbruch es vertrieben. Siobhan betrachtete ihre milchig werdenden Hände. Die bunten Funken verloschen einer nach dem anderen.

Das Merkwürdige war – es störte sie gar nicht, dass sie tot war. Nicht wirklich, jedenfalls. Ja, sie war nun ein Geist. Aber das Leben ging offensichtlich weiter, wenn auch anders als zuvor. Sie konnte immer noch fühlen und denken, sie konnte sich an ihr gesamtes Leben erinnern. Das Einzige, was sich geändert hatte, war, dass sie keinen Körper mehr besaß.

Sie sah River lange an, betrachtete sein Profil, seine hohen Wangenknochen und die dunkelbraunen Haare, die ihm ins Gesicht fielen. »Was passiert jetzt mit mir?«, fragte sie.

River schaute zu ihr auf. Seine Hände waren rot von ihrem Blut. Etwas davon hatte er quer über seine Wange geschmiert, als er vorhin die Tränen weggewischt hatte.

»Ein Sammler fängt dich ein, um dich zum Riss zu bringen«, antwortete er matt.

Siobhan runzelte die Stirn. War River nicht auch ein Sammler? »Du kannst mich auch einsammeln«, sagte sie. Als er den Blick abwandte und keine Anstalten machte, zu antworten, schwebte sie näher. »Du kannst mich einsammeln, nicht?«, fragte sie etwas energischer.

»Fields? Was machst du hier?« Ein Mann um die Vierzig kam von der anderen Seite her zu ihnen. Er trug eine lederne Umhängetasche quer über die Schulter, aus der er ein dickes Notizbuch zog. »Diese Seele ist auf meiner Liste.«

River richtete sich auf und wischte sich mit einer unauffälligen Bewegung schnell die Tränen und das Blut aus dem Gesicht. »Sturridge«, sagte er und nickte zur Begrüßung. »Ich weiß. Ich wurde von einer Norne informiert.«

»Oh.« Sturridge blieb stehen, denn er verstand. »Tut mir leid.« Er zögerte, musterte erst River, dann Siobhan, die schräg hinter ihm schwebte. »Ich muss sie einfangen.«

Siobhan wich zurück, denn sie sah das kleine Kästchen aus Metall, das am Gürtel des Sammlers hing. Dann schalt sie sich selbst einen Dummkopf. Sie wollte doch eingesammelt werden, damit sie in die Zwischenwelt übergehen und ruhen konnte. Das war die Ordnung, so musste es sein.

River schüttelte den Kopf. »Das mache ich. Sie war meine Verlobte.«

»Fields …«, fing Sturridge an, überlegte es sich dann aber anders. »Na schön. Du kennst die Regeln, aber ich denke, wir können hier eine Ausnahme machen. Ich vertraue dir.« Der Sammler sah Siobhan durchdringend an.

»Was für Regeln? Wieso Ausnahme?«, fragte Siobhan.

»Wir dürfen die Seelen unserer Angehörigen nicht selbst einsammeln«, erklärte River und drehte sich halb zu ihr um. »Vermutlich aus Gründen der Pietät.«

»Nicht ganz«, korrigierte Sturridge mit einem strengen Unterton. »Aber ich denke nicht, dass sie eine weitere Erklärung braucht, Fields.« Er betrachtete River prüfend. »Soll ich nicht doch lieber …?«

»Nein!«, beeilte sich River zu sagen und hob abwehrend die Hand. »Ich habe alles im Griff, Sturridge. Geh zur nächsten Seele auf deiner Liste.«

Der Sammler bedachte River und Siobhan mit einem letzten, langen Blick, dann legte er sein dickes Notizbuch zurück in die Umhängetasche. »Mein Beileid, Fields«, sagte er, während er an ihnen vorbei ging, und legte kurz die Hand auf Rivers Schulter.

Rivers Körper versteifte sich sichtlich. Siobhan sah dem Sammler hinterher, bis er um die Ecke gebogen war. »Was wirst du jetzt tun?«, fragte sie.

»Ich gehe ins Ministerium zurück«, antwortete River.

»Nimmst du mich mit und bringst mich zum Riss?«

River gab ihr keine Antwort. Er wandte sich von ihr ab und hob ihren Körper aus der Blutlache und dem dreckigen Boden. Er trug ihn auf den Armen, verlagerte einmal das Gewicht und wich ihr aus, als er an ihr vorbei ging.

»River! Sammle mich ein, bitte«, sagte sie laut und schwebte ihm hinterher. »Du musst das tun, das ist dein Job. Hey, hörst du mir überhaupt zu?«

Einen Moment lang befürchtete sie, dass ihre Verbindung zu ihm nur ebenso kurz bestanden hatte wie das Seelenflackern und er sie gar nicht mehr hören konnte. Sie holte ihn ein, überholte ihn und blieb mit verschränkten Armen direkt vor ihm schweben. »Ich rede mit dir.«

»Ich weiß«, sagte er und schaute sie traurig an. Ein harter Zug stand in seinem Gesicht und er mahlte mit dem Kiefer, als müsste er sich zwingen, nicht mehr zu sagen.

»Es ist äußerst unhöflich, dass du mir keine Antwort gibst, obwohl du mich sehr gut hören kannst.« Siobhan hob das Kinn. »Also, warum willst du mich nicht einsammeln?«

River sah aus, als verlange sie das Unmögliche von ihm, und presste die Lippen zusammen. »Ich kann nicht«, sagte er dann endlich.

Siobhan hob die Augenbrauen. »Wie, du kannst nicht? Hast du keine Falle dabei?« River hatte immer mindestens eine kleine Geisterfalle dabei. Er war einer der besten Jäger, die das Ministerium zurzeit zu bieten hatte.

»Doch, aber ich … Ich kann nicht. Bitte, versteh das, Siobhan.« Er sah sie gequält an und versuchte, an ihr vorbeizukommen, ohne sie zu berühren. Das Gewicht ihres Leichnams machte ihm langsam zu schaffen. Es sah grotesk aus, River mit ihrem blutüberströmten Körper in seinen Armen zu sehen.

»Aber warum?« Siobhan schwebte ihm hinterher. »Ich muss in die Zwischenwelt, oder? Ich kann nicht hierbleiben. Aber ich kann auch nicht weg. Ich brauche deine Hilfe, River!«

River schüttelte den Kopf und beschleunigte seine Schritte. Siobhan spürte ein weiteres Mal ihre Wut aufkeimen. Warum weigerte er sich, sie einzusammeln, damit sie in die Zwischenwelt gehen und Frieden finden konnte? Wollte er etwa nicht, dass sie Frieden fand?

»River!«

Er erreichte die Straße und zog mit dem leblosen Körper viele Blicke auf sich, doch er beachtete die entsetzten Passanten nicht. Siobhan eilte ihm hinterer und sah zu, wie er ihren Leichnam auf den Rücksitz seines Wagens legte – sanft, als würde sie nur schlafen. Danach wischte er sich die blutigen Hände an den Hosen ab. Die Abendsonne, die leuchtend orange zwischen den Häuserzeilen auf die Straße schien, tauchte Siobhans Leiche in lebendiges Licht, das sich golden in ihren braunen Haaren spiegelte.

Siobhan schaute zurück in die enge, düstere Gasse, in der sie vor wenigen Minuten – waren es nur Minuten, die seither vergangen waren? – ihren Tod gefunden hatte. Ein trostloses Fleckchen London. Musste sie an diesem Ort bleiben? Geister konnten sich nicht frei bewegen, jedenfalls nicht wirklich. Auf die eine oder andere Art waren sie an den Ort ihres Todes gebunden, auch wenn der Radius, in dem sie sich aufhalten konnten, variierte.

River startete den Motor und Verzweiflung stieg in Siobhan hoch. Sie wollte nicht hier zurückgelassen werden. Nicht so! Nicht von River!

Sie würde es versuchen, beschloss sie, und folgte dem Wagen, als River in den Verkehr einfädelte. Er fuhr ins Ministerium. Dort würde mit Sicherheit jemand sie einsammeln und zum Riss bringen. Zumindest Norrick würde ihr helfen. Oder?

Der Weg durch die Stadt war surreal. Sie brauchte niemandem mehr auszuweichen, weder Menschen noch Fahrzeugen, denn sie konnte nun einfach durch sie hindurch schweben. Bei den Menschen, die sie berührte, löste das jeweils einen kurzen Schauder aus, doch ansonsten wurde sie kaum beachtet.

Siobhan war praktisch unsichtbar. Dies faszinierte sie. Diese Erfahrung war so fremd, dass sie an einem Straßenübergang stoppte und versuchte, einen älteren Mann in adrettem Anzug auf sich aufmerksam zu machen. Doch jedes Mal, wenn sie die Hand nach ihm ausstreckte, spürte sie weder den Stoff noch den Körper darunter, sondern nur Leere.

Dann nahm sie Rivers Verfolgung wieder auf und erhöhte, nachdem sie ihn eingeholt hatte, immer wieder die Geschwindigkeit – oh, sie wurde gar nicht müde, denn das Schweben war so viel leichter als Gehen! –, um auf gleicher Höhe zu sein wie sein Wagen. Er wusste, dass sie da war, doch er ignorierte sie angestrengt. Sein Gesicht war eine bittere Maske, unter der sich Trauer, Wut und Verzweiflung spiegelten.

Sie wünschte, sie könnte ihm Trost spenden, irgendwie. Aber er sah sie ja nicht einmal mehr an. Siobhan ließ sich wieder zurückfallen und ließ den Kopf hängen. Warum sammelte er sie nicht ein? Es war das einzig Richtige, oder? Es war seine Pflicht, sie dem Riss und der Zwischenwelt zuzuführen!

Der mächtige Tower kam über den Dächern der Häuserzeilen in Sicht. Siobhan verspürte nichts, was sie zurück in die Gasse gezogen hätte. Anscheinend konnte sie sich doch frei bewegen. Ob es daran lag, dass sie erst seit kurzem ein Geist war? Oder dass sie sich mehr an River gebunden fühlte als an die Gasse, in der sie gestorben war?

River fuhr durch den Tunnel, der unter dem Palasthügel hindurchführte, und steuerte die Tower Bridge an. Kurz vor der Brücke befand sich eines der beiden großen Tore mit den Zufahrtsstraßen.

Siobhan ließ ihren Blick über die uralten, immer noch imposanten Mauern und die neuen Anbauten aus Stahl und Glas gleiten. Sie war noch nie innerhalb dieser Mauern gewesen. River hatte sie nie mitnehmen wollen. Es sei zu gefährlich, hatte er gesagt, und er wollte nicht, dass ihr an seinem Arbeitsort etwas passierte.

Aber jetzt konnten diese Mauern sie nicht mehr davon abhalten, hineinzugehen. Sie würde River weiterhin folgen und Norrick oder einen anderen Sammler suchen. Sie würde –

Siobhan prallte an einer unsichtbaren Barriere ab, direkt unterhalb des Torbogens. Verwirrt runzelte sie die Stirn. Sie versuchte es noch einmal, doch das Ergebnis war dasselbe. Sie konnte nicht hinein. Etwas sperrte sie aus.