Das muss Liebe sein - Rachel Gibson - E-Book

Das muss Liebe sein E-Book

Rachel Gibson

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Beschreibung

Schlimmer kommt's immer, das weiß auch der Polizist Joe Shanahan. Und es kann wahrhaftig den stärksten Mann erschüttern, wenn er mitten in der Beobachtung eines Verdächtigen von einer sehr attraktiven Wildkatze überwältig wird, die mit nichts anderem als einer Flasche Haarspray bewaffnet ist. Jetzt soll er auch noch getarnt ermitteln, und welche Maskerade hat man für ihn ausersehen? Geschäfts- und Lebenspartner von Gabrielle Breedlove zu spielen, jener Frau, die ihn mit Haarspray attackiert hatte. Außerdem vereint sie Joes Ansicht nach alles in sich, was er an Frauen nicht ausstehen kann: zuviel Temperament, zuwenig Logik und ein Mundwerk, das selbst einen Polizisten, der mit zwei älteren Schwestern aufgewachsen ist, noch erschüttern kann.
Auch Gabrielle Breedlove hat im Moment einfach keine Zeit für die Liebe: Es mag ja ganz nett sein, einen gutaussehenden, muskulöser Geschäftspartner zu haben, der auch noch ihren Begleiter mimen soll. Aber was soll sie mit einem Typen, dem sie jedes Wort aus der Nase ziehen muss, der noch nicht einmal an Karma und Aromatherapie glaubt und außerdem die Frechheit besitzt, sie selbst eines Verbrechens überführen zu wollen. Sex-Appeal hin, Muskeln her, Joe und Gabrielle sind, jeder für sich, auf Verbrecherjagd und haben einfach keine Zeit für Gemeinsamkeiten - oder gar die Liebe...

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Seitenzahl: 489

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Buch

Dem Kartoffelkönig von Idaho wird ein wertvolles Gemälde gestohlen, und Polizist Joe Shanahan soll den Fall aufklären. Die Spur führt ihn zu einem kleinen Antiquitätenladen, doch obwohl Joe Gabrielle, die junge Inhaberin des Ladens, nun schon seit einigen Tagen beschattet, ist ihm außer ihrer äußerst attraktiven Figur nichts Verdächtiges an ihr aufgefallen. Leider blieb sein Einsatz von Gabrielle nicht unentdeckt, und ihr gelingt es schließlich, den lästigen Verfolger mit einer Dose Haarspray zu überwältigen. Sie hielt ihn für einen Sittenstrolch und ist sprachlos, als er sie des Raubes verdächtigt und aufs Polizeirevier abführt. Gabrielle kann die Beamten zwar von ihrer Unschuld überzeugen, aber die Polizei will weiter gegen ihren Geschäftspartner ermitteln. Joe arbeitet nun getarnt als Aushilfe in ihrem Laden und gibt sich zu allem Überfluss auch noch als ihr Liebhaber aus. Die Ermittlungen gestalten sich schwieriger als angenommen, denn nach Joes Ansicht vereint Gabrielle alles in sich, was er an Frauen nicht ausstehen kann: zu viel Temperament, zu wenig Logik und ein Mundwerk, das selbst einen Polizisten, der mit zwei Schwestern aufgewachsen ist, noch erschüttern kann. Gabrielle wiederum hat im Moment einfach keine Zeit für einen gut aussehenden, muskulösen Polizisten, der nicht einmal an Karma, Aura und Aromatherapie glaubt. Sex-Appeal hin, Muskeln her, Joe und Gabrielle haben einfach keine Zeit für Gemeinsamkeiten  – oder gar die Liebe ...

Autorin

Seit sie sechzehn ist, erfindet Rachel Gibson mit Begeisterung Geschichten. Damals allerdings brauchte sie ihre Ideen vor allem dazu, um sich für ihre Eltern alle möglichen Ausreden einfallen zu lassen. Ihre Karriere als Autorin begann viel später und mittlerweile hat sie nicht nur die Herzen ihrer Leserinnen erobert, sie wurde auch mit dem Golden Heart Award der Romane Writer’s of America ausgezeichnet. Rachel Gibson lebt mit ihrem Ehemann, drei Kindern, zwei Katzen und einem Hund in Boise, Idaho. Weitere Titel der Autorin sind bei Goldmann in Vorbereitung.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorin1. KAPITEL2. KAPITELCopyright

Dieses Buch ist in großer Liebe meinen Brüdern und Schwestern gewidmet:

Mary Kae LarsonEin großes Herz in einem zierlichen Körper, eine geübte Fahrerin und Einparkerin. Du hattest die besten Ohrringe, die eine jüngere Schwester je klauen konnte.

Keith ReedDanke für die 25 Doller für die Kosmetikbehandlung 1977, nach der ich wie Farrah aussah. Als du fortgingst, blieb eine Leere in meinem Herzen, du fehlst mir jeden Tag.

Terry RogersEin innerlich wie äußerlich schöner Mensch, eine begabte Sängerin und Musikerin, mit einem besonderen Talent für »Chicken Songs«.

Al ReedEin begeisterter Jäger und ein guter Mensch. Ich bin seit jeher stolz, dich meinen Bruder nennen zu können, außer damals, als ich Malibu Barbie mit Nadeln in den Augen von der Decke hängend fand.

Mit euch allen an der Resseguie Street aufzuwachsen war das absolut Größte.

1. KAPITEL

Detective Joseph Shanahan hasste Regen. Er hasste Regen fast genauso sehr wie niederträchtige Kriminelle, aalglatte Verteidiger und dumme Gänse. Die Ersten waren Abschaum, die Zweiten Schlammwühler und die Dritten eine Schande für die Familie der Vögel im Allgemeinen.

Er setzte den Fuß auf die vordere Stoßstange eines beigefarbenen Chevy, neigte sich nach vorn und dehnte die Muskeln. Er brauchte nicht zu den silbergrauen Wolken aufzublicken, die über dem Ann Morrison Park aufzogen, um zu wissen, dass ihm ein gehöriger Regenguss bevorstand. Der dumpfe Schmerz in seinem rechten Oberschenkel verriet ihm auch so, dass dieser Tag ihm nichts Gutes bringen würde.

Als er das vertraute Ziehen in seinen Muskeln spürte, wiederholte er die Dehnübung mit dem anderen Bein. Meist erinnerte ihn nur die zehn Zentimeter lange Narbe an seinem Oberschenkel daran, dass eine Neunmillimeterkugel sein Fleisch aufgerissen und sein Leben verändert hatte. Neun Monate und zahllose Stunden intensiver Physiotherapie später war er in der Lage, Schiene und Knochennagelung zu vergessen. Außer wenn es regnete und der veränderte Barometerdruck die Narbe zum Pochen brachte.

Joe streckte sich, rollte wie ein Preisboxer den Kopf von einer Seite zur anderen, griff dann in die Tasche seiner Baumwollhose, die er zu Shorts gekürzt hatte, und zog eine Packung Zigaretten heraus. Er zündete sich mit seinem Zippo eine Zigarette an. Nach einem kurzen Blick auf die Flamme kniff er die Augen zusammen und beäugte die propere weiße Gans, die ihn aus nicht ganz zwei Meter Entfernung anstarrte. Der Vogel näherte sich watschelnd, reckte den langen Hals und zischte mit wütend aufgerissenem orangefarbenem Schnabel und herausgestreckter rosa Zunge.

Mit lässiger Handbewegung klappte Joe das Feuerzeug zu und schob Zigarettenpackung und Feuerzeug in die Tasche zurück. Genussvoll stieß er den Rauch aus, während die Gans den Kopf senkte und mit ihren Knopfaugen Joes Fußknöchel fixierte.

»Wenn du das tust, spiel ich mit dir Fußball.«

Mehrere Sekunden lang starrten sie sich kampflustig an, dann zog die Gans den Kopf ein, drehte sich auf ihren Schwimmfüßen um, watschelte davon und warf noch einen letzten Blick in Joes Richtung, bevor sie auf den Bordstein hüpfte und den übrigen Gänsen zustrebte.

»Schwächling«, murmelte er und löste den Blick von der zurückweichenden Bedrohung. Noch mehr als Regen, Luftdruckveränderungen und aalglatte Anwälte verabscheute Joe Polizeispitzel. Er kannte höchstens einen oder zwei von dieser Sorte, die nicht ihre Frau, ihre Mutter oder ihren besten Freund verraten hätten, um den eigenen Hintern zu retten. Das Loch im Bein verdankte er seinem letzten Zuträger, Robby Martin. Robbys Betrügereien hatten Joe einen Klumpen Fleisch und Knochen und den Job, den er liebte, gekostet. Der junge Drogendealer hatte mit einem höheren Preis bezahlt – mit seinem Leben.

Joe lehnte sich gegen die Seite des Chevy und nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Rauch brannte in seiner Kehle und füllte seine Lungen mit Teer und Nikotin. Das Nikotin stillte seine Sucht wie die beschwichtigende Zärtlichkeit einer liebenden Frau. Was ihn betraf, gab es nur eines, was besser war als eine Lunge voller Toxine.

Dieses eine hatte er leider nicht mehr gehabt, seit er mit Wendy, seiner letzten Freundin, Schluss gemacht hatte. Wendy konnte recht passabel kochen, und in figurbetonten Stretchhosen sah sie geradezu verblüffend gut aus. Aber er konnte einer Zukunft mit einer Frau, die ausflippte, weil er das zweimonatige Jubiläum ihres Kennenlernens vergessen hatte, nicht ins Auge sehen. Sie hatte ihm vorgeworfen, unromantisch zu sein. Zum Teufel, er war genauso romantisch wie jeder andere auch. Er stellte sich deswegen nur nicht schmalzig und bescheuert an.

Joe inhalierte noch einmal tief den Rauch seiner Zigarette. Selbst wenn diese Jubiläumsscheiße nicht gewesen wäre, hätte seine Beziehung zu Wendy zu nichts geführt. Sie konnte nicht verstehen, dass er so viel Zeit für Sam aufwenden musste. Sie war eifersüchtig gewesen, aber wenn Joe Sam nicht genügend Beachtung geschenkt hätte, dann hätte Sam sämtliche Möbel angeknabbert.

Joe atmete langsam aus und betrachtete die Rauchfahne, die vor seinem Gesicht stehen blieb. Das letzte Mal hatte er das Rauchen drei Monate lang aufgegeben und er würde wieder aufhören. Aber nicht heute. Morgen wohl auch nicht. Captain Luchetti hatte gerade gehörig auf die Sahne gehauen, und wenn man ihm schon das Messer an die Kehle setzte, wollte er verdammt noch mal hinterher wenigstens eine rauchen.

Durch den Rauch hindurch erspähte er aus schmalen Augen eine Frau mit einer rotbraunen Lockenmähne, die ihr über den halben Rücken hing. Ein Windstoß hob ihr Haar und wehte es um ihre Schultern. Joe brauchte das Gesicht nicht zu sehen, um zu wissen, wer da mitten im Ann Morrison Park stand und die Arme in die Höhe streckte wie eine Göttin, die den grauen Himmel anbetete.

Ihr Name war Gabrielle Breedlove und ihr gehörte zusammen mit ihrem Geschäftspartner Kevin Carter ein Kuriositätenladen im historischen Hyde-Park-Bezirk. Beide standen im Verdacht, den Laden als Tarnung für ihre anderen, bedeutend lukrativeren Geschäfte zu benutzen – den Handel mit gestohlenen Antiquitäten.

Keiner der beiden Ladenbesitzer hatte ein Strafregister und wäre der Polizei wohl nie aufgefallen, wenn sie sich weiterhin auf Kleinkram beschränkt hätten, aber sie strebten nach Höherem. Einem der vermögendsten Männer im Staat, Norris Hillard, besser bekannt als der Kartoffelkönig, war in der vorangegangenen Woche ein berühmtes impressionistisches Gemälde gestohlen worden. In Bezug auf Macht und Einfluss im Staate Idaho kam er gleich nach Gott. Nur jemand mit einem hohen Maß an Tollkühnheit würde den Monet des Kartoffelkönigs stehlen. Bislang waren Gabrielle Breedlove und Kevin Carter die Hauptverdächtigen in diesem Fall. Ein Gefängnisspitzel hatte der Polizei ihre Namen gesteckt, und als die Hillards ihren Zeitplaner konsultierten, stellten sie fest, dass Carter sechs Monate zuvor in ihrem Haus gewesen war, um eine Sammlung von Tiffanylampen zu schätzen.

Joe zog an seiner Zigarette und stieß den Rauch langsam aus. Dieses kleine Antiquitätengeschäft im Hyde Park war eine perfekte Tarnung für Hehlerei, und er wettete sein linkes Ei darauf, dass Mr. Carter und Ms. Breedlove den Monet der Hillards versteckt hielten, bis sich die Wogen geglättet hatten und sie ihn für ein Bündel Scheine an einen Hehler weitergeben konnten. Die beste Chance für die Lösung des Falls bestand darin, das Gemälde aufzuspüren, bevor es in die Hände des Hehlers überwechselte und im Untergrund verschwand.

Der Kartoffelkönig machte Chief Walker die Hölle heiß, der wiederum heizte Captain Luchetti und den Beamten vom Raubdezernat ein. Stress führte bei einigen Polizisten dazu, dass sie zur Flasche griffen. Nicht so Joe. Er war kein großer Trinker, und er nahm einen weiteren beruhigenden Zug aus seiner Zigarette, während er die Verdächtige musterte. Im Kopf ging er die hastig zusammengestellte Akte über Ms. Breedlove durch.

Er wusste, dass sie in einer Kleinstadt im Norden Idahos geboren und aufgewachsen war. Ihr Vater war gestorben, als sie noch klein war, und sie hatte mit ihrer Mutter, einer Tante väterlicherseits und einem Großvater zusammen gewohnt.

Sie war achtundzwanzig, einssiebzig groß und wog ungefähr einhundertundzwanzig Pfund. Ihre Beine waren lang. Ihre Shorts nicht. Er sah zu, wie sie sich vornüberbeugte und mit den Fingern den Boden zu ihren Füßen berührte, und er genoss den Anblick genauso wie seine Zigarette. Seit er den Auftrag hatte, sie zu beschatten, hatte er die süßen Formen ihrer Kehrseite schätzen gelernt.

Gabrielle Breedlove. Ihr Name klang wie der eines Pornostars. Joe hatte noch nie mit ihr gesprochen, aber er hatte sie nah genug vor Augen gehabt, um zu wissen, dass sie an genau den richtigen Stellen entzückende Kurven aufwies.

Und auch ihre Familie war im Staate Idaho nicht unbekannt. Die Breedlove Mining Company hatte etwa neunzig Jahre lang oben im Norden gearbeitet, bevor sie Mitte der Siebziger verkauft wurde. Die Familie war einmal unermesslich reich gewesen, aber Fehlinvestitionen und Missmanagement hatten das Vermögen um ein Beträchtliches schrumpfen lassen.

Joe sah zu, wie sie auf einem Bein irgendwelche Jogadehnübungen ausführte, bevor sie langsam davonjoggte. Er schnippte seine Zigarette ins taufeuchte Gras und stieß sich von dem Chevy ab. Er folgte ihr quer durch den Park bis zu dem schwarzen Asphaltweg, der den Namen Grüngürtel trägt.

Der Grüngürtel folgt dem Fluss Boise und windet sich durch die Hauptstadt, wobei er auf seinem Weg acht größere Parks miteinander verbindet. Der würzige Geruch von Wasser und Pappeln erfüllte die Morgenluft, kleine Fetzen Pappelwolle trieben im Wind und blieben an Joes T-Shirt kleben.

Er kontrollierte seine Atmung, atmete locker und langsam, während er das gleiche Tempo hielt wie die etwa fünfzehn Meter vor ihm laufende Frau. Seit einer Woche, seit dem Diebstahl, beschattete er sie, machte sich mit ihren Gewohnheiten vertraut – suchte die Art von Informationen zusammen, die er weder von privaten noch von öffentlichen Aufzeichnungen bekommen konnte.

Soweit er wusste, joggte sie immer die gleiche Zweimeilenschleife und trug immer dieselbe schwarze Gürteltasche. Ständig schaute sie sich in ihrer Umgebung um. Zuerst hatte er vermutet, sie suche irgendetwas oder irgendjemanden, aber sie traf sich mit keiner Menschenseele. Außerdem fürchtete er, dass sie etwas von seiner Überwachung ahnte, doch er achtete streng darauf, täglich etwas anderes anzuziehen, den Parkplatz zu wechseln und ihre Verfolgung von verschiedenen Ausgangspunkten her aufzunehmen. An manchen Tagen stülpte er sich eine Baseballkappe übers dunkle Haar und zog ein flottes Jogging-Outfit an. An diesem Morgen trug er ein rotes Schweißband um die Stirn und ein graues Sweatshirt.

Zwei Männer in leuchtend blauen Trainingsanzügen joggten den Grüngürtel entlang auf ihn zu. In der Sekunde, als sie an Ms. Breedlove vorbeiliefen, verrenkten sie sich die Hälse und erfreuten sich an dem Schwingen ihrer weißen Shorts. Als sie sich wieder umwandten, trugen beide den gleichen Ausdruck lächelnder Wohlgefälligkeit auf dem Gesicht. Joe konnte es ihnen nicht verübeln, dass sie sich noch ein letztes Mal nach ihr umdrehten. Sie hatte tolle Beine und einen tollen Hintern. Pech, dass das Schicksal Gefängniskleidung für sie vorgesehen hatte.

Joe folgte ihr über die Fußgängerbrücke hinaus aus dem Ann Morrison Park und achtete sorgfältig darauf, Distanz zu halten, als sie weiter dem Verlauf des Boise River folgten.

Ihr Persönlichkeitsprofil entsprach nicht dem des typischen Diebs. Im Gegensatz zu ihrem Geschäftspartner war sie nicht bis über beide Ohren verschuldet. Sie spielte nicht und musste auch keine Drogensucht finanzieren. Für die Beteiligung an einem Verbrechen blieben dieser Frau also nur zwei mögliche Motive übrig.

Das eine Motiv ist der Nervenkitzel, und Joe verstand sehr gut, wie reizvoll ein Leben auf Messers Schneide ist. Adrenalin ist eine mächtige Droge. Er selbst liebte sie, weiß Gott. Er liebte die Art und Weise, wie sie über die Haut kroch, sie prickeln ließ und ihm die Nackenhaare sträubte.

Das andere Motiv ist schon gewöhnlicher – Liebe. Die Liebe neigt dazu, Frauen in Schwierigkeiten zu bringen. Joe hatte mehr als genug Frauen kennen gelernt, die alles tun würden für irgendeinen nichtsnutzigen Typen, der sie selbst ohne zu zögern ans Messer liefern würde, um die eigene Haut zu retten. Joe wunderte sich längst nicht mehr über das, was manche Frauen aus Liebe taten. Es wunderte ihn längst nicht mehr, im Knast Frauen anzutreffen, die für ihre Männer Strafen absaßen und tränenüberströmt Quatsch absonderten wie: »Ich kann nichts Schlechtes über Soundso sagen, ich liebe ihn.«

Die Baumkronen über Joes Kopf wurden dichter, als er der Frau in einen anderen Park folgte. Der Julia Davis Park war üppiger, grüner und bot zudem noch Attraktionen wie die Museen für Kunst und Geschichte, den Boise Zoo und natürlich die Tootin’-Tater-Bimmelbahn.

Einen Sekundenbruchteil bevor er einen leisen Aufprall auf dem Pflaster hörte, spürte er, wie sich etwas aus seiner Hosentasche löste. Er griff sich an die leere Tasche, wandte den Kopf und sah sein Zigarettenpäckchen auf dem Weg liegen. Erst zögerte er einige Sekunden, dann ging er zurück. Ein paar Zigaretten rollten über den Asphalt, und eilig bückte er sich, um sie einzusammeln, bevor sie in einer Pfütze landeten. Sein Blick wanderte zu der Verdächtigen hinüber, die in ihrem üblichen gemäßigten Tempo weiterjoggte, und kehrte dann zurück zu seinen Zigaretten.

Joe schob die Zigaretten in die Packung, sorgfältig darauf bedacht, sie nicht zu beschädigen. Er hatte keine Angst, die Verdächtige aus den Augen zu verlieren. Sie lief ungefähr so schnell wie ein arthritischer alter Hund, ein Umstand, den er am heutigen Tag begrüßte.

Als er wieder den Weg entlang blickte, hielt seine Hand in der Bewegung inne, dann schob er die Zigarettenschachtel langsam zurück in die Tasche. Alles, was sich seinen gut geschulten Augen darbot, war der schwarze, sich zwischen dichten, hohen Bäumen und Gras hindurch schlängelnde Weg. Ein Windstoß rüttelte an den dicken Ästen über ihm und drückte ihm das T-Shirt platt an den Oberkörper.

Sein Blick schoss nach links, und da entdeckte er sie, wie sie über den Rasen in Richtung Zoo und Kinderspielplatz lief. Er nahm die Verfolgung auf. So weit er es überblicken konnte, war der Park menschenleer. Wer auch nur über ein bisschen Verstand verfügte, hatte längst schleunigst den Heimweg angetreten, bevor das drohende Unwetter losbrach. Allerdings musste die Tatsache, dass der Park anscheinend verlassen war, nicht bedeuten, dass sie sich nicht mit jemandem traf.

Wenn ein Verdächtiger von einem festen Verhaltensmuster abwich, hieß das gewöhnlich, dass etwas im Busch war. Der Geschmack von Adrenalin betäubte seine Kehle und trieb ein Lächeln auf seine Lippen. Verdammt, so lebendig hatte er sich nicht mehr gefühlt, seit er letztens einen Drogendealer in einer Gasse im North End verfolgt hatte.

Er verlor sie erneut aus den Augen, als sie an den Toilettenhäuschen vorbeilief und dahinter verschwand. Jahrelange Erfahrung verlangsamte seine Schritte; er wartete darauf, dass sie wieder auftauchte. Als das nicht der Fall war, griff er unter sein Sweatshirt und löste den Verschluss an seinem Pistolenhalter. Er drängte sich flach an den Backsteinbau und lauschte.

Eine liegen gelassene Plastiktüte flog über den Rasen, doch Joe hörte nichts außer dem Wind und dem Rascheln der Blätter über ihm. Von seinem Standpunkt aus hatte er keinen Überblick, und ihm wurde klar, dass er ein Stück hätte zurückbleiben sollen. Er bog um die Ecke des Baus und fand sich in Augenhöhe mit der Düse einer Haarspraydose wieder. Ein Sprühstoß traf ihn voll ins Gesicht, und sofort verschwamm ihm alles vor den Augen. Eine Faust packte ihn am Sweatshirt, ein Knie bohrte sich zwischen seine Schenkel und verfehlte seine Eier nur um Haaresbreite. Der Muskel in seinem rechten Schenkel verkrampfte sich, und Joe wäre zusammengeklappt, wenn ein gehöriger Schulterstoß gegen seine Brust das nicht verhindert hätte. Der Atem entfloh hörbar aus seiner Lunge, als er wie ein gefällter Baum rücklings auf den harten Boden stürzte. Ein Paar Handschellen aus Chrom, das er in den Bund seiner Shorts gesteckt hatte, grub sich ihm in den Rücken.

Mit von Miss Clairol benebeltem Blick sah er zu Gabrielle Breedlove auf, die zwischen seinen gespreizten Beinen stand. Er ließ den Schmerz, der sein rechtes Bein verkrampfte, ungehindert zu und zwang sich, gleichmäßig zu atmen. Sie hatte ihn reingelegt und versucht, ihm die Eier bis in die Kehle hinaufzurammen.

»Himmel«, stöhnte er. »Was für ein verrücktes Weib.«

»Ganz recht, gib mir nur einen Grund, dir die Kniescheiben zu zerschießen.«

Joe blinzelte ein paar Mal, und sein Blick klärte sich. Langsam löste er sich von ihrem Gesicht, wanderte ihre Arme entlang bis zu ihren Händen. Scheiße. In einer Hand hielt sie das Haarspray, den Finger auf der Düse, in der anderen aber hielt sie etwas, was aussah wie eine Derringer. Diese zielte nicht auf seine Knie, sondern direkt auf seine Nase.

Joe erstarrte. Er hasste es wie die Pest, wenn man Handfeuerwaffen auf ihn richtete. »Nehmen Sie die Knarre weg«, befahl er. Er wusste nicht, ob die Derringer geladen oder auch nur funktionstüchtig war, aber er wollte es auch nicht herausfinden. Einzig seine Augen bewegten sich, als er wieder in ihr Gesicht aufsah. Sie atmete hastig und flach, ihre grünen Augen blickten wild. Sie wirkte verteufelt unberechenbar.

»Ruft die Polizei!«, begann sie verzweifelt zu schreien.

Joe sah sie finster an. Nicht genug damit, dass sie es geschafft hatte, ihn flach zu legen, jetzt schrie sie auch noch aus Leibeskräften. Wenn sie so weitermachte, musste er sich womöglich zu erkennen geben, und das wollte er nun wirklich nicht. Die Vorstellung, mit der Hauptverdächtigen im Fall Hillard auf dem Polizeirevier aufzukreuzen, mit der Verdächtigen, die nichts davon wissen sollte, dass sie verdächtigt wurde, und dann noch erklären zu müssen, dass diese Frau ihn mit einer Haarspraydose zu Fall gebracht hatte, erfüllte ihn mit einer Brechreiz erregenden Angst, die ihm den Nacken versteifte. »Nehmen Sie die Waffe weg!«, wiederholte er.

»O nein! Bei der geringsten Bewegung pumpe ich Sie mit Blei voll, Sie Mistkerl.«

Er vermutete, dass sich im Umkreis von fünfzig Metern keine Menschenseele außer ihnen aufhielt, war sich jedoch nicht sicher, und das Letzte, was er brauchte, war ein heldenhafter Zivilist, der ihr zu Hilfe eilte.

»Hilfe – bitte, hilf mir doch jemand!«, brüllte sie so laut, dass es bestimmt weit und breit zu hören war.

Joe biss die Zähne zusammen. Darüber würde er nie hinwegkommen, und er mochte nicht einmal daran denken, Walker und Luchetti unter die Augen treten zu müssen. Joe hatte wegen des Streits nach der Schießerei mit Robby Martin beim Chef immer noch schlechte Karten. Es fiel ihm nicht schwer, sich vorzustellen, was der Chef sagen würde. »Sie haben das Ding vermasselt, Shanahan!«, würde er brüllen, bevor er Joe zum Streifendienst degradierte. Und dieses Mal hätte der Chef sogar Recht.

»Jemand muss die Polizei rufen!«

»Hören Sie auf zu schreien«, befahl Joe in seinem besten Gesetzeshüter-Tonfall.

»Die Polizei muss kommen!«

»Verdammt, Lady«, knirschte er zwischen den Zähnen hervor, »ich bin Polizist.«

Ihre Augen wurden schmal, als sie auf ihn herabblickte. »Genau, und ich bin der Gouverneur.«

Joe wollte in seine Tasche greifen, doch Ms. Breedlove vollführte eine drohende Bewegung mit ihrer kleinen Waffe, und er unterließ es lieber. »Meine Dienstmarke steckt in der linken Tasche.«

»Keine Bewegung«, warnte sie ihn noch einmal.

Die rotbraunen Locken flatterten ihr um den Kopf, wild und unbändig. Das Haarspray hätte ihrer Frisur wohl eher gut getan als seinem Gesicht. Mit zitternder Hand schob sie sich das Haar auf einer Seite hinters Ohr. Joe hätte sie in Sekundenschnelle zu Boden bringen können, aber dazu musste er sie erst einmal ablenken, wenn er nicht riskieren wollte, dass sie auf ihn schoss. Und dieses Mal würde der Schuss ihn so treffen, dass er sich nicht wieder davon erholte. »Sie können mir selbst in die Tasche greifen. Ich rühre keinen Finger.« Er hasste es, Frauen anzugreifen. Er hasste es, sie niederzustrecken. Doch in diesem Fall würde es ihm wohl nicht so viel ausmachen.

»Ich bin doch nicht blöd. Auf den Trick bin ich schon seit meiner Schulzeit nicht mehr reingefallen.«

»Herrgott noch mal!« Mühsam kämpfte er um seine Beherrschung. »Haben Sie die Genehmigung zum Tragen einer Schusswaffe?«

»Hören Sie doch auf«, antwortete sie. »Sie sind kein Bulle, Sie sind ein Spanner! Aber ich wollte, es wäre tatsächlich ein Bulle in der Nähe, denn dann könnte ich Sie verhaften lassen, weil Sie mich schon die ganze Woche verfolgen. In diesem Staat gibt es ein Gesetz gegen so etwas, kapiert?« Sie sog scharf den Atem ein und stieß ihn langsam wieder aus. »Möchte wetten, Sie haben längst ein Strafregister wegen irgendeiner Art von Perversität. Wahrscheinlich sind Sie einer von diesen Psychopathen, die obszöne Anrufe machen und dabei schwer atmen und stöhnen. Möchte wetten, Sie sitzen wegen sexueller Belästigung und sind nur auf Kaution draußen.« Sie atmete noch ein paar Mal tief durch und schüttelte die Haarspraydose. »Vielleicht sollten Sie mir doch Ihre Brieftasche geben.«

In den ganzen fünfzehn Jahren seiner Karriere war er nicht ein einziges Mal so unvorsichtig gewesen, dass ihn ein Verdächtiger – geschweige denn eine weibliche Verdächtige – hätte übertölpeln können.

Seine Schläfen pochten, sein Oberschenkel schmerzte. Seine Augen brannten, und seine Wimpern waren verklebt. »Lady, Sie sind verrückt«, sagte er in relativ ruhigem Tonfall und griff in seine Tasche.

»Ach ja? Von meinem Standpunkt aus betrachtet sind eher Sie der Verrückte.« Ihr Blick ließ ihn nicht eine Sekunde los, während er nach seiner Brieftasche griff. »Ich benötige Ihren Namen und Ihre Anschrift für die Anzeige, aber ich möchte wetten, Sie sind der Polizei längst kein Unbekannter mehr.«

Sie wusste ja nicht, wie Recht sie hatte, aber Joe vergeudete keine Zeit mehr mit Reden. In dem Moment, als sie die Brieftasche aufklappte und die Dienstmarke erblickte, nahm er mit den Beinen ihre Waden in die Schere. Sie schlug zu Boden, er warf sich über sie und drückte sie mit seinem Gewicht nieder. Sie wand sich nach allen Seiten, stemmte sich gegen seine Schultern und brachte die Derringer gefährlich nahe an sein linkes Ohr. Er packte ihre Handgelenke und zwang sie hinter ihren Kopf, während er sie mit seiner gesamten Körperlänge zu Boden drückte.

Er lag ausgestreckt auf ihr, ihre Brüste pressten sich an seinen Oberkörper, ihre Hüften drängten sich gegen seine. Er hielt ihre Hände über ihrem Kopf fest, und ihre Gegenwehr erlahmte, doch sie weigerte sich, sich vollends zu ergeben. Sein Gesicht schwebte kaum einen Zentimeter über ihrem, und zweimal stießen sie mit den Nasen zusammen. Mit geöffneten Lippen sog sie Luft in ihre Lungen, und ihre grünen Augen, riesengroß und panikerfüllt, starrten ihn an, während sie darum kämpfte, ihre Handgelenke freizubekommen. Ihre langen, wohlgeformten Beine verschränkten sich mit seinen und der Saum seines T-Shirts war ihm bis unter die Achselhöhlen gerutscht. An seinem Bauch spürte er die weiche, warme Haut ihres Unterleibs und den Nylonstoff ihrer flachen Gürteltasche.

»Sie sind tatsächlich Bulle!« Ihre Brüste hoben und senkten sich unter ihren Bemühungen, zu Atem zu kommen.

Er wollte aufstehen, sobald er ihre Derringer sichergestellt hatte. »Ganz recht, und Sie sind verhaftet wegen unerlaubten Tragens einer Schusswaffe und tätlicher Bedrohung.«

»Oh, Gott sei Dank!« Sie holte tief Luft, und er spürte, wie sie sich entspannte, wie sie unter ihm weich und biegsam wurde. »Ich bin ja so froh. Ich hatte gedacht, Sie wären ein perverser Psychopath.«

Mit einem strahlenden Lächeln blickte sie zu ihm auf. Er hatte sie gerade verhaftet, und sie schien tatsächlich glücklich darüber zu sein. Aber es war nicht die Art von verzückter Glückseligkeit, die er gewöhnlich auf das Gesicht einer Frau rief, wenn er sich in eben dieser Stellung befand, sondern eher eine irregeführte Erleichterung. Sie war nicht nur eine Diebin, sie war eindeutig verrückt. »Sie haben das Recht zu schweigen«, sagte er, während er die Derringer aus ihren Fingern löste. »Sie haben das Recht ...«

»Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder? Sie wollen mich doch nicht wirklich verhaften?«

»... auf einen Anwalt«, fuhr er fort und hielt mit einer Hand immer noch ihre Handgelenke über ihrem Kopf fest, während er die Waffe ein Stück von sich warf.

»Aber es ist eigentlich gar keine Pistole. Na ja, ursprünglich schon, aber im Grunde doch nicht. Es ist eine Derringer aus dem neunzehnten Jahrhundert. Eine Antiquität, und deshalb glaube ich nicht, dass sie als echte Waffe gelten kann. Außerdem ist sie nicht geladen, und selbst wenn sie geladen wäre, würde sie kein sonderlich großes Loch schlagen. Ich hatte sie nur bei mir, weil ich solche Angst hatte und weil Sie mich ständig verfolgt haben.« Sie unterbrach sich und zog die Brauen zusammen. »Warum haben Sie mich eigentlich verfolgt?«

Statt einer Antwort machte er sie weiterhin auf ihre Rechte aufmerksam und wälzte sich dann zur Seite. Er hob die kleine Pistole auf und kam dann vorsichtig auf die Füße. Joe dachte nicht daran, ihre Fragen zu beantworten. Nicht, so lange er nicht wusste, was er mit ihr anfangen sollte. Nicht, nachdem sie ihn als perversen Psychopathen bezeichnet und versucht hatte, ihn zum Eunuchen zu machen. Er schenkte sich selbst nicht allzu viel Vertrauen, falls er mehr als das unbedingt Notwendige mit ihr redete. »Haben Sie noch mehr Waffen bei sich?«

»Nein.«

»Reichen Sie mir ganz langsam Ihre Gürteltasche und kehren Sie dann das Innere Ihrer Taschen nach außen.«

»Ich habe nur meine Autoschlüssel dabei«, sagte sie leise. Sie hob die Schlüssel hoch und ließ sie in seine Handfläche fallen. Er schloss die Hand und schob die Schlüssel in seine Brusttasche. Dann nahm er die kleine Gürteltasche entgegen und stülpte das Innere nach außen. Sie war leer.

»Hände an die Wand.«

»Wollen Sie mich etwa durchsuchen?«

»Genau«, antwortete er und deutete auf die Backsteinmauer.

»So?«, fragte sie über die Schulter hinweg.

Sein Blick wanderte über ihren hübschen wohlgeformten Po und an ihren langen Beinen hinunter, während er die Pistole in den Bund seiner Shorts stopfte. »Genau«, antwortete er wieder und legte die Hände auf ihre Schultern. Als er sie jetzt aus der Nähe betrachtete, stellte er fest, dass sie größer als einssiebzig war. Joe war einsachtzig, und ihre Augen befanden sich fast auf gleicher Höhe. Er strich mit den Händen an ihren Seiten hinab, über ihre Taille und ihren Unterleib. Er schob die Hand unter den Saum ihres Hemds und betastete den Bund ihrer Shorts. Er spürte ihre weiche Haut und das kühle Metall ihres Bauchnabelrings. Dann ließ er eine Hand hinauf zwischen ihre Brüste gleiten.

»Hey, lassen Sie das!«

»Lassen Sie sich dadurch nicht erregen«, empfahl er. »Ich tu’s auch nicht.«

Als Nächstes klopfte er ihr Hinterteil ab, dann kniete er sich hin und überprüfte ihre Sockenbündchen. Die Mühe, zwischen ihren Schenkeln zu suchen, ersparte er sich. Nicht etwa, weil er ihr vertraute, sondern vielmehr, weil er nicht annahm, dass sie mit einer Waffe im Slip hätte joggen können.

»Wenn wir auf der Wache sind, kann ich dann meine Geldstrafe zahlen und nach Hause gehen?«

»Wenn der Richter die Kaution festgesetzt hat, dürfen Sie gehen.«

Sie wollte sich zu ihm umdrehen, doch seine Hände an ihren Hüften hinderten sie daran.

»Ich bin noch nie verhaftet worden.«

Das wusste er bereits.

»Ich werde doch nicht richtig verhaftet, mit Fingerabdrücken und Fotos für die Verbrecherkartei, oder?«

Joe tastete ein letztes Mal ihren Hosenbund ab. »Doch, Madam, mit Fingerabdrücken und Fotos.«

Sie drehte sich um, kniff die Augen zusammen und funkelte ihn böse an. »Bis eben habe ich nicht geglaubt, dass es Ihr Ernst wäre. Ich dachte, Sie wollten es mir heimzahlen, dass ich das Knie hochgezogen und Sie in ... im Genitalbereich getroffen habe.«

»Sie haben nicht getroffen«, informierte er sie trocken.

»Sind Sie sicher?«

Joe stellte sich gerade hin, griff nach hinten in seine Shorts und zog die Handschellen heraus. »In dem Punkt kann man sich nicht irren.«

»Oh.« Es klang aufrichtig enttäuscht. »Aber ich kann immer noch nicht glauben, dass Sie mir das wirklich antun. Wenn Sie nur einen Funken Anstand im Leib hätten, würden Sie zugeben, dass alles allein Ihre Schuld ist.« Sie hielt inne und holte tief Luft. »Sie schaffen sich ein ausgesprochen schlechtes Karma, und ich bin sicher, dass es Ihnen noch gründlich Leid tun wird.«

Joe sah ihr in die Augen und ließ die Handschellen an ihren Gelenken zuschnappen. Ihm tat jetzt schon einiges Leid. Es tat ihm Leid, dass er sich von einer eines Verbrechens verdächtigten Frau hatte aufs Kreuz legen lassen, und es tat ihm aufrichtig Leid, dass seine Tarnung aufgeflogen war. Und er wusste, dass seine wahren Probleme jetzt erst anfingen.

Die ersten dicken Regentropfen trafen seine Wange, und er hob den Blick zu der Gewitterwolke über seinem Kopf. Drei weitere Tropfen schlugen auf seine Stirn und auf sein Kinn. Er lachte freudlos. »Fantastisch, verdammt noch mal.«

2. KAPITEL

Aus einem unerfindlichen Grund kam Gabrielle jedes Mal, wenn sie an ein Polizeiverhör dachte, Dustin Hoffman in Marathon Man in den Sinn. Sie stellte sich einen dunklen Raum vor, das Spotlight, und einen wahnsinnigen Nazi-Kriegsverbrecher mit einem Zahnarztbohrer.

Der Raum, in dem sie sich jetzt befand, war ganz anders. Die Wände waren schlicht weiß, es gab keine Fenster, die den Junisonnenschein hereingelassen hätten. Metallstühle und ein Tisch mit einer Holzimitatplatte. An einem Ende stand ein Telefon. Ein einziges Poster, das vor der Drogengefahr warnte, schmückte die geschlossene Tür.

In einer Ecke war eine Videokamera aufgestellt, deren rotes Kontrolllämpchen leuchtete und anzeigte, dass sie in Betrieb war. Gabrielle hatte sich mit der Aufzeichnung ihres Verhörs einverstanden erklärt. Was kümmerte es sie? Sie war unschuldig. Sie war der Meinung, wenn sie sich kooperativ zeigte, würde das Verhör rasch beendet sein und sie könnte nach Hause gehen. Sie war müde und hungrig. Außerdem waren der Sonntag und der Montag ihre einzigen freien Tage, und sie hatte vor dem Coeur Festival am Wochenende noch eine Menge zu erledigen.

Gabrielle tat ein paar tiefe Atemzüge und kontrollierte die Sauerstoffaufnahme, aus Angst, sie könnte umkippen oder hyperventilieren. Atme die Spannung weg, ermahnte sie sich. Du bist ruhig. Sie hob die Hand und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Ruhig fühlte sie sich durchaus nicht, und sie wusste auch, dass sich das nicht ändern würde, bevor sie entlassen war und nach Hause gehen durfte. Erst dann wäre sie in der Lage, ihre ruhige Mitte wieder zu finden und das statische Rauschen in ihrem Kopf abzuschalten.

Ihre Fingerkuppen waren schwarz, und sie spürte noch immer den Druck der Handschellen, die sie längst nicht mehr an den Gelenken trug. Detective Shanahan hatte sie veranlasst, im Regen und gefesselt wie eine Verbrecherin durch den ganzen Park zu gehen, und ihr einziger Trost bestand darin, dass er den Spaziergang ebenso wenig genossen hatte wie sie selbst.

Keiner von beiden hatte ein Wort gesprochen, doch Gabrielle fiel auf, dass er mehrmals seinen rechten Oberschenkel massierte. Sie nahm an, dass die Schuld an seiner Verletzung bei ihr lag, und vielleicht hätte es ihr Leid tun sollen – aber es tat ihr nicht Leid. Sie hatte Angst, war völlig durcheinander, und ihre Kleidung war immer noch feucht. Und das alles war seine Schuld. Deshalb sollte er wenigstens mit ihr zusammen leiden.

Nachdem sie wegen ihres schweren tätlichen Angriffs auf einen Polizeibeamten und wegen unerlaubten Tragens einer Schusswaffe vermerkt worden war, führte man sie in den kleinen Vernehmungsraum. Jetzt saßen Shanahan und Captain Luchetti am Tisch gegenüber. Beide Männer wollten von ihr etwas über gestohlene Antiquitäten wissen. Ihre dunklen Köpfe waren über ein schwarzes Notizbuch geneigt und sie waren in ein Gespräch vertieft. Gabrielle verstand nicht, was gestohlene Antiquitäten mit schwerem tätlichen Angriff zu tun hatten. Offenbar glaubten die Männer, beide Delikte stünden in einem Zusammenhang, doch keiner von ihnen machte Anstalten, ihr etwas zu erklären.

Schlimmer als ihre Ratlosigkeit war das Wissen, dass sie nicht einfach aufstehen und sich verabschieden konnte. Sie war von Detective Shanahans Gnade abhängig. Zwar kannte sie ihn erst etwas länger als eine Stunde, aber immerhin doch gut genug, um zu wissen, dass er keine Gnade walten ließ.

Als sie ihn vor einer Woche zum ersten Mal gesehen hatte, stand er unter einem Baum im Ann Morrison Park. Sie war an ihm vorbeigelaufen und hätte ihn vielleicht gar nicht bemerkt, wenn sein Kopf nicht in eine Wolke von Tabaksqualm gehüllt gewesen wäre. Wahrscheinlich hätte sie ihn auch gleich wieder vergessen, doch am nächsten Tag hatte sie ihn bei Albertson’s gesehen, wo er eine tiefgefrorene Pastete kaufte. Dieses Mal fiel ihr auch auf, wie seine muskulösen Oberschenkel seine Shorts ausfüllten und wie sein Haar sich in kleinen Kringellocken um den Rand seiner Baseballkappe legte. Seine Augen waren dunkel, und der durchdringende Blick, mit dem er sie ansah, hatte ihr einen gefährlich wohligen Schauer über den Rücken gejagt.

Schon vor Jahren hatte sie blendend aussehenden Männern abgeschworen – sie bewirkten nichts als ein gebrochenes Herz und Chaos im Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele. Sie waren wie Schokoriegel – sie sahen gut aus, und sie schmeckten gut, konnten aber niemals als ausgewogene Mahlzeit gelten. Gelegentlich meldeten sich noch Gelüste, doch neuerdings interessierte sie die Seele eines Mannes bedeutend mehr als sein Sexappeal.

Ein paar Tage später entdeckte sie ihn in einem Wagen vor dem Postamt, dann noch einmal ein Stück weit entfernt von Anomaly, ihrem Kuriositätenladen. Zuerst sagte sie sich, dass sie sich das alles nur einbildete. Warum sollte ein dunkler, attraktiver Mann sie wohl verfolgen? Doch im Verlauf der Woche sah sie ihn mehrmals, zwar nie nah genug, um ihn ansprechen zu können, aber auch nicht allzu weit von ihr entfernt.

Trotzdem versuchte sie, ihre Besorgnis auf ihre ausschweifende Fantasie zurückzuführen – bis gestern, als sie ihn bei Barnes and Noble gesehen hatte. Sie hatte die Buchhandlung aufgesucht, um sich weiteres Material über ätherische Öle zu besorgen, und als sie einmal den Blick hob, sah sie ihn in der Frauenbuchabteilung lauern. Mit seinem dunklen, grüblerischen Gesicht und den Muskeln, die sein T-Shirt dehnten, war er schlicht und einfach nicht der Typ, der das Grauen von PMS nachempfinden konnte. In diesem Augenblick gestand sie sich schließlich ein, dass er sie verfolgte wie ein psychopathischer Serientäter. Sie hatte die Polizei angerufen und wurde aufgefordert, auf die Wache zu kommen und eine schriftliche Beschwerde gegen den »unbekannten rauchenden Jogger« einzureichen, doch da er sich bisher nichts hatte zu Schulden kommen lassen, konnte sie kaum etwas gegen ihn unternehmen. Die Polizei erwies sich nicht als hilfreich, und so hatte sie nicht einmal ihren Namen hinterlassen.

In der vergangenen Nacht hatte sie nur wenig geschlafen. Die meiste Zeit hatte sie wach gelegen und sorgfältig an ihrem Plan gefeilt. Zu diesem Zeitpunkt hielt sie ihre Strategie noch für gut. Sie wollte ihn an einen gut besuchten Ort locken. Das Stück Park beim Spielplatz, vor dem Zoo, nur eine kurze Strecke von der Haltestelle der Tootin’-Tater-Bahn entfernt. Dort würde sie ihren Verfolger niederstrecken und dann wie verrückt um Hilfe rufen. Sie hielt den Plan auch jetzt noch für gut, aber unglücklicherweise hatte sie zwei ausgesprochen wichtige Einzelheiten nicht voraussehen können. Aufgrund des Wetters waren sämtliche Attraktionen geschlossen, und dann war ihr Verfolger freilich gar kein Spanner. Er war ein Bulle.

Anfangs, als sie ihn unter dem Baum stehen sah, hatte sie geglaubt, einen Typen aus dem Muskelmann-Kalender ihrer Freundin Francis vor sich zu sehen. Jetzt, da er ihr gegenüber am Tisch saß, fragte sie sich, wie sie ihn jemals mit einem Muskelmann des Monats hatte verwechseln können. In dem Schlabber-T-Shirt, das er noch immer trug, und mit dem roten Schweißband auf der Stirn sah er vielmehr aus wie ein ausgeflippter Motorradrocker auf dem Weg zur Hölle.

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen«, stellte Gabrielle fest, und ihr Blick wechselte von Shanahan zu dem anderen Mann. »Ich dachte, ich wäre wegen der Sache, die vorhin im Park passiert ist, hierher gebracht worden.«

»Haben Sie das hier früher schon mal gesehen?«, fragte Shanahan und schob ihr ein weiteres Foto zu.

Genau das Foto hatte Gabrielle in der Tageszeitung gesehen. Sie hatte vom Diebstahl des Hillard-Monets gelesen und in den regionalen wie auch den überregionalen Nachrichten davon gehört.

»Sie erkennen es?«

»Einen Monet erkenne ich auf Anhieb.« Sie lächelte kläglich und schob das Foto zurück über den Tisch. »Und ich habe im Statesman darüber gelesen. Das ist das Gemälde, das Mr. Hillard gestohlen wurde.«

»Was können Sie mir darüber berichten?« Shanahan sah sie an, als könnte er die Antwort auf seine Frage von ihrer Stirn ablesen.

Gabrielle wollte sich nicht einschüchtern lassen, doch sie wehrte sich vergebens. Sie war eingeschüchtert. Er war so ein großer Mann, und sie saß in einem so kleinen Raum mit ihm fest. »Nur das, was jeder andere auch über den Diebstahl gehört oder gelesen hat.« Und das war nicht eben wenig, denn es war eine heiße Story. Der Bürgermeister hatte öffentlich seiner Empörung Ausdruck verliehen. Der Besitzer des Gemäldes war außer sich, und die Polizei von Boise wurde in den landesweiten Nachrichtensendungen als Haufen zurückgebliebener Hinterwäldler dargestellt. Was Gabrielles Meinung nach ein Fortschritt war im Vergleich zu der Art, wie Idaho den anderen Bundesstaaten gewöhnlich als Land der Kartoffel liebenden, weißen extremistischen Waffenfetischisten präsentiert wurde. Tatsache war aber, dass nicht jeder Kartoffeln liebte, und neunundneunzig Prozent der Bevölkerung hatten nichts mit der Aryan Nation oder verwandten Gruppierungen zu schaffen. Und der Großteil der Mitglieder solcher Gruppen bestand ohnehin nicht aus Bürgern Idahos.

Die Sache mit den Waffenfetischisten allerdings entsprach wahrscheinlich der Wahrheit.

»Interessieren Sie sich für Kunst?«, fragte Shanahan, und seine tiefe Stimme schien jeden Winkel des Raums zu füllen.

»Natürlich, ich selbst bin Künstlerin.« Nun, sie war wohl eher jemand, der gern malte, aber keine echte Künstlerin. Zwar schaffte sie es, einigermaßen naturgetreu zu malen, aber die Feinheiten von Händen und Füßen wollten ihr einfach nicht gelingen. Doch sie liebte die Malerei, und das allein war wichtig.

»Dann verstehen Sie sicher, dass Mr. Hillard sein Bild gern zurück hätte«, sagte Shanahan und schob das Foto zur Seite.

»Das kann ich mir vorstellen.« Sie verstand aber noch immer nicht, was das alles mit ihr zu tun haben sollte. Norris Hillard war einmal ein Freund der Familie gewesen, aber das lag schon sehr lange zurück.

»Haben Sie diesen Mann schon mal gesehen oder getroffen?« , fragte Shanahan und reichte ihr ein anderes Foto. »Er heißt Sal Katzinger.«

Gabrielle betrachtete das Foto und schüttelte den Kopf. Der Mann auf dem Foto trug nicht nur die stärksten Brillengläser, die sie je gesehen hatte, sondern zudem wirkte sein Gesicht fahl und kränklich. Natürlich war es möglich, dass sie dem Mann schon mal begegnet war und ihn auf diesem Foto nur nicht erkannte. Es war unter nicht gerade günstigen Bedingungen aufgenommen worden. Ihre eigenen Karteifotos sahen vermutlich ähnlich grässlich aus.

»Nein. Ich glaube nicht, dass er mir je begegnet ist«, antwortete sie und schob das Foto über den Tisch zurück.

»Hat Ihr Geschäftspartner Kevin Carter seinen Namen schon einmal erwähnt?«, fragte der andere Mann.

Gabrielle wandte sich dem älteren Mann mit angegrautem schwarzem Haar zu. Der Name auf seinem Ausweis lautete Captain Luchetti. Im Kino wie auch im Fernsehen hatte sie genug Krimis gesehen, um zu wissen, dass er den »Guten« spielte, während Shanahan die Rolle des »bösen Bullen« übernommen hatte – was Shanahan gewiss nicht sonderlich schwer gefallen war. Aber Captain Luchetti schien auch in Wirklichkeit der Nettere von beiden zu sein. Er erinnerte sie irgendwie an ihren Onkel Judd, und seine Aura war nicht so feindselig wie die des Detectives. »Kevin? Was hat Kevin mit dem Mann auf dem Foto zu schaffen?«

»Mr. Katzinger ist ein professioneller Dieb. Er ist ausgesprochen clever und stiehlt nur vom Feinsten. Vor gut einer Woche wurde er wegen des Diebstahls von Antiquitäten im Wert von über fünfundzwanzigtausend Dollar verhaftet. Noch während der Untersuchungshaft deutete er an, dass er vielleicht wüsste, wer Mr. Hillards Gemälde hat«, erklärte Captain Luchetti und wies mit einer Handbewegung auf einen Stapel Fotos. »Er ließ uns wissen, dass man ihm den Job, den Monet zu stehlen, angeboten hätte, aber er hätte abgelehnt.«

Gabrielle verschränkte die Arme unter der Brust und lehnte sich zurück. »Warum sprechen Sie mit mir über diese Sache? Sie sollten sich doch besser an ihn wenden.« Sie deutete auf das Karteifoto auf dem Tisch.

»Das haben wir getan, und im Verlauf seines Geständnisses hat er seinen Hehler in die Pfanne gehauen.« Luchetti hielt inne und sah sie an, als erwarte er irgendeine Reaktion.

Sie vermutete, dass mit dem Hehler eine Person gemeint war, die gestohlene Ware in Empfang nahm und verkaufte. Allerdings verstand sie nicht, was sie das alles anging. »Vielleicht sollten Sie mir mal ganz genau erklären, was Sie eigentlich wollen.« Sie nickte in Shanahans Richtung. »Und warum wurde ich von diesem Erzengel der Verdammnis tagelang verfolgt?«

Shanahans Stirnfurchen glätteten sich um keinen Deut, während der Captain weiterhin eine unbeteiligte Miene zeigte. »Nach Mr. Katzingers Worten kauft und verkauft Ihr Partner wissentlich gestohlene Antiquitäten.« Captain Luchetti hielt inne, bevor er hinzufügte: »Außerdem steht er in dem Verdacht, beim Hillard-Raub den Mittelsmann gespielt zu haben. Das bedeutet, dass er sich eine ganze Menge zu Schulden hat kommen lassen, einschließlich schweren Diebstahls.«

Sie rang nach Luft. »Kevin? Ausgeschlossen. Dieser Mr. Katzinger lügt!«

»Aber warum sollte er?«, fragte Luchetti. »Im Gegenzug zu seiner Kooperation ist ihm Strafminderung zugesagt worden.«

»Kevin würde so etwas niemals tun«, beteuerte sie. Ihr Herz klopfte heftig, und selbst ihre Atemübungen vermochten nicht, ihre Nerven zu beruhigen oder ihren Verstand zu klären.

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Ich weiß es eben. Ich weiß, dass er sich nie auf illegale Geschäfte einlassen würde.«

»Tatsächlich?« Der Ausdruck in Shanahans Augen verriet ihr, dass seine Erregung echt war. »Wieso?«

Gabrielle warf Shanahan einen kurzen Blick zu. Einige dichte braune Locken waren unter seinem Schweißband hervor auf seine Stirn gekrochen. Er griff nach einem kleinen Notizbuch und kritzelte etwas hinein. Negative Energie umgab ihn wie eine schwarze Wolke und schwängerte die Luft. Offensichtlich hatte er Probleme damit, seinen Zorn im Zaum zu halten. »Nun«, begann sie und blickte von einem zum anderen, »zunächst einmal kenne ich Kevin seit mehreren Jahren. Ich wüsste es, wenn er gestohlene Antiquitäten verkaufen würde. Wir arbeiten fast täglich zusammen, und ich würde es merken, wenn er ein derartiges Geheimnis vor mir hätte.«

»Wie denn?«, fragte Captain Luchetti.

Er sah nicht aus wie einer, der an Auren glaubte, also erwähnte sie nicht, dass sie in letzter Zeit keine schwarzen Flecken in Kevins Umfeld wahrgenommen hatte. »Ich würde es eben merken.«

»Sonst noch Gründe?«

»Ja, er ist Wassermann.«

Der Stift flog hoch in die Luft, überschlug sich mehrmals und landete dann irgendwo hinter dem Detective. »Ach du liebes Jesulein«, stöhnte er, als hätte er Schmerzen.

Gabrielle sah ihn böse an. »So ist es nun mal. Wassermänner verabscheuen Lügen und Betrügen. Sie hassen Heuchelei und Hinterhältigkeit. Abraham Lincoln war auch Wassermann, wissen Sie?«

»Nein. Das wusste ich nicht«, antwortete Captain Luchetti und griff nach dem Notizbuch. Er legte es vor sich bereit und zog einen silbernen Kugelschreiber aus seiner Brusttasche. »Aber ich fürchte, Sie sind sich nicht bewusst, wie ernst die Situation ist. Auf schweren tätlichen Angriff gegen einen Polizeibeamten stehen maximal fünfzehn Jahre.«

»Fünfzehn Jahre! Ich hätte ihn ja nie im Leben angegriffen, wenn er mich nicht ständig verfolgt hätte. Außerdem war es gar kein richtiger Angriff. Ich bin Pazifistin.«

»Pazifisten tragen keine Waffen«, erinnerte Shanahan sie.

Gabrielle ignorierte den mürrischen Detective absichtlich.

»Ms. Breedlove«, fuhr der Captain fort. »Zusätzlich zu dem Vorwurf des tätlichen Angriffs sind Sie auch noch des schweren Raubs angeklagt. Sie stecken gehörig in der Patsche, Ms. Breedlove.«

»Schweren Raubs – ich?« Sie legte die Hand aufs Herz. »Was soll ich denn geraubt haben?«

»Den Monet der Hillards.«

»Sie glauben, ich hätte etwas mit dem Gemälde zu tun, das Mr. Hillard gestohlen wurde?«

»Sie sind Mittäterin.«

»Warten Sie«, befahl sie und legte die Handflächen auf die Tischplatte. »Sie glauben, ich hätte Mr. Hillards Monet gestohlen?« Sie hätte gelacht, wenn die Situation nicht so ausgesprochen ernst gewesen wäre. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie gestohlen.« Ihr kosmisches Gewissen beschloss ausgerechnet in diesem Moment, ihr zu widersprechen. »Na ja, es sei denn, Sie wollen den Schokoriegel mitzählen, den ich mit sieben Jahren geklaut habe, aber ich hatte ein so schlechtes Gewissen, dass er mir dann nicht mal geschmeckt hat.«

»Ms. Breedlove«, fiel Shanahan ihr ins Wort. »Wie viele Schokoriegel Sie mit sieben Jahren geklaut haben, interessiert mich nicht.«

Gabrielles Blick huschte zwischen den beiden Männern hin und her. Captain Luchetti wirkte benommen, während Shanahans Stirn und Mundpartie von tiefen Furchen durchzogen waren.

Jedweder Hauch von Heiterkeit und innerem Frieden hatte sich längst verflüchtigt, und ihre Nerven lagen bloß. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen; sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und vergrub das Gesicht in den Händen. Vielleicht hätte sie ihr Recht auf einen Anwalt doch wahrnehmen sollen, aber bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht wirklich geglaubt, dass sie einen benötigen würde. In der Kleinstadt, in der sie geboren und aufgewachsen war, hatte sie jeden gekannt, einschließlich der Polizeibeamten. Die hatten immer ihre Tante Yolanda nach Hause gebracht, wenn sie mal wieder versehentlich anderer Leute Eigentum hatte mitgehen lassen.

Freilich gab es in ihrer Heimatstadt auch nur drei Polizisten, aber die stellten mehr dar als nur drei Männer, die in Benzin schluckenden Automobilen umherfuhren. Die waren wahre Freunde und Helfer.

Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und hob unter Tränen den Blick. Captain Luchetti starrte sie immer noch an und sah genauso müde aus, wie sie sich fühlte. Shanahan war verschwunden. Wahrscheinlich holte er die Daumenschrauben.

Gabrielle seufzte und wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie steckte bis zum Hals in Schwierigkeiten. Noch vor einer Stunde war sie sicher gewesen, nichts Böses getan zu haben – nichts wirklich Böses. Die Derringer hätte sie nie im Leben mitgenommen, wenn sie sich nicht durch Detective Shanahan bedroht gefühlt hätte. Und außerdem bekam in Idaho kein Mensch echte Schwierigkeiten wegen unerlaubten Tragens von Schusswaffen. Doch jetzt wurde ihr klar, dass man sie der Beteiligung an einem Verbrechen verdächtigte, mit dem sie nichts zu tun hatte, und Kevin auch nicht. Sie kannte ihn zu gut, um etwas anderes zu glauben. Ja, Kevin betrieb noch andere Geschäfte außer dem Kuriositätenladen; er war ein erfolgreicher Unternehmer. Er verdiente eine Menge Geld, und zugegeben, er war vielleicht ein bisschen habgierig und egozentrisch, und er interessierte sich entschieden mehr für Geld als für seine Seele, aber das war eindeutig kein Verbrechen.

»Schauen Sie sich die doch mal an«, schlug Captain Luchetti vor und schob ihr über den Tisch hinweg zwei schriftliche Gutachten zu und einen Stapel Polaroidfotos.

Sie zitterte am ganzen Körper und hatte jetzt noch mehr Angst als zuvor.

Die Antiquitäten auf den Fotos waren größtenteils orientalischen Ursprungs; ein paar waren auch Staffordshire. Falls es sich um echte Stücke, nicht um Reproduktionen handelte, waren sie immens wertvoll. Sie wandte sich den Gutachten der Versicherung zu. Es waren keine Reproduktionen.

»Was können Sie mir zu diesen Stücken sagen?«

»Ich würde sagen, diese Ming-Schale bewegt sich eher um die Siebentausend, nicht Achttausend. Aber das Gutachten ist in Ordnung.«

»Verkaufen Sie so etwas in Ihrem Laden?«

»Ich könnte, aber ich tu’s nicht«, antwortete sie, während sie die Gutachten einiger weiterer Stücke durchlas. »Solche Ware verkauft sich im Allgemeinen besser auf Auktionen oder in Geschäften, die ausschließlich mit Antiquitäten handeln. Kein Mensch würde in unserem Laden Staffordshire suchen. Falls einer meiner Kunden dieses Sahnekännchen in Form einer Kuh in die Hand bekäme und das Preisschildchen

Die Originalausgabe erschien 2000 unter dem Titel »It Must Be Love« bei Avon Books, Inc., Imprint of Harper Collins Publishers, New York

Deutsche Erstausgabe Februar 2002

Copyright © der Originalausgabe 2000 by Rachel Gibson Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2002 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: Mauritius/Stock Image Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin AL · Herstellung: Katharina Storz/Str

eISBN 978-3-641-10175-6

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