Das Mysterium - Titus Müller - E-Book
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Beschreibung

Gottes Liebe. Gottes Hass. Gottes Geheimnis. München, 1336. Nemo ist ein Meister der Täuschung. Und er hat allen Grund, seine wahre Identität zu verbergen. Denn er hütet ein düsteres Geheimnis: das heilige Erbe der Katharer. Doch als eines Tages Amiel von Ax, Großmeister der „reinen Kirche“, auftaucht, holt Nemo seine Vergangenheit ein. Titus Müllers großer Roman um das Vermächtnis der Katharer ist farbenprächtig, bildmächtig und mitreißend. Er wurde mit dem Sir Walter Scott-Preis für den besten historischen Roman ausgezeichnet. München, 1336. Nemo ist ein Meister der Täuschung. Und er hat allen Grund, seine wahre Identität zur verbergen. Denn er hütet ein düsteres Geheimnis: Das Vermächtnis der Katharer. Doch als eines Tages Amiel von Ax, der charismatische Sektenführer, auftaucht, holt Nemo seine Vergangenheit ein. Nicht nur die Inquisition, sondern auch William von Ockham, Intimus des Kaisers, wollen Amiel von Ax vernichten. Nemo steht plötzlich zwischen den großen Magiern, und ein Kampf um das heilige Vermächtnis entbrennt. Ein historischer Roman höchsten Ranges mit einem faszinierenden geschichtlichen Hintergrund. Schon Umberto Eco setzte dem Franziskaner William von Ockham, einem der größten Gelehrten des Mittelalters, im „Namen der Rose“ ein Denkmal.

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MOBI

Seitenzahl:661


Titus Müller

Das Mysterium

Roman

Impressum

ISBN E-Pub 978-3-8412-0119-5

ISBN PDF 978-3-8412-2119-9

ISBN Printausgabe 978-3-7466-2526-3

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2010

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Erstausgabe erschien 2007 bei Rütten & Loening, einer Marke der

Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Inhaltsübersicht

Sommer 1356

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Winter 1336

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Sommer 1356

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Winter 1336

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Sommer 1356

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Winter 1336

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Sommer 1356

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Sommer 1356

Der wahre Kern der Geschichte

Claudius und Julian gewidmet.

Ihr seid unersetzlich, Brüder!

Sommer 1356

Das Wasser in der Regentonne schimmerte schwarz. Es roch nach Blättern und Schmutz und zugleich wie ein frischer Trunk. Mathilde beugte sich über den Wasserspiegel. Wer war schon wirklich mit sich zufrieden? Sie zog eine Haarsträhne durch die Finger. Natürlich hätte sie die Locken vom Vater geerbt haben können. Statt dessen hatte sie seine schmalen Lippen bekommen und von der Mutter die breiten Wangenknochen.

Sie tauchte die Hände ins Wasser, schöpfte und wusch sich das Gesicht. Die herabstürzenden Tropfen brachen die Oberfläche auf. Krause Wellen zerstörten ihr Abbild und setzten es wieder zusammen. Indem sie mit den Fingern durch das Haar fuhr, trocknete sie die Hände ab. Nächsten Sommer würde sie schwimmen lernen. Sie konnte ja im Mühlteich beginnen, im flachen Wasser.

Sie kehrte sich zum Eingang des Warenhauses und öffnete das Schloß. Der Riegel war gefettet, er rutschte leicht beiseite. Im Warenhaus atmete man wie durch einen staubigen Pelz, die Luft war dick, der Husten sammelte sich in der Kehle. Spärliches Licht fiel durch die Dachluken.

Mathilde holte den Reisigbesen hinter der alten Kirchenglocke hervor, die auf einem Podest einen tausendjährigen Schlaf schlief, und wischte, den Besen hoch aufgereckt, in den Winkeln der Regale die Spinnweben fort. Als sie mit dem Stiel gegen die Weinfässer stieß, dröhnten sie dumpf und voll.

Kaufmann war der beste Stand. Wer als Kaufmann ein wenig nachdachte, verdiente mit seinen Einfällen Geld. Da standen die Honigeimer, die Vater zu Dutzenden von einem böhmischen Händler erworben hatte. Fehpelze lagerten daneben, fünfzig geschlagene Scheiben Kupfer, Überzüge aus Erfurt, Eisenketten. Mit all diesen Waren würden sie Geld verdienen. Das Saumzeug und die Pelze gingen nächste Woche nach Südtirol. Das lange Tuch aus Löwen würden sie auf der Frühjahrsmesse in Frankfurt verkaufen, den ungarischen Wein hier in München. Besonders gut gingen die kleinen Reisefäßchen, Adlige nahmen sie gern auf Jagdausflüge mit. Weil der Vater das wußte, hatte er die anderen Kaufleute überboten, um großzügige Mengen einkaufen zu können.

Mathilde wischte ein weiteres Netz fort. Sie stampfte den Besen auf den Boden. Spinnen fielen heraus und flohen unter das Regal. Der Vater verlud Pech und Pottasche an der Lände. Er hatte Mathilde gebeten, den Eichmeister zu empfangen. Die Zwillinge waren in der Schule bei der Peterskirche, und Vater verließ sich auf seine Tochter. Es gefiel ihr. Sie hatte Überblick. Sie wußte, Vater würde die Flößer beauftragen, nächste Woche die Pelze und das Saumzeug fortzuschaffen. Von Südtirol würden sie Kupfer und Eisenerz mitbringen, das Vater dann in Nürnberg teuer verkaufen würde, weil es dort viele Schmieden gab.

Ein Geräusch ließ sie herumfahren. Die Tür im Warenhaustor öffnete sich, und helles Licht fiel hindurch. Ein Greis trat ein. Das weiße Haar fiel ihm lang über die Schultern. Er stand aufrecht, trotz seines hohen Alters, und sah sie wortlos an.

»Kann ich Euch helfen?« fragte sie.

Er schwieg.

»Vertretet Ihr den Eichmeister? Aber wo habt Ihr das Frongelöt, um die Gewichte nachzuprüfen?«

Seine grünen Augen blickten sie unnachgiebig an. Als suchten sie eine Krankheit.

»Dies ist das Warenhaus von Kaufmann Neuhauser«, sagte sie. »Vielleicht habt Ihr Euch im Haus geirrt.«

Er sagte: »Ich suche Nemo.«

Niemand nannte ihren Vater so. Selbst Mutter sagte »Kaufmann Neuhauser« zu ihm, »mein lieber Kaufmann Neuhauser«, sagte sie, nur einmal hatte Mathilde gehört, wie sie ihn »Nemo« nannte, und das war gewesen, als die Zwillinge mit Röteln im Bett lagen und Vater auf eine Handelsreise gehen wollte. Da hatte die Mutter gesagt: »Nemo, laß mich jetzt nicht allein.« Sonst sagte sie ohne Ausnahme »Kaufmann Neuhauser«. Woher wußte der Greis Vaters geheimen Namen? »Mein Vater ist bei der Lände. Ich kann ihn holen, wenn Ihr wünscht.«

»Dein Vater.« Er sagte es und nickte langsam. »Und wo ist deine Mutter?«

»Mutter beaufsichtigt die Mägde und die Köchin, zu Hause. Wer seid Ihr? Was wünscht Ihr von ihnen?«

»Ich bin ein alter Freund.« Er drehte sich zur Tür um. »Ein alter Freund.« Damit trat er nach draußen und schloß die Tür hinter sich.

»Wartet!« Sie lehnte den Besen an das Regal und eilte hinaus. Der Greis war fort. Ein Eselkarren fuhr vorüber, ein Junge trieb drei Ziegen vorbei. Von dem Mann keine Spur. Mathilde bekam es mit der Angst zu tun. Es war ihr Instinkt. Ihr Instinkt trog sie nie. Sie spürte es, wenn jemand log, sie ahnte Dinge, die im verborgenen geschahen, sie wußte zielsicher das Böse in den Augen eines Menschen auszumachen. Vater sagte, Aristoteles habe fünf Sinne gefunden, die den Menschen zu eigen seien, sie allerdings, Mathilde, besäße einen sechsten Sinn. Wenn sie einen sechsten Sinn besaß, dann warnte er sie gerade in einer Weise, wie er es noch nie getan hatte.

München war eine alternde ehemalige Kaiserstadt. Sie waren noch da, die prunkvollen Steinhäuser mit Ritterwappen über der Tür, auch der Kaiserhof stand noch, und hundert Türme bewachten die Stadtmauer wie ehedem. Aber auf dem Platz im Kern der Stadt, den Kaiser Ludwig damals durch Abriß vieler Häuser freigeräumt hatte, sproß Unkraut, der Marktbrunnen war bemoost, und von den prächtigen Gebäuden, die den Platz säumten, blätterte die Farbe ab. Selbst vom Rathausturm rieselte der Putz.

Es war, als sei der aufstrebende Geist der Stadt mit dem Kaiser gestorben. Gevatter Tod führte die Pest im Gefolge, die große Seuche raffte Hunderte Männer und Frauen hinweg, und seitdem ragten mahnend die unfertigen Türme der Peterskirche in den Himmel. Unwillig mauerten wenige Handwerker daran weiter. Während die steinernen Stümpfe wie durch einen Fluch nicht wuchsen, wuschen Regen und Wind die Reichsfarben von den Stadttoren ab. Nur noch bei bestem Sonnenlicht konnte man das Schwarz und das Gelb an den breiten Flankentürmen sehen. München war nicht mehr Kaiserstadt. Ein anderer regierte an einem anderen Ort.

Es gab die Brauer. Zwanzig Brauereien verarbeiteten Gerste aus dem Umland zu Bier. Sie bewahrten Stolz und Würde der Stadt wie die Goldschmiedemeister am Marktplatz, in der Weinstraße und in der Burgstraße. München besaß mehr Goldschmiedemeister als jeder andere Ort in Bayern. Sie prägten ihren Arbeiten einen Mönchskopf ein als Beschauzeichen, ganz so, als wollten sie im Gold den alten Geist der Kaiserstadt hüten.

Wie sich im Fell eines alternden Bocks das Ungeziefer einnistet, so zog auch die vormals prächtige Stadt lichtscheues Gesindel an. Nie wurde das deutlicher als in diesen Tagen im Juli. Auf dem Anger feierten und tanzten sie, die Gaukler, die wandernden Schausteller, die Streuner und Betrüger. Jacobidult hieß ihr Fest. Es gab sich den Anschein gedankenloser Fröhlichkeit. Auch das Pferderennen, das auf den Wiesen vor dem Neuhauser Tor veranstaltet wurde, trübte die Wachsamkeit der Münchner. Der Besitzer des schnellsten Pferdes erhielt ein Scharlachtuch, der Zweitplazierte einen Sperber mit Jagdausrüstung, der dritte eine Armbrust. Dem letzten, dem also, der das langsamste Pferd sein eigen nannte, übergab man unter dem Gejohle der Menge ein Schwein, die Rennsau.

In Wahrheit sollten die Einwohner der Stadt eingelullt werden, während die Späher der Schurken an den Ziehbrunnen lauerten, sich hinter die Trödler am Straßenrand duckten und heimlich die Klingen wetzten. Des Nachts rotteten sie sich in den Spelunken zusammen, die es in großer Zahl in jeder Straße gab.

Mathilde wußte davon. Sie war nicht leichtsinnig wie viele der Kaufleute, die den bunten Trubel begrüßten, in der Hoffnung, daß er Leben in die Stadt brachte. Nein, sie wußte: Wer wohlhabend war wie Vater, wurde leicht zum Opfer. Der Alte war ein Köder, man stellte Vater eine Falle.

Sie eilte durch die Stadt. Es war warm. Auf einer Fensterbank im ersten Stock lag eine Katze und schlief. Ihr Ohr zuckte, als wollte es Fliegen verscheuchen. Oder störte sie der Krach? Die Stadt keuchte laut in diesen Sommertagen. Hammerschläge hallten scharf durch die Gassen, Sägen und Schleifsteine fauchten, Kinderkreischen mischte sich mit dem Geschnatter von Gänsen.

Mathilde pochte das Herz bis in den Hals. Sie mußte Vater sprechen, sofort. Und wenn es bedeutete, daß der Eichmeister vor dem verschlossenen Lagerhaus stand. Oder täuschte sie sich, und der Greis war harmlos? Jemand aus der Anfangszeit, aus den Tagen, als der Vater reisender Krämer war und Kämme verkaufte in Andechs, Augsburg, Holzkirchen, Moosburg? Er hatte einmal erzählt, daß er den englischen Gelehrten William Ockham kannte. Aber der war seit acht Jahren tot. Nein, etwas stimmte nicht mit diesem Mann.

Sie passierte das Talburgtor und ging über die Brücke, die den Pfisterbach überspannte. Dumpf gaben die Bohlen ihre Schritte wieder, wie Trommelschläge auf einer Pauke. Es roch nach frischem Brot. Im Erdgeschoß des Rechthauses befand sich die Verkaufshalle der Bäcker. Über der Flügeltür stand in grünspanigen Kupferlettern geschrieben: domus praetorialis.

Die Wiese am Kaltenbach war von gelben Blüten übersät. Hahnenfuß streckte sich überall aus dem Gras in die Höhe, hin zur Sonne. Am Ufer standen Hütejungen und tränkten ihre Tiere. Breithüftige Frauen wuschen daneben Wäsche. Am Ende der Wiese drehte sich ein Mühlrad knarrend im Strom.

Mathilde trat auf die äußere Stadtmauer und das Isartor zu. Wall und Tor waren so hoch, als seien sie für Riesen gebaut. Sie verlangsamte ihre Schritte. Weshalb kamen Wachen die Treppen von der Mauer hinuntergestiegen, acht Männer, dann zehn, dann zwölf? Der Hauptmann befahl etwas, und die Männer zogen prüfend die Schwerter einen Fingerbreit aus den Scheiden. Ein Bauer redete auf den Hauptmann ein. Sie kniff die Augen zusammen. Das war kein Bauer. Der Mann trug einen staubigen Kittel, weil er wollte, daß man ihn für einen Bauern hielt, aber an seinem Finger blinkte ein silberner Ring, und er gestikulierte auf eine Weise, wie es nur ein Mann tat, der zu reden gewohnt war. Ein Spitzel? Der Hauptmann hörte ihm zu und nickte finster. Dann rief er: »Zu den Pferden!«

Sie verstand nicht, was da geschah. Es verstärkte ihre Unruhe. Der Hauptmann drehte sich um und sah sie an. Hatte er bemerkt, daß sie ihn beobachtete? Sie ging rasch unter dem Steinbogen des Isartors hindurch. Auf der anderen Seite, vor der Stadtmauer, brachten Zöllner gerade das Zollzeichen an einem Wagen an. Die Pferde schnaubten ungeduldig und ruckten nach vorn. Die Schließen und Ketten am Gestänge klirrten, aber die Wagenbremse hielt. Sie sah sich um. Folgte ihr der Hauptmann? Nein. Sie trat aus dem Schatten des Tors in das Sonnenlicht, beschirmte die Augen.

Weit öffnete sich vor ihr die Isarniederung. Sie lag wie ein grünes Bett unter dem wolkenlosen blauen Himmel. An das Flußufer duckten sich Lagerhäuser. Dazwischen warteten Holzstapel, Fässer und Kisten auf ihre neuen Besitzer. Weiße Funken glitzerten auf den Wellen der Flußarme. Über die Isarbrücke wanderten Menschen herbei, mit bunten Bändern, sie wollten zur Jacobidult. Inmitten der Menschen Ochsen und Fuhrwerke.

An der Lände hatten zwei Flöße angelegt, Vierundzwanzigstämmer, mit einem Seil aneinandergebunden. Die Flößer luden Pechfässer auf. Vater stand dabei in seinem strahlend weiß gebleichten Hemd und redete mit zweien. Einer davon war dick und kurzhaarig, Trumm hieß er, sie kannte ihn. Kein Kaufmann verstand sich so gut mit den Flößern wie Vater. Er hatte Trumm sogar schon zu ihnen nach Hause eingeladen.

»Vater«, rief sie.

Er drehte sich zu ihr um. Ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Komm her, Töchterchen, du störst nicht.« Er winkte ihr. »Komm her zu uns! Hat der Eichmeister uns schon wieder Strafgeld aufgebrummt?«

Sie lief den Hang hinunter. »Es war jemand im Warenhaus«, stieß sie hervor, außer Atem, als sie bei ihm anlangte.

Vater legte ihr den Arm um die Schulter. »Sollen dir die Flößer etwas mitbringen? Aus Südtirol? Wünsch dir etwas.«

»Hörst du nicht? Jemand war im Warenhaus und hat nach dir gefragt!«

»So? Wer war es?« Er ließ sie los und bückte sich nach einem Kieselstein. Geschickt ließ er ihn über das Wasser springen. »Komm, versuche mich zu schlagen! Fünfmal ist meiner gesprungen.«

»Ein Greis. Er sagte, er sei ein Freund. Er hat nach dir gefragt, und nach Mutter.«

»Ein Greis?« Vater blinzelte in die Sonne. »Hast du ihn nach seinem Namen gefragt?«

»Nein. Aber er hat dich Nemo genannt. Er sucht Nemo. Das hat er gesagt.«

Das Lächeln in Vaters Gesicht erstarb.

»Mein Gefühl sagt mir, daß da etwas nicht stimmt. Daß er gefährlich ist.«

Vater sah ihr in die Augen. »Mathilde, hör mir zu. Du läufst nach Hause zu deiner Mutter und verriegelst alle Türen. Laßt niemanden ein. Niemanden! Und ich möchte nicht, daß du zum Fenster gehst, oder deine Mutter, ihr schaut nicht hinaus, hörst du? In den nächsten Tagen geschehen Dinge, die du nicht verstehen wirst.« Er blickte zum Tor hinüber. »Verflucht. Du darfst nie daran zweifeln, daß ich dich liebe. Hast du mich verstanden? Jetzt lauf.« Er drehte sie mit seinen Händen um und gab ihr einen Stoß.

Sie lief los. Nach wenigen Schritten blieb sie stehen. Berittene! Sie kamen aus dem Isartor herausgeprescht.

»Lauf!« rief Vater hinter ihr.

Sie gehorchte. Sie rannte auf das Tor zu. Die Reiter passierten sie und ließen sie unbehelligt. Im Laufen drehte sie sich um. Der Vater überquerte die Brücke, rannte anschließend über die Kiesbänke an der Isar. Ungläubig sahen ihm die Flößer nach. Er floh wie ein weidwundes Tier, versuchte, das Steilufer zu erreichen, dort, wo der Wald fast an den Fluß heranreichte. Die Reiter verließen ebenfalls die Brücke und galoppierten am Fluß entlang. Hufe peitschten das Wasser auf. Ein Bewaffneter sprang vom Pferd und verfolgte Vater. Zwei Reiter lösten sich aus der Gruppe, preschten zurück zum Brückenkopf und erklommen das Steilufer. Vater kletterte, zog sich an der Uferböschung hoch. Er rannte auf den Wald zu. Die beiden Reiter schnitten ihm den Weg ab. Sie ritten neben ihm, einer von ihnen warf sich vom Pferd und riß Vater zu Boden.

Schwindel erfaßte sie. »Lauf!« hallte es durch ihren Kopf. Sie taumelte, wankte nach Hause. Sie sah nichts. Vor ihren Augen riß der Bewaffnete Vater zu Boden, immer wieder.

Als Mathilde nach Hause kam, standen die zwei Hausknechte vor dem Tor, bewaffnet mit Knüppeln, und die Fensterläden waren geschlossen. Woher wußte Mutter, was geschehen war? Die Knechte öffneten das Tor um einen Spalt und ließen Mathilde eintreten. Im Torgewölbe war es kühl. Vom Hof her fiel Licht in den dunklen Bogengang. Der Wagen stand hier. Ein Huhn pickte bei den Rädern nach Ungeziefer. Die Mägde hievten Mutters Kleidertruhe auf die Ladefläche. »Was tut ihr da?« fragte Mathilde.

»Die Herrin wünscht zu verreisen«, antwortete das jüngste Mädchen.

Mutter wollte fort? Mathilde zwängte sich am Wagen vorbei in den Hof und betrat durch die Hintertür die Küche. Dort packte die Köchin unter dem großen Rauchfang Brote in eine Tasche. Mathilde fragte: »Wo ist die Mutter?«

»Sie hat sich zum Gebet in die Hauskapelle zurückgezogen.«

Mathilde eilte durch den Korridor und die Treppe hinauf. Vor der Tür zur Hauskapelle verlangsamte sie ihre Schritte und rang sich dazu durch, kurz anzuklopfen. Dann trat sie ein. Wachsduft stand in dem kleinen Kapellenraum. Mutter saß auf der steinernen Bank am Fenster. Ihr Gesicht glänzte von Schweiß, die Haut war wie Pergament. Eine Haarsträhne hing ihr in die Stirn.

»Mutter, du kannst nicht verreisen! Sie haben Vater gefangengesetzt.«

»Das habe ich erwartet.«

»Wir müssen etwas unternehmen!«

»Nein, Mathilde.«

»Ich habe einen Spitzel gesehen, er hat ihn beim Hauptmann verleumdet. Weißt du einen Advocatus? Wir müssen uns Hilfe holen.«

»Er kennt einen Advocatus. Soll der ihm helfen.« Bitterkeit sprach aus Mutters Stimme.

»Wer könnte dahinterstecken? Eine Handelsgesellschaft, der Vater das Privileg auf ein Hämmerwerk abgejagt hat? Die Handelsgesellschaft Drächsel, vielleicht die Handelsgesellschaft Wadler?«

Die Mutter stand auf. Mit langsamen Schritten kam sie auf Mathilde zu. Aber sie sah sie nicht an, sie blickte erst zu Boden und dann zur Tür hinter Mathilde. »Es ist die Inquisition.«

Mathilde faßte sich an die Stirn. »Die Inquisition? Was hat Vater denn getan? Er ist ein guter Christ. Hat er nicht erst vor kurzem den Seelfrauen drei Lämmer gespendet? Für das Leprosenhaus hat er auch gegeben. Und wir gehen regelmäßig in die Kirche. Sie haben den Falschen gefangengesetzt!«

Jetzt blickte die Mutter sie an. »Ich verlasse die Stadt. Du bist eine kluge junge Frau, Mathilde. Rette etwas vom Vermögen! Überschreibe es Leuten, denen du vertraust. Verschenke es – und merke dir, wem du Geschenke gemacht hast. Bald brauchen wir Vertraute, von denen wir Gefallen einfordern können. In ein paar Tagen sind wir banca rotta. Die Inquisition wird allen Besitz einziehen.«

»Aber sie kann den Besitz nicht einziehen. Vater ist unschuldig!«

Die Mutter schob sich an ihr vorbei. »Ich muß fort.«

Mathilde packte ihren Arm und stieß zwischen den Zähnen hervor: »Du gehst nirgendwohin, Mutter. Es ist dein Mann! Wie kannst du weglaufen, wenn er dich am meisten braucht? Ich finde das abscheulich von dir!«

»Dies sind Dinge, die du nicht verstehen kannst.«

»Vater wird womöglich gerade gefoltert! Und du bringst dich in Sicherheit.«

»Ich verhindere, daß mich die Inquisition als Zeugin vorlädt.« Die Mutter wand sich los. »Weil ich nicht weiß, was ich dann preisgeben würde.«

Alles, was Mathilde über die Handelsgeschäfte wußte, hatte sie von ihrem Vater gelernt. Nie war ihr Wissen so nötig gewesen wie jetzt. Nacht für Nacht saß sie in der steinernen Schatzkammer, rechnete, schrieb in die Bücher, plante. Sie wußte, wer in der Stadt Geld benötigte, weil eine Lieferung orientalischer Gewürze aus Venedig anstand. Safran, Pfeffer, Ingwer, Zimt und Muskatnuß waren teuer, das Kaufmannsgeschlecht der Ligsalz war dankbar, daß sie ihnen einen Teil des Neuhauser Vermögens überschrieb. Sie mußte nicht viel erklären. Binnen Stunden wußte jeder in der Stadt, daß ihr Vater von der Inquisition festgesetzt worden war. Mathilde bedachte die großen Handelsgesellschaften, sie verschenkte schweres Tuch und Fardelbarchent an die Ratsmitglieder Münchens, sie sandte eine Wagenladung Kupferscheiben an die Nürnberger Kaufmannsfamilie Groß, von der Vater viel hielt, weil sie zu Zeiten Kaiser Ludwigs die immense Summe von zehntausend Pfund Heller aufgetrieben hatte, als die englischen Subsidien ausblieben. Fehpelze und gegerbtes Korduanleder gab sie Magister Sighart Tückel, dem Stadtschreiber Münchens, der zugleich Rechnungsführer der Stadtkammer war. Dem Augustinerkloster schenkte sie Honig.

Im Juli hatten sie sich noch geärgert, zehn Schilling Strafe an Richter und Stadtkammer zahlen zu müssen wegen eines ungenauen Gewichts bei der Waage im Warenhaus. Vor zwei Wochen hatten sie über das erhöhte Schuldgeld geklagt, sechzehn Pfennige im Vierteljahr, für die Zwillinge zusammen zweiunddreißig. Nun verschenkte sie binnen Tagen Vaters gesamten Besitz.

Die Zwillinge ahnten nicht, wie schlimm es stand. Mathilde sagte ihnen, daß die Mutter verreist sei und der Vater sicher bald freikommen würde. Sie half ihnen bei den Schulaufgaben, brachte sie am Abend ins Bett. Natürlich gab es Gerede in der Schule. Aber die Zwillinge waren kräftig gebaut; wer es zu arg trieb, den brachten sie mit den Fäusten zum Schweigen.

Die Zwillinge würden durchkommen. Was war mit ihr, Mathilde? Sie arbeitete hart, um den Fragen zu entgehen, die alles vernichten wollten, was ihr wichtig war. In ihrem Bauch aber brannte es. Sie fühlte Zorn und Ohnmacht und große Angst. Sie ahnte, daß sie dabei war, Vater und Mutter zu verlieren.

Wieso war die Mutter davon überzeugt, daß Vater von der Inquisition verurteilt werden würde? Und warum hatte sie mit solcher Bitterkeit abgelehnt, einen Advocatus heranzuholen? Kaum daß sie aus der Stadt gewesen war, hatte sie, Mathilde, sich auf die Suche nach einem Rechtsgelehrten gemacht. Drei hatte sie gefunden. Den, der den höchsten Preis verlangte, wählte sie aus. Verloren sie den Prozeß, dann war sowieso alles Geld fort. Gewann der Advocatus aber Vaters Freiheit zurück, war jeder Preis dafür recht.

Nur was war mit Mutter geschehen? War sie nicht noch vor Tagen voller Freude Vaters Ehefrau gewesen? Sie hatte ihm sein Kissen frisch mit Federn gestopft. Sie hatte ihn bewundert für die neu eingerichtete Handelsroute für Kupfer von Schwaz und Kundl im Inntal über München nach Nürnberg. Sie hatte ihn geküßt, als er ihr überraschend ein grünes Seidenband mitbrachte, und lachend gesagt, Grün sei die Farbe der Jugend.

Es mußte am Tag passiert sein, als der Alte auftauchte. An diesem einen Tag.

Der Saal des Bischofspalasts erinnerte an das rußgeschwärzte Innere eines Ofens. Decke und Wände waren von braunen Eichentafeln bedeckt. Säulen von dunklem Holz stützten den Saal. Selbst die weißgetünchten Steine rings um die Spitzbogenfenster waren grau geworden von Jahrzehnten angesammelten Staubs.

Die Bänke, auf denen Mönche, Kaufleute und Ritter saßen, knarrten, wann immer sich jemand bewegte. Mathilde hockte eingeklemmt zwischen einem knochigen Edelmann und einem fettleibigen Händler. Der Schenkel des Händlers quetschte ihr Bein, seit Beginn des Prozesses preßte er sich gegen sie und benetzte ihr Kleid mit seinem Schweiß. Der Händler schien es nicht zu merken.

Sie war gefangen in diesem dunklen Saal. Niemand stand ihr und Vater bei. Der Advocatus hatte ihr vor zwei Tagen das Geld zurückgegeben und gesagt, daß er nichts tun konnte. Er wollte nicht einmal mehr als Beobachter am Prozeß teilnehmen und überwachen, ob alles mit rechten Dingen zuging. Sie sah es ihm an: Er fürchtete sich vor etwas. Hier, in der pferdestallgroßen Ofenhöhle, begriff sie, was ihm angst machte. Es war der Inquisitor.

Der Inquisitor schwieg. Die Kiele der Notare kratzten über das Pergament. Mathilde haßte die beflissenen Notare, die jedes Wort festhielten. Als das Kratzen verebbte und die Federn über den Tintenfäßchen schwebten, die Hände bereit, weiterzuschreiben, da richtete der Inquisitor seinen Blick auf den Angeklagten und fragte: »Habe ich Euch richtig verstanden, Ihr widerruft Euer Geständnis?« Der Inquisitor war ein häßlicher Mann. Die Hälfte seines Gesichts war von rotem Narbenfleisch verformt. Er stand da in seinem weißen Dominikanerhabit, über den Schultern der schwarze Mantel, als wäre er von Gott persönlich als Racheengel zur Erde geschickt worden. Sie hatten einen Inquisitor für München. Warum war dieser Fremde gerufen worden? Der Münchner Inquisitor war nicht einmal zur Verhandlung gekommen, ganz so, als hätte man ihm befohlen, sich aus der Sache herauszuhalten.

»Mit den Morden hatte ich nichts zu tun.«

»Kaufmann Neuhauser, ich habe Zeugen, die Euer Schuldgeständnis unter Eid bestätigen. Ihr habt es förmlich herausgeschrien. Es war doch eine Befreiung für Euch, die Wahrheit zu sagen.«

»Ich konnte die Qualen nicht mehr ertragen«, sagte der Vater. Seine Stimme zitterte. Er senkte den Kopf, als schämte er sich. »Das Brenneisen.«

»Oder war es nicht vielmehr die Last der Schuld? Das Brenneisen hat Euch nur geholfen, indem es Euren Mund öffnete. Was Ihr gestanden habt, habt Ihr gestanden. Aber Ihr seid ja geübt darin, anderen Lügen aufzutischen, nicht wahr? Da verwundert es nicht, wie Ihr Euch vor dem Inquisitionsgericht windet. Könnt Ihr mir sagen, wer die folgenden Männer sind?« Der Inquisitor hob ein Schriftstück in die Höhe und verlas: »Arnold Minnepeck. Heinrich von Niedelschütz. Hans Schwilwatz von Schwilwatzenhausen. Heinrich Pfanzelter. Kunrad Teufelhart.«

Vater antwortete etwas. Er sprach leise, Mathilde konnte es nicht verstehen. Er stand gebeugt, gedemütigt. Wofür schämte er sich?

»Laßt es auch den Saal hören, Kaufmann Neuhauser! Eure Stimme trägt doch sonst recht gut.«

»Diese Männer bin ich.«

Ein Raunen ging durch die Menge der Zuschauer. Ritter, Kaufleute, Mönche beugten sich zueinander und sprachen. Ihre Augen waren weit geöffnet, niemand konnte fassen, was Vater gerade gesagt hatte. Verstanden sie nicht, daß er es nur der Folter wegen sagte? Er wurde zu diesen Aussagen gezwungen!

»Das waren nicht die einzigen eurer Täuschungen, nicht wahr? Ihr habt die halbe Stadt belogen. Habt Ihr die Büßerkreuze getragen, die Euch die Inquisition vor zwanzig Jahren auferlegt hat?«

»Nein, das habe ich nicht.«

»Seid Ihr nach Eurer Verurteilung zu den häretischen Versammlungen des sogenannten Perfectus zurückgekehrt?«

»Ja.«

»Habt Ihr ihm geholfen, seiner gerechten Strafe zu entgehen?«

»Herr Inquisitor und Eure hochwürdigste Exzellenz, verehrter Bischof, ich empfand seine Strafe nicht als gerecht.«

Der Bischof schüttelte mißbilligend den Kopf. Neben ihm bellte der Inquisitor: »Was gerecht ist, habt Ihr nicht zu bestimmen! Ihr seid hier, um Euch vor dem Inquisitionsgericht zu verantworten für Eure Missetaten. Und das Gericht erkennt Euch für schuldig.«

Vater drehte sich um. Er sah Mathilde an, Pein in seinem Gesicht. Dann kehrte er sich wieder nach vorn.

»Der Angeklagte wird der mehrfachen Beihilfe zum Mord schuldig gesprochen«, verkündete der Inquisitor. »Er wird schuldig gesprochen, einem verurteilten Häretiker zur Flucht verholfen zu haben. Der Angeklagte wird schuldig gesprochen, die von der Inquisition auferlegte Buße mißachtet zu haben. Er wird schuldig gesprochen, sich unverbesserlich auch nach der Ermahnung dem Irrglauben hingegeben zu haben. Deshalb ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte ist in strenger Haft einzuschließen, in einem sehr engen Raum, in Fesseln und Ketten, auf ewig.«

Wie eine Säule stand der Inquisitor da und ließ seine Worte wirken. Währenddessen haschte der Bischof nach einer Fliege. Er zerdrückte sie in der Hand und warf sie zu Boden. Die Notare schrieben.

Ewiger Kerker? Mathildes Rücken streckte sich. Sie preßte die Lippen aufeinander. Das Urteil paßte nicht. In ihrem Bauch summte ein Bienenschwarm, ihr Instinkt schlug so stark an, daß es sie zum Zittern brachte. Lebenslängliche Gefangenschaft. Nach allem, was man ihrem Vater vorwarf, war es das falsche Urteil. Der Inquisitor erwartete etwas von ihm, etwas, das in der Verhandlung nicht zur Sprache gekommen war. Ihr Vater hatte angeblich die Inquisition belogen, man wies ihm die Beihilfe zu mehreren Morden nach, und, was viel schlimmer wog, stellte ihn als rückfälligen Häretiker dar. Niemand, der ein zweites Mal der Ketzerei anheimfiel, entging dem Scheiterhaufen. Niemand.

Die Notare schüttelten ihre Streubüchsen, wie um das Urteil zu besiegeln. Hatten die anderen nicht zugehört? Gab es im ganzen Saal keinen, dem die Merkwürdigkeit auffiel, nicht einmal unter den Kaufleuten, den studierten Mönchen, den Kanzleibeamten? Dieser fremde Inquisitor wollte ihren Vater nicht sterben lassen. Vater sollte leben und im Kerker liegen, bis sein Wille gebrochen war und er sprach. Wovon sollte er sprechen?

Ihr brach der Schweiß aus vor Angst, ihn zu verlieren. Wie er dort vorn stand, allein dem Bischof und dem Inquisitor gegenüber, mit seinen gelockten, angegrauten Haaren, wie er die Hände hinter dem Rücken zusammenkrampfte und wieder streckte. Er war unschuldig. Er war ihr Vater!

Das Seil knarrte über ihr, die Winde knirschte. Steinstaub rieselte auf sie nieder. Mathilde blickte auf und schaute in die häßlichen Fratzen der Wachknechte, die sie hinabließen. Tiefer und tiefer sank der Korb. Bald sah sie die Wachknechte nicht mehr. Das Fackellicht beschien Mauern, die sich nach innen neigten. Sie wollten sie erdrücken in einem steinernen Grab. Schließlich setzte der Korb auf dem Boden auf. Sie stieg hinaus. Er sauste in die Höhe, die Wachknechte lachten oben, es war ein dreckiges, furchteinflößendes Lachen. Eine Klappe schlug zu.

Suchend hob sie die Fackel. Wo war er? Fliegen summten über einem Kothaufen. Es stank süßlich. »Vater?« Ketten klirrten hinter ihr. Mathilde drehte sich um. Da stand er. Seine Wangen waren eingefallen. Er hielt sich die Hand vor die Augen. Am Handgelenk, wo die Schellen es umschlossen, schimmerte Eiter. Die Finger wirkten lang wie die der Affen, die sie in ihrer Kindheit im Hof des Kaisers gesehen hatte. Damals, als Mutter noch dort arbeitete.

»Mathilde.« Seine Stimme klang heiser.

Sie trat näher. Lumpen hingen um seinen ausgehungerten, skeletthaften Leib. Die Wochen seit dem Urteil mußten für ihn hier unten die Hölle gewesen sein. »Man wollte mich nicht zu dir lassen!« sagte sie.

»Deine Fackel. Endlich Licht, endlich ein Mensch! Die Dunkelheit ist furchtbar. Manchmal höre ich eine Krähe rufen. Die muß hier irgendwo an einem Fenster hocken im oberen Stockwerk. Ich habe die Krähen immer geliebt. Sie waren meine Gefährten. Genauso vom Wind zerzaust wie ich, genauso hungrig, genauso namenlos. Wenn ich tot bin und sie mich hier heraustragen und die Krähen mir das Fleisch von den Knochen hacken, dann ist mir das recht. Sollen sie sich einmal den Bauch vollschlagen. Der Herr wird mich am Jüngsten Tag schon wieder zusammensetzen.«

»Was redest du da?« Vater hatte die Krähen nie beachtet. Er war auch nicht hungrig oder namenlos gewesen.

Er senkte die Hand. Sie sah nun seine Augen. Sie glänzten fiebrig. »Der Korb, in dem sie dich von der Decke heruntergelassen haben – im gleichen Korb werden sie mich hinaufziehen, wenn ich mein Leben ausgehaucht habe. Es dauert nicht mehr lange.«

»Vater! Warum bist du hier? Was will der Inquisitor von dir hören? Dieses Urteil ist doch ein Versuch, dich zum Reden zu bringen.«

»Schhhh. Hörst du das? Die Frau schreit schon seit Tagen. Sie will ihr Kind in Freiheit zur Welt bringen. Kannst du dir das vorstellen, ein kleiner Mensch, geboren in dieser Finsternis, in dieser feuchten, kalten Hölle? Die Frau wird nicht aufhören zu schreien, bis es zu Ende ist. Wenn ein Mensch so leidet, können sie da nicht Gnade zeigen?«

»Ich verstehe nichts mehr. Sie haben doch gelogen beim Prozeß. Oder nicht? Vater, bist du ein Häretiker?«

»Draußen hört man nichts von ihrem Heulen. Die Mauern sind dick. Zehn Schuh Steingefüge. Trotzdem, es sickert Wasser durch. Wasser von draußen. Manchmal lecke ich es von der Wand.« Er lachte heiser. »Verdursten werde ich nicht. Nein. So schnell kriegen sie mich nicht.« Plötzlich wurde er ernst. Er sah sie beschwörend an. »Wie geht es deiner Mutter?«

»Sie hat die Stadt verlassen am Tag, als man dich festgenommen hat. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Warum ist Mutter wütend auf dich? Was ist hier geschehen?« Sie ekelte sich plötzlich vor diesem Mann, vor seinem entzündeten Fleisch, vor dem Gestank, den er verströmte. Aber sie wollte ihn lieben! Sie durfte nicht vergessen, wer er für sie gewesen war. Sie griff nach seiner Hand, drückte sie. Knöchern und kalt fühlte sie sich an.

Er versuchte ein Lächeln. »Die Trauer, hier unten festzusitzen, es ist ein Gefühl wie Angst. Das gleiche Flattern im Herzen, die gleiche Unruhe. Ich muß die ganze Zeit schlucken. Ich ersticke hier. Wie eine Ratte sitze ich in der Falle und warte auf den Tod.« Er kam rasch näher und sah sie an. »Hol mich hier raus, Mathilde.«

»Wie soll ich das machen?«

»Hast du den Kerkermeister bestochen?«

»Still! Die Wachen da oben müssen das nicht hören.«

»Am Anfang bin ich wahnsinnig geworden vor Verzweiflung. Ich habe an den Ketten gerissen, habe mir mit den Schellen das Fleisch von den Fußgelenken geschabt. Jetzt ist alles wund, und Ungeziefer hängt im Fleisch. Ich lebe nicht mehr lange, Mathilde. Ein paar Tage habe ich noch, dann verrecke ich in diesem Loch.«

»Stimmt es, was sie über dich gesagt haben bei der Verhandlung?«

»Wie hübsch du bist. Halte die Fackel näher ans Gesicht! Daß ich dich noch einmal sehen darf!«

»Vater?«

»Was schaust du so kalt?«

»Der Inquisitor, die Zeugen, die Beweise. Es hat geklungen, als wärst du wirklich schuld. Sage mir die Wahrheit. Wie soll ich dich lieben, Vater, wenn ich nicht weiß, wer du bist? Habe ich all die Jahre einen anderen zum Vater gehabt, einen Mann, den es nur in meiner Vorstellung gab?«

»Töchterchen«, flüsterte er. Er wischte sich über das Auge. »Es ist anders, als du denkst. Hör mir zu. Höre wenigstens die ganze Geschichte. Wie lange brennt die Fackel? Dieses Licht, es tut so gut, Licht zu sehen. Und dich. Du hast ein Recht darauf, die Wahrheit über deinen Vater zu erfahren. Ich werde sie dir erzählen. Ja, ich habe Amiel von Ax wie einen Lehrmeister geachtet. Erschreckt dich das? Du verabscheust mich dafür. Aber bedenke: Du hast es leicht, heute, mit allem, was wir wissen. Ich dagegen mußte erst mühsam lernen.«

»Also stimmt es. Alles, was der Inquisitor gesagt hat, ist wahr.«

»Eine Geschichte ist nur dann wahr, wenn man sie vollständig erzählt.«

»Aber du hast sie mir nicht erzählt. Du hast mir nie gesagt, wer du wirklich bist.«

»Es tut mir leid.«

Sie wollte gehen. Fortgehen und sich irgendwo hinlegen und weinen.

»Man drohte, mir den Hals umzudrehen. Ich mußte damals untertauchen. Gehungert habe ich, zwei Jahre lang. Bei den Bauern, für die ich geschuftet habe, hingen Würste über dem Feuer, duftende Würste, die sie geräuchert haben – mir sind die Augen übergegangen, aber ich durfte sie nicht einmal berühren. Daneben hingen gesalzene Schinken. Die alten Vetteln, die man an die Feuerstelle gejagt hat, weil sie häßlich und geschwätzig geworden sind, diese alten Vetteln, die in der Küche mit den Katzen geredet haben und die Töpfe und Schüsseln gezählt haben, die aßen genüßlich schmale Schinkenstreifen, und ich bekam nichts ab. Ich weiß noch wie heute, wie sie ihre gestreiften Katzen aus Syrien mit Wurstzipfeln gefüttert haben, wie sie dazu sagten: ›Daß du mir schön die Ratten vertreibst, diese Mistviecher, ich habe erst gestern eine schwarze Ratte gesehen bei den Schweinen im Stall, wo warst du, warum hast du sie nicht verjagt?‹ Und die Katzen verschlangen die Wurst, und ich war hungrig.«

Eine erbärmliche Ausrede. Wenn der Inquisitor recht hatte, dann hatte Vater gemordet, gelogen, ketzerische Lehren verbreitet. So etwas tat man nicht aus Hunger. Er kam ihr plötzlich schwach vor, der Vater, den sie immer für einen starken Mann gehalten und bewundert hatte.

Er verstummte, kniff die Augen zusammen.

Las er ihre Gedanken?

»Du hältst dich für gut, Mathilde?« fragte er. »Was hast du verstanden vom Leben? Wenn du meinst, mit dem Urteilen schon fertig zu sein, dann laß mich hier in Frieden sterben. Ich weiß, was ich getan habe und warum. Und Gott weiß es auch.« Er rührte seinen Fuß, wankte kurz, als fiele es ihm schwer zu stehen. Die Ketten klirrten.

Für all die Jahre, die er gut zu ihr gewesen war – müßte sie ihm nicht selbst dann beistehen, wenn er ein Mörder war und ein Lügner und Ketzer? »Ich bin durcheinander. Ich will hören, wie es wirklich war. Bitte erzähle es mir.«

Er wandte das Gesicht ab und sagte in das Dunkel: »Ich habe gehungert. Ich hätte mir eine ganze Festtafel voller Speisen kaufen können, samt Dienern. Aber ich habe es nicht getan.« Er sah sie wieder an. »Die abscheulichsten Arbeiten habe ich gemacht. Ich bin mit Eimern zu den Leuten gegangen und habe sie hineinpissen lassen und habe ihnen einen Hälbling gegeben für ihren Urin. Mit den stinkenden Eimern bin ich durch die Stadt gezogen. Wo ich hinkam, haben die Leute das Gesicht verzogen. Der Gestank klebte an meinen Händen. Tag und Nacht haben sie säuerlich gerochen. Aber die Gerber haben bezahlt für die Pisse, und ich habe mit diesen Pissehänden gegessen, sobald ich meinen Lohn erhalten hatte, und habe vier oder fünf Pfennige aufgespart.«

»Du hast gehungert und hast gleichzeitig Geld gespart? Warum?«

»Wie kann ich dir das erklären? Dieses Geld war mein Weg in die Vergangenheit. Niemand wußte von dem Topf mit Münzen, den ich in einer alten morschen Mühle vor dem Neuhauser Tor versteckt hatte. Es waren harte Jahre, aber ich hätte das Geld niemals angerührt.« Er blickte in die Flamme der Fackel, als sehe er darin Bilder aus jener Zeit. »Manchmal konnte ich die Eimer stehen lassen und habe Kohlen gegraben für die Bauern rings um die Stadt. Holz zum Heizen war ihnen zu teuer, und so haben sie mich losgeschickt, daß ich in den Flözen für sie Kohle schürfe. Die meisten waren beinahe leergeschürft. Das Wasser stand darin. Bis zum Bauch habe ich im schwarzen Sud gesteckt und habe die Kohlenreste mit Hacke und Spaten herausgegraben. Dann mußte ich den triefenden Sack zum Hof schleppen, während mir das Wasser über den Rücken lief. Auch das hat mir einige Pfennige eingebracht, die ich sparen konnte.«

Wie er den rechten Mundwinkel geschlossen hielt beim Sprechen, wie er bei wichtigen Worten die Hände absacken ließ, ohne Zweifel war er es, Vater, der Mann, der sie aufgezogen und ihr beigebracht hatte, ein gutes Leben zu führen. Aber ihr Vertrauen war erschüttert. Sagte er die Wahrheit? Hielt er nun nichts mehr zurück?

»Man hat mir die unangenehmen Aufgaben gegeben«, sagte er. »Du weißt ja, der Boden ist karg rings um München, da muß man düngen, sonst wächst nichts. Sie brauchten jemanden zum Mistbreiten. Mit zwielichtigen Gestalten zusammen habe ich das gemacht. Ich war selbst so einer, ein Herumtreiber, eine hungernde Krähe. Meine Fähigkeiten habe ich verborgen.«

»Warum, Vater?«

»Du kennst den strengen Geruch von reifem Tierdung?« Er verzog spöttisch den Mund. »Selbst die Hofknechte, die auch nicht sonderlich gut riechen, haben sich vor dieser Arbeit gescheut. Schon wenn ich den großen Misthaufen vor dem Tor gesehen habe, wurde mir übel. Aber das Zeug mußte auf das Feld, und als Belohnung gab es eine zusätzliche Mahlzeit, gekochtes Fleisch mit Kohl. Niemand ahnte, wie groß meine Ersparnisse waren. Ich war ein schmutziger Herumtreiber.«

»In Wahrheit warst du das nicht.«

»Nein. Ich war untergetaucht. Nirgendwo kann man sich so gut verbergen wie im Abschaum einer Stadt. Einer allerdings hat mich ausfindig gemacht. Das war Amiel von Ax.«

1

Winter 1336

Der schwarze, glänzende Körper der Schnecke schob sich über seine Hand. Das Haus drohte seitlich abzustürzen. Ein hübsches braungestreiftes Haus. Die Schnecke richtete es auf, zog es mit. Sie begann zu fressen, aber nicht das Löwenzahnblatt, das Nemo ihr hinhielt, nein, sie nagte an seiner Hand. Feine Raspelzähnchen fuhren über die Haut. Die Schwarze streckte ihre Fühler steil in die Höhe, als würde sie voller Neugier dem fremden Geschmack nachspüren.

Was fand sie da in seinen Hautritzen? Dreck? Schweinekot? Salzigen, angetrockneten Schweiß? Es schien ihr zu schmecken. Der Raspelmund kitzelte ihn. Wie fein hatte Gott dieses Tier geschaffen! Die glänzende Haut, die kleinen Augen am Ende der Stiele – Schnecken waren ein Wunderwerk.

Und sie erinnerten ihn an etwas.

Es war nicht viel mehr als ein Gefühl, wie so viele seiner Erinnerungen. Er fühlte sich sicher mit diesem Tier auf der Hand, er fühlte sich geliebt und beschützt. Stimmen waren da, die Beine von Erwachsenen, eine Hand, die seinen Kopf streichelte. Bildete er sich das nur ein? Wünschte er es sich zu sehr? Oder war es tatsächlich ein Stück seiner verlorenen Vergangenheit?

Er hörte die Tür klappen. Der Bauer. Eilig zog er die Schnecke ab von der Hand, es ging nicht leicht, sie hielt sich fest, bis sich mit einem Schmatzen der Saugfuß löste. Er setzte sie ins Gras.

Vor dem Haus brüllte der Bauer: »Ihr dreckigen Häretiker, ihr Ketzer, raus aus meinem Garten!«

Nemo spähte um den Hauswinkel. Die Schweine waren in den Garten eingebrochen. Der Bauer trieb sie mit Fausthieben aus den Beeten. »Alles zerwühlt! Alles zerfressen!« Er trat nach ihnen. Die Tiere quiekten. Sie sprangen auf.

Nemo stürmte vor und rannte mit den Schweinen.

»Bleib stehen, Nichtsnutz! Das nennst du Schweinehüten? Sie zertrampeln den Garten, während du Löcher in die Luft starrst, ja? Den Schaden bezahlst du mir!«

Nemo rannte.

»Ich steche dich ab, Lump!«

Bis zu den Lagerhäusern am Isarufer rannte er. Dort trat er unter die Flößer und Sägewerker und sah sich um. Ein Stechen in den Seiten, der Speichel schmeckte süß. Aber der Verfolger hatte aufgegeben, er war fäusteschüttelnd stehengeblieben. Vor den Flößern hatten die Bauern Angst. Vor den Flößern hatte jeder Angst.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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