Das Ministerium der Welten - Band 3: Die Geister von Rungholt - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Die Welt wird von Geistern und Monstern überrannt. Es gibt nur eine Organisation, die sich ihnen entgegenstellt: das Ministerium der Welten. Als Gerüchte über merkwürdige Geistererscheinungen an der Nordsee und einen alten Fluch die kleine Hamburger Zweigstelle des Ministeriums erreichen, erbittet der Techniker Albert Kaiser die Hilfe des Hauptquartiers. River, Norrick und Melody werden nach Hamburg geschickt, um die Sache aufzuklären. Alle drei glauben, dass an den Gerüchten nicht viel dran ist und sie den Fall schnell gelöst haben werden. Doch schon bald müssen die Jäger feststellen, dass plötzlich nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr ist, sondern auch die Existenz einer ganzen Insel und deren Bewohner. Ein Wettlauf gegen die Zeit und eine Gruppe skrupelloser Schatzjäger beginnt, um den Fluch zu brechen.

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Table of Contents

Titelseite

Was bisher geschah

00. Prolog

01. Bad Weekend

02. The Bells in the Deep

03. Field Trip

04. Magnetism

05. Meet the Newbies

06. The Digging Company

07. Okarina

08. The Bet

09. The Country House

10. We Shall Drown

11. The Summoning

12. Burn it Down

Das Monster-Wiki

Nachrichten aus dem Ministerium

Impressum

Das Ministerium der Welten

Band 3

»Die Geister von Rungholt«

von Luzia Pfyl

 

Was bisher geschah

 

Basel, 1356: Durch ein starkes Erdbeben öffnet sich ein Riss in der Erde, durch den Geister und übernatürliche Kreaturen aus Sagen und Legenden hervortreten. Nach Jahrzehnten der Angst formiert sich eine Gruppe von Geisterjägern, die im 16. Jahrhundert auf Initiative von Königin Elizabeth I. in London das Ministerium der Welten begründen.

Da überall auf der Welt weitere Risse gefunden wurden, brachten die folgenden Jahrhunderte nicht nur legendäre Jäger hervor, die Menschen lernten ebenfalls, mit den okkulten Geschöpfen zu leben.

London, 1925: Detective Melody Hampton findet an einem Tatort statt einer Leiche nur die schleimigen Überreste eines Menschen vor. Ihre Erfahrung sagt ihr, dass es sich dabei um eine Sache für das Ministerium der Welten handelt.

Melody werden dort die beiden Jäger River Fields und Norrick Lynch zur Seite gestellt. Zunächst davon überzeugt, dass sie den Fall gemeinsam lösen werden, wird die junge Frau schnell eines Besseren belehrt. Also macht sie sich allein auf die Suche nach dem mysteriösen Mörder, der nur Schleim hinterlässt – und gerät dabei in die Fänge eines Gestaltwandlers.

River und Norrick werden unter Zeitdruck gesetzt. Als Melody verschwindet, steht nicht nur das Leben der Detective auf dem Spiel, sondern auch das Fortbestehen des Ministeriums, denn Melody ist die Tochter des Londoner Polizeichefs.

Während Norrick mit dem Cheftechniker Dean nach Lösungen sucht, stirbt Rivers Verlobte Siobhan unter gewaltsamen Umständen. Er weigert sich, ihre Seele einzusammeln. Siobhan folgt ihm fortan und beschließt, ihn als Geist heimzusuchen, bis er sie endlich erlöst.

Inzwischen hat Unternehmertochter Diana einen schweren Unfall in der Fabrik ihres Vaters überlebt und besitzt seither eine seltsame Gabe, mit der sie Geister kontrollieren kann – etwas, das als unmöglich gilt. Ihr Hass auf das Ministerium, durch den Tod ihrer Schwester Mia bereits immens, wächst und formt sich zu dem Wunsch, das Ministerium zu vernichten.

River und Norrick gelingt es, Melody und den Wandler zu finden. Statt die Kreatur jedoch zu töten, wie es von Jägern verlangt wird, entschließen sie sich, ihn heimlich ins Ministerium zu bringen, um ihn zu untersuchen.

Melody gibt ihren Job bei Scotland Yard auf und bewirbt sich als Jägerin im Ministerium.

00. Prolog

~Aus den Archiven des Ministeriums~

 

Aus den Tagebüchern von Samuel Irving:

 

London, 12. April 1666

 

Carina und ich sind gerade aus Schottland zurückgekehrt, als eine merkwürdige Nachricht im Hauptquartier eintrifft. Die Leitung des Ministeriums ist von ihrer Echtheit nicht überzeugt, beauftragt uns jedoch, der Sache auf den Grund zu gehen.

Carina ist seit den frühen Morgenstunden im Archiv und sucht nach Quellen. Sie glaubt, in ihrer Kindheit einmal eine ähnliche Geschichte gehört zu haben. Sie wurde in Amsterdam geboren und ihre Eltern sind noch heute seefahrende Kaufleute, die viel herumkommen.

Die Nachricht selbst beschäftigt mich ebenfalls. In den Frieslanden hörten Fischer die Kirchenglocken einer untergegangenen Stadt und sahen bald darauf merkwürdige Geistererscheinungen. Dieser Tage wäre das nicht ungewöhnlich, doch sollen einige Schiffe der Fischer von den Geistern in die Tiefen der Nordsee gezogen worden sein.

Carina hat etwas gefunden: die Kopie einer Chronik. Ein Abschnitt erregt unsere Aufmerksamkeit besonders. Dort heißt es, die Stadt Rungholt sei 1362 in einer fürchterlichen Sturmflut untergegangen. Eine Strafe Gottes, so steht es geschrieben.

Wir beschließen, mit dem nächsten Schiff Rotterdam anzulaufen und von dort aus an der Küste entlangzureisen. In Hamburg wütet die Pest, weshalb wir einen Umweg in Kauf nehmen müssen.

 

Dänische Küste, Jütland, 14. April 1666

 

Wir haben ein paar Geister eingefangen, aber von diesem legendären Rungholt, seiner Kirchenglocke und auch von den verschwundenen Fischern haben wir nichts entdeckt. Seeleute sind sehr abergläubisch. Es würde mich nicht wundern, wenn sie ein paar vereinzelte Gespenster auf offener See gesehen und mit unbelegten Sagen von einem Atlantis im Norden verknüpft haben. Carina hat zwar ihre Zweifel, aber wir reisen zurück nach London.

Hier gibt es nichts.

 

*

 

Die Ballade von Detlef von Liliencron, 1883*

 

Trutz, blanke Hans

Heut bin ich über Rungholt gefahren,

Die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren.

Noch schlagen die Wellen da wild und empört,

Wie damals, als sie die Marschen zerstört.

Die Maschine des Dampfers schüttert’ und stöhnte,

Aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:

                Trutz, blanke Hans.

 

Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,

Liegen die friesischen Inseln im Frieden.

Und Zeugen weltenvernichtender Wut,

Taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.

Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,

Der Seehund schon sonnt sich auf sandigen Platten.

                Trutz, blanke Hans.

 

Im Ozean, mitten, schläft bis zur Stunde,

Ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.

Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,

Die Schwanzflosse spielt nah’ Brasiliens Sand.

Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen,

Und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.

                Trutz, blanke Hans.

 

Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen

Die Kiemen gewaltige Wassermassen.

Dann holt das Untier tief Atem ein,

Und peitscht die Welle und schläft wieder ein.

Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken,

Viel reiche Länder und Städte versinken.

                Trutz, blanke Hans.

 

Rungholt ist reich und wird immer reicher,

Kein Korn mehr faßt selbst der größeste Speicher.

Wie zur Blütezeit im alten Rom,

Staut hier täglich der Menschenstrom.

Die Sänften tragen Syrer und Mohren,

Mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.

                Trutz blanke Hans.

 

Zum Feste heut klingen Cymbeln und Zinken,

Aus den Fenstern mit Tüchern die Frauen winken

Und blättern Blumen in alle die Pracht -

Die Kirchen schloß wer aber über Nacht?

Die Rungholter wollen sich selbst regieren,

Und keine Zeit mehr mit Gott verlieren.

                Trutz, blanke Hans.

 

Auf allen Märkten, auf allen Gassen

Lärmende Leute, betrunkene Massen.

Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich:

Wir trotzen dir, blanker Hans, Nordseeteich!

Und wie sie drohen die Fäuste ballen,

Zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.

                Trutz, blanke Hans.

 

Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,

Der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen.

Der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,

Belächelt der protzigen Rungholter Wahn.

Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen

Das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen.

                Trutz, blanke Hans.

 

Und überall Frieden, auf See, in den Landen -

Plötzlich wie Ruf eines Raubtiers in Banden:

Das Scheusal wälzte sich, atmete tief,

Und schloß die Augen wieder und schlief.

Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen

Kommen wie rasende Rosse geflogen.

                Trutz, blanke Hans.

 

Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken,

Und Hunderttausende sind ertrunken.

Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,

Schwamm andern Tages der dumme Fisch.

Heut bin ich über Rungholt gefahren,

Die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren.

                Trutz, blanke Hans?

 

*aus »Detlev von Liliencron: Ausgewählte Werke«, S. 209-211, Erstausgabe von 1883

 

01. Bad Weekend

Ich will doch nur einen Drink

 

Die Falle sprang auf und ein heller Lichtstrahl schoss daraus hervor. Das Dumme war nur, dass sie noch über den Boden rutschte und dann kippte. Der Geist, der eigentlich das Ziel der Aktion war, schaute auf die Falle und dann auf Melody.

Melody ächzte matt auf und presste zwei Finger an die Nasenwurzel. »Es will einfach nicht klappen.«

»Das wird schon, keine Sorge.« River stand neben ihr und verzog den Mund zu einem halbherzigen, bedauernden Lächeln. »Locker aus dem Handgelenk.«

»Heute ist einfach nicht mein Tag«, seufzte Melody und ließ die Schultern hängen.

»Eher nicht dein Wochenende.« Norrick setzte sich feixend auf den Tisch an der Wand des Übungsraumes. »Wie war das? Gestern von einem Ghul eingeschleimt worden?«

Melody hätte beinahe den Plasmarevolver in ihrer Hand nach ihm geworfen. »Ich hab das Zeug immer noch in meinen Haaren!«

River und Norrick brachen in schallendes Gelächter aus. Melody schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust. Norrick hatte allerdings recht, es war tatsächlich nicht ihr Wochenende. Nichts wollte klappen. Sie vermasselte einfachstes Geistereinsammeln, schoss bei unbeweglichen Zielen daneben und konnte sich an nichts erinnern, was sie in den letzten Wochen gelernt hatte.

Sie seufzte und legte den Revolver neben Norrick auf den Tisch. »Ich brauche eine Pause.«

»Gut, wir machen in einer Stunde weiter«, meinte River und schaute auf seine Uhr.

»Nein, ich meinte eine richtige Pause«, fuhr Melody auf und drehte sich zu ihm um. »Seit zwei Wochen bin ich von morgens bis abends hier in diesem Übungsraum oder in den Archiven, büffle zweitausend Jahre Geistergeschichte, trete gegen Monster an und versuche nebenbei, locker aus dem Handgelenk Fallen auszuwerfen, ohne zu viel kaputt zu machen. Ich brauche eine Pause. Und mindestens einen Drink.«

River und Norrick tauschten einen Blick und Melody sah aus den Augenwinkeln, wie Norrick lächelnd den Kopf schüttelte.

»Also gut«, lenkte River ein. »Schluss für heute. Ich glaube, einen Drink könnten wir alle vertragen.«

Norrick sprang vom Tisch und half der ehemaligen Detective, die Fallen, Waffen und Utensilien in den Metallschrank in der Ecke zu verstauen. Der Geist schaute ihnen dabei teilnahmslos zu. Melody wusste, dass er heute Nacht zum Riss gebracht werden würde. Sie hoffte, dass es ihm nicht allzu viel ausgemacht hatte, in den letzten Tagen mehrere Dutzend Mal eingefangen und wieder freigelassen worden zu sein.

River klopfte an den riesigen Spiegel, der eigentlich ein einseitiges Fenster war. »Dean, öffne die Tür.«

Melody trat neben Norrick, der bereits an der Schleuse wartete. Noch immer war sie fasziniert von dem Mechanismus. Die Übungsräume des Ministeriums lagen unterhalb der Archive und waren von meterdickem Stahl umgeben. Jedes Zimmer und jeder Flur konnten hermetisch versiegelt werden, damit keine der Kreaturen entwischte. Zusätzlich waren die Schleusen, die als Türen eingesetzt wurden, von denselben Zeichen umgeben, die sich auch auf den alten Außenmauern des Towers befanden.

Ein Zischen erklang, als Dean die Verriegelung löste. Wie immer rechnete Melody damit, dass irgendwo Dampf austreten würde, aber wie immer wurde sie enttäuscht. Die Übungsräume waren erst vor ein paar Jahren komplett renoviert und alle Technik aus der viktorianischen Zeit ersetzt worden.

»Schon fertig für heute?« Deans kahler Schädel schaute aus dem angrenzenden Beobachtungs- und Steuerraum. »Ich dachte, ihr wolltet euch noch einmal an einem Ghul versuchen?«

River winkte ab, bevor Melody aufächzen konnte. Von Ghulen hatte sie bis auf Weiteres die Nase gestrichen voll. Die Biester stanken zum Himmel, hinterließen überall klebriges Zeug und ernährten sich von Leichen. Unwillkürlich schauderte sie bei dem Gedanken.

»Die neue Rekrutin hat sich einen freien Tag verdient«, meinte Norrick.

»Die beiden verlangen dir doch hoffentlich nicht zu viel ab, Mel?« Dean trat hinaus auf den kahlen Flur und baute sich vor Norrick auf. Er überragte ihn und River um einen halben Kopf und war um einiges breiter als die beiden.

»Nun ja …« Sie grinste, widerstand jedoch der Versuchung, herauszufinden, was Dean mit den beiden Jägern anstellen würde. Sie wusste zwar, dass die zwei viel Humor besaßen, wollte es jedoch nicht auf die Spitze treiben, da sie sich noch nicht gut genug kannten.

»Wir fordern sie nicht mehr als die anderen, die wir bisher ausgebildet haben«, sagte River und schob Dean von Norrick weg. »Wir sind hart, ja, aber das Training ist überlebenswichtig, das weißt du sehr genau.«

»Ich habe nur einen schlechten Tag«, fügte Melody entschärfend an und legte die Hand auf Deans muskulösen Arm. »Kommst du mit auf einen Drink?«

Dean erwiderte ihr Lächeln, schüttelte jedoch bedauernd den Kopf. »Ich trete gleich meinen Dienst im Riss-Raum an.«

Schade, dachte Melody. Seit sie ihre Ausbildung vor zwei Wochen begonnen hatte, hatte sie wenig von ihm gesehen. Aber vielleicht war das ganz gut so, ermahnte sie sich, als sie hinter den Jägern zum Aufzug ging. Ihre Beziehungshistorie bestand nämlich hauptsächlich aus schnellen Abenteuern mit gutaussehenden Menschen, die ebenso schnell wieder endeten. Bei Dean kam noch erschwerend hinzu, dass sie mit ihm zusammenarbeitete. Sie wusste, dass er gern seinen Spaß hatte und praktisch mit jeder Frau flirtete. Wegen ihm war die Fluktuation unter den Sekretärinnen mit ihren gebrochenen Herzen so hoch, dass etliche Arbeit liegengeblieben war.

Und auf Drama hatte sie absolut keine Lust.

Sie schaute noch einmal über die Schulter zurück, während sie auf den Aufzug warteten. Dean marschierte in die andere Richtung davon zum Verbindungstunnel, der unterirdisch direkt in die Wissenschaftsabteilung und den Riss-Raum unter dem Towergebäude führte.

»Wie geht es unserem violetten Freund?«, fragte Norrick und holte sie damit aus ihren Gedanken. Er meinte den Gestaltwandler, der in einem unbenutzten Teil der alten Folterkammern saß.

Melody hatte ihn zunächst jeden Tag besucht und er war bereit, mit ihr zu reden, solange River und Norrick ihn nicht mehr verhörten. Er hieß Desmond und war, wie sie es sich gedacht hatte, kaum dem Teenageralter entwachsen. Seine Familie und sein Clan lebten in einer der entlegensten Regionen der Bretagne an der französischen Atlantikküste.

Doch seit Melodys Ausbildung sich intensiviert hatte, fand sie kaum noch Zeit, Desmond zu besuchen.

»Den Umständen entsprechend gut, glaube ich«, antwortete sie. »Dean sollte mich eigentlich auf dem Laufenden halten. Er und Macy haben anscheinend so etwas wie Freundschaft mit ihm geschlossen.«

»Dean sollte es eigentlich besser wissen«, brummte River. »Mit Kreaturen aus dem Riss schließt man keine Freundschaften.«

»Was ist mit den Höllenhunden?«, fragte Melody. »Die scheinen ihn als Freund zu akzeptieren.« Jedenfalls solange es frische, blutige Leckerbissen von ihm gab.

»Höllenhunde bilden eine der wenigen Ausnahmen, wobei sie uns Menschen nur tolerieren, weil wir dasselbe Ziel haben. Die Hunde bewachen den Riss und wir holen alles zurück, was an ihnen vorbeikommt.«

Melody nickte und verschwieg, dass sie mittlerweile Desmonds Vertrauen gewonnen hatte. Sie wusste, dass River und Norrick nichts aus ihm herausbekommen hatten, aber ihr erzählte er gern von seiner Familie.

Sie sollte ihn heute Abend wieder einmal besuchen, meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Sie würde ihm eine doppelte Portion Fish und Chips mitbringen, die er so mochte.

Sie traten hinaus in die grelle Nachmittagssonne. Vor dem Hauptgebäude der Archive standen lange Tische und Bänke auf dem Kies. Viele Mitarbeiter des Ministeriums hatten sich hier niedergelassen und genossen den Schatten der umstehenden Linden. Die meisten von ihnen lasen Bücher, andere machten ein kleines Nickerchen oder plauderten mit ihren Freunden.

Ein fast typischer Sonntagnachmittag im Ministerium also.

»Wenn wir nicht wüssten, dass es ab und zu vorkommt, müssten wir uns langsam Sorgen machen, dass irgendetwas nicht stimmt«, meinte Norrick, als sie zwischen den Tischen hindurchgingen und auf ein Nebengebäude zuhielten. Seufzend fuhr er sich mit der Hand durch die blonden Locken.

»Wie meinst du das?«, fragte Melody interessiert.

»Die Ruhe. Es ist nichts los.«

»Ist das nicht gut?«

»Doch, natürlich, aber wir sind das nicht gewohnt.«

River fügte an: »Es scheint, als machten auch die Kreaturen aus dem Riss Sommerpause. Es gibt kaum Meldungen. Bis auf die Sammler, die immer zu tun haben, können fast alle ein paar Tage faulenzen.«

Melody drehte sich mit gespielter Empörung zu den Jägern um. »Und warum drillt ihr mich dann so? Ich könnte hier in der Sonne liegen und ein Buch lesen, das zur Abwechslung nichts mit Monstern zu tun hat.«

»Weil es sich jeden Moment wieder ändern kann.« Der dunkelhaarige River sah sie ernst an. »Wenn wir dich zu deinem ersten Feldeinsatz mitnehmen, müssen wir uns auf dich verlassen können.«

Melody nickte. Natürlich wusste sie das. Im Yard war es nicht anders. Frischlinge mussten erst ein intensives Training durchlaufen, bevor sie mit einem erfahrenen Partner auf die Straße durften.

Sie steuerten ein großes Nebengebäude mit einem langen Seitenflügel an. Es war eines der Häuser, die man im vorigen Jahrhundert errichtet hatte, und gänzlich aus Backstein. Hier gab es Schlafsäle und geräumige Zimmer für Gäste. Viele der Jäger trafen sich im großen Aufenthaltsraum, der mit einer Bar, einem Billardtisch und bequemen Sofas ausgestattet war.

Im Haus war es herrlich kühl. Durch die vielen Fenster fiel helles Licht herein und verlieh den zweckmäßig eingerichteten Zimmern eine wohlige Atmosphäre. Aus der Gemeinschaftsküche am Ende des Hauptflügels drangen Gesprächsfetzen und Geschirrklappern. Zwei junge Sammlerinnen kamen aus dieser heraus auf den Flur und kicherten mit hochroten Köpfen vor sich hin.

Norrick und River verdrehten die Augen, als die beiden sich an ihnen vorbeidrückten, und verkniffen sich ein Lachen.

»Was?«, fragte Melody irritiert.

»Gestern sind zwei Jäger aus Brasilien eingetroffen«, erklärte Norrick und hob schmunzelnd den Zeigefinger. »Ich habe gehört, sie können sehr anständig kochen.«

»Aaah«, sagte Melody gedehnt und war versucht, nur ganz kurz in die Küche zu linsen.

»Nichts da.« Norrick schob sie zur Treppe. »Du kannst dir die Verkörperung von Adonis später immer noch anschauen.«

»Ich dachte, das sei Dean«, meinte River trocken. »Jedenfalls tut er immer so.«

Norrick und Melody wechselten einen amüsierten Blick. Ja, Dean wusste in der Tat, dass er sehr gut aussah. Allerdings schien Melody nicht die Einzige zu sein, die neugierig auf die Brasilianer war. Sie ertappte Norrick dabei, wie er einen langen Blick zur Küche warf.

Der Aufenthaltsraum befand sich im ersten Stock und erstreckte sich beinahe über die gesamte Länge des Hauptflügels. Es gab einen geräumigen Balkon mit einem langen Tisch, Lampen und sogar einem Außenkamin, auf dem man grillieren konnte. Die Terrassentüren standen weit offen, so dass die feinen Vorhänge im lauen Wind flatterten.

»Ach, sieh mal einer an, die Superhelden und ihr neues Starlet«, sagte eine warme Stimme an der Bar.

Alle drei drehten sich um. Die Goodman-Zwillinge saßen auf den hohen Hockern und prosteten sich schief lächelnd zu.

»Habt ihr nichts zu tun?«, fragte Norrick neckend.

»Nein, aber ihr anscheinend auch nicht«, gab Sally oder Milly zurück. Melody konnte die beiden immer noch nicht auseinanderhalten. »Drink?«

»Deswegen sind wir hier.« Melody trat an die Bar und nahm der Jägerin die Flasche aus der Hand.

»Oh, Missy kann trinken!«

»Melody, und ja, kann ich.« Demonstrativ füllte sie sich ein Glas halb voll mit Whisky und ließ zwei Eiswürfel hineinfallen.

»Bringen dir die beiden alles richtig bei?«, fragte der andere Zwilling. »Falls nicht, kannst du gerne zu uns kommen.«

»Frauenpower«, sagte die andere und die Schwestern pressten kurz die Fäuste gegeneinander.

Melody schob zwei weitere Gläser über den Tresen zu River und Norrick, die sich danach schweigend auf eines der großen Sofas fallen ließen.

»Hey, nicht beleidigt sein, Jungs«, meinte Milly oder Sally und schwang ihre Beine vom Hocker. Ihre Schwester folgte ihr zur Polstergruppe, wo sie sich den anderen Jägern gegenüber setzten.

»Warum sollten wir beleidigt sein?«, fragte River und grinste schelmisch. »Ihr seid uns unterlegen, was die Quote angeht. Vielleicht könntet ihr jemanden wie Melody gebrauchen.«

»Verdammter Angeber«, murrte Milly oder Sally, doch sie lachte dabei.

Melody gesellte sich zu ihnen. Sie legte ihre Beine quer über die Armlehne des Sessels. »Darf ich euch etwas fragen?«, warf sie ein, um das Thema zu wechseln. Die Zwillinge nickten und sahen sie aufmerksam an. »Wer von euch ist wer? Bitte entschuldigt, aber ihr seht euch so ähnlich und ich möchte euch nicht mit dem falschen Namen ansprechen.«

Die Zwillinge sahen sich amüsiert an. »Ich bin Sally«, sagte diejenige, die näher bei Melody saß. »Und ich glaube, die meisten Leute unterscheiden uns an unserem Haarscheitel.«

Melody betrachtete die krausen, in alle Richtungen abstehenden schwarzen Haare der beiden. Erst war sie sich unsicher, was Sally meinte, doch dann sah sie es. Sally trug den Scheitel eher rechts, Milly eher links.

»Ich sehe es«, sagte sie und deutete abwechseln auf die beiden Frauen. »Milly und Sally. Ihr seid aus den Staaten, richtig?«

»Aus Boston, um genau zu sein«, antwortete Milly und nippte an ihrem Drink.

»Sie sind Teil eines jährlich stattfindenden Austausches«, erklärte River. »Wir schicken ein paar Jäger in andere Zweigstellen und im Gegenzug kommen einige zu uns.«

»So wie die Brasilianer«, ergänzte Norrick freudig.

»Heiße Gestelle«, pflichtete ihm Sally bei.

Melody richtete sich etwas auf. »Oh, dann wart ihr bestimmt einmal in Salem!«

»Dauernd«, bestätigte Sally düster und nahm einen großen Schluck Whisky. »Die Ecke ist durch ihre Geschichte wie ein Magnet für Kreaturen. Der Riss befindet sich mitten in Boston in der Nähe des Hafens, doch man könnte manchmal meinen, dass es in Salem einen zweiten gibt.«

Milly nickte und hob den Zeigefinger. »Alle paar Jahre wird nach einem Riss gesucht, aber bisher waren alle Aufklärungsarbeiten umsonst. Es gibt keinen in Salem, nur sehr viel negative Energie.«

Melody schaute fragend zu den beiden Männern, die nur die Schultern hoben.

»Wir waren noch nie da«, meinte River. »Unser letzter Austausch ist zwei Jahre her. Wir waren in Argentinien.«

»Nur für einen Monat, danach wurden wir nach London zurückbeordert«, sagte Norrick.

Melody trank einen großen Schluck und spürte die kribbelnde Wärme des Whiskys in der Kehle. Nachdenklich schaute sie auf die schmelzenden Eiswürfel in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Ihr Bauch flatterte aufgeregt. Sie freute sich darauf, eines Tages im Auftrag des Ministeriums in ferne Länder zu gehen. Scotland Yard kannte so ein System nicht. Dort hätte sie niemals die Möglichkeit bekommen, um die Welt zu reisen.

»Sag mal, Fields«, begann Sally. »Stimmt es, dass du hier schläfst?«

Melody hob den Kopf und fing dann Norricks warnenden Blick auf. Sie nickte kaum merklich, denn sie verstand.

»Es stimmt«, sagte River und gab sich unbeteiligt. »Meine Wohnung wird gerade renoviert.«

Eine Lüge, wie Melody wusste. River flüchtete vor dem Geist, der ihm seit zwei Wochen folgte, sobald er das Ministerium verließ. Norrick hatte ihr erzählt, dass es sich dabei um Rivers Verlobte Siobhan handelte, doch Details waren nicht aus River herauszubekommen.