Das Ministerium der Welten - Band 4: Katakomben - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Die Welt wird von Geistern und Monstern überrannt. Es gibt nur eine Organisation, die sich ihnen entgegenstellt: das Ministerium der Welten. Beunruhigende Nachrichten erreichen das Londoner Hauptquartier des Ministeriums: Auf die Zweigstelle in Paris wurde ein grausamer Anschlag verübt. Die Gruppe um River, Norrick und Melody wird von der Geschäftsleitung damit beauftragt, den oder die Schuldigen aufzuspüren – koste es, was es wolle. Doch das ist einfacher gesagt als getan, denn die Aussagen des einzigen Zeugen machen keinen Sinn. Während die wenigen Überlebenden des Anschlages und die Londoner Unterstützung versuchen, die Kontrolle über Paris wiederherzustellen, braut sich direkt unter ihnen eine Katastrophe zusammen.

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Seitenzahl:148

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Table of Contents

Katakomben

Was bisher geschah

00. Prolog

01. Shape of Things to Come

02. Whatever It Takes

03. The French Connection

04. Everything’s Under Control

05. … Or Not

06. Howling in the Dark

07. Ghoul’s Night out

08. Alone, alone

09. My Nightmare’s Dream

10. Run, Baby, Run

11. Fire in the Hole

Vorschau

Das Monster-Wiki

Nachrichten aus dem Ministerium

Impressum

Das Ministerium der Welten

Band 4

»Katakomben«

von Luzia Pfyl

 

Was bisher geschah

 

Basel, 1356: Durch ein starkes Erdbeben öffnet sich ein Riss in der Erde, durch den Geister und übernatürliche Kreaturen aus Sagen und Legenden hervortreten. Nach Jahrzehnten der Angst formiert sich eine Gruppe von Geisterjägern, die im 16. Jahrhundert auf Initiative von Königin Elizabeth I. in London das Ministerium der Welten begründen.

Da überall auf der Welt weitere Risse gefunden wurden, brachten die folgenden Jahrhunderte nicht nur legendäre Jäger hervor, die Menschen lernten ebenfalls, mit den okkulten Geschöpfen zu leben.

 

London, 1925: Detective Melody Hampton findet an einem Tatort statt einer Leiche nur die schleimigen Überreste eines Menschen vor. Sie wendet sich an das Ministerium der Welten, wo ihr die beiden Jäger River Fields und Norrick Lynch zur Seite gestellt werden. Zunächst davon überzeugt, dass sie den Fall gemeinsam lösen werden, wird die junge Frau schnell eines Besseren belehrt. Also macht sie sich allein auf die Suche nach dem mysteriösen Mörder, der nur Schleim hinterlässt – und gerät dabei in die Fänge eines Gestaltwandlers.

River und Norrick befreien die Detective aus dessen Fängen und brechen die Regeln des Ministeriums, als sie die Kreatur nicht töten, sondern stattdessen heimlich ins Hauptquartier bringen. Melody gibt ihren Job bei Scotland Yard auf und bewirbt sich als Jägerin im Ministerium.

Erst zwei Wochen der harten Ausbildung hinter sich, soll sie zusammen mit River und Norrick eine Geisteranomalie in der Nordsee untersuchen. Dort trifft die kleine Gruppe nicht nur auf einen unheilvollen – und realen – Fluch, sondern auch auf alte Bekannte; goldgierige Schatzjäger, mit denen River und Norrick noch eine Rechnung zu begleichen haben. Dabei kommen die drei nur knapp mit dem Leben davon, als die Schurken das versunkene Rungholt und dessen Geister rufen.

Währenddessen erkundet die Unternehmertochter Diana Turner ihre während eines Fabrikunfalls erhaltene Gabe des Geisterfeuers, mit dem sie Geister kontrollieren kann – etwas, das als unmöglich gilt. Weil sich immer mehr Seelen um sie scharen, reist Diana auf den alten Landsitz ihrer Familie, um den Verdacht des Ministeriums nicht auf sich zu lenken. Dort findet sie die Aufzeichnungen eines Vorfahren, der für das Ministerium gearbeitet hat, und entdeckt darin ein Geheimnis.

Ihr Plan, die Institution zu vernichten und den Tod ihrer Familie zu rächen, reift heran, parallel mit der Erstarkung des Geisterfeuers. Als sie abreist, scheint beides unter ihrer Kontrolle. Diana lässt das alte Gebäude von ihren Geistern vollständig zerstören.

Im Ministerium erahnt noch niemand den aufziehenden Sturm …

00. Prolog

~Aus den Archiven des Ministeriums~

 

Aus den Tagebüchern von Samuel Irving:

 

Paris, Mai 1666

 

Ah, Paris. Der wohl stinkendste Sündenpfuhl und dichtbevölkertste Moloch der Welt – abgesehen von meiner geliebten Heimatstadt London natürlich. Doch so ähnlich die beiden Städte scheinen, so einzigartig ist Paris. Laut und pompös, theatralisch und aufgesetzt, faulend, stinkend und überschäumend. Jahrtausendealte Geschichte, die eng verbunden mit meiner Heimat ist, auch wenn unsere beiden Königreiche die meiste Zeit davon Krieg miteinander führten.

Carina und ich sind im Auftrag seiner Majestät König Charles II. nach Paris gekommen, um die erste offizielle Zweigstelle des Ministeriums auf dem Kontinent zu etablieren. Nun, sie besteht bereits seit einem halben Jahr, aber wir sollen die Kameraden in ihren Bemühungen unterstützen. Ich hatte Carina gewarnt, dass wir nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werden würden, denn die Pariser lassen sich nicht gern von Engländern sagen, wie sie etwas zu tun haben. Und genauso ist es auch. Monsieur Foras, der Leiter der Zweigstelle, ist nicht der beste Mediator, aber er versteht sein Handwerk. Er hat die unheimliche Eigenschaft, scheinbar immer zu wissen, was in den Köpfen seiner Leute vor sich geht. Aber Mr. Dante meinte vor unserer Abreise, dass er ein guter Mann sei.

Das Haus, in dem die Zweigstelle untergebracht ist, befindet sich in der engen Rue de Rats. Die Seine ist nur einen Steinwurf entfernt und von der Straße aus geht der Blick direkt auf das lange Kirchenschiff von Notre-Dame. Gegenüber vom Haus befindet sich eine Kanzlei, was die Gegend respektabel macht.

Meiner Meinung nach hätte man die Zweigstelle allerdings besser direkt beim Riss in der Kathedrale auf der Île-de-la-Cité eingerichtet, so wie wir es in London gemacht haben, doch bisher scheint es nur wenige Probleme mit der Distanz zu geben.

Paris hat seit Langem ein Platzproblem: Sie wissen nicht wohin mit ihren Toten, die Friedhöfe sind vollkommen überfüllt. Ein bürokratischer Spießrutenlauf behindert die Schaffung von neuen Gräberanlagen außerhalb der Stadtgrenzen. Geister sind allgegenwärtig, aber was mir Sorgen bereitet ist die enorme Ghul-Population. Ich habe Gerüchte gehört, dass sie auf manchen Friedhöfen so zahlreich sind, dass sich niemand mehr dorthin traut.

In London haben wir das Problem weitgehend im Griff, seit wir unsere Anstrengungen verstärkt haben. Meine Aufgabe hier wird also sein, den neuen Kollegen die effiziente Ghul-Jagd beizubringen.

Gestern hatten Carina und ich eine Audienz bei König Ludwig XIV. Wir überbrachten ihm unsere Empfehlungsschreiben von König Charles II. sowie dessen Geschenke. Versaille stellt so ziemlich alles in den Schatten, was ich bisher gesehen habe. Carina hat die Begegnung mit dem schillernden Monarchen und dessen Hofstaat eingeschüchtert, denn sie ist ungewöhnlich schweigsam heute. Seine Majestät stellte uns viele Fragen bezüglich des Ministeriums und der angestrebten Zusammenarbeit unserer beiden Länder. Ich hoffe sehr, dass meine Antworten zufriedenstellend waren.

Und ich gebe zu, dass ich mehr als froh war, Versaille nach ein paar Stunden wieder verlassen zu können. Dem König wird nachgesagt, dass er seine Besucher gerne für mehrere Tage in seinem Palast behält. Mit der ganzen Opulenz und der Pracht können weder Carina noch ich etwas anfangen; wir schätzen die einfachen Verhältnisse normaler Bürger.

Die Pariser Kollegen sind ständig in der Stadt unterwegs. Es gibt sehr viel zu tun. Auch wir wollen heute Nacht noch los. Einer der Friedhöfe liegt ganz in der Nähe des Haupthauses der Zweigstelle, wo wir auch unsere Unterkunft haben. Die Priester der kleinen katholischen Kirche, zu der der Friedhof gehört, flehten uns heute Mittag regelrecht an, ihnen zu helfen. Erst vor ein paar Tagen ist ein junger Mönch, der für die Grabpflege verantwortlich war, von einer Horde Ghule getötet worden.

Carina und ich haben viel Arbeit vor uns.

Paris, Ende Juli 1925

 

Henri schob den Vorhang beiseite und schaute hinaus in den strömenden Regen. In der Rue de l’Hôtel Colbert, die früher einmal Rue de Rats genannt wurde, gingen gerade die Straßenlaternen an, doch das Abendlicht blieb grau. Die Fassaden der gegenüberliegenden Häuser gingen Ton in Ton in den Asphalt über. In der Abwasserrinne zwischen Bordstein und Straße hatte sich ein kleiner Bach gebildet. Henri beobachtete eine Person, die aus dem Haus der Kanzlei trat, einen roten Regenschirm aufspannte und dann davoneilte, Richtung Quai de Montebello.

Mehrstimmiger Jubel wurde hinter ihm laut und übertönte für einen Moment die Chansons, die vom Grammophon in der Ecke kamen. Henri wandte sich von der grauen Straße ab. Er schlenderte zu dem reich gedeckten langen Tisch in der Mitte des Konferenzraumes. Die gesamte Belegschaft war anwesend und feierte Philippes Geburtstag. Soeben stellte Marie eine mehrstöckige Torte sachte auf den Tisch – das war es, was den Jubel ausgelöst hatte.

»Marie, du hast dich wieder einmal selbst übertroffen«, sagte Gabrielle bewundernd. Das Licht der Kerzen auf der Torte spiegelte sich in ihren braunen Augen und in den Pailletten ihres Kleides, das sie extra für diesen Anlass angezogen hatte.

»Ach, das war kein Aufwand«, winkte Marie ab und gestikulierte Philippe zu sich. Verlegen unter den anfeuernden Rufen der anderen stellte er sein Champagnerglas neben die Torte.

»Alle auf einmal?«, fragte er.

»Natürlich, sonst geht dein Wunsch nicht in Erfüllung«, bestätigte Gabrielle schmunzelnd. Die beiden waren ein eingeschworenes Team und vermutlich die besten Jäger, die die Pariser Abteilung seit Jahrzehnten gesehen hatte. Mindestens einmal im Jahr ging das Gerücht um, dass sie mehr als nur Freunde waren, doch Henri war es einerlei. Es ging ihn nichts an, was seine Teamkollegen in ihrer Freizeit machten. Er beteiligte sich ohnehin so gut wie nie an Aktivitäten außerhalb der Arbeit, denn er blieb lieber für sich in seiner kleinen Wohnung mit seinen Büchern.

Philippe holte tief Luft und blies die Kerzen aus. Henri stimmte in den Jubel und das Klatschen mit ein. Er nippte an seinem Champagner und schaute sich im Raum um. Es waren wirklich alle gekommen, selbst Monsieur Bollier, der Leiter. Nur der Techniker und die beiden Jäger, die Notdienst drüben in Notre-Dame schoben, um den Riss zu sichern, fehlten.

Irgendjemand würde schon dafür sorgen, dass die drei ein Stück der Torte und eine angefangene Flasche des Champagners abbekamen.

Henri zog sich wieder ans Fenster zurück, wo er sich am wohlsten fühlte. Etwas abseits der anderen, von wo aus er still beobachten konnte. Er war nicht gerade ein Freund von sozialen Interaktionen, lauten Partys oder Situationen, die von ihm verlangten, gut gelaunt zu sein. Marie warf ihm oft vor, dass er zu einzelgängerisch war und ihr kleines Team keine Einzelgänger gebrauchen konnte, doch Henri zuckte jeweils nur mit der Schulter und lächelte. Er mochte Marie, also sagte er nichts.

Er war ein Sammler. Er konnte sehr gut allein arbeiten, im Gegensatz zu den Jägern, die immer zu zweit unterwegs sein mussten, aus Gründen der Sicherheit. Es machte ihm nichts aus, den ganzen Tag allein durch die Straßen von Paris zu gehen, um Seelen einzufangen, im Gegenteil. Es war der ideale Job für jemanden wie ihn.

Eine Windböe fegte dicke Regentropfen an die Fensterscheiben hinter ihm. Das Geräusch riss ihn aus den Gedanken und er drehte den Kopf nach links. Eine Frau kämpfte gegen den Wind und ihren umgekrempelten Regenschirm an und suchte Zuflucht unter dem Vordach der Kanzlei. Henri nippte am Champagner.

Das Team der Pariser Abteilung des Ministeriums der Welten stimmte das Geburtstagslied an, Philippe dirigierte ausgelassen und verlangte nach mehr Champagner. Monsieur Bollier schüttelte ihm gratulierend die Hand und reichte ihm eine seiner teuren Zigarren, die er normalerweise wie einen Schatz hütete. Philippe bedankte sich und senkte geehrt den Kopf. Der Jäger wusste um den Wert dieser Gabe.

Henri fragte sich, ob er vielleicht doch ein Geschenk hätte besorgen sollen. Er nippte an seinem Glas. Vermutlich würden sie ihn sowieso irgendwann vergessen, dachte er, wenn er sich weiterhin abseits hielt. Wäre nicht das erste Mal. Also war es auch nicht so schlimm, dass er nichts für Philippe dabeihatte.

Eine gute Stunde später wurden die ersten Trinklieder angestimmt. Jemand wechselte die Schallplatte auf dem Grammophon zu anrüchigen Kabarettliedern. Damit hatte Henri schon gerechnet und es insgeheim auch befürchtet, denn wenn die Pariser Mitarbeiter des Ministeriums eines konnten, dann feiern. Vermutlich war das ihre Art, mit dem ständigen Stress und der andauernden Gefahr umzugehen; für eine Metropole wie Paris waren sie einfach zu wenige. Seit dem Krieg war mehr als die Hälfte der Belegschaft nach Westen ins Niemandsland geschickt worden. Millionen und Abermillionen von Geistern mussten von den Schlachtfeldern eingesammelt werden.

Henri war froh, damals nicht ausgelost worden zu sein, denn die Arbeit im Niemandsland war tödlich. Niemand wusste, wie viele Bomben und Minen noch in der aufgewühlten Erde lagen, zudem hatten sich wegen der verwesenden Toten Krankheiten ausgebreitet. Selbst das Grundwasser war in einigen Gegenden wie Verdun verseucht. Die Kriegsparteien hatten sich vom größten Gemetzel in der Geschichte der Menschheit längst erholt, doch das versehrte Land würde noch lange seine Narben tragen.

Henri seufzte und erhob sich von der Fensterbank, um sein Glas am Buffet aufzufüllen. Vielleicht würde er sich sogar ein zweites Stück Kuchen genehmigen. Zucker half, die düsteren Gedanken zu vertreiben, hatte seine Mutter immer gesagt. Außerdem sollte er nicht zu viel Alkohol auf halbleeren Magen trinken.

Gabrielle winkte ihn energisch zu sich, doch Henri schüttelte lächelnd den Kopf. Nein, er würde garantiert nicht tanzen. Gabrielle verzog gespielt das Gesicht zu einer beleidigten Schnute, dann lachte sie los. Jede Paillette ihres Kleides wackelte mit und wechselte im Licht des Kronleuchters die Farbe. Philippe legte einen Arm um Gabrielles Taille und wirbelte sie herum, wobei sie begeistert aufkreischte.

Henri stand etwas unentschlossen vor dem Buffet und betrachtete die halbleeren Schüsseln und Platten vor sich. Er hatte nicht wirklich Appetit, aber es wäre Verschwendung, wenn von dem Essen noch so viel übrig blieb. Er griff nach dem großen Löffel in der Schüssel mit dem Nudelsalat, als er das leise Fump, das aus der Ecke hinter dem Buffet kam, bemerkte. Erst, als auch noch das Blinklicht an der Röhre anging, schaute er auf.

Eine Nachricht über das hausinterne Rohrsystem. Vier gläserne Enden für Post aus den vier Abteilungen. Henri runzelte die Stirn. Das Blinklicht war am Rohrende der Nornen angegangen. Aber die Sammler hatten die neuen Listen bereits bekommen. Wollten die Nornen Philippe etwa auch zum Geburtstag gratulieren?

Henri bezweifelte dies stark, dennoch legte er seinen Teller ab und ging hinüber. Er öffnete das Rohrende, nahm den metallenen Zylinder heraus und schraubte dessen Deckel auf. Ein gerolltes Papier befand sich darin, das aussah wie eine gewöhnliche Liste, die die Nornen den Sammlern aushändigten.

Normalerweise allerdings nicht via Rohrsystem und schon gar nicht in den Konferenzraum.

Henri klemmte sich den Zylinder unter die Achsel und entrollte das Papier. Tatsächlich, es war eine Liste. Sie war relativ kurz, nur siebzehn Namen standen darauf.

Der Zylinder fiel mit einem deutlichen Laut auf den Boden und rollte unter das Buffet.

»Monsieur … Monsieur Bollier?«, rief Henri und versuchte, die Verwirrung und die in ihm aufkeimende Panik zu unterdrücken.

Der Leiter der Abteilung trat zu ihm. Er trug wie üblich einen seiner braunen Tweedanzüge, der über dem dicken Bauch spannte. In der rechten Hand hielt er eine zur Hälfte gerauchte Zigarre. »Was gibt’s?«

»Das kam soeben von den Nornen, Monsieur.« Henris Hand zitterte, als er Bollier das Papier reichte. »Ist das ein Scherz?«

»Die Nornen machen keine Scherze, Darbonne«, gab Bollier zurück und klemmte sich die Zigarre in den Mundwinkel. »Vermutlich wieder ein Unfall. Wie vor ein paar Monaten, Sie erinnern sich doch. Zugunglück oben in Saint Denis.« Er gestikulierte mit dem Papier. »Ich musste alle Sammler unverzüglich dorthin schicken.«

Natürlich erinnerte er sich, aber das war nicht das, was Henri hatte hören wollen, denn wenn dem so war, dann …

»Grundgütiger«, murmelte Bollier und nahm die Zigarre aus dem Mund. Asche fiel auf den Boden. Die Hände des Leiters krallten sich in das Blatt Papier, während er die Zeilen überflog.

Henris Befürchtungen bewahrheiteten sich. Das war kein Scherz, den sich die Nornen erlaubt hatten.

Alle in diesem Gebäude versammelten Mitglieder des Ministeriums würden in fünf Minuten sterben.

Henri hatte die Liste nach den ersten Namen zwar nur noch überflogen, aber er war sich sicher, dass sein Name auch draufstand. Mit rasendem Herzen und kalten Schweißperlen auf der Stirn starrte er auf die immer noch fröhliche Feier. Gabrielle, Philippe und Marie. Nino, Lafayette, Madame D’Hiver und all die anderen.

Monsieur Bolliers Gesicht war kreideweiß, als er sich umwandte und die Hand mit der Zigarre hob. »Messieurs, Mesdames«, sagte er laut und eindringlich genug, dass es augenblicklich still wurde im Saal. Jemand stellte das Grammophon aus. »Soeben erreichte uns eine Liste der Nornen. Ich mache keine großen Umschweife, denn wir haben nicht mehr viel Zeit.«

Henri sah, wie Bollier tief Atem holte, denn die nächsten Sätze fielen ihm sichtlich schwer. Er zog seine Taschenuhr aus dem Jackett. »In weniger als fünf Minuten werden wir alle tot sein. Die Pariser Abteilung des Ministeriums wird aufhören zu existieren.«

Sofort riefen alle durcheinander und stürmten auf den Abteilungsleiter ein. Henri wurde von jemandem beiseitegestoßen und prallte gegen das Buffet. Sein Champagnerglas, das er dort abgestellt hatte, fiel um und ruinierte das weiße Tischtuch mit dem schäumenden Getränk. Krampfhaft versuchte er, die aufsteigende Panik zu unterdrücken, doch es funktionierte nicht. Sein Körper wollte nicht auf ihn hören. Jetzt erst recht nicht mehr, als er sah, wie die Jäger, die abgebrühten Jäger, die nichts aus der Ruhe bringen konnte, reagierten.

Er zog sich an sein Fenster zurück und lehnte sich mit dem Rücken an die kalte Scheibe. Was auch immer in fünf, nein, vier Minuten passieren würde, war nicht mehr aufzuhalten. Die Nornen gaben keine Namen heraus, wenn der Tod eines Menschen nicht sicher war.

»Hé«, rief jemand laut und drängte aus der Traube, die sich um Bollier gebildet hatte. Es war Philippe und er hatte die Liste in der Hand. Henri bemerkte, dass er direkt auf ihn zukam. Verwirrung, Angst und Zorn wechselten sich in Philippes schönem Gesicht ab. »Warum stehst du nicht drauf, Henri, hm?«, verlangte er zu wissen und hielt ihm die Liste vor die Nase. »Bist du es, der uns alle umbringen wird? Hast du etwa den Kuchen vergiftet?«

Henri wollte ihm erklären, dass er selbst vom Kuchen gegessen hatte, aber dazu kam es nicht mehr. Panik brach aus. Eine der Assistentinnen schrie schrill auf und drängte sich an den anderen vorbei.

»Wir müssen alle raus!«, rief sie und hielt auf die Tür zu. »Lasst mich vorbei!«

»Das nützt nichts!«, rief jemand anders, dessen Stimme Henri nicht zuordnen konnte. »Die Liste sagt klar, dass wir in diesem Haus sterben werden.«

»Aber wir müssen doch etwas tun können!« Das war Marie. Sie klammerte sich an Gabrielle. »Ist es ein Gasleck? Eine Gasexplosion können wir verhindern, wenn wir das Leck finden, oder?«

Philippe starrte immer noch Henri an, als wolle er ihm die Schuld geben. Henri zog die Schultern hoch und drückte sich noch mehr an die kalte Glasscheibe. Er hatte keine Ahnung, warum sein Name nicht auf der Liste war.

Zwei Minuten.